Prävention & Wissen
INTERNATIONALER HURENTAG

Weg vom Fenster

In Deutschland wie in anderen europäischen Ländern verschärft sich die Situation für Sexarbeiterinnen. Sie werden wieder vermehrt ins Abseits und in die Illegalität gedrängt – mit teilweise lebensgefährlichen Folgen. Für Hilfsangebote und HIV-Prävention sind die Frauen jenseits der etablierten Treffpunkte kaum noch erreichbar.  Ein Beitrag zum Internationalen Hurentag am 2. Juni. Von Philip Eicker

Straßenstrich

Ein etablierter Straßenstrich kann den Frauen Schutz bieten. Foto: iStockphoto

Die Idylle auf dem Hamburger Hansaplatz ist fast perfekt. Die Sonne brennt und lässt den goldenen Dreizack der Brunnenfigur aufblitzen. Die Cafés sind überfüllt, Menschen plaudern, die Gründerzeitfassaden mit ihren säulengeschmückten Backsteinwänden leuchten. Zwei Mädchen in bunten Saris jagen kichernd über den Platz. Nach einem landesweit bekannten Straßenstrich sieht es hier nicht aus.

Erst auf den zweiten Blick sieht man vier Frauen in hautengen Leggings und mit hohen Absätzen, die vor dem Universum-Hotel auf und ab schlendern. Sie halten sich im Hintergrund. Das müssen sie, denn im Januar hat der Hamburger Senat für das Bahnhofsviertel St. Georg ein „Kontaktanbahnungsverbot“ verhängt. Freier, die auf der Straße eine Prostituierte ansprechen, müssen bis zu 5.000 Euro Bußgeld zahlen. Um das Verbot durchzusetzen, wurde die Dienstgruppe des zuständigen Polizeikommissariats 11 um zehn Mann verstärkt.

Wenn Großstädte sich schick machen, verlieren die, die ohnehin wenig zu lachen haben

Sperrbezirk ist St. Georg schon seit 1980, doch das älteste Gewerbe hat sich davon wenig beeindrucken lassen. Mit dem Totalverbot reagiert die Stadt Hamburg auf Beschwerden von Anwohnern. Unter anderem wegen „lautstarker, teilweise tätlich ausgetragener Streitereien zwischen Prostituierten und Freiern“, wie die Hamburger Innenbehörde mitteilt. Auch hätten Freier unbeteiligte Frauen und Mädchen mit Prostituierten verwechselt. Innensenator Michael Neumann (SPD) versprach daraufhineine spürbare Verbesserung der Situation in St. Georg“.

Hintergrund ist eine städtebauliche Aufwertung des Kiezes: Für 2,5 Millionen Euro hat Hamburg den einst verrufenen Hansaplatz aufgemöbelt; Mieten und Immobilienpreise sind drastisch gestiegen. Und wie so oft, wenn Großstädte sich schick machen, verlieren diejenigen, die ohnehin wenig zu lachen haben.

Für die Frauen, die in St. Georg anschaffen, hat sich die Situation dramatisch verschlechtert: „Es sind kaum noch Freier da“, berichtet Sexarbeiterin Anja auf Spiegel Online. „Sie haben aufgrund des Verbots Angst uns anzusprechen.“ Und Gudrun Greb von der Beratungsstelle Ragazza erklärt: „Die Unterdrückung des Strichs lässt die Preise fallen.“

Aufgrund des Platzverweises  hat die Szene sich verlagert: von der Straße in geschlossene Räume, zum Beispiel Kneipen, von der einen Ecke des Kiezes in andere, wo die Polizei seltener kontrolliert. „Wir registrieren vermehrt Beschwerden, weil auf Kinderspielplätzen Kondome und Konsum-Utensilien für Drogen gefunden werden“, sagt Ragazza-Beraterin Gudrun Greb.

Der Verdienstausfall setzt Frauen unter Druck, auf Kondome zu verzichten

Abseits der etablierten Treffpunkte sind die Frauen erheblich höheren Risiken ausgesetzt. Im Notfall ist es schwer, Hilfe zu rufen. Der Verdienstausfall durch das Verbot setze die oft drogenabhängigen Frauen außerdem enorm unter Druck. „Wenn sich eine der wenigen Chancen bietet, lassen sie sich leichter auf ungeschützten Sex ein“, sagt Greb.

Für HIV-Prävention und Hilfsangebote sind Sexarbeiterinnen zugleich oft nicht mehr erreichbar. „Wenn die Frauen von den Straßen und Plätzen verdrängt werden, haben wir kaum noch eine Chance“, sagt Marianne Rademacher, Frauenreferentin der Deutschen AIDS-Hilfe. Der Kontakt zwischen Frauen und Freiern laufe ohnehin zunehmend online und über Handys. „Umso wichtiger sind Orte wie ein legaler Straßenstrich, um die Frauen anzusprechen, Vertrauen aufzubauen und sie zu Gesundheitsfragen zu beraten.“

Hamburg ist kein Einzelfall. Auch in anderen deutschen und europäischen Städten geht der Trend zur Repression. 2011 hat Dortmund das gesamte Stadtgebiet zum Sperrbezirk erklärt.

Dabei war die Stadt bis dahin vorbildlich im Umgang mit der Prostitution im öffentlichen Raum: Die Ravensburger Straße war als Rotlichtbezirk ausgewiesen. In „Verrichtungsboxen“ konnten sich Sexarbeiterinnen und Kunden zurückziehen, die Frauen konnten von dort einen Notruf auslösen, wenn es brenzlig wurde. In einem Beratungscontainer erhielten die Sexarbeiterinnen Informationen und kostenlose Safer-Sex-Utensilien.

Dortmund schloss seinen vorbildlichen Straßenstrich – wegen des großen Erfolges

„Die Frauen hatten ein reguliertes und sicheres Terrain für ihre Arbeit“, lobt Mechthild Eickel, Vorstandsmitglied beim Bufas, einem bundesweiten Zusammenschluss von Beratungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter.

Wie wichtig ein solches Umfeld ist, zeigte sich schon wenige Wochen, nachdem der Straßenstrich ausgelöscht worden war, durch einen Mordversuch. Ein Freier verletzte eine der Frauen in einer Privatwohnung mit zahlreichen Messerstichen und warf sie anschließend aus dem Fenster. Sie überlebte nur knapp. Es war wie ein grausames Ausrufungszeichen hinter der langjährigen Warnung von Hilfsorganisationen und Aidshilfen, dass Repression und Verdrängung ganz unmittelbar Leib und Leben der Frauen gefährden.

Warum hat die Stadt Dortmund sich aber dann von ihrem erfolgreichen Modell verabschiedet? Die Antwort: Es war zu erfolgreich. Der gut organisierte Straßenstrich ist Anwohnern und Behörden über den Kopf gewachsen. 2002 gingen etwa 25 Frauen in der Ravensburger Straße anschaffen, 2011 waren es 75, schätzt Eickel. Die meisten stammten aus Rumänien und Bulgarien, viele davon waren Sinti und Roma. Mit der EU-Osterweiterung 2007 wurden sie zu EU-Bürgerinnen. Anwohner fühlen sich oft bedroht von den ihnen fremden Sexarbeiterinnen und den Männern, die sie begleiten.

So mobilisiert das Thema Prostitution immer stärkere Ängste, Diskussion und Gegenmaßnahmen werden dementsprechend drastischer. „Deutschland wird zum größten Puff Europas“, unkte Sandra Maischberger im März dieses Jahres.

Der Straßenstrich ruft große Ängste hervor – die Reaktionen fallen dementsprechen heftig aus

In der Sendung forderte Alt-Feministin Alice Schwarzer ein Komplettverbot der Prostitution. „Ich bin für maximalen Schutz und Bürgerrechte für die Frauen in der Prostitution – aber gleichzeitig für die gesellschaftliche Ächtung der Tatsache, dass Männer denken, sie könnten Frauen benutzen.“ Auch in Frankreich wurde ein Verbot der Prostitution im Präsidentschaftswahlkampf diskutiert.

Die European Women’s Lobby kämpft ebenfalls für ein „prostitutionsfreies Europa“, um Ausbeutung und Menschenhandel zu bekämpfen und möchte das erreichen, indem sie Freier bestraft, nicht die Frauen.

In London haben derweil im Vorfeld der Olympischen Spiele bereits „Säuberungen“ begonnen. Prostituierte werden verhaftet und beiseite geschafft, ebenfalls mit Bezug auf den Kampf gegen Ausbeutung und Menschenhandel, die bei sportlichen Großereignissen angeblich aufblühen. Mehrere große Studien widerlegen diesen Zusammenhang, aber das ficht die Londoner nicht an.

Prostitution gleich Menschenhandel? Die Rechnung geht nicht auf

Mechthild Eickel vom Bufas kennt diese Argumentation: „Prostitution wird oft mit Menschenhandel gleichgesetzt.“ Seit der Fußball-WM 2006 gelte der Glaubenssatz: Niemand arbeitet freiwillig in der Prostitution. „Diese rigorose Haltung macht es schwer, die vorhandenen Probleme sachlich zu diskutieren und Lösungen zu finden“, so Eickel.

Dass Lösungen möglich sind, die sowohl Anwohnern als auch Sexarbeiterinnen nützen, zeigt das Beispiel der Berliner Kurfürstenstraße. Dort sprechen Streetworkerinnen die Sexarbeiterinnen in deren Muttersprache an und weisen auf Probleme hin. So zum Beispiel geschehen, als diese bei der Kundenakquise allzu viel nackte Haut zeigten. „Ein Teil der Beratung war dort, mit den Frauen auszuhandeln, dass sie sich zumindest tagsüber unauffälliger anziehen“, berichtet DAH-Referentin Marianne Rademacher.

„Die Frauen sind zugänglich für Argumente, man kann sie zum Beispiel darum bitten, weniger freizügig in der Öffentlichkeit aufzutreten“, bestätigt Mechthild Eickel. „Aber es müssen ihnen auch Orte angeboten werden, an denen sie geschützt arbeiten können.“

Die Soziologin Christine Howe hat im Auftrag des Bezirksbürgermeisters von Tempelhof-Schöneberg Anwohner, Gewerbetreibende und Sexarbeiterinnen interviewt und Lösungsvorschläge zusammengetragen. Eine der einfachsten Empfehlungen: mehr City-Toiletten. Zum einen, weil vor Ort schlicht öffentliche WCs fehlen – zum anderen, weil die relativ geräumigen Automatikklos auch als unauffälliger Ort für Sex genutzt werden können.

Es gibt Lösungen – aber man muss sie auch wollen

Einen ähnlich pragmatischen Weg geht Nordrhein-Westfalen. Das Land hat einen „Runden Tisch Prostitution“ eingerichtet. Beteiligt sind mehrere Landesministerien, die kommunalen Spitzenverbände, Beratungsstellen und Sexarbeiterinnen. „Der Runde Tisch hat geholfen, Misstrauen und Unverständnis zwischen den Beteiligten abzubauen“, lobt Mechthild Eickel. Sie vertritt hier die Bochumer Beratungsstelle Madonna.

Konflikte zwischen Anwohnern und Prostituierten werde es immer wieder geben, sagt Eickel. „Die Frage ist, ob diese Konflikte geschürt und auf dem Rücken einer Partei gelöst werden oder ob die Interessen beider Seiten abgewogen und vermittelt werden. Jetzt wächst die Bereitschaft, sich mit dem Thema realistisch auseinanderzusetzen.“

Ein Modell auch für Hamburg? Im Moment sieht es nicht so aus. Polizeieinsätze sind schneller und öffentlichkeitswirksamer als zum Beispiel Sprachkurse für Prostituierte, die dem Dialog dienen könnten.

„Das ist gut gemeint, aber völlig unrealistisch“, sagt Helmut Voigtland vom Bürgerverein zu St. Georg. „Für solche Sprachkurse wird kein einziger Hamburger Abgeordneter die Hand heben, solange das Geld nicht einmal für die Kitaplätze reicht.“ Der Familienvater, der seit 1978 in St. Georg lebt, findet die Politik des Senats in Ordnung. „Der Zielkonflikt zwischen Wohnen und Prostitution ist da. Den können wir nicht lösen.“

In einer schicken Wohngegend wie dem neuen Hansaplatz mag er damit Recht behalten. Dort gibt es viele Eigentumswohnungen, auch Ex-Bürgermeister Ole von Beust besitzt eine davon. Ein offener Straßenstrich verdirbt da nur die Preise. Das Problem wird also weiter hin und her geschoben. Gelöst wird es nicht.

Weitere Informationen:

Die Berliner Huren-Orgasation Hydra hat in Reaktion auf die Maischberger-Talkshow einen „Fakten-Check Prostitution“ zusammengestellt.

Die Studie „Nachbarschaft und Straßenprostitution“ von Christiane Howe bietet Lösungsansätze, um Interessen von Anwohnern und Sexarbeiterinnen zu moderieren. Sie kann bei auf der Website der TU Berlin heruntergeladen werden.

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1 Comment

  1. 2. Juni 2012 at 9:16 — Antworten

    Ich verlinke mal zu einem Text einer sehr engagierten Persönlichkeit . .

    http://nuttenrepublik.wordpress.com/2012/06/02/komm-unter-meinen-schirm/#comment-897

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