Szene & Community
EINE STARKE STIMME

ondamaris.de ist eingestellt – ein Abschiedsgruß

Am 14. November teilte Ulli Würdeman auf ondamaris.de mit, dass er nach sieben Jahren seinen Blog schließt, und sagte seinen Leserinnen und Lesern „Danke und Tschüss“. Ein Abschiedsgruß von Bernd Aretz

Portrait Ulli Würdemann

Ulli Würdemann schließt nach 7 Jahren seinen Blog ondamaris.de (Foto: U. Würdemann)

Die letzte Startseite von ondamaris.de verweist unter anderem auf Beiträge über den in Sachsen- Anhalt geplanten HIV-Zwangstest, den Washingtoner Aidskongress, die Positivenselbsthilfe in Polen, die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere, die Prävention mit Gehörlosen, über Hepatitis C bei schwulen Männern, die PräExpositionsProphylaxe (PrEP) oder die Situation von Menschen in Haft, selbstverständlich mit einem Blick über die Staatsgrenzen hinaus. Meinungen, Kommentare, Berichte – alles ist vertreten und journalistisch sauber gekennzeichnet.

Wer etwas zum Leben mit HIV, zum persönlichen, politischen oder medizinischen Umgang mit sexuell übertragbaren Infektionen, zu Selbsthilfe oder Trauer suchte oder sich an konstruktiv-kritischen Auseinandersetzungen beteiligen wollte, kam an diesem Blog nicht vorbei. Ulli Würdemann, der sich schon viele Jahre vor ondamaris.de publizistisch, in Seminaren und Tagungen mit allen Facetten von HIV beschäftigt hat, bezeichnet sich selbst gelegentlich als Therapie-Aktivist.

„ondamaris.de war das Zentrum eines Netzwerks von politisch interessierten Bloggern“

Aber er ist sehr viel mehr als das. Er hat ein zensurfreies Forum geboten, in dem Menschen Orientierung und Anregungen finden oder in Kommentaren und Beiträgen ihre Sicht der Dinge beisteuern konnten. Nur gelegentlich griff er ordnend und klarstellend in die Diskussionen ein, wenn sie sich gar zu weit vom eigentlichen Thema entfernten. Öfter war das auch nicht nötig, weil viele Kommentare ein bemerkenswertes Niveau hatten. ondamaris.de war ganz offensichtlich das Zentrum eines Netzwerks von politisch interessierten Bloggern und von kritischen, in der HIV-Selbsthilfe engagierten Menschen. Der Blog war frei von der Notwendigkeit politischer Rücksichtnahme.

Logo ondamaris.de

Eine Stimme, die fehlen wird. (Foto: ondamaris.de)

Sein kritischer Beitrag „Freispruch oder Verurteilung – und das Schweigen der Fachgesellschaften“ hatte Folgen. Es ging um die unhaltbare Situation, dass HIV-positive Angeklagte wegen versuchter vorsätzlicher gefährlicher Körperverletzung verurteilt wurden, obwohl ihre Viruslast durch die HIV-Therapie stabil unter die Nachweisgrenze lag und sie somit nicht infektiös waren. Die an den Verurteilungen beteiligten medizinischen Sachverständigen vertraten beispielsweise, dass bei Oralverkehr trotz erfolgreicher Therapie ein nennenswertes Übertragungsrisiko bestehe.

Ulli Würdemann prangerte das Schweigen der Fachgesellschaften dazu an. Die Zeitschrift HIV & more berichtete über die Reaktion der Deutschen Aids-Gesellschaft: „Auslöser für die erneute Stellungsnahme der DAIG war ein Artikel von Ulrich Würdemann auf der Webseite www.ondamaris.de. Die ersten sechs (!) Seiten des neuen DAIG-Papieres sind allein der Auseinandersetzung mit diesem Beitrag gewidmet.“

„Die Seite ist eine Fundgrube für die sozialwissenschaftliche Forschung“

In seiner Verabschiedung „ondamaris sagt Danke und Tschüss“ resümiert Ulli Würdemann: „Einige Artikel fanden besonders viele Leserinnen und Leser. An erster Stelle: das Tabuthema Feigwarzen – tabuisierte STD mit 250.000 (!) Zugriffen, gefolgt von Oralverkehr: ‚sehr geringes Risiko’ mit 80.000. Sehr viel gelesen auch der Artikel über das EKAF-Statement und die Konsequenzen keine Infektiosität bei erfolgreicher HIV-Therapie ohne andere STDs (annähernd 40.000 Leser/innen), nebst HIV-Therapie und Prävention – Positionspapier der Deutschen AIDS-Hilfe (über 18.000) und Prävention muss aufklärerisch ansetzen (über 20.000Zugriffe).“

Da bedarf es keiner großen runden Tische, Fachtagungen und Befragungen, um zu erkennen, wo in der Schwulenszene und bei Menschen im Bann von HIV der Schuh drückt. Es reicht ein Blick auf die zu jedem Beitrag angezeigten Zugriffszahlen. Es ist zu hoffen, dass ondamaris.de auf Dauer zugänglich archiviert wird. Die Seite ist eine Fundgrube für die sozialwissenschaftliche Forschung.

Zu Recht wurde Ulli Würdemann mit dem Medienpreis der Deutschen Aids-Stiftung ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „Inzwischen ist Ondamaris für viele – nicht nur für HIV-positive und schwule Nutzer – eine wichtige Informationsquelle, wenn es um aktuelle Themen rund um das Virus geht. Zu Medizin, Gesellschaft, Medien, Kultur und Selbsthilfe finden wir sehr leserfreundliche, kompetente und verständliche Informationen, Kommentare und Veröffentlichungen. “

„Der Blog sorgte dafür, am Puls der Zeit zu bleiben“

Dieser Bewertung kann ich mich nur anschließen. ondamaris.de war für mich immer die erste Adresse, wenn ich mich schnell zu irgendwelchen Fragen fachkundig machen musste. Was aber ebenso wichtig war, waren die vielen persönlichen Geschichten, die Stimmungsbilder, die sich aus den Kommentierungen ergaben, die Einblicke in unterschiedlichste Lebensweisen. Kunst kam ebenso vor wie die Kultur der Erinnerung, und das Ganze aus einer konsequent antirassistischen Grundhaltung. Der fast tägliche Besuch des Blogs sorgte dafür, am Puls der Zeit zu bleiben. Schade, dass das jetzt sehr viel mühsamer wird.

Ein Blick in die Biografie Ulli Würdemanns und in die gemeinsam mit seinem Mann betriebene Seite 2mecs.de zeigt, dass er sich für weit mehr interessiert als für Fragen des Lebens mit HIV. Auch wenn ich ondamaris.de sehr vermissen werde, gönne ich Ulli Würdemann und seinem Mann von Herzen, dass Energien für andere Interessen frei werden. An dieser Stelle mein herzlicher Dank für Ullis Beiträge zu einem rationaleren, weniger diskriminierenden Umgang mit HIV!

Zum Schluss ein Zitat von Ulli, dem ich mich gerne anschließe: „Ein besonderer Dank gilt dem gemeinnützigen Verein gay-web.de e.V., der all die Jahre hindurch ondamaris unentgeltlich gehostet hat, und ohne dessen technischen Support die Seite so nicht möglich gewesen wäre.“

Vorheriger Artikel

Wie privat, wie politisch ist unsere Trauer?

Nächster Artikel

Auf geht's: Neue Themen braucht das Land

Bernd Aretz

Bernd Aretz

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

49 + = 53