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Gar keine Angst mehr

Moderne HIV-Therapien wirken so gut, dass im Blut keine Viren mehr nachweisbar sind. Für Menschen mit HIV ist das eine große Erleichterung. Ein Bericht über das gute Gefühl, nicht ansteckend zu sein. Von Philip Eicker

Neue Leichtigkeit (Foto: madochab, photocase.com)

Neue Leichtigkeit (Foto: madochab, photocase.com)

Als sie die Diagnose von der Frauenärztin bekam, hat Martina* zu heulen angefangen: HIV-positiv, ein Routinetest in der Kinderwunschpraxis. „Ich kann mich nicht mehr ganz genau daran erinnern, aber ich glaube, ich war auch ein bisschen hysterisch“, erzählt die 27-jährige Berlinerin leise. „Bodenlos. Freier Fall.“ So hat sich das angefühlt, damals im Juni 2011. Dann der zweite Gedanke: „Was ist denn jetzt mit dem Kind?“ Zum Glück war Martina bei einer guten Ärztin. Die wusste, dass Übertragungen von der Mutter auf das Kind heute kaum noch vorkommen. Martinas Kinderwunsch stand nichts im Wege. Ein wichtiger Trost in einem schockierenden Moment.

Die reibungslose Schwangerschaft ist die größte Überraschung für sie

Ein Jahr später, im Sommer 2012 sitzt Martina in der Akademie Waldschlösschen bei Göttingen. Es hat geklappt: Die reibungslose Schwangerschaft ist die größte Überraschung für Martina. „Ich hätte gedacht, das würde schwieriger“, sagt sie, beide Hände ruhen auf ihrem kugelrunden Bauch. „Aber die Schwangerschaft ist ganz entspannt. In Bezug auf HIV habe ich gar keine Angst mehr.“

Martina profitiert wie viele Menschen in Deutschland von modernsten HIV-Therapien. Hochaktive Wirkstoffkombinationen unterdrücken die Virusproduktion so nachhaltig, dass eine Übertragung des Immunschwächevirus auf andere zum Ausnahmefall wird. Das gilt für ungeborene Kinder genauso wie für Lebens- und andere Sexpartner.

Eigentlich braucht Martina noch keine antiretrovirale Therapie. Ihr Immunsystem ist stabil, die Viruslast im Blut niedrig. „Aber um mein Kind zu schützen, muss ich prophylaktisch Medikamente einnehmen.“ Nicht die modernen, gut verträglichen, sondern relativ alte Präparate, die schon lange auf dem Markt sind. „Weil man mit denen die meisten Erfahrungen hat, was Schwangerschaften angeht.“ So ist garantiert, dass Martinas Kind unversehrt bleibt.

„Die wollten mich unter die Nachweisgrenze bringen. Das bin ich nun auch“

Sollten da doch noch Sorgen sein, ob alles gut geht bei der Geburt: Gerlinde* (36) kann sie entkräften. Die Pädagogin aus der Nähe von Bremen ist gerade im Erziehungsurlaub. Auch sie hat erst durch ihre Schwangerschaft erfahren, dass sie positiv ist. Im Januar 2010 kam ihre Tochter auf die Welt: HIV-negativ. „Ich musste damals auch diese altertümlichen Medikamente schlucken“, sagt Gerlinde. „Nach der Geburt habe ich zum Glück umgestellt auf neuere, die keine Nebenwirkungen mehr haben.“ Gerlindes HIV-Schwerpunktarzt hat einen gewissen Ehrgeiz entwickelt: „Die wollten mich unter die Nachweisgrenze bringen“, berichtet sie. „Das bin ich nun auch. Für mich war das aber eher eine pragmatische Entscheidung: Ich hatte wegen der Schwangerschaft mit der Therapie angefangen, jetzt nehme ich sie einfach weiter.“

Die Viruslast ist die magische Messlatte der HIV-Therapie. Der Wert beschreibt, wie viele HIV-Viruskopien im Blut nachgewiesen werden können. Auch Franz (54) aus Augsburg hat seine Werte im Kopf: unter der Nachweisgrenze. Das heißt: Auch der empfindlichste HIV-Antikörpertest schlägt nicht mehr an. In seinem Blutplasma sind weniger als 40 Viruskopien zu finden. Alle drei Monate geht Franz in seine Schwerpunktpraxis, um die Werte checken zu lassen. Solange keine Virenspuren zu finden sind, gilt er als nicht infektiös.

„Das sitzt ganz tief, das schüttelt man nicht einfach so ab“

„Für mich war das erst mal eine sehr große Umstellung“, sagt Franz. „Ich habe ja diese alte Sichtweise auf Aids und HIV noch mitbekommen. Als ich vor 25 Jahren mein positives Testergebnis erhielt, kam das fast einem Todesurteil gleich. Ich habe mein Leben nur noch für sechs, sieben Jahre geplant, länger war die Lebenserwartung damals nicht.“ Erst Mitte der 90er Jahre setzte sich allmählich die erfolgreiche Hoch Aktive AntiRetrovirale Therapie (HAART) durch. „Meine Erfahrungen haben mich sehr geprägt“, erzählt Franz ruhig. „Das sitzt ganz tief, das schüttelt man nicht einfach so ab.“

Franz ist Rollenmodell der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU

Franz ist Rollenmodell der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU

Für Franz begann mit den neuen Therapien auch ein neues Leben. Vor allem ein neues Sexleben. „Das hat den Umgang mit meinen Partnern wieder leichter und den Sex intensiver gemacht“, sagt Franz. „Vorher war da immer die Angst, dass etwas passieren könnte. Jetzt kann ich mich mehr fallen lassen.“ Lernt Franz einen Mann kennen, mit dem Sex in Frage kommt, spricht er seinen Gesundheitszustand offen an. „Ich thematisiere es, wenn mich jemand näher kennenlernen will und sich daraus vielleicht etwas entwickelt. Sicher kann das auch ein Schuss in den Ofen sein, wenn man jemandem zu sehr vertraut und der damit nicht umgehen kann. Aber so ist das dann eben.“

„Ich wusste lange nicht, ob ich je eine Beziehung führen kann“

Sandra* ist nicht einmal halb so alt wie Franz – und teilt dennoch diese besondere Erfahrung mit ihm. Die Studentin aus Baden-Württemberg kam HIV-positiv auf die Welt. Damals, in den frühen 90ern, gab es noch keine verlässlichen Therapien. Von klein auf hat Sandra gelernt, mit HIV umzugehen. Trotzdem ist es jedes Mal wieder eine Hürde, wenn sie einen Mann näher kennenlernt. „Das ist für mich noch immer der größte Knackpunkt“, sagt sie. „Ich wusste lange nicht, ob ich je eine Beziehung führen kann. Solche Gedanken sind in meinem Kopf rumgesprungen.“ Ihrem ersten Freund, damals war sie 15, hat sie sich zu schnell offenbart, gleich in den ersten Tagen des Kennenlernens. Kurze Zeit später wussten viele Mitschüler von Sandras Infektion. Dabei hatte sie ihn gebeten, es nicht weiterzuerzählen. Seit dieser Erfahrung wägt Sandra lange ab, bevor sie sich einem neuen Partner anvertraut. „Das ist immer wieder aufs Neue schwierig. Man muss den anderen erst mal kennenlernen, ob er mit dem Vertrauen umgehen kann.“ Das ist nicht bei allen Menschen der Fall. Daran können auch die besten Medikamente nichts ändern.

Franz aus Augsburg ist Rollenmodell von ICH WEISS WAS ICH TU. In einem Video erzählt er mehr über sich.

*Name geändert

Weitere Beiträge in dieser Serie:

HIV-positiv + behandelt = nicht ansteckend! Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 1
Gar keine Angst mehr – Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 2
Effektiver Schutz mit Imageproblem – Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 3
Taugt die HIV-Therapie zur HIV-Prävention? Ein Expertenstreit – Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 4
Gesundes Volksempfinden – Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 5
Es geht um Menschen, nicht nur um Laborwerte – Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 6
Ein wichtiges Signal für das Zusammenleben – Ein Tabubruch und seine Folgen – Teil 7

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Philip Eicker

Philip Eicker

3 Comments

  1. Flaneur
    1. Februar 2013 at 1:21 — Antworten

    Es heißt u.a.:

    „Die Viruslast ist die magische Messlatte der HIV-Therapie. Der Wert beschreibt, wie viele HIV-Antikörper im Blut nachgewiesen werden können. Auch Franz (54) aus Augsburg hat seine Werte im Kopf: unter der Nachweisgrenze. Das heißt: Auch der empfindlichste HIV-Antikörpertest schlägt nicht mehr an. In seinem Blutplasma sind weniger als 40 Viruskopien zu finden.“

    Dieser Absatz sollte m.E. überarbeitet werden, denn die Viruslast gibt ja nicht die Anzahl der Antikörper an, sondern vielmehr die über den sog. PCR-Test ermittelte Virusmenge. Im letzten Satz werden ja auch korrekt die Viruskopien erwähnt.

    • 1. Februar 2013 at 11:57 — Antworten

      Hallo Flaneur, vielen Dank für den wichtigen Hinweis. Wir entschuldigen uns für den Fehler. Danke für’s aufmerksame Lesen! Liebe Grüße Dirk Hetzel

  2. Tim Stemann
    31. Mai 2015 at 16:15 — Antworten

    Liebes Team! Ich heisse Tim und bin 39 Jahre alt, seid 2005 HIV-Positiv und seit 2008 unter der Nachweisgrenze, dennoch leide ich sehr unter den Vorurteilen der Gesellschaft. Mein Liebesleben als bi/hetero Mann gestaltet sich zunehmen schwer und schwerer. Bin ich wirklich dazu verpflichtet, meinem Gegenüber reinen Wein einzuschenken; gerade weil ich schon so lange unter der Nachweisgrenze bin und mich auch auf die Aussage meines behandelen Arztes stütze, ich wäre nicht mehr ansteckend!? Ne Garantie gibt es keine und somit muss ich meinem Gegenüber die Wahrheit sagen, komme was wolle …!!!

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