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VERSORGUNG

„Wir möchten unseren Patienten auch eine Heimat bieten“

Vor Kurzem wurde in Berlin endlich eine Diamorphin-Ambulanz eröffnet. Dirk Schäffer, Drogenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, sprach mit Dr. Thomas Peschel, der zuvor vier Jahre in der Heroinambulanz in Hannover gearbeitet hat

Dr. Thomas Peschel

Dr. Peschel leitet seit 1. Juli 2013 die erste Diamorphin-Ambulanz in Berlin (Foto: Dirk Schäffer)

Bei einer Substitutionstherapie erhalten Abhängige statt Heroin einen Ersatzstoff, zum Beispiel Methadon. Das ermöglicht vielen Patienten ein geregeltes Leben mit festem Wohnsitz und Arbeitsplatz. In einigen Fällen ist Diamorphin das Mittel der Wahl, pharmazeutisch erzeugtes Heroin. In Deutschland ist die Behandlung damit seit 2009 möglich. Doch die Hürden für Ärzte waren lange Zeit zu hoch, für etwa 3.000 Patienten gab es nur rund 400 Plätze. Nachdem der Gemeinsame Bundesausschuss im Januar 2013 nun seine Richtlinie geändert hat, ist endlich der Weg für neue Diamorphin-Praxen frei: Vor Kurzem hat Dr. Thomas Peschel eine Ambulanz in Berlin eröffnet, im nächsten Jahr soll eine Praxis in Stuttgart folgen.

Herr Dr. Peschel, vielen Fachleuten, aber auch Drogengebrauchern ist Ihr Name vor allem aus der Heroinambulanz in Hannover bekannt.

Ja, ich habe insgesamt über vier Jahre in der hannöverschen Heroinambulanz gearbeitet und kenne diese noch aus der Zeit des Modellprojekts. Als ich die Leitung der Heroinambulanz übernahm, war es unter anderem meine Aufgabe, den Übergang von der Studienambulanz zur kassenärztlichen Versorgung zu regeln. Ich hatte vorher auch die üblichen Vorurteile gegenüber dieser Behandlungsform und war völlig überrascht, als ich sah, wie schnell die Patienten gesunden. Die Patienten profitierten nicht nur körperlich und sozial, sondern auch bestimmte psychische Probleme verbesserten sich deutlich. Ich war auch lange Arzt in der Neurologie, aber ich habe nie eine Behandlung gesehen, die so effektiv ist wie die diamorphingestützte Behandlung.

Und was hat Sie dazu bewogen, nach Berlin zu kommen?

„Patienten gewinnen sehr schnell an Lebensqualität“

Die Motivation zum Wechsel nach Berlin war, dass ich dazu beitragen wollte, dass sich diese erfolgreiche Behandlungsform weiter ausdehnt. Ich wollte zeigen, dass sich eine neue Ambulanz auch mit den reglementierenden Politikbeschlüssen realisieren lässt. In Berlin war das Feld durch die Senatsverwaltung für Gesundheit bereitet. Dort war auch Geld zur Anschubfinanzierung in den Haushalt eingestellt, und schließlich bot sich mir die Chance, eine Behandlung so zu realisieren, wie ich sie mir vorstelle.

Theke zur Anmeldung

Der Anmeldungsbereich: auf den ersten Blick eine Arztpraxis wie jede andere (Foto: Dirk Schäffer)

Als Erstes fällt der Name der Berliner Heroinambulanz auf. Was bedeutet „PATRIDA“?

PATRIDA ist das griechische Wort für „Heimat“. Der Name soll symbolisieren, dass man sich hier geborgen und sicher fühlen kann und so etwas wie eine Heimat findet.

Und seit wann können Opiatkonsumenten in Berlin Diamorphin bekommen?

Die offizielle Erlaubnis der Landesbehörde wurde Mitte Juli erteilt. Wir haben dann Ende Juli begonnen, die ersten Patienten zu behandeln. Die Kassenzulassung erfolgte zum 1. September.

Für wie viele Patienten ist Ihre Einrichtung ausgelegt, und wie viele sind zurzeit in Behandlung?

Mittlerweile sind 35 Patienten in Behandlung, ausgelegt ist die Einrichtung auf 100 Patienten.

Sie sind unter anderem auf die Kooperation mit jenen Ärzten in Berlin angewiesen, die mit Methadon, Polamidon oder Buprenorphin behandeln und Patienten an Sie verweisen. Wie funktioniert diese Zusammenarbeit?

Viele Vorurteile gegenüber der Diamorphinbehandlung

Die Kooperation funktioniert hier in Berlin eigentlich ganz gut. Die Berliner Ärzte haben mich hier sehr gut empfangen und sehen Diamorphin als Ergänzung zur etablierten Substitutionsbehandlung. Sie weisen mir zum Beispiel Patienten zu, die psychiatrische Probleme haben. Manche Ärzte sind aber auch überrascht, wenn ich sie anrufe und sie erfahren, dass ein Patient zu mir wechseln will. Die Patienten sagen ihren Ärzten vorher oftmals nichts von ihrem Vorhaben, weil sie ja nicht wissen, ob sie in die diamorphingestützte Behandlung aufgenommen werden. Und sie haben auch Angst, ihren Arzt zu enttäuschen.

Vor mehr als vier Jahren hat der Bundestag das Gesetz zur heroingestützten Substitutionsbehandlung verabschiedet. Was, glauben Sie, sind die Gründe, dass bis auf Berlin bisher kein neuer Standort entstanden ist?

Es gibt bislang in Deutschland nur wenige Ärzte, die diese Behandlungsform wirklich kennen. Vielfach wird der Bedarf unterschätzt, da die Meinung vorherrscht, dass es nicht genügend geeignete Patienten für die Diamorphinbehandlung gibt, und dies macht dann die Finanzplanung schwer. Aber selbst unter den jetzigen Rahmenbedingungen, die nicht wirklich sehr günstig sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass der finanzielle Aspekt wirklich ausschlaggebend ist. Man muss es wirklich wollen und überzeugt sein, dass diese Behandlung wichtig und effektiv ist.

Aufenthaltsraum

Der Aufenthaltsraum: Viele Patienten nutzen PATRIDA auch als Ort zum Entspannen (Foto: Dirk Schäffer)

In Deutschland erhalten Heroinkonsumenten nur Zugang zur Diamorphinbehandlung, wenn sie das Mittel spritzen wollen und können. Warum gibt es Diamorphin nicht auch in Tablettenform oder als Trinklösung?

Diamorphintabletten sind in Deutschland, im Gegensatz zur Schweiz, wo bereits zwei Drittel der Patienten so behandelt werden, nicht zugelassen. Man müsste erst ein langwieriges Zulassungsverfahren durchlaufen. Bei aktuell etwa 420 Patienten in Deutschland lohnt es sich für die pharmazeutische Industrie aber nicht, eine solche Zulassung anzustreben. Die Trinklösung dagegen gibt es eigentlich, denn man kann die Injektionslösung im Ausnahmefall auch trinken. Man kann den Patienten auch am Anfang helfen, wenn sie es selbst nicht schaffen, intravenös zu konsumieren. Diamorphin kann man vorübergehend auch intramuskulär spritzen, aber dann wirkt es nicht so schnell. Doch wenn es mal nicht anders geht, ist dies eine Alternative.

Die Patienten müssen zwei- bis dreimal täglich in die Ambulanz kommen. Bedeutet das nicht eine Einschränkung der Freiheit und Lebensqualität?

Die Patienten kommen eigentlich mit einer zweimal täglichen Einnahme aus. Die Öffnungszeiten kann man sehr patientenfreundlich gestalten, und wenn Patienten abends kommen, reicht das Diamorphin immer bis zum anderen Morgen aus. Eine Berufstätigkeit ist also möglich. Dann besteht die Möglichkeit, bei Reisen oder wenn jemand nicht zweimal kommen kann, zum Beispiel mit Polamidon zu überbrücken. Natürlich wird die Freiheit im Tagesablauf eingeschränkt, aber die Menschen, die hierher kommen, gewinnen durch die Behandlung an Freiheit und Lebensqualität.

Mit Diamorphin erreicht man schnell eine Stabilisierung

Warum sollte man als Arzt diese Behandlung für Opiatkonsumenten unbedingt anbieten?

Ich würde die Behandlung insbesondere Psychiatern oder ärztlichen Psychotherapeuten empfehlen, da hier der größte Behandlungsbedarf besteht. Durch das Diamorphin erreicht man sehr schnell eine Stabilisierung, und man hat sehr dankbare und interessante Patienten. Was man mögen muss ist, chronisch kranke Menschen über einen sehr langen Zeitraum zu begleiten. Doch wo sonst hat man schon die Chance, als Arzt einen Patienten zweimal täglich an sieben Tage in der Woche zu sehen und mit ihm oder ihr zu arbeiten?

Werkstatt

In der Werkstatt können die PatientInnen malen, basteln und kreativ werden… (Foto: Dirk Schäffer)

Mir ist aufgefallen, dass es hier ein völlig anderes Ambiente gibt als in einer normalen Arztpraxis, mit einem offenen Bereich, einer Küche, einer Tischtennisplatte, einem Kreativraum, einer Raucherkabine und einem Klavier. Was steckt dahinter?

Das Entscheidende ist, dass sich die Patienten unter anderem wegen der gesetzlichen Auflagen 365 Tage im Jahr bis zu mehrere Stunden täglich hier aufhalten. Wir wollen ihnen deshalb eine wertschätzende und angenehme Umgebung bieten. Mit der Ausstattung der Einrichtung signalisieren wir den Patienten: „ Du bist hier willkommen.“ Die diamorphingestützte Behandlung fordert sehr viel von den Patienten, und wir wollen ihnen für diese tägliche anstrengende Behandlung einen Rahmen bieten, den sie vielleicht auch später einmal als ein Stück Heimat ansehen.

Dieser Beitrag erscheint zeitgleich im Drogenkurier, dem Magazin des JES-Bundesverbandes (Ausgabe 96/Dezember 2013). Herzlichen Dank an JES für die Erlaubnis zur Veröffentlichung im DAH-Blog!

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8 Comments

  1. tobias
    13. Dezember 2013 at 21:42 — Antworten

    warum gibt der staat nicht möglichst reine drogen mit therapie aus der legal steuer anderer drogen , an leute die ärztlich nahgewiesen schon süchtig sind..das führt dazu das sie statt 30 jahren nur 1 2 käufe auf der strase tätigen was aus dem gekauften auto durch das elend des junkies einen nutzlosen markt macht , beschaffungskriminalität , zwangsprostitution , harte drogen in sozial schwachen gegenden als ernäherer und geldmaschinew als ebenso tödliche pest für die umgebung….. ein falsch finazierte , kriminalisierte pestwolke…. fast alle heroin patieten fangen ohne umfeld nicht damit an , der staat hat durch den schwarzmarkt und die dortvorhandene gier , crack erschaffen ! er ist der täter , nicht die drogen , diese menschen brauchen hilfe , zumal heroin in reinheit da drausen nicht existiert…5% todesmüll… reines heroin war sogar mal medizin in deutschland ..20 jahrhundert ! ist ähnlich wie morphium…es ist nicht so schädlich wie alle denken…es macht aber schnell abhängig…diesem sucht kreis nachzukommen ist in der heutigen zeit nicht möglich ohne in arbeitslose , dreckige kreise bzw lebenstile abzuwandern… mit hilfe und reinen , unschädlicheren drogen und richtiger finanzierung statt schwarzmarkt…der harten drogen…cannabis ist dagegen ein witz…heroin hat südfrankreich vernichtet , ..dort hies einmal in den sozialschwachen blockgegenden , wie es sie auch hier gibt..ausgelöst durch einwanderer reinholen , nur kurze arbeit , in blockhäuser stecken dann arbeitslos keie hilef null integration nur bisschem geld aber keine fürsorge..und dann wundern was dabei rauskommt..aber kartelle,länder ich könnte seiten schreiben….ichzitiere um den armen sozialgegenden gerecht zu werden ..südfrankreich : diese kinder kennenm unsere welt nicht , ihre welt ist La Courneuve… ich empfehle jedem die doku… ghetto in südfrankreich mit allibi montana und ross kemp die gefährlichste gangs der welt…aussteigerberichte etc…informiert euch liebe eute und erkennt den wahnsinn und die erzwungene unschuld dieses gigantischen schwarzmarktes und elends…. jeden tag serben menshen..mehr als an den drogen..nur der kampf…und der unsaubere umgang…. oder das crack in amerika …die gangs wurden dadurch reich und riesig… el salvador..paco eine droge die noch dreckiger als crack ist…crack ist für die armen…paco für die noch ärmeren..gang kriege..dagegen ist der nahe osten ein witz…. aber nach sovielen jahrzehnten mörder politik sind diese fehler kaum zu beheben…im namen aller toten und inhaftierten , allen normaldenkenden…danken wir dir regierung für dies tödliche farce….. ich könnte noch mehr schreiben ..lest und denkt darüber nach

  2. tobias
    13. Dezember 2013 at 21:43 — Antworten

    ah und toller artikel..konsumräume retten leben !!! dank der cdu wird sogar das drugchecking untersagt was auch leben und krankenhausaufenthalte erspart….wann ändert sich was 🙁 es macht mich traurig all die toten 🙁

  3. tobias
    13. Dezember 2013 at 21:46 — Antworten

    …allein in nürnberg, 27 tote meist pro jahr durch drogen…. eine stadt…jedes jahr…kuken wir auf deutschland gesamt…schauen wir auf die länder die ich genannt habe…was geht hier nur ab 🙁 wie kann ein großteil der menschen und politiiker nicht erkennen was hier vorsich geht..SEIT jahrzehnten 🙁

  4. tobias
    13. Dezember 2013 at 21:49 — Antworten

    spritzräume in deutschland..wenige..mit der bedingung den stoff oder das gepunshte gift selbstmitzunehmen , um es sich legal reinzuhauen ..yeah ! wahnsinnspolitik…. joa kein drug checking..keine legalisierung ,keine REGULIERUNG…nichts null finest konservativer mörder dreck…kaum spritzenautomaten…gesellschaft schliest die leute aus.. junkie jogging durch plizei statt hilfe oder strafe….so kümmert sich der staat um unsere bürger..toll

    • DIRK
      31. Dezember 2013 at 18:45 — Antworten

      hallo tobias, du hast völlig recht. Die Situation in Bayern und einigen anderen Bundesländern ist eine Katastrophe. Wir versuchen seit vielen Jahren emeinsam mit der MUDRA oder der AIDS-HILFE in München oder CONDROBS Dinge zu verändern. Wir haben leider das Problem, dass ohne die Landesregierung nix geht …zumindest keine Drogenkonsumräume, die für München, Nürnberg, Augsburg und vielleicht für einige andere Städte dringend erforderlich wären. Die Statistiken der Drogentodesfälle gerade aus Bayern sind kaum zu ertragen und zeigen an, dass es dringend erforderlich ist, dass die moralingesteuerte und nicht wissenschaftliche basierte Drogenpolitik in Bayern entlich revidiert werden muss. Im ersten Quartal 2014 werden wir einen Fachtag in München gemeinsam mit vielen Einrichtungen veranstalte, wo es unter anderen um die Themen DROGENKONSUMRÄUME; DIAMORPHINVERGBE; HARM REDUKTION ANGEBOTE und vieles mehr gehen wird.
      Wir dürfen nicht aufgeben, auch wenn der Weg in Bayern besonders beschwerlich scheint.

      DIRK SCHÄFFER

  5. Felix
    10. April 2014 at 12:37 — Antworten

    Schade nur, dass nirgend die Adresse oder eine Kontaktmöglichkeit zu finden ist. Oder vielleicht bin ich auchnur zu doof.

    • Holger Sweers
      10. April 2014 at 13:05 — Antworten

      Hallo Felix, nein, wir haben die Adresse bewusst nicht angegeben. Hier der Hintergrund: „Am schwierigsten war es für Peschel, eine Praxis zu finden, weil die meisten Vermieter keine Junkies im Haus haben wollen. Diese Vorbehalte sind auch der Grund, warum Peschel zumindest zurzeit die Adresse seiner Praxis nicht in der Öffentlichkeit lesen möchte. Er will erst mal um Akzeptanz werben, auch bei anderen Ärzten. Denn bislang ist er der einzige Suchttherapeut in Berlin, der die diamorphingestützte Behandlung anbietet.“ Mit ein wenig Googeln findet man die Adresse aber. Beste Grüße, Holger Sweers

  6. Antje Erika Meissner Mecke
    3. Juli 2014 at 2:29 — Antworten

    Jungs, habe gerade eure sehr interessanten Gedanken. und Meinungen durch dummen Zufall entdecken dürfen ,bin eurer Meinung ,wird endlich Zeit ,das sich das Dilemma der staatlich betriebenen Kriminalisierung und Diskriminierung aus unserem Umfeld der Betroffen verdrängt. werden. könnte oder ein Traeumchen wäre. es auch,wenn’s endlich mal mehr. solch angagierter Leute ala Dr.med.Peschel geben würde verschwindet!!!…Bin verzweifelte Mutter ,kaempfe nun mehr schon seit ca.13Jahren. allein. an forderster Front. für einen meiner Soehne,hab kaum noch die erforderliche Kraft für den abschliessenden ,finalen „Kampf „…!?!?Mein Sohn braeuchte aber dringendst die Hilfe /Unterstütztzung

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