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Bericht von der CROI (2): HIV-Medikamente zur Vorbeugung 2.0

Vor Ort: Medizinreferent Armin Schafberger (Foto: DAH/J. Berger)

Vor Ort: Medizinreferent Armin Schafberger (Foto: DAH/J. Berger)

Vom 3. bis zum 6. März findet in Boston die Konferenz zu Retroviren und Opportunistischen Infektionen (CROI) statt. Armin Schafberger, Medizinreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, ist vor Ort. Heute berichtet er von Neuigkeiten zur PREP – der vorbeugenden Anwendung von HIV-Medikamenten.

Die Einnahme von HIV-Medikamenten kann vor einer HIV-Infektion schützen. Man nennt diese vorbeugende Anwendung bei HIV-Negativen Pre-Expositions-Prophylaxe (Vor-Risiko-Vorsorge), kurz PREP. Dass die PREP im Prinzip funktioniert, belegen mehrere Studien. 

Dieselben Studien haben aber auch gezeigt: In der Praxis ist die Schutzwirkung bei vielen Menschen mangelhaft, weil es Gesunden schwerfällt, die Medikamente über Monate und Jahre regelmäßig einzunehmen. Demzufolge kommt es dann trotz PREP zu HIV-Übertragungen.

Jetzt kommt die nächste Generation der PREP

Ungeachtet der schlechten Studienergebnisse, wurde vor knapp zwei Jahren in den USA das Medikament Truvada, das zwei Anti-HIV-Wirkstoffe enthält, für die präventive Anwendung bei HIV-Negativen zugelassen (aidshilfe.de berichtete). In Europa gibt es aufgrund von Sicherheitsbedenken bis heute keine Zulassung des Medikaments zu diesem Zweck. (Als therapeutisches Medikament für HIV-Infizierte ist es schon seit Jahren in Gebrauch).

Die PREP als Langzeitmedikament

Jetzt kommt die zweite Generation der PREP. Dabei handelt es sich nicht mehr um eine täglich einzunehmende Pille, sondern um ein Präparat mit Langzeitwirkung.

Einmal im Monat oder im Quartal in den Gesäßmuskel injiziert, soll es einen zuverlässigen Schutz vor einer HIV-Infektion bieten. Dafür wird ein Medikament weiterentwickelt, das in der EU seit Januar 2014 als Tablette zugelassen ist. Dolutegravir ist ein so genannter Integrasehemmer (so nennt man Medikamente, die HIV daran hindern, sein virales Erbgut in den Kern menschlicher Zellen einzubauen).

Nanotechnologie sorgt für Langzeitwirkung

Die lange Wirksamkeit wird durch die so genannte Nanosuspension entwickelt. Bei der Nanotechnologie geht es um den Einsatz allerkleinster Teilchen. Sportler kennen die Nano-Silberbeschichtung auf Bekleidung als Mittel gegen Schweißgeruch. Nun also kommt die Nanotechnologie ins Medikament.

Das abgewandelte Präparat wurde bislang in zwei Studien getestet, die nun auf der CROI vorgestellt wurden. Die Forscher spritzten den Wirkstoff Rhesusaffen und setzten sie anschließend dem Kontakt mit dem HIV-ähnlichen Virus SHIV aus – und zwar einmal über die Vagina der Tiere, einmal über den Enddarm.

Ergebnis: Die PREP-Affen waren allesamt geschützt, die Tiere einer Vergleichsgruppe ohne Injektion wurden infiziert.

Aufgrund dieses Erfolges will man nun bei der weiteren Erforschung an Tempo zulegen und auf die sonst übliche Phase-1-Studie beim Menschen verzichten, das Medikament also gleich in größerem Rahmen erproben. Schon im April 2014 soll es mit Phase 2 weitergehen: einer Studie, die nach Sicherheit und Wirksamkeit fragt.

Aber lassen sich die Ergebnisse wirklich vom Affen auf den Menschen übertragen? Bleibt die Substanz beim Menschen genauso lange im Körper wirksam? Über diese Fragen gab es auf der CROI im Anschluss an die Vorträge eine kontroverse Debatte.

„Über den Preis sprechen wir später“

Auf so einem Kongress fragt man natürlich auch nach den Kosten. Schon die bislang einzige in den USA zugelassene PREP mit Truvada würde in Deutschland mit über 800 Euro im Monat zu Buche schlagen. Aber, so Gerardo Garcia-Lerma, der eine der beiden Studien vorstellte: „Über den Preis sprechen wir später“. Wir dürfen gespannt sein.

Für größere Bevölkerungsgruppen kommt die PREP nach Auffassung der Deutschen AIDS-Hilfe nicht in Betracht. Sie könnte aber für Menschen mit besonders hohem HIV-Risiko zu einer zusätzlichen Option werden. (Mehr dazu in einem Pressestatement des Autors von 2011)

Anwendung in der Scheide

Neuigkeiten gibt es auch beim Ansatz, die PREP nicht im ganzen Körper wirken zu lassen, sondern nur da, wo der Wirkstoff wirklich gebraucht wird – in der Scheide und im Enddarm. Zu beiden „Eintrittspforten“ laufen zurzeit PREP-Studien. Frühere Untersuchungen haben zu sehr verschiedenen Ergebnissen geführt, teils mit ernüchternden Ergebnissen.

Doch die Forscher geben nicht auf: Zum Einsatz kommt nun das Medikament Dapivirin, das es nicht als Tablette gibt, sondern ausschließlich als PREP. Es wird bei Frauen mit einem Vaginalring im hinteren Scheidengewölbe platziert, der die Substanz langsam abgibt. Dazu läuft bereits eine Studie in Phase 3, der letzten Phase vor der Zulassung (oder vor dem Scheitern).

Ein neues Medikament im Ring

Zugleich berichtet die Forscherin Beatrice Chen von einer interessanten Variante. Man hat Dapivirin in Kombination mit Maraviroc (einem Medikament aus der HIV-Therapie) untersucht.

Die gute Nachricht zuerst: Dapivirin gelangt gut in die Schleimhaut des Gebärmutterhalses – das belegen Schleimhautproben von 48 Teilnehmerinnen der Studie. Das Eindringen der Substanz in die Zellen ist eine Voraussetzung für die Wirksamkeit der PREP, denn die Medikamente können nur in der Zelle wirken.

Die schlechte Nachricht: Bei Maraviroc war das nicht so. Das ist insofern enttäuschend, weil es eines der wenigen Medikamente ist, die den Eintritt von HIV in die Zelle blockieren – und nicht erst die Vervielfältigung des Virus in der Zelle. Man hätte also die Blockade einen Schritt nach vorne verlegt.

Daraus wird nun nichts, aber Dapivirin ist ja weiter im Ring.

Ausführliche Informationen zur PREP finden Sie auch im HIV-Report der Deutschen AIDS-Hilfe vom 31.5.2012

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Armin Schafberger

Armin Schafberger

Armin Schafberger ist Arzt und Referent für Medizin und Gesundheitspolitik der Deutschen AIDS-Hilfe.

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