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DROGENPOLITIK

„Druckräume“ – ungeliebte Lebensretter?

Dirk SchäfferVor fast genau 20 Jahren eröffneten in Hamburg und Frankfurt die ersten Drogenkonsumräume – auch als Antwort auf die hohe Zahl von Drogentodesfällen. Was sie leisten und warum es sie trotzdem in vielen Städten bis heute nicht gibt, erklärt Dirk Schäffer, Drogenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, im Gespräch mit Holger Sweers.

Dirk, was genau ist ein Drogenkonsumraum? Das klingt erst mal nach Behördendeutsch, irgendwie ziemlich steril.

Steril ist genau richtig. Druckräume bieten steriles Spritzbesteck und eine hygienische Umgebung, in der man ohne Stress und ohne Gefahr von Infektionskrankheiten wie HIV oder Hepatitis seine mitgebrachten Drogen konsumieren kann.

Kann jeder Drogenabhängige so einen Raum nutzen, wie eine Art Kneipe?

Nein, da gibt es Auflagen, zum Beispiel volljährig zu sein oder nicht in einer Substitutionsbehandlung zu sein, und man kommt auch nicht rein, wenn man betrunken oder sonst irgendwie high ist.

Druckraum: ein Raum ohne Druck und Stress

Und wie muss man sich einen Druckraum vorstellen?

Das ist bei den 24 Konsumräumen in Deutschland ganz unterschiedlich. Manche sehen aus wie eine gemütliche Wohnküche, andere haben deutlich mehr Plätze und wirken vielleicht eher kühl. Überall aber gibt’s sterile Utensilien, Beratung und im Notfall auch Hilfe. Wer will, kann sich ja mal auf www.drogenkonsumraum.net umsehen, da gibt’s ein paar Bilder.

Wie oft kommen Notfälle vor?

Um das rauszufinden, haben wir zusammen mit den Betreibern ein einheitliches Dokumentationssystem entwickelt. Für 2013 gibt’s Daten aus 18 Einrichtungen in 15 Städten, also von 75 Prozent der Druckräume. Insgesamt wurden 584 Drogennotfälle dokumentiert, 486 nach der Nutzung selbst und 98 unabhängig davon, also woanders in der Einrichtung.

Drogenkonsumraum Hamburg

Druckräume (hier: Hamburg) bieten hygienische Bedingungen und Notfallhilfe

Woanders in der Einrichtung?

Ja, zum Beispiel im Kontaktcafé oder der Umgebung des Drogenkonsumraums. Das kann passieren, wenn jemand noch minderjährig ist oder substituiert wird, Hausverbot hat oder Substanzen konsumiert, die im Konsumraum nicht zugelassen sind, und ihn deswegen nicht nutzen konnte.

Aber Hilfe bekommen sie dann trotzdem, oder?

Klar, die Mitarbeiter sind ja vor Ort.

Okay. 584 Notfälle hört sich ganz schön viel an. Aber was genau heißt eigentlich Notfall? Wären die alle ohne Hilfe tödlich verlaufen?

Nein, es gibt da unterschiedliche Schweregrade. Wir haben Angaben zu 503 Notfällen, und von denen waren fast 200 schwere Notfälle.

Was heißt das?

Bei schweren Notfällen sind die sogenannten Vitalfunktionen, also Bewusstsein, Atmung, Kreislauf, lebensbedrohlich gefährdet. Da braucht man dann Unterstützung durch den Rettungsdienst oder Notarzt und muss schnellstens ins Krankenhaus. Nach Einschätzung der Mitarbeiter wären diese schweren Drogennotfälle möglicherweise tödlich verlaufen, wenn die Konsumenten alleine gewesen wären, zu Hause oder auf der Szene.

Und was wären dann „leichte“ oder „leichtere“ Notfälle?

Benommenheit zum Beispiel, starke Schläfrigkeit, wobei man aber noch ansprechbar ist oder aufgeweckt werden kann, Herzrasen, Angst und Erregungszustände.

Viele Notfälle wären „draußen“ wahrscheinlich tödlich verlaufen

Wie kommt es zu solchen Notfällen?

Zuerst will ich mal klarstellen, dass Notfall nicht gleich Überdosierung heißt. Notfall ist eine mehr oder weniger dramatische Folge des Drogenkonsums – von Herzrasen über Bewusstlosigkeit bis zu herabgesetzter Atmung. Der wichtigste Risikofaktor ist ganz allgemein einfach die schlechte gesundheitliche Verfassung der Leute. Viele konsumieren ja schon jahrelang Opiate, trinken zu wenig – und wenn, dann Alkohol –, sind unterernährt, haben Entzündungen und Abszesse, die Leber ist durch Streckmittel belastet, und, und, und. Da steckt der Körper vieles nicht mehr so weg.

Und was können die Mitarbeiter in einem Notfall tun? Das sind doch meistens keine ausgebildeten Ärzte, oder?

Nein, aber um die 112 anzurufen oder Erste Hilfe zu leisten, muss man ja nicht Medizin studiert haben. Meistens kommt bei einem schweren Notfall ein Rettungswagen, manchmal auch mit Notarzt. Ins Krankenhaus müssen die Leute auch manchmal, aber in der Regel nur bei schweren Notfällen.

Konsumraum in Bochum

Konsumraum in Bochum

Man könnte also zusammenfassen: Konsumräume retten Leben, zumindest bei schweren Drogennotfällen.

Genau. Aber darüber hinaus bieten sie auch eine gute Möglichkeit, User anzusprechen. So kann man mit ihnen zum Beispiel auch mal über Themen wie Mund- und Zahnhygiene sprechen oder ihnen Infos zu anderen Möglichkeiten der Risikominimierung geben, zum Beispiel zum Rauchen von Folie.

Also eine rundum gute Sache, so ein Druckraum, über die sich Drogengebraucher in der gesamten Republik freuen?

Nein, leider nicht. Drogenkonsumräume gibt es nur in sechs Bundesländern, in Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und im Saarland.

Warum nur dort?

Formal gesehen erst mal, weil die anderen Länder keine Rechtsvorschrift zum Betrieb von Druckräumen erlassen haben. Aber das könnten sie ja tun – wenn sie wollen und wenn es potenzielle Betreiber gibt.

Und das ist nicht überall der Fall?

Nein. In Bayern zum Beispiel stellt sich das Land quer, obwohl die Aids- und Drogenhilfen in Nürnberg und München schon seit Jahren für Druckräume werben. In Baden-Württemberg dagegen wäre es wahrscheinlich möglich, eine Rechtsvorschrift zu erlassen, aber hier finden sich keine Betreiber.

Nötig sind der Wille des Landes und der Betreiber

Wieso nicht? Gibt’s keine Drogentodesfälle in Baden-Württemberg?

Doch, und zwar gar nicht so wenig. Und die Drogenhilfe ist in Stuttgart auch ziemlich stark, ihr Interesse an Konsumräumen aber eher gering. Als Argument dafür höre ich immer wieder, dass solche Druckräume zu niedrigschwellig sind – da schlägt das Herz wohl eher für komplexe Therapieangebote. Und außerdem trügen sie nichts zur Finanzierung der Träger bei.

Könnte man denn nicht andere Betreiber finden?

Na, es wäre schon sinnvoll, bestehende Angebote zu nutzen und zu erweitern, schließlich kommen die Leute dorthin und haben oft vertrauensvolle Beziehungen aufgebaut. Aber wenn es sein muss und das Land wirklich dieses lebensrettende Angebot machen will, ließen sich bestimmt andere Formen finden.

Aber bis dahin kann man nicht von gleichen Lebensverhältnissen in Deutschland sprechen, oder?

Genau. Nicht jeder Drogengebraucher kann sein Menschenrecht auf Gesundheit in vollem Maße verwirklichen – jedenfalls nicht so wie in den Bundesländern mit Druckräumen, selbst wenn da auch nicht alles zum Besten steht. Krass gesagt: Vielen Drogengebrauchern werden lebensrettende Maßnahmen verweigert.

Hm, das hört sich eher pessimistisch an. Kann man denn nichts dagegen tun?

Doch. Dranbleiben und die Verantwortlichen immer wieder an ihre Verantwortung erinnern. Und genau das werden wir auch weiterhin machen.

 

Weitere Informationen

drogenkonsumraum.net: Infos zu Druckräumen und zu den Standorten der deutschen Drogenkonsumräume

Women only: Beitrag zum weltweit einzigen Drogenkonsumraum ausschließlich für Frauen in Hamburg (DAH-Blog, 7.3.2012)

Konsumräume retten Leben (Meldung auf aidshilfe.de vom 20.4.2011 zum ersten Drogenkonsumraum Nordamerikas in Vancouver)

 

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Holger Sweers

Holger Sweers, seit 1999 als Lektor, Autor und Redakteur bei der Deutschen AIDS-Hilfe, kümmert sich um die Redaktionsplanung des Magazins.

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