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ARBEITSMARKT

Aha-Momente in der Arbeitsagentur

Menschen mit HIV begegnen immer noch Vorurteilen, Unwissen und irrationalen Ängsten – auch in Jobcentern und Arbeitsagenturen. Ein Qualifizierungsprogramm für Berater und Vermittler soll das  ändern. Von Axel Schock

„HIV ist kein Vermittlungshemmnis, und es ergibt sich daraus erst recht kein Berufsverbot“, stellte Heinrich Alt,  Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA), anlässlich des Welt-Aids-Tags 2012 klar. Um Beratern und Vermittlern in Jobcentern und Arbeitsagenturen Sicherheit im Umgang mit HIV zu geben und möglicherweise bestehende Vorbehalte auszuräumen, vereinbarten die Deutsche AIDS-Hilfe und die Bundesagentur deshalb Fortbildungen; mittelfristig soll es in allen Dienststellen mindestens einen Experten oder eine Expertin für Fragen zu HIV und Aids geben.

Zu den ersten Teilnehmern dieser Fortbildungen gehörte Renate Burkhart von der BA-Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen. „Man sollte sich nichts vormachen: Auch wenn man sehr genau weiß, dass keinerlei Infektionsrisiko besteht, bleibt manchmal eben doch auch eine nicht rational zu begründende Angst“, gibt sie unumwunden zu. „Diese Ängste verschwinden durch einen Vortrag allein nicht völlig, aber es wird das Bewusstsein dafür geweckt, dass man es eigentlich besser weiß.“

Keine Berufsverbote für HIV-Infizierte

Auch in der Beratung selbst bestehen Unsicherheiten, wie sie auch von Kolleginnen und Kollegen weiß: Wie belastbar sind Menschen mit einer HIV-Infektion? Was ist, wenn die Krankheit fortschreitet, es vielleicht zum Ausbruch von Aids kommt?

Zwei besonders wichtige Erkenntnisse hat Renate Burkhart aus dem DAH-Seminar für sich mit nach Hause genommen. Erstens: „Es bestehen keinerlei Berufsverbote für Menschen mit HIV, lediglich Besonderheiten in einem eng umrissenen, sehr speziellen Segment, das für die Arbeit der Bundesagentur keine Rolle spielt“, nämlich bei Chirurgen und Piloten.

Arbeitsagentur

Menschen mit HIV können in allen Bereichen arbeiten, es gibt keine Berufsverbote

„Zum anderen war für mich neu, dass die HIV-Behandlung den Ausbruch der Aids-Erkrankung nach derzeitigem Kenntnisstand bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hinauszögern kann und dass keinerlei Infektionsrisiken bestehen, wenn die Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt“, sagt Renate Burkhart.

„Dass im alltäglichen Umgang kein Risiko besteht und sich die Risiken zum Beispiel beim Sex minimieren lassen, wusste ich bereits. Aber dass es praktisch keine Infektionswahrscheinlichkeit mehr gibt, wenn die Behandlung gut anschlägt, war mir in dieser Tragweite nicht klar.“

In den Jobcentern und Arbeitsagenturen kann dieses Wissen entscheidende Bedeutung bei der Beratung von HIV-Positiven bekommen. „Nach dem Seminar weiß ich: Wenn ein HIV-Positiver in guter Behandlung ist und vorschriftsmäßig seine Medikamente nimmt, dann wird er nach derzeitigem Kenntnisstand ein normales Alter erreichen“, erklärt Renate Burkhart. „Und die HIV-Infektion allein ist kein ausreichender Grund mehr, jemanden umzuschulen – ganz gleich, um was für einen Beruf es sich handelt. Es sei denn, der Betreffende wünscht dies selbst.“ Zum Beispiel, wenn ein Beschäftigter aus dem medizinischen Bereich Angst hat, möglicherweise jemanden zu infizieren – auch wenn dies faktisch unmöglich ist.

Problemfelder „Kinder, Küche, Krankenhaus“

„Dann aber ist nicht seine HIV-Infektion der Grund für den angestrebten Berufswechsel, sondern die Angst. In einem solchen Fall können wir dennoch etwas für diese Person tun, auch wenn es sich um keine berufliche Rehabilitation im eigentlichen Sinne handelt.“ Ähnliches gilt, wenn ein Arbeitnehmer seinen Job verliert oder keine neue Stelle mehr findet, weil die HIV-Infektion bekannt geworden ist.

Besonders problematisch seien dabei, so Silke Eggers, bei der Deutschen AIDS-Hilfe für die Schulungen verantwortlich, alle Tätigkeiten im Bereich „Kinder, Küche und Krankenhaus“. „Eltern können, bezogen auf ihre Kinder, recht hysterisch reagieren“, bestätigt Burkhart. „Ich muss mich als Arbeitnehmer, zum Beispiel als Erzieherin in einem Kindergarten, natürlich nicht als HIV-positiv outen. Aber ich sollte damit rechnen, dass es womöglich eines Tages herauskommt, und sei es nur gerüchteweise. Je enger die Umgebung ist, in der ich lebe und arbeite, desto größer dürfte die Chance sein, dass dies womöglich passiert – zum Beispiel, weil jemand beobachtet hat, dass ich regelmäßig die einzige HIV-Schwerpunktpraxis der Stadt aufsuche.“

BA

Mitarbeiter von Arbeitsagenturen und Jobcentern werden für die Belange von HIV-Positiven sensibilisiert

Würde sie einem HIV-Positiven daher zum Beispiel eine Ausbildung oder Umschulung zu einem Beruf aus diesen Feldern verwehren?

Dazu gebe es keinen Grund, sagt Burkhart, doch werde sie die auf das entsprechende Risiko hinweisen. „In der Beratungssituation stehen die Interessen des Ratsuchenden im Mittelpunkt. Das gilt insbesondere im Bereich der beruflichen Rehabilitation, wenn es darum geht, einen Beruf neu zu wählen. Es ist ja unser ureigenes Interesse, dass dieser Mensch so lange wie möglich weiterarbeiten kann. Jeder Fall ist individuell, und wir haben es daher immer mit Einzelfallentscheidungen zu tun, abhängig von dem Menschen, der beraten wird, aber auch vom Berater.“ Die letzte Entscheidung liege aber stets allein beim Klienten.

Für Thomas Bieber war das Seminar in erster Linie Festigung bereits vorhandenen Fachwissens zu HIV. Der Arbeitsvermittler im Jobcenter Lüneburg arbeitet nämlich ehrenamtlich beim schwulen Infoladen Hein und Fiete in Hamburg und ist dadurch bereits bestens zum Thema geschult.

Wissensdefizite mit fatalen Folgen

Er hatte sein persönliches Aha-Erlebnis an ganz andere Stelle als Burkhart. „Interessant für mich war zu sehen, wie unterschiedlich der Wissensstand unter den Kollegen war. Und noch mehr, dass sowohl die Gutachter der Arbeitsagenturen als auch behandelnde Ärzte durchaus eine Weiterbildung zu HIV und Aids dringend nötig haben.“

Für einige HIV-Positive, so Bieber, habe das Wissensdefizit fatale Folgen. Umschulungen oder Wiedereingliederungsmaßnahmen wurden nicht bewilligt, weil davon ausgegangen wurde, dass sie nur noch wenige Jahre arbeitsfähig sein würden, die Maßnahme sich also nicht mehr rechne.

Schild Bundesagentur für Arbeit

Schulungen vermitteln Sicherheit im Umgang mit HIV – und bieten Aha-Momente

„Wenn der begutachtende Arzt feststellt, dass ein Arbeitnehmer mit seiner HIV-Infektion dieses oder jenes nicht mehr leisten kann, dann habe ich es als Beraterin schwer, gegen eine solche Entscheidung zu argumentieren. Denn schließlich hat der Arzt die medizinische Fachkompetenz und ist deshalb auch mit dem Gutachten beauftragt worden“, sagt Burkhart.

„Deshalb müssen wir gewährleisten, dass auch diese Ärzte auf dem neuesten Stand in Sachen HIV sind“, sagt Silke Eggers von der Deutschen AIDS-Hilfe. In der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen seien entsprechende Schulungen der Arbeitsmediziner bereits in der Planung.

Renate Burkhart gibt unterdessen ihr neu erworbenes Fachwissen zu Leben und Arbeiten mit HIV ganz direkt weiter, im Rahmen ihrer Grundlagenschulung für neue Rehabilitationsberater und -vermittler.

Thomas Bieber steht seinen Kolleginnen und Kollegen als Ansprechpartner für alle spezifischen Fachfragen zur Verfügung. Darüber hinaus hat er das DAH-Seminar zu einer halbstündigen schlaglichtartigen Präsentation zusammengefasst. „Mit der tingle ich jetzt durch die verschiedenen Teams der Arbeitsvermittler“, erzählt er – und sorgt auch dort immer wieder für ganz besondere Aha-Momente.

 

Weiterführende Links:

Pressemitteilung der Niedersächsischen AIDS-Hilfe und der BA-Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen (PDF) zur Weiterbildung zu HIV und Aids

Dossier HIV und Arbeit

Link zur DAH-Broschüre „Wissenswertes zum Thema HIV und Arbeit“

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

1 Comment

  1. peter
    3. Mai 2014 at 14:09 — Antworten

    Ich kann nur eines dazu beitragen,und das wäre ich habe HIV und ich liege unter der 20prozent marke,doch auch das jobcenter hier in augsburg will mich mit allen Mitteln in eine vollzeit beschäfftigung stecken obwohl ich gesundheitlich nicht mehr das bringen kann was ein gesunder Mensch bringen kann.desweiteren muss ich sagen,ich habe meine Arbeit verloren weil ich lange krank war und leider nicht die beruflichen Vorderung mehr gewachsen bin aber warum will man mich in eine vollzeit stelle schicken wenn ich als teilzeit beschäftiger auch schon gekündigt werden kann und meine Arbeitstelle wusste das ich krank bin das ich den Virus in nir trage,ist das noch gerechtlichkeit ich denke nicht von beiden Parteien bin ich entäuscht…wir sind auch nur menschen….lg Aus augsburg.

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