Prävention & Wissen
HIV UND ALTER

Angst und Vorurteil

Viele in der Altenpflege Beschäftigte sind auf Menschen mit HIV nur unzureichend vorbereitet. Wie tief die Ansteckungsängste und die Ressentiments gegenüber HIV-Positiven noch sitzen, hat eine Studie in Münster zutage gebracht.

Durch die Erfolge in der Behandlung der HIV-Infektion ist die Lebenserwartung von Menschen mit HIV deutlich gestiegen. Schon heute sind mehr als die Hälfte der Infizierten in Deutschland älter als 50 Jahre, so jüngste Zahlen des Robert Koch-Instituts. Doch Alters- und Pflegeheime sind auf solche Bewohner häufig überhaupt nicht unvorbereitet. Zu diesem Ergebnis kam Angela Groß-Thebing, die für ihre 2014 abgeschlossene Bachelor-Arbeit entsprechende Einrichtungen im Großraum Münster befragt hat.

Dazu angeregt und bei der Umsetzung unterstützt hatten sie die örtliche Aidshilfe wie auch Prof. Dr. Ingo Zimmermann. Dieser betreute ihre Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und gab auch die Initialzündung. „Er hatte selbst von zwei Fällen gehört, in denen HIV-Positiven die Aufnahme ins Altenpflegeheim wegen ihres HIV-Status verweigert worden war“, erzählt Angela Groß-Thebing im Gespräch mit magazin.hiv.

Manche Pflegeheime wollen keine Menschen mit HIV aufnehmen

Für ihre Studie hatte die Hochschulabsolventin in einer ersten Stufe 16 Leitungspersonen von Münsteraner Alteneinrichtungen befragt. Dabei wurde auch die ablehnende Haltung mancher Heime bestätigt. „In unserem Haus gibt es keine Gründe, ältere Menschen mit HIV aufzunehmen“, hatte beispielsweise eine dieser Leitungskräfte geantwortet. „Aus meinen eigenen Erfahrungen als Heimleiter bei einem katholischen Träger kann ich sagen, dass nach außen natürlich die Menschen mit dieser Erkrankung aufgenommen werden“, betonte ein anderer Befragter. „Intern jedoch lehnen Träger dieses häufig ab mit der Begründung ‚Wir würden ja, haben aber leider keinen Platz’.“

Anschließend befragte Angela Groß-Thebing 40 Pflegende aus verschiedenen Einrichtung – examinierte Alten- und Krankenpfleger mit zum Teil mehrjähriger Berufserfahrung sowie Pflegehelfer und Pflegeschüler – mittels Fragebogen zu ihren Kenntnissen über HIV und zu ihrer Einstellung zur Pflege von HIV-Infizierten. 80 % der Befragten hielten es für richtig, wenn Menschen mit infektiösen Krankheiten in Pflegeeinrichtungen aufgenommen werden. Fast ebensoviele würde es allerdings befürworten, wenn die Beschäftigten über die Aufnahme von HIV-Positiven in ihrer Einrichtung entscheiden dürften.

Enorme Wissensdefizite

Ein Großteil der Pflegekräfte hat seine Kenntnisse für die Pflege von Menschen mit HIV als mangelhaft eingeschätzt. Zugleich offenbarten sich (sachlich unbegründete) Ängste vor einer Ansteckung wie auch enorme Defizite, was den aktuellen medizinischen Wissensstand zu HIV und Aids angeht. Rund drei Viertel wussten beispielsweise nicht, dass die Infektiosität von HIV-Infizierten unter erfolgreicher antiretroviraler Therapie deutlich reduziert ist.

Das unzureichende Wissen, so ein Studienbefund, befördere demnach Verunsicherung und Angst bei Leitungskräften und Pflegenden und damit auch ihre ablehnende Haltung. Eine weitere Folge dieser Unwissenheit sei ein fälschlicherweise höher eingeschätzter Bedarf an Hygienemaßnahmen. Jeweils sieben der 40 Befragten gingen beispielsweise davon aus, dass HIV-positive Heimbewohner separate Toiletten oder isolierte Wohnräume benötigen. Fast die Hälfte war sich sicher, dass bei der Pflege zusätzlicher Hygieneschutz wie Kittel und Mundschutz Pflicht sei.

„Erstaunlich fand ich, dass gerade die über 40-jährigen Fachpflegekräfte, deren Ausbildung viel weiter zurückliegt, viel weniger Angst haben, HIV-Positive zu pflegen“, sagt Groß-Thebing. „Die jüngeren Kollegen hingegen, die in den Fachschulen auf dem neuesten Stand zu HIV unterrichtet wurden, fühlen sich weitaus weniger kompetent dazu.“

Weniger Infektionsängste bei Fachpflegekräften mit langer Berufserfahrung

Praktische Erfahrungen mit HIV-Positiven hatte bislang allerdings kaum einer der Studienteilnehmer gesammelt. Im Münsterland, so vermutet Groß-Thebing, sei das Thema HIV in der Altenpflege offenbar noch nicht angekommen. Oder aber: HIV-Positive haben keine Chance auf einen Heimplatz in der näheren Umgebung machen sich deshalb in größeren Städten auf die Suche, wo sie mit mehr Akzeptanz rechnen können.

Detaillierte Zahlen zu Angela Groß-Tebings Studie bietet der gemeinsam mit Prof. Dr. Ingo Zimmermann publizierte Artikel „Die Schatten der Vorurteile“ in der Januar-Ausgabe des Fachmagazins „Die Schwester Der Pfleger“.

Weiterführende Links zum Thema HIV und Pflege im Alter:

Älter werden mit HIV und Aids – zur Studie „50plushiv

Vorurteilsfreie Versorgung im Alter? – zur  Themenwerkstatt „HIV und Alter

Vorheriger Artikel

Drogen und Strafverfolgung – Plädoyer für einen Paradigmenwechsel

Nächster Artikel

Indien verweigert Gilead Patent für Hepatitis-C-Medikament Sovaldi

Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

2 Comments

  1. Angela Groß-Thebing
    3. Februar 2015 at 20:31 — Antworten

    Toll 🙂 !

    • Catrin
      6. Oktober 2015 at 20:01 — Antworten

      Hallo Angela,
      super spannendes Thema!!! Mich würde deine Arbeit sehr interessieren. Hast du sie irgendwo veröffentlicht, oder können wir in Kontakt treten? Liebe Grüße 🙂

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.