Gesellschaft & Kultur
Aidsgeschichte

„Rock Hudson und die Aids-Krise“ im Schwulen Museum* Berlin

Eine Sonderschau erinnert an den schwulen Hollywoodstar und die bisweilen hysterischen Reaktionen auf das Öffentlichmachen seiner Aids-Erkrankung. Außerdem: ein „Hausaltar“ für die Polittunte und Aidsaktivistin Ovo Maltine

Mit einem kurzen Statement im Foyer des Pariser „Hôpital américain“ bestätigte Rock Hudsons Pressesprecherin im Juli 1985, was die Klatschblätter bereits die Tage zuvor auf ihren Titelseiten hinausposaunten: Der Hollywoodstar litt an Aids und ließ sich in der französischen Hauptstadt behandeln. Mit dieser Nachricht bekam die mysteriöse Erkrankung für die breite Bevölkerung erstmals ein Gesicht. Das doppelte Coming-out des Schauspielers als Homosexueller und Aidskranker ließ den Blätterwald heftig rauschen – und erschütterte seine zumeist weiblichen Fans.

Der Kölner Björn Klimek war damals 15 Jahre alt und erlebte, wie seine Mutter geschockt, betroffen und fassungslos reagierte – für ihn die Initialzündung, um Material zu diesem Phänomen zu sammeln. Rund 15.000 Objekte hat er in den letzten drei Jahrzehnten zusammengetragen. Einen Ausschnitt aus dieser Sammlung zeigt derzeit das Schwule Museum* Berlin in einer Sonderschau unter dem Titel „Rock Hudson und die AIDS-Krise“.

„Die Lüge seines Lebens“

Die zum Teil hysterischen Reaktionen auf das Bekanntwerden von Hudsons „Lüge seines Lebens“ (so die Frauenzeitschrift „Das neue Blatt“) lassen sich besser verstehen, wenn man sich das damalige Image des Hollywoodstars noch einmal vor Augen führt.

Hudson, das war der ultimative Mädchen- und Frauenschwarm, wie in der Ausstellung anhand von Starschnitten, Hudson-Anziehpuppen oder auch einem Antwortschreiben Hudsons auf einen Fanbrief nachzuerleben ist. Immer wieder schmückt sein Gesicht Illustrierte und auch das Jugendmagazin „Bravo“. Und allenthalben wird er in Zeitschriften mit nacktem Oberköper am Strand und beim Sport gezeigt. Heute wirken diese Bilder artig und dezent, in den sechziger Jahren allerdings zementierten solche Aufnahmen Hudsons Rolle als Idol.

„So stelle ich mir Mrs. Hudson vor“, lässt die „Bravo“ 1967 den Star von seiner Idealfrau schwärmen. Da machten in Hollywood bereits Gerüchte um Hudsons Homosexualität die Runde. Sein Manager lancierte kurzerhand Homestorys über Hudsons Verlobung. Dass es sich bei der Glücklichen um dessen Sekretärin Phyllis Lucille Gates handelte, behielt er für sich. Ein in der Ausstellung gezeigter Unterhaltsscheck von Hudson an seine vermeintliche Geliebte dokumentiert das Arrangement mit Gates.

Auf einer ganzen Wand schließlich sind einige Dutzend ausgewählte Titelblätter und Zeitschriftenartikel zu sehen, die beispielhaft die damaligen Debatten um Aids, aber auch die Ängste, Panikmache und Sensationsgier nacherleben lassen.

So fotografierten Paparazzi Hudson, wie er in einem Jumbo-Jet von Paris nach Los Angeles gebracht wurde. Das Flugzeug hatte eigens gechartert werden müssen, weil keine Fluggesellschaft den Kranken in einem Linienflug transportieren wollte. Auch der Streit um Hudson Erbe wurde in der deutschen Boulevardpresse ausgebreitet. „Wieviel ist die Angst vor Aids wert?“, fragte zynisch die „Freizeit Revue“ in einem Beitrag über Hudsons ehemaligen Lebensgefährten Marc Christian. Christian wollte 11 Millionen Dollar Schmerzensgeld einklagen, weil Hudson ihm angeblich die HIV-Infektion verschwiegen hatte. Die Schauspielkollegin Linda Evans wiederum, die Hudson bei Dreharbeiten für die TV-Serie „Denver Clan“ geküsst hatte, wollte „nach den gefährlichen Szenen“ aus Angst vor einer Infektion gleich drei „Aids-Teste“ gemacht haben, wie eine Fernsehzeitschrift titelte.

Doch nicht alle in Hollywood reagierten derart verstört und hysterisch. Björn Klimek hat für seine Sammlung auch ein Originaltelegramm von Elizabeth Taylor erworben, mit dem sie im Oktober 1985 den engsten Freundeskreis zu einer Gedenkfeier in Hudsons Villa in Beverly Hills einlud.

Parallel zu dieser Rock-Hudson-Schau erinnert das Schwule Museum* im Rahmen des Projekts „Tapetenwechsel 2.0“ auch an die Berliner Polittunte und Aidsaktivistin Ovo Maltine. Kernstück ist ein „Hausaltar“ für 2005 an den Folgen von Aids verstorbenen Kabarettistin, Schauspielerin (u. a. in Rosa von Praunheims „Neurosia“ und „Tunten lügen nicht“) und Direktkandidatin bei der Bundestagswahl 1998.

Ein „Hausaltar“ voller Erinnerungen

Ihre Bühnenkollegin BeV Stroganov hat aus dem Nachlass von Christoph Osten – so Ovo Maltines bürgerlicher Name – dessen „Hausaltar“ rekonstruiert: Das Sammelsurium aus Fotos, Kitsch und privaten Devotionalien, aus Eintrittskarten, Büchern, Zeitungsausschnitten und anderen Erinnerungsstücken spiegelt nicht nur die Karriere und die vielfältigen kulturellen wie schwulen- und HIV-politischen Aktivitäten, sondern erinnert zugleich auch an den privaten und künstlerischen Freundeskreis, in dem viele ebenfalls an Aids verstarben, wie etwa der Schriftsteller Mario Wirz, der Fotograf Jürgen Baldiga oder Pepsi Boston vom Berliner Tuntenensemble Ladies Neid.

Ergänzt wird die Installation um Videoausschnitte und Kostüme, darunter auch das wohl bekannteste von Ovo Maltine: ein pinkfarbenes Oberteil, das auch in seiner Form an den „rosa Winkel“ erinnert. „Light House Berlin“ ist darauf zu lesen – unter diesem Projekttitel versuchte man Mitte der 1990er-Jahre ein Aids-Hospiz in Berlin aufzubauen.

Ein weiteres Ausstellungskabinett widmet sich zudem der Verfolgung von Schwulen und Lesben im Nationalsozialismus. Im Zentrum steht dabei die Erinnerung an die im KZ Sachsenhausen bei Berlin ermordeten schwulen Häftlinge.

Bis 27.3.2017, Schwules Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin

www.schwulesmuseum.de

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

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