Gesellschaft & Kultur
GECHLECHTERTHEORIE

Was macht die Frau zum Mann?

Männer gehen anders. Aber wie?

Der Dokumentarfilm „Man For A Day“ über einen Workshop der Gender-Aktivistin und Performance-Künstlerin Diane Torr. Von Axel Schock.

„Männer weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit“ und „Männer baggern wie blöde, Männer lügen am Telefon“, singt Herbert Grönemeyer und hat damit – hoffentlich – nicht den Nagel auf den Kopf getroffen. Was also macht den Mann eigentlich zum Mann?

Die schottische Performance-Künstlerin Diane Torr geht dieser Frage schon seit über 20 Jahren nach. Doch anders als Queer-Theoretiker_innen verstrickt sich die rotschöpfige Torr nicht in philosophisch-verschwurbelten Exkursen, sondern bleibt ganz handfest. „Man for a Day“ heißen die einwöchigen Workshops, die sie seit vielen Jahren weltweit durchführt und in denen Teilnehmerinnen praktisch erfahren können, wie es ist, ein Mann zu sein.

So also sitzt ein Mann.

Die sieben Berlinerinnen, die in einer Fabriketage zusammengetroffen sind und von der Filmemacherin Katarina Peters mit der Kamera begleitet werden, erhoffen sich durch den Workshop vor allem eines: nämlich das andere Geschlecht besser verstehen zu können. Und vielleicht dadurch ihr eigenes Verhältnis zu ihm neu reflektieren und womöglich ändern zu können.

Soziales Laborexperiment mit offenem Ausgang

Für Susann sind „Männer ein großes Buch mit Fragezeichen“. Die junge Mutter und Schönheitskönigin (Miss Prenzlau, Miss Ostprignitz-Ruppin, Miss Havelland, Miss Spreewald und Miss Uckermark) glaubt zu wissen, was auf Männer wirkt: ihre schick lackierten Fingernägel zum Beispiel und ihr tief sitzendes Rückentattoo. Wie sie aber ticken, das habe sie nie verstanden.

Noch nicht ganz so, wie ein Mann die Bierflasche ansetzen würde.

Die lesbische Israelin Tal findet sich trotz ihrer burschikosen Art viel zu weiblich. Zu gerne würde sie über jene bedrohlich-maskuline Ausstrahlung verfügen, um den Mann, der sie missbrauchte, allein schon durch ihre Präsenz in Furcht und Schrecken versetzen zu können. Die Politikberaterin Eva-Marie will sich besser „in einer männerdominierten Arbeitswelt durchsetzen“ und erkunden, woher eigentlich diese internalisierte weibliche Unterwürfigkeit kommt. Die schwarzafrikanische Rosa als alleinerziehende Mutter wiederum erhofft sich durch die Workshop-Erfahrungen, ihren Kindern vielleicht auch ein Vatervorbild anbieten können.

Filmemacherin Katarina Peters braucht für ihre Dokumentation kein sonderlich aufregendes dramaturgisches oder inszenatorisches Konzept, um das Zuschauerinteresse zu wecken. Hier genügen die äußerst unterschiedlichen Protagonistinnen, deren biografische Hintergründe knapp skizziert werden und denen man bei ihrem spannenden, oft auch sehr komischen Selbsterfahrungsprozess zuschauen darf.

Männer: breiter Gang, großes Ego

Gespräch unter Männern

Und nicht zuletzt ist da Diane Torr als beeindruckende, charismatische Kursleiterin. Ihre fast mit wissenschaftlicher Akribie gestalteten Beobachtungen männlichen Verhaltens dienen allerdings nicht zur Legitimation ultrafeministischen oder verbiesterten Männerhasses. Vielmehr geht es der 63-Jährigen darum, Geschlechterzuschreibungen aufzubrechen, Stereotypen herauszuarbeiten und sie zu hinterfragen, um bewusster mit ihnen umgehen zu können. Wie humorvoll das geht, zeigt ein Ausschnitt einer ihrer Shows. Da sitzt sie als ihr männliches Bühnen-Alter Ego Danny King nur in Feinrippunterhosen und Businesshemd bekleidet breitbeinig auf einem Stuhl, die Bierflasche fest umklammernd. Ein zwar lächerliches Zerrbild eines Mannes, aber ein ganzer Kerl und bis zu den Socken hinunter überzeugend.

Doch dann beginnt Dianne alias Danny ganz langsam mit dem Becken zu kreisen und sich in Slow Motion wie eine Striptease-Tänzerin zu bewegen. Das ist irritierend verblüffend und wirklich witzig. Doch bloßes Bühnenentertainment wie bei den meisten Drag-Queen-Shows haben die Kursteilnehmerinnen nicht im Sinn. Ihnen geht es nicht um schrille Effekte, vielmehr sollen sie am Ende des Workshops zu möglichst authentischen Männern oder deren Klischees werden.

Susann als HipHop-Macho

Auf der Straße gucken sie sich Vorbilder aus (auch so eine zutiefst komische Szene). Überraschenderweise sind das keine Traummänner, sondern meist eher unsympathische, unattraktive Typen.

Susann etwa, die mehrfache brandenburgische Schönheitskönigin, entscheidet sich für die Neuköllner Streetgang-Version eines HipHoppers samt Basecap und Jogginganzug. Ist die neue Persona samt Biografie gefunden, geht’s an die Details. Brüste werden weggebunden, Fusselbärte und Echthaar-Kotletten angeklebt, aus Watte und Kondomen Penisse gebastelt. Entscheidender aber als diese äußerlichen Verwandlungen sind die Erkundungen offensichtlich typischer Verhaltensmuster von Männern, ihrer geschlechtsspezifischen Gestik und Mimik. Da kommt man denn auch als männlicher Zuschauer ins Grübeln.

Wie sitzt eigentlich ein Mann?

 

Gender-Aktivistin und Performance-Künstlerin Diane Torr

Lächeln Männer tatsächlich nur, wenn’s unbedingt sein muss? Und bestätigen Frauen ihre Gesprächspartner ständig durch leichtes Kopfnicken und wedeln auffällig viel mit den Händen? Nehmen Männer wirklich so besitzergreifend auf einem Stuhl Platz, getreu dem Werbeslogan „Mein Auto, mein Haus, meine Yacht“? Auch der Gang des Mannes will für die Workshop-Teilnehmerinnen gelernt sein: „Der Mann besitzt das Stück Boden, auf das er tritt“, erklärt Diane Torr, und wie viel Gewicht die kleine Frau plötzlich in jeden ihrer Schritte zu legen vermag, ist schon erstaunlich. Ebenso die Erfahrungen, die die Frauen im Praxistest machen. Plötzlich erleben sie, dass sich beim Gang durch belebte Straßen die Menschenmenge teilt: Männern räumt man das Feld, Frauen hingegen müssen sich ihren Platz erkämpfen.

Und während manche der Teilnehmerinnen es bis zuletzt nicht schaffen, sich in die Männerrolle hineinzufinden, klagt Susann darüber, wie schwer es ihr falle, abends zu Hause das Machogehabe wieder abzulegen. Zuletzt sieht man sie in „full drag“ zusammen mit einer Kursteilnehmerin in einer Tabledance-Bar sitzen: ganz lässig und breitbeinig, wie sie es im Workshop gelernt hat. Und ganz selbstverständlich und cool, ohne auch nur den Anflug eines Lächelns, schiebt sie dieser tanzenden Chick einen Geldschein in den Tanga.

 

„Man for a Day“. D/GB 2012. Regie Katarina Peters. 90 min. Seit 19. Juli in den Kinos.

Link zu den Kinoeinsätzen bundesweit sowie zu den Premierenvorstellungen in Anwesenheit von Diane Torr und Regisseurin Katarina Peters.

Trailer zu „Man for a day“

Website von Diane Torr

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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