Gesellschaft & Kultur
LITERATUR

„Lehre mich wachsen, Baum“

Vom Glück des Augenblicks, von trotziger Zuversicht und der Endlichkeit: Mario Wirz’ posthum erschienener Gedichtband „Jetzt ist ein ganzes Leben“. Von Axel Schock

Der Schriftsteller Mario Wirz (Foto: privat)

Der Schriftsteller Mario Wirz (Foto: privat)

Je mehr man als Leser mit dem Leben und Menschen Mario Wirz vertraut ist, desto schwerer wird es einem fallen, sich dieser Gedichtsammlung ganz unbefangen zu nähern. Aus fast jeder Zeile lassen sich die Umstände herauslesen, unter denen sie entstanden sind.

Als der Berliner Lyriker diesen Band zusammenstellte, wusste er bereits, dass es sein letzter sein würde, dass er seinen langen Kampf gegen Aids und zuletzt gegen eine neuerliche Krebserkrankung nun endgültig verlieren würde. Allein schon durch dieses Information erhält der Buchtitel „Jetzt ist ein ganzes Leben“ einen zusätzlichen Klangraum.

Wer wiederum weiß, dass der Großstadtmensch Mario Wirz in seinen letzten Lebensjahren Rügen zu seiner zweiten Heimat, zum Ruhe- und Zufluchtsort gemacht hat, den mag es keineswegs überraschen, wie viel von der Flora und Fauna der Ostseelandschaft in seine Gedichte eingeflossen sind. Es wimmelt nur so von Blaumeisen und Zitronenfaltern, von Kreuzottern und Kranichen, und in den Verszeilen erblühen wilder Wein, Tollkirsche, Mohn und Gänseblümchen.

Doch es bedarf all dieser Vorkenntnisse nicht, um diese Gedichte genießen, verstehen und auf sich wirken lassen zu können, zumal sich Mario Wirz’ Stil und Sprache geradezu formvollendet und unverwechselbar präsentieren.

Glauben will ich den Marienkäfern
die mir in diesem Frühling
Leben versprechen
mit vorsichtiger Zuversicht
zähle ich
auf die beflügelnden
Zeitpunkte

der Zukunft
rechne ich
jedes Jahr
hoch an

Wirz hat Rügen zu seiner Heimat gemacht (Foto: Gehard Gieben, pixelio.de)

Wirz‘ Ruhe- und Zufluchtsort Rügen (Foto: Gehard Gieben, pixelio.de)

Seine poetischen Bilder sind leicht und griffig, und sie berühren gerade deshalb umso mehr.

Von der Eintagsfliege will ich lernen
dankbar zu sein

Der eigenen Endlichkeit begegnet Wirz in seinen Texten mit einer Ruhe und Abgeklärtheit, der man als Leser nur mit großem Respekt und Bewunderung gegenüberzutreten vermag.

Lehre mich wachsen
Baum
Lehre mich fallen
Blatt

Eintagsfliege (Foto: Angelina S....., pixelio.de

Wirz‘ poetische Bilder sind leicht und griffig (Foto: Angelina S., pixelio.de

Aus Wirz’ Gedichten spricht ein Mensch, der mit sich, der Welt und seinem Leben im Reinen ist, der die Zeit in neuen Dimensionen wahrnimmt und das vielbeschworene Carpe Diem tatsächlich auch zu seinem gelebten Motto macht.

Was vor allem aber erstaunen mag und diese Gedichte so groß und schwerelos, so berührend und weise macht: Mag aus vielen dieser Texte Abschied, Schmerz und Melancholie sprechen, gibt es doch keine einzige Verszeile der Wut, des verzweifelten Aufbäumens oder der Trauer. Ein einziges Mal nur, in dem Gedicht „Deal“ formuliert Wirz eine fast trotzige Kampfansage:

Noch viele Tode will ich sterben
bevor ich loslasse
mein Leben
soll mir
jeden Schmerz
zumuten
und wenn es in einer schweren Stunde
so scheint
als wollte ich nichts mehr ertragen
soll mir
das Leben
seinen Preis
nennen

Wirz findet stattdessen in der Natur ein tröstendes Gegenüber. Er feiert die Liebe zu seinem Lebenspartner und singt ein Lob- und Dankeslied auf seine Freunde. Wirz hat es ans Ende des Bandes gestellt. Es ist Schlusswort und Abschied und zugleich ein geradezu fürsorglicher Trost an die Trauernden.

Neujahrsgedicht
Für meine Freunde

Alle Schatten
lassen mich frei
ganz leicht
vergehe ich
auf meinem Weg
ins Licht
nehme ich mit
Dankbar
das Geschenk der Freunde
bleibt unvergänglich
Liebe
im hellen Schlaf
sehe ich
den Engel
der euch beschützt
jetzt und immer
sollen euch Leben
und Liebe
umarmen
in euren sterblichen Tagen
und Nächten
weiß ich euch
an der Seite des Engels
bin auch ich
für immer und ewig
zu Hause

Cover des Lyrikbandes "Ein ganzes Leben"

Cover des Lyrikbandes „Ein ganzes Leben“

Mario Wirz hat das Erscheinen von „Jetzt ist ein ganzes Leben“ nicht mehr erleben können. Er ist in der Nacht des 30. Mai in einem Berliner Hospiz gestorben, nur wenige Stunden bevor ihn das erste druckfrische Exemplar seines Buches erreichte.

 

Mario Wirz „Jetzt ist ein ganzes Leben“. Aufbau Verlag, 158 Seiten, Klappbroschur, 17,99 Euro.

Freunde und Autoren veranstalten am 5. Juli, 20.30 Uhr im Berliner Buchladen Eisenherz einen „Abend für Mario Wirz“. Aus seinen Texten lesen und Erinnerungen erzählen werden unter anderem Michael Sollorz, Friedrich Kröhnke, Rosa von Praunheim, Georgette Dee, Marcus Brühl, Klaus Berndl, Christoph Klimke  und Axel Schock. Der Eintritt ist frei.

 Weiterführende Links:

 Interview mit Mario Wirz auf aidshilfe.de

Aidshilfe.de zum Tod von Mario Wirz

Nachruf auf Mario Wirz

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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