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POSITIVENTREFFEN

HIV-positiv und heterosexuell

Hildegard Welbers aus Lübeck gehört einer Minderheit in der Minderheit an: Sie ist heterosexuell und hat HIV. 1997 hat sie ihre Diagnose bekommen, seit 1998 ist sie Mitglied im Netzwerk PositHiv & Hetero. Philip Eicker sprach mit ihr über das Leben mit HIV und ihr Engagement im Netzwerk

Hildegard Welbers

HIV: Heterosexuelle haben andere Probleme als Schwule (Foto: Hildegard Welbers)

Frau Welbers, wie fühlt man sich in einem Seminar für HIV-Positive als einzige Heterosexuelle?

Sehr gut. (lacht) Ich fahre regelmäßig ins Waldschlösschen bei Göttingen, beim Positiventreffen waren wir in diesem Jahr 58 schwule Männer, vier Frauen und ein heterosexueller Mann. Das sind schon eindeutige Verhältnisse. Als ich das erste Mal auf so einem Seminar war, war ich sehr überrascht und befangen. Aber dann wurde ich so herzlich aufgenommen, dass ich gerne wiedergekommen bin. 2013 war ich zum zweiundzwanzigsten Mal dort.

Nervt die schwule Mehrheit bei Angeboten für Menschen mit HIV nicht?

Gar nicht! Es ist wunderbar, mit einer bunten und verschiedenartigen Gruppe zu reden. Hetero-Männer haben da oft größere Vorbehalte und sagen oft, das Seminar wäre „schwulenlastig“. Ich versuche dann immer dagegenzuwirken, damit die Unterschiede als ganz normal wahrgenommen werden. Aber das ist nicht leicht. Klischees üben einen starken Einfluss aus. Bei mir war es vor meiner Diagnose nicht anders. Ich dachte, Aids sei ein Problem von Schwulen und Junkies. Der erste Impuls ist: Wer HIV bekommt, ist selber schuld! Man legt sich ein Bild zurecht, in dem diese Krankheit nicht vorkommt und nur andere trifft. Da musste ich stark umdenken.

„HIV ist bei Heteros kaum präsent“

Warum braucht es eigene Treffen für heterosexuelle Positive?

Heteros und Schwule haben unterschiedliche Probleme. Die Welt, in der wir leben, ist schon sehr hetero geprägt. Die meisten von uns sind verheiratet und haben Kinder. Auch das Bewusstsein ist oft ein anderes: HIV ist bei Heteros kaum präsent. Ich zum Beispiel habe mich in meiner zweiten Ehe angesteckt. Mein damaliger Mann wusste gar nicht, dass er positiv ist. Er wäre nie auf die Idee gekommen. Viele Hetero-Männer lassen nie einen HIV-Test machen und benutzen ungern Kondome. HIV kommt in ihrem Leben gar nicht vor, sondern ist ein Problem von anderen. Umso größer ist dann der Schock, wenn die Diagnose positiv ausfällt.

Ein idealer Ort für Treffen von Menschen mit HIV. Foto: Akademie Waldschlösschen

Das Waldschlösschen – ein idealer Ort auch für Positiventreffen (Foto: Akademie Waldschlösschen)

Was genau macht das Netzwerk PositHiv & Hetero?

Wir tauschen uns online aus und treffen uns regelmäßig auf bundesweiten Treffen. Außerdem gibt es regionale Gruppen in vielen Städten. Es entstehen immer wieder neue: Erst kürzlich haben zwei Teilnehmer unseres Bundestreffens jeweils einen Stammtisch in Berlin und in Essen gegründet. In Nürnberg hat sich eine neue Frauengruppe etabliert. Und wir tauschen uns das ganze Jahr über aus, per Mail und Telefon. Mich rufen auch mal mitten in der Nacht Leute an, weil sie etwas besprechen müssen. Meist geht es dann um ganz akute Probleme in der Familie oder am Arbeitsplatz.

Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie im Netzwerk aktiv sind?

Für mich hat sich da eine neue Welt aufgetan – das war ein sehr gutes Gefühl. Ich habe sehr viele unterschiedliche Menschen kennengelernt, die mich herzlich aufgenommen haben, so wie ich bin: positiv, aber niemand hat ein Gedöns drum gemacht. Für mich war das eine Befreiung. Ich bin in Oberösterreich geboren und streng römisch-katholisch groß geworden. Worte wie „Sexualität“ kamen in meinem Wortschatz gar nicht vor. Ich hätte früher nie gesagt: Der ist schwul. Oder: Ich bin hetero.

War das ein indirektes Coming-out nach Ihrer HIV-Diagnose?

Ja, meine Freunde haben sich gewundert, dass diese Themen so in den Vordergrund gerückt sind, seit ich bei der Lübecker Aidshilfe aktiv war. Meinem Sohn ist 1999 mal rausgerutscht: Mama! In welchen Kreisen bewegst du dich neuerdings? Er war damals Ende 20. Dabei habe ich nur vom CSD gesprochen und ihm erklärt, dass dort Schwule und Lesben für ihre Rechte demonstrieren. So etwas gab’s damals in Lübeck noch nicht. Da bin ich erst drauf gekommen, wie sehr sich mein Horizont erweitert hat. Vielleicht habe ich in den ersten Jahren nach meiner Diagnose wirklich etwas zu viel über solche Sachen gesprochen. Und trotzdem konnte ich meinem Sohn damals nicht sagen, dass ich selbst positiv bin. Dabei hätte ich da doch gut einhaken können.

„Die Selbsthilfe hat meinen Horizont erweitert“

Hat Sie das Netzwerk dann zum Coming-out als HIV-Positive ermutigt?

Ja, davor war ich lange ungeoutet. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich meiner Familie und meinen Freunden die Wahrheit gesagt habe. Bis dahin habe ich viel gelogen und geschwindelt.

Bei welchen Gelegenheiten?

Immer und überall. Besonders schlimm war es bei meinem Arbeitgeber. Da habe ich plötzliche Termine erfunden, um in die Aidshilfe zu meiner Psychologin gehen zu können. Und wenn ich am Wochenende auf ein Seminar wollte, habe ich gesagt, ich würde eine Freizeitmesse besuchen.

Ist es für Heteros schwerer, sich als positiv zu outen?

Ja, aber das große Problem ist nicht die sexuelle Orientierung, sondern das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Besonders Mütter denken ja immer zuerst: Wie verkraftet das mein Kind? Darf ich es damit belasten? Das ist eine Existenzfrage.

HIV: Wie sag ich's meinem Kind? (Broschüre der DAH)

HIV: Wie sag ich’s meinem Kind? (Broschüre der DAH)

Wie hat Ihr Sohn reagiert, als er die Wahrheit erfahren hat?

Er hat ganz schön geschluckt, dass mir so etwas passiert. Ein Kind hat ja nicht das Gefühl, dass die Eltern ein sexuelles Leben haben. Bei mir kam dazu, dass ich als solide Frau gelte. (lacht) Ich rauche nicht, ich trinke nicht, bin nie fremdgegangen. Niemand hat erwartet, dass ich eine sexuell übertragbare Krankheit haben könnte. Sogar ein Arzt hat mich mal fassungslos gefragt: „Frau Welbers, wie sind SIE denn dazu gekommen?“ Dabei weiß er als Mediziner doch ganz genau, wie das passiert.

Wie viele Leute gehören denn inzwischen zum Netzwerk PositHiv & Hetero?

Über den E-Mail-Verteiler erreichen wir aktuell rund 80 Personen. Wir bemühen uns darum, dass neue Leute zu uns kommen. Aber nach wie vor trauen sich unsere Teilnehmer erst dann zu einem Treffen, wenn ihnen in der Aidshilfe jemand sagt: Komm doch einfach mal mit!

Was bereden Sie auf so einem Treffen?

Das Gute ist: Wir alle sind ja Experten in eigener Sache. Der ganze Kreis hat Erfahrung mit HIV: Wie gehe ich damit um? Wie erzähle ich meinen Angehörigen davon? Nur ein Beispiel: ein Familienvater, einmal fremdgegangen, HIV-positiv. Er konnte seinen Kindern einfach nicht sagen, dass er positiv ist – obwohl sie schon erwachsen sind. Angespornt durch unsere Netzwerktreffen hat er sich inzwischen geoutet.

Wie haben seine Kinder reagiert?

Seine Tochter hat es gut aufgenommen, aber sein Sohn konnte mit dieser Nachricht gar nicht umgehen. Nach seinem Coming-out haben wir gemeinsam in der Gruppe besprochen, wie  die entscheidende Familienkonferenz abgelaufen ist. Als Außenstehender schaut man da ja ganz anders auf so eine Szenerie, als das die Beteiligten tun. Das hilft sehr! Diese bundesweiten Treffen waren auch für mich sehr wichtig. Man fühlt sich als HIV-positiver Mensch ja oft so, als ob man aus einem anderen Universum käme. Auf den Treffen sieht man dann, dass man gar nicht so alleine ist und dass es viele andere Menschen gibt, die positiv sind und denen es ähnlich geht.

Viele Heterosexuelle haben Vorbehalten gegenüber Aidshilfen

Sie leiten manche dieser Treffen. Was müssen Sie dabei beachten?

Mir ist es sehr wichtig, dass sich neue Teilnehmer bei unseren Treffen auf Anhieb wohlfühlen. Wenn sie es schon oftmals in ihrem Umfeld so schwierig haben, dann sollen sie wenigstens bei uns nicht schräg angesprochen werden. Ich glaube, das ist auch eine unserer Stärken bei PositHiv & Hetero: Wir holen neue Leute ganz schnell ins Boot. Bei uns können sie relativ schnell Vertrauen fassen.

Ist das keine Selbstverständlichkeit?

Leider nein. Das ist selbst bei Aidshilfen oft ein Manko: Für die Menschen, die dort arbeiten, ist HIV etwas Alltägliches. Aber wenn man als heterosexueller Mensch zum ersten Mal eine Aidshilfe betritt, hat man große Vorbehalte. Eine Mutter hat mir mal erzählt: Ich kann mit meinem achtjährigen Sohn nicht in die Aidshilfe gehen, weil dort überall Schwulenbilder an der Wand hängen. Ich versuche, auf beiden Seiten Verständnis zu wecken. Wir wollen ja möglichst alle Menschen erreichen. Jeder kann in seiner eigenen Welt dafür sorgen, dass die Leute mehr über HIV erfahren und dass keine Panik ausbricht, wenn das Wort HIV fällt. Dafür müssen die Leute aber fragen dürfen, ohne jede Hürde. Da kommen oft auch sehr unterschiedliche Fragen. Die muss man eine nach der anderen beantworten. Ich hätte früher Fragen auch anders gestellt, als ich das heute tue – damals, als ich noch nichts über HIV wusste.

Rund drei Viertel der Menschen, die in Deutschland mit HIV leben, sind schwule Männer. Entsprechend stark sind sie in der HIV-Selbsthilfe vertreten. Vor 20 Jahren haben engagierte heterosexuelle Menschen mit HIV das Netzwerk PositHiv & Hetero gegründet, Gruppen gibt es heute in vielen Städten Deutschlands. Das Netzwerk will HIV-positive Heteros zusammenbringen und zur Selbsthilfe ermutigen. Dreimal jährlich finden bundesweite Netzwerk-Treffen statt. Aktuelle Termine und Ansprechpartner in den einzelnen Bundesländern finden sich unter http://hetero.aidshilfe.de.

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