Prävention & Wissen
NALOXON & CO.

Drogennotfall und Lebensrettung im Junkie-Bund-Café

Am 31. August wird international auf Todesfälle nach Drogen-Überdosierungen aufmerksam gemacht. Das Medikament Naloxon kann in solchen Fällen Leben retten, wie Marco Jesse und Urs Köthner* zeigen:

Am 30.7.2013 gegen 15:30 Uhr war es wieder mal so weit. Trudy, langjährige Mitarbeiterin im Junkie Bund Café, machte wie gewohnt zum Dienstschluss ihre Runde, um zu sehen, ob alle Besucher das Gelände verlassen haben. Da hörte sie aus der Besuchertoilette ein Röcheln und wusste sofort Bescheid …

Nach Öffnen der Tür zog sie zusammen mit einer Kollegin Marcel K. (45 J./Name geändert) aus der Toilette. Er hatte eine Überdosierung mit Heroin und war schon blau angelaufen. Jetzt musste es schnell gehen. Trudy und ein herbeigerufener Kollege beauftragen einen weiteren Kollegen, Notarzt und Rettungsdienst zu rufen, und begannen dann sofort mit den Erste-Hilfe-Maßnahmen im Drogennotfall.

Sie starteten mit der Beatmung und hielten Marcel K. am Leben, bis der Notarzt eintraf. So richtig bei Bewusstsein war er immer noch nicht. Auch die Rettungssanitäter und der Notarzt hatten ihre Mühe, Marcel K. wieder wach zu bekommen, und verabreichten ihm schließlich den Opiat-Antagonisten Naloxon. Danach war er sofort wieder ansprechbar, jedoch führte die extrem hohe Dosierung des Naloxons dazu, dass er in Panik geriet und wegzurennen versuchte. Nur mit Anstrengung gelang es den Sanitätern, ihn wieder „einzufangen“. Er wurde dann zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus mitgenommen.

Drogenkonsumräume retten Leben

Ein Leben ist aufgrund des engagierten Einsatzes des VISION-Teams gerettet worden, aber so richtig freuen kann sich Trudy nicht. „Ja, muss das denn sein“, regt sie sich auf, „immer wieder Konsum auf unseren Toiletten!“ So oft kommt es ja gar nicht vor, aber wenn, ist es häufig kritisch, da immer das Risiko mitschwingt, zu spät aufmerksam zu werden.

Natürlich gibt es bei VISION für Konsum auf den Toiletten ein zeitweiliges Hausverbot, und viele schreckt das ab, aber das löst die Problematik nicht. Bei allem Ärger hat Trudy auch Verständnis für die Konsumenten: „Ja, wo sollen sie denn hin, unsere Toiletten sind ja geradezu sicher und sauber gegenüber den Konsumplätzen draußen in der Öffentlichkeit … und die kennen wir zur Genüge.“

Jeden Tag gehen Mitarbeiter von VISION in Kalk auf die Straße und in Parks auf „Spritzensammeltour“ und sammeln zurückgelassene Konsumutensilien auf, um Verantwortung im Stadtteil zu übernehmen und dafür zu sorgen, dass sich keiner daran verletzen oder vielleicht sogar infizieren kann. Die Nachbarn und das Umfeld der Einrichtung schätzen dieses Angebot und melden dem Verein Plätze, die in die Runde mit aufgenommen werden. Auch mit der Sozialraumkoordination und dem Veedelhausmeister wird regelmäßig über Problemorte im Stadtteil gesprochen.

„Wenn man diese öffentlichen Konsumorte sieht, kann einem schlecht werden, alles ist dreckig, unhygienisch und unsicher. Wäre der Notfall hier passiert, wäre Marcel K. höchstwahrscheinlich verstorben. Dabei gibt es doch schon lange Alternativen“, regt sich Trudy weiter auf. „Zum Beispiel Drogenkonsumräume, die können Menschenleben retten.“ Durch saubere Konsumbedingungen und Erste Hilfe vor Ort helfen Sie den Schaden für den Einzelnen zu minimieren und sein Überleben zu sichern. Darüber hinaus gibt es weniger Konsum im öffentlichen Raum.

Ohne Konsumgelegenheit fehlt Entscheidendes

„In Köln haben wir auch einen Drogenkonsumraum, aber mit nur drei Plätzen für ganz Köln und sehr begrenzten Öffnungszeiten. Das reicht natürlich nicht, um öffentlichen Konsum merkbar einzuschränken. Wir tun ja schon viel für Schadensminimierung, Überlebenshilfe und Umfeldpflege. Wir tauschen gebrauchte Spritzen gegen neue, damit jedes Mal saubere Spritzen verwendet werden und draußen keine gebrauchten Spritzen rumliegen. Wir klären über Safer-Use-Regeln auf und versuchen für alternative Konsumformen zu werben. Aber wir haben keinen Einfluss auf den Konsumort, und der ist häufig draußen, ungeschützt und dreckig“, ergänzt der hauptamtliche VISION-Mitarbeiter Hartmut Organiska.

„Eine legale Möglichkeit zum Drogenkonsum wäre auch in Kalk wichtig und gut. Er muss ja nicht groß sein, am besten direkt an unserem und anderen Kontaktläden oder niedrigschwellig arbeitenden Projekten, dann hätten wir viele der heutigen Probleme nicht. Nicht nur für die Drogengebraucher wäre dies gut, sondern auch für uns Mitarbeiter. Wenn dann mal ein Notfall wie heute in unserer Einrichtung passiert, wären wir noch besser ausgerüstet und vorbereitet.“

Aber auch was Drogennotfälle angeht, könnte noch viel mit einfachen Mitteln getan werden. Wir sprechen hier von Naloxon, dem Medikament, welches der Notarzt eingesetzt hat, um Marcel K. „zurückzuholen“. Es gibt inzwischen international viele Initiativen und gute Erfahrungen damit, Naloxon an Opiatkonsumenten abzugeben und Sie in der Anwendung des Medikamentes und in Erster Hilfe im Drogennotfall zu schulen. Zentrale Ziele dieser Projekte sind die Verbreitung des Wissens über Erste Hilfe im Drogennotfall und die Chance, durch die Gabe von Naloxon den Drogentod wirksam zu verhindern.

„Naloxonvergabe und Notfalltraining – das wär was“

„Bei Naloxon gibt es auch keinen Missbrauch“, erklärt uns Urs Köthner (Projektleiter Kontaktladen Kalk), „denn wenn man es jemandem gibt, der keine Opiate nimmt, kann gar nichts passieren. Die einzige Gefahr bei einer ‚Überdosierung‘ mit Naloxon ist, dass der Opiatkonsument von jetzt auf gleich entzügig wird. Das passiert recht häufig bei Rettungseinsätzen und führt nicht selten dazu, dass der Betroffene dann alle weiteren Behandlungen und Hilfen ablehnt und nicht selten abhaut, weil er ‚intuitiv‘ erstmal nachlegen will/muss, um keinen Entzug mehr zu spüren. Da Naloxon nur 30–80 Minuten wirkt und dann das ursprüngliche Heroin wieder wirkt, könnte anschließend der nächste Notfall oder Todesfall drohen.“

Doch dieses Problem hat man heutzutage gut im Griff. Inzwischen kann man Naloxon über die Nase verabreichen und dadurch viel leichter und vorsichtiger dosieren und die geschilderte Situation vermeiden. Darüber hinaus werden alle Teilnehmer der Projekte darin geschult, dass immer auch der Rettungsdienst zu rufen ist und der Betroffene unter Beobachtung bleiben muss. „So was müssten wir auch hier in Köln haben, Naloxonvergabe und Drogennotfalltraining für Drogengebraucher, das wär doch was“, meint Trudy.

 

*Dieser Bericht erschien zuerst im Jahresbericht 2013 von VISION e.V. – Verein für innovative Drogenselbsthilfe. Herzlichen Dank an Geschäftsführer Marco Jesse für die Genehmigung zur Veröffentlichung in unserem Magazin!

Vorheriger Artikel

„Wir bieten eine möglichst datensichere Beratung an“

Nächster Artikel

Aktiv gegen Gewalt gegen Frauen – und gegen HIV

Gastbeitrag

Gastbeitrag

Gastautor_innen schreiben für magazin.hiv

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10 + = 19