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BIOGRAFISCHES

„Auch mit HIV kann man sich selbst lieben“

Eliane Becks Nininahazwem (37) erweckt im niederländischen Amersfoort die afrikanische Kultur mit Gesang und Tanz zum Leben. Charlot Spoorenberg vom HIV-Magazin hello gorgeous hat die Geschichte der mutigen HIV-positiven Migrantin aufgeschrieben.

(Foto: Caroline Dijk, Übersetzung der niederländischen Version: Anne Stein. Herzlichen Dank an Herausgeber Leo Schenk, an Charlot Spoorenberg und an Caroline Dijk für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.)

Elianes Geburtsland ist Burundi. Ein Land, das in den 90er-Jahren total zerrissen wurde. Gewalt zwischen Hutu- und Tutsistämmen sorgte für mehr als 250.000 Tote, und Hunderttausende Zivilisten flohen. Eliane: „Eine meiner Schwestern ist während der Geburt ihres Kindes gestorben, weil sie nicht zum Krankenhaus konnte. Wenn man in dieser Zeit von A nach B wollte, war das Risiko groß, erschossen zu werden.“ Und doch hat die Tatsache, dort aufgewachsen zu sein, Eliane die Kraft gegeben, jederzeit positiv zu bleiben, wenn etwas nicht gelingt. Das war eine Kraft, die sie gut gebrauchen konnte, als sie erfuhr, dass sie HIV-positiv ist.

Schock

Eliane: 1999 wurde bei mir Diabetes festgestellt. Ich bin sehr mager geworden und habe unter Hyperglykämien gelitten. Ich musste meine Ernährung gründlich umstellen und daher das Internat verlassen, in dem ich intern untergebracht war. Das war eine schwere Zeit für mich. Mein Blut wurde aber regelmäßig kontrolliert, und ich bekam Medikamente, wodurch ich mein Leben wieder in den Griff bekam. Ich verliebte mich und wurde schwanger mit Loris, meiner Tochter. Der Junge, mit dem ich zusammen war, war jedoch noch nicht für die Vaterrolle bereit und verließ mich, als ich im vierten Monat schwanger war. Ich beschloss, das Baby zu behalten.

„Ich weiß immer noch nicht, wie ich mich infiziert habe“

Zum Glück lernte ich vier Monate nach ihrer Geburt meinen Mann Michel kennen, einen Niederländer, der wegen seiner Arbeit in Burundi wohnte. Er ist für seine Arbeit häufig unterwegs, weswegen wir nach Angola zogen. Natürlich musste ich hier wegen meines Diabetes zurück ins Krankenhaus. In Angola ist es gesetzlich vorgeschrieben, dass man bei der ersten Blutuntersuchung auch auf HIV getestet wird. Ich hatte da überhaupt nichts dagegen, weil ich mir sicher war, dass mit mir alles in Ordnung war. Bis zu dem Zeitpunkt ist mein Untersuchungsergebnis schließlich immer negativ gewesen. Ich erschrak dann auch entsprechend, als ich erfuhr, dass ich ein positives Testergebnis hatte. Ich weiß immer noch nicht, wie oder wann ich mich infiziert habe.

Sarg

Es war mein Traum, gemeinsam mit meinem Mann Kinder zu bekommen. Das war dann auch das Allererste, an das ich gedacht habe, als ich die Diagnose erhielt. Als Antwort auf meine Frage, ob ich mit HIV noch Kinder bekommen könne, sagte der angolanische Arzt: „Kinder? Suchen Sie sich lieber jetzt schon einen Sarg aus.“ Ich ging nach Hause, schloss mich in meinem Zimmer ein und weinte unaufhörlich.

Mein Mann war wütend, als er nach Hause kam und hörte, was passiert war. Er wusste das ein oder andere über die Krankheit und konnte mich beruhigen. Mit einer HIV-Infektion kann man prima leben. Er sagte: „Du bist bereits daran gewöhnt, Medikamente aufgrund deines Diabetes zu nehmen. Jetzt kommen eben noch ein paar Medikamente mehr dazu.“ Mein Mann war mein HIV-Berater. Ich habe niemals einen anderen Berater gehabt. Wir wollten zu diesem Krankenhaus nicht mehr zurück und gingen zu einem guten Krankenhaus in Südafrika. Dort bekam ich meine Medikamente.

 „Mein Mann war mein HIV-Berater“

In afrikanischen Ländern wird HIV immer noch als Tabu behandelt. Wenn Medikamente beim Zoll gefunden werden, wird laut nachgefragt, wozu diese dienen, und dann weiß jeder darüber Bescheid. Das möchten wir nicht. Das Wort HIV sollte man in Afrika lieber nicht erwähnen. Wir reisten alle drei Monate und hatten dann immer einen Vorrat bei uns. Den versteckten wir in Trinkflaschen, im Koffer meiner Tochter zwischen dem Spielzeug, das Geräusche machte, zwischen den Windeln und vielem anderen mehr.

Eliane (Foto: Caroline Dijk)

Eliane (Foto: Caroline Dijk)

Musik als Medizin

Wir sind schließlich in die Niederlande gezogen. Ich habe zuerst allein in Burundi auf mein Visum gewartet. Mit meinem Baby im Arm habe ich drei Monate lang Niederländisch gelernt. Ich wollte bei meiner Ankunft sicher kommunizieren können. Hier habe ich mich dem gewidmet, was ich immer am liebsten tat: Musik machen, tanzen und Gedichte schreiben. Musik macht mich glücklich. Man kann mich auch einen Tag im Voraus für einen Auftritt buchen, und ich komme. Ohne Vorbereitung, einfach nach Gefühl. Musik erleuchtet mich innerlich. Musik kennt keine Grenzen. Ihre Botschaft reicht so weit.

Ich spiele die Indonongo, die auch meinem Unternehmen seinen Namen gegeben hat. In den Niederlanden bin ich die einzige burundische Frau, die diese einsaitige Violine spielt. Sie besteht aus dem Horn einer Kuh. Die Kuh hat in Burundi einen hohen Stellenwert. Dort werden Frauen mit Kühen verglichen. Wenn einem jemand ein schönes Kompliment machen möchte, sagt er: ‚Du hast Augen wie eine Kuh.‘ Darauf kann man als Frau sehr stolz sein. Die Kuh ist aus diesem Grunde auch als Logo meines Unternehmens abgebildet.

Genuss

Meine Facebook-Seite wird auch von Kindern aus Burundi besucht. Sie sehen so, was ich hier alles mache und die Fotos, auf denen ich mit der burundischen Flagge im Hintergrund Musik mache. Sie hören meine CD und sind stolz auf mich. Seit Kurzem spreche ich offen über meine HIV-Infektion. Ich habe sie gefragt: „Wenn ihr wüsstet, dass ich HIV-infiziert bin, würdet ihr mir dann immer noch applaudieren?“ Einige konnten mir das nicht glauben.

„Wenn du hinfällst, dann steh mit einem Lachen wieder auf“

Ich möchte der neuen Generation gern eine Botschaft mit auf den Weg geben: Auch mit einer HIV-Infektion kann man das Leben genießen. Wenn du hinfällst, dann steh mit einem Lachen wieder auf. Dann verfliegt die Traurigkeit wie von selbst.

Bald reise ich mit meiner Tochter für einen Monat in mein Herkunftsland. In Gihanga, meinem Geburtsdorf, werde ich auf einem besonderen Event tanzen und singen, dem Peace and Sport Program, das in Burundi, im Kongo, in Tansania und Ruanda stattfindet. Mit meinen Auftritten kann ich Kinder erreichen und ihnen mit auf den Weg geben, dass sie niemals aufgeben sollen. Ihren Müttern möchte ich erklären, dass man auch mit einer HIV-Infektion leben und sogar gesunde Kinder bekommen kann. Ich kann Menschen, die HIV-infiziert sind, nur Hoffnung geben.

Wenn man bereits so viele Jahre mit HIV lebt, dann kann man stolz darauf sein, dass man sich nicht hat unterkriegen lassen. Mir selbst hat man vor elf Jahren gesagt, dass ich schon einen Sarg für mich aussuchen könne, und schauen Sie selbst, was ich erreicht habe! Ich tu auch weiterhin, was ich getan habe, ich tanze immer noch und habe gesunde Kinder.

Tout est rose partout, tout est floraison

Ich würde dem Arzt in Angola gern erzählen, wie es mir jetzt geht. Es ist äußerst wichtig, positiv durchs Leben zu gehen. Setzen Sie sich selbst ein Ziel und lassen Sie sich von nichts und niemandem davon abhalten, es zu erreichen. Es gibt Menschen, die ihre Pläne durchkreuzen oder schlechtmachen wollen, aber sorgen Sie dafür, dass Sie ihr Ziel weiter verfolgen. Sagen Sie zu sich selbst, dass Sie schön sind, und lieben Sie sich. Nur dann können Sie auch andere lieben.

Tout est rose partout

Tout est floraison

C’est le printemps de la vie

Rejouissons nos coeurs

Oh! Tout est rose!!

Gedicht von Eliane

Reisepass

Name: Eliane Becks Nininahazwe

Alter: 37 Jahre

Familie: verheiratet mit Michel und Mutter von drei Kindern: Loris (13), Rio (8) und Akira (6)

Unternehmen: Indonongo: Musik, Poesie und Tanz aus Afrika

Lebensmotto: Wenn dir das Leben auch 100 Gründe zum Weinen gibt, so gibt dir das Leben auch 1000 Gründe zum Lachen.

Buchungen: Tel: +31(06) 124 63 713, E-Mail: indonongo@hotmail.com, www.indonongo.nl

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