Gesellschaft & Kultur
Aids im Film

Menschen, Viren, Sensationen

Wie schon die Romanvorlage, so missbraucht auch die Verfilmung des Bestsellers Dem Horizont so nah HIV und Aids als fragwürdigen Plot für ein tränenheischendes Liebesdrama.

Jessica ist hin und weg von diesem jungen Mann, dem sie da zufällig an einer Schießbude auf dem Rummelplatz begegnet ist. Man kann es der 18-Jährigen nicht verdenken. Kess und mit gespielter Distanz flirtet dieser schmucke Danny mit ihr. Spätestens, als er ihr seine frisch geschossene rote Plastikrose schenkt und lange, tiefe Blicke mit ihr tauscht, ist es um sie geschehen.

Und so, wie der Charmebolzen hier lächelt und mit  seinen strahlenden Augen zugleich verschlagen und ein wenig melancholisch dreinschaut, hat Darsteller Jannik Schümann („Die Mitte der Welt“, „Charité“) auch den Großteil des jungen (weiblichen) Zielpublikums mindestens für die restlichen 100 Filmminuten für sich gewonnen.

„Mein Leben ist in Wirklichkeit eine echte Katastrophe“

Dem Horizont so nah ist ein handwerklich souverän produziertes Liebesdrama, mit ausnahmslos schönen Bildern im Cinemascope-Format, jeder Menge Gefühl  und einer übergroßen Portion Drama.

Es steht zu erwarten, dass der Film ebenso erfolgreich werden wird wie die Romanvorlage von Jessica Koch. Ihr ursprünglich in einem kleinen Verlag erschienenes Buch wurde nach rund 300.000 verkauften Exemplare von einem großen Taschenbuchverlag neu aufgelegt und von der Autorin mittlerweile zu einer ganzen Trilogie ausgebaut.

Dem Horizont so nah: HIV und Aids als Trigger für größtmögliches Drama

So, und ab jetzt beginnt das Spoilern. Denn was über diesen Film gesagt werden muss, geht nur, wenn man die entscheidenden Details benennt (also verrät). Und leider ist dies notwendig, denn der Film ist ein ärgerliches Beispiel dafür, wie HIV und Aids als Trigger für ein größtmögliches Drama benutzt, wenn nicht gar missbraucht werden.

Folgen wir zunächst noch kurz der beginnenden Romanze. Zum ersten Date holt der 20-Jährige mit James-Dean-Attitüde die überraschte Jessica (Luna Wedler) in seinem Cabrio ab, um sie in ein französisches Edelrestaurant auszuführen. Danny entpuppt sich als gut bezahltes Unterwäsche-Fotomodel mit entsprechenden körperlichen Vorzügen.

Filmszene

Foto: StudioCanal

Sein luxuriöser Lebensstil steht damit in deutlichem Kontrast zum einfachen Mittelstandsmilieu, in dem Jessica aufwächst. Aber bevor sich das Aschenputtel-Liebesglück allzu märchenhaft entwickeln könnte, verpasst ihm Danny einen so knallharten wie mysteriösen Dämpfer: „Mein Leben ist in Wirklichkeit eine echte Katastrophe“, sagt er und rät ihr: „Wenn du klug bist, dann rennst du ganz weit weg, solange du es noch kannst.“

Dannys „dunkles“ Geheimnis“

Nach seinem tränenreichen Coming-out und Jessicas panischer Reaktion („Du hättest mir das sagen müssen… Du hättest mich anstecken können!“), rennt sie erst davon, um dann mit Kondomen zurückzukommen. Später wird sie zu einer Beratungsstelle gehen, um sich über HIV zu informieren.

Wenn sie aufpassten, könne nichts passieren, sagt man ihr dort. Und selbst, wenn das Kondom reißen sollte, gebe es Tabletten, um eine Infektion zu verhindern.

Spätestens hier beginnt der Film (aufgrund seiner Vorlage) ins Schlingern zu geraten. Denn Jessica Koch hat ihren Roman wie auch Tim Trachte („Abschussfahrt“, „Benjamin Blümchen“) seine Filmadaption sehr konkret im Jahr 1999 verortet. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass damals eine Beratungsstelle in einer Eifel-Kleinstadt die Post-Expositions-Propyhlaxe (PEP) in Aussicht stellte, denn Empfehlungen dazu gab es damals noch nicht, nur einzelne Erfahrungen aus wissenschaftlichen Studien.

Viel überraschender und unverständlicher erscheint hingegen, warum Jessica in der Beratung  nicht über die Möglichkeit und Chancen der HIV-Therapie aufgeklärt wird. Die sogenannte hochaktive antiretrovirale Therapie (HAART) war zu jener Zeit bereits seit drei Jahren Standard und hatte allein in Deutschland tausende Menschen mit HIV davor bewahrt, an Aids zu erkranken und zu sterben.

Filmszene

Foto: StudioCanal

Danny, so erfahren wir aus einem Dialog, weiß bereits seit zehn Jahren um seine Infektion, war aber nie in Behandlung und blieb bislang offensichtlich frei von jeglichen HIV-bedingten Erkrankungen. Im Gegenteil: Er ist körperlich so fit, dass er Kickboxing auf Leistungsport-Niveau betreiben kann.

Warum nimmt Danny keine HIV-Medikamente?

Das macht es medizinisch umso unwahrscheinlicher, dass er – gewissermaßen aus heiterem Himmel – an einer aidsbedingten Störung des zentralen Nervensystems erkrankt.

Und statt jetzt eine HIV-Therapie zu beginnen, um die Krankheit und damit Demenz und den Verlust der Sprachfähigkeit zu verhindern, wählt Danny den Freitod.

Wie die Autorin die Behandelbarkeit von HIV in jener Zeit ignoriert und offenbar medizinische Fakten so manipuliert, dass sie eine spektakuläre Lovestory mit größtmöglicher Dramatik schaffen kann, macht fassungslos.

Wie glaubwürdig ist diese angeblich wahre Geschichte?

Hat sich Jessica Koch, die hier angeblich ihre eigene Geschichte mit ihrem Freund Danny aufarbeitet, nur falsch erinnert?

Oder ist die angeblich wahre Geschichte einfach unzureichend recherchiert oder schlecht erfunden? Dafür sprechen auch die durch ihre Anhäufung unglaubwürdig wirkenden anderen Probleme, mit denen sich Danny und seine Mitbewohnerin und platonische Freundin Tina (Luise Befort) zusätzlich herumschlagen müssen: Danny ist Opfer sexueller Gewalt und wurde von seinem Vater infiziert, Tina ist drogenabhängig und muss bei einem Rückfall mal schnell aus einer versifften Junkie-WG befreit werden.

Wenn es Gründe dafür gibt, warum Danny sich nicht behandeln lässt, müssten sie zumindest erwähnt werden. Hätte dieser Funke realistischer Hoffnung den Plot zu sehr gestört?

Den problematischen Aspekten von Dannys Erkrankung – Anfeindungen und Beschimpfungen als „Aidsschwuchtel“, der Sorge von Jessicas Eltern und ihrer besten Freundin – widmet der Film hingegen lange, intensive Szenen.

Doch anders als etwa die Verfilmung des thematisch verwandten Romans „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ schafft „Dem Horizont so nah“ weder eine vergleichbare Intensität, noch findet die sich aufdrängende Auseinandersetzung mit dem nahenden Tod statt.

Die Hoffnungslosigkeit drängt Danny schließlich dazu, nicht zu lange zu warten, um selbst über den Zeitpunkt seines Todes entscheiden zu können.

Wo bleibt die Verantwortung für das junge Publikum?

Das letzte Bild – Danny in Großaufnahme mit fröhlichem, glücklichem Lächeln vor einem sonnenhellen Horizont – lässt an einen Heiligenschein denken.

Für jedes andere Liebesdrama wäre dies ein zwar ziemlich kitschiges, aber womöglich passendes Schlussbild.

In diesem Falle aber muss man sich schon fragen, ob in einem Film für ein überwiegend junges Publikum eine solche Verherrlichung des Freitods nicht die notwendige pädagogische Verantwortung missen lässt.

„Dem Horizont so nah“. Deutschland 2019, Regie: Tim Trachte. Darsteller: Luna Wedler, Jannik Schümann, Luise Befort, Victoria Mayer, Stephan Kampwirth, Denis Moschitto, Frederick Lau.
Kinostart: 10.10.2019

Trailer zu „Dem Horizont so nah“

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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