Prävention & Wissen
Infektionsrisiken

Wie groß ist das Infektionsrisiko bei Verletzungen durch gebrauchte Spritzen?

Immer wieder kommt es vor, dass Drogenkonsument_innen gebrauchte Spritzen achtlos zurücklassen, z.B. in Parks, an Stränden oder auf Spielplätzen. Die Angst, dass sich etwa spielende Kinder an den Nadeln verletzten oder gar infizieren, ist verständlich. Welche realistischen Risiken bestehen tatsächlich, dass auf diesem Weg HIV oder Hepatitis übertragen werden?

Zwar gibt es in vielen größeren Städten sogenannte Druckräume, in denen Abhängige in einem geschützten und sterilen Umfeld ihre Drogen konsumieren können. Doch solche Orte sind rar. Drogengebraucher_innen nutzen deshalb häufig ruhige Plätze im öffentlichen Raum, etwa Parkanlagen – und hinterlassen dort leider viel zu oft auch ihre Utensilien.

Die Gefahr, dass sich andere an Spritzen stechen könnten, welche nachlässig im Sandkasten eines Spielplatzes oder auf dem Rasen einer Grünanlage liegengelassen wurden, ist durchaus realistisch. Doch anders, als etwa bei Glasscherben, die ebenfalls erhebliche Verletzungen verursachen könnten, kommt bei einem Nadelstich die Angst hinzu, sich womöglich mit übertragbaren Krankheiten wie HIV und Hepatitis zu infizieren.

Ist die Sorge berechtigt und wie sollte man sich verhalten, wenn es zu einer solcher Stichverletzung gekommen ist?

Fälle von Nadelstichverletzungen betreffen fast ausschließlich Beschäftigte im Gesundheitswesen

Nadelstichverletzungen sind keineswegs selten. Rund drei Millionen werden jährlich weltweit registriert, ein Drittel davon allein in Europa. Doch diese Fälle betreffen fast ausschließlich Beschäftige im Gesundheitswesen. Es handelt sich also um Unfälle, die beispielsweise bei der Blutabnahme oder bei Operationen geschehen.

Anderes als bei einer weggeworfenen Spritze, die vielleicht schon mehrere Stunden oder gar Tage herumgelegen hat und mögliche Blutreste an der Kanülenspitze daher bereits eingetrocknet sind, kommt es tatsächlich zum Kontakt mit frischem Blut.

Dennoch sind HIV-Infektionen auf diesem Weg eine Seltenheit. Weltweit sind lediglich rund 100 dokumentiert. In den USA etwa wurden insgesamt 58 solcher berufsbedingten Infektionen registriert (Stand 2013) – und zwar seit Beginn der HIV-Epidemie in den 1980er-Jahren. Der letzte dokumentierte Fall liegt bereits 20 Jahre zurück.

Risiko einer HIV-Infektion

Zwar kommt es in der Tat immer wieder zu Stichverletzungen durch weggeworfene Spritzen, doch bisher wurde keine einzige daraus resultierende HIV-Übertragung bekannt. Zum einen sind HIV-Erkrankungen unter Drogengebraucher_innen seltener als gemeinhin angenommen.

Sie haben zwar ein vielfach höheres Risiko, sich mit Infektionskrankheiten wie HIV und Hepatitis B oder C anzustecken als die Allgemeinbevölkerung. Dennoch liegt die Prävalenz (also die Häufigkeit) in Deutschland laut der 2016 vom Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlichten DRUCK-Studie je nach Stadt zwischen null und neun Prozent.

Besonders wichtig aber: „HIV ist außerhalb des Körpers vergleichsweise kurz infektionsfähig“, sagt Armin Schafberger, Medizinreferent der DAH.

Übertragungsrisiko von HIV über angetrocknete Reste in der Spritze praktisch auszuschließen

Dr. Ulrich Marcus vom Robert-Koch-Institut nennt noch einen weiteren Grund: „Normalerweise führt eine akzidentielle [Anm. der Red.: d.h. zufällige] Stichverletzung an einer weggeworfenen Injektionsnadel nicht zu einer nennenswerten Inokulation“ – also zu einer Übertragung von Krankheitserregern.

Wenn sich nur noch angetrocknete Reste in der Spritze bzw. Kanüle befinden, sei ein Übertragungsrisiko praktisch auszuschließen. Denn: „Angetrocknete Blutreste können bei einem sehr kurzen Kontakt nicht gelöst werden.“

Ein tatsächliches Risiko würde lediglich in dem sehr theoretischen Fall bestehen, „wenn z.B. ein Kind mit einer Spritze spielt, sich an der Nadel sticht und sich dabei Blut aus der Spritze versehentlich oder absichtlich injiziert.“

Risiko einer Hepatitis B- bzw. Hepatitis C-Infektion

Das Risiko, sich durch eine weggeworfene Spritze mit HIV zu infizieren, ist also verschwindend gering. Eine Übertragung von Hepatitis-Viren hingegen ist weitaus realistischer. So kann bei Nadelstichverletzungen Hepatitis B, sofern kein Impfschutz vorliegt, rund einhundert Mal leichter übertragen werden, Hepatitis C sogar zehnmal leichter.

Aus diesem Grund wird Klinikpersonal auch empfohlen, sich gegen Hepatitis B impfen zu lassen. Darüber hinaus bleiben Hepatitis-C-Viren auch im getrockneten Zustand unter Umständen noch wenige Tage infektiös, Hepatitis B sogar viele Wochen. Zudem sind Drogengebraucher_innen häufiger mit Hepatitis B oder C infiziert. 2016 wurde laut DRUCK-Studie – je nach Stadt – bei 23 bis 54 Prozent eine akute, potenziell infektiöse Hepatitis C diagnostiziert.

Wahrscheinlichkeit einer Übertragung gering

Dennoch: Auch hier ist die Wahrscheinlichkeit einer Virusübertragung gering. 2015 wurden bei einer Überprüfung der bis dahin weltweit 1500 gemeldeten Fälle von Nadelstichverletzungen durch weggeworfene Spritzen lediglich in fünf Fällen Hepatitis B- bzw. C-Infektionen festgestellt.

Was tun bei einem akuten Notfall?

  • Prüfen Sie zunächst, ob die Stichverletzung lediglich oberflächlich ist oder ob Blut aus der Wunde tritt. In diesem eher seltenen Fall sollten Sie die Stichwunde möglichst länger als eine Minute bluten lassen. Dadurch wird der potentielle Erreger ausgeschwemmt. Wenn Sie den Arm bzw. das Bein mit Ihren Händen umfassen und nicht zu fest zudrücken, kann so die Blutung unterstützt werden. Wichtig: Die Wunde selbst nicht quetschen, denn sonst könnte der Erreger ins Gewebe gedrückt werden.
  • Reinigen Sie die Wunde mit Wasser und Seife. Sofern vorhanden, können Sie auch Desinfektionsmittel oder desinfizierende Salben verwenden.
  • Prüfen sie noch vor Ort, ob sich in der Spritze selbst oder an der Kanülenspitze Blut feststellen lässt. Es empfiehlt sich zeitnah – möglichst binnen zwei Stunden und auf jeden Fall innerhalb eines Tages – eine Arztpraxis aufzusuchen. Am besten die Spritze in einem gesicherten Behälter mitnehmen.

Wenn noch genügend Blut in der Kanüle ist, kann man im Labor vielleicht noch feststellen, ob die_der Drogengebraucher_in eine Infektionskrankheit (HIV oder Hepatitis) hatte.
Wichtig: Impfpass nicht vergessen!

Impfstatus prüfen, Impfung auffrischen und vervollständigen

Bei der Erstuntersuchung nach dem Unfall wird die_der Patient_in auf HIV sowie Hepatitis B und C getestet, um eine frühere Infektion auszuschließen beziehungsweise um gegebenenfalls einen unklaren Impfstatus bei Hepatitis B abzuklären.

Impfung gegen Heptatitis B wird generell empfohlen

„Eine Nadelstichverletzung kann – unabhängig vom konkreten Infektionsrisiko – Anlass sein, den Impfstatus von Hepatitis B zu überprüfen, aufzufrischen bzw. zu vervollständigen“, sagt Ulrich Marcus. Die Impfung werde bei allen Kindern in Deutschland generell empfohlen. Nicht versäumt werden sollte auch, den Tetanus-Impfschutz zu überprüfen und gegebenenfalls zu aktualisieren.

Gegen Hepatitis C gibt es noch keine Impfung, allerdings ist eine Erkrankung mittlerweile gut heilbar. Eine prophylaktische Medikation ist jedoch nicht angezeigt. Auch wenn das Infektionsrisiko vergleichsweise gering ist, sollte man sicherheitshalber die Blutkontrolle nach drei bzw. sechs Monaten wiederholen.

Diese Termine können gegebenenfalls auch genutzt werden, um die Hepatitis B- oder Tetanus-Impfung zu vervollständigen.

Bei tatsächlichem Risiko die Möglichkeit der Post-Expositions-Prophylaxe

Auch gegen HIV gibt es noch keine Impfung, allerdings kann nach einer Risikosituation die Wahrscheinlichkeit für eine HIV-Infektion durch eine mehrwöchige Medikamenteneinnahme deutlich verringert werden. Diese sogenannte Post-Expositions-Prophylaxe wird von der Deutschen und Österreichischen AIDS-Gesellschaft (DÖAG) nur in Fällen empfohlen, wenn ein tatsächliches Risiko bestand (zum Beispiel bei ungeschütztem Sex mit einer HIV-positiven Person). Bei Nadelstichen mit einer weggeworfenen Spritze wird das Infektionsrisiko allerdings als zu gering eingeschätzt, als dass in solchen Fällen die Gesundheitsrisiken, die mit der Therapie einhergehen, zugemutet werden können.

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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