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Ein Jahr nach dem trans* Coming-out: Mein Leben ist leichter – und komplizierter

Robyn Schmidt, Projektkoordinatorin der Präventionskampagne ICH WEISS WAS ICH TU, hatte vor gut einem Jahr ihr trans* Coming-out. In diesem Text beschreibt sie, wie es ihr seither ergangen ist.

Vor nun schon etwas mehr als einem Jahr habe ich die für mich bisher schwierigste Entscheidung in meinem Leben getroffen und hatte mein trans* Coming-out – zunächst in der Familie und im engsten Freundeskreis, dann in meinem Arbeitsumfeld und schließlich auch bei Facebook.

Der damalige Support online und offline hat mir viel bedeutet und mir gezeigt, dass manche Dinge zwar großen Mut erfordern, es sich aber lohnt, sich seinen Herausforderungen zu stellen.

Sichtbarkeit ist wichtig

Um auch denjenigen von euch Einblick in mein Leben zu geben, die nicht im regelmäßigen Austausch mit mir stehen und die nicht so sehr mit LGBTIQ*– oder genauer mit trans* Lebensrealitäten zu tun haben, gebe ich jetzt ein kleines Update über das vergangene Jahr.

Warum? Weil Sichtbarkeit wichtig ist. Weil ich so Wissen teilen und hoffentlich auch für mehr Verständnis sorgen kann.

Falls ihr also mögt, freue ich mich, wenn ihr den nun folgenden längeren Text lest.

Emotionale Achterbahnfahrt vor und während der trans* Coming-outs

Die Zeit direkt vor und während meiner Coming-outs – denn mit einem einzigen ist es nicht getan, und auch jetzt gibt es immer noch welche – war eine emotionale Achterbahnfahrt.

Ich bin dabei viel Verständnis und Akzeptanz begegnet. Habe etwas über Beziehungen zu mir nahestehenden Menschen gelernt, was ich vorher nicht wusste. Zum Beispiel hätte eine Person aus meinem familiären Umfeld für Gespräche über meine Gedanken und Zweifel bereitgestanden, als diese mich zum ersten Mal beschäftigten, doch hielt ich sie damals für nicht ansprechbar. Das verursachte eine gewisse Enttäuschung, weil die Person dachte, ich hätte nicht genug Vertrauen zu ihr. Als ich dann aber erklärte, wie lange ich gebraucht hatte, um mich erst einmal selbst mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen, und wie verunsichert ich war, konnte sie mich verstehen.

Verstehen und Verständnis brauchen mitunter Zeit

Bei zum Glück nur sehr wenigen bin ich leider auch auf Unverständnis gestoßen. Aber Verständnis kommt von Verstehen und Verstehen ist ein Prozess, der mitunter Zeit braucht. Ich hoffe, dass die wenigen bereit für diesen Prozess sind, und möchte schauen, was ich auch für sie tun kann, um ihnen dabei zu helfen.

Den Schritt auf mich zugehen, müssen sie aber selbst, da es in ihrem Interesse sein sollte, zu verstehen.

Nicht nur für mich ist mein Coming-out ein Thema, was mich beschäftigt. Andere brauchen nach wie vor Zeit, um das zu verarbeiten, was ich ihnen vor einem Jahr mitgeteilt habe.

Womit für mich quasi ein neues Leben begann, während ich für mich im Kern aber ich bleibe und fortexistiere, endete für andere das Leben einer Person, die ihnen nahestand. Die sie schmerzlich vermissen.

Auch das ist etwas, was für mich in diesem Umfang nicht vorstellbar war. So mischt sich zu meiner Freude bei anderen die Trauer – etwas, das zum Prozess eines trans* Coming-outs dazugehört und mich nicht unberührt lässt.

Kein Versteckspiel mehr, aber neue Hürden

Mein Leben ist nun leichter und zugleich auch komplizierter geworden.

Leichter, weil ich mich nicht mehr verstecken muss.

Leichter, weil ich nun auch nach außen die sein kann, die ich im Inneren oft gespürt habe, aber mich lange nicht getraut habe zu leben. Mich mit jedem Tag mehr bei mir angekommen fühle.

Ich verstehe die Neugier, aber ich bin keine Suchmaschine

Leichter, da mir dies ermöglicht, meine Grenzen zu verteidigen und für mich und meine Bedürfnisse einzustehen.

Komplizierter, da ich mit völlig fremden Menschen (zum Teil mit Ärzt_innen) über die Wahl meines Namens, meine sexuelle Orientierung und mögliche, geplante Veränderungen meines Körpers sprechen muss bzw. sie mich danach einfach so fragen.

Dinge, für die sie sich vorher nicht interessiert haben und die auch in den Kontext der Begegnung nicht hingehören.

Ich verstehe die Neugier, aber ich bin keine Suchmaschine und kein Lexikon. Und ich frage meinen Arzt ja auch nicht einfach so, ob er auf Männer oder Frauen steht. Welche Relevanz hätte das für mich? Welches Interesse steckt also hinter solchen Fragen?

Komplizierter ist auch Reisen geworden, nicht erst seit Corona. Buchungen sind nur unter dem alten Namen und dem für mich falschen Geschlecht möglich. Das fühlt sich merkwürdig an und führt auch zu einigen Verwirrungen beim Gegenüber.

Komplizierter sind auch Bestellungen übers Internet geworden, aus den gleichen Gründen. Falls ein Paket mal im Paketshop landet, könnte ich es nicht abholen, da ich mich nicht richtig ausweisen kann. Zum Glück gibt es Packstationen.

Ich möchte keinen Zusatzausweis, sondern nur einen richtigen

Es gibt zwar auch einen Extra-Ausweis von der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (DGTI), der genau für solche Fälle hilfreich ist, aber ich möchte keinen Zusatzausweis, sondern nur einen richtigen.

Komplizierter geworden ist auch der digitale Zahlungsverkehr. Gerade in Zeiten wie den aktuellen, in denen zu Spenden für Solidaritätsaktionen aufgerufen wird und wo dies eigentlich unkompliziert via Paypal und Co. möglich wäre, werde ich noch immer mit meiner alten Identität konfrontiert. Dies verhinderte für mich auch ein Stück weit Teilhabe. Zum Glück gibt es aber auch dafür Bargeld.

Das „Transsexuellengesetz“ (TSG) muss reformiert werden

Diese Einschränkungen mittels Personenstands- und Vornamensänderung zu beseitigen, ist ein Ziel für dieses Jahr 2020. Aber auch das ist etwas kompliziert.

So gab es mit dem Paragrafen 45b („Erklärung zur Geschlechtsangabe und Vornamensführung bei Personen mit Varianten der Geschlechtsentwicklung“) des Personenstandsgesetzes eine Zeit lang de facto die Möglichkeit, dies einfach und unkompliziert als Verwaltungsakt zu machen.

(Anm. d. Red.: Dies war ab dem Inkrafttreten des „Gesetzes zur Änderung der in das Geburtenregister einzutragenden Angaben“ am 22. Dezember 2018 der Fall, und zwar in Verbindung mit Paragraf 22 Abs. 3 des Personenstandsgesetzes: „Kann das Kind weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, so kann der Personenstandsfall auch ohne eine solche Angabe oder mit der Angabe ‚divers‘ in das Geburtenregister eingetragen werden.)

Allerdings war diese Möglichkeit nicht für trans* Menschen, sondern nur für inter* Menschen gedacht und die Nutzung dieser Möglichkeit auch mit einigen Nachteilen verbunden. In einem Rundschreiben stellte das Bundesinnenministerium dann am 10. April 2019 klar, dass die Regelung sich nicht auf trans* Menschen bezieht. Daher habe ich davon keinen Gebrauch gemacht.

1.000 Euro und mehr nur für die Änderung des Namens und des Geschlechtseintrags?

Nach wie vor gelten daher die Regelungen des mittlerweile über 40 Jahre alten Transsexuellengesetzes (TSG), die zwei Gutachten von Psycholog_innen vorsehen und eine Anhörung vor Gericht. Dies kostet in der Regel mindestens 1.000 Euro, meistens mehr. Nur um seinen Namen und den Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde ändern zu lassen.

Eine gesetzliche Grundlage wie das TSG zu haben, um seinen Anspruch auf Leistungen begründen zu können, ist zwar besser als gar keine Grundlage, aber das TSG ist als solches dringend abzuschaffen und durch ein zeitgemäßes Gesetz zur Anerkennung der geschlechtlichen Selbstbestimmung zu ersetzen.

Aktuell bewegt sich da schon etwas: In der Politik wird über eine Änderung und Regelung über das Personenstandsrecht beraten – hoffentlich wird bald eine Entscheidung dafür fallen. Dann wäre es tatsächlich nur ein Verwaltungsakt beim Standesamt und würde etwa 50 Euro kosten. Ein großer Unterschied.

Etwas Geduld habe ich noch und halte dafür das Zwischen-zwei-Identitäten-sein noch aus. Aber spätestens mit Beginn des neuen Jahres soll das für mich vorbei sein.

Etwas Geduld habe ich noch

Mit der der ICD-11 (International Classification of Diseases) steht nun auch endlich die Streichung der Transsexualität als psychische Krankheit ab dem Jahr 2022 bevor –30 Jahre nach der Streichung von Homosexualität aus der ICD. Damit wird hoffentlich auch die Stigmatisierung, die trans* Menschen dadurch erfahren, gemindert.

(Anm. der Redaktion: In der ICD-10 wird Transsexualität im Bereich der psychischen und Verhaltensstörungen eingeordnet. Komplett gelöscht aus der ICD-Klassifikation wird das Thema aber nicht: Damit trans* Menschen auch weiterhin Zugang zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen haben, wird die neue Kategorie „Sexual Health Conditions“ [in etwa Zustände sexueller Gesundheit] eingeführt und darin zukünftig von Geschlechtsinkongruenz gesprochen.)

Hormontherapie: Abwägung zwischen Wünschen und Risiken

Andere Entscheidungen, mit denen ich mich auseinandersetze, betreffen die Hormontherapie.

Eine für alle passende Standardbehandlung gibt es nicht, da sich jeder Mensch in seinem Ausgangshormonhaushalt unterscheidet und anders auf die externe Zuführung von Hormonen und gegebenenfalls Testosteronblockern reagiert.

Auch sind all diese Medikamente in erster Linie für die Behandlung anderer Dinge bestimmt (z. B. Hormonersatz während der Wechseljahre) und auch nur in diesem Rahmen auf ihre Wirkung hin untersucht. Die Medizin macht sich hier nur quasi die Nebenwirkungen zunutze.

Ich werde Schritt für Schritt die Hürden überwinden

Zu einigen Präparaten (insbesondere solchen, die den Testosteronwert senken) gehören aber auch Nebenwirkungen wie Depressionen, Antriebslosigkeit, Auswirkungen auf den Wasserhaushalt, den Cholesterinspiegel, den Kaliumhaushalt und den Blutdruck oder auch Gedächtnisverlust und andere Folgen.

Es ist dann mitunter eine schwere Abwägung zwischen den gewünschten Veränderungen des Körpers und den Nebenwirkungen und auch der damit verbundenen Reduzierung der Lebensqualität, mit denen ich  mich als trans* Frau auseinandersetzen muss.

Insgesamt trägt für mich aber gerade die Hormontherapie zu einer gesteigerten Lebensqualität bei.

Trotz all dieser Herausforderungen bereue ich meine Entscheidung nicht und werde Schritt für Schritt die Hürden überwinden, die noch vor mir liegen.

P.S.: Nach der Veröffentlichung meines Beitrags auf Facebook hat sich eine Person aus dem sozialen Umfeld eines trans* Kindes am mich gewandt und nach Unterstützungsmöglichkeiten gefragt. Das hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig das Erzählen und Sichtbarmachen der eigenen Geschichte für andere sein kann.

In diesem Zusammenhang möchte ich zudem gerne auf die Übersicht über Beratungsstellen zur inter*/trans* Beratung auf transintersektionalitaet.org und transmann.de/adressen sowie die Seite www.trans-kinder-netz.de/wer-sind-wir verweisen.

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