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Gendersensible Versorgung

Praxis für trans Personen: Medizin ohne üblichen Takt

Dieser Artikel erschien zuerst am 21. Februar 2021 auf taz.de. Wir danken dem Autor Steven Meyer, den Protagonist*innen, der Fotografin Anja Weber und der Redaktion der taz herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

Seit Jahren leidet Alexander Hahne aufgrund einer Hüftverletzung an chronischen Schmerzen. Bei der Behandlung stellen Ärz­t*in­nen seit Jahren immer wieder einen Zusammenhang zwischen den Schmerzen und der Einnahme seiner Hormone her. Dabei begannen seine Schmerzen lange vor seiner Transition. Der 33-Jährige ist trans und nimmt seit sieben Jahren Hormone. „Dass ich trans bin, wird von verschiedenen Ärz­t*in­nen immer wieder zum Thema gemacht, auch wenn es nichts mit meinem Anliegen zu tun hat“, sagt Hahne.

Martin Viehweger und seine Kollegin Elena Rodrigues kennen die Problematik. Aus diesem Grund haben die beiden Ärz­t*in­nen im Oktober 2020 die ViRo-Praxis in Berlin-Neukölln eröffnet. Der Name der Praxis setzt sich aus dem jeweiligen Anfang der Nachnamen zusammen, sie richtet sich insbesondere an trans Menschen. Die beiden In­fek­tio­lo­g*in­nen bieten allgemeinmedizinische Unterstützung in Sachen trans Medizin, infektiologische Erkrankungen und sexuelle Gesundheit an. „Wir begleiten unsere Pa­ti­en­t*in­nen auf ihrem Weg, den viele Me­di­zi­ne­r*in­nen einfach nicht verstehen“, sagt Viehweger bei einem Telefongespräch mit der taz. Ihre Praxis ist eine Seltenheit in Deutschland.

„Es ist immer stressig, weil ich nie weiß, wie mein Gegenüber auf mein Coming-out reagiert“

Hierzulande suchen trans Menschen oft lange nach Ärzt*innen, die Erfahrung mit der Behandlung von trans Personen haben. Besonders abseits der Metropolen Hamburg, Berlin, Köln oder München ist die Lage schlecht. Spezialkliniken gibt es auf dem Land nicht, weshalb viele vor der Transition weite Wege für eine Psychotherapie auf sich nehmen müssen, um eine Hormontherapie zu beginnen oder geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen zu lassen. Falls sie sich diese weiten Wege mit Zug oder Auto nicht leisten und die Behandlungen deshalb nicht durchführen können, kann das erhebliche psychische Folgen mit sich bringen. Aber auch in Großstädten kann bereits ein einfacher Besuch in einer HNO-Praxis oder bei einem*r allgemeinmedizinischen Ärz­t*in Probleme mit sich bringen.

„Es ist immer stressig, weil ich nie weiß, wie mein Gegenüber auf mein Coming-out reagiert“, sagt Hahne. Es fühle sich mittlerweile fast alltäglich an – dass sich ein Zahnarzt nach seinen Operationen erkundige oder Ärz­t*in­nen davon ausgehen, dass er als trans Person Psychopharmaka einnehme, obwohl dies nicht der Fall sei. „Ich bin gar nicht mehr überrascht, wenn das Personal in einer Praxis mir komische Blicke zuwirft oder unangemessene Fragen stellt.“

Individuelle Behandlung von trans Personen

In der ViRo-Praxis läuft das anders. Viehweger sei es besonders wichtig, die Bedürfnisse seiner Pa­ti­en­t*in­nen zu verstehen, um eine passende Begleitung zu schneidern: „Eine trans Sexarbeiterin, die mit ihrem Penis arbeitet, braucht eine andere Hormondosierung als eine trans Frau, die eine geschlechtsangleichende Operation anstrebt.“

Ein weiteres Argument, wieso Viehweger seinen Pa­ti­en­t*in­nen eine passende Begleitung anbieten möchte: Viele würden die Behandlung auch ohne medizinische Begleitung durchführen, indem sie die Hormone im Internet bestellen, die dann meist aus dem Ausland geliefert werden.

In Deutschland ist es seit 2011 möglich, den eigenen Namen und Personenstand zu ändern, ohne körperliche Anpassungen vorzunehmen. Davor war es laut Gesetz nur dann möglich, die Geschlechtszugehörigkeit rechtlich ändern zu lassen, wenn trans Personen dauerhaft fortpflanzungsunfähig waren, sich einer operativen Angleichung unterzogen hatten und nicht verheiratet waren. Das Transsexuellengesetz, kurz TSG, wurde seit Inkrafttreten immer wieder als menschenverachtend kritisiert, im Jahr 2008 und 2011 wurden diese Vorgaben dann mit ­Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts für verfassungswidrig erklärt.

Seit dem Jahr 2017 können Behandlungen wie Mammografien oder Prostatauntersuchungen unabhängig von der personenstandsrechtlichen Geschlechtszuordnung – ausgehend vom organbezogenen Befund – bei der Krankenkasse abgerechnet werden. Erst seit Juli 2019 ist es aber möglich, die Behandlungen von trans und inter Personen ganz normal über die Krankenkasse abzurechnen. Es spielt dabei also keine Rolle mehr, welches Geschlecht im Pass der Pa­ti­en­t*in­nen steht.

Intensive Begleitungsgespräche stellen Ärzt*innen vor finanzielle Hürden

Im Praxisalltag sei es nicht immer einfach, eine adäquate Behandlung zu finden, sagt Viehweger. Das liegt auch daran, dass es einfach zu wenige medizinische Studien gibt, die sich mit trans Menschen beschäftigten, weshalb es häufig auch an wissenschaftlichen Erkenntnissen fehle. So basieren laut Viehweger viele medizinische Studien zu Hormonen auf Forschungen mit Schwangeren oder Post-­Chemotherapie-Patient*innen und lassen sich deshalb nicht direkt auf trans Menschen übertragen. Seine Pa­ti­en­t*in­nen kämen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, für die es nicht immer die eine Musterbehandlung gebe und es viel Zeit für Besprechungen brauche.

Pa­ti­en­t*in­nen führen deshalb Vorgespräche mit Viehweger und seiner Kollegin über ihre Bedürfnisse. Diese können sich aber immer mal wieder ändern und unterschieden sich teilweise stark voneinander. Es komme dabei auch schon mal vor, dass ein Patient, der seit 15 Jahren Testosteron einnehme, sich dazu entscheide, schwanger zu werden. „Die Anliegen unserer Pa­ti­en­t*in­nen drehen sich um Identität, Zugehörigkeit und Sexualität“, sagt Viehweger. Themen, für die es in anderen Praxen keinen Platz gebe.

Diese Begleitungsgespräche stellen die Ärz­t*in­nen vor finanzielle Hürden, denn so viel Zeit für medizinische Beratungsgespräche sind im deutschen Gesundheitssystem nicht vorgesehen. Deshalb bereiten Viehweger und seiner Geschäftspartnerin die Abrechnungsschlüssel bereits jetzt große Sorgen: „Wenn wir Probleme vermeiden wollen, braucht es Gespräche zur Aufklärung und Begleitung, die wir in diesem Umfang leider nicht abrechnen können.“ Medizin funktioniere in Algorithmen, sagt Vieweger. „Individuelle Lebensentwürfe lassen sich aber häufig nicht in einen Algorithmus packen.“ Es reiche also nicht aus, Laborwerte zu überprüfen, um zu wissen, wie mit den Hormonen der Pa­ti­en­t*in­nen umzugehen sei.

Da Martin Viehweger viele der Behandlungsgespräche nicht bezahlt bekomme, sei es abrechnungstechnisch ein Desaster, sagt er. Daneben fürchte er sich vor einem Regress infolge einer Wirtschaftlichkeitsprüfung durch die Kassenärztliche Vereinigung und die Krankenkassen. Es sei gut möglich, dass er mit seiner Praxis den Richtwert des Medikamentenbudgets aufgrund teurer Hormone, die er regelmäßig seinen Pa­ti­en­t*in­nen verschreibt, überschreite. Sollte dies der Fall sein, müsse er selbst für die Kosten haften und Privatinsolvenz anmelden – und das, obwohl drei Monate nach der Eröffnung der Praxis die Nachfrage aus der trans Community bereits groß sei.

„Individuelle Lebensentwürfe lassen sich häufig nicht in einen Algorithmus packen“

Hahne habe nach seiner Transition all seine Ärz­t*in­nen gewechselt. „Ich habe einfach keine Kraft mehr, mich mit komischen Reaktionen auseinanderzusetzen“, sagt er. Wenn er zwischenzeitlich ein Problem habe, gehe er nur zu Ärz­t*in­nen oder Ordinationen, die ihm von der trans Community oder von Bekannten empfohlen werden. Diese Empfehlungen machen in der Community schnell die Runde, wie Viehweger bereits festgestellt hat: „Ich bin immer überrascht, wenn ich merke, wie sehr wir gebraucht werden und wie dankbar unsere Pa­ti­en­t*in­nen schon sind, wenn man ihnen einfach nur zuhört. Ich frage mich dann oft, wie es in anderen Praxen wohl laufen muss.“

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