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	<title>Bernd Aretz, Author at magazin.hiv</title>
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	<description>Hintergründe zum Leben mit HIV, Aids, STIs, Hepatitis</description>
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	<title>Bernd Aretz, Author at magazin.hiv</title>
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		<title>„Der preussischste belgische Bajuware, den ich mir vorstellen kann“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 05 Feb 2017 08:14:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche AIDS-Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Guido Vael]]></category>
		<category><![CDATA[Münchner Aids-Hilfe]]></category>
		<category><![CDATA[SUB München]]></category>
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					<description><![CDATA[Guido Vael, langjähriges Vorstands- und Ehrenmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe, feiert am 5. Februar wieder einen runden Geburtstag. Bernd Aretz würdigt den Jubilar.]]></description>
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        <strong>Guido Vael, langjähriges Vorstands- und Ehrenmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe, feiert am 5. Februar wieder einen runden Geburtstag. Bernd Aretz würdigt den Jubilar.</strong></p>
<p>Guido ist ein Kneipenkind: Er kann mit jedem Kontakt aufnehmen, für ihn sind erst mal alle gleich. Und er weiß Wirtshäuser und Kneipen wie auch Klappen und Parks als Orte der Begegnung unterschiedlichster Welten zu schätzen, wie es ihm ohnehin ein Anliegen war und ist, sie gegen die kleinbürgerliche Moral zu verteidigen. An einem dieser Orte lernte er auch seinen Mann kennen, der sich als die Liebe des Lebens herausstellen sollte und ohne dessen Unterstützung Guidos ehren- und hauptamtliches Engagement nicht möglich gewesen wäre.</p>
<p>Guido entstammt einer belgisch-flämischen Wirtsfamilie. Er arbeitete als Ingenieur in der Werkstoffprüfung für die bemannte Raumfahrt, bis sein Arbeitgeber diese Unternehmenssparte aufgab. Das eröffnete ihm ganz neue berufliche Welten als Streetworker in Münchens Schwulenszene. Seine erste Ehe mit einer Frau war geschieden und Willi Giess, der jetzt sein Ehemann ist, schon lange an seiner Seite.</p>
<p>Als er nach München kam, half ihm der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Verein_für_sexuelle_Gleichberechtigung">Verein für sexuelle Gleichberechtigung</a>, in der Stadt anzukommen. Das gab er durch jahrelanges Engagement zurück. Beratung, Coming-out-Gruppen, Diskussionen mit Rainer Schilling als dem Denker des Vereins, Mitherausgabe der Zeitschrift „Emanzipation“, später Streetwork für <a href="https://www.subonline.org/">SUB, dem schwulen Kultur- und Kommunikationszentrum Münchens</a>, Mitbegründer der <a href="http://www.rosaliste.de/">Rosa Liste</a>, die den Einzug ins Münchener Stadtparlament geschafft hat, Gründer der Präventionsgruppe „Sittenstrolche“: der vielfältige Einsatz für schwule Belange prägt sein Leben.</p>
<blockquote><p>„Gleiche Augenhöhe ist ihm wichtig“</p></blockquote>
<p>Sein Herz gehört den Schwachen. Gleiche Augenhöhe ist ihm wichtig. Als er die Auszeichnung „München leuchtet“ verliehen bekam, fand er das, <a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/aidshilfe-muenchen-leben-fuer-die-aufklaerung-1.154595">so die Süddeutsche Zeitung</a>, unpassend, weil er doch nur seine bezahlte Arbeit getan hat, während seine Sittenstrolche ehrenamtlich manchen Abend opfern.</p>
<p>Unser erstes Zusammentreffen 1987 im Beirat der Deutschen AIDS-Hilfe stand unter keinem glücklichen Stern. Der Vorstandsvorsitzende Dieter Runze hatte mich wegen Verstoßes gegen die Gepflogenheiten bereits gerügt. In einem Rundschreiben hatte ich den Mitgliedern des Gremiums nicht nur mitgeteilt, dass ich nun die Hessen vertrete, sondern auch schwul und infiziert bin. Und dann musste ich verteidigen, dass einzelne hessische Aidshilfen den HIV-Antikörpertest anboten. Gemütlich war das nicht, und es hatte einen Subtext: „Bist selbst schuld, infiziert zu sein, was lässt du dich auch testen. Wie kann man nur so blöd sein!“ Patientenautonomie war in dem Konzept nicht enthalten. Später ergab dann eine Studie des Soziologen <a href="https://magazin.hiv/2013/03/26/es-war-alles-eine-gluckliche-fugung/">Michael Bochow</a>, dass in Aidshilfen Engagierte besonders häufig getestet waren.</p>
<p>Es mag durchaus sein, dass Guidos Sicht von den Münchener Verhältnissen geprägt war. In den Saunen wurden die Türen ausgehängt und in den Lokalen Razzien unter dem Vorwand des Jugendschutzes durchgeführt. Kondomverkauf versagte man unter Hinweis auf das Ladenschlussgesetz. <a href="https://magazin.hiv/2012/02/24/pogrome-statt-kondome/">Der Bayerische Maßnahmenkatalog, Gauweiler und seine Spezis wie der schwedische Arzt Michael Koch</a> richteten in Allianz mit dem „Spiegel“ viel Unheil an, gegen die besonnene Stimmen wie die des Münchner <a href="http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/aids/article/655363/deutschland-sachen-hiv-glueckliche-insel.html">Arztes Dr. Hans Jäger</a> einsame Rufer in der Wüste waren. Freunde erkrankten und starben.</p>
<p>Das war eine Herausforderung für jemanden wie Guido, der selbstverständlich an der Gründung der <a href="http://www.muenchner-aidshilfe.de/">Münchener Aids-Hilfe</a> und maßgeblich an vielen Aktionen gegen die bayerische Politik beteiligt war. Wir beide rauften uns schnell zusammen, weil wir einander zuhören konnten und die Ernsthaftigkeit unserer Debattenbeiträge gegenseitig nicht infrage stellten. Bis zu seinem eigenen positiven Testergebnis fühlte er sich trotz aller schmerzhaften Erfahrungen nicht legitimiert, in den Diskurs über das Leben mit HIV einzugreifen. Tat er es doch einmal, dann mit der ebenso einfachen wie richtigen Feststellung, eigentlich wünsche er keine besonderen Regenbogenprojekte, sondern dass Infizierte und Kranke in ihren Communities ihren Platz behalten.</p>
<blockquote><p>„Die Krachlederne fürs Oktoberfest und den Anzug fürs Offizielle“</p></blockquote>
<p>Ich lernte Guido als einen kenntnisreichen Teil der Szenen kennen, in denen er auch lebte. Daneben gibt es die Krachlederne fürs Oktoberfest und den Anzug fürs Offizielle. Bei unserem Antrittsbesuch als neuer DAH-Vorstand 1990 in der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung trugen wir, was zu uns passte: <a href="https://magazin.hiv/2013/08/02/allianz-der-schmuddelkinder-war-sein-lebensthema/">Hans-Peter Hauschild</a> hautenges Leder, Guido fühlte sich nur in seinem Anzug wohl. <a href="https://magazin.hiv/2015/02/18/wir-waren-eine-provokation/">Reinhard Heikamp und Helmut Ahrens</a> trugen wahrscheinlich Jeans, ich hatte wohl mein übliches Bürozeug an.</p>
<p>Wir wollten die Bandbreite schwulen Lebens sinnlich erfahrbar machen. Da hatten wir die Phase des Beschnupperns und die Festlegung der Grundsätze unserer Arbeit schon hinter uns. Selbstverständlich unterhielten wir uns über alle Probleme rund um HIV, Drogengebrauch und schwules Leben sowie den Umgang mit illegalisierten Substanzen und vor allem mit Alkohol. Dazu gehörte natürlich auch, mit eigenen Erfahrungen Stellung zu beziehen.</p>
<p>Guido, dieses Urgestein der Schwulenbewegung, zog häufig abends durch die Läden. Er brauche die Stimmungen, die Gespräche, erzählte er in einem Interview, in dem es weiter hieß: „Dabei ist ein klarer Kopf hilfreich. Deswegen trinkt er bei seinen Touren Wasser. Erst in seinem Stammlokal oder auf der Wiesn im Festzelt dürfen es dann ein paar Biere sein. Schmecken tun sie ihm ja doch besser. Aber auch in seiner Stammkneipe legt er sich immer wieder längere Alkoholpausen auf. Das dauert dann immer so etwa zwei Wochen, bis die Tresen-Mannschaft es ernsthaft glaubt, dann ist es aber auch kein Problem mehr. Das bekommt seinem Körper und, was ihm wichtiger ist, auch der Seele. Er will die Fähigkeit, auch völlig nüchtern mit Menschen ins Gespräch zu kommen, auch an der Theke ernsthaft reden zu können, nicht verkümmern lassen.“</p>
<blockquote><p>„Pflichtbewusst, pragmatisch und immer direkt heraus“</p></blockquote>
<p>Guido habe ich während seiner Zeit im Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe zweimal erleben dürfen, zu Beginn der 1990er und noch einmal kooptiert ein paar Jahre später. Er ist für mich der preussischste belgische Bajuware, den ich mir vorstellen kann. Pflichtbewusst, pragmatisch und immer direkt heraus. Das war angenehm verlässlich und der Grund, warum ich seinem Wunsch entsprach, den Vorstand zu ergänzen, nachdem <a href="http://wusstensie.aidshilfe.de/de/olaf-leser">Olaf Leser</a> aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden war. Es gab Gebiete, wo er zweifelte und sich weiterbildete, wie den Gebrauch illegalisierter Drogen.</p>
<p>Sein Herz gehört der Schwulenszene, dennoch war seine Erleichterung deutlich, als er anlässlich einer Sitzung erwähnte, dass in München eine Kasse des Regenprojekts von einem schulen Mann und nicht einem Junkie gestohlen worden war. Seine Verdienste sind im magazin.hiv wie auch in der Münchener und Schwulenpresse schon oft beschrieben worden. Vieles kann man immer noch als aktuell nachlesen.</p>
<p>In den letzten Jahren haben gesundheitliche Probleme sein Leben deutlich erschwert. Aber auch hier erfüllt er völlig diszipliniert die Aufgaben, die er mit seinen Ärzten ausgehandelt hat. Das schafft dann die Freiräume, sich mit schwulen Freunden zu treffen, mit seinem Mann zu verreisen, sich des Lebens in Autonomie zu erfreuen. Möglichst lange, lieber Guido. Du hast es dir verdient!</p>
<p>Weitere Informationen:</p>
<p><a href="https://www.subonline.org/">Schwules Zentrum SUB</a></p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/shop/pdf/1935">Zitat von Michael Bochow zum Testverhalten in der Aidshilfe</a> (PDF, Seite 34)</p>
<p><a href="http://www.sueddeutsche.de/muenchen/aidshilfe-muenchen-leben-fuer-die-aufklaerung-1.154595">Süddeutsche Zeitung: „Ein Leben für die Aufklärung“</a> vom 17. Mai 2010</p>
<p><a href="https://www.merkur.de/politik/ich-habs-selbst-versaut-296795.html">Merkur: „Ich hab‘s mir selbst versaut“</a> vom 12.05.2009</p>
<p><a href="http://www.hivandmore.de/archiv/2011-sonder/vael.shtml">HIV&amp;More: „Ich verlange Respekt“</a>, Sonderausgabe 2011“ vom</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2016/09/03/das-herz-des-schwulen-muenchens/">magazin.hiv: „Das Herz des schwulen Münchens“</a> vom 03. September 2016</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2012/02/24/pogrome-statt-kondome/">magazin.hiv: „Die schwule Infrastruktur zerschlagen“</a> vom 24. Februar 2012
      </div>
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		<title>Gesundheit für alle!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 21 Nov 2016 07:38:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Drogenmündigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheitsförderung]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-Prävention]]></category>
		<category><![CDATA[Lebensweisenkonzept]]></category>
		<category><![CDATA[Ottawa Charta]]></category>
		<category><![CDATA[Strukturelle Prävention]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit Verabschiedung der Ottawa-Charta vor 30 Jahren trat ein Paradigmenwechsel in der Gesundheitsförderung ein. Was bedeutet dieses Grundlagenpapier heute? Wir haben Akteur_innen im Feld Gesundheit und Prävention gefragt.]]></description>
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        <strong>Mit Verabschiedung der Ottawa-Charta vor 30 Jahren trat ein Paradigmenwechsel in der Gesundheitsförderung ein. Was bedeutet dieses Grundlagenpapier heute? Wir haben Akteur_innen im Feld Gesundheit und Prävention gefragt.</strong></p>
<p><em>Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess, allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. Um ein umfassendes körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden zu erlangen, ist es notwendig, dass sowohl einzelne als auch Gruppen ihre Bedürfnisse befriedigen, ihre Wünsche und Hoffnungen wahrnehmen und verwirklichen sowie ihre Umwelt meistern beziehungsweise verändern können. In diesem Sinne ist die Gesundheit als ein wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Lebens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel.</em></p>
<p>So lautet eine zentrale Aussage der <a href="http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0006/129534/Ottawa_Charter_G.pdf">Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung</a> der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die am 21. November 1986 auf der 1. Internationalen Konferenz für Gesundheitsförderung verabschiedet wurde. Neben Leitprinzipien für ein neues Verständnis von Gesundheit enthält das Papier auch den Aufruf zu aktivem Handeln – mit dem Ziel „‚Gesundheit für alle‘ bis zum Jahr 2000 und darüber hinaus“.</p>
<blockquote><p>Prävention durch Stärkung des Individuums</p></blockquote>
<p>Der Verabschiedung vorausgegangen waren Konferenzen in den sechs Regionen der WHO wie die 1982 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) gemeinsam mit dem WHO-Regionalbüro für Europa veranstaltete Tagung zu Lebensweisen und Lebensbedingungen und deren Auswirkungen auf die Gesundheit. Mit der Ottawa-Charta verbunden war auch der deutliche Hinweis, dass Prävention mit Angst- und Schreckensbildern nicht funktionieren kann, sondern durch Stärkung des Individuums in seinen zu achtenden Lebensbezügen erfolgen muss.</p>
<p>Gundula Barsch, Professorin an der Hochschule Merseburg, Soziologin, Sozialarbeitswissenschaftlerin und Drogenforscherin, sieht durch die Charta einen grundlegenden Wandel in der Betrachtung von Gesundheit und Mensch eingeleitet:</p>
<p>„Der besondere historische Wert der Ottawa-Charta muss wohl vor allem darin gesehen werden, dass sie die zentrale Bedeutung von Emanzipation und Selbstbemächtigung sowohl des Einzelnen als auch sozialer Gruppen und kultureller Milieus für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Menschen herausgestellt hat – ein Ansatz, der zudem durch keine anderen Konzepte und Methoden ersetzt werden kann. Für die Richtigkeit dieser Leitidee spricht, wie schnell und umfassend sie in so ziemlich allen Bereichen sozialen Wirkens aufgegriffen und zu einem tatsächlichen Paradigmenwechsel sowohl in vielen Bereichen der Politik als auch in allen möglichen Feldern von Vor-Ort-Arbeit geführt hat.“</p>
<blockquote><p>So bedeutsam wie für andere die Bibel</p></blockquote>
<p>Für Rainer Schilling, ehemaliger Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe (DAH), war die Ottawa-Charta, als er 1987 zur DAH kam, so bedeutsam wie für andere die Bibel. Sie stand in seinem Regal, und immer wieder mussten die übrigen im Haus Tätigen dort reinschauen. Er meint gar, er sei der Einzige gewesen, der den Text besaß.</p>
<p>Dem Geist des Lebensweisenkonzepts, wonach gesundheitsbezogenes Verhalten auch durch soziale Faktoren beeinflusst ist, fühlte er sich schon vorher in der Schwulenbewegung verpflichtet, aber mit der Charta gab es endlich die offizielle Bestätigung dafür, dass er mit seinem Gefühl richtig lag. Für seine Arbeit hieß das auch, den unseligen § 175 abzuschaffen, das Coming-out für schwule Männer und andere sexuelle Identitäten zu erleichtern, Räume für Lebensstile zu schaffen, die von denen der Mehrheit abweichen, und die Kommunikation zu fördern.</p>
<p>Der Gesundheitswissenschaftler und derzeitige Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbands, Prof. Rolf Rosenbrock, stellte 1998 in seiner <a href="https://bibliothek.wzb.eu/pdf/1998/p98-201.pdf">Veröffentlichung zur Umsetzung der Charta in Deutschland</a> fest: „Gemessen an den Notwendigkeiten und den Möglichkeiten spielen Prävention und Gesundheitsförderung in Deutschland nach wie vor eine nahezu verschwindend geringe Rolle. Dies gilt – cum grano salis – für die gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit, für die Forschung und Erprobung, für die Qualifizierung, die Bildung von Institutionen und – generell – die Bereitstellung von Ressourcen für diesen Zweck.“</p>
<blockquote><p>Die erfolgsreichste Umsetzung fand im Aidsbereich statt</p></blockquote>
<p>Er ruft in Erinnerung, „dass zumindest die alte Bundesrepublik in den ersten Nachkriegsjahrzehnten präventionspolitisch ein Entwicklungsland war“, sagt aber auch, dass die erfolgreichste Umsetzung der Grundgedanken der Charta in der BRD im Aidsbereich stattfand: „In der Anwendung dieses Konzepts erhielten die Aids-Selbshilfeorganisationen wichtige Aufgaben, es bildeten sich völlig neue Akteurskonstellationen, und es wurde mit öffentlichen Mitteln z. B. auch Infrastruktur für die hauptsächlich betroffenen Gruppen, schwule Männer und i.v. Drogenbenutzer, gefördert, um</p>
<p>Kommunikation, soziale Kohärenz und die Herausbildung kollektiver Verhaltensnormen zu fördern. Das erfolgreiche Modell der strukturgestützten, lebensweisebezogenen und zielgruppenspezifischen Verhaltensmodifikation der Aids-Prävention ist bei weitem noch nicht auf seine Verallgemeinerungsmöglichkeiten für andere Risiken ausgelotet.“</p>
<p>Prof. Gundula Barsch macht für den Beginn der Neunzigerjahre einen Aufbruch in der Drogenpolitik aus und sieht diesen auch durch die Ottawa-Charta bewirkt:</p>
<p>„Auch wenn es in diesem Bereich besonders behäbig und schwerfällig voranging, wurde die Leitidee von Emanzipation und Selbstbemächtigung zumindest in den 1990er-Jahren auch zur Orientierung, den Bereich von Drogen- und Suchtkrankenhilfe neu zu durchdenken. Das Menschenbild der akzeptierenden Drogenarbeit und die daraus abgeleiteten Ansätze von Suchtbegleitung und Befähigung zu einem autonomen und damit selbstkontrollierten Konsum können als die Eruptionen in diesem Bereich gelten. Diese grundsätzlich neuen Sichtweisen auf Menschen und deren Gesundheit drohen allerdings auch nach 30 Jahren durch eine sich durchsetzende strikte Medizinalisierung von Hilfen für ‚Abhängigkeitskranke‘ wieder in Frage gestellt zu werden.“</p>
<blockquote><p>Emanzipation und Selbstbemächtigung – auch im Umgang mit Drogen gefragt</p></blockquote>
<p>Während eines Forschungssemesters, das sie zurzeit in Kalifornien absolviert, erlebt sie die dortige Legalisierungsdebatte hautnah und sieht Chancen für eine grundlegende Veränderung der amerikanischen Drogenpolitik. Für Deutschland schätzt sie das wesentlich finsterer ein: „Auch wenn es an einigen Stellen bröckelt, wohl eine der letzten Bastionen, die eine tatsächliche Umsetzung der Grundideen der Ottawa-Charta erfolgreich abwehren konnte, ist bis heute die Suchtprävention. Wie auch immer die modernen Labels für bestimmte Projekte und Kampagnen sind, sie alle bedienen noch immer ein Abstinenzideal, aus dem sich ableitet, dass Emanzipation und Selbstbemächtigung in Bezug auf den Umgang mit psychoaktiven Substanzen unerwünscht sind. Die Positionierung zu dem Theorem der Drogenmündigkeit, das herausstellt, dass der Gegensatz von Abhängigkeit nicht Abstinenz, sondern ein autonom kontrollierter, selbstbestimmter Umgang mit psychoaktiven Substanzen ist, der auch die selbstgewählte Abstinenz einschließt, wird insofern zu einer Messlatte dafür, wie die Grundideen der Ottawa-Charta auch in diesem Bereich eine Chance auf Durchsetzung bekommen. Zugelassene Prozesse des Lernens und der Kultivierung werden zu Marksteinen dafür, wie man auf diesem Weg vorangekommen ist.“ Bisher, sagt Barsch, würden Jugendlichen die Erziehung zur Drogenmündigkeit und eine realistische Auseinandersetzung mit den Chancen aber auch den Risiken des Drogenkonsums verwehrt.</p>
<p>Bärbel Knorr, fachliche Leitung des Bereichs Strafvollzug bei der Deutschen AIDS-Hilfe, hat mit noch schwierigeren Problemen zu kämpfen: „Der Bayerische Vollzug und die deutschen Gerichte mussten erst <a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/deutsche-aids-hilfe-egmr-urteil-bayern-gefangene-endlich-substituieren">vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte darauf hingewiesen werden</a>, dass auch suchtkranke Gefangene Anspruch auf eine Behandlung ihrer Suchterkrankung haben, die den ärztlichen Leitlinien entsprechen“, berichtet sie.</p>
<blockquote><p>Selbstbestimmung und Lebensweisenakzeptanz = Fremdwörter im Justizvollzug</p></blockquote>
<p>In einem System, das Gefangene fit für den Alltag in Freiheit machen will, indem es sie einsperrt und teils jahrelang noch nicht einmal eine Tür eigenständig öffnen und schließen lässt, sind Selbstbestimmung und Lebensweisenakzeptanz Fremdwörter. Sie wünscht sich eine grundlegende Änderung der Drogenpolitik und einen radikalen Umbau des Vollzugs. Wie es mit der Einführung des bundesweiten Vollzugsgesetzes 1977 geplant war, das inzwischen jedoch durch einen Flickenteppich länderspezifischer Regeln abgelöst wurde, sollte der offene Vollzug wieder zur Regel sowie Kranken- und Rentenversicherung auch in Haft zur Selbstverständlichkeit werden. Dann wäre auch für Gefangene der Weg offen – im Sinne der Ottawa-Charta –, in einem selbstbestimmten Leben gesundheitsfördernde Ressourcen zu nutzen.</p>
<p>Völlig aus dem Blick geraten sind die Grundsätze der Charta auch <a href="https://magazin.hiv/2016/10/06/ein-gesetz-das-seinem-namen-nicht-gerecht-wird/">beim aktuellen Umgang mit Sexarbeit</a> und bei der Versorgung nicht krankenversicherter Menschen, insbesondere bei Flüchtlingen, die in Deutschland kein Asyl erhalten.</p>
<p>In den dreißig Jahren seit ihrer Verabschiedung hat die Charta nichts von ihrer Aktualität verloren. Seitdem sind durch Erreichung des Rentenalters viele Akteur_innen aus der Gesundheitspolitik ausgeschieden. Es ist an der Zeit, die Ottawa-Charta der nachfolgenden Generation ans Herz zu legen.
      </p></div>
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		<title>Alles unter einem Dach</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 12 Aug 2016 08:32:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Arne Kayser]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche STI-Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Norbert Brockmeyer]]></category>
		<category><![CDATA[pro familia]]></category>
		<category><![CDATA[Rosa Strippe]]></category>
		<category><![CDATA[Walk In Ruhr]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Bochumer Zentrum „Walk In Ruhr“ versammelt Medizin, Beratung und Selbsthilfe an einem Ort und will Anlaufstelle sein für alle Angelegenheiten rund um das Thema sexuelle Gesundheit. Bernd Aretz war zu Besuch im „WIR“.]]></description>
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        <strong>Das Bochumer Zentrum „Walk In Ruhr“ versammelt Medizin, Beratung und Selbsthilfe an einem Ort und will Anlaufstelle sein für alle Angelegenheiten rund um das Thema sexuelle Gesundheit. <em>Bernd Aretz </em>war zu Besuch im „WIR“.</strong></p>
<p>Im <a href="http://www.wir-ruhr.de/">„Walk In Ruhr“-Zentrum für sexuelle Gesundheit und Medizin</a>  – dem „WIR“ in Bochum – haben sich die richtigen Leute und Institutionen zusammengefunden. Wenn ich sie einzeln googele und auf ihren Seiten stöbere, dann häufen sich später in meinem Mailfach die Angebote der schönen Elena und Tatjana, und die „Diskret-Apotheke“ will mir helfen, die Leidenschaft für die Partnerin zu entflammen. Da bleibe ich doch lieber beim Sildenafil des Apothekers meines Vertrauens.</p>
<p>Die <a href="http://www.madonna-ev.de/index.php/spenden-und-sponsern.html">Hurenselbsthilfe Madonna</a>, das LGBT-Beratungszentrum <a href="http://www.rosastrippe.de/">Rosa Strippe</a>, <a href="http://www.profamilia.de/angebote-vor-ort/nordrhein-westfalen/bochum.html">pro familia</a> und das <a href="https://www.bochum.de/gesundheitsamt">Gesundheitsamt</a> bieten außer an ihren Stammsitzen nun auch im WIR feste Beratungsstunden an. Die Immunologische Ambulanz des Katholischen Klinikums Bochum ist gleich ganz eingezogen, so wie die Aidshilfe, die das Team um Gesundheitsberater_innen erweitert, die Rat- oder Hilfesuchende an die Hand nehmen und zum passenden Angebot führen.</p>
<p>Hier geht es um Sex und sexuelle Gesundheit, möglichst um deren Erhaltung oder aber um die Wiederherstellung. Wie passt das mit Kirche zusammen?</p>
<blockquote><p>Akzeptanz unterschiedlicher Lebenswelten</p></blockquote>
<p>Rom ist weit, weiß der aufgeklärte Katholik und schreibt in sein <a href="http://josef-hospital.klinikum-bochum.de/leitbild.html">kurz gefasstes Leitbild für seine Bochumer Kliniken</a>, dass „jeder Mensch von Gott nach seinem Bild geschaffen und damit ein bevorzugter Ort der Gegenwart Gottes, von Gott gewollt, geliebt und angenommen“ sei. Die Würde des Menschen sei „oberste Richtschnur“ für das Handeln. Man stehe für Dialog und nutze Kommunikation „für ein lebendiges Miteinander“.</p>
<p>Der Aidshilfeverband des Landes sagt <a href="http://www.ahnrw.de/aidshilfe-nrw/front_content.php?idcat=1896">in seinem Leitbild</a> ohne Bezug auf die himmlischen Mächte im Grunde nichts anderes. Im Kern geht es beiden um die Akzeptanz unterschiedlicher Lebenswelten.</p>
<p>Was bietet WIR? Im medizinischen Teil mit einem kleinen Labor und einem Raum für gynäkologische und proktologische Untersuchungen gibt es alles was eine HIV- und STI- Schwerpunktpraxis bieten sollte. Aber natürlich ist das Zentrum auch eine Anlaufstelle bei Fragen zum Thema Familienplanung, ebenso nimmt es an Forschungsprojekten teil.</p>
<p>Die Ambulanz ist an das St.-Josef-Hospital des Bochumer Klinikums angeschlossen. Sie geht über in einen Beratungsbereich mit unterschiedlichen Beratungs- und Besprechungsräumen, die z. B. mit „Madonna“, „Gesundheitsamt“ oder „Aidshilfe“ beschriftet sind. Die Flure sind wie die Räume nüchtern auf dem aktuellen Stand. Mehrere bequeme Sitzgruppen helfen den Besucher_innen, bei Kaffee oder Wasser Wartezeiten zu überbrücken. Es ist ein überschaubarer Betrieb mit drei ärztlichen Stellen, die bei Bedarf um eine Proktologin der Klinik oder eine in der Aidshilfe engagierte Gynäkologin ergänzt werden.</p>
<blockquote><p>Das Konzept überzeugte</p></blockquote>
<p>Für die Klinikseite steht <a href="http://www.bmg.bund.de/themen/praevention/nationaler-aids-beirat/kurzbiografie-norbert-h-brockmeyer.html">Prof. Dr. Norbert Brockmeyer</a> mit seinem Team, der im Nationalen Aids-Beirat und vielen anderen Gremien engagiert ist und informiert an der Seite der Betroffenen agiert. Als Präsident der <a href="http://www.dstig.de/">Deutschen STI-Gesellschaft</a> kann er sich das Vertrauen auf die heile Familie nicht leisten, sondern muss vorurteilsfrei auch mit den dunklen Seiten der Sexualität umgehen.</p>
<p>Arne Kayser, der Geschäftsführer der Bochumer Aidshilfe, berichtet, wie es zum Zusammenschluss kam. So wurde das Patientenfrühstück in der HIV-Station des St.-Josef-Hospitals des Bochumer Klinikums schon immer von der Aidshilfe organisiert. Das Verhältnis zu den Ärzt_innen war vertrauensvoll. Da kam das Angebot gerade recht, das ehemalige Schwesternwohnheim umzubauen, Ambulanz und Beratungsstellen zusammenzulegen und in unmittelbarer räumlicher Nähe ein Café einzurichten.</p>
<p>Prof. Brockmeyer erwähnt, dass es innerhalb der Klinik Begehrlichkeiten gegeben habe, die Räume wirtschaftlicher zu verwerten, aber die Hausleitung sei von dem Konzept überzeugt gewesen. Hilfreich war auch die Unterstütung des Landes NRW, das die Moderation des Entstehungsprozesses finanzierte, die Haltung der Stadt Bochum sowie die Überzeugung des Bischofs, Kirche müsse sich den Schwächsten zuwenden und zum Beispiel die Hurenselbsthilfe einbeziehen.</p>
<p>Natürlich, merkt Herr Brockmeyer an, hat der Inhaber der Räume die Macht. Aber wie mit dieser Macht umzugehen ist, wurde in der Moderation zur Einrichtung des Zentrums geklärt. Wenn die vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte wissenschaftliche Begleitung Änderungsbedarf zeigen sollte, kann in den regelmäßigen gemeinsamen Teamsitzungen nachjustiert werden. Bei der Bedeutung und Vielzahl der beteiligten Institutionen dürften auch bei einem Wechsel der handelnden Personen einseitige Änderungen schwierig werden.</p>
<blockquote><p>Die Chemie muss stimmen</p></blockquote>
<p>Auch aufseiten der Aidshilfe gab es Bedenken. Verliert sie nicht ihre Unschuld als unabhängiger Beistand der Patient_innen (wenn diese denn je bestanden hat)? An den Debatten im Verband über Test oder die Bedeutung der Viruslast lässt sich erkennen, dass gelegentlich die eigenen Ängste und nicht der Stand des Wissens Ratgeber waren. Die Zusammenarbeit wurde sicher dadurch erleichtert, berichtet Arne Kayser, dass es in der Stadt keine HIV-Schwerpunktpraxis gibt. Haben Menschen in der Aidshilfe unter diesen Bedingungen noch eine freie Arztwahl? Im ganzen Ruhrgebiet gibt es hinreichend viele Alternativen. Arne Kayser macht da keinen Unterschied, ob sich jemand in der Ambulanz oder wo auch immer behandeln lässt. Die Aidshilfe ist offen für alle von STIs oder HIV bedrohten oder betroffenen Menschen der Region.</p>
<p>Wichtig ist, dass die Chemie zwischen den Beteiligten stimmt und sie sich als verlässliche Partner erwiesen haben. Das öffnet den Raum sowohl für unkomplizierte Zusammenarbeit als auch für ein Beharren auf Eigenständigkeit und Differenz. Das ganze System beruht ja darauf, dass die Medizin die Fachkompetenz der Beratungsstellen so sehr schätzt, dass man zu ihr kurze Wege haben will.</p>
<p>In vielem ist man sich außerdem einig, zum Beispiel im Kampf gegen das sogenannte Prostituiertenschutzgesetz, <a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/bundestag-beschliesst-prostituiertenschutzgesetz">das jüngst gegen den Rat der Betroffenen, des öffentlichen Gesundheitsdienstes und der Fachverbände von der Bundesregierung beschlossen wurde</a>, genauso  aber auch bei der Bekämpfung von Homophobie und Xenophobie.</p>
<blockquote><p>Der neue Weg der Bochumer Aidshilfe</p></blockquote>
<p>Heftige Diskussionen über den neuen Weg der Bochumer_innen gab es allerdings im Aidshilfe-Landesverband. Das hat sich inzwischen gelegt, wohl auch deshalb, weil die Aidshilfe genauso aufmüpfig das Recht auf individuelle Lebensstile und Normbruch verteidigt wie immer schon. Statt Kritik kommen jetzt Einladungen, über das Bochumer Modell zu referieren.</p>
<p>Herr Brockmeyer berichtet, es zeige sich jetzt schon, dass das Konzept funktioniere, obwohl die Eröffnung erst ein paar Monate her ist. Die assoziierten Partner weiten ihre Beratungszeiten aus. Die bei der Aidshilfe ehrenamtlich engagierte Gynäkologin macht für nicht versicherte Frauen die notwendigen Untersuchungen, das Gesundheitsamt bietet mehr Zeiten für Tests an, das von Ehrenamtlichen der Aidshilfe betriebene Café Enjoy etabliert sich nicht nur als Anlaufstelle bei Tag, sondern steht auch an den Abenden unterschiedlichsten Gruppen zur Verfügung und wird für medizinische Informationsveranstaltungen genauso genutzt wie für regelmäßige Treffen von <a href="http://www.smart-ev.de/treffpunkte/bochum/">SMart Rhein-Ruhr</a>, einem Verein für BDSM-Interessierte. Der war vor Jahren schon bei der Aidshilfe zu Gast, nur hatte die damalige Geschäftsführung wegen öffentlichen Drucks die Zusammenarbeit leider beendet.</p>
<p>Im Gegensatz dazu freut sich Arne Kayser darüber, dass die schwule und sexuelle Szene der Stadt den Ort für ihre Treffen entdeckt. Herr Brockmeyer ist sehr angetan davon, mit dem Café der Aidshilfe einen bequemen, geeigneten Veranstaltungsraum zu haben, in dem man nicht nur die Patient_innen über Medizinisches informieren, sondern auch die ärztlichen Kolleg_innen für STIs sensibilisieren kann. Viele kennen ja nicht einmal die gängigsten Symptome.</p>
<blockquote><p>Eröffnungsfeier mit Gottesdienst</p></blockquote>
<p>Auch Drogen werden in Veranstaltungen Thema sein, denn etwa 20 Prozent seiner schwulen Patienten, schätzt Prof. Brockmeyer, machen <a href="https://magazin.hiv/2016/06/15/volle-droehnung/">Chemsex</a>. Da sollte man wenigstens wissen, ob und wenn ja, wie Rauschzustände zu stoppen sind und man sich in Notsituationen verhalten sollte. Intravenös Konsumierende dagegen erscheinen wegen der lokalen Besonderheiten der Beratungslandschaft hier nur, wenn es um einen stationären Aufenthalt geht.</p>
<p>Viel zu tun hat die Aidshilfe mit Frauen aus Subsahara-Afrika. Da mag die räumliche Nähe zur Kirche bei der Überzeugungsarbeit helfen, statt des Glaubens Medikamente gegen HIV einzusetzen. Man darf sich auch wünschen, dass Communities das Café für gemeinsame Feste nutzen, um die Vereinzelung zu durchbrechen. Das Zentrum möchte in die Stadt ausstrahlen und das Sprechen über Sexualität erleichtern. In der Tradition des Hauses war es richtig, die Eröffnung mit einem Gottesdienst zu feiern.</p>
<p>Zurück zum Alltag. Herrn Brockmeyer besorgt das Ansteigen der Syphiliszahlen. Sie haben nach einem Rückgang nach dem Auftreten von Aids in der Medienlandschaft zwar noch nicht wieder das alte Niveau erreicht, aber sie verteilen sich anders, vor allem auf positive schwule Männer, insbesondere in Berlin und Hamburg. Natürlich machen Erreger nicht an der Stadtgrenze halt, deshalb empfiehlt er sexuell umtriebigen Menschen mit mehreren Partnern oder Partnerinnen alle drei Monate einen Check. Regelmäßige Untersuchungen bei Menschen mit STI-Risiko sind wichtig, weil einige Geschlechtskrankheiten keine Symptome verursachen und daher von Personen übertragen werden können, die nicht wissen, dass sie infiziert sind. Das gilt auch für junge Frauen, bei denen Chlamydien die Fruchtbarkeit bedrohen können.</p>
<blockquote><p>Aufklärung, Früherkennung und Behandlung</p></blockquote>
<p>Da helfen nur Aufklärung, Früherkennung und Behandlung. Hier kommen die Aidshilfe, das Café Enjoy, die Rosa Strippe und die weiteren Beratungsstellen ins Spiel. Mainstream trifft auf professionalisierte oder ehrenamtlich engagierte Mitglieder von Randgruppen der Gesellschaft. Was haben sie voneinander gelernt?</p>
<p>Die Gesprächspartner betonen die Wichtigkeit der exzellenten Moderation während der Entstehungszeit des Gemeinschaftsprojekts. Da musste erst mal Vertrauen aufgebaut werden, sodass die Medizin nicht nur schluckt, was ihr die Arbeit erleichtert, sondern dass es ein gleichberechtigtes Miteinander unterschiedlicher Strukturen gibt, getragen von dem Wunsch, sexuelle Selbstbestimmung zu fördern und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken zu minimieren. Das Verständnis für die unterschiedlichen Lebensweisen und beruflichen Routinen ist dadurch gewachsen.
      </p></div>
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		<title>Eine Pionierin wird 80</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 16 Mar 2016 07:10:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[Blutprodukte]]></category>
		<category><![CDATA[Eilke Helm]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Kohortenstudie]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhard Brodt]]></category>
		<category><![CDATA[Schlomo Staszewski]]></category>
		<category><![CDATA[Wolfgang Stille]]></category>
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					<description><![CDATA[1982 diagnostizierte Prof. Eilke Helm in Frankfurt die ersten Aids-Patienten Deutschlands. Heute feiert die Ärztin und Forscherin ihren Achtzigsten. Eine Würdigung von Bernd Aretz, der ihr auch als Patient immer wieder begegnete.]]></description>
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        <strong>1982 diagnostizierte Prof. Eilke Helm in Frankfurt die ersten Aids-Patienten Deutschlands. Heute feiert die Ärztin und Forscherin ihren Achtzigsten. Eine Würdigung von Bernd Aretz, der ihr auch als Patient immer wieder begegnete.</strong></p>
<p>Als Frau Prof. Dr. Eilke Helm vor wenigen Monaten mit einem Symposium anlässlich ihres Ausscheidens aus dem Dienst geehrt wurde, wollte sie, das zweite von sechs Kindern einer bürgerlichen Familie, nur unter bestimmten Bedingungen teilnehmen: kein Heiligenschein, keine Geschenke, und sie darf auch etwas sagen.</p>
<p>Auf der Veranstaltung trafen sich dann reichlich Professor_innen und Doctores, die in der Frankfurter infektiologischen Abteilung, der Wirkstätte von Prof. Helm, ihre Arbeitsthemen und die Unterstützung des Teams gefunden hatten. Auch Pfleger_innen und Patient_innen waren vertreten sowie die Pharmaindustrie.</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2015/06/05/der-hiv-test-rettet-leben/">Als HIV-Patient der ersten Stunde nach Erfindung des Tests</a> kenne ich viele der Anwesenden noch aus ihrer Zeit im Praktischen Jahr oder als junge Assistenzärzt_innen. Frau Prof. Helm und ihr Kollege Prof. Wolfgang Stille hatten da einen Kreis um sich aufgebaut, der sehr schnell das Vertrauen der meisten Patient_innen gewann.</p>
<blockquote><p>Mit der ersten Aids-Diagnose begann die Frankfurter Kohortenstudie</p></blockquote>
<p>Daneben gab es noch diejenigen HIV-Infizierten, die sich lieber in die Arme der Alternativmedizin stürzten. Da wurden für teures Geld Ozontherapien oder wer weiß was angeboten, um das Bedürfnis zu befriedigen, irgendetwas gegen die bedrohliche Infektion zu tun, selbst wenn noch keinerlei Krankheitssymptome vorlagen.</p>
<p>Frau Prof. Helm hielt das für unnütz und im Einzelfall für lebensgefährlich. Sie beobachtete erst mal, behandelte, wo es angesagt war, untersuchte auch die Freunde der Erkrankten und begann mit der ersten Aids-Diagnose die große Frankfurter Kohortenstudie.</p>
<p>Selbstverständlich nahm ich, wie viele damals, an Studien teil, wenn man mir in der HIV-Ambulanz sagte, es sei den Versuch wert. Der Umgang war fair. Wenn die Teilnahme erkennbar nichts brachte, wurde das ordentlich kommuniziert.</p>
<p>Die Anfangszeit von HIV war in Frankfurt etwas turbulent. Die Abteilung platzte aus allen Nähten, auch weil wegen des <a href="https://magazin.hiv/2012/02/24/pogrome-statt-kondome/">unsinnigen bayerischen Maßnahmenkatalogs</a> viele aus Bayern zur Behandlung nach Frankfurt flüchteten. Während in München Peter Gauweiler über Berufsverbote für infizierte Köche nachdachte, stellte Frau Helm nur lakonisch fest: „In die Suppe spucken schadet nicht.“ Sie selbst hatte während ihrer Assistenzzeit wochenlange Quarantäne mit Patient_innen des hoch gefährlichen Marburg-Virus unbeschadet überstanden. Da konnte HIV sie nicht mehr erschrecken.</p>
<blockquote><p>Sie stritt für saubere Blutprodukte</p></blockquote>
<p>Während andere Mediziner_innen (auch in Frankfurt) die Behandlung verweigerten – traditionell schwierig war das Verhältnis zu Chirurg_innen und ist es teils immer noch zu Zahnmediziner_innen –, erinnerte sie unverdrossen daran, dass Ärzte früher für Pest und Cholera zuständig waren. Wer sich der Behandlung Aidskranker entziehe, solle daher den Beruf wechseln.</p>
<p>In der Aufarbeitung des <a href="https://magazin.hiv/2014/06/25/wir-werden-notfalls-wieder-fuer-die-entschaedigungsrente-kaempfen/">Bluterskandals</a> hat sie sich große Verdienste erworben. Selbst als der HIV-Test schon zugänglich war, wurden Blutprodukte nicht sofort getestet und die Altbestände einfach aufgebraucht. Und so stritt sie im Nationalen Aids-Beirat, zu dem sie traditionell Zweiter Klasse mit der Bahn anreiste, für saubere Blutprodukte – genauso wie für einen würdigen Umgang mit schwulen Männern und Drogengebraucher_innen.</p>
<p>Der Klinikleitung waren die Entwicklungen in der infektiologischen Abteilung nicht recht. Da wurden gegen den Willen der Verwaltung einfach Räume besetzt. Der Personalschlüssel wurde mithilfe von Forschungsgeldern, Spenden und Honoraren für Gutachten und die Behandlung von Privatpatient_innen erhöht. Sie erzählte mir mal, dass sie von ihrem Professorinnengehalt gut leben könne, vernünftige Arbeitsbedingungen seien ihr wichtiger als eine Eigentumswohnung mehr.</p>
<p>Sie kämpfte im Interesse der Patient_innen gegen die Krankheit und deren soziale Auswirkungen. Dazu gehörten auch Aufklärungsveranstaltungen in der schwulen Szene. Frau Helm ist heute noch sichtlich beeindruckt, wenn sie von ihrem Informationsabend im „Pink Elephant“ berichtet und dem mulmigen Gefühl beim Blick in die Runde, dass sie wohl einen wesentlichen Teil der Besucher in der Klinik wiedersehen werde – ein Gefühl, das sich bewahrheiten sollte.</p>
<blockquote><p>Nachwuchsförderung ohne Konkurrenzstreben und Eitelkeit</p></blockquote>
<p>Die Menschen sind ihr nicht gleichgültig, und so hat es ihr in der Zeit des schnellen Sterbens manchmal zugesetzt, montagmorgens das Stationszimmer zu betreten und zu erfahren, wer am Wochenende gestorben war. Aber wie damit im Krankenhaus umgegangen wurde, habe ich damals sehr geschätzt. So machte während des Tages ein Pfleger die Runde, um im Flur und auf den Balkonen zu erzählen, wen er denn gleich mit dem Bett aus der Station herausfahren werde. Das gab die Möglichkeit zu kleinen Abschieden in unserer Notgemeinschaft.</p>
<p>Es gab ein Landesprogramm zur anonymen medizinischen Begleitung, die Ärzt_innen haben untersucht und geklärt, was immer nur möglich war. Alle waren neben der ärztlichen Tätigkeit auch mit Öffentlichkeitsarbeit, in Gremien, der Aus- und Weiterbildung sowie in der Forschung beschäftigt. Für niedergelassene Ärzt_innen gab es eine Beratungshotline. Unter den Medizinstudierenden sprach sich schnell herum, dass man in der Infektiologie gut promovieren konnte: Forschung, Themen ohne Ende und die Unterstützung durch ein hochmotiviertes Team waren dort gesichert.</p>
<p>„Außergewöhnlich ist Frau Helms mütterliches Verständnis von Medizin- und Wissenschaftsbetrieb, das heißt, die Bildung und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ohne Konkurrenzstreben und Eitelkeiten“, so ihr ehemaliger Schüler Prof. Reinhard Brodt. Noch heute profitieren Patient_innen davon, dass sie Maßstäbe in der Behandlung gesetzt und manche Kolleg_innen zur Promotion und Habilitation gedrängt hat.</p>
<blockquote><p>Respekt vor der Würde des Einzelnen</p></blockquote>
<p>Auf der Facharztfeier ihres Schülers Schlomo Staszewski arbeitete sie gemeinsam mit dessen Mamme in der Küche. Für Frau Helm war es selbstverständlich, zum Gelingen des Festes beizutragen. Auch das gehörte für sie zur Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses.</p>
<p>Anders als es im universitären Bereich leider üblich ist, hat sie bei vielen von ihr maßgeblich mit entwickelten Publikationen darauf geachtet, sie unter den Namen der jungen Wissenschaftler_innen erscheinen zu lassen. Auf eine bestimmte Veröffentlichung von ihr warte ich allerdings noch. Sie stellte an einem ihrer Brüder fest, dass Männer nicht zwei Dinge gleichzeitig machen können: „Schuhe putzen und dabei denken kriegt der nicht hin. Soll ich darüber mal einen Aufsatz verfassen?“</p>
<p>Bei ihr konnte der Nachwuchs viel lernen, zum Beispiel den Respekt vor der Würde des Einzelnen. Heruntergebrochen auf den Klinikalltag zeigte sich das im Kampf um die Anerkennung von Krankenzimmer und -bett als Intimbereiche der Patient_innen. Dabei ging es schlicht darum, anzuklopfen und Zimmer nicht ohne Erlaubnis zu betreten. Auch war es ihr wichtig, Behandlungsalternativen zwar offen zu besprechen, dabei aber die Verantwortung zu übernehmen und eindeutige Empfehlungen zu geben.</p>
<blockquote><p>Anführerin der CSD-Parade</p></blockquote>
<p>Sie ermöglichte es sterbenden Patient_innen, in der Klinik den Abschied in der Geborgenheit von Freund_innen zu erleben. Untersuchungen des Körpers führte sie mit unglaublich leichter Hand durch, und am Krankenbett führte sie Debatten, ob die Nebenwirkungen eines Medikaments Allergien oder Vergiftungserscheinungen seien. Sie untersuchte auch während der Visiten, und wenn gar nichts anderes mehr ging, schmierte sie Brötchen und fütterte auch mal jemanden. Ein wertschätzender Umgang mit dem Pflegepersonal auf Augenhöhe ist für sie eine Selbstverständlichkeit.</p>
<p>„Mit dem ganzen psychosozialen Quatsch kann ich nichts anfangen“, behauptete sie mal und lebt das Gegenteil. Sie interessiert sich für die Biografie und die Lebensumstände ihres Gegenübers. Das fand sich dann zum Beispiel in einer Bemerkung während einer großen Visite wieder, als sie meine Information kolportierte, die armen Marburger Schwulen hätten nur zwei Klohäuschen und einen alternativen Abend, wo sie hingehen könnten. Das muss ihr schrecklich vorgekommen sein, nachdem sie in Frankfurt von einem Lederkerl im Jeep chauffiert als Anführerin die CSD-Parade erlebte und dabei, wie eine Cheerleaderin mit bunten Papierpuscheln wedelnd, ihre Patienten und deren Freunde am Straßenrand begrüßte – prall im schwulen Leben.</p>
<p>Sie und Herr Stille verzichteten zugunsten eines Patientencafés auf ein Arztzimmer. Manche Patient_innen der Anfangsjahre waren Stammgäste der Station. Und so wurde nicht nur gestorben, was an die Grenzen aller in der Abteilung Tätigen ging, sondern es gab auch rauschende Feste mit Ärzt_innen, Schwestern, Patient_innen und deren Umfeld.</p>
<blockquote><p>Rauschende Feste auf Station</p></blockquote>
<p>Über die Stimmung auf Station habe ich mal Folgendes geschrieben:</p>
<p><strong> </strong>„Wenn Käpt’n Blaubär erzählte, was er in den letzten Wochen erlebt hat, würden böswillige Zungen wieder einmal behaupten, er verbreite Lügenmärchen:</p>
<p>‚Also das war so: ich besuchte neulich im Krankenhaus schwerkranke Menschen. Als ich auf den Klinikflur kam, tanzten mir zwei Bauchtänzerinnen mit wehenden Schleiern entgegen. Orientalische Klänge zogen durch den Raum, während an den reich gedeckten Tafeln Kranke, ihre Freunde und ihre Angehörigen Berge von Kuchen vertilgten.‘</p>
<p>So würde Blaubär wohl anfangen, um einen Nachmittag auf der Station 68 in Frankfurt zu beschreiben.</p>
<p>Zum Sommerfest fanden sie sich alle wieder ein, der Chor der Mainsirenen, Aurora de la Mehl und Ramona Derangé mit dem Silent Sound Ensemble. Zu den Klängen der Zauberflöte brachten sie den Disput zwischen der Scheibe Toast, die nicht gebraten werden wollte, und dem arbeitshungrigen Toaströster zu Gehör, nachdem schon vorher zu Klängen von Schubert das Schicksal der Forelle, von dem Hausherrn in der Mikrowelle vergessen, beklagt wurde. Das Odeur, den jener nach drei Wochen Urlaub plötzlich in der heimischen Küche erwartete, streckte auch den jungen Mann danieder. Künstlerinnen jedweden Geschlechtes gaben sich ein Stelldichein.</p>
<p>Nette Leute waren da. Nach einer langen Phase der Trauer wieder frisch verliebt der eine, darob etwas traurig der andere, leider verschmähte Mann. Viele bekannte Gesichter, manch einer, der sich regelmäßig der Chemotherapie unterzieht, Tina und Günther, die letzten Überlebenden unserer allabendlichen Tafelrunde des letztjährigen Sommers auf der Station. Und Frau Helm mittendrin.“</p>
<blockquote><p>Gespräche über Literatur, Zipperlein und das alltägliche Leben</p></blockquote>
<p>In den letzten Jahren traf ich Frau Prof. Helm immer wieder auf dem Flur des Frankfurter Infektiologikums, häufig mit einem Bündel Akten unter dem Arm, weil sie bis vor Kurzem immer noch gutachterliche Stellungnahmen verfasste. Wir redeten über Literatur, Zipperlein und das alltägliche Leben.</p>
<p>Ich mag mir gar nicht vorstellen, dass diese großartige Ärztin wirklich aufgehört hat, zu behandeln, nicht wie in früheren Kliniktagen einfach ihr Stethoskop nimmt und fragt: „Darf ich Sie mal abhören?“ Ich profitiere sehr von dem, was sie den Nachwuchs gelehrt hat. Auch dafür danke ich ihr von ganzem Herzen. Ich wünsche ihr eine unbeschwerte Teilhabe am kulturellen Leben und mir gelegentlich einen Schwatz mit ihr in einem der Museumscafés der Stadt.
      </p></div>
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		<title>Alles geregelt?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Mar 2016 09:18:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Alter St.-Matthäus-Kirchhof]]></category>
		<category><![CDATA[Bestattung]]></category>
		<category><![CDATA[Erben]]></category>
		<category><![CDATA[Gemeinschaftsgrab]]></category>
		<category><![CDATA[Grab]]></category>
		<category><![CDATA[Patientenverfügung]]></category>
		<category><![CDATA[Testament]]></category>
		<category><![CDATA[Totensorge]]></category>
		<category><![CDATA[Vollmacht]]></category>
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					<description><![CDATA[Bestattung, Testament, Patientenverfügung, Vollmacht: Bernd Aretz erklärt, was er in Sachen Vorsorge für sinnvoll hält.]]></description>
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        <strong>Bestattung, Testament, Patientenverfügung, Vollmacht: Bernd Aretz erklärt, was er in Sachen Vorsorge für sinnvoll hält.   </strong></p>
<p>Designerin Jette Joop will als Seniorin Schnabeltassen und scharfe Rollatoren entwerfen. <a href="https://magazin.hiv/2013/01/21/dr-lore-seidenzahn-rainer-schilling-zum-siebzigsten/">Rainer Schilling</a>, ehemals langjähriger Schwulenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe und zeitlebens Design-Liebhaber, findet es völlig richtig, dass ich mir im Vorgriff auf Jette Joops Entwürfe über ebay schon mal eine Schnabeltasse der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin besorgt habe. „Das ist ein Muss!“, meint er.</p>
<p>Rainer hat an der Wand des <a href="https://magazin.hiv/2015/10/13/ein-ort-der-trauer-und-des-gedenkens/">Alten St. Matthäus-Kirchhofs in Berlin-Schöneberg</a> das Grab schräg hinter der Ruhestätte der Gebrüder Grimm entdeckt. Hier möchte er einmal, beschienen von der Abendsonne, liegen. Ein angedeutetes griechisches Portal mit drei weißen marmornen Tafeln von der Erstbelegung und Platz für zwölf Urnen.</p>
<blockquote><p>Zwei Vereine fürs künftige Grab</p></blockquote>
<p>Für die denkmalgerechte Sanierung haben Rainer, Freunde und ich <a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/03/Beispiel-Lietzmann-eV-für-Alles-geregelt.pdf" target="_blank" rel="noopener">einen gemeinnützigen Verein</a> gegründet und außerdem <a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/03/Beispiel-Sparverein-für-Alles-geregelt.pdf" target="_blank" rel="noopener">einen „Sparverein“</a>, um die Belegung zu regeln und die Friedhofsgebühren anzusparen. Heute würde ich ihn anders nennen, weil er uns als „Sparverein“ nachdringliche Fragen der Bundesaufsicht für Finanzwesen einbrachte, die wissen wollte, ob wir nichtgenehmigte Bankgeschäfte betrieben. Sie war dann aber doch zu überzeugen, dass die Eröffnung eines Sparbuchs nicht genehmigungspflichtig ist.</p>
<p>Wenn man einen solchen Verein will, ist es ratsam, die Satzungsentwürfe vor der Gründungsversammlung mit dem zuständigen Finanzamt und dem Amtsgericht abzustimmen, weil die Vorstellungen der Zuständigen in diesen Ämtern davon, was zulässig sein soll, von Ort zu Ort leicht voneinander abweichen.</p>
<p>Ich halte eine Verfügung zur Totensorge für empfehlenswert und habe eine erstellt. Rainer ist das egal. Wichtig ist ihm sein letzter Platz unter Freunden. Einig sind wir uns beide, dass die Bestattung von Freund_innen und der Familie gestaltet werden sollte, da sie zu deren Trost dienen soll.</p>
<blockquote><p>Verfügung zur Totensorge</p></blockquote>
<p>Aus der Sicht des Juristen ist es sinnvoll, jemanden dafür zu bevollmächtigen, vor allem dann, wenn man keine juristisch abgesicherten und daher zuständigen Partner_innen hat. Dann nämlich sind, falls niemand testamentarisch erbt, erst einmal die Familie, die Eltern oder deren Abkömmlinge zuständig. Das mag für einige okay sein, wenn nicht, sollte man es regeln. Falls nichts davon existiert, werden sich das Ordnungsamt und gegebenenfalls das Sozialamt einschalten. Dann kann es allerdings passieren, dass man fernab der Heimat anonym beigesetzt wird.</p>
<p>Wer besondere Wünsche hat, sollte sie – leicht auffindbar – niederschreiben. Eine besondere Form gibt es dafür nicht, sie können handschriftlich oder am PC getippt und eigenhändig unterzeichnet oder aber auch notariell beurkundet sein.</p>
<p>Mit dem Tod ist das Erbrecht verknüpft. Auch Verheiratete oder Verpartnerte sollten ein Testament machen, denn sonst erben die Eltern oder deren Abkömmlinge mit. Näheres dazu findet sich in einer <a href="http://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Erben_Vererben.html" target="_blank" rel="noopener">Broschüre des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz</a>.</p>
<p>„Bei mir gibt es doch nichts zu erben“, meint Rainer. Ich weise ihn darauf hin, dass ein_e Nachlasspfleger_in bestellt wird, wenn keine schnell auffindbaren Angehörigen existieren. Diese_r wird im Zweifel die Wohnung durch eine Entrümpelungsfirma freiräumen lassen. Ob das eine angemessene Verwertung für einen Nachlass ist, der zu weiten Teilen aus Originalarbeiten schwuler Künstler besteht, ist allerdings sehr fraglich. Ich habe, um meinem Partner das Leben zu erleichtern, ein notarielles Testament gemacht. Dann bedarf es in aller Regel keines Erbscheins.</p>
<p>Vor dem Tod steht das Sterben. In dieser Situation ist eine Patientenverfügung hilfreich. Ich habe noch jene Zeiten erlebt, als die Notarkammern von der Beurkundung abrieten. Das war absurd. Der Staat konnte einen fremden Betreuer oder eine fremde Betreuerin auch für medizinische Einwilligungen oder Widersprüche bestellen, wenn man selbst nicht mehr handlungsfähig war. Der Bürger sollte demnach nicht festlegen dürfen, wie er sterben will und wer seine Patientenrechte wahrnimmt.</p>
<blockquote><p>Wahrnehmung der Patientenrechte</p></blockquote>
<p>Ich habe selbstverständlich beurkundet, vorher aber auch darauf hingewiesen, dass die notarielle Form nicht notwendig ist. Die Vorstellung, die betroffene Person könne ja ihre Wünsche geändert haben, ohne das niederzuschreiben, weshalb ihre Wünsche durch die Entscheidungen fremder Ärzt_innen ersetzbar seien, hat mir nie eingeleuchtet. Da hat sich glücklicherweise viel getan. Auch zum Thema <a href="https://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Patientenverfuegung.html" target="_blank" rel="noopener">Patientenverfügung</a> gibt es eine Broschüre des Justizministeriums.</p>
<p>Allzu detaillierte Regelungen halte ich dabei für wenig sinnvoll. <a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/03/Beispiel-Patientenvollmacht-für-Alles-geregelt.pdf" target="_blank" rel="noopener">Ich bin ein Anhänger knallharter Vollmachten</a>, wobei die Bevollmächtigten wissen sollten, welche Behandlung man mitzutragen bereit ist und wann in die palliative Begleitung gewechselt werden sollte. Man muss es ja nicht so machen wie in meinem hier hinterlegten Beispiel, aber es zeigt auf, worüber nachzudenken ist – etwa über die Zustimmung zu einer Organtransplantation, denn inzwischen werden auch Organe von HIV-positiven Spender_innen genommen.</p>
<p>Bei einer Vollmacht ist zu überlegen, wer bevollmächtigt werden soll. Bei mir ist es ganz klar der Hausarzt und nicht mein Lebenspartner, der damit völlig überfordert wäre – aber selbstverständlich soll alles im Gespräch mit ihm entschieden werden. Wer häufiger an Sterbebegleitungen beteiligt war, weiß, dass sich Probleme nur gemeinsam mit den Pflegenden und Behandelnden klären lassen, kaum jedoch durch detaillierte Anweisungen, wann der Strom abzuschalten ist.</p>
<blockquote><p>„Wenn man Pech hat, ist es für Regelungen zu spät“</p></blockquote>
<p>Auch für Rainer ist es hilfreich, dass er von seiner langsam dement werdenden Cousine, um die er sich kümmert, eine Vollmacht hat. Für sich selbst hat er sich noch nicht dazu aufraffen können. „In unserer Familie wird man 90, das hat noch Zeit“, winkt er ab. „Vielleicht habe ich aber auch einfach niemanden, dem ich das zutraue.“</p>
<p>Diese Haltung birgt Risiken, denn wenn man Pech hat, ist es für Regelungen zu spät, etwa nach einem überlebten Schlaganfall. Dann sollte es wenigstens eine Patientenverfügung (ohne Vollmacht) geben, in der niedergelegt ist, was man unter keinen Umständen ertragen will. Für ihre Umsetzung und die Regelung aller anderen rechtlichen Angelegenheiten bestellt das Gericht eine_n <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Berufsbetreuer">Berufsbetreuer_in</a>, falls sich niemand aus dem Freundeskreis meldet, der das ehrenamtlich machen will, oder falls man sich vorher nicht schriftlich geäußert hat, wen man sich als Betreuung wünscht.</p>
<p>Der Vorteil einer Betreuung ist, dass die betreffende Person gegenüber dem Gericht finanzielle Rechenschaft ablegen muss, aber auch die örtlichen Fachhilfen für Betreuende in Anspruch nehmen kann. Kleine rechtliche Probleme wie etwa das dritte Zeitschriftenabonnement oder der fünfte Handyvertrag lässt sich durch den Nachweis einer nur sehr eingeschränkten Handlungsfähigkeit leichter lösen. Für manche Dinge wie beispielsweise eine Wohnungsauflösung, das Anbringen von Bettgittern oder für andere freiheitsentziehende Maßnahmen bedarf es immer der Zustimmung des Betreuungsgerichts.</p>
<blockquote><p>Vollmacht erspart Schreibkram</p></blockquote>
<p>Durch eine Vollmacht kann man derjenigen Person, der man den gesamten Verkehr mit den Behörden aufbürdet, viel Schreibkram ersparen. Wenn ein wirkliches Vertrauensverhältnis besteht, ist eine Vollmacht die bessere Alternative. Sie empfiehlt sich auch bei hetero- und gleichgeschlechtlichen Ehepaaren, denn aus der ehelichen Verbindung ergibt sich nur eine Vollmacht für Rechtsgeschäfte des alltäglichen Bedarfs, nicht aber für Außergewöhnliches, schon gar nicht für die Wahrnehmung von Patientenrechten.</p>
<p><strong>Informationen:</strong></p>
<p>Broschüren des Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz:</p>
<ul>
<li><a href="https://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Erben_Vererben.html">Erben und vererben</a> (Stand 1. November 2015)</li>
<li><a href="https://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Betreuungsrecht.html">Betreuungsrecht</a> mit Informationen zur Vorsorgevollmacht und den dazugehörigen Formularen (Stand 1. Juli 2015)</li>
<li><a href="https://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Patientenverfuegung.html">Patientenverfügung</a> mit Formular (Stand 1. Juli 2015)</li>
</ul>
<p>Deutsche AIDS-Hilfe: <a href="http://www.aidshilfe.de/de/leben-mit-hiv/recht/vorsorge">Informationen zum Thema „Vorsorge“</a></p>
<p><strong>Beispiele von Bernd Aretz:</strong></p>
<ul>
<li><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/03/Beispiel-Patientenvollmacht-für-Alles-geregelt.pdf" target="_blank" rel="noopener">Patientenvollmacht</a></li>
<li><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/03/Beispiel-Lietzmann-eV-für-Alles-geregelt.pdf" target="_blank" rel="noopener">Satzungsentwurf Grabstätte Lietzmann e.V.</a></li>
<li><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/03/Beispiel-Sparverein-für-Alles-geregelt.pdf" target="_blank" rel="noopener">Satzung Belegungs- und Sparverein e.V.</a></li>
</ul></div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Wenn Junkies alt werden</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Mar 2016 07:16:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Altenheim]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[Diamorphin]]></category>
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		<category><![CDATA[Drogenkonsumräume]]></category>
		<category><![CDATA[gebraucher]]></category>
		<category><![CDATA[Marco Jesse]]></category>
		<category><![CDATA[Substitution]]></category>
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					<description><![CDATA[In unserer alternden Gesellschaft kommen auch immer mehr Drogen Gebrauchende in die Jahre. Wie lässt sich für sie eine angemessene Versorgung sicherstellen? Ein Gespräch mit <em>Marco Jesse</em> von VISION e.V.]]></description>
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        <strong>In unserer alternden Gesellschaft kommen auch immer mehr Drogen Gebrauchende in die Jahre. Wie lässt sich für sie eine angemessene Versorgung sicherstellen? Ein Gespräch mit <em>Marco Jesse</em> von VISION e.V.</strong></p>
<p>Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten sind bei Drogen Gebrauchenden ein stiefmütterlich behandeltes Thema. Soweit sie verheiratet sind, meinen sie, damit seien eventuelle Probleme gelöst. Aber die Ehe gibt nur das Besuchsrecht in der Klinik, und falls sich der_die Kranke nicht mehr äußern kann, ermöglicht sie über die Annahme einer vermuteten Einwilligung das Gespräch mit den Ärzt_innen. Aber für Entscheidungen reicht das nicht. Auch eine gesetzlich angeordnete Betreuung schließt in aller Regel nicht aus, dass eine Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht oder ein Testaments verfasst werden kann.</p>
<blockquote><p>Straße oder Gefängnis sind kein angemessener &#8222;Altersruhesitz&#8220;</p></blockquote>
<p>„Mit dem Tod und dem Weg dahin beschäftigen sich unsere Leute nicht so gern“, erzählt Marco Jesse, Geschäftsführer der Drogenselbsthilfe <a href="http://www.vision-ev.de">VISION e.V.</a> in Köln. Vielleicht, weil sie gelernt haben, dieses Thema genauso zu verdrängen wie das Risiko einer (tödlichen) Überdosierung.</p>
<figure id="attachment_28219" aria-describedby="caption-attachment-28219" style="width: 200px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Marco-Jesse-JES.png" rel="attachment wp-att-28219"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-28219" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Marco-Jesse-JES.png" alt="Portrait Marco Jesse" width="200" height="250" /></a><figcaption id="caption-attachment-28219" class="wp-caption-text">Marco Jesse von VISION e.V. (Bild: privat)</figcaption></figure>
<p>Als Junkie alt zu werden, schien lange fast unmöglich. Erst über das Aufweichen der Verelendungsstrategie der Drogenpolitik, die Suchtkranke in abstinenzorientierte Therapien zwingen wollte, wurden infolge der Aidskrise akzeptierende Angebote geschaffen. Das fing mit Spritzentausch an, ging über die Schaffung von Anlaufstellen, Notschlafeinrichtungen und <a href="https://magazin.hiv/2015/07/20/hier-hab-ich-meine-ruhe">Konsumräumen</a> bis hin zur <a href="https://magazin.hiv/2013/12/11/wir-moechten-unseren-patienten-auch-eine-heimat-bieten/">Substitution – inzwischen auch mit Diamorphin</a>. Anders als Straßenheroin ist der Originalstoff nicht mit unbekannten Substanzen gestreckt, sondern als Arzneimittel bestens geprüft.</p>
<p>Zum ersten Mal gibt es für eine Generation von Opiatabhängigen nicht nur die Straße oder das Gefängnis als „Altersruhesitz“. Vor drei Jahrzehnten hätte in Deutschland niemand ernsthaft darüber nachgedacht, wie man diese Menschen im Alter pflegen und versorgen könnte.</p>
<p>Aber die Probleme fangen schon früher an. Bei plötzlichen Krankenhausaufenthalten oder bei Verhaftungen haben Substituierte in der Regel keine Bescheinigung mit, die über das Medikament und die Dosis Auskunft geben könnte. Das führt vor allem an Wochenenden dazu, dass die benötigten Substitutionsmittel nicht bereitgestellt werden und die Betroffenen sich mit unnötigen Entzugsproblemen herumplagen müssen.</p>
<blockquote><p>Die Probleme fangen nicht erst im Alter an</p></blockquote>
<p>Ein zentrales namentliches Substitutionsregister, wie es manche Gefängnismediziner_innen wünschen, erinnert doch zu sehr an die Rosa Listen der Polizei, die den Nationalsozialisten und der Justiz in der Adenauer-Ära eine Grundlage für Ermittlungen gegeben hatte. Datenschutzrechtlich ist das nicht zu vertreten. Vielleicht könnten Substituierte, die Angebote der Drogenhilfe nutzen, dort eine Kopie ihrer Behandlungsbescheinigung hinterlegen. Wenigstens bei Einrichtungen, die auch am Wochenende erreichbar sind, könnte das zur Entschärfung des Problems beitragen.</p>
<p>„Ansonsten kann man nur hoffen, in den Kliniken an Ärztinnen und Ärzte zu geraten, die mit ihren Patienten sprechen und im Zweifelsfall mit einer niedrigen Dosis anfangen und bei Bedarf kurzfristig höher dosieren“, sagt Marco Jesse. In vielen Kliniken seien die heute üblichen Substitutionsmittel aber gar nicht vorrätig, und es herrsche hier viel Unwissen über die gängigen Dosierungen und relevanten Wechselwirkungen. Schwierigkeiten gebe es vor allem auch, wenn jemand mit retardierten Morphinen oder Diamorphin behandelt wird.</p>
<p>Auch die häusliche Pflege älterer Drogen Gebrauchender ist nicht gesichert. „Wir haben in Köln immer noch keinen guten Pflegedienst gefunden, der bereit wäre, mit unserer Klientel zu arbeiten. Und selbst wenn sich einer darauf einlässt, gibt es erfahrungsgemäß dann Probleme, wenn Substituierten ihr Medikament nicht per Take-home-Verordnung mitgegeben wird. Meist weigern sich die Dienste, sich um die Versorgung mit Substitutionsmitteln zu kümmern, während das bei anderen Medikamenten kein Problem ist.“</p>
<p>Adressaten für eine Verbesserung der Situation wären die Verbände im Pflegebereich. Sie müssten für die speziellen Anforderungen sensibilisiert werden und das dann an die Pflegedienste weitervermitteln. „Denn das, was wir bei jedem Einzelfall mit viel Einsatz und Überzeugungsarbeit immer wieder zu erreichen versuchen und oft auch schaffen, verändert nicht die Struktur“, gibt Jesse zu bedenken.</p>
<blockquote><p>Sensibilisierung der Pflegeverbände erforderlich</p></blockquote>
<p>Die Motivation der Pflegedienste, Mitarbeiter_innen in einen möglicherweise ungepflegten Junkie-Haushalt zu schicken, ist gering. Die ganze Bandbreite an Vorbehalten und Vorurteilen kommt hier zum Tragen: Dort bestehe erhöhte Verletzungsgefahr, man könne bestohlen werden, sich die Krätze holen. Dass gewöhnliche Substituierte genauso kleinbürgerlich sein können wie der Nachbar nebenan, ist in solchen Fantasien nicht vorgesehen.</p>
<p>Im Grunde müsste das Bundesgesundheitsministerium die Pflegeverbände, die Drogen- und Aidshilfe sowie die Drogenselbsthilfe an einen runden Tisch zusammenrufen. „Wenn die Deutsche AIDS-Hilfe das über einen Fachtag macht, ist das gesundheitspolitisch wohl zu niedrig angesiedelt. Da gehen bloß die üblichen, ohnehin aufgeschlossenen Verdächtigen hin“, mutmaßt Marco Jessen. „Da rollt ein Bedarf auf uns zu, auf den kein System vorbereitet ist. Die Lösung kann nicht sein, alle in spezialisierte Junkie-Altenheime zu stecken. Erst einmal müssen wir die ambulante Versorgung sicherstellen.“</p>
<p>Die Anmietung eigenen Wohnraums durch die Träger gestaltet sich beim ambulant Betreuten Wohnen allerdings kompliziert. Schon bei mehr als vier Zimmern greift hier möglicherweise das Heimgesetz mit einer Vielzahl von Regelungen, die auf anders strukturierte Angebote, nämlich klassische Heimbetriebe, zugeschnitten sind. Bisher gibt es zudem nur Einrichtungen, die Substituierte aufnehmen. Für alle übrigen Drogen Gebrauchenden fehlen bislang Lösungen. Denkbar wäre beispielsweise, in den „Heimen“ kleine Konsumräume einzurichten oder zeitweise externe Konsummobile für die Bewohner zu ordern.</p>
<blockquote><p>Vieles lässt sich nur im rechtlichen Graubereich lösen</p></blockquote>
<p>Dringend notwendig ist ebenso eine Ausweitung der Diamorphinvergabe. Dazu müssten aber einige Vorschriften geändert werden, denn wegen der hohen Auflagen ist sie bisher nur in spezialisierten Einrichtungen möglich. Man müsste Diamorphin als normales Substitutionsmittel, das in jeder Arztpraxis vergeben werden darf, zugänglich machen. Doch das scheint zurzeit undenkbar zu sein. „Die ganze bisherige Drogenpolitik gehört in die Tonne“, kritisiert Jesse. „Selbst wenn du Träger und Menschen hast, die die Versorgung sicherstellen wollen, häufen sich die Probleme, die oft nur im rechtlichen Graubereich gelöst werden können.“</p>
<p>VISION e.V. hat einen Fachtag veranstaltet, bei dem es um die Wünsche für das Leben im Alter ging. „Unsere Kunden möchten in kleinen Einheiten bis zu fünf Leuten leben und auf entsprechende Hilfsangebote von außen zurückgreifen können“, erklärt Marco Jesse. „Wenn man die mobile Substitution einschließlich Originalstoffvergabe hinbekommt, kann man dort vielen ein Leben in Würde bis zum Tod ermöglichen. Aber das muss man über Modellversuche erst einmal anstoßen.“ Dafür müsse man Menschen finden, die zueinander passen. Und die Bewohner_innen bräuchten ein Mitspracherecht bei der Besetzung frei werdender Plätze, sonst scheitere ein solches WG-Modell.</p>
<p>Viele Drogengebraucher_innen haben in ihrer Kindheit und Jugend Missbrauch und Gewalt erlebt. Zu den traumatisierenden Erfahrungen gehören oft auch Strafverfolgung und Haftaufenthalte. Für den Leiter der Diamorphinvergabe-Stelle in Berlin ist Drogengebrauch eine medizinisch angemessene Selbstmedikation bei psychiatrisch bedeutsamen Traumata. „Ich frage mich allerdings schon lange, woher die Häufigkeit psychiatrischer Begleiterkrankungen kommt“, merkt Marco Jesse dazu an. Vielleicht lässt sich vieles eben doch nicht nur über Drogengebrauch kompensieren. „Verschärft wird das Ganze noch dadurch, dass es kaum Psychotherapeuten gibt, die sich unserer Leute annehmen. Umso mehr muss es ihnen im Alter und bei Pflegebedürftigkeit ermöglicht werden, an die von ihnen benötigten Substitutionsmittel bis hin zum Originalstoff zu kommen.“</p>
<blockquote><p>Gleichberechtigte Mitbestimmung statt Rundumversorgung</p></blockquote>
<p>Zu passenden Wohnformen komme man nur, wenn man die Drogengebraucher_innen in die Konzeption und Gestaltung einbindet, ist Jesse überzeugt. Man sollte ihnen auch die Mitarbeit ermöglichen. „Unsere Nutzer haben eine starke Affinität zu kreativem Arbeiten, zu Gartenbau und zu Tieren. Und dann muss man schauen, was an fachlichem Support möglich ist. Aber die gleichberechtigte Mitbestimmung ist schon die Hälfte der Lösung.“</p>
<p>Man darf Menschen nicht von vornherein in eine Rundumversorgung stecken. Sie wollen mitarbeiten. Diese Potenziale sollte die Gesellschaft nutzen.
      </p></div>
</p></div>
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		<title>Daheim in Rödelheim</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Mar 2016 09:21:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Frankfurter Verband]]></category>
		<category><![CDATA[Ilka Richter]]></category>
		<category><![CDATA[Julie-Roger-Haus]]></category>
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		<category><![CDATA[Pflegeheim]]></category>
		<category><![CDATA[Regenbogenschlüssel]]></category>
		<category><![CDATA[Roze Loper]]></category>
		<category><![CDATA[Roze Zorg]]></category>
		<category><![CDATA[Sozial- und Rehazentrum West]]></category>
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					<description><![CDATA[Egal ob schwul, lesbisch, ob HIV-positiv oder nichts von alledem. Die Türen des Sozial- und Rehazentrums West stehen allen offen. Bernd Aretz hat die Pflegeeinrichtung in Frankfurt-Rödelheim besucht.]]></description>
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        <strong>Egal ob schwul, lesbisch, ob HIV-positiv oder nichts von alledem. Die Türen des Sozial- und Rehazentrums West stehen allen offen. Bernd Aretz hat die Pflegeeinrichtung in Frankfurt-Rödelheim besucht.</strong></p>
<p>Der Speiseplan für die Woche hängt außen aus, auf der Eingangstür klebt der „Regenbogenschlüssel“, die jeweils für ein Jahr geltende Zertifizierung der niederländischen Organisation <a href="http://www.rozezorg.nl/">„Roze Zorg“</a> („Rosa Pflege“) für ein Haus, das die besonderen Bedürfnisse von Homosexuellen ernst nimmt und für eine diskriminierungsfreie Umgebung sorgt.</p>
<p>Das <a href="http://www.sozial-rehazentrum-west.de/index.html">Sozial- und Rehazentrum West</a> in Frankfurt-Rödelheim bietet alles von der Kurzzeitpflege über dauerhafte stationäre Pflege bis hin zu Wohngruppen, eine davon sogar speziell für schwule Männer. Es ist ein offenes Haus, dessen Restaurant- und Caféangebote auch gerne von der Nachbarschaft angenommen werden. Darüber hinaus ist es spezialisiert auf die Versorgung von Menschen mit HIV oder Aids und arbeitet eng mit dem Infektiologikum Frankfurt zusammen. Derzeit befindet sich das Haus im Umbau, das ändert aber nichts an seiner Herzlichkeit.</p>
<p>Die Empfangsdame bietet mir sofort einen Kaffee in den unterschiedlichsten Variationen an. Ich setze mich in den Aufenthaltsraum, sehe vereinzelte, in sich versunkene alte Männer. Es dauert ein wenig, bis ich auch das plaudernde Pärchen wahrnehme, das sich verzieht. Unterdessen holt mich Ilka Richter ab, die Hausleiterin. Mit einem Blick auf mich als potenziellen Bewohner bietet sie völlig selbstverständlich an, meine Tasse in ihr Zimmer zu tragen, was ich wegen meines gelegentlichen Tremors dankend annehme.</p>
<blockquote><p>Klare Haltung gegen Diskriminierung</p></blockquote>
<p>Das Rehazentrum gehört zum <a href="http://www.frankfurter-verband.de/index.html">Frankfurter Verband</a>, der sich als gemeinnütziger Verein nach dem Ersten Weltkrieg gegründet hat, um die Versorgung der Kriegsversehrten und plötzlich alleinstehenden Witwen durch einen runden Tisch und die Zusammenarbeit aller Engagierten zu koordinieren und zu sichern.</p>
<p>Was das Besondere an ihrem Verband ist, vermag Ilka Richter nicht so recht zu benennen: „Wir waren halt immer schon etwas anders.“ Vielleicht hat dabei mitgespielt, dass er aus bürgerschaftlicher Verantwortung heraus entstanden ist. Zu ihm gehört auch das ebenfalls mit dem „Regenbogenschlüssel“ zertifizierte <a href="http://www.switchboard-ffm.de/content/caf%C3%A9-karussell">Julie-Roger-Haus </a> und das <a href="http://www.switchboard-ffm.de/content/caf%C3%A9-karussell">Café Karussell</a> für homosexuelle Männer ab Sechzig im Switchboard der Frankfurter AIDS-Hilfe.</p>
<p>Vor etwa sieben Jahren meldete sich Norbert Dräger, Leiter des „Schwulen Zentrums Frankfurt“ der dortigen Aidshilfe, bei Ilka Richter, um mit ihr über die Sensibilisierung ihres Teams in Sachen Homosexualität zu reden. Wenn ich mich recht erinnere, war die Idee, ein „Altenpflegayheim“ in Frankfurt einzurichten, gerade mangels Nachfrage zu Grabe getragen worden und hatte dem Gedanken Platz gemacht, bestehende Einrichtungen zu öffnen. Daraus hervor gingen ein fortlaufender Sensibilisierungsprozess für die im Haus Tätigen und eine klare Haltung gegen jegliche Form der Diskriminierung, auch durch Bewohner_innen und deren Angehörige.</p>
<blockquote><p>Travestieabende und schwule Filme</p></blockquote>
<p>Denn angesichts der hin und wieder wechselnden Bewohner_innen und der gelegentlichen Veränderungen im Kollegium darf man nicht auf das Erreichte vertrauen. Daher wird Norbert Dräger regelmäßig zum Gespräch mit den Mitarbeiter_innen eingeladen. Aber auch das Haus selbst ist aktiv, um ein offenes Klima zu schaffen: Es gibt zum Beispiel Travestieabende, und in einer Filmreihe werden schwule Filme gezeigt.</p>
<figure id="attachment_28355" aria-describedby="caption-attachment-28355" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Ilka-Richter.png" rel="attachment wp-att-28355"><img decoding="async" class="size-medium wp-image-28355" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Ilka-Richter-300x207.png" alt="Heimleiterin Ilka Richter (Foto: privat)" width="300" height="207" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Ilka-Richter-300x207.png 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Ilka-Richter.png 644w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption id="caption-attachment-28355" class="wp-caption-text">Heimleiterin Ilka Richter (Foto: privat)</figcaption></figure>
<p>Alle Bewohner_innen des Hauses müssen die Vielfalt aushalten können und sollten diese möglichst schätzen lernen. Bei Fällen von Beschwerden und Konflikten haben sich zwei Männer der <a href="http://www.gay40plus.de/Startseite.html">Gruppe 40plus</a> aus dem Umfeld der Frankfurter AIDS-Hilfe als externe Schlichter bereit erklärt. Die <a href="http://www.gay40plus.de/Rosa_Paten.html">Rosa Paten</a>, Ehrenamtliche, die homosexuelle Senior_innen besuchen, sind häufig im Haus anzutreffen.</p>
<p>Der Blick war wohl deswegen auf das Rehazentrum gefallen, weil es auch vorher schon keine Schwierigkeiten mit der Aufnahme von Menschen mit Aids hatte und auf Wunsch der Uniklinik auch Kurzzeitpflege übernahm. Das war alles eine Sache der Schulung, und für Ilka Richter ist es immer noch verblüffend, dass das Haus mit seinen inzwischen achtzehn Plätzen und seiner auch nach außen getragenen Offenheit ein Alleinstellungsmerkmal hat.</p>
<blockquote><p>Betreuung durch das Frankfurter Infektiologikum</p></blockquote>
<p>Jedes Haus hat unterschiedliche Schwerpunkte. Die Betreuung erfolgt regelmäßig durch das Infektiologikum. Bei uns, erzählt Ilka Richter, sind die Pflegebedürftigen oft besser aufgehoben als im bisherigen Umfeld. Das schützt die Familie und Freunde vor Überforderung und gibt Raum für gemeinsame Zeitgestaltung.</p>
<p>Auf die Frage, ob bei ihr, wie im Julie-Roger-Haus, auch Stripper zum Tanz auf den Tischen eingeladen werden, antwortet sie, sie seien ein traditionelles Haus. Darin könne man durchaus offen schwul sein, aber sie sei überzeugt, dass es den einen oder anderen älteren Herrn gibt, dem es ganz recht ist, sich nicht outen zu müssen. Man muss ja sehen, dass die heutigen Bewohner noch vom <a href="https://magazin.hiv/2014/03/10/jeder-uebergibt-sich-beim-hundertfuenfundsiebzig/">§175 StGB</a> mit voller Wucht und in der von den Nazis verschärften Fassung betroffen waren, teilweise auch schon während des Nationalsozialismus. Aber auch ihnen mag es helfen, deutliche Zeichen zu bekommen, dass sie so sein dürfen, wie sie sind. Der Wohnbereich für schwule Männer setzt schon ein anderes Selbstverständnis voraus.</p>
<blockquote><p>Im Julie-Roger-Haus tanzen auch mal Stripper auf den Tischen</p></blockquote>
<p>Das <a href="http://www.julie-roger-haus.de/">Julie-Roger-Haus</a> mit seiner schwulen Hausleitung ist da flippiger. Das geht mit der Einrichtung los und endet mit den Festen. Das hat für viele Vorteile, macht es aber gleichzeitig schwerer, versteckt zu leben, wenn man es denn nun will. Einer der Unterschiede ist, dass man die „Julie“ mit viel Nippes im Stil einer Pension der Dreißiger- oder Vierzigerjahre eingerichtet hat, was den dort überwiegend an Demenz erkrankten Bewohner_innen ein Gefühl von Heimat vermittelt. Die schon erwähnte Sitte, Stripper einzuladen, begann übrigens mit der Geburtstagsfeier einer hundertjährigen Dame, die noch mal einen nackten Mann sehen wollte – aber nicht so einen alten Knacker. Daraus hat sich inzwischen ein jährliches Stadtteilfest entwickelt.</p>
<p>Im Rehazentrum West gibt es nur wenige Doppelzimmer, berichtet Ilka Richter, alle Zimmer sind recht großzügig und mit einem eigenen Sanitärbereich versehen. Gefrühstückt wird vom Buffet, also dann, wann die Damen oder Herren möchten. Auf die Frage, ob es auch offen lebende lesbische Frauen gebe, erzählt sie von einem Paar, das mal bei ihr gewohnt hat. Sie kennt zwar die Beratungsstelle für lesbische Frauen, diese habe aber nie den Dialog gesucht wie die schwule Szene. Vielleicht hat sich da durch Aids trotz aller Schrecken bis in die Neunzigerjahre eine Sorgsamkeit füreinander entwickelt, die immer noch trägt.</p>
<p>Ilka Richter schätzt ehrenamtliches Engagement, das das soziale Leben bereichert, auch wenn sie vorsorglich darauf hinweist, dass bei einer gleich verabredeten halbstündigen Lesung der eine oder andere sicherlich einschlafen werde. Das geht mir manchmal auch nicht anders.
      </p></div>
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		<title>Zu Hause im Heim?!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 03 Mar 2016 08:14:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Altenpflege]]></category>
		<category><![CDATA[Alter]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[Christina Heusel]]></category>
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		<category><![CDATA[Demenz-WG]]></category>
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					<description><![CDATA[Nach 30 Lebensjahren mit HIV nähert sich Christina Heusel langsam dem Rentenalter. Die examinierte Krankenschwester war auch in der Altenpflege tätig und weiß, worauf es hier ankommt.]]></description>
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        <strong>Nach 30 Lebensjahren mit HIV nähert sich Christina Heusel langsam dem Rentenalter. Die examinierte Krankenschwester war auch in der Altenpflege tätig und weiß, worauf es hier ankommt.</strong></p>
<p>Bei Kaffee und frisch gebackenem Pflaumenkuchen sprechen wir über das Alter. Falten, nachlassende Kräfte, schmerzende Gelenke, schwindende Sehkraft und Schwerhörigkeit, Herzprobleme, Atemnot und Tremor – der Körper hat unendlich viele Möglichkeiten, sich unangenehm bemerkbar zu machen. „Ich hatte ja gedacht, mich damit nicht beschäftigen zu müssen. Aber wenn man seine Medikamente ordentlich nimmt, ist HIV nicht das Problem, und deshalb muss ich mir nun doch Gedanken über eine mögliche Pflegebedürftigkeit in hoffentlich ferner Zukunft machen.“</p>
<figure id="attachment_28302" aria-describedby="caption-attachment-28302" style="width: 356px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Foto-Christina_Heusel_Profil.jpg" rel="attachment wp-att-28302"><img decoding="async" class="size-full wp-image-28302" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Foto-Christina_Heusel_Profil.jpg" alt="Portrait Christina Heusel" width="356" height="470" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Foto-Christina_Heusel_Profil.jpg 356w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Foto-Christina_Heusel_Profil-227x300.jpg 227w" sizes="(max-width: 356px) 100vw, 356px" /></a><figcaption id="caption-attachment-28302" class="wp-caption-text">Christina Heusel (Foto: privat)</figcaption></figure>
<p>Die Geschwister sind zu alt, und ihrem Sohn möchte sie die Aufgabe nicht aufbürden. Das kann dann von der häuslichen Pflege über eine Senioren-Wohngemeinschaft bis hin zum Pflegeheim und Hospiz alles bedeuten. Die verschiedenen Möglichkeiten und Hilfsangebote wie auch Checklisten sind im Internet im <a href="http://www.deutsches-seniorenportal.de">Deutschen Seniorenportal</a> aufgeführt.</p>
<p>Christina hofft, dass sie klar genug bleibt, um die Ausgabe der Medikamente, die sie dann einnehmen muss, selbst überwachen zu können. Ihre Erfahrungen mit der Achtsamkeit ihrer Kollegen waren nicht immer gut. Auch ich erlebte das bei einem Aufenthalt in einer Universitätsklinik.</p>
<blockquote><p>Am besten unangemeldet besichtigen</p></blockquote>
<p>„Woran erkennt man eigentlich ein ordentlich geführtes Heim?“, frage ich Christina. Die examinierte Krankenschwester war auch in der Altenpflege tätig – in der eigenen Familie, im Heim, im häuslichen Pflegedienst und in einer Demenz-WG. „Wenn es eingeschränkte Besuchszeiten gibt, ist das verdächtig“, erklärt sie. „Dann nämlich hat die Heimleitung nicht erkannt, dass die dort wohnenden Menschen Rechte haben und dass die Pflege und Versorgung eine zusätzliche Leistung ist.“ Sie empfiehlt, die Häuser zu besichtigen, unangemeldet, am besten morgens zu Zeiten des Hochbetriebs, nicht nachmittags, wenn alle gewaschen am Tisch sitzen.</p>
<p>„Ein gutes Zeichen ist, wenn gewünscht wird, dass Angehörige an Veranstaltungen teilnehmen“, führt Christina weiter aus. „Wenn Begegnungsräume für die Gemeinschaft geschaffen werden. Wenn zum Schutz vor Stürzen nicht die Genehmigung eines Bettgitters verlangt wird, sondern eine zusätzliche Matratze vors Bett gelegt wird. Wenn das Gespräch gesucht wird, wie mit Verwirrtheitszuständen umzugehen ist. Und wenn die Kenntnis der Biografie der Bewohner ein wichtiger Bestandteil des individuellen Pflegekonzepts ist.“</p>
<blockquote><p>Individuelle Pflege erfordert Biografie-Kenntnisse</p></blockquote>
<p>Wie wichtig das sein kann, macht sie an einem Beispiel deutlich. Sie erzählt von einer alten Dame, die im Konzentrationslager unter der Dusche mit kaltem Wasser gefoltert worden war. Das müsse man wissen, damit man sie nicht mit einer Dusche in Panik versetzt, sondern sie zum Waschen ganz langsam in eine mit warmem Wasser gefüllte Badewanne absenkt.</p>
<p>Ob ein Haus etwas besser oder schlechter ausgestattet ist, findet sie unerheblich. Wichtig sei, dass Individualität möglich ist, eigene Möbel und Bilder mitgebracht werden können. Sonst würden vor allem demente Bewohner_innen gar nicht begreifen, dass sie jetzt dort zu Hause sind. Anzustreben seien eine Einbindung in die Gemeinschaft und eine möglichst weitgehende Mobilisierung.</p>
<p>Das Engagement von Ehrenamtlichen hält Christina für ein gutes Zeichen, wenn es darum geht, soziale Nähe herzustellen. Sie nimmt aber auch die Tendenz wahr, Ehrenamtliche für Aufgaben einzusetzen, die eigentlich das Heim leisten müsste, und über eine Aufwandspauschale Lohndumping zu betreiben.</p>
<p>Pflege ist bei aller beruflichen Distanz auch Beziehungsarbeit. Wie man mit dementen Menschen umgeht, frage ich Christina. „Man muss sie nehmen wie sie sind, ihre Wirklichkeit respektieren.“ Hilfreich sei, eine vertraute Umgebung zu schaffen, bei mehreren Stockwerken mit unterschiedlichen Farben die Orientierung zu erleichtern. Für Christina ist es ein Ausdruck von Lebendigkeit, wenn jemand hin und wieder stiften geht. Zum Wiederauffinden verwirrter Menschen gebe es inzwischen gute technische Möglichkeiten. Und wenn mal etwas passiere, dann sei weniger schlimm, als jemanden fürsorglich für den Rest des Lebens seiner Freiheit zu berauben.</p>
<p>Christina findet Wohngemeinschaften gut, wo die Angehörigen einen Pflegedienst beauftragen und auch bei der Auswahl des Personals mitreden können. Gelassenheit und Freude am Leben hält sie, neben der fachlichen Qualifikation, für gute Auswahlkriterien. Schön findet Christina, dass in einer Demenz-WG Gefühle eine ganz große Rolle spielen.</p>
<blockquote><p>Gefühle spielen eine große Rolle</p></blockquote>
<p>Sie erzählt mit Wärme vom Todestag eines Bewohners, an dem sie und eine Kollegin sich in aller Unschuld zu ihm ins Bett gelegt und seine Ängste aufgefangen haben. „Die Schwiegertochter sitzt am Bett und sagt: ‚Gell, Vater, das gefällt dir.‘ Er macht ein letztes Mal die Augen auf und grinst wie ein Honigkuchenpferd.“</p>
<p>Ähnliches kenne ich aus der Versorgung eines sterbenden Freundes, wobei ich und ein weiterer Mann ihm aber auch noch die Gelegenheit gaben, nackte Haut zu fühlen. So etwas kann schon mal zu Diskussionen mit den Angehörigen führen, die es bisweilen nicht verstehen, wenn man alten oder sterbenden Menschen das Vorhandensein oder gar das Ausleben sexueller Wünsche zugesteht.</p>
<p>Woran erkennt man einen guten Dienst für eine Langzeitpflege? Auch hier sei das Interesse am Menschen und seiner Biografie wichtig, betont Christina. Es sei Leitungsaufgabe, das dem Personal zu vermitteln. An dieser Stelle stellt sie fest, dass sie unbedingt noch aufschreiben muss, was für sie selbst wesentlich ist und welche Marksteine es auf ihrem Lebensweg gegeben hat. Ihr Sohn hat das Haus früh verlassen und weiß vieles nicht von ihr, der Ehemann hat erst spät ihren Lebensweg gekreuzt, wer also sollte Auskunft erteilen können? Leider sei sie schreibfaul, aber ihre Erfahrungen in der Altenpflege machten das für sie zu einer zwingend zu erledigenden Aufgabe.</p>
<p>Wenn keine Fragen der Heim- oder Pflegedienstleitung zum Lebensweg kommen, solle man sich einen anderen Dienst suchen, rät Christina. Auch ständig wechselnde Pflegekräfte seien ein Grund, sich nach Alternativen umzuschauen. Das Einhalten fester Rituale sei besonders bei beginnender Demenz hilfreich.</p>
<blockquote><p>Recht auf Intimität</p></blockquote>
<p>Unmöglich findet sie es, wenn die Zahn- oder Gebisspflege gemacht oder mit dem Waschen und Ankleiden begonnen wird, während der alte Mensch noch auf der Toilette sitzt. Jeder habe das Recht auf Intimität. Und die Körperpflege sei für viele eine der wenigen Gelegenheiten, miteinander zu reden. Bei allem Verständnis dafür, dass Pflegedienste wirtschaftlich arbeiten müssen, dürfe doch der Respekt nicht auf der Strecke bleiben.</p>
<p>Patientenverfügungen hält Christina auch im Heim und bei ambulanter Pflege für hilfreich. Das Krankenhaus ist für sie, wenn man mal von den Palliativstationen absieht, kein geeigneter Ort zum Sterben. Aber mit der wachsenden Zahl ambulanter und stationärer Hospize gebe es dafür inzwischen Alternativen. Praktisch laufe es manchmal so, dass vom Krankenhaus eine Palliativstation gesucht und von dort in ein Hospiz weitervermittelt wird.</p>
<p>Aber bis dahin soll es für Christina noch ein weiter Weg sein. Erst einmal haben sie und ihr Mann anlässlich der silbernen Hochzeit sich in einer kirchlichen Zeremonie erneut das Jawort für den Rest des Lebens gegeben. Sie haben schon viele Stürme gemeinsam durchstanden, bei manchen war der gemeinsame Besuch von <a href="https://magazin.hiv/2015/09/12/so-etwas-wie-mein-lebenswerk">Positiventreffen im Waldschlösschen</a> hilfreich.</p>
<p>Während ich das dritte oder vierte Stück Kuchen wegputze, fällt mir auf, dass die Bilder, die Christina malt, im Laufe der Jahre immer bunter, stärker und fröhlicher geworden sind.</p>
<p><a href="http://www.dhpv.de">Deutscher Hospiz- und PalliativVerband e.V.</a></p>
<p><a href="http://www.deutsches-seniorenportal.de">Deutsches Seniorenportal</a></p>
<p><a href="http://www.bmjv.de/DE/Service/Formulare/Formulare_node.html">Patientenverfügung</a>
      </div>
</p></div>
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		<title>Wachen Geistes und guten Mutes</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 17 Feb 2016 09:32:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Altersheim]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[EKAF]]></category>
		<category><![CDATA[Michèle Meyer]]></category>
		<category><![CDATA[Pflegeheim]]></category>
		<category><![CDATA[Seniorenheim]]></category>
		<category><![CDATA[Sterbehilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas]]></category>
		<category><![CDATA[WG]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas Schützenberger und Michèle Meyer sind mit HIV in die Jahre gekommen und haben 2015 ihren Fünfzigsten gefeiert.]]></description>
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        <strong>Thomas Schützenberger und Michèle Meyer leben schon viele Jahre mit HIV und haben 2015 ihren Fünfzigsten gefeiert.<br />
</strong></p>
<p>Michèle lebte in den 1990ern so, dass eine Ansteckung mit HIV möglich erschien. Das war ihr bewusst und veranlasste sie, regelmäßig ihr Blut testen zu lassen. Genauso bewusst ging sie dann mit ihrem positiven Testergebnis um. Die Opferrolle ist nichts für sie. Verstecken auch nicht. Sie engagierte sich, wünschte sich Kinder und brachte zwei Mädchen zu Welt, die jetzt allmählich in die Pubertät kommen. Ihnen zu verschweigen, dass sie HIV hat, war keine Option für Michèle. Ehrlich mit ihnen zu sein, sie zu starken Menschen reifen zu lassen, das war für sie der Weg. Seit vielen Jahren ist Michèle eine hoch geschätzte Mitstreiterin der internationalen Selbsthilfebewegung von Menschen mit HIV.</p>
<blockquote><p>International engagiert für die Menschenrechte</p></blockquote>
<p>Wenn man „Michèle Meyer + EKAF“ googelt, erhält man sofort weit mehr als 700 Einträge. Die Schweizerin war maßgeblich an der Erklärung der <strong>E</strong>idgenössischen <strong>K</strong>ommission für <strong>A</strong>ids-<strong>F</strong>ragen beteiligt, wonach erfolgreich behandelte Menschen mit HIV sexuell nicht mehr infektiös sind. Als Mitglied des Gremiums hatte sie das „EKAF-Statement“ immer wieder mit Nachdruck gefordert, es dann, nach seiner Veröffentlichung, gegen rauen Wind international verteidigt und ihm ein Gesicht gegeben – auf Kongressen, im Fernsehen, in Zeitungsinterviews, in der HIV-Community, in persönlichen Begegnungen.</p>
<p>Genauso kompromisslos, wie sie für die Vielfalt sexueller Identitäten, für chronisch Kranke und Behinderte streitet, so tritt sie auch für die Rechte von Flüchtlingen ein und pocht auf Kongressen für das weltweite Recht auf Behandlung.</p>
<p>Als Thomas als 16-Jähriger die schwule Welt für sich entdeckte, war HIV bereits ein Thema. „Aber ich war jung, neugierig, abenteuerlustig und verdrängte HIV aus meinen Gedanken“, erzählt er. Mit 20 hatte er eine Beziehung mit einem Mann aus der Mannheimer Lederszene – und lebte im Auge des Hurrikans. „Immer mehr Menschen um mich herum wurden HIV-positiv getestet, und als das im November 1988 dann auch meinem Freund passierte, war mir schon klar, was das für mich hieß.“</p>
<blockquote><p>„Ich verdrängte HIV aus meinen Gedanken“</p></blockquote>
<p>Anders als das Schwulsein, das Thomas schon in der Schule öffentlich gemacht hatte, machte er seine HIV-Infektion zunächst im engsten Kreis bekannt. Aber sie hatte für ihn die Konsequenz, dass er in Mannheim blieb und eine Stelle in einer Bibliothek annahm, statt, wie ursprünglich geplant, im Ausland zu studieren. Durch seine Frühverrentung konnte er schließlich nach Berlin ziehen, wo er gerade in einem Minijob bei der Deutschen AIDS-Hilfe sämtliche Materialien, die sie jemals produziert hat, für das Archiv auf der Homepage <a href="http://www.aidshilfe.de/" target="_blank" rel="noopener">aidshilfe.de</a> aufbereitet.</p>
<p>Bei Thomas dauerte es ein paar Jahre, bis er ein paar Kollegen, Vorgesetzte und den Personalrat über seine HIV-Infektion informierte. „Die Reaktionen waren völlig frei von Diskriminierung. Aber die Sache war im Grunde vertraulich.“ Er sei vorsichtig gewesen, zumal man HIV-Positive in den 80er- und 90er-Jahren auch in Mannheims Schwulenszene stark ausgegrenzt habe. „Heute in Berlin ist das anders. Da muss ich nicht befürchten, bei den Schwulen meiner Altersgruppe ‚aussortiert‘ zu werden.“</p>
<p>Vieles erscheint ihm nicht mehr so wichtig wie früher. Auch der Sex ist nicht mehr so lebensbestimmend wie einst in den wilden Jahren. Aber missen will er von den Erfahrungen keine. Sie sind halt Teil der eigenen Geschichte. Heute radelt Thomas gern in Brandenburg oder er macht Spaziergänge, zum Beispiel zum Stralauer Friedhof. Da will er übrigens mal hin, wenn er tot ist, denn da kann man auf die Spree schauen und den Schiffen hinterher gucken. Das ist mit seinem Mann geregelt, genauso wie Testament, Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung.</p>
<blockquote><p>WG statt Alters- oder Pflegeheim</p></blockquote>
<p>Die Frage, wie sie im Alter leben möchte, findet Michèle schwierig. Klar ist: Keinesfalls will sie ihre familiären und freundschaftlichen Beziehungen mit Pflege belasten. Sondereinrichtungen für HIV-Positive lehnt sie ohnehin ab. „Aber wenn ich sehe, wie viele Spitäler auch heute noch nicht unaufgeregt mit HIV umgehen können, möchte ich nicht wissen, wie das in den Alten- und Pflegeheimen aussieht“, sagt Michèle. Auch wenn sich die Frage in ihrem jetzigen Leben mit der Familie nicht stellt: Eine Wohngemeinschaft mit professioneller Unterstützung könnte sie sich vorstellen.</p>
<p>In dieser Beziehung trifft sich Michèle mit Thomas: Auch er möchte auf die alten Tage statt in einem Seniorenheim lieber in einer WG leben – in einer Schwulen-WG natürlich. Heute würde er den „normalen“ Altersheimen nicht über den Weg trauen, was dem Umgang mit schwulen und HIV-positiven Bewohnern angeht. Er ist sich aber sicher, dass das in Berlin geregelt ist, falls er in ferner Zukunft darauf zurückgreifen muss.</p>
<blockquote><p>Sterbehilfe als Möglichkeit</p></blockquote>
<p>Und was ist, wenn die Freund_innen und Weggefährten einmal gehen? Da werden beide sehr nachdenklich. Michèle hat das Sterben in der Selbsthilfe erlebt, Thomas in der Lederszene. Daher wissen beide, wie trostreich das Lebensende sein kann, aber auch, wie grausam. Will man dem Ganzen dann bewusst ein Ende setzen, geht das in der Schweiz, aber in Deutschland tut sich die Ärzteschaft schwer, ihre Standesregeln zu ändern. Das und die im Bundestag diskutierten Verbote oder Erschwerungen der Sterbehilfe empfindet Thomas als Bevormundung. Er möchte sich diese Möglichkeit offen halten. Wer weiß denn schon, was einem noch alles widerfährt.</p>
<p>Thomas und Michèle sind letztes Jahr fünfzig geworden. „Ich lebe schon wesentlich länger mit HIV als ohne, und mehr als die Hälfte des Lebens habe ich jetzt schon hinter mir,“ bemerkt Thomas dazu. Aber wenn beide weiterhin so wachen Geistes und guten Mutes bleiben wie bisher, können wir nur mit Miss Marple feststellen: „Das ist nicht gesagt. Das ist nicht gesagt.“
      </p></div>
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		<title>Hinter verschlossenen Türen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Bernd Aretz]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 09 Feb 2016 16:05:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenknast]]></category>
		<category><![CDATA[Gefängnismedizin]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit und Haft]]></category>
		<category><![CDATA[Haft]]></category>
		<category><![CDATA[Joe Bausch]]></category>
		<category><![CDATA[Justizvollzug]]></category>
		<category><![CDATA[Karlheinz Keppler]]></category>
		<category><![CDATA[Knast]]></category>
		<category><![CDATA[Strafvollzug]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei Gefängnisärzte haben ihre Erfahrungen zu Papier gebracht. Sie blicken auf mehr als 20 Jahre Praxis „hinter Gittern“ und darauf, was die Haft mit ihren Patient_innen macht.]]></description>
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        <strong>Zwei Gefängnisärzte haben ihre Erfahrungen zu Papier gebracht. Sie blicken auf mehr als 20 Jahre Praxis „hinter Gittern“ und darauf, was die Haft mit ihren Patient_innen macht. </strong></p>
<p>Bei jedem Ausbruch aus einer Haftanstalt werden reflexartig neben dem Rücktritt der zuständigen Minister_innen unüberwindbare Mauern verlangt, bei jeder abscheulichen Straftat höhere und strengere Strafen. Es gibt einen Überbietungswettbewerb, der darin besteht, die Bedingungen der Haft möglichst unerfreulich zu gestalten. Überließe man es dem Mob der Straße, hätten wir längst wieder die Todesstrafe eingeführt und könnten uns bei Ländern wie den USA und Saudi-Arabien einreihen.</p>
<p>Dabei wird grundlegend verkannt, dass Strafe kein Selbstzweck ist, sondern einen Ausgleich zwischen Schuld und Sühne schaffen soll, möglichst in dem Bestreben, dem_der Verurteilten hinterher ein straffreies Leben zu ermöglichen. Die Strafe ist hierbei der Freiheitsentzug, es sind nicht besonders miese Haftbedingungen.</p>
<p>Mit Einführung des Strafvollzuggesetzes Mitte der Siebzigerjahre sollte der Justizvollzug bundesweit einheitlich geregelt werden. Leitgedanken waren damals, kurze Freiheitsstrafen zu vermeiden und psychisch Kranke im Maßregelvollzug zu behandeln. Weil dieser unbefristet ist, versuchen ihn Straftäter_innen mithilfe ihrer Anwält_innen zu verhindern – mit der Konsequenz, dass seelische und psychiatrische Krankheiten im Vollzug gehäuft auftreten.</p>
<blockquote><p>„Das Betäubungsmittelgesetz gehört in den Müll“</p></blockquote>
<p>Es gab immer einen Bodensatz gefährlicher Menschen, die wegen ihrer Straftaten weggesperrt werden mussten, bei denen jedes therapeutische Konzept versagte. Den Rest galt es, möglichst in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu bringen und als Freigänger_innen für ein Leben in Freiheit „nachzusozialisieren“.</p>
<p>Diese Vorhaben jedoch scheiterten am Widerstand der Länder, die im Zuge der Föderalismusreform die Strafvollzugsgesetzgebung übertragen bekommen haben. Und somit haben wir in Deutschland einen bunten Flickenteppich von Zuständigkeiten und Regelungen: In Bayern ist der geschlossene Vollzug die Regel, der Freigang die mühsam zu erwerbende Ausnahme. Substitution gibt es dort ebenfalls nur selten. In Baden-Württemberg hingegen ist sogar die Diamorphinsubstitution, die Originalstoffvergabe, in Haft erlaubt.</p>
<p>Etwa ein Drittel der in Männerhaftanstalten Inhaftierten ist suchtkrank, während es in den Frauengefängnissen, wo übrigens auch Inter*- und Trans*-Personen aufgenommen werden, etwa die Hälfte ist. Der Gefängnisarzt und Autor Karlheinz Keppler, dessen geistiger Mentor, wie er mir mal erzählte, <a href="https://magazin.hiv/2015/01/09/das-laeuft-in-hessen-unproblematisch/">Dr. Michael Lutz-Dettinger aus Kassel</a> ist, ist sich sicher: „Das Betäubungsmittelgesetz gehört in den Müll.“ Die Erfahrungen aus seiner langjährigen Tätigkeit in der Frauenjustizvollzugsanstalt Vechta hat er in dem Buch „Frauenknast. Welt mit eigenen Regeln – ein Gefängnisarzt packt aus“ aufgeschrieben.</p>
<blockquote><p>Ein familienfreundlicher Beruf</p></blockquote>
<p>Im Knast sitzen viel zu viele, die dort nicht hingehören, aber die viel zu geringen Kapazitäten der Haft blockieren. Dazu gehören auch die Schwarzfahrer_innen, die ihre Geldstrafe nicht bezahlen konnten. Zu diesem Thema und zu möglichen Auswegen für die Justiz aus diesem Dilemma ist übrigens auch <a href="https://magazin.hiv/2014/09/05/gefaengnismedizin-respekt-vor-dem-was-einzelne-hier-leisten/">in dem Handbuch „Gesundheit und Haft“</a> einiges zu finden.</p>
<p>Keppler ist ein politischer Autor, der schnörkellos und direkt die Arbeitswirklichkeit im Frauenknast beschreibt, die Menschen, die ihm begegnen, die Probleme – individuell und strukturell. Aber auch das Erfreuliche der Arbeit. Gefängnismediziner zu sein, bedeutet, einen zeitlich planbaren, familienfreundlichen Beruf zu haben, ein Privileg, das Assistenzärzt_innen in Kliniken mit Überstunden und Nachtschichten ohne Ende nicht kennen. Darüber ist sich auch Joe Bausch im Klaren: Der Anstaltsarzt der Männer-JVA Werl, im Nebenberuf Schauspieler und aus dem Kölner „Tatort“ bekannt, blickt in seinem Buch „Knast“ auf 25 Jahre Gefängnismedizin zurück.</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/KepplerTitel.jpg" rel="attachment wp-att-28249"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-28249" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/KepplerTitel-189x300.jpg" alt="Abbildung des Buchcovers" width="189" height="300" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/KepplerTitel-189x300.jpg 189w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/KepplerTitel.jpg 314w" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a>Dennoch hat so eine Arbeit hinter Mauern und vielfach verschlossenen Türen ihre Tücken, erfordert Ausgleich, sei es die Schauspielerei oder die Musik. Ganz einfach ist die Kundschaft nicht: Suchtkranke aus verschiedenen Kulturen, misshandelte und missbrauchte Menschen, Schläger_innen und Betrüger_innen. Darunter jede Menge Kleinstbetrüger_innen – für den Steuerzahler ist das ziemlich teuer. Beide beschreiben sie aber, dass nach einer kurzen Zeit der Neugier die Taten irrelevant werden, es sei denn, sie haben bei der Behandlung eine Rolle zu spielen.</p>
<p>Knast verändert, macht erst mal alle gleich. Das fängt bei der Wäsche an und endet beim Einschluss. Getöse wird man sich als Inhaftierte_r nicht lange leisten, weil das sofortige Sanktionen nach sich zieht. Auch wenn es der „Tatort“ immer anders zeigt: Für Besucher_innen ist die unheimliche Stille in deutschen Haftanstalten befremdlich.</p>
<p>Bausch beschreibt über Seiten hinweg den Vorgang des Auf- und Zuschließens, und was das mit Menschen macht – jahrelang eigenhändig keine Tür öffnen zu können. Dass man sein Gegenüber mit seiner Sucht und seinen sozialen Schieflagen an- und nicht nur hinnehmen muss, ist bei Keppler raumgreifendes Thema. Für ihn ist es daher nur folgerichtig, auch außerhalb der Gefängnismauern eine Substitutionspraxis zu unterhalten. So kann er seinen substituierten Patient_innen nach der Entlassung einen nahtlosen Übergang ermöglichen.</p>
<blockquote><p>Eine wohnortnahe Unterbringung ist gerade bei Frauen kaum möglich</p></blockquote>
<p>Beide beschreiben die latente Bedrohung der Gefangenen durch Mithäftlinge, Gewalt und Missbrauch und natürlich Drogenkonsum. Dazu der notorische Personalmangel, insbesondere in den medizinischen Abteilungen. Natürlich sind auch Gefängnisärzt_innen den medizinischen Leitlinien unterworfen und nicht weisungsgebunden. Zu den bayerischen Haftmediziner_innen – der Einschub muss sein – hat sich das noch nicht herumgesprochen, sonst führte die Suchtmedizin dort nicht so ein stiefmütterliches Dasein.</p>
<p>Doch befinden sie sich auch in einer Zwitterrolle: Sie sind diejenigen, die Arbeitserleichterungen verordnen können, Zusatzkost oder gar eigene Wäsche. Statt endloser Auseinandersetzungen mit den Krankenkassen gibt es andererseits im Knast schlicht das, was notwendig ist, sei es eine Brille oder die schon lange fällige grundlegende Sanierung des Gebisses.</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Joe-BauschTitel.jpg" rel="attachment wp-att-28251"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-medium wp-image-28251" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Joe-BauschTitel-189x300.jpg" alt="Cover des Buches &quot;Knast&quot; von Joe Bausch" width="189" height="300" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Joe-BauschTitel-189x300.jpg 189w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2016/02/Joe-BauschTitel.jpg 315w" sizes="auto, (max-width: 189px) 100vw, 189px" /></a>Es ist schon bemerkenswert: Im Gefängnis sollen Menschen geschult werden, damit sie anschließend wieder in Freiheit straffrei leben können. Der Weg dahin soll allerdings darüber führen, ihnen die Kleidung abzunehmen, Außenkontakte einzuschränken und sie gegebenenfalls mit Sanktionen auf ein pflegeleichtes Maß zurechtzustutzen. Und wenn sie wieder draußen sind, ist die Altersarmut schon vorprogrammiert, da im Gefängnis zwar eine Arbeitspflicht besteht, nicht jedoch eine Versicherungspflicht. Tragen müssen es dann die Kommunen.</p>
<p>Die Inhaftierten und Delikte unterscheiden sich bei Keppler und Bausch. Der zentrale Unterschied zwischen Frauen und Männern in Haft ist jedoch, dass es sehr viel weniger weibliche Gefangene und deshalb auch sehr viel weniger Frauengefängnisse gibt. Eine Ausdifferenzierung nach Jugendarrest, Jugend- und Erwachsenenvollzug ist bei den Frauen daher kaum möglich – von einer wohnortnahen Unterbringung ganz zu schweigen, was die Familien noch zusätzlich belastet.</p>
<blockquote><p>Umdenken in der Justizpolitik gefordert</p></blockquote>
<p>Während man bei den Männern bei kurzen Freiheitsstrafen vielleicht noch auf die Ausrede, er sei auf Montage im Ausland, zurückgreifen kann, geht das bei Frauen kaum. Haft heißt gleichzeitig, die sozialen Bezüge zu zertrümmern, und das in den meisten Fällen aufgrund einer Suchterkrankung oder der Unfähigkeit, kleine Geldstrafen abzuzahlen.</p>
<p>Und so fordert Keppler ein Umdenken in der Justizpolitik: weg davon, Ersatzfreiheitsstrafen zu verhängen, Suchtkranke zu bestrafen und den Strafvollzug für Symbolpolitik zu missbrauchen. Bausch und Keppler sind sich einig, dass ein am Wohl der Gefangenen orientiertes Umdenken erfolgen muss. Wer jenseits der Stammtische über Vollzug und die Notwendigkeit von Reformen mitreden will, sollte diese beiden Bücher gelesen haben.</p>
<p>Man kann nicht oft genug <a href="http://www.textlog.de/tucholsky-merkblatt.html">Tucholskys Merkblatt für Geschworene</a> zitieren, das mit den Worten beginnt: „Wenn du Geschworener bist, dann glaube nicht, du seist der liebe Gott. Daß du neben dem Richter sitzt und der Angeklagte vor euch steht, ist Zufall – es könnte ebensogut umgekehrt sein.“ Und mit dem Satz endet: „Hab Erbarmen. Das Leben ist schwer genug.“</p>
<p><strong>Von Bernd Aretz</strong></p>
<p><em>Dr. med. Karlheinz Keppler: „Frauenknast. Welt mit eigenen Regeln – Ein Gefängnisarzt packt aus“, Taschenbuch, Heyne 2014, 304 S.</em></p>
<p><em>Joe Bausch: „Knast“, Hardcover, Ullstein 2012, 288 S.</em></p>
<p>&nbsp;
      </p></div>
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