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	<title>Kriss Rudolph, Author at magazin.hiv</title>
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	<description>Hintergründe zum Leben mit HIV, Aids, STIs, Hepatitis</description>
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		<title>Die „Aids-Dinosaurier“ von Tel Aviv</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 18 May 2019 07:23:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Chen Shuval]]></category>
		<category><![CDATA[Dinosaurs]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Trauma Aids]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit seiner Ausstellung „Dinosaurs“ hat Chen Shuval das (Über-)Leben israelischer HIV-Aktivist_innen aus den 1980er- und 1990er-Jahren gefeiert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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        <strong>Mit seiner Ausstellung <em>Dinosaurs</em> hat Chen Shuval das (Über-)Leben israelischer HIV-Aktivist_innen aus den 1980er- und 1990er-Jahren gefeiert. Allen war nach ihrer Diagnose nur noch eine sehr begrenzte Überlebenschance eingeräumt worden.</strong></p>
<p>Zehn Jahre gaben ihm die Ärzte, als sie feststellten, dass er HIV-positiv ist. Zehn Jahre bis zu seinem sicheren Tod. 1998 war das.</p>
<p>Chen Shuval war damals über längere Zeit krank und ging ins Krankenhaus.</p>
<p>„Sie fragten direkt, ob ich schwul bin. Heute ist das verboten“, erzählt er, als ich ihn Anfang des Jahres in Tel Aviv treffe. Hier wurde er vor 46 Jahren geboren, hier wuchs er auf.</p>
<blockquote><p>Im Krankenhaus war er von Biohazard-Aufklebern umgeben</p></blockquote>
<p>Einen Monat verbrachte er nach dem Test im Krankenhaus. Überall war er von „Biohazard“-Aufklebern umgeben – „Achtung, Gesundheitsgefahr!“ signalisierten sie dem Pflegepersonal und den Ärzt_innen.</p>
<p>Sie klebten an seinem Bett, seinem Nachtschrank, sogar auf den Tabletts, auf denen sie ihm sein Essen servierten. „Es war hart“, sagt er heute, „es waren dunkle Zeiten.“</p>
<p>Das Zeichen hat sich ihm so eingeprägt, dass er es sich danach auf die Schulter tätowieren ließ – eine Art trotziges Coming-out, wenige Tage nach der Entlassung aus dem Krankenhaus.</p>
<figure id="attachment_1547083" aria-describedby="caption-attachment-1547083" style="width: 1600px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-1547083" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2.jpg" alt="" width="1600" height="1600" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2.jpg 1600w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-150x150.jpg 150w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-300x300.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-768x768.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-1024x1024.jpg 1024w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-60x60.jpg 60w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-230x230.jpg 230w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Chen2-200x200.jpg 200w" sizes="(max-width: 1600px) 100vw, 1600px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1547083" class="wp-caption-text">© Chen Shuval (Selbstportrait)</figcaption></figure>
<h2>Chen Shuval porträtiert Dinosaurier des Lebens mit HIV</h2>
<p>Drei Monate später begann er für die Israel <a href="http://www.aidsisrael.org.il/article/israel-aids-task-force">AIDS Task Force</a> zu arbeiten, die im Jahr 1985 gegründet worden war, zunächst ehrenamtlich, später als Angestellter.</p>
<p>Sechs Jahre blieb er dort. Aus der Zeit kennt er viele, die sich infiziert haben und denen die Ärzt_innen kaum mehr als zehn Jahr einräumten.</p>
<p>Dinosaurier nennt er sie. Und <a href="https://www.lensculture.com/projects/844487-dinosaurs" target="_blank" rel="noopener noreferrer">„Dinosaurs“ lautete auch der Titel seiner Ausstellung</a>, für die er ehemalige Mistreiter_innen fotografiert hat. Sie war im Dezember 2018 in Tel Aviv-Jaffa zu sehen.</p>
<figure id="attachment_1547084" aria-describedby="caption-attachment-1547084" style="width: 450px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Miri.jpg"><img decoding="async" class="wp-image-1547084" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Miri-683x1024.jpg" alt="" width="450" height="675" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Miri-683x1024.jpg 683w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Miri-200x300.jpg 200w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Miri-768x1152.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Miri.jpg 1000w" sizes="(max-width: 450px) 100vw, 450px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1547084" class="wp-caption-text">Miri Kanevsky (© Chen Shuval)</figcaption></figure>
<p>Unter den Porträtierten ist auch <a href="https://www.jpost.com/Magazine/The-lasting-stigma-of-being-HIV-positive-579963">Miri Kanevsky</a>, die sich im Alter von 19 Jahren infizierte, 2002 war das.</p>
<blockquote><p>Miri Kanevsky: „Mein Körper fühlte sich an wie ein Giftbehälter“</p></blockquote>
<p>16 Jahre lang erzählte sie niemandem davon. „Mein Körper fühlte sich an wie ein Giftbehälter, vor dem Menschen davonliefen.“</p>
<p>Mit Mitte 30 endlich sprach sie darüber und schrieb das Buch „Positiv“ – sie wollte der Welt mitteilen, dass es für HIV-Positive nichts gab, wofür man sich schämen müsse.</p>
<p>Es sind Geschichten wie diese, die Chen Shuval mit seiner Ausstellung erzählen will.</p>
<p>Bis 2018 hat er noch als Manager eines Community Centers in Cholon gearbeitet, südlich von Tel Aviv.</p>
<p>Zehn Jahre war er dort, dann beschlich ihn immer mehr das Gefühl, dass er etwas anderes mit seinem Leben machen sollte.</p>
<p>Er kündigte seinen Job. 150 Leute hatte er unter sich, bekam ein gutes Gehalt. „Alle erklärten mich für verrückt, aber es fühlte sich nicht mehr richtig an.“</p>
<h2>Neues Leben als Fotograf</h2>
<p><a href="https://www.chenshuval.com/a-man-and-his-dog?fbclid=IwAR23EbMtwnRJiHdGoDxzM_bmkhwLf7Xiz_8ReTuXCsAZkNTJcpb5ejLPQcI">Seit 2012 machte Chen immer wieder Selfies mit seinem Hund</a>. <a href="https://www.instagram.com/chen_shuval/">Bei Instagram</a> war er <a href="https://www.instagram.com/chen_shuval_2/">erfolgreich</a>, die ersten Zeitungen schrieben über ihn.</p>
<p>Dann kaufte er seine Kamera, als er 40 war. Vor drei Jahren hat er angefangen, Fotografie zu studieren.</p>
<p>Am Tag, als ich meinen Job gekündigt habe, beschloss ich, diese Ausstellung zu machen. Das ist ein anderer Weg, etwas zu bewirken, etwas zu hinterlassen. Es fühlte sich wie der Beginn eines neuen Lebens an.“</p>
<p>Er fragte die anderen „Dinosaurier“, die gerne zusagten. „Ich freute mich, dass sie es tun wollten, aber nicht für mich: Sie fanden es selber wichtig.“</p>
<figure id="attachment_1547086" aria-describedby="caption-attachment-1547086" style="width: 800px" class="wp-caption aligncenter"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Avinof.jpg"><img decoding="async" class="wp-image-1547086" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Avinof-1024x683.jpg" alt="" width="800" height="533" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Avinof-1024x683.jpg 1024w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Avinof-300x200.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Avinof-768x512.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Avinof.jpg 1500w" sizes="(max-width: 800px) 100vw, 800px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1547086" class="wp-caption-text">Avinof Frumer (© Chen Shuval)</figcaption></figure>
<p>Auch <a href="https://www.nif.org/stories/social-and-economic-justice/watch-avinof-frumer-the-trailblazer-who-made-sure-aids-patients-would-be-cared-for/">Avinof Frumer</a> ist ein Gesicht der Ausstellung. Er bekam sein Testergebnis im Jahr 1988 – mit 19.</p>
<blockquote><p>Avinof Frumer: „Ich hatte keine Krankenversicherung, aber eine großartige Liebe“</p></blockquote>
<p>Drei Jahre später verliebte er sich bei einer Aids-Konferenz in London in Richard und zog mit ihm nach Wien. Zweieinhalb Jahre waren sie zusammen. „Ich hatte keine Krankenversicherung, war ohne medizinische Versorgung, aber genoss eine großartige Liebe“, erinnert sich Avinof. 1994 verstarb sein Partner.</p>
<p>Der Dinosaurier von einst hat vor zwei Jahren zusammen mit Patrick Levy, der ebenfalls Teil der Ausstellung ist, und weiteren Mitstreitern 2017 eine neue Organisation gegründet. <em>Von</em> Menschen mit HIV <em>für</em> Menschen mit HIV – die <em>„</em>Organisation für ein Leben mit HIV“. Avinof ist ihr Vorsitzender.</p>
<p>„Die Stimmen von Menschen mit HIV fehlten in Israel“, erzählt er. Sie seien wichtig, um gegen Stigmatisierung zu kämpfen. „Es gibt immer noch Ärztinnen und Ärzte, die sich weigern, Menschen mit HIV zu behandeln.“</p>
<h2>HIV-Dinosaurier haben damals die heutigen Rechte erkämpft</h2>
<p>Bei allem, was noch zu tun ist: Chen will mit seinen Bildern auf die Verdienste der Dinosaurier hinweisen. „Menschen mit HIV haben heute Rechte, die wir damals erkämpft haben, die wir der Politik abgetrotzt haben. Wir sind in Schulen gegangen, in Arztpraxen, in Zahnarztpraxen vor allem. Wir haben damals die erste Kampagne gegen Stigmatisierung gestartet.“</p>
<p>Früher, erzählt Chen, durfte man immer erst am Abend in die Praxis kommen. „Wenn du kamst, war alles mit Folie eingepackt, die Tür, die Stühle, und der Arzt oder die Ärztin trug zwei Paar Gummihandschuhe.“</p>
<p>Er und seine Mitstreiter_innen haben dafür gekämpft, dass Menschen mit HIV heute kostenlos Medikamente bekommen. Und dagegen gekämpft, dass man entlassen wird, wenn man positiv ist. „Heute kann man in so einem Fall seinen Arbeitgeber verklagen und bekommt Recht. Früher war das nicht so.“</p>
<blockquote><p>Chen Shuval: „Die jungen Positiven wollen keine Verbindung mit uns“</p></blockquote>
<p>Auch heute noch arbeitet Chen als Aktivist, steht „als Buddy“ jungen Positiven mit Rat und Tat zur Seite, ähnlich dem <a href="https://buddy.hiv/">„Sprungbrett“-Programm der Deutschen Aidshilfe</a>.</p>
<p>In den letzten fünf Jahren hat sich in der Community etwas verändert, stellt er allerdings fest. „Die neuen jungen Positiven wollen keine Verbindung mit uns. Es ist, als wären wir zwei verschiedene Gruppen. Sie haben nicht dieselbe traumatische Erinnerung wie wir.“</p>
<p>Wenn es nach den jungen Positiven geht, erzählt Chen, gäbe es am Gedenktag für die an Aids Verstorbenen, dem 21. Mai, keine Gedenkstunde.</p>
<p>„Sie wollten lieber eine Party feiern und weiter nichts. Die verstehen nicht, was es für uns bedeutet“, glaubt er. Auch an sie, die neue Generation von HIV-Positiven, richtet sich seine Ausstellung.</p>
<figure id="attachment_1547088" aria-describedby="caption-attachment-1547088" style="width: 350px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Sue2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-1547088" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Sue2-683x1024.jpg" alt="" width="350" height="525" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Sue2-683x1024.jpg 683w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Sue2-200x300.jpg 200w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Sue2-768x1152.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Sue2.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1547088" class="wp-caption-text">Sue Newmann (© Chen Shuval)</figcaption></figure>
<p>Seit 1990 weiß die heute 68-jährige Sue Newman von ihrer HIV-Infektion. Gemeinsam mit anderen Aktivist_innen holte sie damals jeden Abend vom Café Nordau und dem Café Basel gespendetes Essen, um es den Menschen im Hospiz im Tel-HaShomer-Krankenhaus zu bringen. Menschen, die wegen ihrer HIV-Infektion zu Hause rausgeworfen worden waren.</p>
<p>„Niemand verließ diesen Ort lebendig, einige starben schnell“, erinnert sich Sue. „David Lazar war der einzige Rabbiner, der die Menschen im Hospiz besuchte und das Totengebet Kaddisch für die Verstorbenen sprach. Wir setzten alles daran, dass alle dort in Würde leben und sterben konnten.“</p>
<h2>In Israel lebt kaum jemand offen mit HIV</h2>
<p>Im Zuge der Ausstellung gab Chen das erste Mal Interviews über seine HIV-Infektion, auch andere waren jetzt zum ersten Mal mit dem Thema in der Zeitung. Und die Dinosaurier zeigten sich in seiner Ausstellung erstmals gemeinsam, als Gruppe.</p>
<blockquote><p>„Es fehlt an positiven Vorbildern“</p></blockquote>
<p>„Es fehlt an positiven Vorbildern“, glaubt der Fotograf. Niemand, der in Israel einigermaßen prominent ist, outet sich als offen HIV-positiv.</p>
<p>Überhaupt gibt es im ganzen Land kaum 10 Menschen, die in den Medien über ihre HIV-Infektion sprechen. „Und die Medien wollen nicht immer dieselben Leute interviewen“, sagt Chen.</p>
<figure id="attachment_1547089" aria-describedby="caption-attachment-1547089" style="width: 350px" class="wp-caption alignright"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Anonyma.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-1547089" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Anonyma-683x1024.jpg" alt="" width="350" height="525" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Anonyma-683x1024.jpg 683w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Anonyma-200x300.jpg 200w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Anonyma-768x1152.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Anonyma.jpg 1000w" sizes="auto, (max-width: 350px) 100vw, 350px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1547089" class="wp-caption-text">© Chen Shuval</figcaption></figure>
<p>Auch darum will er mit seinen Bildern durch das Land ziehen, die Ausstellung auch in anderen Städten zeigen. Um weiter für Toleranz und gegen Stigmatisierung zu werben. Denn die Zahl der Neuinfektionen nimmt in Israel wieder zu.</p>
<p>Auch beim Thema Stigmatisierung ist noch einiges zu tun. So gibt es eine Person in der Ausstellung, die ihr Gesicht nicht zeigt und deren Namen man nicht erfährt. Die 50-jährige „Anonyma“ bekam 1993 ihre HIV-Diagnose – mit der Aussicht, lediglich noch drei Jahre zu leben. Heute ist sie Mutter zweier Kinder – aus Rücksicht auf die beiden will sie sich nicht erkennen geben.</p>
<p>„Außerdem thematisiert niemand in Israel die <a href="https://wissen-verdoppeln.hiv/">Tatsache, dass Menschen unter erfolgreicher HIV-Therapie auch sexuell nicht ansteckend sind</a>“, erklärt Chen. „Vom Gesundheitsministerium wird diese Botschaft nicht verbreitet.“</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Uki.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="aligncenter size-full wp-image-1547081" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Uki.jpg" alt="" width="1500" height="1000" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Uki.jpg 1500w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Uki-300x200.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Uki-768x512.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/05/Uki-1024x683.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 1500px) 100vw, 1500px" /></a></p>
<p>Aktuell erarbeitet seine Organisation daher eine Aufklärungskampagne dazu, mit Unterstützung des Ministeriums. Zum Pride in Tel Aviv im Juni soll sie fertig sein.</p>
<p>„Dinosaurs“ feierte das Leben der „HIV-Dinosaurier“ – und setzte ihnen zugleich ein Denkmal. Zum Beispiel Uki Ettinger. Ihn fotografierte Chen als ersten für seine Ausstellung.</p>
<p>„Uki liebte es, fotografiert zu werden“, erzählt er. Aber Uki war bereits krank, als er ihn zu Hause besuchte, später traf er ihn im Hospiz. Die Eröffnung der Ausstellung erlebte er nicht mehr.</p>
<p><a href="https://www.chenshuval.com/people?fbclid=IwAR23EbMtwnRJiHdGoDxzM_bmkhwLf7Xiz_8ReTuXCsAZkNTJcpb5ejLPQcI" target="_blank" rel="noopener noreferrer"><strong>Bilder aus der Ausstellung „Dinosaurs“ finden sich auf der Website von Chen Shuval.</strong></a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Verwandte Beiträge</strong></p>
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      </div>
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</p></div>
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		<title>„Wenn der Staat uns nicht stört, ist das die größte Hilfe“</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/global/hiv-praevention-in-russland/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 09 Nov 2017 10:51:55 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz gegen ausländische Agenten]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz gegen Homo-Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-Prävention]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
		<category><![CDATA[Sibalt]]></category>
		<category><![CDATA[Zivilgesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Obwohl sich die HIV-Epidemie in Russland rasant ausbreitet, erschwert der Staat die Prävention. Wir sprachen mit Vladimir Averin (40) vom Community-Zentrum „Sibalt“ im sibirischen Omsk]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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<div class="l-content-column block-content content classic-content">
        <a href="https://magazin.hiv/2017/10/17/russische-hiv-politik/"><strong>Die HIV-Epidemie hat sich in Osteuropa und Zentralasien in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt</strong></a><strong>. Vladimir Averin (40) aus Sibirien kämpft seit 18 Jahren dagegen an – und gegen die staatliche Vernachlässigung und Behinderung der HIV-Prävention in Russland. Sein Schwerpunkt: Männer, die Sex mit Männern haben. Averin ist Verwaltungsdirektor des Zentrums „Sibalt“ in Omsk mit 12 Mitarbeitern.</strong></p>
<p><strong>Vladimir, wie arbeitet „Sibalt“?</strong></p>
<p>Es ist ein Community-Zentrum, eins der größten dieser Art in ganz Russland. Unsere Projekte haben eigene Namen: „<a href="https://magazin.hiv/2014/10/17/viele-schwule-haben-schlicht-angst/">Pulsar</a>“ zum Beispiel richtet sich an die LGBTI-Community. Wir gehen in die schwulen Clubs in Omsk und verteilen Kondome und Gleitmittel. Auch HIV-Schnelltests kann man dort machen. Dann haben wir ein Projekt für Menschen mit HIV und bieten Fortbildungen für Sozialpädagogen an. Wir haben im Jahr 250–300 Veranstaltungen und beraten etwa 1.400 Klienten im Jahr. Hauptsächlich junge Leute zwischen 20 und 30, ab und zu auch Leute über 60.</p>
<p>Unser Service ist komplex: HIV-Prävention und Beratung bei Fragen sexueller Gesundheit, aber auch soziale und psychologische Unterstützung, sozusagen Case-Management. Wir versuchen, in jeder Lebenslage zu helfen. Entweder bei uns im Zentrum oder online oder über unsere Hotline.</p>
<h2>Staatlicher Gegenwind statt Unterstützung</h2>
<p><strong>Wie sehr schränkt das seit 2013 landesweit geltende <a href="http://www.quarteera.de/blog/dertextdergesetzesaenderungenzurpropagandanichttraditionellersexuellerbeziehungenhttps:/magazin.hiv/2014/02/05/die-anti-homosexuelle-politik-soll-von-anderen-problemen-ablenken/">Gesetz gegen „Homopropaganda“</a> eure Arbeit ein?</strong></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2014/02/05/die-anti-homosexuelle-politik-soll-von-anderen-problemen-ablenken/">Es hat eine sehr ernste Wirkung</a>: Wir dürfen unsere Hilfe niemandem unter 18 anbieten. Viele haben ihr Coming-out, bevor sie 18 werden, und oft quälen sie suizidale Gedanken. Die können in ihrem näheren Umfeld auch keine Unterstützung finden. Hilfe für diese Personengruppe fehlt. Was die Arbeit unserer Organisation aber noch mehr betrifft, ist das <a href="http://www.dekoder.org/de/gnose/ngo-agentengesetz">Gesetz gegen „ausländische Agenten“</a> – weil wir als NGO von den Spenden ausländischer Geldgeber leben.</p>
<blockquote><p>Keine Hilfe für Schwule unter 18</p></blockquote>
<p><strong>Was bedeutet das in der Praxis?</strong></p>
<p>Wir stehen unter besonderer Beobachtung der Behörden und der Staatsanwaltschaft, denen wir ständig Rechenschaft schuldig sind. Als ausländischer Agent bekommt man eine andere Steuerklasse und muss eine andere Buchhaltung führen. Viele Vereine sind gar nicht in der Lage, das zu machen, und mussten deshalb ihre Arbeit einstellen. Wir hatten schon einen Konflikt mit den Behörden wegen einer Broschüre, mit der wir über Menschenrechte für MSM in Russland berichteten. Dass es da Probleme gibt. Das war ganz vage formuliert. Aber man hat uns vorgeworfen, dass wir uns politisch betätigen. Die Behörden suchen immer nach einem Grund.</p>
<p><strong>Wie sähe eure Arbeit ohne die Gelder aus dem Ausland aus?</strong></p>
<p>Ohne könnten wir nicht existieren, denn aus Russland bekommen wir gar kein Geld. Nie, auch vor diesem Gesetz nicht.</p>
<h2>HIV-Prävention in Russland: Moral statt Kondome?</h2>
<p><strong>Seit Jahren steigen die HIV-Neuinfektionen in Russland. Experten warnen vor einer Katastrophe. <a href="https://magazin.hiv/2017/10/17/russische-hiv-politik/">Warum tut man in Russland nichts dagegen?</a></strong></p>
<p>Schwer zu sagen, das Land ist sehr groß. Hilfsangebote für Menschen mit HIV gibt es eigentlich nur in Ballungszentren, in Großstädten. Es gibt aber noch mehr Gründe. Sexuelle Aufklärung in der Schule ist verboten. Und vonseiten der Gesundheitspolitiker werden Kondome oder Safer Sex nicht thematisiert. Lieber wirbt man für eine moralische Lebensweise. Treue sei das beste Schutzmittel gegen HIV, heißt es in Russland. Das hat mit der Realität leider gar nichts zu tun.</p>
<blockquote><p>Treue als bestes Schutzmittel gegen HIV?</p></blockquote>
<p><strong>Wer ist am häufigsten von HIV betroffen?</strong></p>
<p>Traditionell haben sich vor allem Drogenkonsumenten infiziert. Als die Aids-Krise losging, haben sich in Russland viele Hilfsorganisationen gegründet, um Prävention für die schwule Community zu machen. Das hatte Erfolg, auch weil schwule Männer zu Anfang nicht so stark betroffen waren. Dadurch konnte die Epidemie etwas gebremst werden. Die Zahlen steigen aber jetzt jedes Jahr. Das liegt auch am veränderten Umgang mit der Krankheit. Sie führt nicht mehr zum Tod, sondern gilt als behandelbare chronische Krankheit. Schwule Männer nehmen sie nicht mehr ernst und haben unsafen Sex.</p>
<h2>Offizielle Statistiken sind nicht realistisch</h2>
<p><strong>Wie gehen die Medien mit dem Thema HIV und den steigenden Infektionszahlen um?</strong></p>
<p>Man sucht ja immer einen Sündenbock. Mal sind Drogenkonsumenten schuld, mal sind es Schwule: Aids sei die Strafe für ihre Homosexualität. Die Statistik zeigt, dass Drogenabhängige stärker betroffen sind. Schätzungsweise hat in den Großstädten jeder zehnte Schwule HIV; bei den Drogenkonsumenten, die intravenös konsumieren, sogar 40 bis 50 Prozent. Es gibt allerdings hohe Dunkelziffern. Die offiziellen Zahlen kommen von den HIV-Zentren, die eigens für HIV-Patienten gegründet wurden. Diese Zahlen sind aber nicht realistisch. Wer dort hingeht, muss einen Fragebogen ausfüllen und seine sexuelle Orientierung offenbaren. Kaum jemand gibt die Wahrheit an. Deshalb kann man die offizielle Statistik vergessen.</p>
<blockquote><p>„Man sucht immer einen Sündenbock“</p></blockquote>
<p><strong>Wie gut sind die Testmöglichkeiten in Russland?</strong></p>
<p>Das variiert von Region zu Region. Bei uns ist es sehr einfach. Wir bieten verschiedene Tests an oder begleiten die Leute ins HIV-Zentrum zum Test. Aus Angst vor Diskriminierung lassen sich aber viele nicht testen. In vielen Regionen gibt es keine Einrichtung, die so was vorurteilsfrei anbietet. Der Haken ist auch: Es ist zwar vorgeschrieben, den Test anonym anzubieten. Die Ärzte verschweigen das aber oft und nehmen die Personalien der Leute auf. Das ist ein Problem: Ich kenne viele Fälle von Arbeitgebern, die HIV-Positive ablehnen. Medizinisches Personal muss für die Einstellung ein Gesundheitszeugnis vorlegen. In anderen Branchen ist das nicht vorgeschrieben, da machen es Arbeitgeber dann willkürlich.</p>
<h2>Zum Teil unzureichende Versorgung</h2>
<p><strong>Gibt es für alle einen Zugang zur antiretroviralen Therapie?</strong></p>
<p>Das hängt von der Region ab und davon, wie stark die Vorbehalte gegenüber Schwulen in den Kliniken sind. Eigentlich hat jeder Anspruch auf die Therapie, aber sie ist nicht auf dem aktuellsten Stand. Die Menschen müssen eine ganze Handvoll Tabletten nehmen, das ist der Tablettencocktail, den man in Deutschland noch vor 10 Jahren genommen hat. Es sind oft Generika, die nicht die volle Wirkung haben, sondern nur fast wie das Original. Und dieses „fast“ reicht für viele Patienten nicht.</p>
<p><strong>Ein Grund, warum die HIV-Infektionen in den USA oder <a href="https://magazin.hiv/2017/10/05/starker-rueckgang-der-hiv-neudiagnosen-in-grossbritannien/">Großbritannien </a>zurückgehen, ist die <a href="https://www.aidshilfe.de/hiv-prep">PrEP</a>. Ist das in Russland ein Thema?</strong></p>
<p>Nein, die PrEP gibt es hier nicht. Wir sehen zwar, dass das Interesse sehr groß ist und immer mehr Leute in der Community davon erfahren. Aber Ärzte wissen darüber in der Regel nicht Bescheid, nicht über die PrEP und nicht über die <a href="https://www.aidshilfe.de/PEP">PEP </a>[<em>die Post-Expositions-Prophylaxe verhindert mit hoher Wahrscheinlichkeit eine </em><em>HIV</em>&#8211;<em>Infektion nach einem </em><em>R</em><em>isikokontakt</em>]. Aber das wird in nächster Zukunft ein Thema für uns.</p>
<blockquote><p><em>„</em>Viele Ärzte wissen nichts über die PrEP und die PEP<em>“</em></p></blockquote>
<p><strong>Sprecht ihr mit Medien, um breitere Schichten zu erreichen?</strong></p>
<p>Wir haben es in der Vergangenheit versucht, aber alles, was wir sagen, wird immer so verdreht, dass wichtige Teil ausgelassen und manipuliert werden, sodass am Ende das Gegenteil herauskommt. Daher verzichten wir darauf. Die Medien suchen Details, die skandalträchtig sind. Objektive Informationen interessieren sie nicht.</p>
<h2>Der Bedarf an Prävention ist riesig</h2>
<p><strong>Die Zahlen steigen weiter. Was muss deiner Meinung nach passieren?</strong></p>
<p>Wir brauchen mehr Ressourcen. Mehr Aktivitäten. Für die nächste Zukunft können wir keine Erfolge erwarten, weil nichts investiert wird. In Moskau gibt es ein einziges Präventionsprojekt. Dort leben mindestens 100.000 MSM, von dem Projekt werden aber nur 2.000 Männer erreicht. Die Prävention ist so minimal, dass man da keine Erfolge erwarten kann. Dafür braucht man Kontinuität, man muss nachhaltig arbeiten. Da hängt in Russland alles am seidenen Faden, es ist alles unsicher. Viele Vereine wissen nicht, ob sie morgen überhaupt noch existieren. In anderen Ländern gibt es die Forderung, der Staat müsste die NGOs mehr unterstützen. Bei uns ist es schon ein großer Erfolg, wenn er sich nicht einmischt. Wenn der Staat uns nicht stört, ist das für uns die größte Hilfe.</p>
<blockquote><p>„Die Prävention ist minimal“</p></blockquote>
<p><strong>Wie viele andere Organisationen in Russland wenden sich speziell an die LGBTI-Community?</strong></p>
<p>Wir sind insgesamt fünf Vereine, die sich an MSM richten und Prävention rund um HIV und andere Geschlechtskrankheiten machen. Die verteilen sich auf fünf Regionen, unter anderem Moskau und Petersburg. Aber es gibt insgesamt 83 Regionen. In Nowosibirsk, der größten Stadt Sibiriens, gibt es zum Beispiel überhaupt nichts. alle diese Vereine werden aus dem Ausland finanziert, aber immer nur kurzfristig. Und Ende 2017 läuft deren Finanzierung aus. Das ist eine Katastrophe.</p>
<p><strong>Ihr seid mit „Sibalt“ aber gut aufgestellt?</strong></p>
<p>Wir haben es so organisiert, dass wir mehrere Geldgeber haben, und existieren seit 2000. Nicht mal in Moskau gibt es so was. Es geht natürlich immer noch besser, aber wir sind gut aufgestellt. Über die Jahre haben wir ein System entwickelt, um zu überleben. Wir bewerben uns auf jede Ausschreibung. Es kommen sogar manchmal auch Geldgeber von sich aus auf uns zu, um uns eine Veranstaltung zu finanzieren.</p>
<p><strong>Was plant ihr für die Zukunft?</strong></p>
<p>Die HIV-Prävention ist ja kein isolierter Bereich, es gibt viele soziale Themen. In Zukunft wollen wir ein Projekt für ältere Männer starten, dafür benötigen wir Gelder. Oder für die Opfer homophober Gewalt oder für die Eltern homosexueller Kinder. Das Arbeitsfeld ist sehr groß … <em>(lacht)</em>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Berlin auf der Überholspur?</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/fast-track-city-berlin-auf-der-ueberholspur/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 06 Oct 2017 07:00:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[90-90-90-Ziele]]></category>
		<category><![CDATA[Dilek Kolat]]></category>
		<category><![CDATA[Fast-Track-City Berlin]]></category>
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					<description><![CDATA[2016 ist die deutsche Hauptstadt die Verpflichtung eingegangen, sich in der HIV/Aids-Prävention besonders anzustrengen. Was ist der Stand der Dinge in puncto „Fast-Track-City Berlin“?]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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        <strong>2016 ist die deutsche Hauptstadt die Verpflichtung eingegangen, sich in der HIV/Aids-Prävention besonders anzustrengen. Das ist zentrales Thema der heute beginnenden Tagung <a href="http://www.hiv-im-dialog.de/">„HIV im Dialog“</a>. Aus diesem Anlass fragten wir Senatorin Kolat nach dem Stand der Dinge in puncto „Fast-Track-City Berlin“.</strong></p>
<p>Die <a href="http://www.unaids.org/en/resources/documents/2014/20141201_Paris_declaration">„Fast-Track Cities Initiative to End Aids“</a> wurde 2014 in Paris gegründet. Ziel des Netzwerks ist es, die Aids-Epidemie weltweit bis 2030 zu beenden.</p>
<p>Zu dem Verbund gehören mittlerweile mehr als 70 Städte, die sich zu verstärkten Anstrengungen in der HIV- und Aids-Prävention verpflichtet haben.</p>
<p>Den 90-90-90-Zielen der Organisation UNAIDS folgend, sollen bis zum Jahr 2020 weltweit</p>
<ul>
<li>90 Prozent der HIV-Infizierten von ihrer Infektion wissen</li>
<li>90 Prozent davon Zugang zur Behandlung haben</li>
<li>und 90 Prozent der Behandelten „unter der Nachweisgrenze“ sein. Das heißt: Das Virus ist mit den gängigen Methoden nicht mehr nachweisbar. HIV ist dann auch nicht mehr übertragbar.</li>
</ul>
<p>Ein weiteres Ziel: Null Diskriminierung von Menschen mit HIV.</p>
<p>Berlin ist als einzige deutsche Stadt an der Initiative beteiligt. Für die aktive Ausgestaltung von „Fast-Track-City Berlin“ ist die Senatsverwaltung für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung zuständig. Mit deren Leiterin, <em>Dilek Kolat</em> (SPD), sprach <em>Kriss Rudolph</em>.</p>
<p><strong>Frau Kolat, der Regierende Bürgermeister Michael Müller hat im Juli 2016 Berlin zum Teil des Fast-Track City-Projekts gemacht. Bislang sind noch keine Pläne bekannt, in welcher Form man dieser Selbstverpflichtung gerecht werden möchte. In vergleichbaren Städten wie Montreal, London oder Paris sind die ersten Teilprojekte bereits umgesetzt. Unser Eindruck ist, dass hier seit Müllers Unterschrift lange nichts passiert ist. </strong></p>
<p>Der Eindruck täuscht. Wir haben in der neuen rot-rot-grünen Regierung in Berlin einiges vorangebracht. Im Koalitionsvertrag kann man nachlesen, dass die Initiative „Fast Track City“ einen sehr hohen Stellenwert hat – auch bei mir in der Gesundheitsverwaltung. Wir hatten Besuch von der UN, aber auch von EU-Vertretern – die schauen sehr auf Berlin. Es besteht die große Hoffnung, dass auch wir die Ziele erreichen und damit auch eine Vorreiterrolle spielen. Ich bin sehr ehrgeizig, dass wir in den nächsten Jahren ein gutes Stück vorankommen. Die Weichen sind gestellt.  Wir sind mit allen Akteuren im intensiven Austausch.</p>
<p><strong>Mit wem?</strong></p>
<p>Wir sind mit der Berliner Aids-Hilfe, aber auch mit dem AVK <em>[Zentrum für Infektiologie und HIV am Auguste-Viktoria-Klinikum in Schöneberg, Anm. d. Red.], </em>niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten der Schwerpunktpraxen, den Zentren für sexuelle Gesundheit und Familienplanung sowie den freien Trägern aus dem Bereich HIV/Aids, aber auch dem Bundesministerium für Gesundheit und Vertretern der Pharmaindustrie  im engen Gespräch. Wir haben klare Vorstellungen, wo wir besser werden wollen und auch werden.</p>
<blockquote><p><strong>„</strong>In der Clearingstelle wird auch bei Menschen ohne Aufenthaltsstatus abgeklärt, ob anonyme Krankenscheine ausgestellt werden können<strong>“</strong></p></blockquote>
<p><strong><em>Zum Beispiel?</em></strong></p>
<p>Erstens wollen wir die zugewanderten Menschen schneller erreichen, damit sie in Behandlung kommen. Wir haben im Haushalt 2018/2019 erstmals Mittel für eine Clearingstelle vorgesehen. Dort wird abgeklärt, wie es um den Versicherungsstatus der Menschen aus anderen EU-Ländern steht. Und dort wird auch bei Menschen ohne Aufenthaltsstatus abgeklärt, ob anonyme Krankenscheine ausgestellt werden können, damit diese Menschen schneller in den Genuss einer Behandlung kommen. Das hat sich bislang immer als problematisch für die Krankenhäuser dargestellt. Nun sind die Kosten im Haushalt abgesichert. Mit der Clearingstelle kommen wir ein Riesenstück voran. Wir werden aber zur Abdeckung der Behandlungskosten auf weitere Spenden angewiesen sein.</p>
<p><strong><em>Auf dem lesbisch-schwulen Stadtfest im Sommer haben Sie für die HIV-Schnelltests geworben.</em></strong></p>
<p>Ich habe mich testen lassen, um damit eine Öffentlichkeit zu erreichen. Das Testen ist eine wichtige Säule zur Erreichung unserer 90-90-90-Ziele. Da dürfen wir nicht nachlassen. Wir brauchen noch mehr Testmöglichkeiten in unserer Stadt. Wir sind da mit 89 Prozent schon fast am Ziel, wissen aber, dass etwa 1800 Menschen in dieser Stadt HIV-infiziert sind, die ihren Status nicht kennen. Wir haben verschiedene Angebote in der Stadt, wo man sich niedrigschwellig testen lassen kann.  Das ist ein gutes Angebot. Aber wir müssen diese Angebote einerseits  erweitern und andererseits noch mehr fokussieren auf Menschen, die sich angesteckt haben könnten.</p>
<p><strong><em>Anders als zum Beispiel Schweden, Großbritannien oder Botswana erfüllt Deutschland die Etappenziele noch nicht. Laut Robert-Koch-Institut lagen die Zahlen im Juli bei 85 – 84 – 93. Wie sieht das in Berlin aus?</em></strong></p>
<p>89 Prozent der HIV-positiven Berliner kennen ihren Status, 85 Prozent von ihnen erhalten eine antiretrovirale Behandlung, und 93 Prozent liegen unter der Nachweisgrenze. Das Ziel ist auch, längerfristig bis 2030 die Zahl der Neuinfektionen auf null herunterzufahren.</p>
<p><strong><em>Da dürfte das Thema PrEP ins Spiel kommen.</em></strong></p>
<p>Richtig. Da geht es um die eigentliche Lösung, dass das in Deutschland über die Kassen finanziert wird. Wir sind da als Gesundheitsverwaltung sehr nah dran. Das Thema wird im Gemeinsamen Bundesausschuss, also auf der Bundesebene entschieden. Für Berlin bietet die aktuelle Entwicklung mit dem kostengünstigen Nachahmerpräparat eine große Chance, die PrEP in die Präventionsarbeit einzubauen – das ist eine ganz neue Entwicklung.</p>
<p><strong><em> </em></strong><strong><em>Wir reden von der Initiative aus Köln, der sich u.a. zwei Apotheken in Berlin angeschlossen haben. Sie bieten ein Nachahmer-Produkt von Hexal für 50 Euro im Monat an.</em></strong></p>
<p>Richtig. Die hohe Hürde wegen der extremen Kosten ist nun weg. Wir können damit die PrEP gezielt in die Präventionsarbeit einbinden. Hier geht es darum, bestimmte Zielgruppen zu erreichen, von denen wir wissen, dass sie aus bestimmten Gründen trotz der niedrigen Kosten nicht in den Genuss kommen werden. Da sehe ich uns in der Pflicht zu schauen, wie man für diese Leute den Zugang sicherstellen könnte.</p>
<p><strong><em>Wie könnte das funktionieren?</em></strong></p>
<p>Das ist jetzt die Aufgabe, vor der wir stehen. Mit allen Akteuren gemeinsam werden wir herausarbeiten, welche Zielgruppen wir definieren und über welche Wege wir Zugang zu diesen Zielgruppen erlangen. Da gibt es Überlegungen für ein Konzept…</p>
<blockquote><p>Modellprojekt zu PrEP in Berlin</p></blockquote>
<p><strong><em>Das klingt jetzt sehr vage.</em></strong></p>
<p>Naja, ich habe schon klare Eckpunkte für ein Konzept. Zwei Dinge stehen aber noch aus. Erstens die Konkretisierung. Dies werden wir gemeinsam mit allen Akteuren entwickeln. Zweitens fehlt die Finanzierung noch. Die PrEP für 50 Euro im Monat – das ist eine ganz frische Entwicklung. Als sich diese Chance auftat, hatten wir den Haushalt leider im Senat schon beschlossen. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass wir ein Modellprojekt zur PrEP in Berlin auf den Weg bekommen.</p>
<p><strong><em>Wenn man will, dass die gesetzten Ziele erreicht werden: Muss man dann nicht noch mehr Geld in die Hand nehmen?</em></strong></p>
<p>Bevor es die 50-Euro-PrEP gab, stellte sich die Frage in der Form nicht: Das wäre bei dem Originalpreis eine riesige Summe gewesen. Ziel muss jedenfalls sein, die Menschen in den bestehenden Beratungsstrukturen und den Netzwerken zu erreichen und eine Hilfestellung finanzieller Art für die Schwächeren zu schaffen. Über die Testmöglichkeiten und die neue Clearingstelle kommen wir an mehr Menschen ran.</p>
<blockquote><p>Berlin will Vorreiter werden</p></blockquote>
<p><strong><em>Sowohl der Ausbau von Testmöglichkeiten wie auch eine Abgabe der PrEP kosten Geld &#8230;</em></strong></p>
<p>Wir haben im Haushalt mehr Mittel für die Fast-Track-Cities-Initiative vorgesehen. Die Kosten für ein neues PrEP-Modellprojekt sind zwar aus den besagten Gründen noch nicht im Haushalt. Ich bin aber optimistisch, dass wir auch hier Vorreiter werden. Auch wenn wir noch nicht alle Ziele erreicht haben, stehen wir insgesamt doch nicht so schlecht da.</p>
<p><strong><em>In Ländern wie Frankreich und Norwegen wird Truvada von den Kassen übernommen. Wie ist der Stand in Deutschland?</em></strong></p>
<p>Die Entscheidung liegt beim Gemeinsamen Bundesausschuss. Meine große Hoffnung ist, dass wir das auch in Deutschland über die Kassen finanziert bekommen. Es wäre aber falsch, das abzuwarten, weil diese Verfahren auf Bundesebene erfahrungsgemäß lange dauern können. Deshalb müssen wir in der Zwischenzeit in Berlin aktiv werden.</p>
<p><strong><em>Was würde ein Modellversuch in Berlin mit der 50-Euro-PrEP kosten?</em></strong></p>
<p>So ein Modellversuch würde Berlin gut anstehen, gezielt mit dem präventiven Gedanken. Ich werde Ihnen da keine feste Summe sagen. Aber wir haben eine Vorstellung davon, wie viele Menschen die PrEP nehmen würden und wie viele sich das etwa nicht leisten können. Wir gehen davon aus, dass zwischen 2000 und 3000 Menschen die PrEP nutzen würden und ungefähr 20 Prozent sie sich nicht leisten können.</p>
<p><strong><em>In Paris, wo das Projekt Fast Track City initiiert wurde, hat man als Hauptrisikogruppen vor allem MSM und Migranten im Blick. Hier auch?</em></strong></p>
<p>Ja klar, deswegen habe ich auch mit der Clearingstelle angefangen. Menschen mit Migrationshintergrund bilden nun mal eine große Gruppe in Berlin.</p>
<p><strong><em>Was ist mit Drogenkonsumenten und Menschen in Haft – wie sind da Ihre Ansätze?</em></strong></p>
<p><strong><em> </em></strong>Ich würde sagen, wenn wir wirklich gezielt vorgehen wollen, dann müssen wir die Betroffenengruppen identifizieren. Das sind die Zugewanderten, Menschen mit Suchtproblematik, MSM etc.  Ihnen müssen wir Zugang zur PrEP schaffen, wenn sie in einer sozial schwierigen Lage sind beispielsweise. Wir müssen unsere Anstrengungen fokussieren, wir können nicht alle erreichen.</p>
<p><strong><em>Was ist mit Sexarbeitern?</em></strong></p>
<p>Sexarbeiter aus der Zielgruppe der MSM würde man selbstverständlich mit einbeziehen. Man muss schauen, wie weit man dieses Netzwerk spinnt. Die Betroffenengruppen müssen identifiziert werden &#8211; das ist noch nicht abschließend getan – um dann gezielt vorgehen zu können.</p>
<p><strong><em>In wieweit stimmen Sie sich mit den anderen Städten ab?</em></strong></p>
<p>Wir gucken da sehr intensiv auf andere Städte, also, das macht meine Verwaltung. Es passiert eigentlich permanent.</p>
<p><strong><em>Kommen wir noch einmal darauf zurück, dass die 90-Prozent-Ziele unter anderem in Botswana schon erreicht sind. Was macht Botswana, das Berlin nicht macht?</em></strong></p>
<p>Da muss man schauen: Sind die Städte eins zu eins vergleichbar? Berlin ist eine stark wachsende Stadt. Dies geht mit Zuwanderung aus dem Ausland einher. Wir haben in Berlin eine große MSM-Community. Das sind andere Bedingungen, unter denen die Ziele erreicht werden sollen. Man kann die Zielerreichung nur direkt miteinander vergleichen, wenn die Bevölkerung miteinander vergleichbar ist. Also, es kann mehrere Gründe geben, warum sie dort die Ziele erreicht haben. Aber das ist ein interessanter Gedankengang. Ich nehme das mit und vergleiche das mal.</p>
<blockquote><p>Null Toleranz für Diskriminierung und Stigmatisierung HIV-infizierter Menschen</p></blockquote>
<p><strong><em>Sie haben die PrEP genannt, Testmöglichkeiten, die Clearingstelle –welche Ansätze verfolgen Sie noch?</em></strong></p>
<p>Wir müssen über mehr Tests erreichen, dass mehr Menschen von ihrer HIV-Infektion Kenntnis haben. Mir ist noch unklar, warum so viele Menschen, die ihren positiven Status kennen, noch nicht in Behandlung sind. Hier wird die Clearingstelle sicher helfen, aber es bleibt ja nicht nur dabei. Wir werden bis Anfang 2018 eine neue Strategie zur Erreichung aller Ziele erarbeiten. Dafür sind bereits Workshops mit allen oben genannten Beteiligten auf den Weg gebracht. Dort werden wir gemeinsam die Neujustierung der Berliner Strategie erörtern und gemeinsam beschließen. Wir werden nicht nur die Berliner Strategie zur Erreichung der Ziele der Initiative Fast-Track Cities neu justieren, sondern uns auch über eine neue Kampagne verständigen müssen. Die muss aus meiner Sicht auch das vierte, das Null-Prozent-Ausgrenzung-Ziel umfassen. Nämlich null Toleranz für Diskriminierung und Stigmatisierung HIV-infizierter Menschen. Dieses Ziel ist mir besonders wichtig, weil es auch heute noch Vorbehalte und Ausgrenzung gibt im Alltag. Da haben wir noch viel zu tun.</p>
<p><em>„Fast-Track-City Berlin“ ist zentrales Thema der Tagung <a href="https://magazin.hiv/2017/09/15/hiv-im-dialog-2017/">„HIV im Dialog“ am 6. und 7. Oktober im Roten Rathaus. </a></em></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2017/10/06/entscheidend-ist-dass-die-botschaften-von-hoechster-stelle-kommen/"><em>Über die Aktivitäten der &#8222;Fast-Track-City Paris&#8220; sprachen wir mit Eve Plenel.</em></a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>„PrEP? So was machen wir hier nicht!“</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/prep-machen-wir-nicht/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 01 Aug 2017 07:31:37 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[dagnä]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-Schwerpunktpraxis]]></category>
		<category><![CDATA[PREP]]></category>
		<category><![CDATA[Truvada]]></category>
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					<description><![CDATA[Thomas* will sich mit der PrEP vor HIV schützen, den „Pillen davor“. Doch als er sich an HIV-Schwerpunktpraxen in der Nähe seines Wohnortes wendet, stößt er an Mauern aus Unkenntnis und Moralisierei]]></description>
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        <strong>Thomas* will sich mit der PrEP vor HIV schützen, den „Pillen davor“. Doch als er sich an HIV-Schwerpunktpraxen in der Nähe seines Wohnortes wendet, stößt er an Mauern aus Unkenntnis und Moralisierei</strong></p>
<p>Seit August 2016 ist das HIV-Medikament Truvada in Europa auch zur HIV-Prä-Expositions-Prophylaxe (kurz PrEP; wörtlich: Vor-Risiko-Vorsorge) zugelassen. <a href="https://magazin.hiv/2016/10/13/prep-fuer-alle/">Seit Oktober darf das Mittel in Deutschland für Personen verordnet werden</a>, die ein hohes Risiko haben, sich sexuell mit HIV zu infizieren. Damit ist es Teil einer Gesamtstrategie zur Prävention von HIV. Erst kürzlich erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Wirkstoffe der PrEP-Tabletten zu einem „<a href="http://www.pinknews.co.uk/2017/06/08/world-health-organisation-hiv-preventing-prep-drugs-are-essential-medicines/">unentbehrlichen Arzneimittel</a>“.</p>
<h2>Die PrEP schützt zuverlässig vor HIV</h2>
<p>Der Schutz ist zuverlässig. Schon im Jahr 2015 zeigten zwei Studien, dass eine PrEP das <a href="https://www.aidshilfe.de/glossar/letter_h#HIV">HIV</a>-Übertragungsrisiko <a href="https://magazin.hiv/2015/02/25/proud-und-ipergay-eine-einschaetzung/">um mindestens 86 Prozent senkt</a>. Wenn man die Tabletten regelmäßig einnimmt, ist die Schutzwirkung sehr viel höher <a href="http://www.prepineurope.org/en/faqs/does-prep-work/">und erreicht fast 100 Prozent</a>. Darum wird Truvada Menschen mit hohem <a href="https://www.aidshilfe.de/glossar/letter_h#HIV">HIV</a>-Risiko, darunter Männern, die Sex mit Männern haben, in immer mehr Ländern zur Verfügung gestellt. In Belgien und <a href="https://magazin.hiv/2017/03/01/frankreich-truvada-jetzt-regulaer-zur-prep-zugelassen/">Frankreich</a> zum Beispiel werden die Kosten vom Gesundheitssystem getragen. Die deutschen Krankenkassen kommen jedoch nicht dafür auf, <a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/hivaids-organisationen-zeit-hiv-prophylaxe">während die Deutsche AIDS-Hilfe (DAH) und viele andere Expert_innen eine Übernahme der Kosten befürworten</a>.</p>
<blockquote><p>„Wenn ein Medikament den gleichen Schutz wie Kondome bietet, möchte ich das nehmen“</p></blockquote>
<p>Thomas*, Jahrgang 1976, wohnt in einer baden-württembergischen Kleinstadt, nicht weit von der französischen Grenze entfernt, und möchte sich mit mit der PrEP vor einer HIV-Infektion schützen. „Ich habe mein ganzes homosexuelles Leben mit der Angst vor Aids gelebt und bin 41 geworden, ohne mich zu infizieren. Wenn es ein Medikament gibt, das mir denselben Schutz wie ein Kondom verschafft, nehme ich mir das Recht heraus, zu sagen: Dann möchte ich das auch nehmen.“</p>
<p>Thomas ist viel privat in Frankreich unterwegs. Dort ist Truvada seiner Wahrnehmung nach viel verbreiteter als in Deutschland, denn im Nachbarland tragen die Krankenkassen die Kosten. Resultat: Thomas findet kaum noch Sexpartner, die ein Gummi benutzen wollen – eine Entwicklung, die seiner Beobachtung nach schon länger im Gange ist.</p>
<h2>Hohe PrEP-Hürden auch in Schwerpunktpraxen</h2>
<p>Also bemühte er sich im April um Truvada und orientierte sich dabei an einer der Listen mit Schwerpunktpraxen, die auf Seiten wie <a href="http://www.hivandmore.de/">hivandmore.de</a> oder <a href="http://deutschland.hiv-facts.net/">deutschland.hiv-facts.net</a> einzusehen sind – Praxen, die in der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e. V. (<a href="http://www.dagnae.de/mitglieder/">dagnä</a>) organisiert sind.</p>
<p>Thomas probierte es in Karlsruhe. Doch als er bei einer der empfohlenen Praxen anrief, teilte man ihm mit, dass man dort keine PrEP verschreibe. Auch bei zwei weiteren Stellen in Karlsruhe – viel mehr gibt in der zweitgrößten Stadt des Landes Baden-Württemberg auch nicht – kam er nicht weiter.</p>
<p>Als „unglaublich“ beschreibt er, was er in einer der Praxen zu hören bekam: „Ich wurde da richtig abgewiesen.“ Zunächst hatte die Medizinische Fachangestellte gar nicht verstanden, was das Anliegen des Anrufers war. „Sie fragte mich immer, wann der Kontakt stattgefunden hätte, weil sie mich mit einer <a href="https://www.aidshilfe.de/safer-sex-unfall">PEP</a> behandeln wollte. Daraufhin habe ich ihr erklärt, dass ich mich für eine PrEP interessierte, für die <em>Prä</em>-Expositions-Prophylaxe, nicht für die <em>Post</em>-Expositions-Prophylaxe nach einem Risiko. Ich hatte den Eindruck, dass sie überhaupt nicht wusste, dass es Truvada als PrEP gibt.“</p>
<h2>Rückkehr zum Moralismus der 80er-Jahre?</h2>
<p>Nachdem er seiner Gesprächspartnerin erklärt hatte, worum es sich bei einer PrEP handelt, hieß es: „Nein, das machen wir nicht im Vorfeld.“ „Das war richtig moralisierend“, sagt Thomas. „Sie hat mir fast einen Vortrag gehalten. Da habe ich gedacht, jetzt sind wir wieder in den dunklen Tagen zu Beginn der 80er-Jahre angekommen. Am Ende hat mir die Frau sogar empfohlen: Dann müssen Sie halt aufpassen, nehmen Sie ein Gummi!“</p>
<p>Eine Anfrage bei der <a href="http://www.dagnae.de/wp-content/uploads/2016/06/PrEP-Stellungnahme-dagnae-2015-1.pdf">dagnä</a>, der die Gemeinschaftspraxis angehört, ergibt: „Die Zulassung der PrEP ist eine Chance für die HIV-Prävention in Deutschland. Eine qualitätsgesicherte, effektive und wirtschaftliche PrEP […] soll ein weiterer Baustein eines Gesamt-Präventionskonzeptes sein.“ Wie aber kann es dann sein, dass eine PrEP-Anfrage von einer Schwerpunktpraxis derart abgebügelt wird?</p>
<blockquote><p>„Dann müssen Sie halt aufpassen, nehmen Sie ein Gummi!“</p></blockquote>
<p>Die Bundesärztekammer regelt in einer Muster-Berufsordnung, wer sich aufgrund erworbener Qualifikationen und Tätigkeitsschwerpunkte den Namen Schwerpunktpraxis geben darf. Für diese Praxen sei seit 2009 eine Qualitätssicherungsvereinbarung in Kraft, erklärt dagnä-Geschäftsführer Robin Rüsenberg – diese sei „zweifellos ein Meilenstein für die HIV/Aids-Versorgung in Deutschland und versorgungspolitisch von sehr hoher Bedeutung“. So würden „Erfahrung und Qualifikation der behandelnden Ärzte“ sichergestellt; die dagnä selbst ergänze die Qualitätssicherungsvereinbarung durch passgenaue eigene Angebote, insbesondere im Bereich Fortbildung, so Rüsenberg.</p>
<h2>Es fehlen strukturell sachgerechte Voraussetzungen für die PrEP</h2>
<p><a href="http://www.dagnae.de/wp-content/uploads/2016/06/PrEP-Stellungnahme-dagnae-2015-1.pdf">Grundsätzlich spreche sich die dagnä für die PrEP aus</a>. Die konkrete Erfahrung von Thomas zeige aber „einmal mehr, dass das Fehlen strukturell sachgerechter Voraussetzungen das Haupthindernis für eine erfolgreiche Implementierung der PrEP ist“. Selbstverständlich müsse sich das Anbieten der PrEP auch in die jeweiligen Praxiskapazitäten vor Ort angemessen integrieren lassen, was durch die Ärztinnen und Ärzte individuell zu entscheiden ist, sagt der dagnä-Geschäftsführer.</p>
<p>„Geeignete strukturelle Rahmenbedingungen sind der beste Weg, um das Präventionspotenzial der PrEP zu nutzen. Deswegen setzen wir uns zusammen mit der Deutschen AIDS-Hilfe gemeinsam für deren Schaffung ein.“ Den Vorwurf, wonach Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von HIV-Schwerpunktpraxen nicht über die entsprechende Sachkenntnis und/oder Sensibilität verfügen, höre er allerdings zum ersten Mal.</p>
<p>Woran es im geschilderten Fall mangelt, lässt sich leider nicht klären. Eine Nachfrage in der Praxis bleibt ergebnislos. Der Arzt wolle sich dazu nicht äußern, erklärt die Arzthelferin am Telefon.</p>
<p>Thomas gibt zu, er sei nach dieser Erfahrung „ein bisschen entsetzt“ gewesen. Von einer Schwerpunktpraxis hätte er einen anderen Umgang erwartet. Dass man sich mit dem Thema PrEP nicht auskennt, hätte er noch verstanden, sagt er. „Aber dass die einem moralisch kommen?“ Man hat ihm nicht mal eine andere Praxis empfohlen oder ihn an die lokale Aidshilfe verwiesen.</p>
<blockquote><p>„Soll ich mich lieber infizieren?“</p></blockquote>
<p>„Da entschließt sich jemand, diesen Weg zu gehen, weil er glaubt oder weiß, er hat demnächst einen potenziellen Risikokontakt – und dann so was!“, wundert sich Thomas. „Soll ich mich lieber infizieren? Das finde ich echt unglaublich.“</p>
<h2>Ärzt_innen reißen sich nicht um PrEP-Klient_innen</h2>
<p>Probleme mit der betreffenden Praxis sind bei der Aidshilfe Karlsruhe nicht bekannt. Anfragen zur PrEP erhalte man allerdings eher selten, sagt Mitarbeiterin Anja Stegbauer-Bayer, das Thema sei dort noch nicht so richtig angekommen.</p>
<p>Während Thomasʼ Ärger verständlich ist, gibt es möglicherweise eine einfache Erklärung für seine Abfuhr. Laut Armin Schafberger, DAH-Referent für Medizin und Gesundheitspolitik, reißen sich viele Schwerpunktärzt_innen nicht gerade um das Thema PrEP, und zwar aus ganz praktischen Gründen. „Die Beratung zur PrEP braucht Zeit. Da fragt sich mancher Schwerpunktarzt: Wenn zu meinen 400 HIV-Patienten noch 200 PrEP-Klienten dazukommen – wie soll ich das stemmen?</p>
<p>Es müsse ja eine Sexualanamnese erhoben werden, es gehe um Vorerkrankungen und um Nebenwirkungen von Truvada, schließlich sei das Einnahmeschema zu klären sowie die Häufigkeit der Kontrolluntersuchungen; außerdem müsse geklärt werden, wie der Klient an das Medikament kommt.</p>
<p>„Dass die PrEP keine Kassenleistung ist, macht nicht nur die Finanzierung der Medikamente zur Herausforderung, sondern auch die Kostenübernahme von Beratung und Kontrolluntersuchungen. Über das alles muss man sprechen, und eine Lösung ist in der Regel nicht einfach. Für den Praxisalltag sind PrEP-Klienten somit keine ‚attraktiven‘ Kunden“, so Schafberger.</p>
<h2>Ende gut, alles gut?</h2>
<p>Thomas musste sich nach seinen ersten Erfahrungen erst mal sammeln, bevor er einen neuen Anlauf unternahm. „Es ist schon schwierig, mit einer fremden Person darüber zu sprechen und zu erklären, was man will. Man hat da eine gewisse Hemmschwelle.“ Schließlich hat er sich an die Deutsche AIDS-Hilfe gewandt, die ihm eine Schwerpunktpraxis in Freiburg nannte. Dort empfand er den Umgang als freundlich und kompetent, ohne dass man sein Anliegen bewertete. Ein Anruf genügte, und er hat sofort einen Termin bekommen.</p>
<p>Mittlerweile war er auch bei der Ärztin und fühlte sich „super beraten“. Mit dem Rezept kann er sich nun Truvada besorgen – <a href="http://www.lovelazers.org/de/handbuch-prep-selbst-besorgen/">oder vielmehr ein generisches Medikament mit den gleichen Inhaltsstoffen</a>, das um ein Vielfaches günstiger ist.</p>
<p><em>* Name geändert</em></p>
<p><strong>Foren und Websites mit Infos zur PrEP (Auswahl)</strong></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Auf Deutsch:</span></p>
<p><a href="http://www.lovelazers.org/de/prep-die-pillen-davor/">http://www.lovelazers.org/de/prep-die-pillen-davor/ </a></p>
<p><a href="http://www.lovelazers.org/de/handbuch-prep-selbst-besorgen/">http://www.lovelazers.org/de/handbuch-prep-selbst-besorgen/</a></p>
<p>PlanetRomeo: <a href="https://classic.planetromeo.com/auswertung/setcard/?set=25413162&amp;t=3&amp;page=club&amp;secure=4-0">Club PrEP-Info-DE</a></p>
<p><a href="https://prep.jetzt/">https://prep.jetzt</a></p>
<p><span style="text-decoration: underline;">Auf Englisch:</span></p>
<p><a href="https://www.iwantprepnow.co.uk/">https://www.iwantprepnow.co.uk/</a></p>
<p><a href="http://prepster.info/">http://prepster.info/</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Smarte Helfer für die Gesundheit?</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/gesundheits-apps/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 04 Jul 2017 08:00:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Datenschutz]]></category>
		<category><![CDATA[Digitalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[eHealth]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheits-Apps]]></category>
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					<description><![CDATA[Das Angebot an Gesundheits-Apps ist riesig, doch Verbraucherschützer_innen warnen vor der Speicherung und Weitergabe von Daten. Kriss Rudolph über Nutzen und Risiken für Menschen mit HIV]]></description>
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        <strong>Das Angebot an Gesundheits-Apps ist riesig, doch Verbraucherschützer_innen warnen vor der Speicherung und Weitergabe von Daten. Kriss Rudolph über Nutzen und Risiken für Menschen mit HIV</strong></p>
<p>Fast die Hälfte aller Smartphone-Besitzer_innen in Deutschland verwendet eine Gesundheits-App. Von denen, die keine haben, kann sich wiederum fast die Hälfte vorstellen, künftig solche mobilen Anwendungen zu nutzen.</p>
<p>Das ergab eine repräsentative Befragung im Auftrag des Digitalverbands Bitkom, deren Ergebnisse Anfang Mai vorgestellt wurden. Das Angebot ist enorm: Je nach Schätzung bieten Apple, Google und Microsoft allein in den Kategorien „Medizin“ und „Gesundheit“ zwischen 80.000 und mehr als 100.000 Apps an.</p>
<h2><strong>Eine App zu HIV und Aids speziell für Seeleute</strong></h2>
<p>Darunter sind auch einige, die sich speziell mit HIV und Aids beschäftigen, und sie kommen aus allen möglichen Ländern. Es gibt sie in Singapur, in der Subsahara-Region Afrikas und – sogar speziell für Seeleute. Denn: „Seeleute unterliegen wie viele Verkehrsbeschäftigte einem besonders hohen HIV/Aids-Risiko“, sagt Jacqueline Smith von der internationalen Gewerkschaft für Transportarbeitende, ITF.</p>
<blockquote><p>Mit Mythen aufräumen und Stigmatisierung entgegentreten</p></blockquote>
<p>Neben Informationen zur Übertragung und Behandlung von HIV nennt die App <em>ITF Wellbeing</em> Beispiele von Arbeitnehmer_innen, die der mit der Krankheit verbundenen Stigmatisierung entgegentreten, und erläutert die internationale Rechtslage. Darüber hinaus räumt sie mit Mythen auf, die sich seit Jahren halten, etwa, dass man mit einer HIV-Infektion nicht mehr arbeiten könne. Dabei sind Menschen mit HIV so gut wie alle anderen für alle Arten von Beschäftigung geeignet<strong>. </strong>Alles sehr vernünftige Hinweise – was leider keineswegs selbstverständlich ist, denn in manchen Apps wird HIV als „tödliche Krankheit“ bezeichnet, ohne darauf hinzuweisen, dass die HIV-Therapie ein langes und weitgehend normales Leben ermöglicht. Möglicherweise in der Hoffnung, dass es den Absatz fördern möge.</p>
<h2><strong>Per Quiz das HIV-Risiko ermitteln</strong></h2>
<p>Viele Apps bieten Aufklärung und praktische Hilfe im Bereich Safer Sex. <em>iCondom</em> etwa zeigt, wie weit es bis zum nächsten Kondom-Automaten ist, und die an der Uni Liverpool entwickelte <em>HIV iChart</em> gibt Auskunft darüber, wie HIV-Medikamente mit anderen Arzneimitteln wechselwirken. Wer unsicher ist, wie Sex Safer funktioniert, dem hilft beispielsweise der <em>HIV Risk Calculator</em>: Nach einem potenziellen Risikokontakt kann man in einer Art Quiz mit sehr anschaulichen Piktogrammen herausfinden, wie groß das Risiko je nach Sexpraktik war. Auch die App <em>HIV / AIDS Test</em> bietet einen solchen Test in Quizform an und empfiehlt je nach Ergebnis den Gang zum Arzt/zur Ärztin oder zur nächstgelegenen Klinik.</p>
<blockquote><p>Ist eine PEP fällig?</p></blockquote>
<p>Vergleichbares gibt es auch auf dem deutschen Mark. Die App <em>PepCheck</em> wurde nach Leitlinien der Deutschen AIDS-Gesellschaft e. V. entwickelt, ist aber nur für iPhone-Nutzer_innen erhältlich. Hiermit lässt sich zum Beispiel klären, ob nach einem Risikokontakt eine Post-Expositions-Prophylaxe (PEP) angezeigt ist. Neben einem ausführlichen Überblick zu HIV und Aids bietet die App auch einen Sofortmaßnahmen-Katalog und hilft via GPS-Funktion bei der Suche nach der nächstgelegenen Klinik mit einem 24h-PEP-Angebot.</p>
<h2><strong>Dank Smartphone die nächste Tabletten-Einnahme nicht vergessen</strong></h2>
<p>Zu den beliebtesten Gesundheits-Apps gehören in Deutschland laut Bitkom-Umfrage Anwendungen, mit denen sich Vitaldaten aufzeichnen lassen, etwa die Herzfrequenz oder der Blutdruck, und solche, die an Impfungen oder – interessant für Menschen mit HIV – an die Einnahme von Medikamenten erinnern.</p>
<p>Laut Weltgesundheitsorganisation WHO nimmt jede_r Zweite mit einer chronischen Erkrankung seine_ihre Medikamente nicht verschreibungsgemäß ein. Werden die Medikamente nicht regelmäßig eingenommen, kann es bei einer HIV-Infektion die Folge haben, <a href="https://magazin.hiv/2017/05/20/wenn-die-hiv-medikamente-versagen/">dass sich resistente Viren bilden und die Therapie versagt.</a> Doch gibt es mittlerweile technische Mittel, die bei der Medikamenteneinnahme unterstützen.</p>
<p>Die deutschsprachige App <em>My Therapy</em>, entwickelt durch das deutsche Software-Unternehmen smartpatient in Zusammenarbeit mit der Berliner Charité und dem Münchner Klinikum rechts der Isar, gehört zu den beliebtesten Anwendungen für chronisch kranke Menschen. Die Erinnerungsfunktion zur Medikamenten-Einnahme führte laut Pilotstudie der Charité dazu, dass Behandlungen deutlich besser verfolgt wurden. Mit der App lassen sich außerdem Messwerte wie Gewicht und Blutdruck dokumentieren, es gibt die Funktion eines Stimmungstagebuchs bei Depressionen sowie ein ausdruckbares Tagebuch für den Arzt.</p>
<h2><strong>Gesundheits-Apps und Datenschutz</strong></h2>
<p>Eine persönliche Registrierung ist hier nicht nötig (was nicht für alle Apps gilt, die sich an Menschen mit HIV richten). Die Hersteller der TÜV-zertifizierten App „setzen auf deutsche Verschlüsselungsstandards“, erklären sie im App-Shop. Der Datenschutz ist ein wichtiger Aspekt bei der Nutzung von Gesundheitsapps, gerade für Menschen mit HIV, die immer noch in der Gesellschaft stigmatisiert werden. Laut Charismha-Studie findet er bei den Gesund­heits-Apps bislang nicht ausreichend Beachtung. Welche Daten genau erhoben werden, wer auf sie zugreift und wie sie geschützt werden, ist oft nicht klar.</p>
<blockquote><p>Wer garantiert, dass die Daten sicher sind?</p></blockquote>
<p>Dass man sich bei Apps wie <em>HIV Self Test</em> mit seiner Handynummer oder dem Facebookprofil anmelden muss, dürfte für HIV-positive User_innen abschreckend sein. Und wenn man bei <em>iStayHealthy</em> Daten wie Blutwerte oder die Anzahl der Helferzellen via E-Mail oder Dropbox exportieren kann – wer garantiert dafür, dass die Daten dort sicher sind?</p>
<p>Bitkom fand bei einer anderen Umfrage heraus, dass sich jede_r Dritte in Deutschland vorstellen kann, seine Gesundheitsdaten an die eigene Krankenkasse weiterzuleiten. Aber schon 2015 warnten die Verbraucherzentralen vor einem sorglosen Umgang mit persönlichen Daten bei digitalen Gesundheitsangeboten. Dies könne zu einer Rundumüberwachung führen, sagte der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller.</p>
<p>Darum haben die Datenschützer_innen des Bundes und der Länder im vergangenen Jahr einen effektiveren Schutz der verarbeiteten Daten bei Gesundheits-Apps und Wearables gefordert – das sind kleine Computer wie Smartwatches oder Fitnessarmbänder. In einer Stichprobe Ende 2016 zeigte sich, dass Datenschutzerklärungen oft mangelhaft und der Umgang mit den erhobenen Daten oft intransparent waren. Bundes­gesund­heits­minister Hermann Gröhe (CDU) forderte darum klare Qualitäts- und Sicher­heits­stan­dards für Patient_innen, medizi­nisches Personal und App-Hersteller.</p>
<h2><strong>Nur attraktiv, solange man jung, fit und gesund ist</strong></h2>
<p>Auch Krankenkassen bieten eigene Gesundheits-Apps an. Dazu muss man wissen, dass die gesetzlichen Kassen gesammelte Daten für Studien nutzen dürfen. Dafür können die App-Nutzer_innen bei gesund­heits­bewusstem Verhalten Punkte sammeln und Prämien erhalten. Nicht erlaubt ist es den gesetzlichen Kassen dagegen, die Höhe der Beiträge vom Verhalten der Versicherten abhängig zu machen, etwa bei Sportler_innen, die per App ihre Daten über­mitteln. Ihnen darf kein günstigerer Tarif eingeräumt werden als Unsportlichen. Unabhängig von Verhalten oder Gesund­heits­zustand zahlen also alle Kund_innen weiter den gleichen Beitrag.</p>
<blockquote><p>Mit dem Prinzip der solidarischen Versicherung hat das nicht mehr viel zu tun</p></blockquote>
<p>Bei privaten Versicherungen liegt die Sache anders: Sie dürfen mithilfe von Gesund­heits­daten ihrer Versicherten neue Tarife entwickeln und auf die Person zuge­schnittene Preise verlangen. Mit dem Prinzip der solidarischen Versicherung hat das nicht mehr viel zu tun. Außerdem warnte der Chef der Verbraucherzentralen, dass solche Belohnungssysteme „vermeintlich attraktiv wie ein Wurm an der Angel“ daherkommen, wenn man jung, gesund und fit ist. Man wisse aber, dass dies selten bis zum Ende des Lebens so sei, „und insofern können wir nur eindeutig davor warnen“, sagt Müller weiter.</p>
<p>Eine ganz andere Dimension hat der Datenschutz für HIV-positive Versicherte beim Abschluss von Berufsunfähigkeitsversicherungen. Nach Recherchen des Portals positiv-versichert.de fragen alle deutschen Lebensversicherer in den Anträgen explizit nach HIV. Ein Ja führe nach dem letzten Stand der Recherchen im Jahr 2016 ohne Ausnahme zur Ablehnung.</p>
<h2><strong>Augen auf bei der App-Wahl</strong></h2>
<p>Es gilt also, seine Gesundheits-Apps sorgfältig auszuwählen. Die Techniker Krankenkasse (TK) weist auf ihrer Homepage darauf hin, dass die wenigsten von staatlicher Seite überprüft wurden, als Medizinprodukt zugelassen sind und eine CE-Kennzeichnung besitzen.</p>
<p>Die Stiftung Warentest rät, bei der Auswahl einer App Punkte wie Zweckbestimmung, Funktion, wissenschaftliche Evidenz und Datenschutzerklärung zu beachten. Vertrauenswürdige Angebote, so die TK, legen dar, „wie die App finanziert wurde, nennen Geldgeber, zum Beispiel Sponsoren beziehungsweise Kooperationspartner“.</p>
<p>Bei Apps, die Informationen rund um HIV und AIDS anbieten, ist außerdem auf regelmäßige Updates zu achten. Werden solche Angebote nicht immer wieder auf den aktuellen Stand der Forschung gebracht, sind sie obsolet und sogar potenziell riskant.</p>
<p>Als Faustregel stellt die Techniker Krankenkasse zudem fest: „Ein hohes Risiko stellen Apps dar, die vorgeben, eine Diagnose ermitteln zu können [&#8230;] Eine falsche Diagnose ist gefährlich, weil sie den Nutzer davon abhält, einen Arzt aufzusuchen, oder den Anwender bei falschem Krankheitsverdacht unnötig in Verzweiflung stürzt.“</p>
<p><strong>Weitere Informationen:</strong></p>
<p><a href="https://www.tk.de/tk/besondere-tk-services/kompetent-als-patient/bewusst-auswaehlen/723598" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Checkliste der Techniker Krankenkasse zu Gesundheits-Apps</a>
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		<item>
		<title>Ein Signal für die LGBTI-Community in Russland, aber kein Grund zum Feiern</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/global/signal-fuer-die-lgbti-community-in-russland/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 28 Jun 2017 11:16:20 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Global]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz gegen Homo-Propaganda]]></category>
		<category><![CDATA[lgbti]]></category>
		<category><![CDATA[LGBTIQA+]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenrechte]]></category>
		<category><![CDATA[Russland]]></category>
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					<description><![CDATA[Mitte Juni hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Russland wegen der Diskriminierung von Homosexuellen verurteilt. Wir haben LGBTI-Aktivist_innen nach den Auswirkungen gefragt]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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        <strong>Mitte Juni <a href="http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/europaeischer-gerichtshof-fuer-menschenrechte-russland-wegen-schwulenfeindlichen-gesetzes-verurteilt-a-1153098.html?utm_source=dlvr.it&amp;utm_medium=twitter&amp;utm_campaign=spiegel_24#ref=rss">hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) Russland wegen der Diskriminierung von Homosexuellen</a> verurteilt. Wir haben Aktivist_innen aus der LGBTI-Community in Russland nach den Auswirkungen gefragt</strong></p>
<p>Seit 2006 wurden in mehreren Regionen Russlands <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Russland#Gesetze_gegen_.E2.80.9Ehomosexuelle_Propaganda.E2.80.9C">Gesetze gegen „Propaganda für Homosexualität“</a> verabschiedet, seit 2013 stellt ein landesweites Gesetz „<a href="http://www.quarteera.de/blog/dertextdergesetzesaenderungenzurpropagandanichttraditionellersexuellerbeziehungen">Propaganda für nichttraditionelle sexuelle Beziehungen unter Minderjährigen</a>“ unter Strafe: Es verbietet die positive Darstellung von Homosexualität in der Öffentlichkeit, das heißt, Schwule und Lesben dürfen ihre sexuelle Orientierung nicht vor Minderjährigen thematisieren.</p>
<h2>Aktivisten aus der LGBT-Community in Russland klagten in Straßburg</h2>
<p>Drei Aktivisten aus Russland – Nikolay Viktorovich Bayev, Aleksey Aleksandrovich Kiselev und Nikolay Aleksandrovich Alekseyev– hatten Klagen gegen solche Gesetze beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht. Mitte Juni haben die Straßburger Richter_innen nun ihr Urteil gefällt: Ihnen zufolge verstößt das russische Gesetz gegen die Meinungsfreiheit und das Diskriminierungsverbot und fördert Homophobie. Den Aktivisten sprach das Gericht finanzielle Entschädigungen zu.</p>
<blockquote><p>„Ein gutes Signal, aber kein Grund zum Feiern“</p></blockquote>
<p>Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig. Moskau kann beantragen, die Entscheidung noch einmal überprüfen zu lassen. Zudem wurde Ende 2015 in Russland ein Gesetz erlassen, wonach das nationale Verfassungsgericht EGMR-Urteile überprüfen kann – auch wenn Russland verpflichtet ist, sich an die Entscheidungen des Gerichtshofs zu halten.</p>
<p>Bei russischen LGBTI-Aktivist_innen stößt das Urteil auf Zustimmung, allerdings glaubt niemand, dass das homophobe Gesetz zurückgenommen oder entschärft wird. „Das Urteil aus Straßburg ist ein gutes Signal, wir haben uns sehr gefreut“, sagt Gulya Sultanova vom russischen LGBTI-Filmfestival <em><a href="http://www.bok-o-bok.ru/default.asp?lan=1">Side by Side</a>, </em>das jährlich in St. Petersburg und Moskau stattfindet.</p>
<blockquote><p>„Das Urteil ist wichtig für die Moral in der LGBTI-Community“</p></blockquote>
<p>Ein Grund zu feiern sei es aber nicht, weil es keinen direkten Einfluss auf die Praxis in Russland habe. „Europäische Gerichte haben schon ein paar Mal gesagt: Ihr müsst diese oder jene Praxis stoppen, Russland hat sich immer geweigert.“</p>
<h2>LGBTI: Erfolgreich aus der russischen Öffentlichkeit verdrängt</h2>
<p>Das homophobe Gesetz wird nicht abgeschafft, glaubt die lesbische Aktivistin. „Aber das Urteil ist ein gutes Argument in der gesellschaftlichen Diskussion und bei Verhandlungen mit staatlichen Institutionen, bei der Abstimmung mit Behörden über Veranstaltungen oder Demonstrationen. Wenn sie auf das Propagandagesetz verweisen, können wir das Straßburger Urteil zitieren. Für die Moral in der Community ist es natürlich gut und wichtig.“</p>
<blockquote><p>„Viele unsere Partner haben Angst“</p></blockquote>
<p>Die Organisation, die in diesem Jahr ihr 10-jähriges Jubiläum feiert, konnte vor der Verabschiedung des Gesetzes relativ ruhig arbeiten, auch wenn die Presse bereits negativ eingestellt war, erzählt Gulya. Man konnte Events in den großen Kinos veranstalten und Infomaterial frei verteilen, in Cafés, Clubs oder an Universitäten. „Die Verbreitung in Unis wurde nach dem Gesetz unmöglich, weil dort Minderjährige studieren, denn in Russland beginnt man schon mit 17. Viele unserer Partner hatten Angst, dass sie sich in Gefahr bringen, wenn sie mit uns arbeiten. Auch viele Massenmedien hatte diese Befürchtung. Die Diskussion über LGBTI in der Öffentlichkeit sollte mit dem Gesetz verhindert werden, und das hat ja auch geklappt.“</p>
<figure id="attachment_31846" aria-describedby="caption-attachment-31846" style="width: 400px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2017/06/Gulya-400px.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-31846" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2017/06/Gulya-400px.jpg" alt="Potrait Gulya" width="400" height="450" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2017/06/Gulya-400px.jpg 400w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2017/06/Gulya-400px-267x300.jpg 267w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /></a><figcaption id="caption-attachment-31846" class="wp-caption-text">Gulya Sultanova ist eine russische LGBTI-Aktivistin und lebt in Sankt Petersburg</figcaption></figure>
<p>In den 10 Jahren ihres Bestehens haben die Aktivist_innen viel Gegenwind erlebt: Neonazis, die Besucher_innen verprügelten, und Politiker, die am Eingang zu den Kinos gegen Gäste pöbelten. Im Jahr 2013 gab es sogar <a href="http://www.quarteera.de/news/6lgbt-kinofestivalsidebysideinstpetersburg">mehrere Bombendrohungen</a>. Sie stellten sich zwar immer als falsch heraus, haben den Ablauf aber immer empfindlich gestört. „Dadurch haben wir jeden Tag zwei bis drei Stunden verloren, und so konnten wir das Programm nicht komplett zeigen“, sagt Gulya. „Allerdings waren viele Zuschauer so solidarisch, dass sie die Evakuierung abgewartet haben und dann wieder zurückgekommen sind, um das Festival weiter zu verfolgen.“</p>
<h2><strong>Das Gesetz gegen „Homopropaganda“ hat die Homophobie befeuert</strong></h2>
<p>Gulya hat auch eine Gegenreaktion auf das homophobe Gesetz beobachtet. „Es hat sich nach 2011 ein politisch-gesellschaftlicher Diskurs entwickelt, das haben wir diesem Gesetz zu verdanken. Vorher wurden Themen wie Homophobie und Transphobie als Lappalie abgetan.“ Zwar habe das Gesetz gegen „Homopropaganda“ die Stimmung im Land stark befeuert, sagt die Aktivistin, die in St. Petersburg lebt, wo das Gesetz bereits 2011 in Kraft trat. Es habe danach eine Hetzkampagne in den Massenmedien gegeben; die LGBTI-Community sei regelmäßig in TV-Sendungen diffamiert worden. Neonazi-Gruppen hätten sich ermuntert gefühlt, Schwule und Lesben anzugreifen. „2013/2014 hatte die staatliche Homophobie-Kampagne ihren Höhepunkt“, erinnert sich Gulya. „Danach ging die Aufmerksamkeit allerdings auf den Krieg in der Ukraine über, die öffentlichen Aufrufe zur Gewalt ließen nach: Es war ein neuer Sündenbock gefunden worden. Seither stand fast nichts LGBTI-Feindliches mehr in der Presse, es gab auch keine politischen Attacken mehr auf uns.“</p>
<blockquote><p>„Homophobie ist eine Säule von Putins Traditionalismus“</p></blockquote>
<p>Der sibirische LGBTI-Aktivist Bulat Barantaev, der im vergangenen Jahr als einer von zwei offen schwulen Kandidaten bei der Duma-Wahl antrat, bezweifelt ebenfalls, dass sich Russland von dem Straßburger Urteil beeindrucken lässt. „Da Homophobie eine der Säulen ist, auf der Putins Traditionalismus gründet, wird man mit allen Mitteln versuchen, die Vollstreckung des Europäischen Gerichtsurteils zu verhindern. Sie werden argumentieren, dass Homosexualität gegen russische Interessen sei, die Geburtenrate gefährde und all die anderen verrückten Dinge, die sie sonst behaupten. Und keinesfalls werden sie ein nationales Gesetz internationalen Gerichtsurteilen unterwerfen.“</p>
<h2><strong>Der Hass gegen die LGBTI-Community in Russland wird noch lange nachwirken</strong></h2>
<p>Allerdings weist Bulat darauf hin, dass das Gesetz gegen „Homo-Propaganda“ nur sehr selten zur Anwendung komme. Da es fast nicht durchgesetzt werde, gebe es auch eigentlich keinen Grund für das Gesetz. Was es aber tatsächlich bewirkt habe, sei die Welle von Hass und Gewalt, die es ausgelöst habe.</p>
<p>Auch die Betreiber des Online-Projekts <em><a href="https://www.facebook.com/children.404">Kinder 404</a></em>, das Briefe von hilfesuchenden LGBTI-Jugendlichen und ihren Eltern veröffentlicht und ihnen Hilfe anbietet, begrüßen das Urteil aus Straßburg. [Anm. d. Red.: Das 404 steht für den Internet-Code „404 not found“, weil LGBTI-Jugendliche oft unsichtbar bleiben (müssen) und nur schwer andere Jugendliche in einer ähnlichen Situation finden.] Es sei „bemerkenswert und interessant“, so Jan Wesenberg, doch inwieweit Russland sich davon beeindrucken lässt, darüber möchte er nicht spekulieren. Der Zugang zu ihrem Web-Projekt, das 2013 von der Journalistin Lena Klimova als Reaktion auf das Gesetz gegen Homopropanda ins Leben gerufen wurde, sei von Russland aus immer wieder blockiert worden, ansonsten habe das Gesetz die Arbeit nicht wesentlich beeinträchtigt. Viel tiefgreifender – da stimmt Wesenberg mit den anderen Aktivist_innen überein – sei die Auswirkung auf die homophobe Stimmung im Land.</p>
<p>So lässt sich vielleicht Folgendes feststellen: Selbst wenn Russland das Gesetz gegen Homopropaganda entschärften oder abschaffen sollte (was wenig wahrscheinlich ist): Der Hass, den man gesät hat, wird noch lange nachwirken.</p>
<p><strong>Ältere Beiträge zum Thema:</strong></p>
<p>„<a href="https://magazin.hiv/2014/12/15/die-regierung-macht-fuer-lgbt-rechte-keinen-finger-krumm/">Die Regierung macht für LGBT keinen Finger krumm</a>“ (magazin.hiv, 15.12.2014)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2014/10/17/viele-schwule-haben-schlicht-angst/">„Viele Schwule haben schlicht Angst“</a> (magazin.hiv, 17.10.2014)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2014/09/13/die-schwulen-im-land-sind-entmutigt-und-haben-keinerlei-hoffnung-mehr/">„Die Schwulen im Land sind entmutigt und haben keinerlei Hoffnung mehr“</a> (magazin.hiv, 13.09.2014)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2014/03/04/homosexualitaet-als-politikum/">Homosexualität als Politikum</a> (magazin.hiv, 04.03.2014)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2014/01/29/hoffen-dass-die-situation-nicht-noch-schlechter-wird/">Hoffen, dass die Situation nicht noch schlechter wird</a> (magazin.hiv, 29.01.2014)
      </div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>„Ich habe keine Sekunde Angst gehabt“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 23 Oct 2014 13:38:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[ICH WEISS WAS ICH TU]]></category>
		<category><![CDATA[positiv zusammen leben]]></category>
		<category><![CDATA[schwul]]></category>
		<category><![CDATA[serodifferent]]></category>
		<category><![CDATA[Welt-Aids-Tags-Kampagne]]></category>
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					<description><![CDATA[Stefan ist HIV-positiv, Jeff ist HIV-negativ. Die beiden sind seit drei Jahren ein Paar. Angst, dass Jeff sich infizieren könnte, hat bei ihnen nie eine Rolle gespielt, denn sie wissen: Es kann nichts passieren.]]></description>
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        <strong>Stefan ist HIV-positiv, Jeff ist HIV-negativ. Die beiden sind seit drei Jahren ein Paar. Angst, dass Jeff sich infizieren könnte, hat bei ihnen nie eine Rolle gespielt, denn sie wissen: Es kann nichts passieren.</strong></p>
<p><a title="Positiv zusammen leben" href="http://www.welt-aids-tag.de/" target="_blank" rel="noopener"><strong>„</strong>Positiv zusammen leben<strong>“</strong> heißt die Kampagne zum Welt-Aids-Tag.</a> Ein Plakat fragt: <strong>„</strong>Würdest du jemanden mit HIV küssen?<strong>“</strong> Jeff (25) hatte von Anfang an kein Problem damit, dass sein Stefan (42) positiv ist. Die beiden führen eine offene Fernbeziehung: Stefan wohnt in Saarbrücken und arbeitet als Wirtschaftsjournalist. Jeff (25) studiert Soziologie, Politikwissenschaften und Gender Studies in Trier. Kennen gelernt haben sie sich über das schwule Dating-Portal GayRomeo.</p>
<p><strong>Jeff, wie hast du erfahren, dass Stefan HIV-positiv ist?</strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Gleich zu Beginn, als wir noch gar nicht zusammen waren. Ich war beeindruckt, wie offen Stefan in seinem Profil bei GayRomeo damit umging. Ich hatte damals angefangen, in der HIV-Prävention zu arbeiten, kannte aber keinen Positiven. Also schrieb ich ihn an. Dabei war ich erst mal gar nicht so interessiert an ihm als Person.</p>
<p><strong>Stefan:</strong> Wir haben uns ab und zu geschrieben und irgendwann trafen wir uns. Es war ein ganz langsamer Einstieg, mit langem Kennenlernen. Fast ein bisschen klassisch <em>(lacht)</em>.</p>
<blockquote><p><strong>„</strong>Stefan war vermutlich nicht mein erster HIV-positiver Partner<strong>“</strong></p></blockquote>
<p><strong>Warst du immer so offen mit deiner Infektion? </strong></p>
<p><strong>Stefan:</strong> Ich wurde 2010 positiv getestet und habe binnen weniger Stunden angefangen, den Menschen in meinem Umfeld davon zu erzählen. Auch auf GayRomeo habe ich es offen gesagt. Es gab für mich keinen Grund, mich zu verstecken. Bis heute bekomme ich fast ausschließlich sehr positive Rückmeldungen, vor allem von Leuten, die negativ sind.</p>
<p><strong>Jeff, hattest du beim ersten Kuss, beim ersten Sex Angst, dass du dich anstecken könntest? </strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Nein, das war nie ein Thema. Ich habe keine Sekunde daran gedacht.</p>
<p><strong>Das ist aber ungewöhnlich! Du hattest wirklich kein bisschen Angst und nicht den leisesten Zweifel?</strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Bevor ich Stefan kennen gelernt habe, hatte ich schon etliche Männer geküsst und hatte Sex mit ihnen. Von denen waren sicher auch einige positiv. Manche haben es vielleicht selbst nicht gewusst. Und ich habe mich nicht angesteckt, denn wir haben Kondome benutzt.</p>
<p><strong>Aber bei Stefan wusstest du es.</strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Ja, und deswegen haben wir die ersten zwei, drei Male ein Kondom genommen.</p>
<blockquote><p><strong>„</strong>Toll, dass wir heute auf Kondome verzichten können!<strong>“</strong></p></blockquote>
<p><strong>Und dann nicht mehr?</strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Das ist nicht nötig. Seine HIV-Therapie schützt mich vor der Übertragung. Wenn die Medikamente gut wirken, wird HIV an der Vermehrung gehindert, eine Übertragung ist dann nicht mehr möglich. Die Möglichkeit <a title="Schutz durch Therapie" href="http://aidshilfe.de/de/sich-schuetzen/hiv/aids/safer-sex?page=4" target="_blank" rel="noopener">„Schutz durch Therapie“</a> zu praktizieren, war damals noch sehr neu. Ich weiß, dass ich da vielleicht eine Ausnahme bin, aber ich konnte die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse direkt verinnerlichen.</p>
<p><strong>Auch beim ersten Mal hattest du überhaupt keine Angst?</strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Im Gegenteil, mein Gefühl war: Toll, dass es heute möglich ist, mit meinem Partner auf Kondome zu verzichten. Wobei die Medikamente natürlich nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen schützen. Mit Stefan hatte ich nie ein mulmiges Gefühl und habe mich immer sicher gefühlt.</p>
<p><strong>Trotzdem habt ihr am Anfang Kondome verwendet …</strong></p>
<p><strong>Stefan:</strong> Ich hatte mit der Therapie begonnen, bevor ich Jeff kennen gelernt habe. Als nach wenigen Monaten kein HIV mehr in meinem Blut nachweisbar war, hatte ich mit meinem vorherigen Partner auch schon Sex ohne Kondom. Trotzdem: Mit Jeff wollte ich nicht gleich ohne Gummi schlafen. Er sollte seine eigene Entscheidung treffen. Wenn Jeff lieber Kondome nehmen würde, wäre das auch okay. Es ist ja kein großes Ding, eins zu benutzen. Mir persönlich macht es aber ohne mehr Spaß. Zu wissen, dass nichts passieren kann, ist für mich sehr angenehm und beruhigend.</p>
<blockquote><p><strong>„</strong>Viele Leute haben Flugangst. Dabei sind Flugzeuge das sicherste Verkehrsmittel.<strong>“</strong></p></blockquote>
<p><strong>Sind eure Familien und Freunde auch so entspannt? </strong></p>
<p><strong>Jeff:</strong> Für meine Eltern war es anfangs ein ganz neues Thema. Sie sind beide eher konservativ. Meine Mutter hatte anfangs auch Sorgen, weil sie wusste, dass wir das Kondom weglassen. Aber das hat sich mittlerweile aufgelöst. Sie und mein Vater unterstützen mich sehr, obwohl ich mit vielen Traditionen breche. Auch für Freunde, die mit dem Thema keine Berührungspunkte haben, ist „Schutz durch Therapie“ erstmal was ganz Neues.</p>
<p><strong>Stefan:</strong> Oft sind irrationale Ängste im Spiel, wie beim Fliegen: Viele Leute haben Flugangst. Sie gehen aber furchtlos in Neapel über die Straße. Dabei ist das viel gefährlicher! Flugzeuge sind das sicherste Verkehrsmittel. Mit Fakten kann man Menschen die Angst nehmen: Zu Therapiebeginn hatte ich eine Viruslast von 90.000. Nach wenigen Monaten Therapie lag ich bei 40!</p>
<p><strong>Die meisten Menschen brauchen Zeit, um solche Informationen zu verarbeiten. Es muss sich erst Vertrauen entwickeln.</strong></p>
<p><strong>Stefan:</strong> Klar. Ich kenne es auch von anderen Paaren, dass sie erstmal zögerlich sind. Aber wenn sich der Negative nach Jahren nicht angesteckt hat, überzeugt und beruhigt sie das.</p>
<p><strong>Ihr führt eine offene Beziehung. Wie gehst du mit deiner HIV-Infektion um, wenn du andere Männer kennen lernst?</strong></p>
<p><strong>Stefan:</strong> Ich spreche das Thema immer an, ohne ein Drama draus zu machen. Eher so, wie ich auch sagen würde, dass ich Brillenträger bin. Die Situation „Ich will dich nicht, weil du positiv bist“ – die gab es bisher nicht.</p>
<blockquote><p><strong>„</strong>Mein offener Umgang mit HIV führt dazu, dass andere Fragen stellen.<strong>“</strong></p></blockquote>
<p><strong>Kommt immer darauf an, wie selbstbewusst man mit HIV umgeht, oder?</strong></p>
<p><strong>Stefan:</strong> Selbstverständlich. Ich bin genauso HIV-positiv wie mein Vater Diabetiker ist. Ein offener Umgang führt dazu, dass der andere sich auch traut, Fragen zu stellen. Wenn man ein Drama daraus macht, fragt er nicht.</p>
<p><strong>Als Botschafter der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU redet Ihr viel über HIV. Ist es bei euch auch privat noch ein Thema? </strong></p>
<p><strong>Stefan:</strong> Nein. Es kommt vielleicht mal vor, dass ich Jeff von einer netten oder rührenden Nachricht erzähle, die ich bei GayRomeo bekomme. Aber davon abgesehen gibt es viele andere interessante Themen, über die wir sprechen.</p>
<p><strong>Jeff:</strong> Grundsätzlich gilt aber: Es gibt im Zusammenhang mit HIV immer noch sehr viele Ängste, Tabus und Stigmatisierung. Man muss offen darüber reden. Offen und ohne zu urteilen. Viele Menschen haben immer noch Angst, sich überhaupt zu informieren.</p>
<p><a title="Jeff und Stefan bei ICH WEISS WAS ICH TU" href="http://iwwit.de/themen/schutz-durch-therapie" target="_blank" rel="noopener">Video mit Jeff und Stefan bei der Kampagne ICH WEISS WAS ICH TU für schwule Männer</a>
      </div>
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		<title>„Beim gemeinsamen Training ist nichts dabei – es fließt ja nur Schweiß“</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/praevention-wissen/beim-gemeinsamen-training-ist-nichts-dabei-es-fliest-ja-nur-schweis/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 29 Nov 2013 15:39:17 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[HIV und Sport]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Solidarität]]></category>
		<category><![CDATA[WAT]]></category>
		<category><![CDATA[Welt Aids Tag]]></category>
		<category><![CDATA[Welt-Aids-Tags-Botschafter]]></category>
		<category><![CDATA[Welt-Aids-Tags-Kampagne]]></category>
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					<description><![CDATA[<span class="Apple-style-span" style="color: #304454;"><em style="color: #1e73be;">Denis</em> hat HIV, arbeitet bei der AIDS-Hilfe Halle und ist dieses Jahr Botschafter des Welt-Aids-Tages – zusammen mit <em style="color: #1e73be;">Matthias</em>, einem seiner besten Freunde.</span>]]></description>
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        <figure id="attachment_19045" aria-describedby="caption-attachment-19045" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Denis_Matthias.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-19045 " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Denis_Matthias-180x180.jpg" alt="Denis und Matthias" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-19045" class="wp-caption-text">Denis (re.) und Matthias: Seit zwei Jahren machen sie zusammen Sport (Foto: www.welt-aids-tag.de)</figcaption></figure></p>
<p><b><em>Denis</em> hat HIV, arbeitet bei der AIDS-Hilfe Halle und ist dieses Jahr Botschafter des Welt-Aids-Tages – zusammen mit <em>Matthias</em>, einem seiner besten Freunde. Ihr gemeinsames Hobby ist der Sport. Der Slogan ihres Plakats lautet daher: „Ich habe HIV. Und das Vertrauen meines Trainingspartners.“ Mit ihnen sprach <em>Kriss Rudolph</em>.<br />
</b></p>
<p><b>Denis und Matthias, was macht ihr genau beim Sport?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Wir trainieren seit zwei Jahren zusammen und machen Krafttraining für Arme und Beine. Wir arbeiten mit Kurzhanteln, dabei hat man auch Körperkontakt – beim Gewichtheben führt man meist nur die Geräte. Dazu machen wir viel Ausdauertraining – aber das macht jeder für sich.</p>
<p><b>Schränken dich deine Medikamente beim Sport ein?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Ich mache seit 2010 die HIV-Therapie, aber ich merke keine Einschränkungen: keine Müdigkeit oder Schlappheit zum Beispiel. Ich kann alles machen wie vorher, habe noch dieselbe Ausdauer.</p>
<blockquote><p>„Es hat unsere Freundschaft gestärkt“</p></blockquote>
<p><b>Wie hat Matthias reagiert, als du ihm von deiner Krankheit erzählt hast?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Er war gut aufgeklärt, was Übertragungswege angeht. Von daher hatte er keine Angst davor, mich zu umarmen – oder überhaupt vor Körperkontakt. Er hat gesagt, dass ich immer zu ihm kommen kann, wenn was ist und ich reden muss. Und das stimmt auch.</p>
<p><em>Matthias:</em> Beim gemeinsamen Training ist doch nichts dabei – es fließt ja nur Schweiß. Da muss man keine Angst haben vor einer Ansteckung. Beim Sport kann man sich nicht infizieren, selbst wenn man wollte. Denis ist auch nicht der erste Mann mit HIV, den ich kenne. Es hat sich zwischen uns nichts verändert – im Gegenteil, es hat unsere Freundschaft gestärkt.</p>
<p><b>Dass ihr zusammen für die Kampagne auftretet, war direkt klar?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Es war so gewollt, dass sich authentische Freunde mit auf dem Plakat zeigen. Ich habe also vier Leute gefragt, und Matthias hat sofort gesagt: Klar, kein Problem. Ich unterstütze dich. Wir sind uns auch einig in dem, was wir erreichen wollen: Wir wollen anderen HIV-Positiven Mut machen, dass sie sich ruhig ihren Freunden und Angehörigen anvertrauen können. Ich habe damit jedenfalls nur gute Erfahrungen gemacht.</p>
<blockquote><p>Freunde, Eltern, Sportverein – alle stehen hinter der Kampagne</p></blockquote>
<p><b>Wie waren denn die Reaktionen eurer Angehörigen, als ihr im Vorfeld von der Kampagne erzählt habt?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Meine Familie steht hinter der Kampagne. Nur als sie von meiner HIV-Infektion erfuhr, waren die Umstände leider etwas unglücklich. Ich habe letztes Jahr einer Lokalzeitung ein Interview gegeben, da ging es um meine HIV-Infektion. Meine Eltern wussten noch nichts davon, und da sie etwas ländlicher wohnen, dachte ich, die lesen das schon nicht. Sie haben dann aber sehr schnell davon erfahren und waren etwas sauer, dass ich nicht vorher bzw. überhaupt viel früher mit ihnen geredet habe. Aber jetzt ist wieder alles in Ordnung.</p>
<figure id="attachment_19049" aria-describedby="caption-attachment-19049" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Denis_quer_2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-19049  " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Denis_quer_2-180x180.jpg" alt="Denis" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-19049" class="wp-caption-text">Denis: Gemeinsam mit Matthias will er HIV-Positiven Mut machen (Foto: www.welt-aids-tag.de)</figcaption></figure>
<p><em>Matthias:</em> Ich habe meinen Freund und meine Familie vorher natürlich über die Plakate informiert. Die hatten auch nichts dagegen, warnten mich allerdings: Sei dir bewusst, dass es dir schaden könnte und Auftraggeber dich dann eventuell nicht mehr buchen. Aber ehrlich gesagt, kann ich auf die dann auch gut verzichten.</p>
<p><em>Denis:</em> Ich spiele ja auch noch Volleyball und habe tolle Unterstützung von meinem Sportverein bekommen – ein schwul-lesbischer Verein. Der Vorstand hat zum Kampagnenstart alle Mitglieder angeschrieben und ihnen mitgeteilt, dass sie mich als Botschafter unterstützen, und wer ein Problem damit hätte, wäre in diesem Verein fehl am Platz.</p>
<blockquote><p>„Er war negativ, ich positiv“</p></blockquote>
<p><b>Seit wann weißt du, dass du HIV hast?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Anfang 2009 bekam ich die Diagnose. Mein damaliger Freund hatte einen Vortrag beim Gesundheitsamt gehört. Da ging es ums Testverhalten bei Schwulen – und darum, dass man sich regelmäßig testen lassen sollte. Mein Freund wollte dann auch. Ich hatte kein Bedürfnis, hab es dann aber doch gemacht. Das Ergebnis: Er war negativ, ich positiv. Erst mal haben es nur die Leute in der Beratungsstelle erfahren. Danach habe ich mich langsam auch Freunden anvertraut.</p>
<p><b>Spielte HIV eine Rolle, dass eure Beziehung gescheitert ist? </b></p>
<p><em>Denis:</em> Nein, die Beziehung ist später aus anderen Gründen gescheitert. Mein Freund war mir eine große Stütze. Das Testergebnis hat uns sogar erst mal wieder für eine Weile zusammengeschweißt. Aber es hat dann einfach nicht auf Dauer gehalten.</p>
<p><b>Aber du hast jetzt wieder eine Beziehung?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Ja, ich habe seit einem Jahr einen neuen Freund. Das fing erst mal freundschaftlich an. Er hat dann irgendwann mein Interview gelesen, in dem es um meine HIV-Infektion ging, aber es war kein Thema für ihn. Klar, sonst wären wir jetzt auch nicht zusammen.</p>
<p><b>Du bist als Quereinsteiger zur Aidshilfe gekommen. Was hast du vorher gemacht?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Ich bin nach meiner Diagnose beruflich zur Aidshilfe gewechselt. Verändern wollte ich mich vorher eh schon, und meine Diagnose hat dann den Ausschlag gegeben. Vorher war ich Abteilungsleiter in einer Schokoladenfabrik, war für die gesamte Herstellungsleitung zuständig und hatte in Höchstzeiten 100 bis 150 Leute unter mir. Aber mir fehlte trotzdem ein bisschen der Kontakt zu anderen Menschen. Parallel kam dann die Anfrage der Aidshilfe – die suchten händeringend einen schwulen Berater.</p>
<blockquote><p>„Für meine ehemaligen Kollegen bin ich so eine Art kleiner Held“</p></blockquote>
<p><b>Hättest du deine HIV-Infektion auch bei deinem alten Arbeitgeber öffentlich gemacht?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Ich weiß nicht. Ich bin da mal mit einer Kollegin von der Qualitätssicherung aneinander geraten. Die meinte nämlich, HIV sei meldepflichtig. Was natürlich Quatsch ist. Ohnehin gab es ja in der Fabrik Hygienevorschriften – wie hätte ich da HIV übertragen sollen?</p>
<figure id="attachment_19056" aria-describedby="caption-attachment-19056" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Matthias_hoch_1.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-19056" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Matthias_hoch_1-180x180.jpg" alt="Matthias" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-19056" class="wp-caption-text">Matthias war zu den Übertragungswegen schon vorher gut aufgeklärt (Foto: www.welt-aids-tag.de)</figcaption></figure>
<p><b>Und wie kommen jetzt die fertigen Plakate bei euren Leuten an?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Was echt schön ist, ehemalige Kollegen aus der Schokoladenfabrik haben von mir gehört, und ich kriege fast täglich eine Nachricht von denen, wie gut sie finden, was ich mache. Dass ich schwul bin, wussten alle vorher schon – und damit gab es nie ein Problem. Jetzt bin ich für sie so eine Art kleiner Held.</p>
<p><em>Matthias:</em> Mich haben mittlerweile auch schon mehrere Leute angesprochen oder angeschrieben, aus Gera oder meiner Heimatstadt Dessau. Die fanden es cool und schrieben: Wir ziehen den Hut vor dir – Respekt!</p>
<blockquote><p>„Habt ihr euch mal mit Übertragungswegen und Ansteckungsrisiken beschäftigt?“</p></blockquote>
<p><b>Wie gut wissen eure Freunde und Bekannte über HIV und Aids Bescheid?</b></p>
<p><em>Denis:</em> Die engsten Freunde sind gut informiert, aber es kommt immer mal vor, dass sie noch mal eine „Expertenmeinung“ hören wollen oder Rat brauchen. Oft geht es dann um Übertragungswege. Oder sie sagen, wir nehmen ja Kondome, da müssen wir uns um sexuell übertragbare Infektionen keine Gedanken machen. So einfach ist das aber nicht, weil Syphilis oder Tripper ja auch schon beim Lecken oder Blasen übertragen werden können.</p>
<p><em>Matthias:</em><b> </b>Bei mir kam vereinzelt die Frage von Leuten, die wissen wollten, ob ich auch infiziert bin. Die hatten das Plakat nicht richtig gelesen – das kommt halt vor. Einige fragten auch: Hast du keine Angst vor Ansteckung? Worauf ich dann meinte: Habt ihr euch mal mit Übertragungswegen und Ansteckungsrisiken beschäftigt? Dann kommen halt meine Aufklärungsversuche: Über Schweiß und Speichel kann man sich echt nicht anstecken!</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch!</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Weitere Informationen:</strong></p>
<p><a title="Kampagne zum Welt-Aids-Tag" href="https://www.welt-aids-tag.de/index.php" target="_blank" rel="noopener">Website der Welt-Aids-Tags-Kampagne</a> <i>„</i>Positiv zusammen leben!<i>“</i>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>„Es ist doch jetzt eigentlich nichts anders als vorher“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 27 Nov 2013 15:28:49 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitgeber]]></category>
		<category><![CDATA[HIV]]></category>
		<category><![CDATA[HIV und Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Solidarität]]></category>
		<category><![CDATA[Welt-Aids-Tags-Botschafter]]></category>
		<category><![CDATA[Welt-Aids-Tags-Kampagne]]></category>
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					<description><![CDATA[<span class="Apple-style-span" style="color: #304454;"><em style="color: #1e73be;">Holger</em> ist Geschäftsführer eines Fundraising-Unternehmens. Der Botschafter des Welt-Aids-Tages zeigt sich auf seinem Plakat mit seiner Arbeitskollegin und guten Freundin Leonie. </span>]]></description>
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        <figure id="attachment_18968" aria-describedby="caption-attachment-18968" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Holger_Leonie.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18968    " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Holger_Leonie-180x180.jpg" alt="Holger und Leonie" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-18968" class="wp-caption-text">Holger und Leonie zeigen für die Welt-Aids-Tags-Kampagne gemeinsam Gesicht (www.welt-aids-tag.de)</figcaption></figure></p>
<p><strong><em>Holger</em> ist Geschäftsführer eines Fundraising-Unternehmens, das für gemeinnützige Organisationen Spenden sammelt. Der Botschafter des Welt-Aids-Tages zeigt sich auf seinem Plakat mit seiner Arbeitskollegin und guten Freundin Leonie. Sein Motto: „Ich habe HIV. Und die Solidarität meiner Angestellten.“ Mit ihm sprach <em>Kriss Rudolph.</em></strong></p>
<p><strong>Holger, w</strong><b>ie viele Leute arbeiten bei dir?</b></p>
<p>Mit den vielen Minijobbern sind es etwa 45 Leute, und alle wissen, dass ich HIV habe. Zuerst habe ich es den Mitarbeitern im Büro gesagt, mit denen ich hauptsächlich zu tun habe. Mit vielen bin ich ja auch befreundet. Wir unternehmen auch etwas in der Freizeit zusammen und feiern betriebliche Sommerfeste oder Weihnachtsfeiern. Nach der Diagnose war klar: Es geht mir zwar jetzt gut, aber es kann natürlich sein, dass ich irgendwann mal für ein paar Tage ausfalle. Ich wollte dann nicht lügen müssen und erzählen, ich hätte eine Grippe.</p>
<p><b>Es wissen aber jetzt ausnahmslos alle?</b></p>
<p>Als ich mich entschlossen habe, Botschafter für den Welt-Aids-Tag zu werden, wollte ich es auch den Telefonisten sagen – auch wenn es für deren Arbeit eigentlich gar keine Relevanz hat. Ich habe mich dann bei unserem Sommerfest geoutet. Das war schon sehr aufregend, das Herz schlug mir bis zum Hals. Ich wollte auch nicht zu oberlehrerhaft auftreten. Also habe ich gesagt: Ich bin in diesem Jahr einer der Botschafter des Welt-Aids-Tages. Das bedeutet, dass ich HIV-positiv bin. Ich nehme an, ihr wisst, wie sich HIV überträgt? Dann hab ich sie eingeladen, zu mir zu kommen, falls sie Fragen hätten.</p>
<blockquote><p>„Für eine Sekunde waren sie ganz still, dann haben alle geklatscht“</p></blockquote>
<p><b>Und wie lief’s?</b></p>
<p>Es war sehr schön – für eine Sekunde waren sie ganz still, dann haben alle geklatscht. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke. Einige kamen auch zu mir, erkundigten sich aber vor allem, wie es mir geht. Ich habe ganz viel Wertschätzung erfahren. Eine Mitarbeiterin sagte: Es ist doch jetzt eigentlich nichts anders als vorher, oder? Das fand ich toll.</p>
<p><b>Es gab also nur positive Reaktionen.</b></p>
<p>Ja. Ich war dann gespannt auf den weiteren Verlauf des Sommerfests – wir sind ja Selbstversorger, also jeder bringt etwas zum Essen mit. Und ich dachte mir, mal sehen, was sie machen – selbst wenn sie wissen, dass sich HIV nicht übers Essen überträgt. Aber das war kein Thema. Mein Salat ging genauso weg wie immer. (<i>lacht</i>)</p>
<figure id="attachment_18974" aria-describedby="caption-attachment-18974" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Holger_quer_2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18974 " title="Holger" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Holger_quer_2-180x180.jpg" alt="Holger" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-18974" class="wp-caption-text">Holger ist Chef von etwa 45 Mitarbeitern (www.welt-aids-tag.de)</figcaption></figure>
<p><b>Nun kann man vielleicht annehmen, dass Menschen in sozialen Berufen ohnehin toleranter sind. Hättest du es deinen Leuten auch erzählt, wenn du z. B. eine KFZ-Werkstatt leiten würdest oder Präsident eines Boxclubs wärst?</b></p>
<p>Ich glaube, ich hätte es in jeder anderen Branche auch getan. Man macht sich halt unangreifbar, wenn man offen ist. Auch was mein Schwulsein angeht: Irgendwann kommt es ja eh raus. Zumal ich ja jetzt gesehen habe, was für tolle Effekte es hatte. Ich finde, es kommt auch immer dem Betrieb zugute. Wenn man Wert auf Diversity legt und seinen Mitarbeitern Freiheiten lässt, wirkt sich das positiv auf die Produktivität aus. Bei uns arbeiten zum Beispiel auch Muslime und im Ramadan passen wir abends die Pausen so an, dass sie gleich nach Sonnenuntergang essen können. Einer wollte fünfmal am Tag beten – kein Problem für mich, solange das den Arbeitsablauf nicht stört.</p>
<blockquote><p>Auch vom obersten Chef wie von den Kunden kamen tolle Reaktionen</p></blockquote>
<p><b>Wie waren die Reaktionen der Organisationen, für die ihr arbeitet?</b></p>
<p>Ich habe ja noch einen Chef über mir – den hab ich aber nicht um Erlaubnis gefragt, sondern ihm schlicht gesagt, dass ich Botschafter werde – und das hat auch vollkommen gereicht. Mein Chef hat mich sofort unterstützt und gesagt: Ja, du musst das tun. Auch wenn er ein bisschen Bedenken hatte, weil unter unseren Organisationen auch kirchlich geprägte Einrichtungen sind. Wobei die aber auch mit meinem Schwulsein zurechtkommen. Letztendlich gab es von den Kundenorganisationen viele tolle Reaktionen, nach dem Motto: Super, dass du das machst! Sogar eine Organisation, mit der es in der Zusammenarbeit geholpert hat und für die wir nicht mehr arbeiten, meinte,  du hast unseren tiefsten Respekt! Das war noch mal eine Bestärkung.</p>
<p><b>Und in deinem privaten Umfeld?</b></p>
<p>Meiner Familie und engen Freunden durfte ich es vorher schon verraten. Mein Bruder, der in Süddeutschland wohnt, rief auch direkt an, als er das erste Plakat sah. Es ist toll zu sehen, wo man überall hängt. Ein Freund hat mich neulich mal in Berlin rumgeführt und gezeigt, wo er mich schon entdeckt hat.</p>
<p><b>Seit wann weißt du, dass du HIV hast?</b></p>
<p>Seit ungefähr zehn Jahren. Ich habe nach der Diagnose acht Jahre ohne Medikamente gelebt, weil ich wissen wollte, was mein Immunsystem aushält. Dann hat aber irgendwann der Arzt gesagt, ich sollte mal mit der Therapie beginnen. Ich habe auch bislang wenige Nebenwirkungen – nur das Übliche: Verdauungsprobleme, Schlafstörungen. Aber das schränkt meine Arbeit nicht ein.</p>
<blockquote><p>„Ich bin froh und glücklich, dass ich die Medikamente habe“</p></blockquote>
<p><b>Unter welchen Umständen hast du es herausgefunden?</b></p>
<p>Ich hab mich immer regelmäßig testen lassen, einmal pro Jahr. Und irgendwann war ich positiv. Ich hatte ein paar Jahre vorher schon einmal die Situation, dass ich fest überzeugt war, dass ich HIV hätte. Ich musste damals noch zwei Wochen auf das Ergebnis warten – das war die Hölle. Das hatte ich also schon einmal durchgemacht. Deshalb, glaube ich, war ich dann bei der tatsächlichen Diagnose fast entspannt.</p>
<p><b>Hattest du damals schon Erfahrungen mit HIV und Aids?</b></p>
<p>Als ich mein Ergebnis bekam, war ich Ende 30. Ich habe Freunde sterben sehen, und auch ein Ex-Freund ist an Aids gestorben – den habe ich bis zum Tod begleitet. Ich bin froh und glücklich, dass ich die Medikamente habe. Ich weiß, was auf mich zukommen kann – dass sich Resistenzen bilden können. Aber ich bin nicht panisch. Ich passe nur genau auf, dass ich täglich meine Medizin nehme und sie nicht vergesse.</p>
<blockquote><p>„Ich fand, es ist jetzt mal Zeit für die Arbeitgeberseite“</p></blockquote>
<p><b>Wie läuft deine Therapie?</b></p>
<p>Ich war sofort unter der Nachweisgrenze und bin es noch – also bin ich nicht ansteckend. Als ich damals die Diagnose erhielt, wusste ich, dass es wirksame Therapien gab, aber da musste man noch feste Zeiten einhalten – das war insgesamt etwas aufwendiger. Heute reicht eine Pille am Tag. Deshalb wollte ich es zunächst ohne Medikamente probieren. Heute sagt man ja, man solle am besten sofort mit der Therapie beginnen, um möglichst lange ohne Beschwerden zu leben.</p>
<figure id="attachment_18978" aria-describedby="caption-attachment-18978" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Leonie_quer_2.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18978 " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/WAT2013_Pressefoto_Leonie_quer_2-180x180.jpg" alt="Leonie" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-18978" class="wp-caption-text">Leonie ist Holgers Arbeitskollegin und gute Freundin (Foto: www.welt-aids-tag.de)</figcaption></figure>
<p><b>Wann kam es zu deiner Entscheidung, Botschafter zu werden?</b></p>
<p>Im Laufe dieses Jahres. Ich hab mir die bisherigen Plakate angeguckt, die bisherigen Akzente der Kampagne und fand,  es ist jetzt mal Zeit für die Arbeitgeberseite. Außerdem arbeite ich im gemeinnützigen Sektor und war mir ziemlich sicher, dass mein Outing mir nicht schaden würde. Ich bin ja  schon lange offen schwul und auch darüber hat sich noch nie jemand negativ geäußert. Also dachte ich mir: Wenn nicht ich, wer dann?  Bislang habe ich ja auch nur Zuspruch erhalten.</p>
<blockquote><p>„Offenheit ist dem Betriebsklima zuträglich“</p></blockquote>
<p><b>Darum bist du nicht allein auf dem Plakat.</b></p>
<p>Das ist Leonie, eine gute Freundin und Arbeitskollegin. Wir waren schon befreundet, bevor wir zusammen gearbeitet haben. Meine Mitarbeiter wollten mich alle unterstützen; viele waren betroffen, weil ich ja mit denen befreundet bin. Leonie hat früher Partys veranstaltet und kannte auch viele Männer mit HIV, die mittlerweile gestorben sind. Daher war ihr die Unterstützung wichtig. Und wir haben eine gemeinsame Linie: Offenheit ist dem Betriebsklima zuträglich. Solidarität entsteht nicht von ungefähr, man muss immer aufs Neue für sie werben.</p>
<p><b>Wie ist das, wenn man Männer kennenlernt?</b></p>
<p>Bei der Diagnose war ich Single, und ich dachte sofort, das wird ja jetzt schwierig mit der Partnersuche. Da kann ich ja nur mit einem Mann zusammen sein, der auch positiv ist. Jetzt bin ich natürlich schlauer. Aber es passiert mir schon bei Verabredungen: Wenn ich sage, dass ich positiv bin, tun sich die Leute schwer. In der Schwulenszene gibt es noch viel Ausgrenzung.</p>
<p><b>Und du hoffst, du kannst das als Botschafter ändern.</b></p>
<p>Ja! Für viele ist es noch neu, wenn man ihnen sagt, dass man unter der Nachweisgrenze nicht ansteckend ist. Sie können dann ihren Kopf nicht ausschalten; es bleiben diffuse Ängste. Einige sagen sogar: Ich weiß, dass das doof ist, aber ich kann das nicht – auch wenn ein Kondom sie beim Sex ja ohnehin schützen würde.</p>
<p><strong>Vielen Dank für das Gespräch!</strong></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Weitere Informationen:</strong></p>
<p><a title="Kampagne zum Welt-Aids-Tag" href="https://www.welt-aids-tag.de/index.php" target="_blank" rel="noopener">Website der Welt-Aids-Tags-Kampagne</a> „Positiv zusammen leben!“</p>
<p>&nbsp;
      </p></div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Zwischen Horror und Hoffnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Kriss Rudolph]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 01 Nov 2013 15:59:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
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					<description><![CDATA[<span class="Apple-style-span" style="color: #304454;">In Russland nimmt der Druck auf Schwule und Lesben zu – aber auch der Widerstand gegen Diskriminierung und Übergriffe.</span>]]></description>
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        <figure id="attachment_18231" aria-describedby="caption-attachment-18231" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18231" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/10/RussischeFlagge_Andrea-Damm_pixelio.de_-180x180.jpg" alt="Russische Flagge" width="180" height="180" /><figcaption id="caption-attachment-18231" class="wp-caption-text">Diskriminierung schadet der Gesundheit (Foto: Andrea Damm, pixelio.de)</figcaption></figure></p>
<p><strong>In Russland nimmt der Druck auf Schwule und Lesben zu – aber auch der Widerstand gegen Diskriminierung und Übergriffe. <em>Kriss Rudolph</em> sprach mit <em>Stephan Jäkel</em> von der Schwulenberatung Berlin und <em>Ludger Schmidt</em> von der Deutschen AIDS-Hilfe, die kürzlich zum achten Geburtstag von „LaSky“ in Sankt Petersburg waren</strong></p>
<p><b>Wie schwul darf man in der Fünf-Millionen-Metropole St. Petersburg sein?</b></p>
<p><em>Ludger:</em> Petersburg ist die liberalste Stadt in Russland. Es gibt mehr Freiräume als anderswo, auch für<b> </b>Aktivisten. Hier sitzen<b> </b>die meisten und ältesten LGBT-Organisationen. Es kommen viele Menschen von weither aus den Regionen, weil sie in ihren Dörfern stigmatisiert werden. Dennoch ist es schwierig, besonders für HIV-Positive: Wer kein russischer Staatsbürger ist, bekommt keine medizinische Versorgung. Die Leute sterben dann dort. Oder sie werden abgeschoben, wenn ihr HIV-Status bekannt wird.</p>
<p><em>Stephan:</em> Manche Aktivisten sagen, der derzeitige Kampf um die Menschenrechte in Russland finde in St. Petersburg statt und die LGBT-Community sei die größte Oppositionsbewegung des Landes. Aus dieser Stadt stammt allerdings auch der Politiker Witali Milonow, der die <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Homosexualit%C3%A4t_in_Russland#Gesetze_gegen_.E2.80.9Ehomosexuelle_Propaganda.E2.80.9C" target="_blank" rel="noopener">Anti-„Homo-Propaganda“-Gesetzgebung</a> auf den Weg gebracht hat.</p>
<blockquote><p>St. Petersburg ist die liberalste Stadt in Russland</p></blockquote>
<p><b>Ludger, du warst vor neun Jahren zuletzt in St. Petersburg. Hat sich die Stadt seitdem verändert?</b></p>
<p><em>Ludger:</em> Es ist bunter geworden, wirkt nicht mehr so uniform – in jeder Beziehung. Differenzen werden offener ausgetragen. Früher musste immer alles in der Familie bleiben – gerade Meinungsverschiedenheiten sollten nicht nach außen dringen, vor allem nicht gegenüber Ausländern. Das scheint jetzt anders zu sein.</p>
<p><b>Ein Widerspruch zu den schwulenfeindlichen Gesetzen, denen zufolge man in der Öffentlichkeit nicht über Homosexualität sprechen darf?</b></p>
<p><em>Ludger:</em> Ich weiß nicht, wie die Entwicklung ohne dieses Gesetz gewesen wäre. Man leistet Widerstand gegen Versuche, das Rad zurückzudrehen, und in diesem Widerstand spiegelt sich die entstandene Vielfalt wider. Man trifft da heute auf eine neue Generation, die nicht mehr sowjetisch geprägt ist.</p>
<figure id="attachment_18461" aria-describedby="caption-attachment-18461" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18461" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Peter__Paul_fortress_in_SPB_Alex_Florstein_Wikimedia_Commons-180x180.jpg" alt="Peter-und-Paul-Festung in St. Petersburg (Foto: Alex Florstein)" width="180" height="180" /><figcaption id="caption-attachment-18461" class="wp-caption-text">Sankt Petersburg: Zentrum der LGBT-Opposition? (Foto: Alex Florstein)</figcaption></figure>
<p><em>Stephan:</em> Aktivisten und Vor-Ort-Berater sagten mir, dass die homofeindliche Gesetzgebung die Community politisiert hat. Da der Staat keinen Schutz bietet, kann ein Gefühl von Angst entstehen. Es gibt ja Berichte und Videos, in denen junge Schwule zu Dates gelockt und verprügelt werden. Bestimmt ziehen sich auch viele zurück, aber LGBT-Organisationen wie „Coming Out“ stellen fest, dass sie immer mehr Menschen mobilisieren können. Viele denken sich: Das ist unser Land, das wollen wir uns nicht wegnehmen lassen.</p>
<p><b>Wie riskant ist es, Demos durchzuführen?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Größere Demos werden nicht von den LGBT-Organisationen selbst angemeldet. Es gibt einen losen Zusammenschluss von heterosexuellen Unterstützern – die melden die Demos als Privatpersonen an, um die LGBT-Organisationen zu schützen.</p>
<p><em>Ludger:</em> Die öffentliche Präsenz von Aktivisten hat dazu geführt, dass der Umgang mit dem Thema in seriösen Medien mittlerweile ausgewogener ist – vor fünf Jahren hätte es das so nicht gegeben.</p>
<blockquote><p>Mehr Ausgewogenheit, aber zugleich Hasskampagnen</p></blockquote>
<p><em>Stephan:</em> <a href="http://en.ria.ru/russia/20130605/181527361.html" target="_blank" rel="noopener">Es gab aber auch diesen Mann aus Samara, der nach St. Petersburg fliehen musste</a>. Er hatte in Zentralrussland eine Aids-Gedenkveranstaltung durchgeführt – in zeitlicher Nähe zum Offiziellen Tag des Gedenkens an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs und an einem Mahnmal. Gegen den Veranstalter gab es eine richtige Medien-Hasskampagne wegen angeblicher Verunglimpfung der Gefallenen.</p>
<p><b>Die Demos laufen oft nicht friedlich ab.</b></p>
<figure id="attachment_18464" aria-describedby="caption-attachment-18464" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18464 " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/LaSky-180x180.jpg" alt="LaSky: Das Netzwerk engagiert sich auch in der HIV-Prävention" width="180" height="180" /><figcaption id="caption-attachment-18464" class="wp-caption-text">LaSky: Das Netzwerk engagiert sich auch in der HIV-Prävention</figcaption></figure>
<p><em>Stephan:</em> Interessanterweise wissen die Rechten immer, wann sie stattfinden – vielleicht zapfen sie den Mailverkehr der LGBT-Organisationen an oder sie erfahren es von der Polizei. Oft sollen die Veranstalter nach zehn Minuten die Demo auflösen – entweder, weil sie gegen das Anti-Homo-Propaganda-Gesetz verstoßen oder mit der Begründung, die Polizei „könne“ sie nicht mehr beschützen. Wenn die Veranstalter weiterprotestieren, kommt es zu Festnahmen und Anklagen wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt. Würden sie aufgrund des Anti-Homo-Propaganda-Gesetzes angeklagt, könnten sie sich durch die Distanzen bis hin zum EU-Menschenrechtsgerichtshof klagen. Sie vermuten, dass der Staat deshalb Anklagen wegen Homo-Propaganda vermeiden will.</p>
<p><b>Was passiert mit den Demonstranten nach der Verhaftung?</b></p>
<blockquote><p>„Die Menschen sollen ständig Angst haben“</p></blockquote>
<p><em>Ludger:</em> Zum Prozess kommt es meist nicht. Sie werden bis zu 24 Stunden festgehalten und wieder laufen gelassen. Alles hat den Anschein von Willkür, wie in alten Sowjetzeiten. Die Menschen sollen ständig Angst haben und sich in der Norm bewegen – sonst wird man bestraft.</p>
<p><em>Stephan:</em> Ein junger Aktivist sagte mir, er meidet Anti-Putin-Demos, auch wenn er gerne teilnehmen würde. Er geht nur zu LGBT-Demos, wo er für Menschenrechte und Versammlungsfreiheit demonstriert – nicht gegen die Staatsautorität an sich. Er verspricht sich davon einen gewissen Schutz.</p>
<p><b>Können russische LGBT-Organisationen noch normal arbeiten?</b></p>
<figure id="attachment_18473" aria-describedby="caption-attachment-18473" style="width: 160px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-18473" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Side-By-Side-Filmfestival-Sankt-Petersburg.jpg" alt="Logo von Side by Side" width="160" height="160" /><figcaption id="caption-attachment-18473" class="wp-caption-text">Sidy by Side: Das LGBT-Filmfestival setzt sich für die Menschenrechte ein</figcaption></figure>
<p><em>Ludger:</em> Das <a href="http://www.bok-o-bok.ru/default.asp?lan=1" target="_blank" rel="noopener">LGBT-Filmfestival „Side by side“</a> und <a href="http://www.comingoutspb.ru/en/en-home" target="_blank" rel="noopener">„Coming Out“</a> legen zum Beispiel ihren Fokus offensiv auf die Menschenrechte von LGBT und stehen<b> </b>daher unter besonderem Druck. Das Schwulen-Netzwerk <a href="http://lasky.ru/" target="_blank" rel="noopener">„LaSky“</a>, was im Russischen so viel bedeutet wie „sei zärtlich“,<b> </b>konzentriert sich auf das Thema Gesundheit mit Beratung, Prävention und Vor-Ort-Arbeit. Das gibt ihr einen gewissen Schutz vor staatlicher Verfolgung.</p>
<p><b>Erschwert das „Gesetz gegen Hochverrat“ ihre Arbeit zusätzlich?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> <a href="http://www.tagesschau.de/ausland/hochverrat100.html" target="_blank" rel="noopener">Damit soll „Geheimnisverrat“ bestraft werden</a>, jeder Austausch mit ausländischen Organisationen, die dem Land schaden können. Auf Hochverrat stehen mehrere Jahre Lagerhaft. Bislang ist es offenbar gegen LGBT-Organisationen nicht angewendet worden. Sollte diese Drohgebärde Realität werden, könnte die politische Arbeit aus sein.</p>
<p><em>Ludger:</em> Trotzdem ist im Moment die Arbeit in der Community von St. Petersburg<b> </b>lebendig, weil es bereits etablierte LGBT-Organisationen gibt. Aber man merkt gerade in Moskau: Die Gesetzgebung schafft große Hindernisse für jede Form von Selbstorganisation.</p>
<p><b>Welche Gesetze machen Schwulen und Lesben das Leben außerdem schwer?</b></p>
<blockquote><p>Verlässliche Zahlen zu HIV gibt es nicht</p></blockquote>
<p><em>Stephan:</em> Eltern, die LGBT-Lebensweisen auch nur tolerieren, könnte das Sorgerecht entzogen werden, selbstredend „zum Schutz der Kinder“. <a href="http://www.queer.de/detail.php?article_id=20273" target="_blank" rel="noopener">Ein entsprechender Gesetzentwurf ist zwar vorerst zurückgezogen worden</a>, aber laut einer Umfrage von „Coming Out“ spielen 300 Elternpaare, die sich LGBT zugehörig fühlen, mit Auswanderungsgedanken.</p>
<p><b>Wie geht vernünftige HIV-Prävention, wenn man nicht über Homosexualität sprechen darf?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Da Menschen Nachteile fürchten müssen, wenn sie sich outen und auf die Straße gehen, erschwert das eine erfolgreiche Präventionsarbeit. Verlässliche Zahlen über HIV-Infektionen gibt es auch nicht – das ist eine der Hauptforderungen von „LaSky“. Offiziell ist von 55.000 Menschen mit HIV/Aids in St. Petersburg die Rede – das würde etwa 1 % der Bevölkerung entsprechen. Die inoffiziellen Schätzungen liegen aber deutlich höher. Zum Vergleich: In ganz Deutschland gab es Ende 2012 rund 78.000 Infizierte.</p>
<figure id="attachment_18479" aria-describedby="caption-attachment-18479" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-18479 " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Discokugel_Nik_Styles_pixeliode-180x180.jpg" alt="Discokugel" width="180" height="180" /><figcaption id="caption-attachment-18479" class="wp-caption-text">Das schwule Nachtleben in Sankt Petersburg brummt &#8211; noch (Foto: Nik Styles, pixelio.de)</figcaption></figure>
<p><em>Ludger:</em> Im Aids-Zentrum müssten schwule Männer beim Infektionsweg eigentlich „MSM“ angeben (Männer, die Sex mit Männern haben) – das kommt für viele aber nicht in Frage, weil die Konsequenzen unabsehbar sind. Eine berechtigte Furcht ist, dann eine schlechtere medizinische Versorgung zu bekommen. Das heißt aber auch, dass die Statistik nicht stimmt.<b></b></p>
<p><b>Was leistet das Aids-Zentrum in St. Petersburg?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Es ist ein Teil einer Poliklinik, allerdings ohne Beratung oder psychosoziale Betreuung – das versucht „LaSky“ ansatzweise aufzufangen. Die vier Sozialarbeiter in der Klinik dürfen aber nicht zielgruppenspezifisch arbeiten, also etwa für Drogenkonsumenten, für Heteros oder für schwule Männer. Sie müssen alles mitbedienen – und nicht nur für den HIV-Bereich. So kann man nicht erfolgreich sein.</p>
<p><em>Ludger:</em> Nur die Infektiologen dort haben Ahnung von HIV, andere Fachrichtungen oft überhaupt<b> </b>nicht. Das bereitet den Patienten große Schwierigkeiten. Hinzu kommt, dass der Gedanke der Patientenrechte dort nicht existiert.</p>
<p><b>Wie sieht das Szeneleben in St. Petersburg aus?</b></p>
<p><em>Ludger:</em> Wir waren zur Geburtstagsparty von LaSky in einem Schwulenclub, in dem es wöchentliche Partys mit Dragqueenshow gibt. Das Publikum war sehr jung, der Laden war voll. Auch befreundete Hetero-Frauen und -Männer haben da mitgefeiert. Da gab es dann auch eine Show mit Safer-Sex-Botschaften, eine Art HIV-Präventionsshow.</p>
<blockquote><p>Buntes Szeneleben als Beweis für Diskriminierungsfreiheit?</p></blockquote>
<p><em>Stephan:</em> Die Menschen vor Ort befürchten auf längere Sicht allerdings einen Zusammenbruch der kommerziellen Szene, weil die Leute wegbleiben oder die Künstler ins Ausland gehen.</p>
<p><b>Gibt es Razzien in Bars oder Clubs?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Davon habe ich jetzt nichts gehört. Das „bunte Partyleben“ wurde im Sommer sogar vom Parlamentsvorsitzenden der Duma gerühmt – mit dem Hinweis, dass man Schwulen und Lesben ja nichts tue. Jeder könne sich davon in den Moskauer Clubs überzeugen, was die für ein „tolles Leben“ haben. Sehr sarkastisch. Die Clubs sind von außen auch gar nicht sichtbar.</p>
<p><b>Finden Schwule Rückhalt in ihren Familien?</b></p>
<figure id="attachment_18489" aria-describedby="caption-attachment-18489" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-18489" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Logo-Coming-Out-Petersburg-300x121.jpg" alt="Logo Coming Out Petersburg" width="300" height="121" /><figcaption id="caption-attachment-18489" class="wp-caption-text">Coming Out: Die LGBT-Organisation bietet auch eine Elterngruppe an</figcaption></figure>
<p><em>Stephan:</em> Ich habe Schwule getroffen, die am Tag ihres Coming-outs von den Eltern rausgeschmissen worden sind oder eine „Konversions-Therapie“ machen mussten. Manche arrangieren Ehen zwischen Schwulen und Lesben, damit die Familie nicht die finanzielle Unterstützung einstellt. Viele haben aber auch keine Diskriminierungserfahrungen. Immerhin gibt es mittlerweile bei „Coming Out“ eine Gruppe für Eltern – die nehmen das Beratungsangebot auch an. Das ist eine gute Entwicklung, finde ich.</p>
<p><b>Wie ist die Meinung der Petersburger Community zum Thema Olympia? Die Spiele von Sotschi boykottieren oder mitmachen?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Die Leute sagen: Nutzt lieber die Öffentlichkeit! Wenn wenigstens einmal die Regenbogenflagge im Bild zu sehen ist, bringt das mehr, als wenn ein ganzes Land wegbleibt. Übrigens: Die Community kriegt den emotionalen Support aus dem Ausland deutlich mit. Sie fühlen sich im Land ausgestoßen, aber dass es in der Welt Menschen gibt, die sie verstehen und unterstützen – das ist ihnen ganz wichtig.</p>
<blockquote><p>Die Unterstützung aus dem Ausland kommt an</p></blockquote>
<p><em>Ludger:</em> Wir dürfen nicht aufhören, über Russland zu sprechen. Die Leute sagen: Wir reden hier mit unseren Politikern, macht ihr Druck auf eure, damit sie das Thema ebenso immer wieder ansprechen Das ist wichtiger als Boykott.</p>
<p><b>Kann man mit Spenden helfen oder ist das wegen des Verbots von „Agententum“ kontraproduktiv?</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Das Gesetz greift nur bei Vereinen und deren Vertretern, die Geld aus dem Ausland bekommen. Da diese Organisationen aber für Menschenrechte kämpfen, die auch in der russischen Verfassung stehen, lehnen sie den Begriff „ausländischer Agent“ ab und nehmen natürlich finanzielle Unterstützung an. Geld aus dem Ausland ist wichtig, da es vom Staat keinen Rubel gibt.</p>
<figure id="attachment_18492" aria-describedby="caption-attachment-18492" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class=" wp-image-18492 " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2013/11/Enough-is-enough-300x300.jpg" alt="Enough is enough" width="180" height="180" /><figcaption id="caption-attachment-18492" class="wp-caption-text">Sotschi 2014: Ein guter Anlass, um gegen Homophobie zu protestieren</figcaption></figure>
<p><em>Ludger:</em> Wobei die Leute von „Side by Side“ ihre Prozesskosten allein mit Spendengeldern aus dem Inland begleichen konnten – zum ersten Mal in der russischen LGBT-Geschichte. Das war eine ganz wichtige Erfahrung: Man kann die eigenen Leute mobilisieren.</p>
<p><b>Die Hoffnung hat die Menschen in Russland also nicht verlassen.</b></p>
<p><em>Stephan:</em> Ein russischer Aktivist hat bei Facebook gepostet: „Wir brauchen unser eigenes Stonewall – das ist unsere Aufgabe. Aber wir können den Erfolg und die Erfahrungen der anderen nutzen. Den Leuten von Stonewall ging es damals viel schlechter als uns. Wir haben die Unterstützung aus dem Ausland. In New York damals gab es keine Vorbilder.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Weitere Informationen</strong></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2013/08/30/genug-ist-genug-mund-aufmachen/" target="_blank" rel="noopener">Genug ist genug – Mund aufmachen!</a> (DAH-Blog, 30.8.2013)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2013/05/18/homosexualitat-eine-frage-von-nationaler-bedeutung/" target="_blank" rel="noopener">Homosexualität – eine Frage von nationaler Bedeutung</a> (DAH-Blog, 18.5.2013)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2012/02/08/die-situation-ist-alarmierend-doch-der-staat-schweigt/" target="_blank" rel="noopener">Die Situation ist alarmierend, aber der Staat schweigt</a> (DAH-Blog, 8.2.2012)
      </div>
</p></div>
</p></div>
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