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	<title>Paul Schulz, Author at magazin.hiv</title>
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	<description>Hintergründe zum Leben mit HIV, Aids, STIs, Hepatitis</description>
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	<title>Paul Schulz, Author at magazin.hiv</title>
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		<title>„Zu geilem Sex gehört der passende Schutz“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Jan 2018 08:52:35 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[10 Jahre Schutz durch Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[EKAF-Statement]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Schutz durch Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Swiss Statement]]></category>
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					<description><![CDATA[Christoph findet: Die richtige Safer-Sex-Strategie hängt von den beteiligten Menschen und der Situation ab. Bei ihm schützt seine HIV-Therapie auch seine Partner.]]></description>
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        <strong>Christoph, 32, findet: Die richtige Safer-Sex-Strategie hängt von den beteiligten Menschen und der Situation ab. Bei ihm schützt seine HIV-Therapie auch seine Partner – auf Kondome verzichtet er oft. Ein Gespräch über Lernprozesse, Vertrauen und die Tatsache, dass man Kondome sehen und anfassen kann</strong></p>
<p><strong>Christoph, du wurdest schon 2005, mit 19 Jahren, HIV-positiv getestet. Seit wann nutzt du „Schutz durch Therapie“? Von Anfang an?</strong></p>
<p>Nein, die Veröffentlichung der Eidgenössischen Kommission für Aids-Fragen, das sogenannte EKAF-Statement, kam ja erst 2008. In dieser Veröffentlichung wurde zum ersten Mal öffentlich gesagt: Wenn ein HIV-Positiver gut therapiert ist, dann ist HIV sexuell nicht mehr übertragbar. Bis dahin gab es für mich keinerlei Verbindung zwischen meiner Therapie und dem Schutz meiner Partner. Ich nahm Tabletten und hatte Sex mit Kondom.</p>
<blockquote><p>&#8222;Bis zum EKAF-Statement 2008 gab es für mich keine Verbindung zwischen meiner Therapie und dem Schutz meiner Partner.&#8220;</p></blockquote>
<p><strong>Hat EKAF das schlagartig verändert?</strong></p>
<p>Für mich nicht. Ich habe erst ein Jahr später von dem Statement erfahren. Es wurde am Anfang nicht besonders breit darüber gesprochen.</p>
<p><strong>Hat dir dein Arzt nicht davon erzählt?</strong></p>
<p>Nein. Wie bei allem medizinisch Neuen waren Ärzte da anfangs wahrscheinlich vorsichtig, oder sie glaubten es vielleicht auch einfach selber noch nicht. Was nur menschlich ist.</p>
<p><strong>Hast du es denn geglaubt? </strong></p>
<p>Ich dachte: Ist ja eigentlich logisch. HIV ist nicht mehr nachweisbar, also habe ich wahrscheinlich tatsächlich nicht mehr genug Viren für eine Übertragung im Blut.</p>
<p><strong>Hast du ab diesem Moment denn immer auf Kondome verzichtet? </strong></p>
<p>Nein. Ich habe überhaupt kein Problem damit, ein Kondom zu benutzen, wenn ein Partner das möchte – sei das wegen HIV oder wegen anderer Infektionen. Wir können ja trotzdem jede Menge Spaß haben.</p>
<p><strong>Wie hat sich das erste Mal ohne Kondom damals angefühlt?</strong></p>
<p>Das weiß ich noch wie heute: Es war ganz merkwürdig. Ich bin damit großgeworden, dass Schutz vor HIV gleichbedeutend war mit Kondomen. Jetzt war da plötzlich nichts mehr. Und du musstest einfach darauf vertrauen, dass es funktionierte. Was nicht allen sofort gelingt. Ein Exfreund von mir, der sich gut mit HIV auskennt, konnte für eine Weile trotzdem nicht auf das Kondom verzichten. Er brauchte diesen sichtbaren und spürbaren Schutz, um sich fallen lassen zu können.</p>
<blockquote><p>&#8222;Das erste Mal ohne Kondom war ganz merkwürdig.&#8220;</p></blockquote>
<p><strong>Wie habt ihr dieses Problem gelöst?</strong></p>
<p>Das hat sich irgendwann von selber gelöst. Wissen braucht eine Weile, bevor es verinnerlicht wird und wenn das passiert ist, entspannen sich alle Beteiligten.</p>
<p><strong>Hast du dir selbst am Anfang noch Sorgen darüber gemacht, dass du jemanden mit HIV infizieren könntest?</strong></p>
<p>Ja, diese Momente gab es. Ein anderer Ex von mir wollte gerne ohne Gummi Sex haben, und dabei habe ich mich am Anfang komisch gefühlt. Du liebst diesen Menschen ja und willst ihn keiner Gefahr aussetzen. Ich bin über diese Bedenken aber irgendwann hinwegkommen.</p>
<p><strong>2017 ist Schutz durch Therapie längst normal für dich und du pflegst offensichtlich einen entspannten Umgang damit. Manche Menschen stehen dem aber sehr kritisch gegenüber, oder? </strong></p>
<p>Die Reaktionen sind tatsächlich öfter mal anstrengend. Oft kommen Einwände wie: Was ist denn dann mit Tripper oder Syphilis?</p>
<p>Aber die kann man ja auch kriegen, wenn man Sex mit Kondom hat. Zum Beispiel einen Tripper beim Blowjob oder eine Syphilis sogar beim Knutschen, wenn’s blöd läuft. Wer war in dieser Hinsicht je hundertprozentig safe? Bläst irgendwer mit Gummi oder legt Frischhaltefolie über den Arsch, bevor er jemanden leckt? Da muss man dann schon über real existierenden Sex reden. Wichtig finde ich deshalb, sich regelmäßig checken zu lassen, denn die Krankheiten sind ja gut behandelbar.</p>
<p><strong>Wie vermittelst du anderen, dass Schutz vor HIV durch die Therapie gut funktioniert?</strong></p>
<p>Ich erzähle von mir, aber unterlege das mit den wissenschaftlichen Ergebnissen zum Thema. Inzwischen belegen ja viele Studien und die jahrelange Praxis hunderttausender Menschen, dass unter gut wirksamer Therapie keine sexuelle Übertragung stattfindet. Wenn man Anwendungsfehler bei Kondomen statistisch einbezieht, ist Schutz durch Therapie das Sicherste, was wir haben.</p>
<p><strong>Stimmt es, dass du es mit diesen Erklärungen bei Jüngeren einfacher hast? </strong></p>
<p>Ja. Menschen, die so alt sind wie ich oder älter, haben über viele, viele Jahre gehört: Nimm ein Gummi, sonst infizierst du dich, bekommst Aids und stirbst. Dieses Bild ist einfach sehr stark und mächtig und tief verankert im Kopf. Und noch mal: Das Kondom ist ja auch super dafür, jemandem das Gefühl zu vermitteln: Ich tue hier aktiv etwas, um mich vor Eventualitäten zu schützen. Und diesen Schutz kann ich sehen und riechen und anfassen. Bei Schutz durch Therapie ist das anders: Wenn ich mit einem Negativen ohne Kondom Sex habe, muss der mir vertrauen, was gerade bei spontanen Kisten nicht immer einfach ist.</p>
<blockquote><p>&#8222;Durch die PrEP gibt es jetzt einen Gleichstand beim Thema Schutz durch Pillen.&#8220;</p></blockquote>
<p><strong>Oder er nimmt die PrEP.</strong></p>
<p>Ja, so weit sind wir inzwischen. Diese Möglichkeit gibt es auch. Also gibt es eigentlich einen Gleichstand beim Thema Schutz durch Pillen, wo es bislang den Positiven überlassen war, diese Möglichkeit zu ergreifen. Aber genauso, wie sich Schutz durch Therapie erst etablieren musste, wird die PrEP das jetzt auch müssen. PrEP-User werden ja oft noch als „Schlampen“ stigmatisiert.</p>
<p><strong>Sehr persönliche Frage: Ist Sex ohne Gummi schöner oder besser als mit?</strong></p>
<p>Das würde ich so pauschal nicht sagen. Sex ist dann gut, wenn sich alle Beteiligten fallen lassen können und die Situation genießen. Welche Art von Schutz sie dafür brauchen, können sie selber entscheiden. Zu geilem Sex gehören der passende Typ, die passende Situation und die dazu passende Safer-Sex-Methode. Dann passt alles.
      </p></div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>„Mir war gleich klar, dass er mich liebt“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 24 Jan 2018 15:51:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[10 Jahre Schutz durch Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[EKAF-Statement]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Schutz durch Therapie]]></category>
		<category><![CDATA[Swiss Statement]]></category>
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					<description><![CDATA[Vlad ist HIV-positiv, Stephan HIV-negativ. Seit fast zwei Jahren sind sie ein Paar. Kondome benutzen sie nicht: Vlads Medikamente schützen Stephan. Uns erzählen die beiden Berliner, wie sie über HIV und Sex geredet haben – und über die Liebe.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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        <strong>Vlad (30) ist HIV-positiv, Stephan (40) HIV-negativ. Seit fast zwei Jahren sind sie ein Paar. Kondome benutzen sie nicht: Vlads Medikamente schützen Stephan. Uns erzählen die beiden Berliner, wie sie über HIV und Sex geredet haben – und über die Liebe</strong>.</p>
<p><em>Der Beitrag erschien zuerst im Rahmen der <a href="https://www.welt-aids-tag.de/">Welt-AIDS-Tags-Kampagne &#8222;positivzusammenleben&#8220;</a>. Wir danken dem Autor und der Redaktion für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.</em></p>
<p>Mittlerweile ist wissenschaftlich bewiesen: Eine gut wirksame HIV-Therapie verhindert auch die Übertragung von HIV beim Sex. Voraussetzung für diese Schutzmethode ist, dass der HIV-positive Partner seine Medikamente regelmäßig einnimmt, dass seit sechs Monaten kein HIV mehr im Blut des HIV-positiven Partners nachweisbar ist und die Blutwerte regelmäßig überprüft werden. <a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/opposites-attract-weiterer-beleg-schutz-therapie">In groß angelegten Studien mit Hunderten gemischt positiv-negativen Paaren kam es zu keiner Infektion</a>.</p>
<p><strong>Stephan, wann hat Vlad dir gesagt, dass er HIV-positiv ist?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Am dritten Tag, an dem wir uns kannten. Das war der erste Abend, an dem er bei mir schlafen wollte.</p>
<p><strong>Wie dramatisch war dieser Moment?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Der war eigentlich eher informativ. Das Ganze war so: Nach dem Kennenlernen habe ich ihn nach Hause geschickt, weil man am ersten Abend keinen Sex hat, wenn man es ernst meint. Am zweiten Tag habe ich ihn zum Abendessen eingeladen und gesagt, er kann auch bei mir schlafen.</p>
<p><strong>Vlad:</strong> Das wollte ich dann aber nicht.</p>
<p><strong>Stephan:</strong> Am dritten Tag war er schon bei der Begrüßung irgendwie bedrückt und hat gesagt, er müsse mir noch was erzählen, bevor wir weiter machen. Er hat dann seine Tabletten rausgeholt und mir erzählt, dass er positiv ist.</p>
<p><strong>Vlad:</strong> Und er hat dann gesagt: „Ja, und? Was ändert das jetzt?“</p>
<blockquote><p>&#8222;Ich hatte im Gefühl, dass Stephan entspannt reagieren würde.&#8220;</p></blockquote>
<p><strong>Hat dich das überrascht?</strong></p>
<p><strong>Vlad:</strong> Einerseits schon, denn man weiß ja nie, was dann passiert. Auf der anderen Seite hatte ich aber irgendwie im Gefühl, dass Stephan entspannt und sachlich reagieren würde und mich nicht nach Hause schickt.</p>
<p><strong>Habt ihr denn dann miteinander geschlafen?</strong></p>
<p><strong>Vlad:</strong> Nicht in dieser Nacht, nein. Das war ein paar Tage später.</p>
<p><strong>Für wen von euch beiden war das aufregender?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Für mich, denke ich.</p>
<p><strong>Vlad:</strong> Woher willst Du das denn wissen?</p>
<p><strong>Stephan:</strong> Weil ich derjenige von uns beiden war, der lange mit niemandem geschlafen hatte. Für mich gehören Sex und Gefühl zusammen, ich mag keine One-Night-Stands. Es war für mich etwas ganz Besonderes, und deswegen war ich nervös.</p>
<p><strong>Und wie ist es dann gelaufen?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Er hat seit der dritten Nacht immer bei mir geschlafen. Er ist einfach nie wieder ausgezogen.</p>
<p><strong>Vlad:</strong> Ich hab meine Wohnung nach sechs Monaten aufgegeben. Ich war da ohnehin seit vier Monaten nicht gewesen. <em>(lacht)</em></p>
<p><strong>Vermutlich gab es dann irgendwann ein ausführliches Gespräch über HIV?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Nein, lange gesprochen haben wir darüber eigentlich gar nicht. Da ich nicht so oft Sex gehabt hatte und nie ohne Kondom, war klar, dass ich negativ bin.</p>
<p><strong>Vlad:</strong> Ich hab ihn trotzdem zu meiner Ärztin geschickt. Er hatte seit fünf Jahren keinen Test mehr gemacht und es wurde Zeit.</p>
<p><strong>Und wann habt ihr die Kondome weggelassen?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Gleich von Anfang an. Wir wussten beide, dass nichts passieren kann, weil Vlad auf Therapie ist. Keiner von uns hat da gezögert.</p>
<blockquote><p>&#8222;Wir wussten beide, dass nichts passieren kann, weil Vlad auf Therapie ist.&#8220;</p></blockquote>
<p><strong>Ist Sex ohne Kondom für euch schöner?</strong></p>
<p><strong>Vlad:</strong> Für mich schon. Da ist mehr Nähe. Man muss sich zum Beispiel auch keine Gedanken machen, ob das Gummi reißt und auf kein Haltbarkeitsdatum achten.</p>
<p><strong>Stephan, hast du in den letzten anderthalb Jahren mal einen HIV-Test gemacht?</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Nein. Vlads Ärztin hat mir gesagt, ein weiterer Test wäre nicht nötig, so lange wir monogam sind. Andere sexuell übertragbare Infektionen sind dann natürlich auch kein Problem. Vlads Ärztin überprüft regelmäßig, ob seine Therapie weiterhin gut funktioniert – und damit auch die Schutzwirkung für mich.</p>
<p><strong>Ihr fühlt euch sicher mit dem Schutz durch die Therapie. Wie reagieren Familie und Freunde darauf, dass ihr die Kondome weglasst?</strong></p>
<p><strong>Vlad:</strong> Wer redet denn mit seinen Eltern über seinen Sex? Wir erzählen ihnen nichts davon, sie würden sich nur unnötig sorgen.</p>
<p><strong>Stephan:</strong> Ich habe da auch keinen Gesprächsbedarf. Meine Familie würde sich vermutlich auch bloß Sorgen machen oder fragen, worauf ich mich da eingelassen habe. Aber wir haben mal mit einer Freundin drüber gesprochen. Die war dann einfach sehr traurig wegen Vlads Infektion.</p>
<blockquote><p>&#8222;Ich brauche kein Mitleid. Ich denke: Bitte alle mal entspannt bleiben!&#8220;</p></blockquote>
<p><strong>Vlad:</strong> Dabei brauche ich Mitleid nun wirklich nicht. Ich denke eher: Bitte alle mal entspannt bleiben! Es ist alles in Ordnung und alles ganz normal. Das Virus ist einfach ein Teil von mir, wie meine Augen, Haare oder Fingernägel. Ich kann daran genauso wenig ändern und mache mir nicht mehr viele Gedanken darüber.</p>
<p><strong>Wann habt ihr beide das letzte Mal miteinander über HIV gesprochen?</strong></p>
<p><strong>Vlad:</strong> In letzter Zeit gar nicht. Das ist einfach ein Teil unseres Lebens.</p>
<p><strong>Stephan:</strong> Nur am Anfang habe ich viel gelesen und mich einfach gut informiert. Vlads Ärztin hat mich dabei unterstützt. Ich weiß gut Bescheid, deswegen fühle ich mich nicht bedroht.</p>
<p><strong>Letzte Frage: Wann habt ihr einander eigentlich zum ersten Mal gesagt: „Ich liebe dich!“</strong></p>
<p><strong>Stephan:</strong> Das war schon in den ersten Tagen, abends im Bad. Vlad putzte sich gerade die Zähne, da ist mir das dann einfach rausgerutscht.</p>
<p><strong>Vlad:</strong> Er hat sich dann fast entschuldigt und gesagt, dass er mir das nicht im Bad zum ersten Mal sagen wollte. Aber eigentlich hätte er mir das überhaupt nicht sagen müssen.</p>
<p><strong>Warum das denn nicht?</strong></p>
<p><strong>Vlad:</strong> Wenn einer dich sofort so nimmt wie du nun mal bist, HIV inklusive, und dann auch noch ganz angstfrei tollen Sex mit dir haben kann, dann ist doch schon klar, dass der dich liebt.
      </div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>Starker Rückgang der HIV-Neudiagnosen in Großbritannien</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/neuigkeiten/starker-rueckgang-der-hiv-neudiagnosen-in-grossbritannien/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 05 Oct 2017 11:39:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[News]]></category>
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		<category><![CDATA[HIV]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-Neudiagnosen]]></category>
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		<category><![CDATA[Prävention]]></category>
		<category><![CDATA[PREP]]></category>
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					<description><![CDATA[Kombinierte Prävention funktioniert: deutlichster Rückgang der HIV-Neudiagnosen seit 20 Jahren, insbesondere bei schwulen und bisexuellen Männern]]></description>
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        <strong>Die britische Gesundheitsagentur Public Health England bestätigte Anfang Oktober <a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/erstmals-deutlicher-rueckgang-hiv-neudiagnosen-grossen-londoner-kliniken" data-cke-saved-href="https://www.aidshilfe.de/meldung/erstmals-deutlicher-rueckgang-hiv-neudiagnosen-grossen-londoner-kliniken">den Trend, der sich schon Ende 2016 an vier Londoner Kliniken gezeigt hatte</a>: Die Zahl der HIV-Diagnosen bei schwulen Männern ist in Großbritannien innerhalb eines Jahres um 21 Prozent gesunken. In der Gesamtbevölkerung lag der Rückgang gegenüber dem Vorjahr bei 18 Prozent.</strong></p>
<p>Der erfreuliche Trend ist überall festzustellen, allerdings nirgends so stark wie in der britischen Hauptstadt: In London fiel die Anzahl der HIV-Neudiagnosen in der Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) im Befragungszeitraum um 29 Prozent. In der Gesamtbevölkerung waren es 23 Prozent. Außerhalb von London sank die Zahl der Neudiagnosen bei MSM im Durchschnitt nur um 11 Prozent.</p>
<p>Public Health England führt die überaus positive Gesamtentwicklung bei MSM auf den Erfolg der kombinierten Prävention zurück:</p>
<ul>
<li>Immer mehr schwule und bisexuelle Männer lassen sich testen</li>
<li>Die Anzahl der Positiven in medizinischer Behandlung wächst ständig</li>
<li>Ebenso wächst die Anzahl der Positiven, deren Viruslast durch Behandlung unter der Nachweisgrenze ist, sodass sie nicht mehr infektiös sind</li>
<li>Eine weitere Rolle spielen Faktoren wie der hohe Kondomgebrauch bei wechselnden Partnern und der Zugang zur PrEP.</li>
</ul>
<p>Von den geschätzt rund 106.500 Menschen mit HIV in Großbritannien wussten im Erhebungszeitraum 86 Prozent, dass sie HIV-positiv sind. 95 Prozent von ihnen bekommen eine antiretrovirale Therapie, und bei über 90 Prozent der Therapierten liegt die Viruslast unter der Nachweisgrenze. Insgesamt bedeutet das, dass 79,5 Prozent aller Menschen, die im Vereinigten Königreich mit HIV leben, sich unter der Nachweisgrenze befinden und nicht mehr infektiös sind.</p>
<p>Dieser positiven Entwicklung steht ein Negativtrend auf der anderen Seite gegenüber: Zahl und Anteil der späten HIV-Diagnosen bleiben hoch, und zwar vor allem bei heterosexuellen Männern und Frauen. Im letzten Jahr bekamen 60 Prozent der heterosexuellen Männer und 47 Prozent der Frauen ihre Diagnose erst in einem fortgeschrittenen Stadium der Infektion.</p>
<p><strong>Quelle:</strong></p>
<p><a href="https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/648913/hpr3517_HIV_AA.pdf" data-cke-saved-href="https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/648913/hpr3517_HIV_AA.pdf">Bericht von Public Health England</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>„Ein sehr, sehr schönes Gefühl“</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/ein-sehr-sehr-schoenes-gefuehl/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 28 May 2015 09:47:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Bronski Beat]]></category>
		<category><![CDATA[Communards]]></category>
		<category><![CDATA[Disco]]></category>
		<category><![CDATA[Homage]]></category>
		<category><![CDATA[Jimmy Somerville]]></category>
		<category><![CDATA[Mark Ashton]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Schulz]]></category>
		<category><![CDATA[PRIDE]]></category>
		<category><![CDATA[Village People]]></category>
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					<description><![CDATA[Jimmy Somerville lässt in seinem neuen Album „Homage“ die Zeit vor der Aidskrise lebendig werden. Ein Gespräch über schwule Geschichte, seinen besten Freund Mark Ashton und warum Jimmys Leben ohne Drogen besser funktioniert.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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<div class="l-container">
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        <strong>Jimmy Somerville lässt in seinem neuen Album „Homage“ die Zeit vor der Aidskrise lebendig werden. Ein Gespräch über schwule Geschichte, seinen besten Freund Mark Ashton und warum Jimmys Leben ohne Drogen besser funktioniert. </strong></p>
<p><strong>Wir schreiben das Jahr 2015, und du hast mit <a href="http://www.jimmysomerville.co.uk/">Homage</a> gerade eine Disco-Platte aufgenommen, die auf eine gute Art klingt, als wäre sie 1978 gemacht worden. Warum?</strong></p>
<p><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Jimmy_Somerville">Jimmy Somerville</a>: (lacht) Gute Frage! Es war so: Eigentlich arbeitete ich letztes Jahr, wie schon so oft, an einer elektronischen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Extended_Play">EP</a>, mit ein paar Songs, die ich nur als Download anbieten wollte. Ganz entspannt, nichts Großes. Und plötzlich, nachdem ich mal wieder in meiner Plattensammlung gestöbert hatte, dachte ich: Warum nicht mal wieder Disco? Mein Koproduzent fand die Idee genauso aufregend wie ich. Und als wir anfingen, die Songs, die wir hatten, so zu arrangieren, war es, als wären sie genau dafür geschrieben worden. Es war wie eine Offenbarung.</p>
<p><strong>Warum, glaubst du, war das so?</strong></p>
<p>Ich höre diese Musik – Funk, Soul und eben Disco – seit ich 13 war. Sie ist immer wichtig für mich gewesen und hat meinen eigenen Geschmack tief geprägt. Zu dem, was ich machte, musste man immer tanzen können. Und oft hatte es eine politische Botschaft. Und das ist Disco. Also haben wir beschlossen, dass es Zeit war, eine „Homage“ an das Genre aufzunehmen.</p>
<blockquote><p>„Es war Zeit, eine ‚Homage‘ an das Genre aufzunehmen“</p></blockquote>
<p>Dazu kommt: Ich werde im Juni 54 Jahre alt und gehöre der ersten Generation an, die auf die Musik ihres Lebens als endloses <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Mixtape">Mixtape</a> zurückblicken kann. Meines wäre 35 Jahre lang. Man könnte alle diese Songs nehmen und mein Leben damit beschreiben. Und „Homage“ gibt es auch, weil die wichtigsten davon, diejenigen, die mich ausmachen, fast alle Disco sind.</p>
<p><strong>Die „Politics of Disco“ sind nach wie vor sehr wichtig für dich, stimmt‘s?</strong></p>
<p>Oh ja. Disco hat mein Leben und das von vielen, vielen anderen schwulen Männern sehr verändert. Die späten 70er und frühen 80er waren eine andere Zeit. Für offen schwule Teenager war es damals viel schwieriger, als es das heute für viele ist. Es gab so gut wie kein offen schwules Alltagsleben, außer in den Clubs, wo du einfach sein konntest, wie du warst, und zu Liedern tanzen konntest, die keine andere Message hatten als du selbst zu sein.</p>
<p>Frühe Disco-Alben sind wie eine Landkarte der damaligen Schwulenbewegung. Es gibt eine relativ unbekannte EP der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Village_People">Village People</a>, deren Songs nur in San Francisco, in <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Greenwich_Village">Greenwich Village</a> und auf <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fire_Island">Fire Island</a> spielen. Und egal, ob sie wussten, was sie da taten, ich habe das damals als Straßenkarte für meine Reise in eine schwule Welt benutzt. Disco hat dafür gesorgt, dass eine schwule Underground-Kultur, in der Farbige genauso ihren Platz hatten wie starke Frauen, in den Mainstream einsickerte. Das hat sehr zu schwuler Sichtbarkeit beigetragen.</p>
<blockquote><p>„Disco hat sehr zu schwuler Sichtbarkeit beigetragen‘</p></blockquote>
<p><strong>Sichtbarer schwul, als du es ab 1984 zuerst mit </strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bronski_Beat"><strong>Bronski Beat</strong></a><strong> und dann mit den </strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/The_Communards"><strong>Communards</strong></a><strong> warst, konnte man kaum sein.</strong></p>
<p>Das stimmt. Aber ich war mit „I am what I am“ großgeworden und hatte begriffen, dass meine Sexualität ein zu großer Teil von mir war, um sie als Songwriter oder Performer auszublenden. Ich wollte meine hart erarbeitete Freiheit nicht wieder aufgeben. Die Botschaft von Disco ist: Ich liebe, wen ich will, und darüber entscheidet niemand außer ich selbst. Und das ist ein sehr kraftvolles Statement, hat man es einmal verinnerlicht.</p>
<figure id="attachment_26617" aria-describedby="caption-attachment-26617" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein.jpg"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-26617" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein.jpg" alt="Cover von „Homage“" width="300" height="300" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein-150x150.jpg 150w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein-60x60.jpg 60w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein-230x230.jpg 230w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2015/05/Cover-klein-200x200.jpg 200w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption id="caption-attachment-26617" class="wp-caption-text">Cover von „Homage“</figcaption></figure>
<p><strong>Bronski Beat war sehr, sehr erfolgreich mit eurer eigenen Version dieser Botschaft. „Smalltown Boy“ war weltweit ein riesiger Hit und ist im Grunde genommen eine Hymne schwuler Selbstbehauptung.</strong></p>
<p>Weil wir ehrlich waren. Deswegen mochten die Leute es. Ich werde es nie vergessen: Als „Smalltown Boy“ die Charts stürmte, waren wir mal unterwegs zu einem Gig, und ein fremder Mann hielt uns auf der Straße an und sagte zu mir „Ich hasse alles was du bist und wofür du stehst. Aber ich bewundere dich für deine Ehrlichkeit.“</p>
<p><strong>Hat sich diese Ehrlichkeit tradiert? Jemand wie </strong><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sam_Smith"><strong>Sam Smith</strong></a><strong>, der nie ein Geheimnis aus seiner Sexualität gemacht hat, verkauft heutzutage Millionen Alben und gewinnt vier Grammys. Macht dich das froh? </strong></p>
<p>Natürlich. Aber als ich Erfolg hatte, war ich nie „der großartige Sänger, der zufällig schwul ist“. Ich war immer „der schwule Popstar“. Das hat sich für Sams Generation geändert. Und das ist ein Fortschritt.</p>
<blockquote><p>„Ich war immer der ‚schwule Popstar‘“</p></blockquote>
<p>Das führt allerdings auch dazu, dass Sam nie „er“ oder „ihn“ sagt, wenn er ein Liebeslied singt, sondern alle seine Songs geschlechtsneutral funktionieren. Und ich glaube, er würde das gern anders machen. (lacht) Am Ziel sind wir vielleicht erst, wenn ein Sänger „Ich liebe ihn“ singen kann und das Lied trotzdem ein riesiger Hit in Europa und Amerika wird.</p>
<p><strong>Glaubst du, dass die Aidskrise den durch Disco nach außen transportierten Fortschritt verlangsamt hat?</strong></p>
<p>Ganz sicher. Aids wurde in Großbritannien und den USA als politisches Instrument benutzt, um auf breiter Front gegen die Community vorzugehen. Die Angst vor einem Virus, den in den ersten Jahren niemand verstand, wurde politisch auf die widerlichste Art in Angst vor der Community umgemünzt. Das hat viel kaputt gemacht.</p>
<p><strong>Dein bester Freund Mark Ashton, der 1987 an den Folgen von Aids gestorben ist, war letztes Jahr der Held von <a href="https://www.freitag.de/autoren/peter-nowak/subkultur-proletarischer-kampf">Pride</a>, einem der erfolgreichsten LGBT-Filme der letzten Jahre. Was war deine erste Reaktion, als du erfahren hast, dass man diesen Film drehen würde?</strong></p>
<p>Ich war sehr, sehr glücklich. Marks Geschichte und die Unterstützung des Bergarbeiterstreiks durch Schwule und Lesben auf Marks Initiative hin ist ein wichtiger Teil der europäischen queeren Geschichte. Schon deshalb, weil mit dem Stereotyp aufgeräumt wird, Schwule seien damals alle nur hedonistische Tanzmäuse gewesen und hätten sich nur um Sex gekümmert.</p>
<blockquote><p>„Ein wichtiger Teil der europäischen queeren Geschichte“</p></blockquote>
<p>„Pride“ zeigt, dass wir damals noch ganz andere Sachen gemacht haben und die politische Idee eine größere war. Mark und die anderen Mitglieder von „Lesbians and Gays Support the Miners“ wussten aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, von der eigenen Regierung gehasst und entrechtet zu werden, und wollten aus dieser Position heraus Leuten helfen, denen es genauso ging. Und aus diesem Mitgefühl heraus erwuchs auf beiden Seiten eine große politische Kraft.</p>
<p><strong>Der Film gefällt dir also.</strong></p>
<p>Kann ich dir nicht sagen, ich habe ihn immer noch nicht gesehen.</p>
<p><strong>Warum nicht?</strong></p>
<p>Ich erfuhr von Marks Tod vier Minuten bevor wir in einer italienischen Fernsehshow auf die Bühne mussten. Ich hatte ihn erst zwei Wochen zuvor zum letzten Mal gesprochen, und es war ein totaler Schock. Wie so viele andere habe auch ich aus dieser Zeit ein paar emotionale Narben, die man besser nicht anrührt. Deswegen habe ich mich nicht ins Kino getraut, weil ich wusste, dass ich einfach losheulen würde. Und jetzt liegt der Film bei mir zu Hause, und ich werde ihn sicher irgendwann sehen, wenn ich soweit bin.</p>
<p><strong>Dein Hit „For a friend“ und auch das zweite Communards-Album „Red“, sind Mark gewidmet. Du hast dich also schon früh mit seinem Tod auseinandergesetzt.</strong></p>
<p>Ja, das war damals wichtig. Ich lernte Mark kennen, als ich 19 war. Wir waren einfach zwei Jungs, die London unsicher machten und Spaß hatten. Dass er so früh sterben würde, war nicht geplant.</p>
<p><strong>Fehlt er dir heute noch?</strong></p>
<p>Ja, natürlich. (seufzt) Entschuldige, ich muss mir kurz die Nase putzen. Darüber zu reden, macht mich immer noch fertig. Ich war in der Zeit, als Mark starb, viel in New York und San Francisco unterwegs. Und Leute verschwanden einfach. Du trafst sie ein paarmal, verliebtest dich ein bisschen und hörtest dann von heute auf morgen nichts mehr von ihnen, nur um ein paar Wochen später zu erfahren, dass sie längst tot waren.</p>
<blockquote><p>„Ich habe damals emotional zugemacht“</p></blockquote>
<p>Ich habe damals emotional zugemacht, sonst hätte ich das alles nicht ausgehalten, glaube ich. Als Mark starb, ist irgendwas in mir kaputtgegangen, von dem ich nicht weiß, ob es inzwischen wieder heil ist. Deswegen weiß ich nicht, ob ich den Film sehen kann.</p>
<p><strong>Ist „Homage“ auch dazu gedacht, die Freude und das Gemeinschaftsgefühl der Zeit vor Aids wieder auferstehen zu lassen?</strong></p>
<p>Vielleicht. Ich finde es jedenfalls sehr wichtig, dass wir uns um unsere Geschichte kümmern und nie vergessen, wo wir herkommen und wie schön und wie traurig vieles davon war. Nachdem der Bergarbeiterstreik zu Ende war, ist die Geschichte von „Lesbians and Gays Support the Miners“ und damit auch Marks Beitrag in Vergessenheit geraten, weil sich die Mainstream-Medien nicht dafür interessierten. Wir haben als Community eine Verantwortung, unsere Geschichte zu bewahren, weil es so viele Kräfte gibt, die sie gern vergessen machen möchten.</p>
<p><strong>Eine sehr persönliche Frage, die deine Geschichte betrifft: Dein Bandkollege Richard Coles sagte dir 1987, er sei positiv, und gab einige Jahre später zu, dass das eine Lüge war. Daraufhin hast du zwei Jahrzehnte nicht mit ihm gesprochen. Hast du ihm inzwischen vergeben?</strong></p>
<p>Damit habe ich vor langer Zeit abgeschlossen. Ich hatte damals meine eigenen Probleme, war meine ganz eigene Art Monster. Was mir Richard inzwischen verziehen hat. Wir sind uns vor ein paar Tagen bei der BBC, wo er jetzt arbeitet, zufällig über den Weg gelaufen. Es war unser erstes Treffen nach zwanzig Jahren. Und ich habe mich gefreut, ihn zu sehen. Es war, als hätten wir gestern zum letzten Mal miteinander gesprochen.</p>
<p>Wir gehen jetzt sicher mal zusammen essen. Richard und ich haben als junge schwule Männer viel zusammen erreicht, weil wir mutig und offen waren. Und es ist wichtig, dass wir darauf stolz sind und das nicht vergessen, egal, was zwischendurch passiert ist.</p>
<blockquote><p>„Ich habe mich fürs Leben entschieden“</p></blockquote>
<p><strong>Wieviel von dem, wie du heute die Welt siehst, Musik machst und mit alten Freunden umgehst, ist der Tatsache geschuldet, dass du seit zwei Jahren nicht mehr trinkst und keine Drogen mehr nimmst, was du lange und regelmäßig getan hast?</strong></p>
<p>Sehr viel. Ich stand vor ein paar Jahren vor der Wahl, entweder weiter chemische Substanzen zu nehmen oder zu leben. Und ich habe mich fürs Leben entschieden. Jetzt führe ich meinem Körper nichts mehr zu, was meine Realität verändert, meine Gedanken negativ beeinflusst oder mich zu einem Egomanen werden lässt, der nur noch über sich selbst nachdenken kann. Das hat dazu geführt, dass „Homage“ das erste Album meiner Karriere ist, das ich von Song eins bis Song zwölf anhören und dabei denken kann: Das ist gut so, und es ist so geworden, wie ich wollte. Und das ist ein sehr, sehr schönes Gefühl.</p>
<p><em>Interview: <strong>Paul Schulz</strong>    </em></p>
<p>„Homage“ (Membran Records), jetzt erhältlich</p>
<p>www.jimmysomerville.co.uk</p>
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		<title>Langsamer, genauer, intensiver singt niemand</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 16 May 2014 07:30:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Andy Bey]]></category>
		<category><![CDATA[Grammy]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-positiv]]></category>
		<category><![CDATA[Jazz]]></category>
		<category><![CDATA[schwul]]></category>
		<category><![CDATA[The World According to Andy Bey]]></category>
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					<description><![CDATA[„Es gibt keinen besseren!“, hat John Coltrane über den Jazz-Interpreten Andy Bey gesagt. Der 74-Jährige, der seit 20 Jahren offen HIV-positiv lebt, hat sein neues Album „The World according to Andy Bey“ jetzt auch in Deutschland veröffentlicht. Eine überfällige Entdeckung]]></description>
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        <strong>„Es gibt keinen besseren!“, hat John Coltrane über den Jazz-Interpreten Andy Bey gesagt. Der 74-Jährige, der seit 20 Jahren offen HIV-positiv lebt, hat sein neues Album „The World according to Andy Bey“ jetzt auch in Deutschland veröffentlicht. Eine überfällige Entdeckung. Von <em>Paul Schulz </em></strong></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2014/05/16/langsamer-genauer-intensiver-singt-niemand/andybey2a/" rel="attachment wp-att-20885"><img decoding="async" class="alignleft size-thumbnail wp-image-20885" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2014/05/AndyBey2a-180x180.jpg" alt="AndyBey2a" width="180" height="180" /></a>Portwein. Bitterschokolade. Pfirsiche, die so reif sind, dass einem beim ersten Bissen der Saft das Kinn herunterläuft. Eine feste, zielstrebige Massage. Eine Hand, die einen zärtlich am Hinterkopf packt, um einen in einen langen Kuss zu ziehen. Der Abend des ersten wirklich warmen Tages im Jahr. So ist Andy Beys Stimme: Ein ganzkörperlicher Vier-Oktaven-Sinneseindruck, satt und weich, vollmundig, etwas, an das man sich noch Jahre später lächelnd erinnert.</p>
<p>Der 74-Jährige ist seit 1996, dem Jahr, in dem sein zweites Debüt „Ballads Blues and Bey“ erschien, einer der ganz großen Geheimtipps des internationalen Jazz. Obwohl er schon von der New York Times zum „vielleicht besten Vokalisten seiner Generation“ erklärt worden ist. Und obwohl John Coltrane über ihn gesagt hat: „Es gibt keinen anderen, der so gut ist wie Andy.“</p>
<blockquote><p>„Ich muss sein, wer ich bin. Wahrhaftig. Sonst kann ich nicht singen.“</p></blockquote>
<p>Warum ihn trotzdem kaum jemand kennt? So ist das eben manchmal im Leben. Jazz ist eine Männerdomäne, neben HipHop der vielleicht letzte echte Hort heterosexueller Komplizenschaft. Und Bey ist schon immer schwul. Und seit 20 Jahren HIV-positiv. Und sagt das auch. „Sie müssen mich nehmen wie ich bin. Nur wenn du ihnen Macht über dich gibst, können sie die auch ausüben. Ich muss sein, wer ich bin. Wahrhaftig. Sonst kann ich nicht singen.“</p>
<figure id="attachment_20884" aria-describedby="caption-attachment-20884" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2014/05/16/langsamer-genauer-intensiver-singt-niemand/andy-bey1a/" rel="attachment wp-att-20884"><img decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-20884" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2014/05/Andy-Bey1a-180x180.jpg" alt="wunderbar" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-20884" class="wp-caption-text">Gefeiert, trotzdem immer noch ein Geheimtipp</figcaption></figure>
<p>Er singt schon lange. Und mit den Großen: Shirley Horn, Aretha Franklin, Miles Davis. Mit dem Meister arbeiteten Andy und seine Schwestern in den 1950ern in Paris. Wo sie alle leben wollten, weil dort nicht wie in ihrer Heimat nach Hautfarben, sondern nur nach musikalischen Fähigkeiten getrennt wurde. Und weil sich der junge Andy in der pulsierenden europäischen Metropole auch sexuell ausprobieren konnte.</p>
<p>Im nächsten Jahrzehnt nahm das Geschwister-Trio als „Andy and the Bey Sisters“ drei Alben auf und tourte ausgiebig in Europa und den Staaten. Aber der große Erfolg wollte sich nicht einstellen. Andy lieh seine Stimme einigen heute vergessenen Bürgerrechtshymnen, veröffentlichte 1974 noch sein erstes Soloalbum, dann war er für zwei Jahrzehnte nur noch ab und zu auf den Alben anderer Künstler zu hören, unterrichtete viele Jahre lang Jazzgesang in Graz und tat große Dinge auf kleinen Bühnen in der ganzen Welt.</p>
<blockquote><p>1994 erfuhr Andy Bey von seiner Infektion</p></blockquote>
<p>Als er 1994 frustriert nach New York zurückkehrte, erfuhr er von seiner Infektion. Der Schock weckte, so beschreibt er das selbst, „meine Lebensgeister“. 24 Monate später erschien nach 22 Jahren Soloalbum Nummer zwei: „Ballads, Blues and Bey“, im selben Jahr, in dem auf der Welt-Aids-Konferenz in Vancouver die erste Kombinationstherapie vorgestellt wurde.</p>
<figure id="attachment_20889" aria-describedby="caption-attachment-20889" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2014/05/16/langsamer-genauer-intensiver-singt-niemand/andybey3a/" rel="attachment wp-att-20889"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-20889" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2014/05/AndyBey3a-180x180.jpg" alt="fffrfjrk" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-20889" class="wp-caption-text">Auch mit 74 noch bestens bei Stimme</figcaption></figure>
<p>Da war Bey 57. Und legte los. Das Album war zu seiner großen Überraschung ein riesiger Kritiker- und ganz passabler Verkaufserfolg und machte Bey für seine Verhältnisse „über Nacht“ zu einer festen Größe bei Jazzfestivals rund um den Globus. Plötzlich hatte er Fans, unter ihnen viele junge Kollegen. Die durften sich seitdem über sieben weitere Alben freuen, von denen vor allem das dritte, „Tuesdays in Chinatown“, auch in Deutschland auf Gegenliebe stieß.</p>
<blockquote><p>Plötzlich hatte er Fans, unter ihnen viele junge Kollegen</p></blockquote>
<p>Mit dieser famosen Sammlung aus eigenen Liedern und amerikanischen Standards erntete Bey hymnische Besprechungen in der FAZ und der ZEIT. Er wurde von Jazz-Magazinen gefeiert und gab in weniger als einem Jahr zwei Dutzend Konzerte im deutschsprachigen Raum. Sein bisheriger Karrierehöhepunkt, in einem Alter, in dem sich viele seiner Kollegen längst zur Ruhe gesetzt haben.</p>
<p>Es sieht nicht so aus, als würde Andy Bey das bald selbst tun. „Ich muss natürlich auf mich achten und mit meiner Energie haushalten. Aber es ist eine Freude zu sehen, dass sich meine Stimme auch mit 74 immer noch weiterentwickelt, neue Farben preisgibt, mich nicht im Stich lässt.“</p>
<blockquote><p>„The World According to Andy Bey“ ist ein kleines Wunder</p></blockquote>
<p>Im Gegenteil. Andys letztes Album „The World According to Andy Bey“ ist im Herbst in den USA erschienen und nun auch in Deutschland zu haben. Und es ist ein kleines Wunder, denn darauf ist nichts weiter zu hören als Bey: Er begleitet sich selbst auf dem Klavier, während er einige der besten Interpretationen abliefert, die man von den Songs „But not for me“, „The Joint is jumpin“ oder „S’ Wonderful“ je gehört hat.</p>
<figure id="attachment_20891" aria-describedby="caption-attachment-20891" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2014/05/16/langsamer-genauer-intensiver-singt-niemand/andybey4a/" rel="attachment wp-att-20891"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-20891" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2014/05/AndyBey4a-180x180.jpg" alt="Cover des Albums &quot;The World According to Andy Bey&quot;" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-20891" class="wp-caption-text">Cover des Albums &#8222;The World According to Andy Bey&#8220;</figcaption></figure>
<p>Dabei stellt sich heraus: Bey ist nicht nur ein wunderbarer Sänger, sondern auch ein begnadeter Pianist, dessen Talent auch im Alter endlos scheint: In „Dedicated to Miles“ singt und spielt er mit leichter Hand die Trompetenphrasierungen von Miles Davis nach und setzt sich mit der Eigenkomposition „The Demons are after you“ mal schnell ein Denkmal.</p>
<p>Wobei „schnell“ vielleicht das falsche Wort ist. Es sind seine ins grenzenlose gezogenen Phrasierungen, die Geduld, die er mit seinen Tönen aufbringt, sein nie enden wollender Atem, die Beys Aufnahmen so besonders machen. Langsamer, genauer, intensiver singt niemand. Wie man das macht? Ernährung und Yoga, ganz im Ernst.</p>
<blockquote><p>„Singen ist etwas, das du mit dem ganzen Körper tust“</p></blockquote>
<p>„Meine ältere Schwester hat mich vor vielen Jahren zum Yoga gebracht, und ich praktiziere immer noch. Körperliche Flexibilität ist wichtig, schließlich ist Singen etwas, das du mit dem ganzen Körper tust.“ In den kommen auch nur gute Sachen: „Ich bin seit vielen Jahren Vegetarier und ernähre mich sehr bewusst. Was gut für mich ist. Und ein großer Freund von ‚unterhaltsamen’ Substanzen war ich noch nie.“</p>
<p>Seit seiner Diagnose 1994 kümmert er sich sehr intensiv nicht nur um seine Kunst, sondern auch um seine Seele und seinen Körper. Das hört man jeder Note von „The World According to Andy Bey“ an, für das Bey 2014 für den Grammy als „Best Jazz Vocalist“ nominiert war. Was hoffentlich dazu beiträgt, dass immer mehr Menschen in den Genuss von Andy Bey kommen. Man sollte sich das gönnen. Es ist eine überfällige Entdeckung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>„The World According To Andy Bey“ (High Note/ZYX), jetzt erhältlich</em></p>
<p><em>Soundcloudlink zu <a href="https://soundcloud.com/highnote-savant-records/s-wonderful-from-the-world" target="_blank" rel="noopener">„S’ Wonderful“</a> aus dem Album</em></p>
<p><em>Youtube-<a href="http://www.youtube.com/watch?v=JXwcazvrnko" target="_blank" rel="noopener">Videolink</a></em>
      </div>
</p></div>
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		<title>Crystal – Ausbreitung in der Schwulenszene?</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/praevention-wissen/crystal-ausbreitung-in-der-schwulenszene/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Feb 2012 18:23:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Crystal]]></category>
		<category><![CDATA[HIV]]></category>
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					<description><![CDATA[„Crystal“ gilt in den USA als wichtiger Faktor für HIV-Infektionen unter schwulen Männern. In Deutschland dagegen scheint die Droge in der Szene bisher keine große Rolle zu spielen. Eine Momentaufnahme]]></description>
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        <strong>„Crystal“, häufig in kleinen „Giftküchen“ billig hergestellt, gilt in den USA als wichtiger Faktor für HIV-Infektionen unter schwulen Männern. In Deutschland dagegen scheint die Droge in der schwulen Szene bisher keine große Rolle zu spielen, auch wenn es immer wieder Meldungen gibt, dass Crystal aus Tschechien den deutschen Markt förmlich überschwemme. Eine Momentaufnahme von<em> Paul Schulz</em></strong></p>
<figure id="attachment_10288" aria-describedby="caption-attachment-10288" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2012/02/17/crystal-ausbreitung-in-der-schwulenszene/509749_original_r_b_by_michaela-schollhorn_pixelio-de/" rel="attachment wp-att-10288"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-10288" title="509749_original_R_B_by_Michaela Schöllhorn_pixelio.de" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2012/02/509749_original_R_B_by_Michaela-Schöllhorn_pixelio.de_-180x180.jpg" alt="Kristalle" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-10288" class="wp-caption-text">Foto: Michaela Schöllhorn / pixelio.de</figcaption></figure>
<p>„Crystal überschwemmt Ostbayern“, <a href="http://www.pnp.de/nachrichten/heute_in_ihrer_tageszeitung/politik/344643_Crystal-ueberschwemmt-Ostbayern.html" target="_blank" rel="noopener">meldete die Passauer Neue Presse am 16. Februar</a>. Dirk Schäffer, Drogenreferent der Deutschen AIDS-Hilfe, bestätigt das: „Es gibt eine neue ‚Crystal-Connection‘, über die die Droge aus Tschechien leichter in den deutschen Raum gelangt als noch vor ein paar Jahren.“ Das Methamphetamin wirkt aufputschend, steigert die Lust auf Sex, aber auch die Risiko- und Gewaltbereitschaft – und kann sehr schnell abhängig machen. Die Nachwirkungen können verheerend sein: extrem langer Nachschlaf (bis zu 30 Stunden), bis zu zwei Wochen anhaltende depressive Verstimmungen und Gereiztheit, bei längerem Konsum Psychosen, Halluzinationen, körperlicher Verfall, Hautprobleme, Zahnschäden, Veränderungen und Schädigungen im Gehirn.</p>
<blockquote><p>Partydrogen-Konsum als „Bestandteil der Risikobereitschaft“</p></blockquote>
<p>Studien zum Thema Crystal-Konsum von schwulen Männern gibt es kaum. Die 2007 durchgeführte achte Befragung zum Sexualverhalten schwuler Männer ergab, dass Crystal (auch Yaba, Pervitin, Pernik, Piko oder Ice genannt) in Deutschland so gut wie keine Rolle spielt. Betrachtet man Ecstasy, Speed/Crystal, LSD, Ketamin und Kokain insgesamt, so konsumierten etwa drei Prozent der unter 20-Jährigen mindestens gelegentlich solche „Partydrogen“ und drei Prozent häufig oder regelmäßig. Am größten war der Anteil der Konsumenten mit fünf Prozent bei den 25- bis 44-Jährigen. Die Autoren der Studie folgerten allerdings auch, dass der Partydrogenkonsum „als Bestandteil der Risikobereitschaft“ angesehen werden kann. Das heißt: Partydrogen werden zum Beispiel genommen, um Hemmungen abzubauen, Sex mit unbekannten Partnern zu haben und Wünsche nach Analverkehr ohne Kondom auszuleben.</p>
<blockquote><p>Nützen Horrorbilder gegen Drogen?</p></blockquote>
<p>In den USA dagegen ist das Crystal schon seit mehr als einem Jahrzehnt ein massives Problem. Auch schwule Männer konsumieren es und vergessen für Tage, wer und wo sie sind und wer was mit ihnen macht. Crystalkonsumenten, so Studien, infizieren sich öfter und leichter mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen und geben diese Infektionen um ein Vielfaches öfter weiter. Deswegen gibt es in den USA und auch in anderen Ländern längst groß angelegte Kampagnen, die vor Crystal warnen. Die 2005 gegründet <a href="http://www.methproject.org/" target="_blank" rel="noopener">Meth Project Foundation</a> zum Beispiel setzt schockierende Anzeigen und Videos ein. „Du wirst dir nie wieder Sorgen um Lippenstift auf deinen Zähnen machen“, heißt es da zu einem Mund, in dem nur noch ein paar faulig-braune Stummel in schwarzem Zahnfleisch sehen sind. Und schon 2004 war Crystal in den USA so allgegenwärtig, das sich eine der Hauptfiguren in der schwulen Fernsehserie „Queer as Folk“ eine Staffel lang durch eine Crystalabhängigkeit schlagen konnte, ohne dass man dem Publikum großartig erklären musste, wie es dazu kommen konnte.</p>
<p>„Das würde ich in Deutschland so aber nicht sehen“, erklärt der Pharmazeut <em>Tibor Harrach, </em>langjähriges Mitglied der <span style="text-decoration: underline;"><a href="http://www.bndrogenpolitik.de/">AG Drogen bei Bündnis90/Die Grünen</a></span>, ehemaliger Vorstand bei <a href="http://www.eve-rave.net/">Eve und Rave e.V. Berlin</a> und Autor mehrerer Artikel zum Thema Ecstasy. Der Mann ist ein anerkannter Experte in Sachen Partydrogen. „Ich will niemandem seine Sorge ausreden, kann aber in meiner eigenen Arbeit im Moment keine Anzeichen für einen steigenden Konsum von Crystal in der schwulen Szene erkennen. Darauf zu achten, ist sicher gut, aber es gibt eben keine Studien, die diese Tendenz im Moment belegen würden, und auch meine eigenen Beobachtungen entsprechen dem nicht. Dass es neue Wege gibt, wie die Droge in die Szene gelangt, ist wahr, aber bisher sehe ich keine Veränderungen.“</p>
<blockquote><p>In Deutschland ist die Lage anders</p></blockquote>
<p>Woran aber liegt es, dass eine Droge, die in anderen Ländern einen bösen Siegeszug quer durch die schwule Szene antritt, in Deutschland kein größeres Problem wird? Harrach vermutet soziokulturelle Ursachen: „Das unterschiedliche Partyverhalten in den USA und bei uns kann ein Einfluss sein. Meiner Beobachtung nach entspricht eine Droge, die einen tagelang sozusagen außer Gefecht setzt, nicht den Bedürfnissen der hiesigen Szene. Männer greifen eher auf ‚erprobte‘ Rauschmittel wie Speed oder Kokain zurück, die kürzer wirken. Wer damit ein Wochenende ‚durchfeiert‘, kann die Woche über trotzdem noch funktionieren. Auch dass Sexpartys in Deutschland bei uns selten in privaten Räumen stattfinden und Prävention hier einfacher ansetzen kann könnte ein Faktor sein.“</p>
<p>Und nicht zuletzt sind da die Informations- und Betreuungsangebote in der Szene selbst. „Auch wenn andere das kritisieren, finde ich Angebote wie zum Beispiel die <a href="http://www.drugscouts.de" target="_blank" rel="noopener">‚Drug-Scouts‘ in Leipzig</a> wichtig und gut“, sagt Tibor Harrach, „gerade weil sie so szenenah sind. Der direkte Kontakt in die und mit der Szene ist ein Schlüssel für den Erfolg, den solche Projekte zum Beispiel auch beim Thema Crystal vorweisen können. Auch das ist erfolgreiche HIV-Prävention, weil es eben Umstände, in denen sich Crystal so verbreitet wie in den USA, gar nicht erst aufkommen lässt.“</p>
<p><strong>Weitere Informationen:</strong> <a href="http://www.drugscouts.de/de/lexikon/crystalmethamphetamin" target="_blank" rel="noopener">http://www.drugscouts.de/de/lexikon/crystalmethamphetamin</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>„Wenn sie irgendwo spukt, dann hier“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 14 Dec 2011 08:34:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Melitta sundström]]></category>
		<category><![CDATA[Thomas Gerards]]></category>
		<category><![CDATA[Tima die Göttliche]]></category>
		<category><![CDATA[Trauerkultur]]></category>
		<category><![CDATA[Travestie]]></category>
		<category><![CDATA[Tunten]]></category>
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					<description><![CDATA[Was bleibt von einem Menschen? An Melitta Sundström, Deutschlands bekannteste Soultunte,  erinnert ein Café in Berlin, das ihren Namen trägt, und ein bestimmter Geist, der noch heute sehr lebendig ist. Ein Besuch bei ihrer Weggefährtin Tima die Göttliche.]]></description>
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<p style="text-align: left;"><strong>Was bleibt von einem Menschen? An Melitta Sundström, Deutschlands bekannteste Soultunte,  erinnert ein Café in Berlin, das ihren Namen trägt, und ein bestimmter Geist, der noch heute sehr lebendig ist. Ein Besuch bei ihrer Weggefährtin Tima die Göttliche. <em>Von Paul Schulz</em></strong></p>
<p style="text-align: right;"><em>„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac: „Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung.“ Wie also erinnern wir uns an die an Aids verstorbenen Menschen? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unser Blog-</em><em>Themenschwerpunkt auch in diesem Monat.</em></p>
<figure id="attachment_9275" aria-describedby="caption-attachment-9275" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2011/12/14/%e2%80%9ewenn-sie-irgendwo-spukt-dann-hier/melitta-klein/" rel="attachment wp-att-9275"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-9275" title="melitta klein" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2011/12/melitta-klein-180x180.jpg" alt="Porträt von Melitta Sundström als Diva" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-9275" class="wp-caption-text">Polit-Tunte Thomas Gerards alias Melitta Sundström (Foto: Jürgen Baldiga)</figcaption></figure>
<p>Tima die Göttliche lächelt und steckt sich in ihrer kleinen Küche in Berlin-Wedding noch fix eine Selbstgedrehte an, bevor sie antwortet. „Es ist schon lustig, dass du gerade jetzt damit kommst. Weil, ich habe erst letzte Woche von ihr geträumt.“ Und, war schön? „Ja, war schön.“ „Sie“, von der da geträumt wurde, ist Melitta Sundström, die berühmteste „Soultunte“ der Welt, „Urberlinerin aus Bad Kreuznach“, ebendort am 31. Oktober 1964 als Thomas Gerards geboren und am 8. September 1993 in Berlin an den Folgen von Aids gestorben.</p>
<p>„Sie ist nicht weg, nicht für mich, nein. Aber das, was sie wollte, das, wofür sie stand, das ist ein bisschen weg.“ Und das war? „Stil, ihr Gesang, ihre Musik, dass ein Mann in einem Kleid auf einer Bühne oder sonstwo eben nicht bloß eine Veranstaltung ist, sondern eine politische Veranstaltung.“</p>
<p>Das hat Melitta angetrieben? Tima lacht. „Angetrieben haben sie erst mal die anderen. Man muss wissen, Melitta war gerne faul. Die hatte für einen liebevollen Tritt in den Arsch immer Verwendung.“ Hinter einer großen Tunte stehen viele andere. So ist das.</p>
<blockquote><p>Die Verschränkung von Kunst, Unterhaltung, Politik und Sex war einmalig</p></blockquote>
<p>Die anderen, das waren zum Beispiel Melitta Poppe, Chou Chou de Briquette und BeV Stroganoff. Zusammen mit Melitta Sundström bildeten sie  <em>„Ladies Neid“</em>, auch so viele Jahre nach ihrer Auflösung immer noch das legendärste Tuntenensemble der Hauptstadt.  Im wilden West-Berlin der 80er Jahre waren sie meilenweit von dem entfernt, was man sich unter „Damenimitation“ bis dahin so vorstellte. „Es gab diese Regel, dass keine von uns auf die Bühne durfte, bevor sie nicht wenigstens eine Laufmasche in der Strumpfhose hatte. Es ging ja nicht darum, ‚schön‘ zu sein, sondern um Inhalte.“ Und die waren politisch, hochpolitisch. „Trümmertunten gab es so vorher nicht. Und die Verschränkung von so was wie Kunst, Unterhaltung, Politik und Sex war schon entscheidend für das, was wir gemacht haben. Ist es für unsere Generation noch, denke ich.“</p>
<p>Und es wurde live gesungen, was Tima jetzt manchmal fehlt. „Wenn ich heute die neue Generation sehe, die wieder zu amerikanischen Popsongs billiges Playback-Gehampel macht, denke ich öfter an Melitta und was sie dazu wohl gesagt hätte.“ Und das wäre? „Nüscht. Sie war keine, die gemeckert hat. Es ging auch ums Vorleben, darum, es für sich richtig zu machen, nicht darum, über andere herzuziehen. Sie hätte sich das angeguckt und wäre gegangen. Oder hätte sich die Mädels nach der Vorstellung gegriffen und gesagt: ‚Wir sollten uns mal unterhalten‘.“</p>
<p>Sundström wäre, lebte sie noch, heute wohl eine der berühmtesten Tunten Deutschlands. Eines ihrer letzten großen Projekte war ihr phänomenaler Gospelchor, den sie auf die Beine gestellt hatte. Nur wenige Tage vor ihrem Tod konnte Melitta noch im Café Anderes Ufer ihre <a href="http://www.youtube.com/watch?v=yYgLYNDdMgg&amp;feature=plcp&amp;context=C21747UDOEgsToPDskII-CbjmIiB8wdUQDvi5vSS">erste eigene CD</a> vorstellen &#8211;  unter Sammlern ist das Album längst ein begehrtes Objekt.</p>
<blockquote><p>„Melitta wäre heute berühmt, da bin ich sicher“</p></blockquote>
<p>„Melitta wäre heute berühmt, da bin ich relativ sicher. Weil sie mit ihrer Musik weitergemacht hätte. Und zwar nicht rückwärtsgewandt, sondern immer mit den Augen nach vorn. Ich bin ja selber eher an Traditionen und der Vergangenheit interessiert, das war bei Melitta nie so. Die wollte immer aktuell sein und war gedanklich immer mehr im Hier und Jetzt und der Zukunft unterwegs, auch und gerade in ihrer Arbeit. Vielleicht hätte sie in den 90ern Soul und Techno gekreuzt, wer weiß.“</p>
<p>Dass Melitta Sundström in ihrer Arbeit, in ihren Shows und Songs, auch HIV zum Thema machte, war da nur schlüssig. „Sie hat sich immer mit dem beschäftigt, was gerade war, auch mit ihr selbst, und da ging&#8217;s dann auch um das Virus. Die Zeit war ja auch eine ganz andere. Es gab noch keine Kombitherapie.“</p>
<figure id="attachment_9276" aria-describedby="caption-attachment-9276" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2011/12/14/%e2%80%9ewenn-sie-irgendwo-spukt-dann-hier/cafe/" rel="attachment wp-att-9276"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-9276" title="Cafe" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2011/12/Cafe-180x171.jpg" alt="Cafe Melitta Sundström in Berlin" width="180" height="171" /></a><figcaption id="caption-attachment-9276" class="wp-caption-text">Das nach Melitta Sundström benannte Café in Berlin</figcaption></figure>
<p>Tima ist nicht die Einzige, die öfter an Melitta denkt. Jeder Besucher des Berliner Cafés <em>Melitta Sundström</em> muss seit vielen Jahren unter ihrem Namen durch. Was ihr nicht gefallen hätte. „Kommerzialisierung war nicht ihre Sache. Das wäre zu ihren Lebzeiten nur gegangen, wenn sie da umsonst hätte trinken können. Und dann hätte sie da jede Woche drei Partys geschmissen und der Laden wäre ganz schnell pleite gewesen“, vermutet die alte Freundin lachend.</p>
<p>Der Berliner <a title="Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Orden_der_Schwestern_der_Perpetuellen_Indulgenz">Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz</a> trägt Melitta zu Ehren den Hausnamen „Erzmutterhaus Sankta Melitta Iuvenis“ (Melitta die Jüngere im Vergleich zu Melitta Poppe). „Diese Art von Gedenken passt dann wieder zu ihr, schließlich hat sie sich jahrelang selbst dort engagiert.“</p>
<p>Wenn Tima aus dem Haus geht, glaubt sie manchmal, Melitta zu sehen. „Das passiert so einmal die Woche, dass ich irgendwo oder an irgendjemandem etwas sehe und denke, ich sehe sie. Gesten, oder eine Stimme. Wir waren ja auch ständig im Fummel unterwegs, auch wenn wir nicht aufgetreten sind. Deswegen sehe ich jetzt manchmal Frauen Ende 40, die groß und dünn sind, und überlege mir, ob sie wohl so aussehen würde.“</p>
<blockquote><p>„Ihre Leiche hat uns die Familie ja bei Nacht und Nebel weggeschafft&#8220;</p></blockquote>
<p>Einen Ort, an den Tima gehen könnte, um sich an Melitta zu erinnern, gibt es nicht. Zwar hat Ichgola Androgyn, eine andere Tuntenlegende, auf dem Berliner St. Matthäus-Kirchhof  ein kleines Café eröffnet, aber Melitta ist nicht in Berlin beerdigt. „Ihre Leiche hat uns die Familie ja bei Nacht und Nebel weggeschafft und in Meisenheim, im Westen der Republik, verscharrt. Das würde heute auch nicht mehr passieren. Jetzt würden wir klagen. Damals ging das nicht.“ Aber Melitta ist nach wie vor an der Spree. „Wenn sie irgendwo spukt, dann hier. Wo sollte sie sonst sein? Ich kann mir eigentlich nichts anderes vorstellen. Aber ich kann sie ja mal fragen, wenn ich das nächste Mal von ihr träume.“</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Hörbeispiel aus Melitta Sundströms musikalischem Werk: <a href="http://www.youtube.com/watch?v=C9L8CO8sw5M">&#8222;Kassel&#8220;</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em><strong>Weiterer Beiträge in unserer Artikelreihe zum Thema Erinnern und Gedenken:</strong></em></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2011/12/01/orte-des-gedenkens-und-kollektiven-erinnerns/">Orte des Gedenkens und kollektiven Erinnerns </a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2011/11/21/%E2%80%9Eder-tod-ist-das-zweite-grose-fest-im-leben%E2%80%9C/">„Der Tod ist das zweite große Fest im Leben“ – Interview mit Matthias Hinz </a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2011/11/26/trauer-erwachst-aus-liebe-und-deshalb-vergeht-sie-auch-nie-ganz/">„Trauer erwächst aus Liebe, und deshalb vergeht sie auch nie ganz“ – Erinnern und Gedenken an Kirsten Schulz</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2011/12/01/orte-des-gedenkens-und-kollektiven-erinnerns/">Orte des Gedenkens und kollektiven Erinnerns</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2011/11/28/„ihr-sollt-nicht-trauern-sondern-weiter-euren-traumen-und-hoffnungen-folgen“/">„Ihr sollt nicht trauern, sondern weiter euren Träumen und Hoffnungen folgen“</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Die singende Nervensäge</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Dec 2011 10:28:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[ACT UP]]></category>
		<category><![CDATA[GMHC]]></category>
		<category><![CDATA[Larry Kramer]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Schwuchteln]]></category>
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					<description><![CDATA[Pünktlich zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember erschien Larry Kramers Roman „Schwuchteln“ auf Deutsch. Ein Porträt des unbequemsten, aber vielleicht auch wichtigsten schwulen Schriftstellers der Gegenwart]]></description>
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        <strong>Pünktlich zum Welt-Aids-Tag am 1. Dezember erschien Larry Kramers Roman „Schwuchteln“ auf Deutsch. Ein Porträt des unbequemsten, aber vielleicht auch wichtigsten schwulen Schriftstellers der Gegenwart von <em>Paul Schulz.</em></strong></p>
<figure id="attachment_9247" aria-describedby="caption-attachment-9247" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2011/12/05/die-singende-nervensage/larry-kramer-foto-david-shankbone-2/" rel="attachment wp-att-9247"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-9247 " title="Larry Kramers „Schwuchteln“: beißende Satire und lange pornografische Erzählung. Foto: David Shankbone" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2011/12/Larry-Kramer-Foto-David-Shankbone1-180x180.jpg" alt="Larry Kramers „Schwuchteln“: beißende Satire und lange pornografische Erzählung. Foto: David Shankbone" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-9247" class="wp-caption-text">Larry Kramers „Schwuchteln“: beißende Satire und lange pornografische Erzählung. Foto: David Shankbone</figcaption></figure>
<p>Was man über Larry Kramer wissen sollte: Er ist eine Nervensäge. Und positiv. Er hat in den letzten 30 Jahren vermutlich mehr Menschen das Leben gerettet als das UN-Flüchtlingshilfswerk. Außerdem ist er einer der wichtigsten amerikanischen Schriftsteller der letzten 50 Jahre – und vielleicht der Autor, den viele Kollegen in einer an Missgunst nicht gerade armen Branche am meisten hassen. Er war für seine Drehbücher, Romane und Stücke schon für den Oscar und den Pulitzer-Preis nominiert und hat mit „Faggots“ einen der ewigen Bestseller der amerikanischen Literatur geschrieben. Trotzdem hat es 33 Jahre gedauert, bis Kramers Roman unter dem schmissigen Titel „Schwuchteln“ auf Deutsch erschienen ist.</p>
<p>Larry Kramer sagt von sich, er sei erst 1980 – zu Beginn der Aidskrise – geboren worden. Tatsächlich kam er am 25. Juni 1935 auf die Welt, als jüngerer von zwei Brüdern. Die Familie gehörte zum gutsituierten jüdischen Bürgertum von Oregon im US-Bundesstaat Connecticut. Larry war ein unglückliches Kind, das seine Eltern nicht mochten, aber ein guter Schüler. 1953 begann er ein Studium der Englischen Literatur an der Elite-Universität Yale, versuchte aber noch im selben Jahr, sich mit einer Überdosis Aspirin umzubringen, weil er einsam war und dachte, er sei der einzige Schwule auf dem gesamten Campus.</p>
<blockquote><p>Die schwule Prä-Aids-Szene in ihrer ganzen sinnesfreudigen Pracht, aber auch kompletten emotionalen Leere</p></blockquote>
<p>Der Selbstmordversuch setzte seine Lebensthemen: die Akzeptanz schwulen Lebens und das Nachdenken über die Natur der Liebe unter Männern sowie die Umstände, die ihr entgegenstehen. Nachdem er sein Studium 1957 erfolgreich abgeschlossen hatte, arbeitete er für große Filmfirmen als Drehbuchautor. Für sein Script zum Film „Liebende Frauen“ des diese Woche verstorbenen Meisterregisseurs Ken Russell wurde er 1969 für den Oscar nominiert. Mit 35 veröffentlichte er den Roman „Schwuchteln“, den viele als beißende Satire und einige als lange pornografische Erzählung lasen. Beides geht.</p>
<p>„Schwuchteln“ ist die Geschichte des Drehbuchautors Fred Lemish, der sich ein Wochenende lang quer durch New York und Umgebung vögelt, obwohl er eigentlich auf der Suche nach der großen Liebe ist. Kein anderes schwules Buch hat das Publikum bis heute so gespalten wie dieses, weil Kramer nicht nur kein Blatt vor den Mund nimmt, sondern die schwule Prä-Aids-Szene in ihrer ganzen sinnesfreudigen Pracht, aber auch kompletten emotionalen Leere darstellt.</p>
<p>Susan Sontag, Erica Jong und viele Kritiker lobten den Roman bei Erscheinen als scharfzüngiges, stellenweise unfassbar komisches Meisterwerk. Aber viele schwule Männer nahmen es Kramer übel, dass er, wie Broadway-Legende Arthur Laurents es ausdrückte, „alle unsere Geheimnisse ausgeplaudert hat“. Sie wollten sich von Kramers Prognose, dass sie sich in Parks, Saunen, auf Klappen und den eigenen Betten „irgendwann noch mal zu Tode ficken“ würden, nicht warnen lassen. Viele dieser auch literarischen Feindschaften halten bis heute. Edmund White, einer weltweit bekanntesten amerikanischen Autoren, hat vor wenigen Jahren geschrieben, Kramer sei „eigentlich schon in den 1970ern nicht ansehnlich genug gewesen, um die Orgien, über die er in ‚Schwuchteln’ schreibt, überhaupt beurteilen zu können.“</p>
<blockquote><p>Ein Mann predigt an der Bootsanlegestelle von Fire Island das Ende der hypersexualisierten Welt</p></blockquote>
<p>Einen ersten Versuch, das Buch in Deutschland zu veröffentlichen, gab es schon Mitte der 1980er, doch das Projekt wurde mit Auftreten der ersten Aidsfälle hierzulande fallen gelassen. Man sollte das Buch heute nicht nur wegen seiner literarischen Qualität lesen, sondern weil Kramer sich damit unbeabsichtigt als einer der großen Propheten des 20. Jahrhunderts erwies. „Ich war bis dahin kein politischer Aktivist gewesen, sondern verbrachte meine Sommer auf Fire Island. Dabei ging es um die reine Schönheit und die golden schimmernden Jungs in den Dünen. Männer, die protestierend die Fifth Avenue heruntermarschierten, lebten in einer anderen, mir sehr fremden Welt.“</p>
<figure id="attachment_9248" aria-describedby="caption-attachment-9248" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2011/12/05/die-singende-nervensage/das-cover-von-schwuchteln/" rel="attachment wp-att-9248"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-9248" title="Kein anderes schwules Buch hat das Publikum bis heute so gespalten wie &quot;Schwuchteln&quot;" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2011/12/Das-Cover-von-Schwuchteln-180x180.jpg" alt="Kein anderes schwules Buch hat das Publikum bis heute so gespalten wie &quot;Schwuchteln&quot;" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-9248" class="wp-caption-text">Kein anderes schwules Buch hat das Publikum bis heute so gespalten wie &#8222;Schwuchteln&#8220;</figcaption></figure>
<p>Nur zwei Jahre nach Erscheinen von „Schwuchteln“ erkrankten die ersten Freunde Kramers an einer neuen, mysteriösen Krankheit, und er fing an, schwule Männer öffentlich und in Person davor zu warnen, wahllos mit jedem Sex zu haben, der ihnen vor den Schwanz lief. Man muss sich das vorstellen: Ein Mann steht 1981 an der Bootsanlegestelle von Fire Island und predigt laut das Ende der hypersexualisierten Welt, in die alle Ankömmlinge gerade hinein wollen, und das massenhafte Sterben aller Beteiligten. Die meisten von ihnen müssen ihn für schwachsinnig gehalten haben.</p>
<p>Aber Larry Kramer beließ es nicht dabei, sondern lud Bekannte und Freunde in seine New Yorker Wohnung ein, damit Ärzte ihnen dort erklären konnten, wie die Erkrankungen ihrer Freunde mit der neuen rätselhaften Bedrohung zusammenhingen. Diese Männer gründeten 1982 die New Yorker Gay Men‘s Health Crisis (GMHC), eine der ersten schwulen Selbsthilfeorganisationen. Sie wurde bald die wichtigste Einrichtung, wenn es darum ging, HIV-infizierte und aidskranke Männer zu unterstützen und dafür Spenden zu sammeln. Als Ärzte 1983 schwule Männer erstmals offen davor warnten, weiterhin in Saunen und Darkrooms Sex zu haben, wollte Kramer, das der GMHC diese Botschaft so schnell und laut wie möglich weiterverbreitet und endlich von der Politik die bislang ausgebliebene Unterstützung einfordert. Weil viele anderer Meinung waren, überwarf sich Kramer mit dem GMHC.</p>
<blockquote><p>1988 erfuhr Kramer, dass er an Hepatitis B erkrankt und selbst HIV-positiv war</p></blockquote>
<p>Über diese ersten Jahre der Aidskrise schrieb Kramer das Theaterstück „The Normal Heart“, das 1985 in New York uraufgeführt wurde und mit über einem Jahr Laufzeit immer noch eines der meistgespielten Stücke in der amerikanischen Theatergeschichte ist. Es wurde 2011 am Broadway wiederaufgeführt und gewann in dieser Inszenierung drei Tonys. Ryan Murphy (Nip/Tuck, Glee) erwarb daraufhin die Filmrechte und plant, das Stück demnächst ins Kino zu bringen, nachdem Barbra Streisand das zuvor jahrelang vergeblich versucht hatte.</p>
<p>1987 war Kramer einer der Mitbegründer von ACT UP, einer Gruppe radikaler Aids-Aktivisten, die rund um den Globus Kirchen, Parlamente und Rathäuser stürmten und lautstark klare politische Forderungen stellten. Kramer veröffentlichte seine gesammelten Artikel und Aufsätze aus dieser Zeit unter dem Titel „Reports from the Holocaust“. Viele Menschen glauben, es sei zu einem großen Teil ACT UP zu verdanken, dass Aids in den USA ins öffentliche Bewusstsein gelangte und die amerikanische Regierung endlich begann, sich des Problems anzunehmen. 1988 erfuhr Kramer im Rahmen einer Operation, dass er an Hepatitis B erkrankt und selbst HIV-positiv war, was er schnell öffentlich machte.</p>
<p>Larry Kramer sagt immer wieder: Dass es heute Kombitherapien und in der westlichen Welt eine gut funktionierende Gesundheitsversorgung für Millionen HIV-Positiver gibt, sei die größte zivilisatorische Leistung einer diskriminierten Gruppe in der Menschheitsgeschichte. Und das stimmt wahrscheinlich auch, trotz des darin enthaltenen Selbstlobes.</p>
<blockquote><p>Auf rund 4.000 Manuskriptseiten eine schwule Geschichte Amerikas von der Steinzeit bis in die Gegenwart</p></blockquote>
<p>2001 meldete die Nachrichtenagentur AP, Larry Kramer sei gestorben – ein Fauxpas, über den er sich heute noch gelegentlich amüsiert. Im Frühjahr 2001 hatte er, weil er immer kränker wurde, mit dem Ordnen seiner Hinterlassenschaften begonnen. Aber Kramer starb nicht, sondern bekam im Dezember desselben Jahres als einer der ersten HIV-positiven Patienten eine neue Leber, weil seine alte von der Hepatitis stark geschädigt worden war.</p>
<figure id="attachment_9260" aria-describedby="caption-attachment-9260" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2011/12/05/die-singende-nervensage/kramer-mit-hund-2/" rel="attachment wp-att-9260"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-9260" title="Kramers Botschaft: Wir sollten uns selbst und gegenseitig so viel wie möglich lieben " src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2011/12/Kramer-mit-Hund1-180x180.jpg" alt="Kramers Botschaft: Wir sollten uns selbst und gegenseitig so viel wie möglich lieben " width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-9260" class="wp-caption-text">Kramers Botschaft: Wir sollten uns selbst und gegenseitig so viel wie möglich lieben</figcaption></figure>
<p>Seit 1978 arbeitet Kramer an einem Text, der den unbescheidenen Titel „Das Amerikanische Volk“ trägt. Dieser spielt darauf an, dass es Kramer immer wütend macht, wenn Politiker von dem sprechen, was „das Amerikanischen Volk“ will, und Schwule dabei bewusst ausschließen. Deswegen entwirft Kramer auf rund 4.000 Manuskriptseiten eine schwule Geschichte Amerikas von der Steinzeit bis in die Gegenwart. 2012 soll das Buch in zwei Bänden nun endlich erscheinen. Bis dahin ist noch viel Zeit, „Schwuchteln“ zu lesen und Kramer so kennenzulernen.</p>
<p>Wenn Kramer sich etwas wünscht, klingt das heute so: „Ich wünschte, ich könnte allen Schwulen etwas begreiflich machen, von dem ich mit absoluter Sicherheit weiß, dass es wahr ist: Wir werden gehasst. Sind noch nicht genug von uns gestorben, als dass wir das endlich glauben können? 70 Millionen Aidsfälle, zusammengebraut in einem großen Kessel aus Hass. Wir scheinen nicht begreifen zu wollen, dass je sichtbarer wir werden, je mehr von uns sich outen, desto angreifbarer werden wir auch und umso mehr werden wir gehasst.“ Kramers Antwort darauf ist, dass wir uns selbst und gegenseitig so viel wie möglich lieben sollten. Recht hat er. Auch wenn das manchmal nervt.
      </p></div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Saint Elizabeth</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 24 Mar 2011 13:07:03 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnerung]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Liz Taylor]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention]]></category>
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					<description><![CDATA[Mit Elizabeth Taylor ist eine unermüdliche Kämpferin für HIV-Positive und gegen Aids gestorben.]]></description>
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        <strong>Mit Elizabeth Taylor ist eine unermüdliche Kämpferin für HIV-Positive und gegen Aids gestorben. Ein Beitrag von Paul Schulz</strong></p>
<figure id="attachment_5610" aria-describedby="caption-attachment-5610" style="width: 180px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/2011/03/24/saint-elizabeth/elizabeth_taylor_2-3/" rel="attachment wp-att-5610"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-thumbnail wp-image-5610 " title="Elizabeth_Taylor_2" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2011/03/Elizabeth_Taylor_22-180x180.jpg" alt="Elizabeth Taylor" width="180" height="180" /></a><figcaption id="caption-attachment-5610" class="wp-caption-text">Liz Taylor 1981 beim &#8222;Filmex&#8220;-Festival in Los Angeles (Foto: Alan Light/Wikimedia Commons)</figcaption></figure>
<p>Dame Elizabeth Taylor ist am Morgen des 23. März 2011 in Los Angeles an einem Herzinfarkt gestorben. Sie war 79 Jahre alt. Ihre vier Kinder waren bei ihr, aber keiner ihrer sieben Ehemänner. Ihr Sohn Michael Wilding gab wenige Stunden nach ihrem Tod bekannt: „Meine Mutter war eine außergewöhnliche Frau, die ihr Leben mit großer Leidenschaft, viel Humor und unendlicher Liebe gelebt hat. Obwohl ihr Verlust für uns, die wir ihr so nahe standen, schmerzlich ist, werden wir doch immer wissen, dass die Welt ein besserer Ort ist, weil Mama gelebt hat. Ihr Beitrag wird unvergessen bleiben.”</p>
<blockquote><p>Sie war laut, fordernd, unbequem</p></blockquote>
<p>Recht hat er. Und das nicht, weil seine Mutter für gut drei Jahrzehnte der größte weibliche Filmstar der Welt war, zwei Oscars gewann und mit ihrem Privatleben mehreren Generationen Boulevardjournalisten den Ruhestand finanziert hat. Viel wichtiger ist: Sie war die vielleicht wichtigste prominente Aidsaktivistin, die es je gab. Es gab und gibt wahrscheinlich Hunderttausende HIV-positive Männer, deren Leben ein besseres war oder ist, weil Elizabeth Taylor sich für sie eingesetzt hat.</p>
<p>Nachdem ihr Freund und Kollege Rock Hudson 1985 an Aids gestorben war, gründete die Schauspielerin innerhalb weniger Wochen zusammen mit zwei Ärzten die „American Foundation for AIDS Research (amfAR)“, veranstaltete mit Shirley MacLaine, Burt Lancaster und Burt Reynolds das erste Aids-Benefit, das über eine Million Dollar einspielte, und sprach sich offen gegen die Blockade-Haltung der amerikanischen Regierung bei der Bekämpfung der Krankheit aus. Wenig später überführte sie einen größeren Teil ihres Privatvermögens in die „Elizabeth Taylor HIV/AIDS Foundation“, die sich nicht um Forschung, sondern hauptsächlich um die Pflege von Aidspatienten kümmerte.</p>
<p>In den folgenden 20 Jahren sammelte Taylor für und mit diesen beiden Organisationen schätzungsweise 150 Millionen Dollar für den Kampf gegen Aids und die Erforschung der Krankheit. Sie setzte sich in den amerikanischen Medien für die Ausgabe von Einmalspritzen an Drogengebraucher, die Finanzierung von Kombitherapien und die Aufklärung über Kondomgebrauch bei Teenagern ein. Wenn Talkmaster wissen wollten, ob HIV-positive Mütter gesunde Kinder bekommen können, luden sie Elizabeth Taylor genauso ein wie als lautstarke Befürworterin der Homoehe oder des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare. Sie war laut, fordernd, unbequem und sah dabei so aus, wie es sich für eine lebende Legende gehört. Sie war eine von den wirklich Guten.</p>
<blockquote><p>&#8222;Bei mir im Viertel nennen wir dich Saint Elizabeth&#8220;</p></blockquote>
<p>„Die Männer, die am längsten bei mir geblieben sind, waren alle schwul. Und als die anfingen zu sterben, was hätte ich da sonst tun sollen, als mit ihnen und für sie zu kämpfen“, begründete die Diva ihren unermüdlichen Einsatz einmal. Für den wurde sie von der englischen Königin 1999 in den Adelsstand erhoben. Aus Elizabeth Taylor wurde „Dame Elizabeth, Commander of the Order of the British Empire“.</p>
<p>Da hatten sie einige schwule Männer längst heilig gesprochen. An Taylors Todestag schrieb der US-amerikanische Schriftsteller Armistead Maupin auf seiner Internetseite: „Als ich sie in den allerdunkelsten Stunden der Aidsepidemie mal wieder in einem Krankenhaus traf, sagte ich ihr: ‚Bei mir im Viertel nennen wir dich Saint Elizabeth.‘ Ich meinte diesen Namen damals ernst. Und ich tue das immer noch.“</p>
<p>Die Stiftung, die ihren Namen trägt, wird auch weiter in ihrem Namen Gutes tun, zumal sie in Taylors Testament einen prominenten Platz einnehmen wird. Aber Taylor hat sich längst Kinder im Geiste herangezogen. Zu denen gehören Sharon Stone und Elton John genauso wie Susan Sarandon oder Barbara Streisand. Letztere hinterließ gestern auf ihrem Facebookprofil folgende Botschaft: „Das Ende einer Ära! Aber sie hat dafür gesorgt, dass sie etwas hinterlässt, was wichtiger ist als ihr Ruhm oder ihre Schönheit.“ Wohl wahr. Elizabeth Taylor fehlt.
      </p></div>
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		<title>Offen und ehrlich</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Paul Schulz]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Oct 2010 12:56:40 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Buchrezension]]></category>
		<category><![CDATA[Nadja Benaissa]]></category>
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					<description><![CDATA[Nadja Benaissa berichtet in ihren Autobiografie „Alles wird gut“ mit Hilfe der Journalistin Tinka Dippel aufrichtig und spannend aus ihrem Leben mit und ohne HIV, von ihrer Cracksucht und einem nicht immer schönen Leben als Popstar.]]></description>
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        <strong>Nadja Benaissa berichtet in ihren Autobiografie „Alles wird gut“ mit Hilfe der Journalistin Tinka Dippel aufrichtig und spannend aus ihrem Leben mit und ohne HIV, von ihrer Cracksucht und einem nicht immer schönen Leben als Popstar. Eine spannende Bestandsaufnahme und eine sehr feine Medienanalyse. </strong></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2010/10/07/offen-und-ehrlich/alles_wird_gut/" rel="attachment wp-att-3819"><img loading="lazy" decoding="async" class="alignleft size-thumbnail wp-image-3819" title="Alles wird gut" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2010/10/Alles_wird_gut-180x180.png" alt="Alles wird gut" width="180" height="180" /></a>Über kaum jemandem ist in den letzten zwölf Monaten so ausführlich geschrieben worden, wie über Nadja Benaissa: Sie ist seit etwas mehr als einem Jahr die bekannteste HIV-Positive der Welt. Alle, alle haben sie kommentiert, wie es dazu kam, was dann geschah, warum die anderen rassistische, sexistische Schmierfinken sind, die Persönlichkeitsrechte gegen das Interesse der Öffentlichkeit ausspielten: von BILD bis FAZ, von Spiegel bis Super Illu &#8211; Nadja Benaissa war immer für eine Doppelseite gut.</p>
<p>Wann hatte es so was schließlich mal gegeben: Sex und Tod, Ruhm und Geld, Aufstieg und Fall, Liebe und ein potenzielles Verbrechen, eingerollt in den überaus attraktiven Körpers eines deutschen Migrantenkindes. Und singen konnte sie auch noch! Der &#8222;Fall“ Nadja Benaissa konnte von allen möglichen Seiten beschrieben werden.</p>
<blockquote><p>Sex und Tod, Ruhm und Geld, Aufstieg und Fall, Liebe und ein potenzielles Verbrechen</p></blockquote>
<p>Inzwischen ist im Namen des Volkes Recht gesprochen worden. Ist es da nicht Zeit, das ehemalige Mitglied der No Angels mal in Ruhe sein Leben leben zu lassen? Nicht ganz. Der Logik der medialen Verwertungsmaschine folgend, fehlt noch etwas: der Abschlussbericht. Das finale „Und wie war’s für dich?“ der Betroffenen.</p>
<p>Das liegt mit „Alles wird gut“ nun vor und ist wirklich gut geworden. Die Journalistin Tinka Dippel, die unter anderem die Kunstseite und Porträts in der „Brigitte“ schreibt, hat im Januar 2010 angefangen Nadja Benaissa zu begleiten und zu befragen. Hat ergänzend Kollegen und Feinde, Nadjas Familie und Freunde getroffen und interviewt. War bei den letzten Auftritten der No Angels genauso dabei wie beim Prozess im August. War ganz nah dran, und doch weit genug weg, um den Abstand zu ihrem Objekt zu gewinnen, den sie für eine intelligente Analyse benötigt.</p>
<p>Benaissa selbst kommt ausführlich in O-Tönen zu Wort. Eingebettet sind sie in einen 200-Seiten-Text, der offensichtlich schnell, aber kompetent geschrieben wurde. Eine Edelfeder ist Dippel nicht, aber ein gute Handwerkerin. Und eine feine Medienbeobachterin. Gekonnt benutzt sie im ersten und letzten Drittel des Buches, die sich beide mit Verhaftung, Prozess, Anklage und Urteil beschäftigen, immer wieder die einzelnen Medienstimmen und Benaissas eigene Erinnerungen an die gleichen Ereignisse um unterschiedliche Sichtweisen auf das Geschehen klar zu machen und gleichzeitig die Mechanismen der Maschinerie offenzulegen, aus der es kein Entkommen gab.</p>
<blockquote><p>Mechanismen einer Maschinerie, aus der es kein Entkommen gab</p></blockquote>
<p>Trotzdem ist der Mittelteil des Buches der spannendste, weil Dippel hier völlig ohne falsche Rührseligkeit erzählt: Aus Benaissas Kindheit als Kind eines Marokkaners und einer Serbin in Deutschland, vom braven Kind und vom rebellischen kiffender Teenager, über ihre Zeit als erfolgreiche Sportlerin und als jugendliche Cracksüchtige, von der Schwangerschaft mit 16. Vom Casting für die No Angels, vom Erfolg, vom Misserfolg, von viel Geld und großen Schulden. Und immer wieder davon, was für ein Stehaufmännchen Benaissa ist. Das liest sich nicht immer schön aber immer aufrichtig und ist mit vielen privaten Fotos aus den jeweiligen Zeitabschnitten illustriert.</p>
<p>Der stakkatohafte „Und dann geschah das, und dann geschah das, und dann das“-Stil, den die Autorin hier benutzt, macht Benaissas nachträgliche Erklärungsversuche ihrer oft unbewussten Entscheidungen umso spannender, weil sie als emotionale Schlaglichter eine komplett versachlichte Beschreibung erhellen. Das ist auch und gerade beim Thema HIV so, mit dem die langzeitinfizierte Benaissa rückhaltlos ehrlich umgeht.</p>
<p>Wer in „Alles wird gut“ frischen Klatsch sucht, wird zwar bedient, aber nicht ganz so, wie er sich das vielleicht vorstellt. Immer wieder erfährt man Dinge, die man nicht wusste: was genau Nadja in der 10-tägigen Haft getan und empfunden hat, die ihrer Verhaftung folgte, wie sie selbst ihre Infektion jahrelang verdrängt hat, wie die Band-Kolleginnen ihr Stütze und Überforderung zugleich waren, wie ihr Positivsein für sie die letzte Bastion war, um sich der Öffentlichkeit nicht völlig auszuliefern. Warum es jetzt trotzdem gut ist, dass sie sich damit nicht mehr verstecken muss. Wie sehr sie ihr Kind liebt.</p>
<blockquote><p>„Endlich mal was, hinter dem ich musikalisch stehen kann.“</p></blockquote>
<p>Im nächsten Jahr will Nadja Benaissa nach Berlin ziehen und ein Album mit Rio-Reiser-Songs aufnehmen: „Endlich mal was, hinter dem ich musikalisch stehen kann.“ Es ist Zukunft geplant, und viel davon. Ob wirklich alles gut wird für den Menschen Nadja Benaissa, ist schwer zu sagen. Nach der Lektüre ihrer Biografie weiß man aber, dass schon vieles besser ist.</p>
<p>(Paul Schulz)</p>
<p>Nadja Benaissa mit Tinka Dippel „Alles wird gut“, edel books, 207 Seiten, 19,95 Euro
      </p></div>
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