Tom, der eigentlich anders heißt aber lieber anonym bleiben möchte, identifiziert sich als trans-maskulin und arbeitet seit seinem 19. Lebensjahr als Sexarbeiter.[1] [2]  Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie es ist, als trans Person in der Sexarbeit tätig zu sein.

Foto: Spyros Rennt

Wieso hast du dich dazu entschieden in der Sexarbeit tätig zu werden?

Ich habe mich schon immer dafür interessiert, schon seit ich 16 Jahre alt war. Ich wollte dann gleich damit anfangen, als ich volljährig wurde,  aber da hatte ich grade mit meiner Hormonsubstitution angefangen. Jede Person hat sicherlich ein eigenes Empfinden von Intimität, aber ich habe relativ schnell für mich gemerkt, dass es für mich kein Problem ist mit Leuten Sex zu haben und das ist dann nicht außergewöhnlich emotional für mich. Das ist eine Tätigkeit, in der ich gut bin und ich bin vor allem auch gut darin, Körpersprache zu lesen. Sexarbeit ist keine leichte Arbeit! Sex an sich ist ja auch nicht so leicht, besonders nicht mit Leuten, die man noch nie vorher getroffen hat.Mein Körper veränderte sich vor allem am Anfang ziemlich krass und es ist eine intime und verunsichernde Sache, sich dabei zu erleben. Diese Intimität mit Leuten zu teilen, wäre mir zu viel gewesen. Es war also gut, noch ein bisschen zu warten.

Wie bist du dann genau zur Sexarbeit gekommen?

Anfangs, bevor ich selbst sexuelle Dienstleistungen angeboten habe, hab ich über Gayromeo Dates mit Männern ausgemacht, die ich nicht attraktiv fand – also mit Männern, die gar nicht mein Typ oder sehr viel älter als ich waren. So habe ich mich ausprobiert. Nachdem ich das ein paar Mal gemacht habe, merkte ich, dass das überhaupt kein Problem für mich ist. Dann habe ich angefangen, Werbung für mich zu schalten und habe meine ersten Kunden getroffen.

Du bist nicht als Sexarbeiter angemeldet; wieso?

Ich wollte mich nicht registrieren. Es gibt in Deutschland keinen anderen Beruf, bei dem man sich so registrieren muss wie in der Prostitution. Sexarbeitende sind nicht nur beim Finanzamt gemeldet, sondern müssen sich nochmal extra melden. Wenn man zwischen 18 und 21 Jahren ist, muss man zusätzlich alle sechs Monate eine Zwangsbelehrung durchmachen – so ähnlich wie bei Schwangerschaftsabbrüchen. Der Staat will dadurch Menschenhandel oder einem Zwang zuvorkommen. Ich hatte immer die Sorge, dass so Menschen aus meinem Umfeld beschuldigt werden könnten.

Was für Leute melden sich bei dir, wer sind deine Kund*innen?

Bei den meisten kann ich gar nicht sagen, warum sie gerade mich buchen. Aber es gibt viele, die zum Beispiel schwul sind und mal mit einer männlichen Person Sex haben wollen, die eine Vagina hat. Das finde ich immer richtig cool und in jedem Fall besser, als wenn sie eine Person ausnutzen, die nicht weiß, dass sie sich nur ausprobieren wollen. Es buchen mich aber auch viele bisexuelle Männer, die auf Androgynität stehen. Dann hab ich auch manchmal bisexuelle Männer, die noch nie mit einer männlichen Person Sex hatten und die eigentlich einen cis-männlichen Sexarbeiter buchen wollten und dann mich gefunden haben. Das finden sie dann oft viel angenehmer, weil sie Sex mit einem Mann haben wollen, aber Angst vor Männern mit Penis haben.

Glaubst du, dass dein Trans-Sein ein Bonus im Job ist?

Es ist definitiv ein Bonus, dass ich trans bin, denn so steche ich häufig auf Plattformen hervor. Es hilft auch, dass ich jung bin. Die meisten trans Sexarbeiter*innen, die ich kenne, sind Mitte 20 oder Anfang 30. In der Sexarbeit gibt es eine Fetischisierung von Menschen, die sehr jung sind oder noch sehr jung aussehen. Ich glaube, dass manche Leute mich buchen, weil ich sehr sehr jung aussehe. Grade auf Bildern kann ich so wirken, als sei ich unter 18 Jahre.

Natürlich kriege ich im Internet auch ziemlich viele transfeindliche Kommentare ab oder hab auch Kunden, die sich im Gespräch transfeindlich äußern. Viele cis Menschen reagieren auch überrascht darüber, dass trans Sexarbeiter*innen gebucht werden. Das ist etwas, was mich nicht so mitnimmt. Für manche Sexarbeitende ist es ein Nachteil, trans zu sein, weil Transfeindlichkeit runter ziehen kann. Ich merke aber auch, dass sich langsam etwas ändert – die ersten Pornoseiten benutzen auch schon keine transfeindlichen Begriffe mehr.

Woher weißt du, dass dein Kunde kein Psychopath ist? Hast du ein Schutzkonzept?

Bevor ich mich mit jemandem treffe, spreche ich mit den Kunden und versuche abzuschätzen, wie die Person drauf ist. Manchmal kommt es dann auch schonmal vor, dass ich Kunden ablehne. Vor jedem Date sage ich meinen Freund*innen, wo ich bin. Zusätzlich bin ich in einer Telegramm-Gruppe von Sexarbeitenden, in die man die Adresse schreibt. Dabei gibt es immer mindestens eine andere Person, die sich meldet und nachfragt, ob alles okay ist.

Ich benutze außerdem ein Arbeitshandy und gebe meine private Nummer nicht weiter. Während den Dates muss ich mich dann auf die Körpersprache und Stimmung der Kunden achten und versuche im Zweifel deeskalierend zu handeln. Trotz all dieser Maßnahmen habe ich aber bereits Gewalt im Job erlebt. Das liegt meiner Meinung nach aber daran, dass es keine guten Arbeitsräume gibt und Kunden meist der Meinung sind, die Polizei wäre im Zweifelsfall auf ihrer Seite.

Wie schützt du dich denn bei der Arbeit vor einer Infektion mit HIV und/oder STIs?

Ich nehme die PreP und benutze Kondome. Häufig denken Leute, dass Sexarbeitende schmutzig wären und STIs verbreiten würden, dabei sind wir die, die sich meine Eindruck nach am meisten schützen und uns der Risiken sehr bewusst sind. Ich benutze zum Beispiel fürs Ficken und fürs Blasen Kondome. Ganz davon abgesehen lasse ich mich alle drei Monate testen, habe aber noch nie eine STI von einem Kunden bekommen.

Was bedeutet das Schlagwort sexpositiv für dich?

Ich habe den Eindruck, dass transmännliche Körper oder allgemein trans Personen entweder als asexuell oder als hypersexuell wahrgenommen werden. Dabei ist mir besonders wichtig, dass trans Personen als Menschen wahrgenommen werden, die sexuell aktiv sind. Ich fänd es toll, wenn trans Menschen mehr Anleitungen zu Sex mit einer trans Person geben – trans Körper sind schließlich anders, das ist nichts Schlechtes, sondern etwas Positives! Die Körper entwickeln sich eben häufig durch Hormone anders, unterschiedliche Sachen fühlen sich unterschiedlich gut an oder eben nicht mehr gut an.                                   

Wenn du arbeitest, liegt der Schutz dann komplett bei dir oder besprichst du die Bedingungen vorher?

Das ist so ähnlich wie bei einem privaten Date. Zwar drängen viele Kunden einen dazu, es ohne Kondom zu machen. Da ich die PreP nehme, ziehe ich es manchmal in Erwägung, wenn ich ein gutes Gefühl habe. Dann frage ich den Kunden, wann der letzte Test war und treffe eine Entscheidung – wie bei privaten Sexdates. Ansonsten bringe ich immer Kondome und Gleitgel mit. Manchmal haben Kunden auch selbst etwas dabei – in Deutschland ist es aber gängig, dass die:der Sexarbeiter*in alles mitbringt.


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