Nach einem nächtlichen Besuch einer Cruising-Area empfindet unser Autor ein merkwürdiges Gefühl: Triumph. In diesem Text geht er seinen Gedanken und (Selbst-)Beobachtungen nach, die ihn seit dieser Erfahrung verfolgen.

Marco Kammholz

Cruising, also die Suche nach spontanem und anonymem Sex in der Öffentlichkeit oder Halb-Öffentlichkeit, gilt gemeinhin als eine besondere Form sexueller Handlungen. Das mag im ersten Augenblick auch richtig erscheinen, immerhin sucht die Mehrheit der Menschen, und auch die Mehrheit schwuler Männer, Orte, an denen anonymer und spontaner Sex stattfindet, nicht auf. Die meisten Menschen bevorzugen es in der Regel, sich für Sex in eine Wohnung, in ihre eigenen vier Wände, genauer gesagt ins Schlafzimmer und in ein Bett zu begeben. Ohnehin ist Sex tendenziell weiter fest in der Hand von Partner:innenschaften, bestehend aus zwei Personen.

Bei vielen löst die Vorstellung in einem Waldstück, auf einem Parkplatz oder in einer öffentlichen Toilette Sex mit Fremden zu suchen oder zu haben, mehr oder weniger starke Irritation aus. Nicht wenige machen deutlich, dass ihnen eine solche Art der sexuellen Aktivität Angst macht, Ekel auslöst oder vollkommen fremd und unvorstellbar bleibt. Das ist in einer Hinsicht auch nachvollziehbar: Ein dunkler Wald, ein verlassener Parkplatz, eine schmutzige, öffentliche Toilette sind unbehagliche, gruselige, eklige und misshellige Orte. Es sind natürlich auch die Orte, an denen Menschen pissen, kacken, ihren Müll entladen, Kriminelles tun und werden dort im schlimmsten Fall nicht sogar Leichen vergraben?

Dunke, nicht einsehbare Orte

Wir sprechen also von dunklen, nicht einsehbaren Orten, die gewöhnlich tunlichst gemieden oder schnell wieder verlassen werden. Ränder, Grenzbereiche, unwirkliche Stätten, scheinbar Lebloses, das aus dem Fluss der Alltagserfahrungen hinausfällt und übersehen oder ignoriert wird. Aber Düsteres und Zwielichtiges ängstigt nicht nur, sondern strahlt auch extreme Anziehung aus, weil dort das Verbotene geschehen darf und weil dort das Verbotene in einem selbst seinen Platz hat. Das was so fremd, düster, abwegig und ekelhaft erscheint, stellt mitunter die ganzen ekelhaften Fremdartigkeiten dar, die man in sich selbst trägt. 

Für schwule Männer, die Cruising praktizieren und zu schätzen wissen, können die absonderlichsten Orte einer Stadt ganz besondere Gefühle und Fantasien auslösen: Sie sind reizend und sexualisierend, in ihnen haust ein mächtiges und nervöses Versprechen von sexuellem Exzess oder zumindest von einem spontanen Fick. An diesen Orten hängen Erinnerungen an sexuelle Erfahrungen und Begegnungen, und an das In-Berührung-kommen mit der eigenen Fremdartigkeit. Dass diese Gefühlslage ausschließlich Schwulen zu eigen sei, kann nur schwerlich behauptet werden. Selbstverständlich treffen sich heterosexuelle Frauen und Männer im Freien und in der (Halb-)Öffentlichkeit für Sex und selbstverständlich suchen sie Sex mit Fremden.

Eine Horde Männer, die Schlange steht

Catherine Millet beschreibt das in ihrem autobiografischen Roman Das sexuelle Leben der Catherine M. ganz reizend: Die Sexpartys auf Parkplätzen, die schnelle Nummer im Hinterhof, der Gangbang auf der Motorhaube und der geile Blowjob für den ekligen Typ auf dem Klo. Es ist in ihrer Erzählung ein großes Repertoire an promisken, spontanen und verruchten sexuellen Handlungen enthalten. Am deutlichsten fällt aber ihr Plädoyer für Sex im Freien aus. Nichts scheint auf sie aphrodisierender zu wirken als die frische Luft – und eine Horde Männer, die für sie Schlange steht.

Für Männer, die das sexuelle Treiben in der (Halb-)Öffentlichkeit aufsuchen, um mit anderen Männern Sex zu haben, hat Cruising häufig eine zusätzliche Bedeutung. Sie taten es jahrhundertelang – und tun es bis heute –, weil ihre Sexualität kriminalisiert, bedroht, missachtet, gedemütigt oder verachtet wird. Sie tun es auch, weil sie Sex mit Männern nur dort im Geheimen haben können und weil sie außerhalb dessen nicht schwul sein (oder als dies gelten) können oder wollen. Sie praktizieren Cruising zudem, weil es manchmal die einzige Möglichkeit ist, überhaupt Sexpartner zu finden. Wer aber nur das soziale Geschehen des Cruising und die gesellschaftliche Situation der daran Beteiligten in den Blick nimmt, übersieht leicht einen ganz entscheidenden Aspekt: Schwule cruisen, weil ihnen Cruising einen spezifischen sexuellen Mehrgewinn verschafft. Ohne über die Versprechungen, Gefühle und Fantasien von Cruising nachzudenken, läuft eine Beschäftigung mit diesen flüchtigen Abenteuern immer Gefahr, das Bedürfnis nach anonymem, spontanem und schnellem Sex in der Öffentlichkeit als Makel oder Fehlerhaftes zu beurteilen.

Foto: Spyros Rennt

Wieso suchen wir?

So beginnt eine meist unbefriedigende Suche nach Mängeln, nach Mechanismen der Kompensation, nach Reifegraden und Entwicklungsschritten oder gar nach Störungen und Pathologien derjenigen, die Cruising gerne mögen. Aber wozu diese Suche? Denn natürlich findet Cruising für manche Menschen unter innerem Zwang, leidvoll, schädigend oder in seltenen Fällen auch krankhaft statt. Das gilt aber für monogame Formen der Sexualität genauso. Menschen strapazieren ihren Verstand und ihr psychisches Gleichgewicht ohnehin ständig und grundsätzlich, schlichtweg weil sie sexuelle Wesen sind und in ihrem sexuellen Begehren Erfahrungen von Auflösung, Verschmelzung, Trennung, Vernichtung und Bestätigung suchen und machen. Aber ein bestimmtes sexuelles Verhalten für prinzipiell defizitär, mangelhaft oder unreif zu erklären, ist schlichtweg sinnlos. Sinnvoller wäre es da schon eher, davon auszugehen, dass jedes sexuelle Verhalten einen erklärungsbedürftigen Notfall darstellt – und sinnvoll ist.

Erklärungen liefert vielleicht vielmehr, sich selbst zum erklärungsbedürftigen und sinnvollen Phänomen zu machen und bei schwulem Cruising zu beobachten. Was geht bei dieser Form der Sexualität vor und welchen Reiz übt sie aus, sowohl auf diejenigen, die sie praktizieren und schätzen als auch auf diejenigen, die es sein lassen oder ablehnen? Und gibt diese spezielle Form der Sexualität nicht auch Aufschluss über Sexualität im Allgemeinen? Zunächst erscheint es einleuchtend, dass es sich bei Cruising um einen Grenzbereich der Lust handelt. Grenzbereiche werden bei sexuellen Begegnungen zwar immer berührt, aber beim Cruisen sucht man sie offensichtlich in ganz besonderer Weise auf.

Cruising als Spaziergang durch ein vermintes Gebiet

Der Nervenkitzel, der einen beim Cruising häufig begleitet, gleicht einem Spaziergang durch vermintes Gebiet, entlang einer streng bewachten Grenze. Sie verläuft zwischen Gefahr und Sicherheit, Ekstase und Enttäuschung, Jagd und Gejagt-Werden, totaler Trennung und tiefer Verbundenheit. Das, wen mag es wundern, bereitet Angst-Lust, kurzum: Es ist im wahrsten Sinne des Wortes geil! Cruising ist also – innerpsychisch – eine Art angenehmer Ausnahmezustand, eine ganovenhafte und schelmische Angelegenheit, ein Märchen mit sich selbst als Erzähler und Sujet. 

Wer mit der Zeit schwule Cruising-Orte – die Plätze im Freien und auch die kommerziellen Räume wie Saunen und Sexclubs – aufsucht, wird die Erfahrung machen können, dass sich dort die Männer und der Sex nicht zwingend vom „außerhalb“ unterscheiden. Subjektiv verleiht das Glücksspiel des Cruising und sein nicht nur latent verunsicherndes Setting allerdings eine in hohem Maße aufregende Lust. Auf das Erleben dieser Lust oder auch nur auf die Phantasie ihrer Realisierung folgen zugleich nicht selten Gefühle von Schuld und Scham. Viele Menschen phantasieren zwar davon, zu cruisen, aber die Vorstellung der  Umsetzung dieser Phantasie bleibt fremd und beunruhigend.

Lost Fantasies

Genau genommen jagt Cruising vielen nicht selten einen derartigen Schrecken ein, das sie sich selbst den Szenerien und Orten überhaupt nicht nähern oder eben nur – bedrängt von Phantasien über dem Geschehen – daran vorbeilaufen oder darüber schimpfen können. Von diesem Schrecken und seiner Macht nähren sich auch die ziemlich bezeichnenden, abwertenden Vorstellungen über die Männer und Sexualobjekte, die beim Cruising anzutreffen seien: „Alles unattraktive, ungeoutete, unberechenbare und unsichere Typen.“, dämmert es.

Aber selbst, wenn dem so wäre: Was ist denn dabei? Was bedeutet es eigentlich einen Anderen oder sich selbst sexuell nicht auf- sondern auch abzuwerten? Ist es nicht schlichtweg naheliegend, dass die Lost Places einer Stadt auch von den Lost Fantasies ihrer Bewohner:innen – zu denen die „garstigen“ sexuellen Wünsche nach schnellem, beziehungslosem, reduziertem und dennoch unkalkulierbarem Sex zählen dürften – besetzt werden? Warum Sex mit Menschen, die man gut kennt, liebt oder mag, per se angenehmer, schöner oder befriedigender sein soll, leuchtet bei genauerer Betrachtung nicht unbedingt ein. Man muss sich sogar fragen, ob das Schöne und Angenehme denn immer den richtigen Maßstab zur Beurteilung von Sex und sexueller Wünsche darstellt. Fakt ist nämlich auch: Nähe, Zuneigung und langfristige Bindung – und damit auch der Druck, sexuelle Spannung zur anderen Person aufrecht erhalten zu müssen – können ziemlich quälen und furchtbare Angst machen, auch, weil man sich in andauernden Beziehungen verletzlich und abhängig macht und das so lieb Gewonnene verlieren könnte.

Cruising und Scham

Vor diesem Hintergrund verschafft cruisende Sexualität und ihre – rein zeitlich und physikalisch betrachtete – Kurzweiligkeit, Entlastung. Vielleicht hängen also Schuld und Scham, die einen bei oder nach Cruising übermannen, auch mit dem mehr oder weniger bewussten Wissen zusammen, dass man schuldig im Sinne der Anklage ist: Sex ohne (langfristige) Bindung – den man auch noch gerade dafür genossen hat! Ob nun Sexualität in letzter Konsequenz, ohne Schuld und Scham zu haben ist, darf ohnehin ganz grundsätzlich bezweifelt werden. Von den Liebesgöttinnen der alten Zeit heißt es beispielsweise keineswegs, sie seien harmlose und vertrauenswürdige Zeitgenossinnen gewesen, sondern im Gegenteil ziemlich gereizte und kriegerische Wesen. Sie rauben, bestechen und betrügen; und niemand weniger als Aphrodite hat schließlich den Trojanischen Krieg beginnen lassen. Was das mythologische Schlachtfeld nun mit Cruising verbindet, ist das Triumphale. Doch worüber triumphiert das Cruising?

Mein Nachdenken und meine Selbstbeobachtung haben vier Thesen ergeben:

Cruising triumphiert über die Zweisamkeit

Wer einen Sexort betritt, wird unweigerlich zum Sexualobjekt aller oder verspricht und erhofft es sich. Ob und mit wem man sexuelle Handlungen eingeht, ist dafür nebensächlich. Die Schwulen in einer Sauna, einer Toilette, einem Parkplatz oder einem Waldstück bilden ein sexualisiertes Netzwerk, das aufeinander Bezug nimmt. Blicke, Gesten, Codes, Abtasten, Anfassen, Vorbei-Gehen, Streifen, Zuschauen, Blasen, Knutschen, Wichsen, Ficken, Gruppensex, Bukkake, Zwinkern, Grapschen, Warten… all das läuft permanent, sekundenschnell, sich über Stunden hinstreckend, in bleibenden Konstellationen, zeitweiser Zweisamkeit (die zugleich Beobachtern zur Verfügung gestellt wird), in Gruppen und in andauernden oder sehr schnell wechselnden Körper- und Beziehungsgeflechten ab.  Kurzum: Man gehört sich nicht allein und die anderen tun es auch nicht.

Cruising triumphiert über die Individualität

Wer den Sexort betritt, streift etwas ab (z.B. den Alltag oder Anstand) und wird zugleich mit etwas versehen, mit einem Mythos oder auch mit sexueller Anziehungskraft. Ob das die Attraktivität steigert oder sexuelle Begegnungen möglich macht, ist damit nicht gesagt. Aber in einer Cruising-Location sonnen sich alle (im (Halb-)Dunkeln) in einer spezifischen Atmosphäre. Das Setting sexualisiert, es reduziert auf die sexuellen Körper, es verdeckt sie, bis hin zum Darkroom, der sie verhüllt. Das macht es möglich, dass Männer sich begehren, die sich außerhalb dieser speziellen Situation sexuell nicht anziehend finden würden. Der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker nennt dies die „Transgression der individuellen Sexualorganisation“. Bildlich gesprochen mehr als treffend: Das Meer dringt auf das Festland vor.

Cruising triumphiert über das Wort

An einem Sexort wird viel geschwiegen. Das heißt nicht, dass nicht auch gesprochen würde, mitunter reden sich Männer, auch wenn es selten ist, den Mund fusselig. Aber es wird über vieles geschwiegen, das außerhalb der Situation liegt. Cruising entlastet davon, jemanden kennenlernen zu müssen oder für mehr als nur den Moment und die sexuelle Attraktion wertzuschätzen. In Cruising-Settings kommen die merkwürdigsten Dinge zur Sprache und ebenso können die merkwürdigsten Verhaltensweisen, die im Alltag ansonsten böse Worte provozieren würden, völlig unkommentiert bleiben. Sie fallen derart wenig auf, dass nicht einmal mehr ein Wort darauf verschwendet werden muss.

Cruising triumphiert über die Zeit

An einem Sexort besitzt man keine oder kaum Beziehungsgeschichte. Es taucht wer auf, wird wichtig oder unwichtig, und geht wieder fort auf Nimmerwiedersehen, auf ein weiteres Intermezzo, wie auch immer. In aller Regel teilt man mit den Sexualpartnern beim Cruising keine Geschichte und nur eine kurze Gegenwart. Wer einen Sexort betritt, kann in der Zeit verloren gehen. Wie in einer Zeitschleife scheinen die physikalischen Gesetze aufgehoben. Die Zeitdauer von Ereignissen verliert an Bedeutung, ein verschwindend kurzer Moment (ein Blick, eine Berührung, eine Handlung, eine Beobachtung) erhält eine Bedeutung, die den gesamten Aufenthalt und weit darüber hinaus, bis hin zu Jahren oder lebenslang, andauert. Diese Verdichtungen sind für sexuelle Leidenschaft und Erregung, egal in welchem Setting, wesentlich, sie treten beim Cruising aber mitunter besonders zum Vorschein. Es ist als blitze in einem Moment alles auf, was man sich wünscht und was einen ängstigt und es verschmilzt beim Cruisen auf seine eigenwillige und einzigartige Weise.

Letztlich fällt beiderlei ins Auge: Cruising ist einerseits außergewöhnlich, weil gebräuchliche, sexuelle Ordnungen und Kräfteverhältnisse einen Tritt verpasst bekommen. Die Nervosität, die Versprechungen und der Uferübertritt, die dadurch in Gang gesetzt werden, können zu einem sexuellen Erleben führen, das sich von dem, wie wir unsere Sexualität normalerweise ausleben, unterscheidet. Cruising ist andererseits ganz gewöhnlich, weil darin nur in anderer Form enthalten und verdichtet ist, was jede Sexualität antreibt: Spannung, Rätsel, Eroberung. Cruising mit einem triumphalen Gefühl in Verbindung zu bringen, denkt die Sexualität vom Rand und Sonderbaren aus, schenkt dem Wertschätzung ohne cruisenden Sex von seinen abenteuerlichen, rätselhaften und auch entwertenden Anteilen zu entheben. Grenzbereiche aufsuchen, das Individuelle verwässern, gegen Zumutungen von Alltag und Gesellschaft Fremdes und Unbekanntes erleben – das sind Triumphe, die das Leben zuspitzen und abmildern zugleich. Und das ist – wenn man so will – Sexualität.

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