Wo bleibt der Diskurs zu sexueller Gewalt bei schwulen und bisexuellen Männer? Dieser Frage geht unser Autor nach.

Dr. Jann Schweitzer

Im Grunde scheint es ganz einfach: Nein heißt Nein. Sexueller Konsens geht mit aktiver Zustimmung einher, sexuellen Handlungen zu einem bestimmten Zeitpunkt gemeinsam nachzugehen. Beim Konsens geht es darum, sich im Vorfeld darüber zu verständigen, was Lust macht und nicht davon auszugehen, dass schon alles so passt, was beim Sex passiert. Bei dieser Aushandlung geht es auch darum, seine persönlichen Grenzen artikulieren zu können und die Grenzen meiner Partner*innen zu respektieren. In aktuellen feministischen Debatten wird dieses Aushandlungs- und Zustimmungskonzept als Teil der Prävention sexueller Gewalt diskutiert. Da wir als sexuelle Subjekte aber nicht immer wissen, was wir wollen, unsere Grenzen nicht immer klar sind und unseren Vorlieben darüber hinaus auch Veränderungen unterliegen, zeigt, dass ein “Ja heißt Ja”-Prinzip auch an seine Grenzen kommt, wenn es um die Präventions sexueller Gewalt geht.

Das Schweigen brechen

Foto: Spyros Rennt

Dass es mit Zustimmung und Konsens doch nicht so einfach ist, zeigt sich in den letzten Jahren am Beispiel der #MeToo-Bewegung und der Aufdeckung sexueller Übergriffe in der Filmbranche. Diese Bewegung machte es 2017 möglich, um über Sexismus und sexuelle Gewalt als tiefsitzendes gesellschaftliches Problem patriarchaler Herrschaft zu diskutieren und dabei auch Fragen zu sexuellem Konsens zu verhandeln. Im Jahr 2022 fällt allerdings auf, dass diese Fragen bei schwulen und bisexuellen Männern kaum medial oder wissenschaftlich diskutiert wurden und das, obwohl gerade in diesem gesellschaftlichen Klima, die Chancen gut stehen, das bisherige Schweigen gegenüber nicht-heterosexuellen Opfern sexueller Gewalt zu brechen und ernst zu nehmen.

Die Frage nach dem fehlenden Diskurs zu sexueller Gewalt bei schwulen und bisexuellen Männern lässt sich allerdings nicht so einfach beantworten: Es ist einerseits gut möglich, dass schwule und bisexuelle Männer von weitaus weniger sexuellen Übergriffen betroffen sind als Frauen. Eine Studie aus Großbritannien verrät aber, dass 62 Prozent der befragten schwulen Männer bereits gegen ihren Willen auf Partys berührt wurden. Andererseits zeigen uns Studien seit den 1970ern oder Filme, dass Männer für schwulen Sex wie an öffentliche Klappen schon vor Jahrzenten auf non-verbale Codes angewiesen waren, um sich vor heterosexuell-männlicher Gewalt zu schützen und sich mit dem Gegenüber zu versichern, das Gleiche zu wollen. Konsens könnte also schon biographisch ein größerer Teil sexueller Sozialisation schwuler und bisexueller Männer gegenüber heterosexuellen Männern und Frauen darstellen.

Die Sache mit dem Konsens

Das Ausbleiben einer breiten Debatte zeigt, dass es sich um ein kompliziertes Spannungsfeld handelt und dass Konsens in unterschiedlichen Kontexten schwuler Subkultur unterschiedlich funktioniert und ausgehandelt wird. Die Sache wird noch komplizierter, wenn es um Substanzkonsum im Rahmen von Sexualkontakten geht und in welchem Rauschzustand schwule und bisexuelle Männer noch in der Lage sind, ihre Wünsche zu artikulieren.

Wie also wird mit diesem komplexen Zusammenspiel in den Communities umgegangen?

Obwohl seit Jahren ein Aussterben schwuler Sexorte in ganz Deutschland beobachtet werden kann, sind es vor allem schwule Saunen, die sich vergleichsweise gut am Leben halten. Dabei ist es erstaunlich zu beobachten, auf welche Arten und Weisen dort versucht wird, Nähe und Kontakt herzustellen. Konsens und Interesse wird dabei in den meisten Fällen non-verbal signalisiert und ausgehandelt. Etwa durch die Erwiderung einer Berührung beim Vorbeigehen in der Dampfsauna, einer kurzen Berührung am Fuß im Whirlpool oder eines interessierten Blicks beim Schwitzen in der Sauna. Ein Kopfschütteln oder ein Nicken reicht dabei oftmals aus, um zu wissen, wie die nächsten Minuten für die involvierten Saunagäste verlaufen werden.

Ungewollte Berührungen

Nicht so eindeutig ist es hingegen in Bars. Hier lässt sich durchaus kontrovers diskutieren, ob es sich, im Gegenteil zu Darkrooms oder Saunen, um Orte sexueller Freizügigkeit handelt. Obwohl es in Bars oftmals keinen Rückzugsort für Sexualkontakte gibt, sind sie für viele schwule und bisexuelle Besucher sexuell aufgeladene Orte und so können ungewollte Berührungen schnell zu einer Grenzüberschreitung werden. Diese Uneindeutigkeit des Raums eröffnet allerdings auch die Möglichkeit, mit dem eigenen Unbehagen umzugehen und zu lernen wo die eigenen Grenzen liegen, wie sie sich verändern und wie sie verteidigt werden können.

Im Darkroom wird es mit dem Konsens nochmal schwieriger. Ist das Betreten allein schon Zustimmung für jeden sexuellen Kontakt? Können sich zwei oder mehrere Männer, die sich kaum sehen können, überhaupt einigen? Wenn du im Sling liegst, ist das eine eindrückliche Erlaubnis, das alles mit dir gemacht werden darf?

Auf diese Fragen gibt es kein eindeutiges Ja oder Nein. Gestellt und diskutiert werden müssen Sie dennoch. Auch vor dem Hintergrund von Substanzkonsum, der sich unter schwulen Männern nach wie vor großer Beliebtheit erfreut.

Zustimmung, die verschwimmt

In einer bisher einzigartigen Studie aus Großbritannien von Adam Bourne aus dem Jahr 2015 wurden schwule und bisexuelle Männer unter anderem zu ihrem Substanzkonsum und sexuellem Konsens befragt. In dieser Studie gaben drei von 30 befragten Männer an, dass sie Opfer von nicht-konsensuellem Sex geworden sind. So berichten sie unter anderem darüber, das Bewusstsein durch eine Überdosierung von GHB verloren zu haben, um danach festzustellen, dass sie anal penetriert worden sind. Die Penetration, die unter diesen Umständen stattgefunden hat, war nicht konsensuell, dennoch zögerten die befragten Männer, dies als sexuellen Übergriff oder Vergewaltigung zu bezeichnen obwohl sie die Erfahrung als beunruhigend empfanden. Darüber hinaus erwähnten andere Männer im Rahmen der Studie, dass sie die Frage nach sexuellem Konsens in vielen Situationen nicht eindeutig beantwortet konnten. Viele Teilnehmer waren der Meinung, dass die Bereitschaft zur Zustimmung zum Sex auf mehrtätigen Sexparties verschwimmen kann.

Beim Betreten sexueller schwuler Räume, seien es Darkrooms, Saunen oder (Cruising-)Bars, akzeptieren wir, dass sexuelles Verhalten eine sehr willkommene Option ist und jeder die Freiheit hat, daran teilzunehmen. Je nach Setting muss eine ungewollte Berührung nicht immer einen sexuellen Übergriff darstellen. Nein zu sagen oder es anders zu kommunizieren, muss aber immer eine Möglichkeit sein. Darüber hinaus muss es schwulen und bisexuellen Männern aber auch gelingen, sensibel dafür zu sein, dass mein Gegenüber auch mal nicht in der Lage ist, Nein zu sagen. Zum Beispiel dann, wenn Substanzen konsumiert wurden.

Der notwendige Diskurs

Der Diskurs um sexuelle Gewalt und die Prävention sexueller Übergriffe in schwulen Räumen steht bis heute aus und das obwohl bereits zahlreiche Publikationen und Awareness-Konzepte in heterosexuellen und queer-feministischen Kontexten existieren. Dass sich aber das Prinzip von Konsens und Zustimmung als Teil eines Awareness-Konzeptes zur Prävention sexueller Gewalt nicht als hinreichend erweist, zeigen die hier beschriebenen unterschiedlichen Settings und Orte schwuler Subkultur in der sich die schwulen und bisexuellen Männer nicht ausschließlich als autonome und rational handelnde Subjekte bewegen, die zu jeder Zeit wissen sollen, was sie wollen und das auch noch kommunizieren können sollen. Rona Torenz plädiert in ihrem Buch „Ja heißt Ja? Feministische Debatten um einvernehmlichen Sex“ hingegen für eine fehlerfreundlichere Sexualkultur und einen realistischen Umgang mit Ambivalenzen und Grenzüberschreitungen die sie als Teil der Sexualität und als „Multidimensionalität des Wollens“ beschreibt. Zur Prävention sexueller Gewalt und Übergriffe fordert sie deshalb weniger Konsensmoral, dafür aber die konsequente Sichtbarmachung und Bekämpfung von Machtungleichheiten mit dem Ziel der Befähigung zur Reflexion der Subjekte. Eine Forderung, die sich vor dem Hintergrund diverser Sexorte schwuler Subkultur, als besonders vielversprechend für einen Diskurs um sexuelle Gewalt bei schwulen und bisexuellen Männern erweisen könnte.

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