Du hast nach Drogen gesucht | magazin.hiv https://magazin.hiv/ Hintergründe zum Leben mit HIV, Aids, STIs, Hepatitis Mon, 22 Jun 2026 16:32:29 +0000 de hourly 1 https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2022/02/cropped-Favicon_Magazin-32x32.png Du hast nach Drogen gesucht | magazin.hiv https://magazin.hiv/ 32 32 „Gesundheit ist ein Menschenrecht, unabhängig vom Aufenthaltsstatus“ https://magazin.hiv/magazin/migration-hiv-praevention/ https://magazin.hiv/magazin/migration-hiv-praevention/#respond Mon, 22 Jun 2026 15:42:37 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559878

Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil setzt wir als Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen gegen den wachsenden Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit. Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte treffen diese Entwicklungen auf verschiedene Weise besonders hart: vom Abbau des Asylrechts über fehlende Gesundheitsversorgung bis zu ständiger Diskriminierung im Alltag. Dr. Laila Prager, DAH-Referentin für Migration und Flucht, beantwortet fünf Fragen zu Migration und HIV-Prävention.

Porträt vor einem Bücherregal
© Laila Prager
Foto: Laila Prager

Kannst du kurz die aktuelle Situation im Asylrecht zusammenfassen?

Wir erleben derzeit eine deutliche Verschärfung des europäischen und deutschen Asylrechts. Auf EU-Ebene zielt die am 12. Juni in Kraft getretene Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) stärker auf Abschottung, schnellere Verfahren und Rückführungen sowie erweiterte Abschiebehaft, auch für Familien. Schutzsuchende werden zunehmend als sicherheitspolitische Herausforderung behandelt – weniger als Menschen mit Rechten und gesundheitlichen Bedarfen.

Auch in Deutschland beobachten wir eine politische und gesellschaftliche Verschiebung. Leistungskürzungen, Bezahlkarten, Sachleistungen und verschärfte Abschiebepraxis prägen den Diskurs. Gleichzeitig sehen wir immer restriktivere Unterbringungs- und Versorgungsstrukturen. Die Folgen sind überfüllte Sammelunterkünfte, lange Aufenthalte in Erstaufnahmen und eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung. Für viele Menschen entsteht dadurch ein „Gesundheitslotto“: Ihre Chancen auf Unterstützung hängen oft davon ab, in welchem Bundesland oder welcher Kommune sie leben und welche Hilfsnetzwerke sie erreichen können.

Wie wirkt sich diese Entwicklung auf die HIV-Prävention aus?

HIV-Prävention braucht Sicherheit und Vertrauen in Institutionen und einen gerechten Zugang für alle zur Gesundheitsversorgung. Wenn das nicht gegeben ist, dann nimmt man späte Diagnosen und fehlende Prävention in Kauf. Wenn Geflüchtete über lange Zeit in Sammelunterkünften leben, von Abschiebung bedroht sind und Diskriminierung erfahren, wird Prävention deutlich schwieriger. Fehlende Privatsphäre, existentielle Ängste und Fehlinformationen können bei sexuell aktiven oder drogengebrauchen Menschen dann verheerende Konsequenzen haben.

HIV-Prävention funktioniert nicht durch Ausgrenzung, sondern durch Vertrauen, Schutz und Teilhabe.

Laila Prager

Besonders betroffen sind Personen, die neben Flucht und Migration auch Rassismus, Homo- oder Transfeindlichkeit erleben. Wer hierdurch bereits Traumata im Herkunftsort, auf der Flucht und in Deutschland als Aufnahmeland erlebt hat, kämpft durch die Isolation dann oft mit Problemen der mentalen Gesundheit. Menschen, denen es so geht, haben wenig innere Ressourcen sich um die HIV und STI-Prävention zu kümmern.

Queere Geflüchtete brauchen Schutzräume statt zusätzliche Ausgrenzung.

Laila Prager

Daher benötigen etwa queere Geflüchtete Schutzräume und niedrigschwellige Angebote, die ihre Lebensrealitäten ernst nehmen und sie ohne Tabus und Scham beraten. Genauso sollten Menschen, denen man oft eine Sexualnegativität attestiert, wie Muslim*innen, dieselben Möglichkeiten geboten werden.

Wie gelingt es uns in der Aidshilfearbeit, die Betroffenen zu erreichen?

Der wichtigste Schlüssel ist Community-Arbeit. Menschen lassen sich am besten erreichen, wenn Beratung von Personen mit ähnlichen Sprach-, Kultur- oder Migrationserfahrungen mitgestaltet wird oder ein explizit antirassistischer, kultursensibler Ansatz gewählt wird. Deshalb setzen wir bei der Erarbeitung unserer Projekte – ähnlich wie viele Aidshilfen vor Ort – auf Peer-Ansätze, mehrsprachige Angebote und Kooperationen mit migrantischen und queeren Communitys.

Community-Arbeit ist kein Extra – sie ist die Grundlage erfolgreicher Prävention.

Laila Prager

Gute HIV- und STI-Prävention beginnt oft nicht mit einem Gespräch über HIV, sondern mit Vertrauen, Zuhören und Unterstützung im Alltag. Dazu gehört auch Verständnis für die täglichen Hürden, Barrieren und Mikroaggressionen sowie Ängste, die Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete in der heutigen Zeit erfahren. Um allen Mitarbeiter*innen und Berater*innen der Aidshilfen die Unsicherheiten in der Arbeit mit Menschen mit Migrationsgeschichte und Geflüchtete zu nehmen, entwickeln wir vom Referat Migration Vertiefungsseminare, die antirassistische und kultursensible Beratungen in den Blick nehmen.

Mit welchen anderen Projekten reagieren wir auf den steigenden Bedarf?

Wir bauen communitybasierte Prävention gezielt aus und entwickeln neue Wege, Menschen dort zu erreichen, wo klassische Gesundheitsangebote oft nicht ankommen. Dazu gehören Präventionsveranstaltungen mit afrikanischem Pastor*innen in verschiedenen Städte, durch das Aufklärungstheater zum Abbau von HIV-Stigmatisierung in Krankenhäuser, Cafés, Kirchen und Moscheen sowie durch Multiplikatorinnen-Schulungen für junge Migrant*innen, die kreative Methoden wie Tanz oder Graffiti nutzen.

Zakariya Yildiz | DAH
Logo des MAGEF-Netzwerks

Ein aktueller Schwerpunkt unserer Arbeit ist MAGEF, das neugegründete bundesweite Muslimische Gesundheitsförderungs-Netzwerk. Das erste offizielle Event dieses Netzwerks findet am 1. Juli in Hamburg statt: ein gemeinsam mit der Hamburger Aidshilfe und afrikanischen Moscheegemeinden  der Stadt organisierter Präventionstag in der Moschee Shukr. Als Schwerpunkte setzen wir neben HIV, STI und sexueller Gesundheit auch mentale Gesundheit und Resilienz bei Rassismus. Es wird ein Event von der Community für die Community sein, inklusive Gebet, Snacks, Aufklärungstheater und Beratungsangeboten.

Antimuslimischer Rassismus macht krank. Solidarität schützt Gesundheit.

Laila Prager

Das Event findet nicht zufällig am 1. Juli statt. Es handelt sich bei dem Datum um den offiziellen Tag gegen antimuslimischen Rassismus, zudem aktuell auch bundesweite Aktionswochen laufen. Da wollen wir als MAGEF ein besonders klares Signal setzen: „Gesundheit, Teilhabe und der Kampf gegen Rassismus gehören zusammen. Gesundheit ist unteilbar und Religion darf keine Hürde sein!“

Welche Forderungen gibt es aus deinem Bereich an die Politik und Gesellschaft?

Gesundheit ist ein Menschenrecht und darf nicht vom Aufenthaltsstatus abhängen. Wir fordern einen diskriminierungsfreien Zugang zu Gesundheitsversorgung, frühzeitige HIV-Tests und -Behandlungen sowie menschenwürdige Unterbringungsbedingungen für alle Schutzsuchenden. Gleichzeitig braucht es mehr Unterstützung für migrantische Selbstorganisationen, Sprachmittlung und communitybasierte Prävention.

In Zeiten von zunehmendem Rassismus, auch antimuslimischem Rassismus, rechter Stimmungsmache und gesellschaftlicher Polarisierung ist es wichtiger denn je, für Solidarität, Vielfalt und gleiche Rechte einzustehen. Wer Diskriminierung bekämpft, stärkt auch die Gesundheitsversorgung.

Für Menschen auf der Flucht, in Aufnahmezentren, auf der Straße, in Haft und mit prekären Lebensumständen. Für Gesundheit ohne Grenzen!

Mehr zu Migration und HIV-Prävention

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„Öffentliche Gesundheit gehört zu den wichtigsten Anliegen der EU-Bürger*innen“ https://magazin.hiv/magazin/hiv-politik-europa/ https://magazin.hiv/magazin/hiv-politik-europa/#respond Tue, 16 Jun 2026 10:23:30 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559845

Die EU-Kommission fährt die Finanzierung von HIV- und STI-Programmen massiv zurück. Communitygeführte Organisationen in diesem Bereich haben kaum noch Chancen auf eine Förderung. Ferenc Bagyinszky (AIDS Action Europe) berichtet von den Auswirkungen dieser HIV-Politik und dem dringend nötigen Druck auf die Verantwortlichen.  

Anfang Mai 2025 hat die Coalition for a European HIV Response (C4EHR, auf Deutsch etwa: Koalition für eine europäische HIV-Antwort) in einer gemeinsamen Erklärung die Europäische Kommission aufgefordert, eine „nachhaltige, vorhersehbare und zugängliche EU-Finanzierung für communitygeführte HIV-Prävention im Rahmen von EU4Health und des nächsten mehrjährigen Finanzrahmens (2028–2034) sicherzustellen“ (aidshilfe.de berichtete).

Bis zum 12. Mai hatten 155 Organisationen und Institutionen aus dem Bereich HIV, sexuell übertragene Infektionen (STIs) und Gesundheit sowie fast 300 Einzelpersonen den Appell unterzeichnet.

Steigende statt sinkende Zahlen bei HIV-Infektionen und Todesfällen

Europa sei nicht auf Kurs, um die HIV-Epidemie als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit zu beenden, und müsse dringend umsteuern, so die C4EHR.

In ihrer Erklärung verweist die Coalition auf aktuelle Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). So sind die HIV-Neuinfektionen in der WHO-Region Europa, zu der auch die Ukraine und Russland gehören, von 2010 bis 2022 um 5 Prozent gestiegen, statt um 75 Prozent zurückzugehen, bei den HIV-bedingten Todesfällen waren es sogar 37 Prozent mehr. Ähnlich sieht es bei der Zahl der Menschen mit HIV aus, bei denen die Virenvermehrung durch HIV-Medikamente wirksam unterdrückt ist, sodass beim Sex keine Infektion mehr möglich ist: Dies ist nur bei 70 % der Fall.

In dieser Situation erscheint es umso unverständlicher, dass die EU ausgerechnet communitygeführte Organisationen im Regen stehen lässt. Sie haben von Beginn der Aidskrise an eine zentrale Rolle bei der Prävention wie bei der Versorgung und Unterstützung von Menschen mit HIV und Aids gespielt, sind nun aber akut bedroht.

„Die Lage sieht nicht gut aus.“

Ferenc Bagyinszky von AIDS Action Europe zur HIV-Politik in Europa und darüber hinaus

„Wenn diese tragende Säule in der HIV-Bekämpfung fehlt, wird das ganze System zusammenbrechen“, sagt Ferenc Bagyinszky, Exekutivkoordinator von AIDS Action Europe (AAE; dem Netzwerk gehören mehr als 370 NGOs, nationale Netzwerke und communitybasierte Gruppen aus 47 Ländern der WHO-Region Europa an). Die Folge: eine steigende Zahl von Neuinfektionen wie auch von Spätdiagnosen, nicht nur in der Europäischen Union, sondern in ganz Europa.

Bagyinszky erläutert, wie die Kürzungen aussehen: So hat die Europäische Kommission das Budget ihres strategischen Arbeitsprogramms EU4Health für 2025 um eine Milliarde Euro gekürzt. Zum Opfer gefallen sind dem sämtliche HIV-spezifischen Fördermöglichkeiten – bis dahin die wichtigste Finanzierungform der EU in diesem Bereich. Derzeit gibt es nur wenige gemeinsame Maßnahmen (sogenannte „Joint Actions“), für die sich zudem ausschließlich Mitgliedstaaten und öffentliche Gesundheitsinstitutionen bewerben können. Ein ebenfalls über das EU4Health-Programm finanziertes Arbeitspaket befasst sich zwar mit HIV-Stigmatisierung und -Diskriminierung im Gesundheitswesen, doch auch hier ist eine Communitybeteiligung explizit ausgeschlossen.

Speziell Gesundheits-NGOs leiden unter Politik der EU-Kommission

Zudem wurden die EU4Health-Arbeitsprogramme und die damit verbundenen Ausschreibungen zuletzt immer später veröffentlicht. Statt bereits im Vorjahr, wie es für eine verlässliche Planung notwendig ist, wurde das Programm für 2025 erst im Juli desselben Jahres vorgelegt. Ob und wann ein Programm für das Geschäftsjahr 2026 veröffentlicht wird, ist nicht bekannt. Die Kommission schweigt sich dazu aus. Die EU-Programme für andere Bereiche kennen solche Probleme nicht.

Die Arbeit der im Gesundheitsbereich engagierten Nichtregierungsorganisationen ist zudem durch eine andere nicht nachvollziehbare Entscheidung gefährdet: 2024 hatten rund 30 Organisationen, darunter AIDS Action Europe, aber auch Netzwerke zu seltenen Krankheiten oder Alkoholismus, noch eine sogenannte Rahmenpartnerschaftsvereinbarung mit der Kommission für die Jahre 2025 und 2026 unterzeichnet. Sie sollte garantieren, dass diese Organisationen gezielt eingeladen werden, sich auf Ausschreibungen für „operating grants“, also institutionelle Förderung zu bewerben, mit denen deren Kerntätigkeiten in Teilen oder gänzlich finanziert werden – beispielsweise Personalkosten, Büromieten und Schulungen. Doch als dann im Juli 2025 das Arbeitsprogramm endlich veröffentlicht wurde, waren Betriebskostenzuschüsse komplett gestrichen – und zwar nur bei Gesundheits-NGOs. Andere Programme der EU, etwa im Bereich Bürgerrechte oder Sozialfonds, gewähren europäischen zivilgesellschaftlichen Organisationen weiterhin „operating grants“. Mittlerweile untersucht die Europäische Ombudsstelle den Fall.

An Nichtregierungsorganisationen und Netzwerke im Bereich HIV, Hepatitis, Tuberkulose und STIs wurden nach Schätzung von Bagyinszky jährlich lediglich Fördermittel in Höhe von rund einer Million Euro jährlich ausgezahlt – eine äußerst bescheidene Summe angesichts des Gesamtbudgets des EU-Haushalts 2021–2027 von etwa zwei Billionen Euro (inklusive Aufbaufonds Next Generation EU mit etwa 650 Mrd. Euro).

Auch andere Fördermöglichkeiten für HIV-NGOs sind weggebrochen

Nach Monaten der Unsicherheit war der Wegfall der institutionellen Förderungen für die betroffenen Organisationen ein Schock. Viele müssen Personal entlassen und ihre Angebote stark reduzieren, anderen droht sogar das Aus, weil sie die elementaren Kosten nicht anderweitig finanzieren können. Manche Organisationen mussten ihre Büros komplett schließen und arbeiten jetzt nur noch ehrenamtlich.

„Die Lage sieht also nicht gut aus“, so Ferenc Bagyinszky zur Situation in Europa und darüber hinaus. Denn nicht nur die Trump-Regierung hat massiv Mittel im HIV-Bereich gekürzt, auch UNAIDS und die Weltgesundheitsorganisation haben Gelder verloren. Auch andere Finanzierungsmechanismen seien eingebrochen, so etwa der US-finanzierte Robert Carr Fund, der marginalisierte HIV-Schlüsselgruppen dabei unterstützt, Zugang zu Gesundheitsdiensten zu erhalten – die wichtigen Geldgeber USA und Niederlande haben sich zurückgezogen.

Wie viele andere Organisationen versucht auch AIDS Action Europe, die Finanzierungslücken durch kleinere Förderungen aus anderen Quellen auszugleichen. Doch dies gestaltet sich immer schwieriger, denn Fördermittel werden weltweit gekürzt, während gleichzeitig der Bedarf steigt. AIDS Action Europe konnte deshalb eine frei gewordene Stelle nicht neu besetzen und musste bereits Aktivitäten reduzieren.

Im Juni wird ein Steuerungskomitee aus Vertreter*innen der AAE-Mitgliedsorganisationen darüber beraten, wie das Netzwerk unter diesen neuen Bedingungen so aufgestellt werden kann, dass es finanzierbar bleibt und gleichzeitig die Bedürfnisse der Mitgliedsorganisationen erfüllen kann.

„Health Emergency Preparedness“ statt Beschäftigung mit HIV, Hepatitis und Tuberkulose?

Zuvor aber geht es darum, die Verantwortlichen innerhalb der EU davon zu überzeugen, dass im HIV-Bereich weiterhin Handlungsbedarf besteht.

„Bei vielen herrscht der Eindruck vor, es sei bereits genug Geld in HIV investiert worden und die HIV-Versorgung funktioniere bestens“, so Ferenc Bagyinszkys Wahrnehmung. Dabei würden jedoch die enormen Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten wie auch zu den Nachbarländern völlig ignoriert. „In Deutschland zum Beispiel gibt es gesicherten Zugang zur HIV-Behandlung nur, wenn man krankenversichert ist – es ist also kein universeller Zugang. Dasselbe gilt für die PrEP: Theoretisch ist sie verfügbar, aber wenn etwa eine Frau aufgrund ihres persönlichen Risikos PrEP nutzen möchte, ist der Zugang für sie extrem schwierig.“ Dafür fehle es letztlich am politischen und finanziellen Willen.

„Wir müssen die europäischen Institutionen weiter unter Druck setzen, damit sie eine angemessene Finanzierung sicherstellen.“

Ferenc Bagyinszky, AIDS Action Europe

Gleichzeitig werde aufgrund der geopolitischen Lage und wahrscheinlich auch aufgrund der Erfahrungen mit COVID-19 inzwischen sehr viel Geld für „Health Emergency Preparedness“ ausgegeben – also für die Vorbereitung auf zukünftige Gesundheitskrisen. Doch im gleichen Zug würden bestehende Probleme vernachlässigt und HIV, virale Hepatitis und auch Tuberkulose gerieten aus dem Blick.

Hinzu kommt, dass zivilgesellschaftliche Organisationen rechten Kräften im Europäischen Parlament bereits seit einigen Jahren ein Dorn im Auge sind. Um sie zu diskreditieren, wird die Erzählung gesponnen, NGOs würden nicht transparent arbeiten beziehungsweise nicht im Interesse der Menschen, sondern der Industrie handeln.

Weckruf für die HIV-Prävention

Die Gemeinsame Erklärung der Coalition for a European HIV Response, zu der unter anderem die DAH, das Europäische Netzwerk von Drogenkonsumierenden (EuroNPUD), die Europäische Allianz für die Rechte von Sexarbeiter*innen (ESWA) und Fachgesellschaften wie die European AIDS Clinical Society und die International AIDS Society gehören, ist in dieser Situation ein Weckruf. Dies gilt auch für die Aufforderung an die EU, nicht nur in ihren Mitgliedsländern, sondern darüber hinaus in Nachbarstaaten, insbesondere in osteuropäischen Ländern, Verantwortung für HIV-Maßnahmen zu übernehmen, da das Virus sich von einer Staatsgrenze nicht aufhalten lasse. Die Koalition sieht zudem eine Chance, dass Europa eine stärkere globale Führungsrolle auf diesem Gebiet übernimmt. 

In Brüssel hat die Deklaration bereits einige Verantwortliche zum Nachdenken gebracht. „Wir wissen, dass sowohl Mitgliedsstaaten als auch Europaabgeordnete die Kommission bereits aufgefordert haben, die ‚operating grants‘ für Gesundheits-NGOs wieder einzuführen“, sagt Ferenc Bagyinszky. Gleichzeitig wachse das politische Interesse an der HIV-Situation in Europa und weltweit.

Die Zeit jedoch drängt – auch angesichts des hochrangigen HIV-Treffens der Vereinten Nationen am 22. und 23. Juni 2026, auf dem eine neue politische UN-Erklärung zu HIV verabschiedet werden soll. Bereits im vergangenen Dezember verabschiedete der UNAIDS-Vorstand die neue globale Aids-Strategie für 2026 bis 2031. Eine ihrer zentralen Säulen ist die Führungsrolle der Communitys – auf die die EU jedoch glaubt, verzichten zu können.

Bis zum Treffen im Juni soll nun politischer Druck aufgebaut werden, und zwar sowohl auf nationaler Ebene als auch innerhalb der EU. „Nationale NGOs müssen ihre Regierungen dazu drängen, vorbereitet nach New York zu reisen und sich für die politische Erklärung einzusetzen“, erklärt Bagyinszky. Viele Staaten versuchten nämlich jetzt schon, bereits vereinbarte Begriffe wie „Schlüsselgruppen“, „Geschlechtervielfalt“, „Menschenrechte“, „sexuelle Rechte“ oder „reproduktive Rechte“ wieder infrage zu stellen. „Gleichzeitig müssen wir die europäischen Institutionen weiter unter Druck setzen, damit sie eine angemessene Finanzierung sicherstellen – nicht nur jetzt, sondern auch im nächsten EU-Haushalt“, so Bagyinsky weiter. „Öffentliche Gesundheit braucht ein eigenes Budget. Denn öffentliche Gesundheit gehört zu den wichtigsten Anliegen der EU-Bürger*innen.“

Bei der Vorstellung der Gemeinsamen Erklärung im EU-Parlament hat ein Europaabgeordneter den beteiligten NGOs seine Unterstützung zugesagt und ihnen einen für Ferenc Bagyinszky entscheidenden Auftrag mitgegeben: „Bleibt unbequem.“ Genau darin sieht Bagyinszky jetzt die Rolle der Zivilgesellschaft und der Communitys: unbequem zu bleiben und Druck zu machen: „Wenn wir jetzt aufgeben, ist der Kampf verloren. Wir müssen sowohl auf lokaler Ebene als auch auf nationaler und europäischer Ebene Druck ausüben, damit Gesundheit, Soziales und Bildung nicht geopfert werden, weil sich alles nur noch um Krieg, Verteidigung und Notfälle dreht.“

Mehr zum Thema HIV-Politik

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Grenzenlos solidarisch: Positive Begegnungen 2026 https://magazin.hiv/magazin/grenzenlos-solidarisch-positive-begegnungen-2026/ https://magazin.hiv/magazin/grenzenlos-solidarisch-positive-begegnungen-2026/#respond Mon, 08 Jun 2026 12:48:08 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559824

Europas größte HIV-Selbsthilfe-Konferenz, die Positiven Begegnungen (kurz: PoBe), findet vom 13. bis 16. August in Magdeburg statt. Was die rund 400 Teilnehmenden diesmal unter dem Motto „Grenzenlos (und) solidarisch“ erwartet, verrät Heike Gronski, DAH-Fachreferentin „Leben mit HIV“ und Organisatorin der Konferenz.

Die Positiven Begegnungen finden in der Regel alle zwei Jahre statt und sind das zentrale Ereignis für die HIV-Community und HIV-Selbsthilfe. Gibt es thematische Schwerpunkte, die bei der Konferenz im Zentrum stehen werden?

Für das Programm hat ein Team mit Menschen aus den verschiedenen Communitys über viele Monate hinweg all die Themen zusammengetragen, die die Menschen mit HIV derzeit besonders beschäftigen. Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner vor Ort, dem Zentrum für sexuelle Gesundheit Magdeburg, haben wir nun ein umfangreiches Programm zusammengestellt, das diese aktuellen Fragen und Herausforderungen in fünf Überthemen bündelt, die jeweils von Impulsvorträgen eingeleitet werden.

Das umfangreiche Programm bündelt aktuelle Fragen in fünf Überthemen: inklusives Gesundheitssystem, positiv im Alter, Digitalisierung im Gesundheitswesen, Rausch ohne Stigmatisierung und solidarisches Miteinander.

Unter dem Titel „Selbsthilfe bleibt aktiv: Für ein inklusives Gesundheitssystem“ werden wir uns mit Mental Health, den neuen Richtlinien für Schwangere mit HIV, der Diskriminierung marginalisierter Gruppen im Gesundheitswesen und der Heilungsforschung beschäftigen. Im Themenbereich „Selbsthilfe bleibt im Wandel: Für positive Aussichten im Alter“ geht es unter anderem um alternative Wohn- und Pflegemodelle und darum, wie wir mit den altersbedingten gesundheitlichen Herausforderungen umgehen.
Ein weiterer Schwerpunkt widmet sich den Chancen sowie den potentiellen Gefahren, die sich durch „Künstliche Intelligenz“ und Digitalisierung ergeben. Wir wollen uns unter anderem darüber austauschen, was die fortschreitende Digitalisierung im Gesundheitswesen bedeutet, und wie sie in der Selbsthilfe und Beratung als hilfreiches Werkzeug eingesetzt werden kann.

Im Themenblock „Selbsthilfe bleibt selbstbestimmt: Für Rausch ohne Stigmatisierung“ wird es Gelegenheit gebe, eigene Erfahrungen mit Chemsex zu reflektieren und über die Drogenpolitik und Druck-Checking zu diskutieren. Den Fünften Themenstrang haben wir mit „Selbsthilfe bleibt stabil: Für ein solidarisches Miteinander“ überschrieben.

Dieser Titel spielt natürlich auf die DAH-Kampagne „Aidshilfe bleibt stabil“ an.

Richtig. Wir sind mit den Positiven Begegnungen in Sachsen-Anhalt zu Gast, wo drei Wochen später Landtagswahlen stattfinden werden. Der Rechtsruck in der Gesellschaft und die damit verbundenen Themen wie Rassismus, Antifeminismus und Queerfeindlichkeit betrifft Aidshilfen und die verschiedenen Communitys in ganz besonderem Maße. Wir wollen uns in verschiedenen Workshops nicht nur über die politischen Entwicklungen und deren Folgen austauschen bzw. Handlungsmöglichkeiten entwickeln, sondern auch der Frage nachgehen, inwieweit unsere eigenen Vorurteile der Realität standhalten. Wählt der Osten wirklich anders und wenn ja, warum? Wir wollen aber auch über den eigenen Tellerrand hinausschauen und die Entwicklungen in Europa und im Rest der Welt in den Blick nehmen. Zum Beispiel, welche Folgen die Kürzungen im Gesundheitsbereich auf europäischer sowie globaler Ebene haben und was die erneute Kriminalisierung von LGBTIQ* in vielen Ländern für die Communitys dort und für uns bedeutet.

In den letzten beiden Positiven Begegnungen war die ukrainische Community sehr stark eingebunden.

Das wird auch in dieses Jahr wieder der Fall sein. Wir haben ohnehin versucht, bei der Programgestaltung eine größtmögliche Diversität bei den Teilnehmenden zu ermöglichen.
Es wird also Programmpunkte geben, die jüngere bzw. ältere Menschen im besonderen Maße ansprechen, und wir berücksichtigen Themen, die für Menschen aus den migrantischen Communitys – sowohl aus den afrikanischen als auch aus dem osteuropäischen Raum – von besonderer Bedeutung sind.

Ein kleiner Themenstrang wiederum richtet sich explizit an russischsprachige Aktivist*innen, die Drogen konsumieren, um so die Strukturen dieser Community zu fördern. Ein weiterer Workshop wird von in Deutschland lebenden Ukrainer*innen mit HIV gestaltet. Bei vielen Veranstaltungen werden wir eine Übersetzung sowohl ins Englische und Französische als auch ins Russische und Ukrainische anbieten, sodass Begegnungen auch über Sprachgrenzen hinweg möglich sein werden. Damit auch Eltern entspannt an der Konferenz teilnehmen können und die Kinder gut versorgt wissen, werden wir wieder eine umfangreiche Kinderbetreuung ermöglichen.

© DAH | Bild: Johannes Berger
Heike Gronski auf den Positiven Begegnungen 2022

Die Konferenz ist vor über 25 Jahren aus der Bundespositivenversammlung hervorgegangen. Seitdem richten sich die Positiven Begegnungen nicht mehr nur an Menschen mit HIV. Wer ist dazu eingeladen und kann sich anmelden?

In der Tat sind die Positiven Begegnungen nicht nur für Menschen mit HIV offen, sondern für alle, die im HIV-Kontext leben und arbeiten. Also beispielsweise An- und Zugehörige und Menschen, die beispielsweise im Gesundheitswesen oder in Aidshilfen tätig sind. Wir erhoffen uns dadurch bei vielen Themen, die auf der Tagesordnung stehen, einen regen und produktiven Austausch. Ich denke da etwa an das Thema Alter: Wie können Aidshilfen und andere Institutionen Hand in Hand mit der Selbsthilfe die zukünftigen Bedarfe meistern?

Die Positiven Begegnungen sind nicht mehr nur für Menschen mit HIV offen, sondern für alle, die im HIV-Kontext leben und arbeiten, wie An- und Zugehörigen oder Mitarbeitenden im Gesundheitswesen oder Aidshilfen.

Worauf dürfen sich die Konferenzteilnehmenden jenseits der zahlreichen Workshops freuen?

Zum Beispiel auf die große Eröffnungsveranstaltung, zu der wir die junge ghanaische Musikerin und trans Aktivistin Angel Maxine erwarten. Wir freuen uns sehr, dass wir die Antidiskriminierungsbeauftragte des Bundes, Ferda Ataman, als Schirmfrau der Positiven Begegnungen gewinnen konnten. Sie wird leider nicht anreisen können, aber eine Grußbotschaft an alle Teilnehmenden senden. Für den Samstag planen wir eine Demonstration durch die Magdeburger Innenstadt und am Abend werden wir die Konferenz mit einem Fest abschließen.

Anmeldung zu den Positiven Begegnungen vom 13. bis 16. August 2026 in Magdeburg sind über seminar.aidshilfe.de möglich. Dort gibt es auch nähere Informationen zur gestaffelten Teilnahmegebühr, zur Unterkunft und zum Ablauf.  

Weiterlesen

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Neue Leitlinie zur Behandlung von Menschen, die Opioide konsumieren https://magazin.hiv/magazin/leitlinie-behandlung-opioide/ https://magazin.hiv/magazin/leitlinie-behandlung-opioide/#respond Fri, 08 May 2026 11:49:10 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559729

Fast drei Jahre wurde an ihr gearbeitet, im Februar 2026 wurde sie veröffentlicht: Die Leitlinie „Opioidbezogene Störungen“ macht Hoffnung auf eine bessere medizinische Versorgung, so Dirk Schäffer von der Deutschen Aidshilfe, der an ihr mitgearbeitet hat.

Dirk, die neue Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie ist eine sogenannte S3-Leitlinie. Kannst du uns erläutern, was S3-Leitlinien sind?

S3-Leitlinien sind die höchste Qualitätsstufe[1] evidenzbasierter medizinischer Leitlinien in Deutschland, herausgegeben von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Sie basieren auf systematischer Erhebung der wissenschaftlichen Fakten, ihrer Bewertung und einem strukturierten Konsensprozess durch Expert*innen. S3-Leitlinien bieten damit evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen und dienen der Vereinheitlichung von Behandlungsstandards, etwa in der Suchtmedizin.

Noch viel zu oft müssen sich [Opioide konsumierende] Patient*innen mit Therapien und Auflagen herumschlagen, die nicht zu ihrer Lebenssituation passen und die ihren Alltag unnötig erschweren.

Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen Aidshilfe

Mitgewirkt haben um die 70 Personen, darunter du als Drogenreferent der Deutschen Aidshilfe und auch als Aktivist der Selbsthilfe. In der Leitlinienkommission standest du für die Bürger*innen- und Patient*innenbeteiligung. Wie sah diese Arbeit aus?

Ich war erstmals Teil eines solchen Prozesses und hatte den Vorsitz einer Arbeitsgruppe zum Thema Selbsthilfe bzw. Selbstorganisation. Darüber hinaus war ich auch Mitglied einer weiteren Arbeitsgruppe zum Thema Versorgungsfragen. In diesen Arbeitsgruppen haben wir uns mehrere Male online getroffen und die entsprechenden Abschnitte der Leitlinie erarbeitet, diskutiert und schließlich zum Konsens gebracht.

Was sind die Ziele der Leitlinien?

An erster Stelle steht, dass die Versorgungsqualität verbessert werden soll. Das ist auch dringend nötig, denn noch viel zu oft müssen sich Patient*innen mit Therapien und Auflagen herumschlagen, die nicht zu ihrer Lebenssituation passen und die ihren Alltag unnötig erschweren.

Ein Beispiel ist, dass viele Ärzt*innen sogenanntes retardiertes Morphin für die Take-Home-Versorgung ausschließen – das heißt, man muss für jede Tablette in die Praxis kommen, anstatt das Medikament wie bei anderen Wirkstoffen für mehrere Tage mit nach Hause zu bekommen.

Die Praxen sind voll und es ist kein Platz für neue [Substitutions-]Patient*innen.

Dirk Schäffer, Deutsche Aidshilfe

Ein weiteres Ziel ist die bessere Zusammenarbeit der verschiedenen Beteiligten an der Patient*innenversorgung. Die Leitlinie richtet sich an Fachpersonal im ambulanten, stationären und teilstationären Bereich. Dazu gehören unter anderem Ärzt*innen in der Grundversorgung und Spezialversorgung, Psycholog*innen und Psychotherapeut*innen, aber auch Pflegekräfte und Sozialarbeiter*innen.

Und nicht zuletzt sollen die Leitlinien auch dazu beitragen, dass mehr Ärzt*innen in die Behandlung opioidabhängiger Menschen einsteigen. Denn leider zeigen die jüngsten Daten zum Substitutionsregister, dass die Zahl der substituierenden Ärzt*innen auf einen historischen Tiefstand gesunken ist.

2025 haben gut 2.300 Ärzt*innen fast 79.000 Substitutionspatient*innen behandelt, wobei 501 von diesen Ärzt*innen nur jeweils bis zu zehn Patient*innen hatten, weil sie keine suchtmedizinische Qualifikation haben, sondern im Rahmen des sogenannten Konsiliarverfahrens unter Anleitung einer suchtmedizinisch erfahrenen Person handeln. Das Ergebnis: Die Praxen sind voll und es ist kein Platz für neue Patient*innen.

Die ersten Leitlinien zur „Therapie der Opiatabhängigkeit“ wurden 2011 bis 2013 entwickelt, um insbesondere die Substitutionstherapie zu regeln. Was hat sich seither getan, was sind die Neuerungen bei den aktuellen Leitlinien?

Es ist nicht ganz einfach, die mehr als 270 Seiten Leitlinie in aller Kürze zusammenzufassen. Allerdings kann man einige bemerkenswerte Veränderungen herausgreifen. Zum Beispiel schon allein, dass es ein Kapitel zur stützenden Funktion der Suchtselbsthilfe und zur Selbstorganisation von Menschen gibt, die Opioide konsumieren – diese Wirkung ist ja wissenschaftlich mittlerweile gut belegt. Das hat sich dann in den Empfehlungen 13.1 bis 13.3 niedergeschlagen, dass nämlich Patient*innen immer auch auf regionale Selbsthilfegruppen und Online-Selbsthilfeangebote hingewiesen werden sollen.

„Die Auswahl des Arzneimittels zur Substitutionsbehandlung sollte sich nach der von Betroffenen präferierten und zugelassenen Applikationsform richten.“

Zitat aus der S3-Leitlinie Opioidbezogene Störungen

Außerdem würde ich die verstärkte Einbeziehung der Patient*innen bei der Wahl des Medikaments und der Anwendungsform hervorheben. Der entsprechende Satz in der Leitlinie heißt: „Die Auswahl des Arzneimittels zur Substitutionsbehandlung sollte sich nach der von Betroffenen präferierten und zugelassenen Applikationsform richten.“

Grundlage dafür ist auch, dass jetzt alle zur Substitutionsbehandlung zur Verfügung stehenden Wirkstoffe wie Methadon, Levomethadon, Buprenorphin, Buprenorphin/Naloxon, retardiertes Morphin oder Diamorphin gleichrangig bewertet werden.

Viele denken beim Thema Therapie für Menschen, die Opioide konsumieren, wahrscheinlich an das Ziel Abstinenz. Kommt dieses Thema eigentlich auch in den Leitlinien vor?

Ja, aber vor allem in dem Sinne, dass mit den Patient*innen besprochen werden soll, was ein realistisches Ziel für sie ist – die langfristige Substitutionstherapie oder eine qualifizierte Entzugsbehandlung zum Erreichen einer Abstinenz. Und wenn sich Patient*innen in einer Substitutionsbehandlung befinden, soll ein Entzug nur dann angeboten werden, wenn ansonsten die Ziele der Substitution gefährdet sind oder ein Abbruch droht oder wenn Patient*innen selbst immer wieder den Wunsch nach einer Entzugsbehandlung äußern.

In der Leitlinie gibt es auch Empfehlungen zum Thema Schadensminimierung, also zur Senkung der Risiken beim Opioidkonsum. Das würde man ja in einer klassischen Behandlungsleitlinie nicht unbedingt erwarten, oder?

Ich persönlich war auch sehr überrascht, dass die Leitlinie Empfehlungen zum Thema Schadensminderung aufgenommen hat. Konkret werden die bedarfsgerechte Vergabe von Konsumutensilien, Drogenkonsumräume, Take-Home-Naloxon – um bei Drogennotfällen Leben zu retten –, Straßensozialarbeit und niedrigschwellige Kontaktläden genannt. Der Gedanke ist, dass man mit diesen Angeboten die Gesundheit erhält – zum Beispiel, indem man Übertragungen von HIV und Hepatitis C, Abszesse oder Überdosierungen verhindert – und die Inanspruchnahme von Therapien und Behandlungen verbessert.

Ich habe die klare Erwartung, dass Mediziner*innen in der Substitutionsbehandlung diese Leitlinien ernst nehmen und die Empfehlungen, die alle auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse in hoher Übereinstimmung verabschiedet wurden, auch in die Praxis umsetzen.

Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen Aidshilfe

Gibt es noch etwas, was du hervorheben willst?

Ich habe mich sehr gefreut, dass das Thema Take-Home-Naloxon mit einer klaren Empfehlung benannt wird. Naloxon soll opioidabhängigen Personen zur Verringerung drogenbedingter Todesfälle zur Verfügung gestellt werden. Dies gilt selbstverständlich auch für die Substitutionsbehandlung und ich habe Hoffnung, dass diese Empfehlung zur flächendeckenden Verbreitung von Naloxon-Nasensprays beiträgt. Leider ist es nämlich noch immer so, dass Menschen, die sich Naloxon-Spray verschreiben lassen wollen, oft vor unnötigen Hürden stehen.

Welche Hoffnung verbindest du mit den neuen Leitlinien?

Ich habe die klare Erwartung, dass Mediziner*innen in der Substitutionsbehandlung diese Leitlinien ernst nehmen und die Empfehlungen, die alle auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse in hoher Übereinstimmung verabschiedet wurden, auch in die Praxis umsetzen.

Dies gilt insbesondere für die engere Einbeziehung der Patient*innen in wesentliche Entscheidungen über Behandlungsziele, eingesetzte Medikamente und Anwendungsformen. Auch die Empfehlung zu Take-Home-Naloxon ist extrem wichtig für die Selbstbestimmung und Teilhabe.

Und nicht zuletzt bieten die Leitlinien Menschen, die sich damit beschäftigen, ob sie in der Substitutionsbehandlung aktiv werden wollen, einen klaren und verlässlichen Rahmen und eine gute Grundlage für eine Entscheidung für diese wichtige Behandlungsform.

Die neuen S3 Leitlinien sind hier zu finden:


[1] Anm. d. Red.: S1-Leitlinien sind Handlungsempfehlungen von Expert*innengruppen, die informell einen Konsens finden; S2k-Leitlinien sind konsensbasierte Leitlinien eines repräsentativen Gremiums, die in einem strukturierten Verfahren einen Konsens finden; S2e-Leiltinien sind evidenzbasierte Leitlinien, die auf systematischer Recherche, Auswahl und Bewertung der Literatur basieren. S3 Leitlinien verbinden die evidenz- und die konsensbasierten Leitlinien; vgl. https://www.awmf.org/regelwerk/stufenklassifikation-nach-systematik


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Martina H.: Ich habe meine Jahre der Sucht wenig als negativ erlebt und bereue nichts https://magazin.hiv/magazin/interview-martina-drogengebrauch/ https://magazin.hiv/magazin/interview-martina-drogengebrauch/#comments Fri, 08 May 2026 09:57:28 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559702

Martina H. fing als Teenager an, Heroin zu konsumieren. Später hat sie dann die Selbstorganisation JES Berlin mitbegründet. Im Interview mit magazin.hiv erzählt sie ihre Geschichte.

Martina, du hast angefangen, Heroin zu konsumieren, ungefähr als das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ über Christiane Felscherinow erschien, oder?

Ja, Anfang der 80er [„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erschien 1978, Anm. d. Red.]. Das Buch habe ich in der 9. Klasse gelesen. Das weiß ich noch wie heute, wie ich es unter dem Schultisch verschlungen habe. Es hat mich wirklich inspiriert.

Was daran?

Das Berliner Nachtleben zum Beispiel. Ich wuchs in einer bürgerlichen Kleinstadt auf, zusammen mit meiner jüngeren Schwester, Großeltern, Tanten und Cousins. Ich war ein Opakind. Samstags putzten alle Männer ihre Autos und die Frauen fegten die Bürgersteige oder arbeiteten im Garten. Alle taten dasselbe, und wenn jemand mal nicht sichtbar war, fragte man besorgt: „Alles in Ordnung bei euch? Ist jemand krank?“ Das war nichts für mich. Ich dachte mir immer, ich erwarte irgendwie mehr vom Leben.

Dann las ich das Buch – und war begeistert. Es war so toll beschrieben, was diese jungen Menschen alles erlebten. Das hat mich völlig angefixt, das wollte ich auch haben. Einen Teil davon in unserer Kleinstadt zu finden, war dann gar nicht mehr so weit. Bei uns gab es einen Club, eine Diskothek, wie wir damals sagten. Und auch wenn man noch keine 16 Jahre alt war, so wie meine Freundinnen und ich, war es sehr einfach, reinzukommen.

Und da gab es dann gleich alles? Auch Sachen zum Spritzen?

Nicht alles, was es heute gibt, aber genau, auch zum Spritzen. Der Kontakt war sehr schnell hergestellt. Wenn du einmal da warst, dann hattest du Christiane F. gleich ganz nah.

Das Buch beschreibt auch deutlich die negativen Erlebnisse, die mit ihrem Heroinkonsum einhergingen. Warum war das nicht abschreckend?

Der Reiz und die Versuchung waren einfach größer. Die paar negativen Zeilen, die kamen mir unbedeutend vor. Das andere hat überwogen, es war viel mächtiger.

Wie ging es weiter, nachdem du als Teenager angefangen hast, Heroin zu konsumieren? Hast du die Schule abgeschlossen?

Ja. Ich habe mit 16 eine einjährige Ausbildung als Bekleidungsnäherin in einer Hosenfabrik gemacht und danach in einer Polstermöbel-Fabrik gearbeitet. Mit 18 war ich aber nicht mehr imstande, täglich zur Arbeit zu gehen. Anfangs war ich mehr auf Speed unterwegs und konnte damit sehr gut und schnell nähen. Wenn der Chef freitags fragte „Wer kommt Samstag zur Arbeit?“ war ich immer dabei, weil ich sowieso die Nacht durchgemacht habe.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ hat mich wirklich inspiriert.“

Aber als ich dann stark auf Heroin war, ging das nicht mehr. Mein Chef kam sogar zu meiner Mutter und fragte, was denn mit dem Mädchen los sei, „sie war doch immer so fleißig“. So ging es abwärts und bald bin ich dann zum ersten Mal beim Klauen erwischt worden. Da kippte langsam auch zu Hause alles.

Dein mehrjähriger Konsum war bis dahin also nicht aufgefallen?

Nein, die ersten ein, zwei Jahre nicht. Als es rauskam, ist meine Mutter zur Drogenberatung gegangen, um sich Hilfe holen. Die Hilfe der Drogenberatung bestand jedoch darin zu sagen: „Entweder das Kind will jetzt zur Therapie gehen oder du musst es vor der Tür setzen.“ Sozusagen mit der Pistole auf der Brust hat man mir diese beiden Möglichkeiten gegeben, also habe ich mich mit 18 zu meiner ersten Therapie breitschlagen lassen. Ich war zu dem Zeitpunkt auch wegen Diebstählen vor Gericht und durch die Therapie bekam ich eine Bewährungsstrafe statt Haft[1].

Nach drei Monaten habe ich die Therapie aber abgebrochen, der Haftbefehl ging raus und ich kam das erste Mal ins Gefängnis.

Du warst als Teenager heroinabhängig und hast Haftstrafen erhalten?

Ja, mit gerade mal 18 Jahren. Die Strafen waren erst für kleine Ladendiebstähle, dann Autoradios, Lederjacken und so weiter. Man hatte seine Kundschaft. Mit den Diebstählen habe ich das finanziert, was hätte ich anderes machen sollen. Heroin war damals richtig teuer, zwischen 300 und 500 DM pro Gramm. Beim ersten Mal Knast waren es nur drei Monate Jugendstrafe. Beim zweiten Mal acht Monate und beim dritten Mal war ich dann etwas über ein Jahr drinnen. Es waren schnelle Wechsel zwischen Therapien und Knast.

Meine Eltern hatten mir zwischendurch meinen Hausschlüssel abgenommen. Zu Hause kam ich nur noch rein, wenn sie auch da waren, weil auch Freund*innen von mir bei meinen Eltern lange Finger gemacht haben – Papas Lederjacke, Geld aus der Keramikdose und so weiter. Ich habe daraufhin bei drei Kumpels gewohnt, war viel draußen und bin nach Holland geflüchtet. Auch mit dem Schmuggeln von Drogen von Holland nach Deutschland konnte ich meine Sucht finanzieren. Das ging immer bis zum nächsten Therapie- oder Haftantritt gut.

Für deine dritte Inhaftierung hat auch deine Familie eine wichtige Rolle gespielt, richtig? Wie lief das ab?

In Deutschland lief wieder ein Haftbefehl gegen mich. An Weihnachten hatte ich mit meinen Eltern telefoniert. Ich hatte Heimweh. Sie haben sich auf den Weg gemacht, um mich abzuholen und im Auto versteckt über die Grenze zu bringen, damit wir Weihnachten zusammen zu Hause verbringen können. Es war abgesprochen, dass sie mich danach wieder zurück nach Holland bringen.

Ich habe ihnen gesagt, wo ich bin, und dann sind mein Vater, meine Mutter und mein Schwager losgefahren. Ich war bei meinem Dealer untergekommen und er hatte mir für die Tage auch noch was mitgegeben, damit ich nicht in den Entzug komme. Damals waren die Grenzen noch besetzt und es war also ein heikles Spiel, mich rüberzuholen. Ich habe mich unter dem Rücksitz unter einer Kapuze versteckt.

Ich weiß, dass meine Eltern mir nichts Böses wollten. Sie waren ja auch verzweifelt und wussten nicht, was sie machen sollten.

Am Ende der Fahrt ist mein Schwager aber nicht nach Hause abgebogen, sondern weiter geradeaus gefahren. Wahrscheinlich hätten sie es lieber gehabt, wenn die Polizei an der Grenze zugeschlagen hätte, aber da ist alles gut gegangen. Sie brachten mich zur Polizeistation, ich hab mich erfolglos gewehrt. Weihnachten habe ich dann also im Polizeigewahrsam verbracht, bis ich ein, zwei Tage später in den Frauenknast nach Köln gekommen bin.

Wie blickst du heute darauf?

Meine Eltern und besonders meine Mutter waren froh, dass sie wieder schlafen konnten. Ich weiß, dass meine Eltern mir nichts Böses wollten. Sie waren ja auch verzweifelt und wussten nicht, was sie machen sollten. Damals aber war ich völlig irritiert, sauer und vor den Kopf gestoßen. Wenn wir heute miteinander über diese alten Geschichten sprechen, ist es immer noch nicht einfach für uns. Meine Mutter fängt noch heute an zu weinen und dann ich …

Sie haben wirklich viel durchgemacht. Mein Vater war immer arbeiten und hat sich eher rausgehalten. Wenn ich in Therapie war und Elterngespräche anstanden, hat er sich sehr schwer damit getan. Meine Mutter war offener. Sie ist zum Elternkreis gegangen, der hauptsächlich aus Frauen bestand. Aus Müttern, die sich mit der Drogenberaterin einmal in der Woche im Stuhlkreis zusammengesetzt und ausgetauscht haben. Jede hat erzählt, was zu Hause vorgefallen ist. Es war die einzige Stütze, die meine Mutter hatte.

In dem Elternkreis gab es allerdings leider wenig andere Vorstellungen von Lösungswegen als das Vor-die-Tür-Setzen, Therapie und Knast. Man glaubte, man müsse erst einmal ganz unten ankommen, bevor Hilfe möglich sei. Ich hoffe, das ist in den Elternkreisen heute anders. Meine Mutter hat sogar einmal zu Hause einen Entzug mit mir durchgemacht und sich nicht von meiner Seite bewegt. Es ging mir dann aber so schlecht, dass sie den Hausarzt rufen musste. Er hat uns etwas zur Beruhigung dagelassen. Lange habe ich allerdings nicht ausgehalten.

Wie war es in Haft? Wie muss man sich das vorstellen?

Die ersten Tage sind wirklich sehr schlimm. Und wenn man zudem einen Entzug durchmacht, ist das eine ganz üble Zeit. Sie haben einem das Licht in der Zelle nie ausgemacht, weil man immer unter Beobachtung stand. Haben ständig durch den Spion geschaut, ob man sich selbst etwas antut. Man versucht, das Licht zum Schlafen irgendwie abzuhängen, und wenn sie es merken, bollern sie gegen die Tür, bis das Tuch die Lampe nicht mehr abdeckt.

Aber ich muss sagen, nachdem diese ersten Tage überstanden waren und der kalte Entzug vorbei war, ist es eigentlich eine recht coole Zeit gewesen. Nach zwei Wochen konnte man ohne Licht schlafen. Ich kann mich wirklich nicht beschweren.

Wenn ich in eine Situation komme, gucke ich sie mir an und für mich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Ich versuche, aus allem irgendwie das Beste zu machen.

Ich habe alle drei Male, als ich im Knast war, super Jobs abgegriffen. Man lernt beim ersten Mal ziemlich schnell die Arbeitsbereiche kennen. Beim zweiten und dritten Mal weiß man schon, in welchen Bereichen man arbeiten will. Paletten auf dem Hubwagen mit neuer Ware zum Etikettieren und Verpacken durch die Gegend fahren, um die anderen Häftlinge mit Arbeit zu versorgen, war ein guter Job.

Hinterher war ich Hausarbeiterin, das heißt, du hast in Jugendhaft den ganzen Tag die Zelle offen und versorgst das Haus, in dem du auch selber liegst. Du bringst den anderen Essen, gehst also von Tür zu Tür und kriegst immer mit, wo gerade Besuch war, wo was läuft, wer breit ist und wer nicht. Mit dem Essenswagen kamst du auch in die Großküche im Männertrakt. Dort habe ich jemanden getroffen, den ich von draußen kannte. So kamen kleine Lieferungen unter den Tabletts zu uns ins Haus.

Ich hatte im Knast auch die erste Erfahrung mit einer Frau. Es waren also viele schöne Momente dabei.

Es hört sich so an, als ob du jemand bist, die sich, egal was im Leben passiert, an die Situation schnell anpasst, immer schnell Freund*innen findet und aus jeder Situation irgendwie etwas Schönes macht.

Ja, ich denke schon. Wenn ich in eine Situation komme, gucke ich sie mir an und für mich gibt es nicht nur Schwarz und Weiß. Ich versuche, aus allem irgendwie das Beste zu machen.

Aber muss man sich die Haft nicht auch frustrierend vorstellen?

Ja, ich war schon auch mal wütend, aber immer nur kurzzeitig. Zum Beispiel, als mein Opa gestorben ist und ich nicht zur Beerdigung rausgelassen wurde, obwohl es als „besonderer Grund“ eigentlich hätte ermöglicht werden können – aber nicht als BtM-Inhaftierte. Auch der Entzug war sehr schlimm, denn du hast keine Medikamente bekommen. Aber die anderen Zeiten haben überwogen.

Könnte man sagen, dass die Haft in deinem Fall sinnvoll war?

Nein, das hätte nicht sein müssen. Man hätte es anders regeln können und müssen. Für meine Eltern war es wiederum gut, weil sie dachten, dass mir im Knast nichts passieren würde.

Waren die auferlegten Therapien sinnvoll?

Die Therapien waren vergleichsweise hilfreich für mich, um über mein Suchtverhalten etwas zu lernen, aber auch überhaupt über mich. Das hast du ja im Knast nicht, im Knast bist du ja einfach nur weggesperrt und arbeitest, hörst Musik, isst und schläfst. Mehr machst du ja nicht und hast vielleicht ein bisschen Sex mit einer Frau und das war’s.

Aber mit viel Tränen und Wut in der Therapie, ob in Einzel- oder Gruppensitzungen, machst du schon einiges mit. Menschen da mit Auflage vom Gericht hinzuschicken, ist schon krass. Es muss gewollt sein, ansonsten funktioniert es nicht. Aber nicht nur für Süchtige, sondern auch für andere Menschen kann eine Therapieerfahrung gut sein. Es gibt leider immer noch genug Leute, die nie eine solche Erfahrung gemacht haben. Ich finde, man sollte es allen ein bisschen näherbringen, dass sie mal ausprobieren, an sich zu arbeiten. Aber eben nicht mit Strafen, es muss ihr Wille sein.

Wie denkst du generell über rechtliche Strafen bei Drogengebrauch?

Es ist einfach nicht nachvollziehbar, warum ich mir zwei Flaschen Korn am Abend reinziehen kann oder Whiskey und das anders betrachtet wird. Wenn ich das mehrere Wochen lang täglich mache, bin ich auch Alkoholikerin. Und das hat keine rechtlichen Folgen, aber wenn ich ein bisschen Heroin rauche oder zieh mir Koks rein, wie auch immer, werde ich eine Verbrecherin.

Alle gehen Risiken ein, ob im Straßenverkehr oder im Sport. Das würde man auch nicht verbieten.

Ich hoffe, dass sich irgendwann mal was ändern wird, um alles gleich zu behandeln. Entweder wer trinkt, wird ebenfalls bestraft. Oder andersrum, das wäre natürlich besser. Es ist doch mein Körper und nicht der des Staates. Ich bin der Meinung, es sollte allen frei überlassen werden, ob und was sie konsumieren möchten. Ich bin davon überzeugt, dass der Konsum zurückgehen wird. Der Reiz des Verbotenen wäre weg.

Aber Drogenkonsum ist mit Risiken verbunden, ist da Vermeiden nicht besser?

Alle gehen Risiken ein, ob im Straßenverkehr oder im Sport. Das würde man auch nicht verbieten. Man sollte die Angebote für Hilfen und Therapien ausbauen und mehr fördern und nicht wegen der Kosten noch mehr einsparen. Früher waren zwölf Monate Therapie mit sechs Monaten Nachsorge normal. Heute ist dies gekürzt auf drei bis sechs Monate und ohne Nachsorge. Uns hat man damals die Therapie wirklich noch ans Herz gelegt. Heute scheint das anders zu sein.

Die Therapie war schon sinnvoller für mich als der Knast, besonders die letzte, auch wenn ich die nicht ganz abgeschlossen habe. Die ersten beiden habe ich abgebrochen, aus der dritten wurde ich rausgeschmissen, weil ich schwanger wurde. Mit der Schwangerschaft kam dann für mich aber die Kehrtwende in meinem Leben und ich habe alles umgekrempelt. 

Du hast deinen Ehemann dort kennengelernt und bist während der dritten Therapie schwanger geworden. Da gab bestimmt einige Vorurteile, oder?

Dass zwei Süchtige sich gegenseitig helfen können, das hätten unsere Therapeut*innen damals nie gedacht. Eine Beziehung dort in der Therapie, das gehe gar nicht, sagten sie. Das könne doch nicht funktionieren, wenn beide süchtig sind. Und jetzt kam noch ein Kind dazu, um Gottes willen.

Es hieß, man könne das in der Klinik nicht tragen. Man ließ uns die Therapie nicht zu Ende machen. Mein Mann, damals mein Partner, war zu dem Zeitpunkt elf Monate dort. Nach zwölf Monaten warst du fertig und gingst in die Nachsorge. Ich war acht Monate da. Aber das Argument war, ich würde jetzt von den anderen Patient*innen bevorzugt und das wäre nicht gut.

Inwiefern bevorzugt? Das verstehe ich nicht.

Zum Beispiel könne jemand aus der Gruppe mir beim Putzdienst Arbeit abnehmen wollen, weil ich ja schwanger war, und jemand anderes könne dann sagen: „Wenn sie die Aufgaben nicht mehr macht, dann mache ich sie auch nicht mehr.“ So dachte man damals. Und dann haben die uns echt rausgeschmissen.

Wir haben ihnen es dann aber gezeigt, dass sie falschlagen, und sind zwei bis drei Jahre zusammen mit dem Kind zu den Ehemaligen-Treffen gegangen, die in dieser Einrichtung stattfanden. Plötzlich waren alle ganz stolz auf dieses Kind, das dort bei ihnen gezeugt worden ist.

Wie alt warst du bei dem Rausschmiss und wie ging es dann für euch weiter?

Ich war 25. Wir sind dann nach Bonn gezogen und haben ein ganz neues Leben aufgebaut mit völlig fremden Leuten, mit völlig fremden Nachbar*innen, ohne Familie ums Eck. Zunächst sind wir bei einem Kumpel eingezogen, der zu seiner Freundin zog. Kurz danach haben wir ein Zimmer in einem Haus für Leute bekommen, die unter Bewährung standen oder aus dem Knast gekommen sind und obdachlos waren.

Unsere Eltern haben uns angeboten, nach Hause zu kommen, aber das wäre wirklich das Dümmste gewesen, was wir hätten machen können, wieder zurück in die alte Umgebung zu gehen.

Wir wollten neu anfangen und nicht zurück nach Hause. Deswegen hat uns die Bewährungshelferin in diesem Haus ein Zimmer besorgt. Das war nicht besonders schön, aber da konnten wir erst einmal unterkommen und Kontakt zu den Ämtern aufnehmen, um die Dringlichkeit für eine richtige Wohnung wegen der Schwangerschaft zu erklären. In dieser Unterkunft haben wir sogar noch geheiratet. Ja, das war schon auch krass, unsere Hochzeit im heruntergekommenen Haus, in diesem kleinen Zimmer mit Gemeinschaftsbad.

Waren eure Eltern bei der Hochzeit dabei?

Ja, die Eltern, Schwiegereltern, meine Schwester und Schwager, also die engste Familie. Wir waren beim Standesamt im Stadthaus und dann schön im Restaurant essen, was meine Eltern bezahlt haben. Aber in die Hütte haben wir sie danach nicht reingelassen. Die hätten die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, wenn sie gesehen hätten, wie wir da hausten. Allein schon im Flur, diese Dusche und Toilette, die alle mitbenutzen.

Aber sonst wären wir ja wirklich auf der Straße gewesen. Unsere Eltern haben uns angeboten, nach Hause zu kommen, aber das wäre wirklich das Dümmste gewesen, was wir hätten machen können, wieder zurück in die alte Umgebung zu gehen.

Dank der Hilfe meiner Schwiegermutter hat es dann auch schnell geklappt, eine eigene Wohnung zu bekommen. Sie hat damals an den Vorsitzenden vom Wohnungsamt geschrieben und unsere Geschichte erzählt, von der Therapie und dass wir jetzt versuchten, ein neues Leben zu starten. Man müsse doch den jungen Menschen helfen. Dieser Leiter vom Wohnungsamt hat uns dann eingeladen und uns versichert, dass er versuchen wird, uns ganz schnell zu helfen. Und es hat wirklich geklappt, dass wir im Oktober in unsere Wohnung gezogen sind. Im Dezember kam mein erster Sohn zur Welt.

Martina H. mit Mitte 20 in der ersten gemeinsamen Wohnung in Bonn

Damals hast du eine Substitutionstherapie angefangen. Wie lief das?

Das ging damals nur, weil ich schwanger war. Damals kam man nur in die Substitution, wenn man Aids hatte oder ähnlich schwer krank war, wenn man mindestens drei Therapien abgebrochen hatte oder eben schwanger war.

Anfang der 90er Jahre war es in der Substitution auch noch so, dass man das Ziel vorgegeben hatte, schnell clean zu werden. Die Leute mussten nach ein, zwei Jahren Substitution anfangen, runterzudosieren, sind dann aber wieder rückfällig geworden. Das ist auch mir passiert, aber mein Arzt hat mich, Gott sei Dank, schnell wieder aufgenommen. So konnte ich die Substitution fortsetzen, was wichtig war, weil ich ja derweil Mutter geworden war.

Die Krankenkassen hatten es inzwischen gecheckt, dass es mit dem Runterdosieren nicht funktioniert. Zusammen mit den Ärzt*innen konnte man dann bei den Krankenkassen einen Antrag auf Substitution auf Lebenszeit stellen, was auch für mich gelang. Heute ist die Länge einer Substitutionsbehandlung zum Glück kein Thema mehr.

Konntest du beruflich wieder einsteigen?

Ja, das lief für uns beide wunderbar. Mein Mann war sofort untergebracht in einem Kunststoffschlosserbetrieb. Und ich habe im Krankenhauskiosk einen Minijob gemacht. Nachdem man mich dort kennengelernt hatte, konnte ich hinterher in die Krankenhauskantine. Ein paar Jahre später kam der Sprung, wohl auch durch die Arbeit im Krankenhaus, zur Arbeit im Pflegeheim. Wir hatten wirklich eine gute Zeit in Bonn.

Vor allen Dingen habe ich da Claudia S. zufällig vor der Arztpraxis wiedergetroffen. Wir kannten uns noch aus unserer Heimat aus der Schulzeit. Es war ja damals keine Handyzeit, dass man sich mal eben connecten konnte. Nachdem wir zehn Jahre in Bonn gewohnt haben, sind wir ziemlich zeitgleich im Jahr 2001 nach Berlin gezogen.

Ihr habt zusammen JES Berlin gegründet und engagiert euch seither für die Rechte von Drogengebrauchenden und Substituierten. Kannst du davon erzählen?

Am Anfang standen Claudia und ich noch ganz alleine am Kotti [Anm. der Red.: Platz um den U-Bahnhof Kottbusser Tor, eine Gegend, in der sich unter anderem viele marginalisierte Drogengebrauchende treffen und verweilen] und haben darauf aufmerksam gemacht, dass wir auf der Suche nach Menschen sind, die sich anschließen möchten. Wir wollten die User*innen wissen lassen, dass es da jetzt eine Gruppe gab. Die Menschen, die wir aufgesucht haben, hatten ein Recht darauf, zu wissen, was ihnen zusteht, wie zum Beispiel die Behandlung von Hepatitis C. Ein anderes Hauptanliegen wurde die Aufklärung von Konsumierenden und Ärzt*innen über die Substitution.

Welche Irrtümer begegnen euch häufig?

Durch mein jahrelanges Engagement bei JES und auch in meinem Job bei Felix [ambulanter Spezialpflegedienst in Berlin, Anm. d. Red.], wo ich mit vielen suchtkranken Menschen zu tun hatte, ist mir immer wieder aufgefallen, dass die Substitution oftmals nicht gut läuft. Viele Ärzt*innen haben ihr persönliches Standardmedikament, auf das sie selber schwören, aber es ist nicht für jede*n das Richtige. Manche brauchen eben etwas anderes.

Liebe Ärzt*innen, traut euch, die richtige Dosis und den richtigen Wirkstoff gemeinsam mit den Patient*innen zu finden!

Ich glaube, die meisten Ärzt*innen müssten sich mehr Zeit nehmen, ein bisschen genauer hinhören und nicht direkt so rigoros sein. Es wird so schnell geurteilt und sanktioniert, wenn die Urinproben [zur Kontrolle von sog. „Beikonsum“, d. h. die Analyse über Abbaustoffe nichtverschriebener psychoaktiver Stoffe, Anm. d. Red.] positiv ausfallen, und Patient*innen haben viel Angst davor. Der Beikonsum kann an einer zu niedrigen Dosis oder einem nicht passenden Substitut liegen. Ein Medikamentenwechsel kann bedeuten, dass der Suchtdruck schnell weg ist.

Liebe Ärzt*innen, traut euch, die richtige Dosis und den richtigen Wirkstoff gemeinsam mit den Patient*innen zu finden! Als im Jahr 2015 Substitol [retardiertes und daher langwirksames Morphinsulfat, Anm. d. Red.] in Deutschland eingeführt wurde, waren nicht viele Ärzt*innen bereit, ihre Patient*innen umzustellen. Aber die, die es gemacht haben, haben schnell gemerkt, dass die damit Substituierten keinen Suchtdruck mehr hatten – oder, wenn überhaupt, nur ganz wenig.

Die Einführung von Substitol und auch von Diamorphin [medizinisch reines Heroin, zur Substitutionsbehandlung seit 2009 zugelassen, wenn auch mit relativ hohen Hürden, Anm. d. Red.] haben sehr dazu beigetragen, dass für viele Opiatabhängige das Mittel ihrer Wahl endlich verfügbar war. Tricksereien mit den Urinkontrollen waren endlich vorbei.

Für keine*n war es schön, mit den Ärzt*innen nicht offen über den Beikonsum sprechen zu können. Man hatte ständig die Sanktionen im Kopf, die automatisch folgten, wenn die Probe positiv war. Zum Beispiel wurde Take-Home [gut auf das Substitutionsmittel eingestellte Patient*innen können für bis zu sieben oder in begründeten Fällen bis zu 30 Tage Rezepte für eine eigenverantwortliche Einnahme beanspruchen, Anm. d. Red.] sofort gestrichen, selbst für die Berufstätigen. Der tagtägliche Weg zur Praxis macht das Leben sehr schwierig, zum Beispiel wenn man arbeitet.

Aber es gibt sie, die richtigen Medikamente und die richtige Dosis für alle, die sie brauchen! Bis auf die wenigen, die den Originalstoff Heroin bevorzugen.

Zum Schluss würde ich gerne noch kurz mit dir darüber sprechen, wie du Gesundheit, Krankheit und Sucht siehst. Wie fandest du es damals, 1983, die Sucht-Diagnose zu erhalten, als beim ersten Gerichtsverfahren der Therapiestatt-Strafe-Antrag gestellt wurde?

Als ich noch drauf war, habe ich solche Dinge überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe mich erst dann darüber geärgert, als ich gemerkt habe, dass die Diagnose seitdem auf jeder ärztlichen Überweisung steht: „Zustand nach Heroinabusus“ [Abusus ist der lateinische Begriff für „Missbrauch“, Anm. d. Red.]. Selbst wenn ich zum MRT muss, egal was. Es wird direkt klargemacht, dass ein Mensch mit Heroinabusus in die Praxis kommt. Damit man mir bloß kein Betäubungsmittel gibt. Es interessiert nicht, dass ich schon lange kein Heroin mehr angepackt habe. Der Hinweis bleibt einfach stehen.

Was ist in deinen Augen ein „gesundes Leben“?

Laufen zu können, zumindest einigermaßen fit zu sein, satt zu sein. Also im Grunde bin ich da ganz einfach gestrickt, ich habe da nicht so hohe Ansprüche, ich muss keine muskulösen Körperteile haben oder so. Ich muss mich bewegen können, ich muss aufs Klo gehen können.

Ich habe mich nie als chronisch kranker Mensch gefühlt. Nur ab und zu krank, wenn ich entzügig war.

Mit zunehmendem Alter kam die Frage nach Gesundheit für mich überhaupt erst auf. Als junger Mensch, kann ich sagen, habe ich mich damit überhaupt nicht beschäftigt. Gedanken mache ich mir erst über meine körperliche Gesundheit, seitdem ich angefangen habe, Schmerzen beim Gehen zu fühlen, die Spritzen vom Orthopäden irgendwann nicht mehr reichten und es eine Knie-OP brauchte.

Ist Sucht eine Krankheit?

Ja, na ja, irgendwie schon und irgendwie nicht. Es ist eine psychische Erkrankung oder eine psychische und körperliche Erkrankung. Es kommt bei jeder Person darauf an. Es ist schon gut, wenn Sucht als Krankheit betrachtet wird. Aber ich habe das Gefühl, dass Krankheit gleich so negativ verstanden wird.

Ich habe meine Jahre der Sucht wenig als negativ erlebt, muss ich ehrlich sagen. Eigentlich waren es gute Zeiten und ich bereue nichts. Ich habe mich nie als chronisch kranker Mensch gefühlt. Nur ab und zu krank, wenn ich entzügig war.

Bei Krankheit denkt man: Oh Gott, der arme Mensch hat da vor sich hin vegetiert. Aber ich habe viele schöne Jahre erlebt, obwohl ich ein süchtiger Mensch bin. Auch einfach mal los nach Spanien brettern und dort Zeit verbringen … Mein Leben war schön und kein Leben voller Krankheit. Ich habe wirklich viele schöne Zeiten erlebt.


[1] Anm. d. Red.: Bei einer Freiheitsstrafe von maximal zwei Jahren wegen einer Straftat, die auf eine diagnostizierte Abhängigkeit von illegalisierten Stoffen („Betäubungsmittelabhängigkeit“) zurückgeführt wird, kann ein Freiheitsentzug zurückgestellt werden, sofern sich die Person wegen dieser Abhängigkeit in einer staatlich anerkannten Einrichtung behandeln lässt (siehe § 35 Absatz 1 BtMG, https://www.gesetze-im-internet.de/btmg_1981/__35.html).

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Aidshilfe bleibt stabil – für Solidarität, gegen Spaltung https://magazin.hiv/magazin/aidshilfe-bleibt-stabil/ https://magazin.hiv/magazin/aidshilfe-bleibt-stabil/#respond Tue, 14 Apr 2026 08:18:58 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559438

Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil setzt die Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen: Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit haben bei uns keinen Platz. Wir stehen zu unseren Werten – und an der Seite all unserer Communitys!

Read this text in English: Aidshilfe stays strong – for solidarity, against division

Menschenverachtende Ansichten sind in den letzten Jahren immer sichtbarer geworden. Rechtspopulistische Forderungen, autoritäre Vorstellungen, rassistische Vorurteile und Hetze gegen Emanzipation und Vielfalt brechen sich immer weiter Bahn.

Sie treffen ganz besonders diejenigen Gruppen, für die wir uns stark machen: Menschen mit HIV, Schwule, Lesben, Bisexuelle und andere Queers, trans, nicht-binäre und inter Personen, Menschen in Haft, mit Migrationsgeschichte, in der Sexarbeit, Drogen konsumierende, kranke und behinderte Personen – all diese Gruppen werden von der zunehmenden Menschenfeindlichkeit massiv bedroht.

Das zeigen zum Beispiel queerfeindliche Angriffe und Aufmärsche gegen CSDs, die immer härter werdende Migrations- und Asylpolitik, die transfeindliche Forderung, das Selbstbestimmungsgesetz zurückzunehmen, antifeministische Angriffe in sozialen Medien oder verachtende Äußerungen gegen Menschen mit Behinderung. Auch Aidshilfen werden immer öfter direkt attackiert; insgesamt gerät zivilgesellschaftliches Engagement zunehmend unter Druck: Förderungen werden gestrichen, demokratiestützende Organisationen diskreditiert.

Kern von HIV-Prävention ist aber: Menschen können ihre Gesundheit nur selbstbestimmt schützen, wenn sie ohne Angst vor Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung leben können.

Mit unserer Kampagne #AidshilfeBleibtStabil sagen wir deshalb ganz klar:

  • Aidshilfe ist und bleibt Teil einer offenen und vielfältigen Zivilgesellschaft.
  • Aidshilfe steht an der Seite der von rechts bedrohten Communitys.
  • Wir halten zusammen – für Vielfalt, Respekt und Solidarität!

Diese Werte sind für Aidshilfearbeit zentral – sie setzen Maßstäbe, an denen wir uns orientieren und messen wollen. Und sie zeigen sich in unserem täglichen Tun:

Wir gehen in Gefängnisse, damit Menschen in Haft ihre Gesundheit schützen können. Wir besuchen Bordelle und den Straßenstrich, um Sexarbeitende zu unterstützen. Wir tauschen Spritzen und bieten Materialien für Safer Use beim Drogenkonsum an, weil wir wissen, was wirklich hilft.

Wir sind vor Ort in den schwulen und queeren Communitys. Wir beraten zu allen Themen der sexuellen Gesundheit. Wir unterstützen bei sozialen und rechtlichen Fragen und stärken den Rücken im Diskriminierungsfall. Wir gehen in die Schulen und überallhin, wo sexuelle Bildung gefragt ist. Wir arbeiten mit verschiedenen Migrant*innen-Communitys zusammen, um die Versorgung zu verbessern und gemeinsam Prävention zu gestalten.

Und wir mischen uns ein – in Debatten um sexuelle und queere Rechte, geschlechtliche Selbstbestimmung, Sexarbeit, Migrations-, Drogen- und Gesundheitspolitik – und arbeiten daran, dass Diskriminierung irgendwann Geschichte ist.

Dabei nehmen wir nicht hin, dass benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden. Uns leitet die Grundhaltung, dass alle Menschen gleichwertig sind und das Menschenrecht auf Gesundheit für alle gilt.

Wir lassen uns nicht spalten! Für ein solidarisches Miteinander – Aidshilfe bleibt stabil!

Aidshilfe stays strong – for solidarity, against division

With #AidshilfeBleibtStabil campaign, Deutsche Aidshilfe sends a clear message: there is no place for right-wing populism and hatred in our work. We stay true to our values and stand by all our communities!

In recent years, dehumanizing attitudes have become more and more visible. Right-wing, populist demands, authoritarian ideas, racist prejudice, and hate speech against emancipation and diversity keep gaining ground.

They particularly affect the groups we stand up for: People living with HIV, gays, lesbians, bisexual and queer people, trans, non-binary and intersex people, people in prisons, migrants, sex workers, people who use drugs, people with disabilities and other health conditions are facing growing levels of hate and discrimination.

We see this in queerphobic attacks and anti-pride marches, restrictive migration and asylum policies, transphobic demands to roll back the self-ID law, anti-feminist abuse on social media, or disparaging statements against people with disabilities. HIV service organizations are also targeted more frequently. With funding being cut and pro-democracy organizations being discredited, the civil society as a whole is put under mounting pressure.

However, HIV prevention depends on people living without fear of stigma, exclusion, and discrimination – only then will they be able to protect their health freely and independently.

That’s why our campaign #AidshilfeBleibtStabil makes clear:

  • Aidshilfe is, and will remain, part of an open and diverse civil society.
  • Aidshilfe stands in solidarity with communities threatened by the political right.
  • We stand together – for diversity, respect, and solidarity!

These values are central to HIV services – they set the standards we strive to live up to and shape our everyday work:

We visit prisons to help incarcerated people take better care of their health. We go into brothels and onto the streets to support sex workers. We run needle exchanges and provide materials for safer use, because we know what actually works.

We’re on the ground in gay and queer communities. We provide counselling on all aspects of sexual health. We support people with social or legal issues and we have their back when they face discrimination. We work in schools and wherever sexual education is needed. We collaborate with different migrant communities to improve access and shape prevention services together.

We’re actively involved in debates on sexual and queer rights, self-identification, sex work, migration, drug, and health policy. We’re fighting for a future where discrimination is a thing of the past.

In doing so, we refuse to accept disadvantaged groups being pitted against each other. We’re guided by the principle that all people are equal and that the human right to health applies to everyone.

We won’t be divided! For a community based on solidarity – Aidshilfe stays strong!

#AidshilfeBleibtStabil zum Mitmachen

Mit unseren Grafiken kannst du ganz einfach ein Zeichen setzen, unseren Aufruf verbreiten und die Kampagne mitgestalten. Hier geht es zum Download-Ordner für Mitgliedsorganisationen der DAH (Passwort: ABS2026). Verwende bei deinen Social-Media-Posts bitte den Hashtag #AidshilfeBleibtStabil, danke!

In unserem Shop kannst du zur Kampagnen ein Poster, den Fensteraufkleber und als Give-away einen Button in grün oder pink bestellen – sowie die Kampagnenaufkleber mit allen Slogans: Wir gehen auf den Strich.  Wir kommen in den Knast.  Wir machen Schule.  Wir lassen es uns nicht nehmen.  Wir heißen dich willkommen.  Wir stehen zusammen.  We stand together.

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Aidshilfe gegen rechts – weitere Aktionen

Seit vielen Jahren engagieren sich Aidshilfen gegen Rechtspopulismus: mit kreativen Slogans, als Teil von Demonstrationen, mit solidarischen Aufrufen und klarer Haltung. Sie zeigen deutlich: Aidshilfe steht für ein respektvolles Miteinander. Rechtsextremes Denken schadet unseren Communitys und der HIV-Prävention.

Hier findet ihr aktuelle Kampagnen:

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Hintergrundartikel

Warum ist Transfeindlichkeit ein integraler Bestandteil rechten Denkens? Was will die AfD konkret? Wie betrifft Aidshilfen der Rechtsruck in ihrer Arbeit und was tun wir dagegen? Wir untersuchen rechtsextreme Denkmuster, analysieren die Folgen des politischen Wandels und stärken unsere Communitys bei einer klaren Haltung. Hier eine Auswahl an Artikeln zum Thema:

Wenn Community-Orte verschwinden und Kürzungen queere Projekte treffen : Was die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen für die queere Communitys bedeuten und wie sie sich vor Anfeindungen und Repressalien schützt, das erläutert IWWIT-Kampagnenchef Jonathan Gregory im Interview. Mit einem Aufruf, selbst aktiv zu werden.


Die Betreuung und Unterstützung von Menschen in Haft gehört für viele Aidshilfen in Deutschland zu ihren Kernaufgaben. Welche Bedeutung diese Arbeit für die Gefangenen hat, zeigt sich im Emsland. Das Zentrum Sexuelle Gesundheit Ems-Vechte hat hier über Jahrzehnte hinweg das vorbildliche und preisgekrönte Programm „Gesundheit in Haft“ entwickelt.


Schon im Vorfeld der Europa- und Landtagswahlen 2024 zeichnete sich ein deutlicher Stimmenzuwachs für rechtsextreme Parteien ab. Auch viele Mitgliedsorganisationen der Deutschen Aidshilfe spüren den gesellschaftlichen Rechtsruck. Doch bleibt diese Entwicklung nicht unwidersprochen. Momentaufnahmen aus Brandenburg, Berlin, Sachsen und Thüringen im Juni 2024.


Die Positiven-Selbsthilfe POSITHIV HANDELN NRW reagiert auf die zunehmende Ausbreitung und Normalisierung rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen in Deutschland mit einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne. Was hinter dem Slogan „Helferzellen gegen rechts“ steht, erläutert Gottfried Dunkel im Interview.


Trans Menschen werden immer mehr zur Zielscheibe eines rechten Populismus. Mine Pleasure Bouvar analysiert die Strategien der internationalen Anti-Gender-Bewegung zur Verbreitung von Transhass, Transmisogynie und antisemitischen Verschwörungsnarrativen.


Anlässlich der Landtagswahlen 2024 nahmen wir Inhalte und Forderungen der AfD genau unter die Lupe, die sich gern als „Partei der kleinen Leute“ inszeniert. In Wirklichkeit aber verfolgt sie einen zutiefst unsozialen Kurs. Ihr Rassismus und ihre Menschenverachtung sind dabei nicht zu übersehen.


Mary kam aus Kenia nach Deutschland, um Asyl zu beantragen. Zurück ließ sie ihre Zwillinge, die inzwischen zwölf sind. Sie ist geduldet und fürchtet, jederzeit abgeschoben werden zu können. Kraft gibt ihr in dieser unsicheren Situation ihr Engagement für Women in Exile, einer Peer-to-Peer-Initiative, bei der Geflüchtete andere unterstützen. In Unterkünften haben Frauen mit Problemen wie sexualisierter Gewalt, fehlender Privatsphäre und mangelnder Hygiene zu kämpfen.


Keine Behandlung und krankmachende Lebensumstände: Geflüchtete Menschen, die psychisch erkrankt sind, bekommen in Deutschland oft keine Behandlung. Die Psychosozialen Zentren können nur wenigen eine psychotherapeutische Versorgung ermöglichen – die Finanzierungslücke ist eklatant. Dabei zeigt das Beispiel von Wali Shafique*, was professionelle Unterstützung bewirken kann.


Die „Society for Evidence based Gender Medicine“ veranstaltete in Berlin eine Konferenz mit Akteur*innen der internationalen Anti-trans-Bewegung. Aktuelle Standards der Transgesundheit wurden dort unter dem Gesichtspunkt „ethischer Bedenken” besprochen. Das Bündnis „Transfeinde stressen“ mobilisierte Protest. Aber auch große Medien übernahmen transfeindliche Positionen und der Präsident der Bundesärztekammer hielt eine Rede zur Eröffnung.


Forderungen und Positionen der Aidshilfe (Auswahl)

Der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein Menschenrecht. Wir fordern deshalb gesundheitliche Versorgung für alle.

Menschen ohne Aufenthaltspapiere haben zurzeit keinen sicheren Zugang. Darum muss die Übermittlungspflicht nach § 87 des Aufenthaltsgesetzes abgeschafft werden. Wir fordern außerdem die Abschaffung des Asylbewerberleistungsgesetzes, Gleichbehandlung von Geflüchteten bei der sozialen und gesundheitlichen Versorgung sowie die Versorgung von Menschen in Haft über die gesetzliche Krankenversicherung statt über die Justizministerien der Länder, damit sie gesundheitlich so versorgt werden wie Menschen „draußen“.

Wir fordern eine humane, akzeptierende Drogenpolitik – sie rettet Menschenleben und verhindert individuelle und soziale Schäden.

Dazu gehört für uns, dass alle Bundesländer sogenannte Drogenkonsumräume ermöglichen und dass weitere lebensrettende Maßnahmen bundesweit umgesetzt und leicht zugänglich gemacht werden, etwa die Vergabe von Naloxon (gegen Überdosierungen) oder Drugchecking (Testen auf Inhaltsstoffe und Wirkmengen von Drogen).

Wir fordern, Aufklärung und Prävention rund ums Thema sexuelle Gesundheit und sexuelles Wohlbefinden zu sichern und auszubauen.

Wir fordern Akzeptanz für Sexarbeit und den Abbau von Diskriminierung.

Unsere Studie zu den Bedarfen von Sexarbeiter*innen in Sachen Prävention von HIV und Geschlechtskrankheiten hat erneut gezeigt: Diskriminierung fördert Gewalt, Kriminalisierung verdrängt Sexarbeiter*innen in unsichtbare und unsichere Bereiche, wo sie für Prävention und Hilfsangebote nicht mehr erreichbar sind. Wir fordern daher die Abschaffung von Sperrbezirken in allen Bundesländern und eine weitere Verbesserung der Arbeitsbedingungen die statt eines Sexkaufverbots.

Wir engagieren uns gegen HIV-bezogene Diskriminierung – sie macht krank, erschwert Prävention und schädigt das soziale Umfeld.

Eine von vielen Maßnahmen zum Abbau von Diskriminierung ist ein Verbot von HIV-Tests im Arbeitsleben. Wir fordern außerdem die Erweiterung des Allgemeinen Gesetzes zur Gleichbehandlung (AGG) um das Merkmal „chronische Erkrankungen“ sowie ein Verbandsklagerecht, um besser gegen Diskriminierung vorgehen zu können. Wir verstehen Antidiskriminierungsarbeit als Demokratiearbeit und fordern in unserem Positionspapier „Zusammenhalt und Vielfalt – unsere Zukunft gestalten“ die Absicherung einer vielfältigen Antidiskriminierungs- und Menschenrechtsarbeit.

Wir fordern eine rassismusfreie Versorgung.

Antirassimusarbeit ist Teil von struktureller HIV-Prävention. Darum engagieren wir uns für die Beseitigung von Rassismus in der Gesundheitsversorgung und fördern eine rassismuskritische Auseinandersetzung in Verband und Bundesgeschäftsstelle.

Wir fordern den Erhalt des neuen Selbstbestimmungsgesetzes und den Ausbau von Angeboten für trans und nicht-binäre Menschen.

Die Förderung von Selbstbestimmung ist ein zentraler Pfeiler der HIV-Prävention – auch beim Umgang mit den eigenen Daten.

Wir fordern deshalb eine Überarbeitung der elektronischen Patient*innenakte (ePA), damit die Daten sicher sind und Patient*innen die Sichtbarkeit ihrer Daten leicht selbst steuern können.

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Lichtblick im Gefängnisalltag: „Gesundheit in Haft“ https://magazin.hiv/magazin/gesundheit-in-haft/ https://magazin.hiv/magazin/gesundheit-in-haft/#respond Tue, 14 Apr 2026 07:35:40 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559626

Die Betreuung und Unterstützung von Menschen in Haft gehört für viele Aidshilfen in Deutschland zu ihren Kernaufgaben. Welche Bedeutung diese Arbeit für die Gefangenen hat, zeigt sich im Emsland. Das Zentrum Sexuelle Gesundheit Ems-Vechte hat hier über Jahrzehnte hinweg das vorbildliche und preisgekrönte Programm „Gesundheit in Haftentwickelt.

Mit der Kampagne #AidshilfeBleibtStabil setzt die Deutsche Aidshilfe ein klares Zeichen: Rechtspopulismus und Menschenfeindlichkeit haben bei uns keinen Platz. Wir stehen zu unseren Werten – und an der Seite all unserer Communitys!

Die Aussicht auf Kaffee und Kuchen, das ist natürlich erst einmal für jede*n ein Anreiz. Aber selbst wer sich nur deshalb zur Gruppe anmeldet, sagt Thomas*, merkt schnell, dass es noch ganz andere Gründe gibt, dabei zu bleiben und mitzumachen. „Melanie und Kerstin schaffen es, alle zusammenzubringen und mitzunehmen, und auf eine nette Art und Weise, Vertrauen aufzubauen.“ Bei den Frauen, denen das gelingt, handelt es sich um Kerstin Billig und Melanie Kura vom Zentrum Sexuelle Gesundheit Ems-Vechte (ZSG), wie die Aidshilfe Emsland seit 2024 heißt. Sie besuchen nicht nur nach Bedarf Gefangene im Justizvollzugskrankenhaus Lingen, sondern bieten in den Haftanstalten Meppen und Hesepe zudem feste Gruppen an.

Hans-Peter-Hauschild-Preis für die AIDS-Hilfe Emsland
© Brigitte Dummer | DAH
Hans-Peter-Hauschild-Preis für die AIDS-Hilfe Emsland. Bild: DAH / Brigitte Dummer

Anstoß zur Selbstvorsorge

Seit mittlerweile über sechs Jahren gestalten sie diese wöchentlichen Treffen des eigens entwickelten innovativen Konzepts „Gesundheit in Haft“. Die Hälfte der zehn Sitzungen ist einem bestimmten Gesundheitsthema gewidmet, genauer gesagt sexuell übertragbaren Krankheiten – von Hepatitis und Syphilis bis HPV. „Viele Dinge, insbesondere zu HIV, waren mir tatsächlich neu, etwa die Behandlungsmethoden und die PrEP. Von Mpox hatte ich davor nur in den Nachrichten gehört“, sagt Thomas, der in der JVA Hesepe an dem Gruppenangebot teilgenommen hat. Er fand es zur Erweiterung des eigenen Horizonts beispielsweise auch sehr informativ, von den Infektionsrisiken durch das Teilen von Spritzen und Röhrchen zu erfahren, obwohl er selbst keine Drogen konsumiert. „Aber es ist immer gut, über sowas Bescheid zu wissen und dieses Wissen vielleicht an andere weitergeben zu können.“

Auf diese Weise wächst auch wieder das Vertrauen in die Gesundheitssysteme und ihre Institutionen.

Kerstin Billig, Gesundheit in Haft

Für Kerstin Billig dienen diese Aufklärungsstunden nicht allein der Prävention. Ihr geht es auch darum, die Insass*innen zu mehr Selbstvorsorge zu motivieren. „Wir regen sie auch an, gegebenenfalls HPV- oder Hepatitis-Impfungen nachzuholen.“ In den Sitzungen bekommen sie das Rüstzeug, um mit ihren Anstaltsärzt*innen darüber zu sprechen. Und auf diese Weise, so Kerstin Billigs Hoffnung, wächst auch wieder das Vertrauen in die Gesundheitssysteme und ihre Institutionen.

Vertrauliche Gespräche zu psychischen Sorgen

Für Thomas besonders hilfreich waren jedoch jene Sitzungen, in denen es darum ging, mit welchen Übungen man Stress, dem Inhaftierte unweigerlich ausgesetzt sind, besser bewältigen kann. Und vielleicht noch wichtiger sind für viele die offenen Gesprächsrunden. Denn für Inhaftierte gibt es wenig Möglichkeiten, den Haftraum zu verlassen, unter anderen Menschen zu sein und offen über die alltäglichen Sorgen und Nöte sprechen zu können.

Zwar haben alle Gefangenen die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, doch gerade Männer scheuen sich davor. Zudem bleibt die Unsicherheit, ob das, was mit den Psycholog*innen besprochen wurde, vielleicht doch in der Haftakte landet oder an die Anstaltsleitung weitergegeben wird. In den Gruppen des Zentrums Sexuelle Gesundheit gilt hingegen die Vereinbarung: Alles, was dort besprochen wird, wird nicht weitergegeben.

Kerstin Billig ist selbst immer wieder davon überrascht, wie wertschätzend und respektvoll der Umgang untereinander in den Sitzungen ist und wie schnell die Teilnehmenden sich öffnen. Es sind eigentlich ganz alltägliche Dinge aus dem Haftalltag, die hier ungefiltert ausgesprochen werden können. Ganz häufig, sagt Thomas, geht es um die Sorge, was nach der Haft kommt: „Welche Möglichkeiten habe ich? Wie werde ich draußen angenommen?“

Hier werden die Inhaftierten nicht darüber definiert, weshalb sie einsitzen. Wir wissen nicht, weshalb sie verurteilt wurden, und wollen das auch bewusst nicht wissen.

Kerstin Billig, Gesundheit in Haft

Kerstin Billig weiß, wie wichtig diese wöchentlichen Sitzungen für die Teilnehmenden sind. Diese Treffen sind ein kleiner Lichtblick im Haftalltag. „Wir bieten einen relativ sicheren Raum, sich auszutauschen und auch mal Gefühle zu zeigen. Hier werden sie nicht über die Verbrechen definiert, weshalb sie einsitzen. Das ist für viele eine wichtige Erfahrung. Wir wissen nicht, weshalb sie verurteilt wurden, und wollen das auch bewusst nicht wissen.“

Oftmals bleibt der Kontakt zum Zentrum Sexuelle Gesundheit auch nach der Haftentlassung noch eine Weile bestehen. Manchmal kommen ehemalige Gefangene einfach mal zum wöchentlichen Regenbogenfrühstück im Zentrum vorbei. Manche benötigen Unterstützung, etwa wenn es um den Kontakt zu Arbeitgeber*innen oder Institutionen geht.

Vor allem während der Haftzeit bleiben die Mitarbeiterinnen des ZSG Ems-Vechte Ansprechpartnerinnen. Die Gefangenen können jederzeit einen Beratungs- und Gesprächstermin in der Haftanstalt vereinbaren. Das Entscheidende dabei: Diese Gespräche sind anonym und finden ohne Anwesenheit von Vollzugsbeamt*innen statt. Diese Beratungstermine können zudem auch für Tests auf HIV, Syphilis und Hepatitis C genutzt werden. Auch das erfolgt völlig anonym und die Ergebnisse werden nicht weitergegeben. Kerstin Billig und Melanie Kura beraten dann im Falle positiver Testergebnisse über Behandlungsmöglichkeiten.

Beharrliches Engagement seit 1986

Dass eine Aidshilfe-Einrichtung innerhalb einer Haftanstalt anonyme Tests durchführen kann, ist keineswegs selbstverständlich, sondern spricht für das Vertrauen, das ihnen von Seiten der Anstaltsleitungen in Meppen und Hesepe entgegengebracht wird. Die Sozialpädagogin Kerstin Billig und die Psychotherapeutin Melanie Mura profitieren hier von der Arbeit ihrer Vorgänger*innen. Denn die Aidshilfe Emsland engagiert sich bereits seit ihrer Gründung 1986 in den Haftanstalten. Über all diese Jahrzehnte hinweg ist so eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erwachsen. Die Arbeit, die das ZSG Ems-Vechte für die Gefangenen leistet, wird von allen Seiten gewünscht, geschätzt und gewürdigt. Probleme und Wünsche können deshalb auf dem kurzen Dienstweg besprochen werden. Der Erfolg ihrer Arbeit und das Engagement des ZSG Ems-Vechte wurde längst über Niedersachsen hinaus wahrgenommen. 2023 wurde die kleine Aidshilfe im Emsland mit dem Hans-Peter-Hauschild-Preis für besondere Verdienste um die strukturelle Prävention gewürdigt.

Als das ZSG nach einer Corona-bedingten Pause mit dem neuen Konzept wieder die Arbeit in den Justizvollzugsanstalten aufnehmen konnte, war der Zulauf noch verhalten. Mittlerweile ist die Skepsis der Inhaftierten verflogen, und das Angebot wird durch Mund-zu-Mund-Propaganda stetig weiterempfohlen. Auch Thomas hatte darüber von der Gruppe erfahren. Rund 50 Menschen haben übers Jahr die Möglichkeit, an diesem Programm teilzunehmen. Die Nachfrage ist allerdings deutlich höher. Doch für zusätzliche Gruppen fehlt es dem ZSG Ems-Vechte an personellen Ressourcen. Im Mai beginnt in Hesepe ein neuer Durchgang des Seminars. Thomas möchte unbedingt noch einmal daran teilnehmen und wird sich deshalb erneut dafür bewerben.

*Name redaktionell geändert

Mehr zu „Gesundheit in Haft“

Mehr zur Kampagne

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Wider das Verschweigen https://magazin.hiv/magazin/romeria-aidskrise-spanien/ https://magazin.hiv/magazin/romeria-aidskrise-spanien/#respond Thu, 09 Apr 2026 13:34:18 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559618

Nach dem Ende der Franco-Diktatur erlebte Spanien eine gesellschaftliche Aufbruchstimmung, in deren Folge das Land viele Drogen- und Aidstote zu beklagen hatte. In ihrem autobiografisch gefärbten Spielfilm „Romería“ erinnert die Regisseurin Carla Simón an diese tabuisierten Krisenjahre.

Die 18-jährige Marina hat ihre biologischen Eltern nie richtig kennengelernt; der Vater starb, als sie ein Baby war, und die Mutter nur wenige Jahre später. Im Jahr 2004 macht sich Marina auf den Weg nach Galizien, um erstmals die Familie ihres Vaters Alfonso zu treffen. Der Anlass ist pragmatisch: Für ein Stipendium an einer Filmhochschule benötigt sie dessen Sterbeurkunde. Das, so denkt Marina (Llúcia Garcia), dürfte doch kein Problem sein. Doch dann muss sie feststellen, dass sie in den offiziellen Unterlagen gar nicht als Tochter genannt ist. Sie gerät nun unweigerlich in die Situation, ihre Familiengeschichte aufzuarbeiten.

Leicht machen es ihr die neuen Onkel, Tanten, Neffen und Nichten nicht. Von den zurückweisenden Großeltern abgesehen wird sie von ihrem weitverzweigten Familienclan jedoch herzlich aufgenommen. Immer wieder bekommt sie zu hören, wie sie ihrer Mutter aus dem Gesicht geschnitten sei. Sie wird geradezu überschüttet mit Geschichten und bruchstückhaften Erinnerungen an ihre verstorbenen Eltern. Mit gesundem Misstrauen und sanfter Neugier auf diese quirlige Großbürgerfamilie gelingt es Marina, sich weder vereinnahmen noch abkanzeln zu lassen.

Denn so manches Berichtete deckt sich überhaupt nicht mit dem, was ihr bisher über Alfonso erzählt worden war, selbst grundlegende Fakten wie sein Todesjahr. Jetzt erfährt sie, dass er erst Jahre nach ihrer Geburt gestorben ist. Vieles, das sie von ihren Eltern zu wissen glaubte, entpuppt sich als Notlüge, Realitätsverweigerung oder der dreiste Versuch, die Wahrheit zu vertuschen. Ihr Cousin glaubt zu wissen, dass Alfonso, abgeschirmt von Freund*innen und Familienangehörigen, in einem Zimmer eingesperrt gestorben sei: „Du musst dir das so vorstellen: Großmutter betrat den Raum nur mit Maske und Handschuhen.“ Niemand habe ihn besuchen dürfen, damit sich sein Zustand nicht in der Stadt herumsprach. Und auch über Marina selbst scheinen seltsame Dinge zu kursieren. Zwei Kinder plaudern aus, dass man ihnen eingeschärft habe, sich Marina nicht zu sehr zu nähern: Mit ihrem Blut sei etwas nicht in Ordnung.

„Es war eine glückliche Periode, aber auch eine, in der in einigen Regionen des Landes Drogen überhandnahmen. Damit ging eine schnelle Verbreitung von HIV einher.“

Carla Simón

Wie schon in ihrem Vorgängerfilm, dem Berlinale-Gewinner „Alcarràs – Die letzte Ernte“, hat Carla Simón ein feines Gespür dafür, Familiendynamiken präzise und fast beiläufig offenzulegen und emotionale Zwischentöne zu gestalten. Erzählerisch knüpft die spanische Regisseurin und Drehbuchautorin mit „Romería“ an ihren Erstlingsfilm „Fridas Sommer“ an: Dort kommt ein kleines Mädchen nach dem Tod ihrer Eltern bei der Verwandtschaft auf dem Lande unter. Dass sie drogenabhängig waren und an den Folgen von Aids starben, ist dem Kind nicht bewusst.

In „Romería“ – das spanische Wort bedeutet Pilgerfahrt – steht nun eine Jugendliche im Zentrum, die durch ihr beharrliches Nachfragen vom Schicksal ihrer Eltern erfährt: von deren Drogenabhängigkeit und Aids-Erkrankung Ende der 1980er Jahre.

Carla Simón greift in diesen Filmen auf ihre eigene Lebensgeschichte zurück. Auch ihre Eltern gehörten zu jener Generation, die in den achtziger Jahren nach dem Ende der Franco-Diktatur neue Lebensmodelle ausprobierten und im Zuge der gesellschaftlichen und kulturellen Aufbruchsstimmung die neugewonnene Freiheit auskosteten. Dazu gehörte auch der Drogenkonsum. „Es war eine glückliche Periode, aber auch eine, in der in einigen Regionen des Landes Drogen überhandnahmen. Damit ging eine schnelle Verbreitung von HIV einher“, erklärt Carla Simón in einem Interview mit der taz. Doch obwohl so viele Menschen in Spanien in dieser Zeit an den Folgen von Aids starben, sei das Thema weiterhin tabuisiert. Mit ihrem Film möchte sie daher erreichen, dass mehr über diese Generation gesprochen wird. „Auch, weil sie diejenigen waren, die mit gestrigen Wertvorstellungen brachen, mit streng konservativen und erzkatholischen Überzeugungen, die nach der Diktatur noch sehr präsent waren.“

Dreharbeiten mit mehreren Personen auf einem Schirm im Hafen.
Piffl Medien, Mario Llorca
Carla Simón bei den Dreharbeiten

Aus dem, was Marina aus den Gesprächen über ihre Eltern erfährt, imaginiert sie Szenen aus deren jungem, wildem, exzesshaftem Leben. Zwar sind es keine eigenen Erinnerungen – denn sie war ja nicht dabei –, aber so könnte es vielleicht gewesen sein. Es ist ihr Weg, mit dem Verlust und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit umzugehen und diese Leerstelle in ihrer Biografie zu füllen. Die Rückblenden, in denen wir die Eltern im Film kennenlernen, sind nichts anderes als Imaginationen Marina und deren Mutter werden immerhin von der derselben Schauspielerin verkörpert.

Drastische Bilder fügen sich in Carla Simóns präzise montierten Patchwork aus Spielszenen, Archivmaterial und stimmungsvollen Motiven der iberischen Atlantikküste zu einem poetisch-melancholischen Gesamtbild.

Um das große Sterben in jener Zeit zu visualisieren, lässt Simón die Besucher*innen eines Clubs zu dem spanischen 80er-Jahre-Hit „Bailaré sobre tu tumba“ (zu Deutsch: „Ich werde auf deinem Grab tanzen“) streng choreografiert bewegen. Nach und nach erstarren Tänzer*innen und werden mit einem Leichentuch verhüllt. Auch solch drastische Bilder fügen sich in Carla Simóns präzise montierten Patchwork aus Spielszenen, Archivmaterial und stimmungsvollen Motiven der iberischen Atlantikküste zu einem poetisch-melancholischen Gesamtbild. Am Ende wird Marina ihren Eltern zum ersten Mal wirklich nahegekommen sein. Vor allem aber hat sie das jahrelange Verschweigen durchbrochen und der aus der gesellschaftlichen Ächtung befeuerten Scham, die ihre Großeltern für Alfonsos Aidstod immer noch empfanden, ein Ende bereitet.

„Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“, Spanien 2025. Regie Carla Simón, mit Llúcia Garcia, Tristán Ulloa, Tristán Ulloa, Sara Casasnovas. 115 Min., OmU.

Vorführungen von „Romería“ mit anschließenden Gesprächen

  • Karlsruhe, 9.4., 18.15 Uhr, Schauburg, in Kooperation mit dem Zentrum für sexuelle Gesundheit, Identität und Aufklärung Karlsruhe (ZeSIA)
  • Nürnberg: 9.4., 20.15 Uhr, Filmhaus. Filmgespräch im Anschluss mit Beate Lischka, Sozialpädagogin der AIDS-Hilfe Nürnberg-Erlangen-Fürth e. V.
  • Soest: 7.5., 20 Uhr, Kulturhaus Alter Schlachthof, in Kooperation mit der Aidshilfe im Kreis Soest e.V.

Mehr Filme zur Aidsgeschichte

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Genf verschreibt Kokain gegen die Crack-Krise https://magazin.hiv/magazin/genf-verschreibt-kokain-gegen-die-crack-krise/ https://magazin.hiv/magazin/genf-verschreibt-kokain-gegen-die-crack-krise/#comments Fri, 27 Mar 2026 12:40:33 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559573

In den kommenden Monaten erhalten schwer abhängige Crack-Konsument*innen pharmazeutisches Kokain nach dem Vorbild der Heroinabgabe.*

Die Schweiz hat ein Problem, das in keinen Tresor passt. Die alpine Bastion der Neutralität und Hüterin des globalen Kapitals sieht sich von einer Substanz belagert, die nichts von helvetischer Zurückhaltung versteht. Crack-Kokain, eine Droge, die weder Bankkonto noch Alpenblick verlangt, hat sich in Gassen und Pärken eingenistet wie ein ungebetener Gast, der die Hausordnung nicht lesen will. In Luzern sitzen Tourist*innen mit Rollkoffern neben Drogenkonsumierenden, die mit Glasröhrchen Crack rauchen. Anwohnende von Chur bis Zürich sorgen sich und die Gründe liegen vielfach auf der Hand.

Berichte der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht (Infodrog) sowie von kantonalen Gesundheitsdepartementen dokumentieren die Ausbreitung der Droge. Besonders in Genf, wo man sonst gerne über das Leid ferner Länder konferiert, stellte man schon vor vier Jahren fest, dass das Elend direkt vor der eigenen Haustür parkt. Die Wiege humanitärer Konventionen erlebt die Krise mit besonderer Intensität.

Es ist kein Konsumraum und keine Kontakt- und Anlaufstelle, sondern ein Therapieraum.

Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie, zum neuen Angebot der Kokain-Verschreibung für Crack-Süchtige

Parallel dazu hat sich die fachliche Debatte über den Umgang mit Crack-Konsum verschoben. Nachdem Crack lange Zeit als nicht therapierbar in den Zuständigkeitsbereich von Polizei und Sozialarbeit verbannt worden war, vollziehen Fachleute nun eine Kehrtwende.

Verschreiben statt verbieten

Das Genfer Universitätsspital bereitet sich darauf vor, Kokain auf Rezept zu verschreiben beziehungsweise vor Ort in die rauchbare Freebase-Form umzuwandeln und zu verabreichen. Das ist eine pharmazeutische Lösung für das schwer zu bewältigende Problem der Crack-Abhängigkeit und ein Novum in der Weltgeschichte der Drogen und des Umgangs mit Sucht. Der Architekt dieses bemerkenswerten Projekts heißt Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie und seit drei Jahrzehnten auf dem Gebiet der Suchtmedizin tätig, wo er seit zwanzig Jahren die lokale Heroinabgabe leitet.

„Die rechtlichen Voraussetzungen sind erfüllt, die Substanz ist vorhanden“, sagt Zullino im Gespräch. „Was noch fehlt, sind geeignete Räume: ein Inhalationsraum, ein Raucherzimmer, eine ausreichende Belüftung. Der Beginn ist in den nächsten Monaten geplant.“ Wo diese Räume entstehen, das sei klar: Das Programm, das Teil einer umfassenden Strategie der Genfer Regierung gegen die Crack-Epidemie in der Stadt ist, wird in denselben Räumen des Universitätspitals stattfinden, in denen bereits die heroingestützte Behandlung läuft.

Zullino legt Wert auf die Begrifflichkeit, weil sie politisch und rechtlich entscheidend ist: „Es geht nicht um die Abgabe einer Droge, sondern um ihre ärztliche Verschreibung“ – also um Therapie, nicht um Konsum. Es sei demnach „kein Konsumraum“, also „keine Kontakt- und Anlaufstelle“, sondern ein „Therapieraum“. Und die Zielgruppe sind natürlich nicht Wochenend-Hedonist*innen mit der Fähigkeit, Kokainkonsum auf Vernissagen als Networking zu verbuchen, sondern jene Menschen, deren Lebenslauf auf der Straße endet.

Der Zürcher Präzedenzfall

Was wir hier beobachten, ist keine medizinische Bastelei. Es ist die Konsequenz einer politischen Bildung, die durch pragmatische Experimente hart erkämpft wurde. Als Zürich in den 1990er-Jahren unter dem Gewicht der offenen Drogenszene zusammenzubrechen drohte und mit einer Epidemie von Überdosierungen und HIV-Infektionen konfrontiert war, entschied man sich für die skandalöseste aller Lösungen: die Vernunft. Die Ergebnisse des Vier-Säulen-Modells, eines Rahmenkonzepts, das die Abgabe von Heroin in kontrollierter Qualität vorsah, waren für den rationalen Verstand ebenso vorhersehbar wie für den moralistischen schockierend: geringere Sterblichkeit, weniger Kriminalität, stabilisierte Lebensumstände und die Verlagerung des Konsums aus den Straßen in kontrollierte Einrichtungen.

Wir haben in der Schweiz beim Heroin gelernt, dass [Abstinenz als vorrangiges Ziel] keinen Sinn ergibt. Die Leute lehnen das Angebot dann ab und kommen einfach nicht mehr.

Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie, zum neuen Angebot der Kokain-Verschreibung für Crack-Süchtige

Durch die Verschreibung von medizinischem Kokain domestiziert die Genfer Regierung nun eine Substanz, die zuvor ausschließlich in der Schattenwirtschaft zu finden war. Zullino, der vor über drei Jahrzehnten an der Entwicklung der heroingestützten Behandlung beteiligt gewesen war, wendet den Pragmatismus des Vier-Säulen-Modells nun auf Kokain an, ohne dabei zu beschönigen. „Kokain ist immer ungesund“, sagt er. Die größte Gefahr liege in der Vasokonstriktion, der Verengung kleiner Arterien. Die Therapie in Genf ziele nicht darauf ab, Kokain harmlos zu machen, sagt er, sondern darauf, seine Risiken überschaubar.

Die Chemie des Cracks

Chemisch gesehen entsteht Crack aus Kokainsalz, dem Natron zugesetzt wird. Entscheidend ist nicht die Stärke der Substanz, sondern die Geschwindigkeit der Absorption [Aufnahme ins Blut, Anm. d. Red.], ein Prinzip, das schon die Tabakindustrie mit Ammoniak ausgenutzt hat, um die Nikotinaufnahme zu beschleunigen. „Substanzen machen umso schneller süchtig, je schneller sie das Gehirn erreichen“, sagt Zullino, eine Reise, die beim Inhalieren nur wenige Sekunden dauere.

Ziel sei es, mittelfristig eine Form zu entwickeln, bei der Kokain als möglichst reiner Dampf inhaliert werden könne, sodass das Lungengewebe von schädlichen Partikeln verschont bleibe. „In der Zwischenzeit werden die Patient*innen Pfeifen verwenden, in denen unter kontrollierten medizinischen Bedingungen das verschriebene Kokainsalz mit Natron zur inhalierbaren Form aufbereitet und erhitzt wird. Später könnten auch elektrische Vaporizer verwendet werden“, sagt der Suchtpsychiater.

Beziehungsarbeit statt Abstinenz

Die kurze pharmakologische Wirkungsdauer von Crack – ein flüchtiger, meist zehn- bis fünfzehnminütiger neurochemischer Hochgenuss, viel kürzer als Heroin – stellt den Genfer Arzt dabei vor ein Planungsproblem, das dem der SBB [Schweizerische Bundesbahn, Anm. d. Red.] in nichts nachsteht: „Die Patient*innen können dreimal täglich vorbeikommen und zweimal pro Besuch eine Dosis einnehmen, wobei zwischen den Dosen eine obligatorische Pause von zwei Stunden liegen muss.“

Crack wirkt schnell. Es verschwindet noch schneller. Nach ein paar Minuten ist das High schon wieder verpufft. Für die Stunden zwischen den Besuchen am am Universitätsspital verschreibt Zullino den Klient*innen langwirksame Amphetamine, die den Suchtdruck dämpfen sollen. Dieser pharmazeutische Trick, der sich in der Heroinabgabe mit anderen Substanzen sehr bewährt habe, wie Zullino sagt, ersetzt ein Stimulans durch ein anderes. Keine Entwöhnung, sondern Regulierung: Stabilisierung durch Substitution, seit dreißig Jahren ein Leitprinzip der Schweizer Drogenpolitik.

Hilfe ohne Vorbedingung

Zullino formuliert, was rationale Beobachter*innen verstanden und Studien dokumentiert haben, moralisch Argumentierende jedoch nicht anerkennen wollen: dass Schadensminderung, Stabilisierung und therapeutisches Engagement den einzig konstruktiven Ansatz zur Suchtbekämpfung darstellen. „Abstinenz ist nicht unser vorrangiges Ziel“, sagt er. „Wir haben in der Schweiz beim Heroin gelernt, dass das keinen Sinn ergibt. Die Leute lehnen das Angebot dann ab und kommen einfach nicht mehr.“

Die Strategie räumt häufigen klinischen Kontakten Vorrang vor moralistischen Haltungen ein und verbindet diese Begegnungen durch Partnerschaften mit Genfer Museen mit kulturellem Engagement. Ehemalige Süchtige, die nun als Peer-Berater*innen ausgebildet sind, organisieren diese Ausflüge und verwandeln Cracksüchtige in Galeriebesucher*innen. Die Ergebnisse sprechen laut Zullino für sich: „Es ist erstaunlich, was da möglich ist. Leute, die auf der Straße zwanzig Mal am Tag konsumieren, kommen plötzlich einen Tag lang ohne Crack aus.“

Jemand musste den ersten Schritt machen.

Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie, zum neuen Angebot der Kokain-Verschreibung für Crack-Süchtige

Die Genfer Regierung hat die Fiktion aufgegeben, dass eine Cracksucht erst überwunden werden muss, bevor Hilfe geleistet werden kann. Eine Vorstellung, die genauso absurd ist wie die Forderung, dass ein Ertrinkender erst trocken werden muss, bevor man ihm eine Rettungsweste zuwirft. Stattdessen erkennt sie, wie beim Heroin, die Hartnäckigkeit der Sucht an und behandelt sie als Realität, nicht als moralisches Versagen.

Von ehemaligen Süchtigen organisierte Museumsbesuche können nicht den Rausch ersetzen – solch magisches Denken gehört in evangelikale Erweckungsversammlungen, nicht in die Gesundheitspolitik. Aber sie geben einem ansonsten chaotischen Leben eine gewisse Struktur. Dreimal täglich stattfindende Abgabetermine ersetzen die Schwarzmarkt-Transaktionen an Straßenecken, während Stabilität die Illusion der Heilung ersetzt, jene moralische Fiktion der Prohibition, die in einem globalen Drogenkrieg endete, der statt Substanzen zu bekämpfen Menschen zerstörte. Die Genfer Schadensminderung mit ihrem pharmazeutischen Kokain, bei dem jeder Schritt vom legalen Anbau der Coca-Pflanze bis zur Produktion dokumentiert werden muss, verlagert damit einen Teil dieses Geschäfts aus der Schattenwirtschaft in staatliche Kontrolle.

„Blicken mit Interesse nach Genf“

„Jemand musste den ersten Schritt machen“, sagt Daniele Zullino. Andere Kantone – Basel-Stadt, Zürich, Graubünden – verfolgen das Experiment in Genf mit der Intensität von Laborwissenschaftler*innen, die einen möglichen Durchbruch erwarten.

Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit werden die Erträge beträchtlich sein.

Daniele Zullino, Leiter der Genfer Suchtpsychiatrie, zum neuen Angebot der Kokain-Verschreibung für Crack-Süchtige

„Wir blicken mit großem Interesse nach Genf“, sagt Regine Steinauer, Leiterin der Abteilung Sucht im Gesundheitsdepartement Basel-Stadt. „Das Projekt ist mutig. Es gibt nichts Vergleichbares und viele Fragen sind offen.“ In Basel habe man im vergangenen Jahr eine Umfrage unter Konsumierenden bezüglich therapeutischer Crack-Verschreibung durchgeführt. Die Crack-Konsument*innen selbst äußerten sich skeptisch. Man sei hier auf jeden Fall noch nicht so weit für ein vergleichbares Projekt, sagt Steinauer. Der Druck durch die offene Szene sei geringer als in Genf. Und natürlich sei der Aufbau eines solchen Angebots mit erheblichen Kosten verbunden. Man wolle deshalb zunächst die Erfahrungen aus Genf abwarten.

Zur Kostenfrage sagt Daniele Zullino: „Die Kokainbehandlung ist, wie schon die Heroinbehandlung, nicht darauf ausgelegt, Gewinne zu erzielen. Aus Sicht der öffentlichen Gesundheit aber werden die Erträge beträchtlich sein.“

*Dieser für magazin.hiv leicht angepasste Beitrag erschien zuerst am 20. März 2026 auf infosperber.ch. Wir danken Daniel Ryser und der Schweizerischen Stiftung zur Förderung unabhängiger Information herzlich für die Erlaubnis zur Zweitveröffentlichung.

Weitere Beiträge zum Thema Crack und Heroin auf magazin.hiv und aidshilfe.de (Auswahl):

  • Crack als Herausforderung für die Drogenhilfe (28.10.2025)

Materialien der Deutschen Aidshilfe zum Thema Risikominierung beim Crackkonsum

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Leben mit HIV in Tadschikistan: Sitora https://magazin.hiv/magazin/leben-mit-hiv-in-tadschikistan-sitora/ https://magazin.hiv/magazin/leben-mit-hiv-in-tadschikistan-sitora/#respond Thu, 26 Mar 2026 08:22:42 +0000 https://magazin.hiv/?p=1559520

HIV wird in Tadschikistan stark stigmatisiert, Menschen mit HIV werden diskriminiert. Etwa 17.000 Menschen mit HIV leben dort, davon rund 6.000 Frauen. Sitora ist eine von ihnen. Mehrangez Tursunzoda hat sie einen Tag lang begleitet. Fotos: Nazim Kalandarov

Sitora (Pseudonym) ist Mutter von drei Kindern. Sie ist 40 Jahre alt. Die beiden jüngeren Kinder wurden geboren, nachdem bei Sitora  eine HIV-Infektion festgestellt worden war.

Sie lebt 20 Kilometer vom Zentrum der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe entfernt. Der Bezirk Rudaki in dem sie wohnt, gehört erst seit zwei Jahren offiziell zum Stadtgebiet der Hauptstadt. Um ins Krankenhaus zu gelangen muss sie eine Strecke von 16 Kilometern zurücklegen. Dort befindet sich das Nationale Medizinische Zentrum, das für ihren Bezirk zuständig ist.

© Nazim Kalandarov | DAH
© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Unweit ihres Hauses gibt es eine medizinische Station mit einer Krankenschwester und einer Pflegehelferin. Dort werden Impfungen durchgeführt, doch im Notfall können sie keine medizinische Erstversorgung leisten. Es fehlt an entsprechender Ausstattung und qualifiziertem Personal.

© Nazim Kalandarov | DAH
© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Bevor bei Sitora HIV festgestellt wurde, hatte sie keinerlei Vorstellung von diesem Virus. Von ihrer Infektion erfuhr sie im Rahmen einer verpflichtenden medizinischen Untersuchung, die sie für eine Arbeitsaufnahme absolvieren musste. Sie konnte die Diagnose zunächst nicht akzeptieren, hoffte auf einen Irrtum der Ärzt*innen und weigerte sich, eine antiretrovirale Therapie zu beginnen.

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Mit der antiretroviralen Therapie begann Sitora erst, als sich ihr Gesundheitszustand so sehr verschlechterte, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Dort wurde ihr erklärt, dass die HIV-Infektion ein lebensbedrohliches Stadium erreichen würde, wenn sie die Therapie weiterhin verweigere.

Heute erhält sie alle drei Monate in der Poliklinik kostenlos ihre Medikamente, die sie täglich um 21 Uhr einnimmt.

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Außerdem bekommt sie einmal im Monat von der Poliklinik Säuglingsnahrung, die für etwa zwei Wochen ausreicht. „Wenn man stillt, ist das etwas ganz anderes. Die Nahrung für dein Kind ist immer bei dir. Du musst dir keine Sorgen machen. In unserem Fall aber muss man ständig darauf achten, dass genug Nahrung da ist, und rechtzeitig neue Säuglingsnahrung kaufen. Etwas anderes isst das Kind nicht“, scherzt Sitora.

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Artikel 125 des Strafgesetzbuchs der Republik Tadschikistan stellt die vorsätzliche Übertragung von HIV und das „Exponieren“ anderer gegenüber einer HIV-Gefahr unter Strafe: Wer wissentlich andere Personen einem Infektionsrisiko aussetzt oder sie ansteckt, kann mit mehrjährigen Freiheitsstrafen belegt werden. Darunter fallen auch stillende Mütter.

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Sitora berichtet, dass ihr das Tadschikische Netzwerk von Frauen mit HIV geholfen habe, Informationen über HIV zu erhalten. Das Netzwerk organisierte Informationskampagnen, Seminare, Konferenzen und vermittelte Treffen mit einer Psychologin, die Sitora halfen, ihre Angst vor der Ungewissheit zu bewältigen. Später beteiligte Sitora sich selbst an der Durchführung von Veranstaltungen. Aufgrund von Finanzierungskürzungen wurden die Programme im vergangenen Jahr jedoch eingestellt.

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Sitora verfügt über keine Hochschulausbildung. Sie arbeitete als Küchenhilfe in Restaurants – sowohl in Tadschikistan als auch in Russland. In beiden Ländern, so berichtet sie, seien Menschen mit HIV mit Diskriminierung konfrontiert. „Ich verschiebe die Termine für medizinische Untersuchungen immer unter irgendeinem Vorwand. Arbeitgeber würden mich nicht einstellen, wenn sie von meiner Krankheit wüssten“, sagt Sitora.

Diese Reportage entstand im Rahmen eines Projekts, in dem die Deutsche Aidshilfe gemeinsam mit Expertinnen des Tadschikischen Aids-Zentrums, Kolleg*innen von der Berliner Charité und Frauen aus der tadschikischen HIV-Community zusammengearbeitet hat, um die Versorgung schwangerer HIV-positiver oder drogengebrauchender Frauen zu verbessern. Gefördert wurde das Projekt von Klinikpartnerschaften. Ziel war es, gemeinsam mit HIV-positiven Frauen aus Tadschikistan Multiplikatorinnen aus ländlichen Gebieten auszubilden. Diese sollen Frauen, die nur eingeschränkten Zugang zu HIV-Kliniken haben, professionell zu den Themen HIV, Schwangerschaft, Stillen sowie Schwangerschaft und Drogen beraten können. Ein Beitrag zu diesem Projekt findet sich hier: https://www.aidshilfe.de/medien/md/aidshilfe2024/peer-unterstuetzung-fuer-schwangere-frauen-mit-hiv-in-tadschikistan/

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