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	<title>Nicholas Feustel, Author at magazin.hiv</title>
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	<description>Hintergründe zum Leben mit HIV, Aids, STIs, Hepatitis</description>
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	<title>Nicholas Feustel, Author at magazin.hiv</title>
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		<title>HIV-PrEP – worauf warten wir eigentlich?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nicholas Feustel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 25 Sep 2014 13:39:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-PrEP]]></category>
		<category><![CDATA[Medikalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Prä-Expositions-Prophylaxe]]></category>
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		<category><![CDATA[Truvada]]></category>
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					<description><![CDATA[<em>Nicholas Feustel</em> fragt: Wenn weitgehend Einigkeit herrscht, dass die HIV-PrEP funktioniert, wenn man sie nimmt – warum setzen wir uns dann nicht alle dafür ein, dass diese neue Präventionsmöglichkeit auch in Deutschland Wirklichkeit wird?]]></description>
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        <strong><em>Nicholas Feustel</em> fragt: Wenn weitgehend Einigkeit herrscht, dass die HIV-PrEP funktioniert, wenn man sie nimmt – warum setzen wir uns dann nicht alle dafür ein, dass diese neue Präventionsmöglichkeit auch in Deutschland Wirklichkeit wird?</strong></p>
<p>Aus anerkannten wissenschaftlichen Studien (<a href="http://www.aidsmap.com/The-iPrEx-study/page/1746640/">iPrEX-Studie</a> und <a href="http://www.aidsmap.com/Overall-PrEP-effectiveness-in-iPrEx-OLE-study-50-but-100-in-those-taking-four-or-more-doses-a-week/page/2892435/">iPrEX-OLE-Studie</a>) wissen wir, dass die tägliche Einnahme einer Tablette Truvada eine sehr hohe Schutzwirkung (im oberen 90-Prozent-Bereich) vor HIV bietet. Ebenso wissen wir, dass nicht alle Menschen jedes Mal, wenn sie Sex haben, Kondome verwenden (siehe zum Beispiel die Ergebnisse der <a href="http://www.aidshilfe.de/de/shop/schwule-maenner-und-hivaids-lebensstile-sex-schutz-und-risikoverhalten">Wiederholungsbefragung „Schwule Männer und HIV/Aids“</a>). Da könnte doch die HIV-PrEP gerade für Menschen aus den Gruppen, die am stärksten von HIV betroffen sind, eine zusätzliche oder alternative Schutzmöglichkeit sein.</p>
<p>Was also könnte gegen die PrEP sprechen?</p>
<h4><strong>Mangelnde Wirksamkeit?</strong></h4>
<p>Die PrEP wirkt nur, wenn man sie auch wirklich regelmäßig nimmt. Aber auch Kondome wirken nur, wenn man sie benutzt. Mit zwei Unterschieden:</p>
<p>1) Ein Kondom, das nicht verwendet wird, bietet gar keinen Schutz. Wenn man dagegen mal eine oder zwei Einnahmen von Truvada vergessen hat, bietet die PrEP immer noch einen sehr hohen Schutz vor HIV.</p>
<p>2) Kondome müssen oft dann angewendet werden, wenn man gerade voll unter dem Einfluss von körpereigenen Endorphinen, Alkohol, Drogen oder Liebe ist. Das kriegt nicht jeder immer so gut hin. Die Entscheidung für die PrEP kann man bei klarem Verstand treffen.</p>
<blockquote><p>Auch Kondome wirken nur, wenn man sie benutzt</p></blockquote>
<p>Kritiker sagen nun, dass viele schwule Männer in den Studien nicht in der Lage waren, jeden Tag eine Pille zu schlucken, und dass die PrEP deshalb nicht funktionieren werde.</p>
<p>Nun, Studiensituationen sind nie mit dem realen Leben gleichzusetzen. An Studien nehmen durchaus auch Menschen teil, die im wirklichen Leben gar keine PrEP nehmen würden – zum Beispiel, weil sie in Ländern leben, wo sie nach Studienende sowieso keinen Zugang zur PrEP hätten, oder weil sie für sich selbst gar keine hohe Ansteckungsgefahr sehen. Auch sind viele Gründe dafür vorstellbar, die Tabletten nicht wie vorgeschrieben einzunehmen. Die Motivation zur Studienteilnahme kann etwa auch darin bestehen, regelmäßig die kostenlose Möglichkeit zu einem Arzttermin zu bekommen – was in einigen Ländern, in denen die Studien durchgeführt wurden (Peru, Ecuador, Brasilien, Südafrika, Thailand und USA), keine Selbstverständlichkeit ist. Und vorstellbar ist auch, dass die Truvada-Tabletten, die man als Studienteilnehmer umsonst bekommt, gewinnbringend auf dem Schwarzmarkt verkauft werden.</p>
<p>Millionen von Frauen bekommen es hin, regelmäßig die Anti-Baby-Pille zu nehmen. Warum sollten schwule Männer es nicht auch hinbekommen, täglich eine Tablette zu nehmen? Die Studienergebnisse zeigen , dass diejenigen mit den meisten Sexpartnern und den meisten kondomlosen Sexkontakten auch die höchste „Therapietreue“ aufwiesen. Diejenigen, für die die PrEP gedacht ist, können sich selbst und ihr Verhalten also offenbar ganz gut einschätzen.</p>
<p>In der HIV-Prävention sprechen wir doch oft von Selbstbestimmung. Sollten wir es Menschen dann nicht auch überlassen, ob sie regelmäßig eine Pille schlucken? Kondome empfehlen wir auch – und überlassen es der Selbstbestimmung des Einzelnen, ob er sie benutzt. <a href="http://aidshilfe.de/de/aktuelles/meldungen/who-hiv-praevention-und-versorgung-fuer-die-die-sie-am-dringendsten-brauchen">Ebenso empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass schwule Männer über die PrEP nachdenken sollten.</a></p>
<h4><strong>Die Nebenwirkungen?</strong></h4>
<p>Ein häufig genanntes Argument gegen die PrEP sind die Nebenwirkungen von Truvada. Doch Truvada, das aus den beiden Wirkstoffen Tenofovir und Emtricitabin besteht, wurde unter anderem deshalb als erster Kandidat für die PrEP-Forschung ausgewählt, weil es schon seit Jahren erfolgreich in der HIV-Therapie eingesetzt wird und als eins der nebenwirkungsärmsten HIV-Medikamente gilt.</p>
<p>Langfristig kann sich Truvada auf die Nierenfunktion und in seltenen Fällen auf die Knochendichte auswirken. Die PrEP-Studien zeigen aber, <a href="http://www.aidsmap.com/Tenofovir-HIV-PrEP-causes-no-long-term-harm-to-kidneys/page/2854906/%20">dass diese Nebenwirkungen nach Absetzen der PrEP vollständig reversibel sind</a>, das heißt, die <a href="http://www.fda.gov/downloads/AdvisoryCommittees/CommitteesMeetingMaterials/Drugs/AntiviralDrugsAdvisoryCommittee/UCM303216.pdf">Nieren und Knochen erholen sich danach wieder</a>. Da man bei einer PrEP alle drei Monate medizinisch untersucht wird, kann man sie bei ersten Anzeichen von schwereren Nebenwirkungen frühzeitig abbrechen.</p>
<blockquote><p>Jedes Medikament hat Nebenwirkungen</p></blockquote>
<p>Natürlich: Truvada ist ein Medikament mit Nebenwirkungen. Aber es gibt kein Medikament ohne Nebenwirkungen. Läse man sich die <a href="http://gestis.itrust.de/nxt/gateway.dll/gestis_de/491133.xml?f=templates$fn=default.htm$3.0">Nebenwirkungen von Aspirin</a> durch, würde man sich wohl auch überlegen, ob man das Medikament nehmen will … .</p>
<p>Außerdem ist die Einnahme von Truvada als PrEP ja auch nicht als lebenslange Strategie für jeden gedacht, sondern für Phasen im Leben mancher Menschen, in denen sie die am besten geeignete Präventionsmethode ist.</p>
<h4><strong>Resistenzentwicklung?</strong></h4>
<p>Einige sind besorgt, dass sich durch die Einführung der PrEP Resistenzen gegen die Wirkstoffe von Truvada entwickeln und dadurch ein sehr gut wirksames HIV-Medikament nicht mehr in der Therapie eingesetzt werden kann.</p>
<blockquote><p>Wo kein Virus, da keine Resistenzentwicklung</p></blockquote>
<p>Resistenzen können sich aber nur entwickeln, wenn ein HIV-Infizierter nur Truvada nimmt anstatt der dann eigentlich nötigen „Dreier-Kombi“, er also nur mit zwei statt drei Wirkstoffen behandelt wird – Truvada alleine kann das Virus nicht in Schach halten. <a href="http://www.aidsmap.com/No-significant-risk-of-resistance-if-HIV-infection-occurs-during-use-of-iTruvadai-PrEP/page/2849061/">Bei HIV-Negativen dagegen können sich keine Resistenzen entwickeln, weil kein Virus da ist, das resistent werden könnte.</a></p>
<p>Außerdem wurde Truvada auch deshalb als PrEP-Kandidat ausgewählt, weil es ein sehr gutes Resistenz-Profil hat: Sind die Wirkstoffe einmal gut im Körper etabliert, <a href="http://www.cdc.gov/cdcgrandrounds/pdf/gr-prep-5-20-2014.pdf">haben sie eine recht lange Halbwertzeit</a>, sodass auch das gelegentliche Vergessen der Einnahme noch nicht gleich zu einer zu niedrigen Schutzwirkung führt (was zu einer Ansteckung mit HIV und dann auch zur Resistenzentwicklung führen könnte).</p>
<p>Darüber hinaus ist es recht unwahrscheinlich, dass HIV  gleichzeitig gegen beide der Wirkstoffe in Truvada resistent wird. Und nicht zuletzt gilt: Gegen Truvada resistente Viren <a href="http://www.aidsmap.com/Infectivity-and-duration-of-drug-resistant-virus/page/1729988/">werden weniger leicht auf andere Menschen übertragen</a> (siehe dazu auch <a href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK2244/">hier</a>).</p>
<h4><strong>Risikokompensation?</strong></h4>
<p>Kann die Risikosenkung durch die PrEP dazu führen, dass ihre Nutzer mehr Risiken eingehen als vorher (zum Beispiel seltener Kondome benutzen) und damit die eigentlich hohe Schutzwirkung wieder zunichtemachen?</p>
<p>In den PrEP-Studien konnte dies nicht beobachtet werden. Eher im Gegenteil: Einige PrEP-Nutzer gaben sogar an, häufiger Kondome zu verwenden als vorher. Eine Erklärung: Die PrEP nimmt die Angst beim Sex. Menschen, die nicht immer Kondome verwenden, wissen sehr wohl, dass sie sich dadurch leichter mit HIV anstecken können. Das führt dazu, dass doch immer ein wenig Angst und oft auch ein gewisses Schuldgefühl beim Sex dabei ist. Wenn die PrEP nun die Angst (und Schuldgefühle) nehmen kann, kann das auch dazu führen, dass man sich beim Sex einfach wohler und auch selbstbewusster fühlt – und dass es dann vielleicht sogar häufiger auch mal wieder mit Kondomen klappt.</p>
<h4><strong>Mehr sexuell übertragbare Infektionen (STIs)?</strong></h4>
<p>Die PrEP schützt, anders als Kondome, nur vor HIV, aber nicht vor anderen STIs, wenngleich viele STIs auch bei Kondomgebrauch übertragen werden können, z. B. beim Oralverkehr oder durch Schmierinfektionen.</p>
<p>Aber die PrEP ist ja in erster Linie eh für Menschen gedacht, die jetzt schon keine oder nicht regelmäßig Kondome verwenden.</p>
<blockquote><p>Regelmäßige Untersuchungen = weniger Infektionen?</p></blockquote>
<p>Hinzu kommt (und das finde ich eigentlich am besten an  der PrEP): Bei den schon erwähnten regelmäßigen Arztbesuchen werden die PrEP-Nutzer jedes Mal auf HIV und andere STIs untersucht. Sollte sich jemand mit HIV angesteckt oder eine STI eingefangen haben, werden die Infektionen frühzeitig diagnostiziert und können frühzeitig behandelt werden. Das könnte letztendlich sogar dazu führen, dass die Zahl der Neuinfektionen mit HIV und anderen STIs sinkt.</p>
<p>Und wollen wir nicht genau das mit all unseren Test-Kampagnen erreichen? Dass sich Menschen regelmäßig auf HIV und andere STIs testen lassen? Mit der PrEP könnten wir diejenigen, die viele verschiedene Sexpartner haben und nicht immer Kondome verwenden, die also die meisten Vorteile davon hätten, zu regelmäßigen Tests bewegen.</p>
<h4><strong>Die „Medikalisierung schwuler Männer“?</strong></h4>
<p>Manche reden mit Blick auf die PrEP von einer „Medikalisierung schwuler Männer“. Aber was haben wir denn erwartet?</p>
<p>Kondome – eine physikalische Barriere zum Schutz vor HIV – waren in den frühen 1980ern eine tolle Idee, wie sich schwule Männer vor HIV schützen können. Und wir können mächtig stolz auf uns sein, dass wir es jetzt mehr als 30 Jahre lang geschafft haben, mit dieser Methode sehr viele HIV-Infektionen zu verhindern.</p>
<p>Aber viele Männer empfinden Kondome eben auch als Lusttöter, als ein notwendiges Übel. Und ich frage mich, wofür sich die Mehrzahl der schwulen Männer entschieden hätten, wenn es damals schon die PrEP gegeben hätte: Kondome oder eine Pille am Tag?</p>
<p>Eins jedenfalls erscheint mir sicher: Alles, was uns der wissenschaftliche Fortschritt in Zukunft noch an neuen Möglichkeiten geben wird, der HIV-Epidemie Herr zu werden, wird biomedizinischer Natur sein.</p>
<h4><strong>Die bisher schon erfolgreiche HIV-Prävention in Deutschland?</strong></h4>
<p>Glücklicherweise ist die Zahl der jährlichen HIV-Neuinfektionen bei uns im Vergleich zu anderen Ländern recht niedrig und hält sich einigermaßen konstant. Aber wir müssen auch klar sagen: Es steckt sich jedes Jahr eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Menschen in Deutschland mit HIV an. Und das eben seit Jahren.</p>
<blockquote><p>Alles so lassen, wie es ist?</p></blockquote>
<p>Sagen wir nun: Es ist gut, wie es ist? Oder wollen wir uns noch mehr anstrengen? Immerhin haben wir jetzt etwas Neues: die PrEP. Zwar wird die PrEP alleine nicht der „Game Changer“ sein, der zum Ende der HIV-Epidemie führt – dafür wird es wohl einen hoch wirksamen, günstigen und hitzeunempfindlichen Impfstoff brauchen.</p>
<p>Aber die PrEP kann ein weiterer Bestandteil der sogenannten Kombinations-Prävention sein, bei der man so viele verschiedene Optionen wie möglich in Kombination anzubieten versucht. Jeder kann sich dann die Optionen heraussuchen, die für ihn am besten funktionieren (ein Prinzip, das sich schon bei der HIV-Therapie bewährt hat und das sich eventuell auch bei einer möglichen Heilung von HIV irgendwann mal bewahrheiten könnte).</p>
<p><strong>Anderswo ist man schon weiter</strong></p>
<p>In Deutschland diskutieren wir zurzeit noch über die PrEP. Das ist auch gut so. Aber wir sollten bald dazu übergehen, auch Taten für einen Zugang zu PrEP folgen zu lassen.</p>
<p>Ich spreche dabei bewusst von „Zugang“ und nicht nur von „Zulassung von Truvada zur PrEP“. Menschen, die die PrEP nehmen wollen, müssen dazu auch in der Lage sein – und das bedeutet, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen (denn kaum jemand wird sich € 800 pro Monat für die Tabletten leisten können).</p>
<p>In den USA ist PrEP bereits seit 2012 verfügbar, einige Krankenkassen übernehmen dort die Kosten (übrigens auch in Kanada, wo Truvada nicht zur PrEP zugelassen ist). In anderen Ländern wie zum Beispiel in Australien oder Großbritannien <a href="http://www.prepwatch.org/wp-content/uploads/2014/01/PrEP-Trials-and-Demo-Projects-December-2013.pdf">werden bereits Demonstrationsstudien durchgeführt oder sind geplant</a>.</p>
<blockquote><p>Den Kampf nicht aufgeben, bevor man ihn begonnen hat</p></blockquote>
<p>Die <a href="http://www.aides.org/info-sante/prep">französische Aidshilfe-Organisation AIDES setzt sich aktiv für einen Zugang zur PrEP in Frankreich ein</a>. Und auch wir werden die Unterstützung von Aidshilfen, der Community, von Ärzten und anderen Institutionen brauchen, um den Zugang zur PrEP zu erreichen: Der Truvada-Hersteller Gilead muss überzeugt werden, die Zulassung von Truvada zur PrEP in Europa zu beantragen, die European Medicines Agency (EMA) muss diese Zulassung für die EU genehmigen, dann müssen die Zulassungsbehörden der einzelnen Mitgliedsstaaten ebenfalls zustimmen, und schließlich müssen die Krankenkassen die Kosten übernehmen. Natürlich wird der hohe Preis von Truvada dabei die größte Herausforderung sein. Aber gegen die übermäßig hohen Preise der neuen Hepatitis-C-Medikamente gehen wir doch auch auf die Barrikaden – warum kein Aufschrei gegen die hohen Preise von PrEP?</p>
<p>Nennt mich „naiv“ oder nennt mich „Aktivist“, aber ich bin nicht bereit, einen Kampf als aussichtslos hinzunehmen, bevor ich ihn überhaupt begonnen habe.</p>
<p><strong>Wider den Schwarzmarkt und die PrEP ohne ärztliche Begleitung</strong></p>
<p>Einzelberichte lassen vermuten, dass es schon jetzt einen Schwarzmarkt für Truvada in Deutschland gibt. Manch einer besorgt sich Truvada auf mehr oder weniger illegalen Wegen, kommt damit aber natürlich nicht in den Genuss der unbedingt notwendigen ärztlichen Betreuung. Stattdessen nimmt er vielleicht die PrEP, ohne vorher verlässlich auf HIV getestet worden zu sein, oder reduziert vielleicht, um Pillen zu sparen, die Dosis, was dann in der Tat zu HIV-Infektionen und auch Resistenzbildungen führen könnte.</p>
<p>Allein schon im Sinne der Schadensreduzierung sollten wir daher einen legalen und bezahlbaren Zugang zur PrEP anbieten.</p>
<p><strong>Worauf warten wir also?</strong></p>
<p>Warten wir auf „long-acting injectables“ – die PrEP in Form einer Spritze, die man einmal im Monat oder eventuell auch nur alle drei Monate bekommt? <a href="http://www.hivandhepatitis.com/hiv-treatment/experimental-hiv-drugs/4833-icaac-2014-pharmacokinetic-study-shows-feasibility-of-long-acting-integrase-inhibitor-cabotegravir">Diese PrEP-Variante ist zurzeit in der Entwicklung, und die Zwischenergebnisse sehen auch recht vielversprechend aus</a>. Eine Spritze alle drei Monate könnte natürlich sehr positive Auswirkungen auf die Therapietreue haben, weil man nicht mehr jeden Tag daran denken muss, eine Pille zu nehmen. Bis solche Spritzen marktreif sind, wird es aber noch mehrere Jahre dauern. Und da es sich dann um einen komplett neuen Wirkstoff handeln wird, wird diese PrEP auch deutlich teurer sein als die tägliche Einnahme von Truvada heute.</p>
<blockquote><p>PrEP wird auf längere Sicht Truvada bedeuten</p></blockquote>
<p>Das Patent für Truvada in Europa wird im Juli 2017 auslaufen. Danach könnten andere Hersteller auch hier Generika auf den Markt bringen, also dieselben Inhaltsstoffe, aber billiger. Um wie viel billiger, weiß man noch nicht – wahrscheinlich lägen die Kosten immer noch in einem Bereich, der für die meisten Leute unbezahlbar ist.</p>
<p>Bis auf Weiteres wird die HIV-PrEP also Truvada bedeuten – entweder als täglich eingenommene Tablette oder eventuell auch „nach Bedarf“, also abhängig davon, wann man Sex hat. (Ob dieses Konzept funktioniert, wissen wir noch nicht. Dazu läuft gerade die sogenannte <a href="https://magazin.hiv/2014/09/11/ipergay-studie-zur-hiv-prep-bei-schwulen-maennern/">IPERGAY-Studie</a>, die demnächst auch an Standorten in Deutschland durchgeführt werden soll.)</p>
<p>Die Daten dafür, dass die Truvada-PrEP funktioniert, wenn man sie nimmt, haben wir. Worauf warten wir also noch?</p>
<p>Wollen wir, dass sich mit der PrEP wiederholt, was mit dem EKAF-Statement passiert ist? Seit dessen Veröffentlichung im Jahre 2008 hat es viel zu lange gedauert, bis endlich auch in der öffentlichen Kommunikation die zusätzliche Schutzwirkung erfolgreicher HIV-Therapien anerkannt und propagiert wurde.</p>
<p>Oder wollen wir es dieses Mal, mit der PrEP, richtig machen? Dann sollten wir uns gemeinsam für die PrEP als Element einer modernen und fortschrittlichen HIV-Kombinationspräventions-Strategie starkmachen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bisher in dieser Reihe erschienen:</p>
<ul>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/08/hiv-prep-einladung-zur-diskussion/">HIV-PrEP: Einladung zur Diskussion</a> (8.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/08/hiv-prep-hiv-medikamente-fuer-negative-zum-schutz-vor-einer-ansteckung/">HIV-PrEP: HIV-Medikamente für Negative zum Schutz vor einer Ansteckung</a> (8.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/10/praeser-pillen-lust-und-stigma-schwule-und-die-hiv-prep/">Präser, Pillen, Lust und Stigma: Schwule und die HIV-PrEP</a> (10.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/11/ipergay-studie-zur-hiv-prep-bei-schwulen-maennern/">IPERGAY: Studie zur HIV-PrEP bei schwulen Männern</a> (11.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/11/prep-praeventionsschatztruhe-oder-buechse-der-pandora/">PrEP: Präventionsschatztruhe oder Büchse der Pandora?</a> (11.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/12/hiv-prep-fuer-frauen-ein-statement-aus-den-usa">HIV-PrEP für Frauen: Ein Statement aus den USA</a> (12.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/15/hiv-prep-warum-spricht-kaum-jemand-ueber-die-frauen/">HIV-PrEP: Warum spricht kaum jemand über die Frauen?</a> (15.9.2014)</li>
<li><a href="https://magazin.hiv/2014/09/18/pillen-und-die-angst-vor-hiv-gedanken-zur-prep-debatte/">Pillen und die Angst vor HIV – Gedanken zur PrEP-Debatte</a> (18.09.2014)</li>
</ul></div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
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		<title>&#8222;Wir alle zusammen waren einfach sehr schlagkräftig&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nicholas Feustel]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Jul 2014 15:33:33 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[Großbritannien]]></category>
		<category><![CDATA[HIV & Kriminalisierung]]></category>
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					<description><![CDATA[Wer seine HIV-Infektion verschwiegt und ungeschützten Sex mit einer negativen Person hat, ohne die andere Person zu informieren, macht sich in Deutschland strafbar. Wie die strafrechtliche Situation in England und Wales aussieht berichtet Yusef Azad vom National AIDS Trust.]]></description>
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        Wer in Kenntnis seiner HIV-Infektion ungeschützten Sex mit einer HIV-negativen Person hat, ohne diese vorher über den HIV-Status aufgeklärt zu haben, macht sich in Deutschland strafbar – auch dann, wenn das Virus nicht übertragen wurde. Wie die strafrechtliche Situation in England und Wales aussieht und wie Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Justiz es gemeinsam schafften, Richtlinien zum Umgang mit HIV-Übertragungen zu entwickeln, berichtet Yusef Azad vom National AIDS Trust. Ein Interview von <em>Nicholas Feustel</em></p>
<p><strong>Herr Azad, wie ist die Rechtslage in Großbritannien in Sachen Nichtoffenlegung der HIV-Infektion, Risikoexposition und Übertragung?</strong></p>
<p>In Großbritannien – England, Schottland, Wales und Nordirland – ist die Rechtsprechung nicht überall gleich. In England und Wales kann die sexuelle Übertragung einer Infektion als „Angriff“ im Sinne einer fahrlässigen oder beabsichtigten Verursachung ernsthafter Schäden strafrechtlich verfolgt werden. Das hier angewandte Gesetz heißt „Offences Against The Person Act“ <em>[Anm.d.Red.: Gesetz über Straftaten gegen die Person</em>] und stammt aus dem Jahr 1861. Und offensichtlich haben die Gerichte entschieden, dass es sich bei HIV – und ebenso bei Hepatitis B und Herpes – um einen ernsthaften Schaden handelt, der in den Bereich fahrlässiger Übertragung fällt.</p>
<blockquote><p> „Für die Gerichte handelt es sich bei HIV um einen ernsthaften Schaden“</p></blockquote>
<p>Die Nichtoffenlegung der HIV-Infektion gilt nicht als Straftat. Umgekehrt gilt es als Verteidigungsgrund, wenn die Person, auf die eine Krankheit übertragen wurde, dem Risiko zugestimmt hat – und Zustimmung gründet auf der Tatsache, dass man von der Infektion des Gegenübers wusste, und das heißt fast immer, dass der oder die Infizierte die Infektion offengelegt hat.</p>
<p>Jemanden einfach einem Infektionsrisiko auszusetzen, ist keine Straftat. Es sei denn, es handelt sich um eine absichtliche Übertragung, weswegen bisher aber noch niemand verurteilt wurde. Doch theoretisch ist es möglich. Eine Straftat wäre ebenso der fehlgeschlagene Versuch einer absichtlichen Infizierung. Dieses Delikt fiele unter ein anderes Gesetz namens „Criminal Attempts Act“ <em>[Anm.d.Red.: Gesetz über versuchte Straftaten].</em></p>
<p><strong>Gibt es im englischen Recht so etwas wie „versuchte Fahrlässigkeit“? </strong></p>
<p>Nein, so etwas gibt es nicht. Fahrlässigkeit setzt ja voraus, dass ein Schaden eingetreten ist.</p>
<p><strong>Heißt das, dass Fälle von Risikoexposition – anders als in Deutschland – <em>nicht </em>vor Gericht kommen?</strong></p>
<p>Richtig. Manche dieser Kläger sind schockiert, weil der Sexualpartner sie getäuscht und seinen HIV-Status nicht offengelegt hat. Und manchmal sind sie bestürzt, dass das nicht als Straftat gilt. Mitunter versuchen daher Kläger oder die Polizei, eine „absichtlich versuchte Übertragung“ zu konstruieren. Aber so etwas führt zu nichts.</p>
<p><strong>Seit wann beschäftigen sich der National AIDS Trust und der Terrence Higgings Trust – beides Nichtregierungsorganisationen – mit dem Thema?</strong></p>
<p>2003 kam es in England und Wales zum ersten Mal zu einer gerichtlichen Verurteilung aufgrund einer HIV-Übertragung – für uns ein Zeichen dafür, dass sich in der Gesellschaft die Einstellung hierzu geändert hat. Es handelte sich schlicht um ein Gerichtsurteil und basierte nicht auf detailliert ausgearbeiteten Rechtsvorschriften zur Krankheitsübertragung.</p>
<blockquote><p>„Was das Gesetz von Menschen mit HIV verlangte, war unklar“</p></blockquote>
<p>Was das Gesetz von Menschen mit HIV verlangte, war unklar: Was bedeutete „riskanter Sex“? Wie riskant musste er denn sein? Musste man immer ein Kondom benutzen? War man gesetzlich zur Offenlegung der Infektion verpflichtet? Im Juli 2004 luden wir deshalb Wissenschaftler, Ärzte, Ehrenamtliche und Juristen zu einer Tagung ein, um unsere Sichtweisen zur strafrechtlichen Verfolgung der HIV-Übertragung und mögliche Strategien als Reaktion auf die veränderte Situation zu diskutieren.</p>
<p><strong>Zu welchen Ergebnissen führte diese Tagung?</strong></p>
<p>Die Vertreter aus dem HIV-Bereich lehnten eine Strafverfolgung einhellig ab, auch wenn es zum Beispiel bei der Frage, wie im Falle einer absichtlichen HIV-Übertragung verfahren werden sollte, unterschiedliche Meinungen gab. Insgesamt aber war man alarmiert und betroffen. Diese rechtliche Entwicklung war ja nicht Folge eines im Parlament geprüften Gesetzes oder einer politischen Diskussion. Die Regierung äußerte sich hierzu nicht und hat das zum Teil bis heute nicht getan. Vielmehr hatten die Gerichte ein Rechtsprinzip, das sie in einem Gesetz aus dem 19. Jahrhundert entdeckt hatten, erweitert und auf neue Gegebenheiten angewandt – eine sehr traditionelle Form englischer Rechtspraxis.</p>
<blockquote><p>„Zur Anwendung kam ein Rechtsprinzip aus dem 19. Jahrhundert“</p></blockquote>
<p>Auf welchem Weg eine Veränderung der aktuellen Politik erreicht werden konnte, erwies sich indes als schwierige Frage. Man konnte sich ans Parlament wenden und ein neues Gesetz fordern, das die Rechtsprechung korrigieren würde. Aber eine Entkriminalisierung der fahrlässigen HIV-Übertragung zu fordern, wurde für tollkühn und riskant gehalten, denn das konnte die Situation durchaus weiter verschlechtern. Und nichts sprach dafür, dass das Parlament – damals wie heute – liberal und gegen Kriminalisierung eingestellt sein würde.</p>
<p>Uns blieb also nur, die von den Gerichten verursachten Schäden zu minimieren und Kontakt zum CPS, dem Crown Prosecution Service <em>[Anm.d.Red.: </em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Strafverfolgung"><em>Strafverfolgungsdienst</em></a><em> der </em><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Britische_K%C3%B6nigin"><em>Krone</em></a><em>]</em> aufzunehmen. Diese staatliche Institution hatte die Strafverfolgung in diesem ersten Fall beschlossen und würde für alle künftigen Fälle dieser Art verantwortlich sein. Wir mussten herausfinden, was sie für strafbar hielten, wie sie damit umgingen und wie sie sicherstellten, nicht zu diskriminieren. Und wir wollten Klarheit über ihre Regeln bekommen und dafür sorgen, dass sie HIV wirklich begreifen.</p>
<blockquote><p>„Wir wollten dafür sorgen, dass sie HIV wirklich begreifen“</p></blockquote>
<p>Ergebnis der Tagung war also eine gemeinsame politische Sichtweise, aber auch die Auffassung, durch Anfechtung der jeweiligen Rechtsanwendung werde man kurz- und mittelfristig mehr Erfolg haben, als wenn man dem Gesetz selbst den Kampf ansagte.</p>
<p><strong>Wie gingen Sie schließlich vor? </strong></p>
<p>Die Geschäftsführer unserer beiden Organisationen verfassten einen gemeinsamen Brief an den Direktor der Staatsanwalt, den Leiter der gesamten Abteilung. Zu jenem Zeitpunkt lagen drei Anklagen vor – alle drei gegen schwarzafrikanische Migranten.</p>
<p>Der CPS als öffentliche Einrichtung ist gesetzlich zur Förderung der ethnischen Gleichheit verpflichtet. Deshalb wiesen wir in dem Brief darauf hin, dass die HIV-Infektion als Behinderung anerkannt ist, vor allem schwule Männer und schwarze Afrikaner betrifft und alle bisherigen Anklagen nur gegen Schwarzafrikaner gerichtet waren, was der CPS nicht ignorieren könne. Er müsse dokumentieren, was er tue, und dafür sorgen, dass sein Handeln nicht gegen das Prinzip von Gleichheit und Nichtdiskriminierung verstößt.</p>
<blockquote><p>„Alle Anklagen richteten sich gegen Schwarzafrikaner“</p></blockquote>
<p>Und das funktionierte: Innerhalb einer Woche hatten wir ein Meeting und ein Arbeitsverfahren sowie die Entwicklung von Richtlinien für die Strafverfolgung vereinbart.</p>
<p><strong>Worum ging es bei diesem ersten Meeting? </strong></p>
<p>Der CPS installierte eine Arbeitsgruppe, in der er selbst, die Polizei, das Innen- und Gesundheitsministerium, der Verband der HIV-Ärzte, unsere beiden Organisationen sowie weitere HIV-Netzwerke vertreten waren. Das Ziel war, nach eingehender Diskussion und Klärung der Sachlage die Richtlinien zu entwerfen.</p>
<p>Zunächst ließ der CPS einige der von uns eingebrachten medizinwissenschaftlichen Aspekte durch die Aids-Expertengruppe EAGA – sie berät die Oberste Gesundheitsbehörde – auf ihre Richtigkeit überprüfen. Als festgestellt wurde, dass wir und der Terrence Higgins Trust richtig lagen, ging es an den letzten Entwurf und die Veröffentlichung.</p>
<p><strong>Was sollte denn zum Beispiel noch geprüft werden?</strong></p>
<p>Unter anderem ging es um ein gemeinsam mit einer Virologin erstelltes Papier, in dem wir betonten, dass man die phylogenetische Analyse bei diesen ersten Fällen missbraucht hatte, um Leute für schuldig zu erklären, die es gar nicht waren.</p>
<p>Man hatte damals von den Klägern und den Angeklagten HI-Viren entnommen, sie analysiert und festgestellt, dass sie zueinander passten. Für die Staatsanwaltschaft stand damit fest, dass der Angeklagte die verantwortliche Person sei. Doch die Übereinstimmung der Viren konnte ja genauso gut bedeuten, dass es umgekehrt war und der Kläger den Angeklagten infiziert hat: Sie sagt ja nichts darüber aus, in welche Richtung die Viren übertragen worden sind. Möglich war außerdem, dass eine dritte Person den Kläger wie auch den Angeklagten angesteckt hat.</p>
<blockquote><p>„Die phylogenetische Analyse liefert keinen hinreichenden Beweis“</p></blockquote>
<p>Die phylogenetische Analyse weist also nur auf eine mögliche Übertragung zwischen zwei Personen hin, beweist dies aber nicht hinreichend, sodass weitere Beweise gebraucht werden.</p>
<p>Wie wichtig die vom HIV-Bereich eingebrachte wissenschaftliche Beratung sein kann, hat sich auch beim Thema „Schutz durch Therapie“ gezeigt. Dazu gab es in den CPS-Richtlinien kürzlich den Nachtrag, dass eine nicht nachweisbare oder sehr geringe Virusmenge genauso schützen kann wie das Kondom und dass die Strafverfolgungsbehörden diesen Sachverhalt anerkennen sollten. Das ist beispielsweise in Schottland relevant, wo die Exposition strafrechtlich verfolgt werden kann. Die Behörden dort sollten niemanden mit niedriger Viruslast wegen „Risikoexposition“ belangen, weil diese Person niemanden einem Risiko aussetzt.</p>
<p><strong>Bei deutschen Gerichten ist immer noch strittig, ob „Schutz durch Therapie“ genauso Safer Sex ist wie der Kondomgebrauch. Ist das in England und Wales heute Konsens?</strong></p>
<p>Ja. Und das ist ein weiterer, recht interessanter Aspekt unserer Strategie. Wir hatten unter anderem empfohlen, dass die beiden wichtigsten klinischen Gremien in England und Wales, BHIVA und EAGA, gemeinsam ein Konsens-Papier zum „Schutz durch Therapie“ erstellen sollten – wir hatten nämlich das Schweizer Statement gelesen <em>[Anm. d. Red.: in Deutschland als „EKAF-Statement“ bekannt].</em> In Großbritannien gab es zwar Papiere, Konferenzen und Debatten dazu, aber kein verbindliches Statement der klinischen Community, das klarstellte, wie „Schutz durch Therapie“ funktioniert. Ohne ein solches Papier war es schwierig, die Strafverfolgungsbehörden auf die Sache festzunageln.</p>
<blockquote><p>In England und Wales Konsens: Schutz durch Therapie = Safer Sex</p></blockquote>
<p>Zunächst also organisierte der NAT ein Expertenseminar zum Thema und schrieb einen Bericht darüber. Danach nervten wir die beiden Gremien so lange mit der Bitte, dieses Statement zu verfassen, bis sie es schließlich taten und das Ergebnis auf ihre Website stellten. Mit diesem Papier können wir jetzt erneut an den CPS herantreten und sagen: Das ist also nichts, was wir uns ausgedacht haben, sondern das ist der klinische Konsens zum Thema.</p>
<p><strong>Und wo sie nun fertig und veröffentlicht sind: was steht denn in den Richtlinien?</strong></p>
<p>Nun, die Richtlinien sind nicht HIV-spezifisch, sondern befassen sich mit der sexuellen Übertragung von Krankheiten allgemein, obwohl es bis zu ihrer Veröffentlichung nur wegen HIV Fälle strafrechtlicher Verfolgung gegeben hatte. Wir betonten damals, dass ein HIV-spezifisches Recht diskriminierend wäre, und dem stimmte der CPS zu. Wir werden die Richtlinien überarbeiten und Anhänge oder ergänzende Materialien hinzufügen müssen, die sich auf spezielle Infektionen beziehen, denn inzwischen hat es auch Anklagen wegen Hepatitis B und Herpes gegeben.</p>
<blockquote><p>„So etwas wie ‚versuchte Fahrlässigkeit‘ gibt es nicht“</p></blockquote>
<p>Die Richtlinien besagen, dass es so etwas wie „versuchte Fahrlässigkeit“ nicht gibt und die Nichtoffenlegung des Serostatus beim Sex keine Vergewaltigung ist. Ebenso, dass es sich um einen sensiblen Rechtsbereich handelt, diese Fälle schwer zu beweisen sind und nicht mit vielen Fällen zu rechnen ist.</p>
<p>Dokumentiert ist auch, dass es als Verteidigungsgrund zu gelten hat, wenn eine Person in ein ihr bekanntes Risiko eingewilligt hat: Wenn man also von der HIV-Infektion des Partners weiß und mit ihm ungeschützten Sex hat, nimmt man das Infektionsrisiko in Kauf, was der Partner zu seiner Entlastung anführen könnte. Ein anderer wichtiger Punkt der Richtlinien lautet, dass fahrlässig nur handeln kann, wer von seiner Infektion weiß, was im Regelfall nur mittels Diagnose möglich ist. Außerdem muss man über die Übertragungswege und über Safer Sex beraten worden sein.</p>
<p>Auch die Unterlagen zu den Grenzen der phylogenetischen Analyse sind enthalten. Zugleich wird angeführt, dass bei jeder HIV-Beschuldigung eine solche Analyse durchzuführen ist, und zwar als Teil der Beweismittelführung. Durch unsere Präsentation hat der CPS nämlich verstanden, dass es sich hier um ungewöhnliche Fälle handelt, weil die Beschuldigten ja nicht automatisch wissen, ob sie schuldig sind oder nicht.</p>
<blockquote><p>„Eine angemessene Schutzmaßnahme muss nicht zu 100 % effektiv sein“</p></blockquote>
<p>Betont wird außerdem, dass die Verwendung „angemessener Schutzvorkehrungen“ zur  Verteidigung angeführt werden kann. Die Verfasser der Richtlinien dachten dabei wahrscheinlich an Kondome, aber meines Erachtens gehört heute auch der Schutz durch Therapie dazu. Sehr hilfreich ist auch die Feststellung, dass eine angemessene Schutzmaßnahme nicht zu hundert Prozent effektiv sein muss. Kondome schützen zwar nicht hundertprozentig, sind aber angemessen. Und wenn nun das Kondom platzt und der Sexpartner sich infiziert, dann hat man keine Straftat begangen: Man hat ja getan, was als angemessen gilt, um die Weiterverbreitung von HIV zu verhindern.</p>
<p>Zugleich geht aus den Richtlinien hervor, dass es nicht Sache der Gerichte oder Verfolgungsbehörden ist, zu bestimmen, was angemessene Schutzvorkehrungen sind. Die Gerichte werden sich vielmehr am klinischen Konsens orientieren, was im Sinne von Safer Sex als adäquat anzusehen ist. Das steht im Gegensatz zu Ländern wie etwa Kanada, wo die Gerichte selbst entscheiden, was angemessener Safer Sex ist und was nicht.</p>
<p><strong>Sind Sie mit den Richtlinien insgesamt zufrieden? </strong></p>
<p>Im Rahmen dessen, was wir erreichen konnten, sind sie ziemlich gut. Wir konnten ja die Gesetze nicht ändern, und das mussten wir jedem klarmachen, der an dem Prozess beteiligt war.</p>
<p><strong>Was würden Sie Menschen raten, die gegen die HIV-Kriminalisierung in ihrem Land  vorgehen wollen? Was also funktioniert und was nicht?</strong></p>
<p>Was bei uns funktioniert hat, war einfach das Einbringen wissenschaftlicher Belege – ob es nun um die Häufigkeit der HIV-Übertragungen durch Nichtdiagnostizierte ging, um die phylogenetische Analyse oder um die Schutzwirkung der HIV-Therapie oder des Kondoms.</p>
<blockquote><p>Wichtig: wissenschaftliche Belege und Bündnispartner</p></blockquote>
<p>Günstig war ebenso, dass es im HIV-Bereich ein sehr einheitliches Bündnis von Menschen gab, die ihre Besorgnis äußerten. Dazu gehörten auch HIV-Positive, und zwar nicht nur Schwule, sondern auch Afrikaner oder Frauen, und natürlich Ärzte und Wissenschaftler. Wir alle zusammen waren einfach sehr schlagkräftig.</p>
<p>Für uns war wichtig, auf zwei Ebenen aktiv zu sein und diese beiden Ebenen klar voneinander zu trennen. Da war einerseits die grundsätzliche Opposition zur Politik – wir erhalten sie weiter aufrecht und entwickeln dazu unsere Visionen und Positionen. Und andererseits ging es um praktisch-strategische Schadensminimierung, wo wir mit Strafverfolgungsbehörden und später mit der Polizei kooperierten, um entsprechende Regeln und Verfahrensweisen zu finden.</p>
<p>Aber wir sind nie Kompromisse eingegangen, was unsere grundsätzliche Ablehnung der strafrechtlichen Verfolgungen angeht.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong><em>Weitere Informationen:<br />
</em></strong>Wie die CPS-Richtlinien zum Umgang mit HIV-Übertragungen entstanden sind, zeigt die englischsprachige <a href="http://www.hivjustice.net/video/doing-hiv-justice">Videodokumentation „Doing HIV Justice“</a>. Zu Wort kommen neben Yusef Azad auch Lisa Power vom Terrence Higgins Trust und Arwel Jones vom Crown Prosecution Service.</p>
<p>Originalwortlaut der <a href="http://www.cps.gov.uk/publications/prosecution/sti.html">CPS-Richtlinien</a></p>
<p>Aktualisiertes <a href="https://www.gov.uk/government/publications/the-use-of-antiretroviral-therapy-to-reduce-hiv-transmission">Positionspapier zu „Schutz durch Therapie“ von BHIVA und EAGA</a> (Stand: Januar 2013)</p>
<p><a href="http://www.nat.org.uk/Information-and-Resources/New%20publications.aspx]">Bericht des National AIDS Trust über phylogenetische Analysen und weitere Dokumente über HIV und (Straf-)Recht</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Schaden ohne Nutzen</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nicholas Feustel]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 18 Jul 2014 16:11:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Prävention & Wissen]]></category>
		<category><![CDATA[HIV & Kriminalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[HIV Justice]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Melbourne]]></category>
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					<description><![CDATA[<span class="Apple-style-span" style="color: #304454;">Am Sonntag beginnt die <a style="color: #1e73be;" href="http://www.aids2014.org/">20. Internationale Aids-Konferenz</a> im australischen Melbourne. Eines der Themen: die Kriminalisierung der (möglichen) HIV-Übertragung.</span>]]></description>
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        <a href="https://magazin.hiv/2014/07/18/hiv-kriminalisierung-mehr-schaden-als-nutzen/zettberlin-photocase78g8lk6g55244321-220x220/" rel="attachment wp-att-21404"><img decoding="async" class="alignleft size-thumbnail wp-image-21404" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2014/07/zettberlin-photocase78g8lk6g55244321-220x220-180x180.png" alt="Paragrafenzeichen" width="180" height="180" /></a>Am Sonntag beginnt die <a href="http://www.aids2014.org/">20. Internationale Aids-Konferenz</a> im australischen Melbourne. Eines der Themen: die Kriminalisierung der (möglichen) HIV-Übertragung.</p>
<p>Die <a href="http://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/meldungen/who-hiv-praevention-und-versorgung-fuer-die-die-sie-am-dringendsten-brauchen">Welt-Gesundheits-Organisation (WHO) hat im Vorfeld der Konferenz erneut darauf hingewiesen, dass Kriminalisierung der HIV-Prävention schadet</a>. Und auch das heute beginnende erste „<a href="http://www.outragefilmfestival.com/outrage-hiv-justice-ff/index.html">Outrage HIV Justice Film Festival</a> zeigt in den nächsten drei Tagen Filme zu verschiedenen Aspekten der HIV-Kriminalisierung.</p>
<p>Für die Redaktion war dies Anlass genug, sich während der Konferenztage erneut intensiv in einem Dossier mit dem Thema zu beschäftigen (<a href="http://www.aidshilfe.de/de/infothek/dossiers">siehe frühere Dossiers</a>). Sie hat dafür den Filmemacher und Aktivisten Nicholas Feustel gewinnen können, dem wir an dieser Stelle herzlich danken.</p>
<blockquote><p>Im Mittelpunkt dieses Dossiers steht der „internationalen Blick“.</p></blockquote>
<p>Den Anfang machen wir heute mit einem etwa dreiminütigen Video (Englisch mit deutschen Untertiteln), in dem kanadische und US-amerikanische Experten über die Auswirkungen der HIV-Kriminalisierung auf das Gesundheitswesen sprechen.</p>
<p><iframe src="//www.youtube.com/embed/PrW7VZgrG0c" width="560" height="315" frameborder="0" allowfullscreen="allowfullscreen"></iframe></p>
<p>Es handelt sich um den Trailer zur Videodokumentation <a href="http://www.hivjustice.net/moreharm">„More HARM Than GOOD – How the overly broad use of HIV criminalisation is hurting public health“</a> des <a href="http://www.hivjustice.net/moreharm">HIV Justice Network</a>, die gleichnamige Konferenz fand im April 2013 statt.</p>
<p>Zu Wort kommen lassen wir aber nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch Menschen, die erfahren mussten, welche Folgen die Kriminalisierung von HIV mit sich bringt.</p>
<p>In Kanada und vielen Staaten der USA ist die Nichtoffenlegung der HIV-Infektion vor sexuellen Handlungen eine Straftat an sich. Wie dies ein ganzes Leben radikal verändern kann, hat der US-Amerikaner Robert Suttle am eigenen Leib erfahren. Seine Geschichte erzählen wir am nächsten Dienstag (<a href="https://magazin.hiv/2014/07/22/hiv-kriminalisierung-ich-bin-mir-sicher-dass-ich-es-ihm-gesagt-hatte/">„Ich bin sicher, dass ich es ihm gesagt hatte“</a>).</p>
<p>Doch auch die vermeintlichen Opfer leiden unter der Kriminalisierung, wie das Beispiel der Neuseeländerin Marama Pala eindrücklich zeigt. Ihre Geschichte (<a href="https://magazin.hiv/2014/07/19/hiv-kriminalisierung-das-kann-man-auch-anders-machen/">„Das geht auch anders“</a>), die wir am Samstag veröffentlichen: Von Polizei und Justiz unter Druck gesetzt, zeigt Pala den Mann an, bei dem sie sich mit HIV infiziert hat. Dass es bei diesem Prozess weniger um sie als um ein krudes Rechtsverständnis geht, wird ihr alsbald schmerzhaft bewusst.</p>
<p>All dies führt unter anderem dazu, dass sich viele Menschen mit und ohne HIV nicht mehr trauen, offen und ehrlich mit Ärzten oder Beratern über ihr Sexualverhalten zu reden, weil ihre Patientenakten vor Gericht gegen sie verwendet werden können. Die negativen Auswirkungen auf die HIV-Prävention sind offensichtlich.</p>
<p>Doch wie geht das Rechtssystem damit um? In England und Wales hat die Königliche Staatsanwaltschaft immerhin Richtlinien zum Umgang mit solchen Fällen veröffentlicht, um mögliche Schäden zu minimieren – Yusef Azad vom britischen National AIDS Trust berichtet darüber in einem Interview, das wir am nächsten Donnerstag veröffentlichen.</p>
<p>Wenn die Anwendung des Strafrechts auf (potenzielle) HIV-Übertragungen aber nicht das richtige Mittel ist, welche Wege gibt es dann? Dieser Frage stellt sich der Jurist und Aids-Aktivist Bernd Aretz, der auch Mitglied im Nationalen Aids-Beirat ist, in seinem Beitrag „Vermitteln statt bestrafen – Das Prinzip des Täter-Opfer-Ausgleichs“ (Veröffentlichung am 26.7.)</p>
<p>Wir danken allen unseren Gesprächspartnern und Autoren. Unser besonderer Dank gilt Marama Pala und Robert Suttle für ihr Vertrauen und ihre Offenheit.
      </p></div>
</p></div>
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		<title>„Ich bin mir sicher, dass ich es ihm gesagt hatte”</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Nicholas Feustel]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 17 Jul 2014 14:11:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[HIV & Kriminalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Kriminalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Robert Suttle]]></category>
		<category><![CDATA[Seroprojekt]]></category>
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					<description><![CDATA[<span class="Apple-style-span" style="color: #304454;">Robert Suttle wurde 2009 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, weil er seinen Partner nicht ausdrücklich über seine HIV-Infektion informiert hatte. Im US-Bundestaat Louisiana, wo Robert lebte, gilt das als Sexualstraftat. </span>]]></description>
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<p class="Text"><b>Robert Suttle wurde 2009 zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, weil er seinen damaligen Partner nicht ausdrücklich über seine HIV-Infektion informiert hatte. Im US-Bundestaat Louisiana, wo Robert damals lebte, gilt das als Sexualstraftat. <i>Nicholas Feustel</i> hat mit ihm gesprochen.</b></p>
<p class="Text"><b>Wie ging denn die ganze Sache los?<br />
</b>Es ging los an Silvester, vor Neujahr 2008. Ich traf ein paar Freunde und wir hingen so herum. Und da war ein junger Mann, ziemlich genau in meinem Alter. Wir hatten vielleicht ein oder zwei Drinks, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich in dieser Nacht betrunken war oder so.</p>
<p class="Text">Dieser Typ und ich beschlossen dann, zu ihm nach Hause zu gehen. Ich verbrachte die Nacht bei ihm, und zuerst entschieden wir uns gegen jederlei Sexkontakte, weil wir keine Kondome hatten – ich hatte ihn gefragt, ob er welche hat. Wir lagen also nur zusammen im Bett. Dann kam natürlich die Versuchung, und schließlich hatten wir ungeschützten Sex.</p>
<p class="Text">Ich erinnere mich, dass wir über HIV und Aids geredet hatten und dass er darüber genauso dachte wie ich. Und ich bin mir sicher, dass ich ihn zu diesem Zeitpunkt über meinen Status informiert hatte.</p>
<p class="Text"><b>Wie haben Sie ihm klargemacht, dass Sie HIV-positiv sind?<br />
</b>Ich erinnere mich, wie er sagte, wir könnten eindringenden Sex haben, aber ich sollte nicht in ihm abspritzen, weil wir keine Kondome hätten. So verstehe ich unsere Vereinbarung. Er schien damit einverstanden zu sein. Auf diese Weise machten wir eine Weile weiter. Für ihn gab es also kein Problem.</p>
<p class="Text">Das Dumme ist, dass <i>ich </i>mir irgendwann eine STI bei <i>ihm </i>geholt habe. Darüber habe ich bisher kaum mit jemandem gesprochen. Aber jetzt mach ich es publik, denn die Leute sollen wissen, dass es hier nicht nur heißen kann: „Oh, Sie haben es nicht offengelegt und deshalb sind Sie im Unrecht.“</p>
<p class="Text"><b>Kannten Sie denn <i>seinen</i> HIV-Status?<br />
</b>Nein. Ich glaube, ich habe ihn nicht einmal gefragt. Ich war so sehr auf mich selbst, auf meinen Zustand fokussiert, auf das, was ich tun musste, um ihm nicht zu schaden. Ich kümmerte mich mehr um <i>seinen</i> Schutz, so wie sich wahrscheinlich die meisten Menschen mit HIV mehr um den Schutz ihrer Partner sorgen.</p>
<p class="Text"><b>Wie ging es weiter?<br />
</b>Unsere Gelegenheitsbeziehung dauerte etwa drei Monate. Als wir uns näher kennenlernten, hatten wir ständig Streit. Wir waren offensichtlich nie auf gleicher Linie, und als es dann zur Trennung kam, war er sehr aufgebracht.</p>
<p class="Text">Nun, in der Geschichte gab es noch einen Dritten, der glaubte, sich einmischen zu müssen – ich denke, um den gemeinsamen Freund oder diesen Typen zu schützen. Ich erinnere mich, wie er darauf zu sprechen kam, ob ich diesen Typen über meinen Status informiert hätte, und ich ihn fragte: Was meinst du? Denn diese spezielle Person kannte meinen Status wirklich. Ich war einfach überrumpelt durch seine Fragerei zu meiner persönlichen Verantwortung für andere, einem so intimen Thema.</p>
<p class="Text">Soweit ich mich jedenfalls entsinne<i>, habe</i> ich diesen Typen an meinen HIV-Status erinnert. Als Nächstes hat er mir wegen Verheimlichung meiner Infektion mit einer Anzeige gedroht, wobei man bedenken muss, dass ihn unsere Trennung sehr aufgeregt hat.</p>
<p class="Text"><b>Wann und wie haben Sie erfahren, dass er Sie tatsächlich angezeigt hat?<br />
</b>Er drohte mir ständig per SMS, dass ich einlenken müsse und mich schämen sollte. Und dass er den Test machen werde und dass er, falls dieser positiv ausfalle, zur Polizei gehen wolle.</p>
<p class="Text">Plötzlich bekam ich Nachrichten auf meinem AB von der örtlichen Polizei und von einem Kriminalpolizisten für Sexualdelikte. Ich hab darauf nicht geantwortet, weil ich einfach nicht wusste, was ich in dieser Situation machen sollte. Also ignorierte ich die Anrufe einfach.</p>
<p class="Text">Als ich eines Tages von der Arbeit nach Hause kam, fand ich auf dem Tisch einen Durchsuchungsbefehl. Da begriff ich, dass jemand in meiner Wohnung gewesen war und meine Sachen nach irgendwelchen Hinweisen auf HIV durchsucht hatte, um herauszufinden, ob ich wirklich HIV-positiv war oder nicht. Und sie hatten Sachen wie zum Beispiel mein Telefonbuch mitgenommen, wahrscheinlich, um weitere potenzielle „Opfer“ ausfindig zu machen.</p>
<p class="Text">Nach einiger Zeit bekam ich am Arbeitsplatz Besuch von Kriminalbeamten für Sexualstraftaten. Sie fragten mich, ob ich <i>ihn</i> kannte. Ich war gerade sehr beschäftigt und konnte deshalb nicht in Ruhe mit ihnen reden. Ich entsinne mich, dass sie mir eine Visitenkarte gaben, ich aber nie zu ihnen hingegangen bin, weil ich nicht verstand, was da los war, und ich wollte mich ihnen nicht einfach so ausliefern.</p>
<p class="Text"><b>Und was geschah dann?<br />
</b>Ein paar Monate danach kamen sie wieder in meine Firma. Einer der Security-Angestellten hatte mir gesagt, da sei Besuch für mich, also ging ich zum Büroeingang, um mit ihnen zu sprechen. Als Nächstes sagten sie, ich solle meine Hände auf den Rücken nehmen, weil ich verhaftet sei. Und ich erinnere mich, dass ich fragte: Wieso? Und sie: Wollen Sie wirklich, dass wir das sagen?</p>
<p class="Text">Mein Verstand drohte auszusetzen. Ich war, glaub ich, einfach geschockt. Ich war völlig benommen, dachte an mein Leben und wie es sich ändern würde. Und natürlich, dass meine Familie und die Öffentlichkeit davon erfahren würden, wo ich doch jetzt schon vor meinen Kollegen bloßgestellt worden war. Ich erinnere mich, wie sie mir Handschellen anlegten, mich ins Auto setzten und ins Stadtgefängnis brachten, wo ich registriert wurde. Ich erinnere mich, wie ich stundenlang in der Wartezelle saß. Wahrscheinlich war es spät in der Nacht, als ich endlich in eine Zelle konnte, um mich zum Schlafen hinzulegen.</p>
<figure id="attachment_21369" aria-describedby="caption-attachment-21369" style="width: 220px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/?attachment_id=21369" rel="attachment wp-att-21369"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="size-full wp-image-21369" src="//magazin.hiv/wp-content/uploads/2014/07/Robert-Suttle_F-by-Jennifer-Doherty-Ausschnitt.jpg" alt="Portrait Robert Suttle" width="220" height="300" /></a><figcaption id="caption-attachment-21369" class="wp-caption-text">(Foto: Jennifer Doherty)</figcaption></figure>
<p class="Text"><i>Nachdem Robert auf Kaution freigekommen war, eine Anwältin eingeschaltet und sich später – in der Hoffnung auf eine mildere Strafe – ohne Gerichtsverhandlung für „schuldig“ bekannt hatte, wurde er zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Die Begründung lautete, er habe „eine andere Person absichtlich dem Aids-Virus ausgesetzt“. Ob sein damaliger Partner HIV-positiv ist, weiß Robert nicht: Er hat seit der Anzeige nicht mehr mit ihm gesprochen und darf auf gerichtliche Anordnung keinen Kontakt mehr zu ihm aufnehmen.</i></p>
<p class="Text"><b><i> </i></b><b><i>Zusätzlich zur Bewährungsstrafe mussten Sie sich auch noch als Sexualstraftäter registrieren lassen. Welche Folgen hatte das für Sie?<br />
</i></b>Als Sexualstraftäter registriert zu werden, bedeutet, dass deine gesamten Angelegenheiten vor der Öffentlichkeit ausgebreitet werden. Mein Foto erschien in der Lokalzeitung, im Umkreis von einigen Meilen wurden in der Gemeinde Benachrichtigungskarten verschickt. Und das heißt: an deine Familie, Freunde, Leute, mit denen du zur Kirche gehst – eben an jeden, der in deiner Nähe wohnt.</p>
<p class="Text">Das bedeutet auch, dass bei dir zu Hause oder am Arbeitsplatz einmal im Monat oder jederzeit ein Bewährungshelfer aufkreuzen kann. Und dass man</p>
<p class="Text">Ihnen jeden Monat berichten muss. Will man den Bundesstaat oder die Gegend, in der man lebt, verlassen, muss eine Reisegenehmigung beantragt werden. In Louisiana bedeutet es außerdem, dass im Führerschein unter dem Foto in großen roten Buchstaben „Sexualstraftäter“ steht. Und ich bin 15 Jahre registriert.</p>
<p class="Text"><b>Wie sind Sie mit dieser Registrierung umgegangen?<br />
</b>Nachdem ich verurteilt war und meine Bewährungsstrafe bekommen hatte, nachdem ich beim Bewährungsbüro gemeldet war und von der Registrierung als Sexualstraftäter erfahren hatte, brachten mein Anwalt und ich diese Sache vors Gericht. Das entschied Monate später in etwa so: „Doch, Sie müssen sich registrieren lassen, auch wenn wir Ihnen das nicht gesagt hatten, und außerdem müssen Sie für eine Weile ins Gefängnis!“ Weil die Verurteilung als Sexualstraftäter eine Gefängnisstrafe zwingend erforderte, wurde ich zu sechs Monaten Haft verurteilt.</p>
<p class="Text"><i>Trotz seiner Bewährungsstrafe musste Robert also doch für sechs Monate ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung war er ohne Job und begann, ehrenamtlich bei einer Aidshilfe-Organisation zu arbeiten, wo er sein Wissen über HIV erweiterte. Inzwischen ist Robert hauptamtlich als Assistent der Geschäftsführung des SERO-Projekts </i>(<a href="http://www.seroproject.com/"><span style="color: #000099;">www.seroproject.com</span></a>)<i> tätig.</i></p>
<p class="Text"><b>Können Sie mir kurz erklären, was SERO ist und was Ihre Aufgaben sind?<br />
</b>SERO ist ein Netzwerk von Menschen mit HIV und von Verbündeten, die sich gegen Stigma und Diskriminierung engagieren. Wir geben all jenen Gesicht und Stimme, die verfolgt werden oder von Verfolgung bedroht sind. Vielen Leuten in der US-amerikanischen Gesellschaft ist nicht bewusst, dass es dieses Phänomen immer noch gibt.</p>
<p class="Text">Meine Arbeit besteht vor allem darin, mit verschiedenen Gruppen zu reden – mit Fachkräften im öffentlichen Gesundheitswesen, Jurastudenten, Graswurzel-Communities, Community-Aktivisten, Menschen, die in anderen Feldern für soziale Gerechtigkeit eintreten.</p>
<p class="Text"> <b>Wären Sie damals schon Experte in Sachen „Kriminalisierung von Menschen mit HIV“ gewesen, was hätten Sie dann anders gemacht?</b></p>
<p class="Text">Ich hätte gekämpft, statt einen Deal mit der Anklage einzugehen. Ich hätte alle Tatsachen und Erkenntnisse präsentiert, die heute zu HIV vorliegen. Ich wünschte, ich hätte damals so viel über die Forschung gewusst wie heute. Und über das Strafrechtssystem und wie die Gesetze angewandt werden.</p>
<p class="Text"><b>Was würden Sie Menschen raten, die wegen Nichtoffenlegung der HIV-Infektion, wegen potenzieller oder erfolgter HIV-Übertragung strafrechtlich verfolgt werden?<br />
</b>Ich würde ihnen raten, redet nicht zu viel darüber, gebt keine persönlichen Informationen, solang ihr keinen Anwalt habt, der euch führt und unterstützt. Ich würde ihnen raten, ins Internet zu gehen, „HIV und Kriminalisierung“ einzugeben und das verfügbare Quellenmaterial zu studieren.</p>
<p class="Text">Und ich würde sie ermuntern, ihre Anwälte an diese Quellen heranzuführen, denn auch sie  müssen diese Fakten kennen und verstehen, wogegen sie kämpfen. Denn man möchte sich garantiert nicht dem Strafverfolgungssystem stellen, ohne zu verstehen, warum und wie sie all das tun können, was sie gegen dich unternehmen, wenn sie dich verfolgen. Und – man muss hoffen und einfach kämpfen.</p>
</p></div>
</p></div>
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