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	<title>Holger Wicht, Author at magazin.hiv</title>
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	<description>Hintergründe zum Leben mit HIV, Aids, STIs, Hepatitis</description>
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		<title>Was wären wir ohne sie? – Eine Verneigung vor Rita Süssmuth</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 09 Feb 2026 12:24:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
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					<description><![CDATA[Rita Süssmuth hat Leben gerettet, die Menschenwürde verteidigt und wirkungsvolle HIV-Prävention ermöglicht. Sie begegnete uns auf Augenhöhe – was nicht gegen Ehrfurcht spricht. ]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[  <div class="block block--type-core block--type-core-paragraph block--align-left ">
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<p><strong>Rita Süssmuth hat während der Aids-Krise im Wortsinne Entscheidendes geleistet. Sie hat Leben gerettet, die Menschenwürde verteidigt und wirkungsvolle HIV-Prävention ermöglicht. Sie begegnete uns auf Augenhöhe – was nicht gegen Ehrfurcht spricht. Im Gegenteil.</strong></p>

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<p>Am Ende läuft alles auf eine Frage hinaus: Was wären wir ohne sie? Wir, die Aidshilfe. Wir, die von HIV betroffenen oder bedrohten Menschen. Wir, die wir Minderheiten angehören. Wir, die Gesellschaft. Ja, so hoch dürfen wir aufhängen, was Rita Süssmuth für uns getan und vorgelebt hat.</p>

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<p>Es gibt keine Glaskugel, mit der sich in alternative Geschichtsverläufe schauen ließe. Wir können nie wissen, was genau passiert wäre, wenn eine historische Persönlichkeit nicht getan hätte, was sie getan hat. Aber wir brauchen eine solche Glaskugel nicht, um festzustellen: Ohne Rita Süssmuth wäre es vielen Menschen sehr viel schlechter ergangen. Aids wäre in Deutschland eine noch viel größere Katastrophe geworden. Der Umgang mit marginalisierten Menschen hätte in den 80er Jahren sehr wahrscheinlich einen anderen, einen unheilvollen Weg genommen. Die Deutsche Aidshilfe gäbe es in der jetzigen Form vermutlich nicht.</p>

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<p>Und nicht zuletzt: Wie viel Inspiration, wäre verloren gegangen! </p>

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<p>Als Rita Süssmuth 2016 im Heimathafen Berlin die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Aidshilfe verliehen bekam, erklärten „Ritas Enkel*innen“ – junge Menschen mit und ohne HIV –, wie deren Empathie und Unbeugsamkeit sie heute noch inspirieren. Der ehemalige Pfarrer Rainer Ehlers würdigte, wie die „liebe Rita“ damals in Zeiten der Panikmache einen klaren Kopf behalten und sich mit ihrem Konzept der Aufklärung gegen massive Widerstände durchgesetzt habe. Süssmuth selbst schlug schließlich, wie sie das eigentlich immer tat, den großen Bogen von HIV/Aids zu den Rechten von Frauen, sexuellen Minderheiten und Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt würden – weil es ihr ein Anliegen war.</p>

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<p>Muss erwähnt werden, dass Standing Ovations folgten? Ein bisschen war es, als würde eine Messe für das Wahre, Schöne, Gute gelesen. Die Deutsche Aidshilfe habe ihren Frühjahrsempfang zu „Süssmuth-Festspielen“ gemacht, befand der Journalist Paul Schulz hinterher und bekräftigte, das sei die richtige Entscheidung gewesen.</p>

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<p>Falls nun jemand argwöhnt, das alles sei zu viel des Guten, Pathos oder sogar Personenkult wittert, möchte ich entschieden widersprechen. All dies ist der Person und ihrer historischen Leistung angemessen. Ich gebe gerne zu, dass ich Rita Süssmuth in internen Gesprächen sogar manchmal halbironisch als unsere Schutzheilige bezeichnet habe. Und der Blogger Johannes Kram kommentierte nach ihrem Tod lapidar: „Rita Süssmuth war unser Schutzengel. Nicht auszudenken, wie es sonst gewesen wäre.“</p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-eine-politikerin-von-einem-anderen-stern">Eine Politikerin von einem anderen Stern </h2>

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<p>Die religiösen Metaphern sollen ihr freilich nicht das Politische nehmen. Denn das war ja gerade das Faszinosum: Sie wirkte erfolgreich in der Politik, obwohl sie manchmal von einem anderen Stern zu sein schien. Wie schaffte sie das? Was trieb sie an? Warum hielt sie durch? Diese Fragen zu beantworten gehört für mich zu ihrem Erbe, das wir dankbar annehmen sollten. </p>

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<p id="h-ich-dachte-wir-verlieren-diesen-kampf">Ich dachte, wir verlieren diesen Kampf </p>

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<p>Wer ihr begegnete, konnte die Antworten förmlich spüren. Etwa, wenn sie immer wieder von der Nacht erzählte, als alles auf dem Spiel stand. Es war die Nacht der Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und FDP im Jahr 1987. Es war auch ihr 50. Geburtstag, doch es sah nicht gut aus für sie und die Menschen für die sie kämpfte. In einer Fernsehserie wäre diese Situation der tragische Tiefpunkt vor dem Sieg der Menschlichkeit. </p>

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<p>Rita Süssmuth sah sich in dieser Nachtsitzung mit einem Affront konfrontiert: Als es in den Verhandlungen um Aids ging, erteilte Bundeskanzler Helmut Kohl zuerst dem bayerischen Staatssekretär Peter Gauweiler von der CSU das Wort, dem bayerischen Scharfmacher, der Aidskranke isolieren und Homosexuelle zwangstesten wollte – also nicht ihr, der amtierenden Bundesgesundheitsministerin mit ihrem Konzept einer solidarischen und liberalen Prävention. Sie sollte am liebsten gar nicht sprechen. </p>

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<p>„Ich dachte, wir verlieren diesen Kampf“, sagte Rita Süssmuth immer wieder, wenn sie diese Geschichte erzählte, und es ist kein Zufall, dass sie stets „wir“ sagte, nicht „ich“. Dabei war noch Jahrzehnte später die Sorge in ihrer Stimme spürbar, die sie damals umgetrieben haben muss. </p>

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<p>Doch Rita Süssmuth war keine, die aufgab. Zwei Jahre vor dem 2. Weltkrieg geboren, hatte sie in der Nachkriegszeit den Wiederaufbau erlebt, und wie in der Gesellschaft insgesamt sei in ihr angesichts der Mammutaufgabe ein „Das-wollen-wir-doch-mal-sehen“ gewachsen. So erzählte sie es, bereits schwer erkrankt, <a href="https://taz.de/Rita-Suessmuth-ueber-Courage-in-der-Krise/!6031880/">anlässlich ihres letzten Buches &#8222;Über Mut&#8220; in einem sehr lesenswerten Interview mit Waltraud Schwab in der taz</a>. Ihre unerschrockene Beharrlichkeit verband sich in ihr mit einer kompromisslosen Menschenfreundlichkeit zu einer Haltung, die parteipolitisches Lavieren armselig aussehen ließ.</p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-von-hoherer-warte">Von höherer Warte </h2>

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<p>Meine erste persönliche Begegnung mit Rita Süssmuth fand vor langer Zeit bei einem HIV-Kongress in Berlin statt. Sie saß auf einem Podium und diskutierte unter anderem mit zwei schwulen Bundestagsabgeordneten. Ich weiß nicht mehr, worum es ging. Aber ich erinnere mich, wie die beiden mit ihren Positionen routiniert aufeinander losgingen. Bis schließlich Süssmuth das Wort ergriff und erklärte, worum es hier doch <em>eigentlich</em> gehe. Die beiden verstummten und schauten verdutzt und etwas schuldbewusst aus ihren Anzügen; sie wirkten plötzlich wie Schulbuben beim Direktor. Wie vermutlich viele im Saal müssen sie gespürt haben: Hier spricht jemand von einer höheren Warte.</p>

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<p>Politiker*innen erklären oft formelhaft, was „gut für die Menschen“ sei. Für Rita Süssmuth war die Frage danach der Ausgangpunkt ihres Denkens. Sie meinte es ernst, und sie meinte alle Menschen. Genau deswegen war sie nie bereit klein beizugeben oder sich der Parteidisziplin unterzuordnen. Ihr Kompass war immer Menschlichkeit, und sie folgte unbeirrbar und mutig dem Weg, den er ihr anzeigte.</p>

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<p>Dass sie, angezählt in der Nacht ihres 50. Geburtstages, nicht aufgab und am Ende siegte, hat sie später als den „entscheidenden Moment ihres Lebens“ bezeichnet. Zwar wurden Süssmuths Pläne im Koalitionsvertrag durch repressive Elemente ergänzt. Doch sie blieb Gesundheitsministerin und machte weiter – und setzte schließlich durch, was als die „Süssmuth-Linie“ berühmt wurde.</p>

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<p>Sie setzte sich durch gegen den granteligen Machtmenschen Kohl. Gegen ihren Widersacher Peter Gauweiler. Gegen die Angst, die die Boulevardmedien schürten. Gegen die konservativen Moralwächter, die von einer „Strafe Gottes“ fabulierten, die über Schwule und Junkies gekommen sein sollte. Gegen die Pläne, „Risikogruppen“ zwangszutesten. Gegen Phantasien, HIV-positive Menschen mit Tätowierungen zu kennzeichnen. Gegen die bayerischen Pläne der „Absonderung uneinsichtiger Infizierter“.</p>

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<p>„Lovely Rita“, wie sie bald von denen genannt wurde, die in ihr eine starke Bündnispartnerin gefunden hatte, zeigte all den „Christen“ und „Christdemokraten“ und „Christsozialen“ ihr ganz persönliches Verständnis von Christentum und Demokratie. Das wurzelte in der katholischen Soziallehre und lief hinaus auf: Menschenwürde und Akzeptanz, Eigenverantwortung und Unterstützung.</p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-auf-augenhohe">Auf Augenhöhe</h2>

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<p>„Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken.“ Rita Süssmuth wurde nicht müde, diesen Grundsatz zu erklären und zu verteidigen. Aus dieser Haltung erwuchsen Aufklärung über Infektion und Schutzwege, aber auch Prävention, die Menschen in einem umfassenderen Sinne stark macht. Die Grundlagen dafür hatte bereits ihr Amtsvorgänger Heiner Geißler gelegt, der Sondergesetze zu HIV/Aids verhinderte.</p>

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<p>Alte Strategien der „Seuchenbekämpfung“ wie das Aufspüren und Isolieren von Infizierten, wurden ersetzt durch eine „gesellschaftliche Lernstrategie“, in der alle gemeinsam Verantwortung tragen. Statt die Konservativen mit ihrer Sündenbock-Rhetorik durchkommen zu lassen, machte Rita Süssmuth die von Aids gebeutelten Gruppen zu ihren Partner*innen auf Augenhöhe; sie waren nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Sie begriff: Diese Menschen wussten am besten, was jetzt zu tun war, was sie brauchten, um sich zu schützen.</p>

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<p>Die praktizierende Katholikin Süssmuth fand sich nun aufgrund ihrer Offenheit inmitten fordernder, schwulenbewegter Männer wieder. Mit anderen an ihrer Stelle wäre die Sache vermutlich böse ausgegangen. Für Rita Süssmuth jedoch war ihr Glaube tatsächlich der Schlüssel: Ein Weg, der Ausgrenzung von Menschen beinhaltete, sei für sie als Christin schlicht nicht in Frage gekommen, erklärte sie mir bei unserer zweiten Begegnung. </p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-gut-beraten-und-offen-dafur">Gut beraten – und offen dafür </h2>

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<p>Das war 2017, wir hatten sie mit einer kleinen Abordnung der Deutschen Aidshilfe in ihrem Büro besucht. Es befand sich in dem Gebäude am Brandenburger Tor, in dem ehemalige Inhaber*innen hoher Staatsämter residieren. Wir waren gefühlt minutenlang an einer langen Wand aus noblem hellen Holz entlanggegangen, mit zahlreichen Türen, an denen der Name Dr. Helmut Kohl stand. Dann kam das Büro der Frau, die Kohl zur Bundestagspräsidentin weggelobt hatte.</p>

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    </div>
  </div>
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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Wir wollten die Vorkämpferin aus den Anfangstagen von Aids für unsere Kampagne „Kein Aids für alle!“ gewinnen, die Aids in Deutschland zu einem Fall für die Geschichtsbücher machen sollte. Es ging darum, mehr Menschen eine frühe Diagnose und Behandlung zu ermöglichen und damit das längst vermeidbare finale Stadium der HIV-Infektion zu ersparen.</p>

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<p>Was können wir gemeinsam tun?</p>

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</blockquote>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Rita Süssmuth stand nun kurz vor ihrem 80. Geburtstag. Obwohl ihre Konzentrationsfähigkeit schon eingeschränkt war, konnten wir bei dieser Begegnung unmittelbar erleben, was diese Ausnahmepolitikerin auszeichnete: Sie hörte zu. In diesem Moment ging von ihr eine große Kraft aus, gerade weil sie nicht gleich etwas sagte. Sie war ermunternd aufmerksam. Sie interessierte sich, so wie sie stets Interesse an ihrem Gegenüber zeigte (wie auch das besagte <a href="https://taz.de/Rita-Suessmuth-ueber-Courage-in-der-Krise/!6031880/">taz-Interview</a> auf überraschende Weise illustriert).</p>

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<p>Als sie verstanden hatte, worum es ging, fragte sie: „Und was können wir jetzt gemeinsam tun?“</p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-allein-unter-schwulen">Allein unter Schwulen</h2>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Nach dem offiziellen Gespräch verriet sie offenherzig, dass es ihr damals nicht immer leichtgefallen sei, sich auf ihre Gesprächspartner aus der Schwulenbewegung einzulassen. Sie habe dazulernen müssen. Rita Süssmuths große Lebensleistung besteht auch darin, dass sie dafür offen war. </p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Angespornt von ihrem schwulen Referenten und Berater Siegfried Rudolf Dunde, der einige Jahre später selber an Aids starb, redete sie ernsthaft mit den Menschen, um die es ging, um deren Bedürfnisse zu verstehen. Sie empfing sie in ihrem Büro. Sie fuhr aber auch ins schwule Tagungshaus Waldschlösschen zum Positiventreffen und mischte sich dort unters Volk. Sie kaufte eine Karte für den Hurenball.</p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Kurz: Sie war nahbar, ließ sich beraten, zeigte Flagge.</p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<h2 class="wp-block-heading" id="h-die-sussmuth-linie-machte-undenkbares-selbstverstandlich">Die Süssmuth-Linie machte Undenkbares selbstverständlich</h2>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Und sie übergab den „Betroffenen“ selbst Verantwortung. Die Deutsche Aidshilfe, erwachsen aus der Selbsthilfe, durfte schwulen Männern und Sexarbeiter*innen erklären, warum es eine gute Idee war, Kondome zu benutzen. Die entsprechenden Plakate zeigten teils durchaus nackte Haut und wurden aus Bundesmitteln bezahlt. „Junkies“ erhielten bald von Aids- und Drogenhilfeeinrichtungen saubere Spritzen und Substitutionsbehandlungen, um Infektionsrisiken zu bannen. </p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Die katholische Gesundheitsministerin zeigte dabei bemerkenswerten Pragmatismus, ging es doch darum, Leben und Gesundheit von Menschen zu schützen. Minderheiten brauchten Unterstützung, um die neue Bedrohung nicht nur zu überleben, sondern auch irgendwie mit ihr zu leben.</p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Was diese Menschen nicht brauchten: Moralische Vorgaben, Werturteile über ihre Lebensentwürfe und Lebenssituationen. Rita Süssmuth hat all das verstanden und zu ihrer Sache gemacht. Werbung für Kondomgebrauch, Spritzentausch, öffentliche Diskussionen über Sexualität: Mit der „Süssmuth-Linie“ wurde vieles, was zuvor undenkbar gewesen wäre, selbstverständlich. </p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Es entstand zudem die bis heute erfolgreiche Arbeitsteilung zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Stellen in der HIV-Prävention. Indem sie förderte, was half, hat Rita Süssmuth vielen Menschen das Leben gerettet und sich schützend vor die Menschenwürde derjenigen gestellt, die von HIV und Aids betroffen oder bedroht waren. So konnte Aids schließlich sogar zum Motor der Emanzipation werden: Aus der Prävention wuchs die Erkenntnis, dass es galt, Menschen zu stärken, und es standen Mittel dafür bereit. </p>

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<p></p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-pravention-hiess-emanzipation">Prävention hieß Emanzipation </h2>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Am Ende war es ein großes Glück, dass beim Thema Aids nicht Emanzipation gegen Sicherheit abzuwägen war. Emanzipation war vielmehr Teil des Weges zu wirksamer Prävention. Die Linie der Hardliner mit ihren Zwangstests und Isolationsphantasien hätte bei HIV nicht funktioniert. Denn Stigmatisierung hält Menschen davon ab, sich über HIV zu informieren sowie Hilfs- und Testangebote in Anspruch zu nehmen. Zum anderen lässt sich HIV erst nach Wochen nachweisen, und in diesem Zeitraum können längst neue Übertragungen geschehen sein. </p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>„Wie oft wollen Sie testen?“ lautete darum damals schon Rita Süssmuths rhetorische Frage an Gauweiler. Sie war eben nicht nur menschenfreundlich, sondern auch sehr klug.</p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Ihr Mut und ihr Durchhaltevermögen wurden belohnt, indem das Konzept aufging. Die deutsche HIV-Prävention ist bis heute erfolgreich, auf das Konzept der Community-Beteiligung schauen viele Fachleute in anderen Ländern mit Bewunderung und etwas Neid. </p>

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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<h2 class="wp-block-heading" id="h-die-sache-mit-der-eigenverantwortung">Die Sache mit der Eigenverantwortung </h2>

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    </div>
  </div>
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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Rita Süssmuths eigenes Fazit lautete: <a href="https://taz.de/Rita-Suessmuth-ueber-Courage-in-der-Krise/!6031880/">„Was mir mit der Aidspolitik gelungen ist, war, Menschen in die Eigenverantwortung zu bringen.“</a> Das Ideal der Eigenverantwortung – das war die rhetorische Schnittstelle zu konservativen und liberalen Kräften. Die Kehrseite dieser Medaille war ihr berühmter wie problematischer Satz: „Aids bekommt man nicht, das holt man sich.“ Als wäre das immer so einfach. Der Satz kann als Steilvorlage für Schuldzuweisungen dienen. Nur war eben genau das mit Rita Süssmuth nicht zu machen. </p>

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    </div>
  </div>
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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Ihr großer weiser Beitrag bestand auch darin, zu verdeutlichen, dass man Menschen Eigenverantwortung nicht einfach zuschreiben kann, sondern dass man ihnen die Möglichkeit dazu geben muss. Auch dieses Prinzip der &#8222;Hilfestellung&#8220; findet sich bereits in der katholischen Soziallehre. Bis zu ihrem Lebensende wurde Rita Süssmuth nicht müde, sich für ausgegrenzte und benachteiligte Menschen einzusetzen. </p>

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    <div class="l-container">
      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>In ihrer Haltung blieb Rita Süssmuth unerschütterlich, weit über das Thema HIV und Aids hinaus. <a href="https://youtu.be/sCZguaGMNvQ?si=5Ifqx8LRlICcPAdq">&#8222;Machen wir bitte Menschen stark!&#8220;, sagte sie auch in ihrer Rede zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Aidshilfe. &#8222;Geben wir ihnen die Chance und das Vertrauen in Verantwortung, die sie selbst wahrnehmen können für sich und andere.&#8220;</a></p>

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  </div>
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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<h2 class="wp-block-heading" id="h-ganz-oben-an-unserer-seite">Ganz oben an unserer Seite</h2>

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  <div class="block block--type-core block--type-core-paragraph block--align-left ">
    <div class="l-container">
      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Beim Auftakt unserer Kampagne „Kein Aids für alle!“ landete sie mit ihrer Keynote schließlich bei Europa und bei Geflüchteten. Sie sprach frei und hatte ihre Redezeit weit überschritten. Ich als Moderator wagte nicht, sie zu unterbrechen. Also trat ich, vermeintlich in ihrem toten Winkel positioniert, einen Schritt vor, um meine Rückkehr auf die Bühne anzudeuten. „Keine Angst, ich komme zum Ende“, sagte Rita Süssmuth unverzüglich. So aufmerksam war sie bei aller Leidenschaft. </p>

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  <div class="block block--type-core block--type-core-paragraph block--align-left ">
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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Was wären wir ohne sie? Vermutlich gäbe es ohne sie den Schreibtisch in der Bundesgeschäftsstelle der Deutschen Aidshilfe nicht, an dem ich diese Zeilen schreibe. Vermutlich wären einige Menschen, die diesen Text bis hier gelesen haben, gar nicht mehr da. Wie wäre mein eigenes Coming-out als schwuler Mann verlaufen und wie hätte sich meine Aids-Phobie als Teenager weiterentwickelt, wäre da nicht diese Frau gewesen? Solche Fragen stelle ich mir, während ich versuche, die Dankbarkeit und die Faszination, die sie auf mich ausgeübt hat, in Worte zu fassen.</p>

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  </div>
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    <div class="l-container">
      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Und komme am Ende auf diese Antwort: Sie hat das Kunststück fertiggebracht, ganz oben an unserer Seite zu stehen. Immer auf Augenhöhe, hielt sie ihre schützende Hand über uns. </p>

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    </div>
  </div>
  <div class="block block--type-core block--type-core-heading block--align-left ">
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      <div class="l-content-column block-content">
                  
<h2 class="wp-block-heading" id="h-mut-bewegt">Mut bewegt </h2>

              </div>
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  </div>
  <div class="block block--type-core block--type-core-paragraph block--align-left ">
    <div class="l-container">
      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Dabei reicht ihre Bedeutung weit über das Thema HIV/Aids hinaus. Rita Süssmuth hat uns gezeigt, welche Kraft Menschlichkeit entfalten kann, wenn man sie ernst nimmt und wie faszinierend und ehrbar Politik sein kann, wenn sie im Dienst echter Überzeugungen steht. Politiker*innen wie sie sind die besten Anwält*innen der Demokratie, denn sie ermöglichen Vertrauen. Es bleibt zutiefst bedauerlich, dass die Ausnahmepolitikerin nicht noch Bundespräsidentin geworden ist. Überparteilich genug wäre sie gewesen. Aber vermutlich war sie einfach allen zu unbequem.</p>

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    </div>
  </div>
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    <div class="l-container">
      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Dies ist eine wichtige Zeit!</p>

              </div>
    </div>
  </div>
</blockquote>

        </div>
      </div>
    </div>
  </div>
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    <div class="l-container">
      <div class="l-content-column block-content">
                  
<p>Der Abend, an dem die Deutsche Aidshilfe Rita Süssmuth die Ehrenmitgliedschaft verlieh, trug den Titel: &#8222;Mut bewegt.&#8220; und sie bekam von uns ein Kampagnenplakat mit der Headline &#8222;Süssmuth bewegt.&#8220; In ihrer Dankesrede (<a href="https://youtu.be/hz4gczHs1xo?si=mgPL-WRVytCETj2t">Video</a>) lenkte sie die Aufmerksamkeit wieder auf die Themen, für die sie ihr Leben lang mutig gekämpft hat:</p>

              </div>
    </div>
  </div>
      <div class="block block--type-core block--type-core-image block--spacing-small block--align-none">
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<p>„Diese Ehrung ist mir sehr wichtig. Weil sie, bei allem was erreicht worden ist, zu einem Zeitpunkt und in einem gesellschaftlichen Klima erfolgt, zu dem ich sagen muss: Wir befinden uns im Rückwärtsgang. (…) Was ich gegenwärtig an versuchten Rückschritten erlebe, in Bezug auf die Fremdherrschaft über die Körper von Frauen unter den Vorzeichen des Schutzes des ungeborenen Lebens, in Bezug auf die erneute Ausgrenzung von Menschen die anders leben, egal ob sie eine andere Sexualität haben, eine andere Ethnie oder anders sind: Wir waren schon einmal weiter. Dies ist eine wichtige Zeit.“</p>

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<h2 class="wp-block-heading" id="h-das-lebenswerk-einer-ausnahmepolitikerin-fortsetzen">Das Lebenswerk einer Ausnahmepolitikerin fortsetzen</h2>

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<p>Das sagte Rita Süssmuth bereits im Jahr 2016. „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen“, hieß eines ihrer letzten Bücher ein paar Jahre später. Seitdem hat sich die Lage weiter verschärft. Wir bräuchten eine Rita Süssmuth gerade in diesen Zeiten. Aber wir haben sie ja erlebt. Wir werden uns immer an sie erinnern.</p>

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<p>Es ist an uns, die Haltung dieser großartigen Frau zu bewahren und ihr Lebenswerk fortzusetzen.</p>

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<p></p>

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		<title>Dieses Jahr wird’s ruhiger</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 10 Jan 2020 16:20:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[2020]]></category>
		<category><![CDATA[Dating]]></category>
		<category><![CDATA[Moskau]]></category>
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		<category><![CDATA[schwul]]></category>
		<category><![CDATA[Silvester]]></category>
		<category><![CDATA[Vorsätze]]></category>
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					<description><![CDATA[<p class="p1"><span class="s1">Es ist kompliziert mit den guten Vorsätzen: Unser Pressesprecher wollte </span>2019 ganz ruhig verbringen. Der Plan hielt keine zwei Stunden. Jetzt berichtet Holger Wicht aus  Moskau, wo er nie hinwollte. Eine Liebesgeschichte.</p>]]></description>
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        <strong>Mein Plan für das Jahr 2019 hat keine zwei Stunden gehalten. Ein Freund guter Vorsätze bin ich trotzdem geblieben. Eine Liebesgeschichte aus Moskau, wo ich nie hinwollte.</strong></p>
<p>Ich hatte es mir so fest vorgenommen: 2019 sollte ruhiger werden. Nur die Reise zum Worldpride war geplant, und weil ich New York so mag, hatte ich die leise Hoffnung, mich dort zu verlieben. Ansonsten wollte ich zu Hause bleiben, mehr schreiben und mehr meditieren. Finde den Fehler.</p>
<p>Ein gutes Jahr später sitze ich in Moskau auf dem Sofa eines Freundes und schaue auf die Skyline von Moskau City, dem neuen Herzen des galoppierenden russischen Kapitalismus, über den ich damals ebenso wenig wusste wie von der Schönheit Moskaus.</p>
<p>Russland sah für mich noch immer so aus wie auf den farbentsättigten Fotos aus der Sowjetzeit. Stalin-Bauten wie an der Berliner Karl-Marx-Allee hinter einem Film von Smog aus den Zweitaktmotoren altertümlich eckiger Autos. Ein paar Leute mit Fellmützen vielleicht noch, die den deutschen Fernsehnachrichten unkritische O-Töne geben. Putin, okay. Ich hatte keine Ahnung.</p>
<p><strong>Ich sitze hier nun ohne meinen russischen Liebhaber, der meine Liebe für Moskau entfacht hat.</strong> Es ist kompliziert, und es ist alles ganz anders gekommen als erwartet.</p>
<p>Mein russischer Lover und ich haben keine feste Beziehung, schon gar keine monogame. Man könnte vielleicht von einer privilegierten Partnerschaft sprechen, Nähe und Distanz ohne Beitritt sozusagen, wir leben eine einzigartige Form von Liebe. Zugleich sehen wir uns so gut wie nie. Es ist nicht leicht, eine Nicht-Beziehung zu führen, wenn man sich nicht trifft.</p>
<p>Dementsprechend gehe ich in Moskau, ganz im Gegensatz zu Berlin, gerne aus und beschäftige mich zu viel mit Tinder und Grindr. Diese Dating-Apps funktionieren dort irgendwie besser, zumindest bei mir. Auf diese Weise angefixt, wische ich nun auch andernorts verstärkt darauf herum. Dem Vorsatz, mich in New York zu verlieben, konnte ich so gerecht werden. Nur ein bisschen, aber es reichte, um nicht ruhiger zu werden.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich vielleicht sagen, dass ich im letzten Jahr etwas über die Stränge geschlagen habe. Mein Ex hat mir sogar unterstellt, ich würde die erotische Weltherrschaft anstreben. Das ist natürlich maßlos übertrieben.</p>
<p><strong>Genau genommen lief das Jahr 2019 schon am Neujahrsmorgen aus dem Ruder, und zwar so gegen 1:30.</strong> Die Silvester-Party hatte ich noch, wie geplant, früh verlassen. Ich war zum Neujahrsfrühstück verabredet und wollte wach ins neue Jahr starten.</p>
<p>In der U-Bahn auf dem Weg nach Hause fiel mir ein attraktiver junger Mann auf. Er war sehr viel jünger als ich und stritt mit seinen Freunden. Seine Freunde stiegen aus, er blieb in der U-Bahn.</p>
<p>Als ich an der nächsten Station umsteigen wollte, nahm ich versehentlich den falschen Ausgang. Keine S-Bahn weit und breit. Stattdessen blieb der Junge aus der U-Bahn neben mir stehen. Das neue Jahr ging gut los.</p>
<p>„Weißt du, wie ich  von hier am schnellsten zum S-Bahnhof komme?“, eröffnete ich das Gespräch.</p>
<p>„I don’t understand“, antwortete er. „Can you show me the way to Central Station?“</p>
<p>Wir gingen zurück auf den warmen U-Bahnsteig, wo die Netzpläne hängen. Er war betrunken, mindestens. Er hatte seinen Geldbeutel verloren, sein übriges Hab und Gut steckte in einem Schließfach am Zentralen Omnibusbahnhof, den Schlüssel hatten die Freunde, die ihn sitzen gelassen hatten. Sie anzurufen sei keine gute Idee, sagte er, sie seien aggressiv. Er war allein.</p>
<p><strong>Über seinen Aufenthaltsort wusste er nur, dass es sich um Berlin handelte.</strong> Er stammte aus einer kleinen Stadt in Polen, ziemlich weit im Osten. Züge fuhren vermutlich nicht mehr, und er schien mir nicht transportfähig.</p>
<p>„Mir fällt nur eine Lösung ein“, sagte ich. „Du kommst mit zu mir, schläfst dich aus und morgen früh kaufe ich dir ein Zugticket.“</p>
<p>„Aber ich weiß nicht, ob ich dir trauen kann“, sagte er und fiel mir weinend um den Hals.</p>
<p><strong>Vor meiner Haustür fiel mir auf, dass auch ich nicht wusste, ob ich <em>ihm</em> trauen konnte. </strong>Aber da war irgendwie schon alles klar. In meiner Wohnung blieb er lange im Flur stehen und atmete durch. Unter seiner Jacke trug er nichts als ein Netzhemd aus steifem schwarzem Kunststoff. Seine Freunde hatte ihn in den KitKat-Club schleppen wollen und ihn notdürftig für das Sex-Ambiente ausstaffiert.</p>
<p>„Would you like another shirt?“, fragte ich.</p>
<p>„Maybe cotton?“, kam es bescheiden zurück.</p>
<p>Mein kleinstes T-Shirt war drei Nummern zu groß. Er sah darin aus, als hätte ich ihm eine Decke umgelegt. Und langsam wurde ihm wärmer. Als ich ihm erzählte, dass ich für die Aidshilfe arbeite und dass wir uns für die Rechte von Schwulen einsetzen, schien ihn das sehr zu erleichtern.</p>
<p>„You chose the right person“, sagte ich.</p>
<p>Eine Stunde später ahnte ich seine Lebensgeschichte. Seinen Eltern war er egal. Er lebte bei der Oma, der er nur erzählt hatte, dass er Silvester in einer anderen Stadt feiere. Eine Narbe an seinem Arm stammte von Messerstichen irgendwelcher Dealer. Er wollte reden und Umarmungen, endlich schlief er neben mir ein. Am nächsten Morgen brachte ich ihn zum Bahnhof.</p>
<p>Abends erhielt ich eine E-Mail: “My dream came true / I&#8217;m safe in my home and going to sleep / Thank you so much.”</p>
<p>Danach habe ich nie wieder von ihm gehört. Es war mir tatsächlich gelungen, mich einigermaßen selbstlos um ihn zu kümmern, auch wenn ich nicht in jedem Moment seine Hand nur aus Nächstenliebe hielt.</p>
<p><strong>„Instant Karma’s gonna get you“, wusste schon John Lennon. </strong>Mit anderen Worten: Was wir säen, ernten wir, und manchmal folgt die Antwort auf unsere Handlungen im Handumdrehen. Dabei zählt nach der buddhistischen Lehre immer die Absicht hinter dem, was wir tun. Was wir bekommen, ähnelt oft den Taten, die zugrunde liegen. Karma ist eine gute Möglichkeit zu erklären, was dann geschah.</p>
<p>Schon wenige Tage nach meiner guten Tat für den jungen Polen wurde ich mit einem Liebhaber aus Osteuropa belohnt, nämlich aus Moskau. Und weil ich den jungen Polen nicht völlig selbstlos eingesammelt hatte, gestaltete das Karmagesetz die Liebschaft mit dem Russen äußerst kompliziert, mit vielen geplatzten Treffen. Einmal verschwand er einfach für einige Wochen von der Bildfläche, während ich in der fremden großen Stadt im Hotel saß.</p>
<p>Am Anfang jedoch wartete mein russischer Liebhaber unverhofft im Whirlpool einer Sauna auf mich. Ich hatte dort eigentlich nur ganz kurz vorbeischauen wollen. Nun sagten wir beide „Hallo!“ und blieben bis zum frühen Morgen.  Gleich am nächsten Abend besuchte er mich zu Hause.</p>
<p>Am Morgen danach hinterließ er Moskauer Liebesgrüße auf der teddybärförmigen Tafel in meiner Küche, auf der ich sonst notiere, was ich einkaufen will. Er schrieb „Danke!“ und „Ich werde dich vermissen!“ auf Englisch und auf Russisch. „Nur ein Scherz“, fügte er schnell hinzu und schrieb das auch gleich noch hin. Ich hätte gewarnt sein können.</p>
<p>Der Rest ist schnell erzählt: Ich stellte überrascht fest, dass Moskau nicht einmal so weit von Berlin entfernt ist wie Madrid, man kann einfach hinfliegen. Ich verliebte mich in die Stadt, begann Russisch zu lernen. Ich habe jetzt Freunde in Moskau, eine Metrokarte und eine russische Handynummer.</p>
<p>Was ich mit meinem Lover erlebe, passt in keine Kolumne. Ich muss einen Roman draus machen, schon allein deswegen, weil meine Freunde begonnen haben, die Augen zu verdrehen, wenn ich davon erzähle. Sie sollen alles nachlesen, wenn ich ein gutes Ende gefunden habe. Denn mein Leben ist tatsächlich etwas aus den Fugen geraten.</p>
<p><strong>Zuerst habe ich gedacht, was man eben so denkt: dass einem das Schicksal halt immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht.</strong> Dann wurde mir klar, dass ich alle meine Reisen selbst gebucht habe.</p>
<p>Man muss nicht an Karma glauben, um das zu verstehen: Ich wollte nach Hause und bereiste die Welt. Ich nehme fremde Männer mit nach Hause, da darf man sich über nichts wundern. Wer auf die Suche geht, der findet. Wer sich verlieben will, ob in Menschen oder Städte, darf nicht mit Ruhe rechnen.</p>
<p>Eine der häufigsten Lügen unserer Zeit lautet: Nächstes Jahr wird’s ruhiger. Trotz allem glaube ich immer noch an die Macht guter Vorsätze. Man darf sich nur nicht davon schrecken lassen, dass man ab und zu zurück auf <em>Los! </em>geht. Ich vertraue auf kleine Schritte, und der Kutscher kennt den Weg. Seit dem Neujahrstag meditiere ich wieder täglich.</p>
<p>Auch in Moskau.</p>
<p><em>Holger Wicht ist der Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe. Was er hier schreibt, spricht für sich.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><strong>Was in New York geschah:</strong></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2019/08/09/the-only-gay-in-the-village/">The only Gay in the Village</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2019/09/20/ich-war-stonewall-im-stonewall-inn/">Ich war Stonewall im Stonewall Inn</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2019/12/20/schwul-oder-was/">Ein Mann names Olga</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<item>
		<title>Ein Mann namens Olga</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Dec 2019 13:50:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Dragname]]></category>
		<category><![CDATA[New York]]></category>
		<category><![CDATA[schwul]]></category>
		<category><![CDATA[Starbucks]]></category>
		<category><![CDATA[Stonewall]]></category>
		<category><![CDATA[Tuntenname]]></category>
		<category><![CDATA[Worldpride]]></category>
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					<description><![CDATA[Mein Name wird im Ausland nicht verstanden. Oft nennen sie mich Olga. Manchmal aber bekomme ich verschlüsselte Botschaften. Voll schwul, oder?  <em>Eine Kolumne von unserem Pressesprecher Holger Wicht.</em>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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        <strong>Mein Name wird im Ausland nicht verstanden. Oft nennen sie mich einfach Olga. Manchmal aber bekomme ich verschlüsselte Botschaften. Voll schwul, oder? <em>Eine Kolumne aus dem echten Leben.</em></strong></p>
<p>Ich weiß ja, ich soll nicht zu Starbucks gehen. Ausbeutung, Steuervermeidung, Wegwerfbecher, überteuert, schlechter Kaffee, diese Geschichten. Ich werde das hier jetzt aber nicht hundertmal hinschreiben, bis ich es begriffen habe. Ich möchte etwas anderes erzählen. Etwas, bei dem ich nicht sicher bin, was es bedeutet.</p>
<p>Wenn ich auf Reisen bin, gehe ich manchmal zu Starbucks. Ich sage nicht, dass ich das gut finde, aber ich mache das. Und dann werde ich, wenn ich eine Triple-Venti-Soy-Latte für einen halben Starbucks-Stundenlohn bestelle, zur Strafe nach meinem Namen gefragt.</p>
<p>Für alle, die brav nie zu Starbucks gehen: Sie schreiben dort groß die Namen auf die Becher. Um die Bestellungen den darauf Wartenden zuzuordnen, vor allem aber vermutlich, damit man sich emotional gebunden fühlt. Wenn sie deinen Namen sagen, fühlst du dich geliebt wie in der Familie oder unter Freunden. Es gibt bestimmt Doktor-Arbeiten darüber, in denen Marketing-Menschen Hirnforscher zitieren.</p>
<p>Nun ist mein Name für die meisten Nicht-Deutschen nicht nachvollziehbar. Skandinavier würden ihn wohl hinbekommen, denn Holger ist ein dänischer Vorname, aber in Skandinavien bin ich nie. Ich reise zurzeit oft nach Russland und ich war in den letzten Jahren öfters in Italien und den USA. Und da geht es schief.</p>
<p>Egal ob Moskau, Mailand oder New York: Häufig schreiben sie einfach Olga auf den Becher. Auch wenn sie das komisch finden, ein Mann, der Olga heißt, aber was sollen sie machen, es wird in ihren Ohren auch beim dritten Nachfragen nicht besser.</p>
<p>„Holger“, sage ich.</p>
<p>„Sorry?“</p>
<p>„Holger“</p>
<p><em>(Fragender Blick)</em> „Sorry?“</p>
<p>„H-O-L-G-E-R“, buchstabiere ich langsam auf Englisch, aber auch das hilft erstaunlicherweise nicht. Mein Name klingt für fremde Ohren einfach nicht plausibel.</p>
<p>Russen ist der Buchstabe H ein Rätsel, sie ersetzen ihn meist durch ihr G, das wie ein Galgen aussieht, manchmal durch Ch (wofür sie X schreiben). Am Anfang eines Wortes ergibt das H in ihrer Welt erst recht keinen Sinn. In Italien heißt H, dass das c davor wie k gesprochen wird, sonst nix. Am Anfang eines Wortes hat es auch in Italien nichts verloren.</p>
<p>Amerikaner kennen zwar Herman’s Hermits, wenn sie alt genug sind, aber da sie meinen Namen meist zum ersten Mal hören, nützt das wenig. Man soll sich an so etwas nicht abarbeiten, man kann kein ganzes Land belehren. Als mein Ex einmal länger in Boston und New York lebte, änderte er seinen Namen schließlich von Karsten zu Paul. Schon als er ins College eingerückt war, hatte man ihn in einem Mädchenzimmer einquartiert, und es war dann so weitergegangen. In ihren Ohren hieß er Kerstin.</p>
<p><strong>Die Sache hat also auch eine innovative Seite.</strong> Mir bescherten erst die ständigen Missverständnisse auf Reisen schließlich meinen Drag-Namen, der eigentlich auf der Hand liegt: Olga Witch. Denn mit meinem Nachnamen <em>Wicht</em> ist es auch nicht leichter. In Deutschland denken die Leute an Zwerge, im Ausland verstehen sie Hexe. Auch wenn insbesondere Russen oft äußerst irritiert reagieren: Ich bin nun bereit, den Namen Olga Witch stolz zu tragen.</p>
<p>Immerhin gibt es mittlerweile zahlreiche ehrbare Versuche, etwas anderes als Olga auf den Becher schreiben. Ob Holga, Holge oder diverse Varianten in kyrillischen Buchstaben: Ich speichere alle in einem Fotoalbum mit dem Titel „Starbucks Fails“. Mittlerweile warte ich förmlich auf neue Versionen meines Namens. Als eine junge Moskauerin neulich fehlerfrei Holger auf den Becher schrieb, war ich etwas enttäuscht.</p>
<p>Was hingegen ein New Yorker Barista zustande brachte, hatte höchsten Unterhaltungswert. Er taufte mich Rugay.</p>
<p>Der neue Name las sich für mich zunächst indisch. Es hätte auch ein Fehler im türkischen Namen Tugay sein können. Mit Holger hatte es jedenfalls nichts zu tun. Ich begann, mir Gedanken zu machen: Was, wenn er mir mit der Aufschrift etwas sagen wollte?</p>
<p>Als ich gerade meine Facebook-Freunde nach ihrer Meinung fragen wollte, kam mir die entscheidende Idee: Wenn mein Moskauer Lover mir Nachrichten schreibt, steht „r u“ für „are you“. Stand auf dem Becher nicht Rugay, sondern: „R u gay“, also „Are you gay“? Und wenn ja: War das eine Anmache? Oder eine Diffamierung?</p>
<p>Ich hatte diese Gedanken in dieser Reihenfolge, kurz hintereinander. Es ist das, was Schwule eben denken, wenn ein anderer Mann etwas Richtung schwul sagt: Anmache oder Lebensgefahr. Wir können heiraten und in RTL-Serien vorkommen, so viel wir wollen, diese evolutionären Muster lassen sich nicht so leicht rauswaschen. Zumal man noch immer mit allem rechnen muss.</p>
<p>Nun fragen Männer einander eher selten direkt nach ihrer sexuellen Orientierung. Jedenfalls macht das keiner, der anbandeln will. Die Frage „Bist du schwul?“ löst darum bei mir Alarm aus. Und schlimme Erinnerungen.</p>
<p><strong>In meiner Jugend habe ich genau diese Frage am meisten gefürchtet.</strong> Sie ist die Enttarnung, der Moment der Wahrheit, in dem du nicht weißt, was du sagen sollst und was dann passiert. Tatsächlich fragte mich lange Zeit niemand, eines Tages dann aber der Freund, in den ich unsterblich verliebt war. Ich hatte mich nie getraut, ihm die Wahrheit zu sagen. Mein Herz blieb beinahe stehen. Dann antwortete ich mit ja. Er reagierte sehr verständnisvoll und blieb mein Freund. Allerdings blieb er auch hetero.</p>
<p>Dem durchaus attraktiven New Yorker Barista warf ich nun Blicke zu, um mehr Informationen zu gewinnen, aber er schien mich nicht zu sehen. Das blieb auch so, als er später vor der Tür saß und rauchte, während ich den Coffee Shop verließ. Ihn anzusprechen, traute ich mich nicht.</p>
<p>Stattdessen entwickelte ich weitere Theorien: Da ich in der Woche vor dem <em>Worldpride</em> in New York war, benutzten sie <em>Rugay </em>vielleicht einfach für diejenigen, die sie als schwule Touristen erkannten. Bestimmt waren die Starbucks-Employees genervt, weil wir so viele waren. Vielleicht haben sie auch einfach jede Woche einen anderen Standardnamen, den sie schreiben, wenn sie Namen nicht verstehen. Und in der <em>Worldpride</em>-Zeit hatten sie sich etwas besonders Witziges ausgedacht. Etwas mit schwul drin, haha.</p>
<p><strong>Nur an eines wollte ich nicht glauben: an einen Zufall.</strong> Nicht bei einem Namen, in dem <em>gay</em> vorkam.</p>
<p>Mittlerweile bin ich mir sicher, dass es eine verschlüsselte Botschaft war. Ich kam dahinter, nachdem ich in eine andere Starbucks-Filiale besucht hatte, nämlich die süße kleine beim Stonewall-Inn gegenüber. Vielleicht bin ich der letzte, der das alles kapiert, weil mir Chat-Orthografie bisher fremd war. Aber jetzt weiß ich es: Sie sprechen auf diesem Wege mit uns.</p>
<p>„H-O-L-G-E-R“, hatte ich buchstabiert, und der Barista schrieb Hugu auf den Becher. Ich hielt das zunächst für kaum weniger absurd als Rugay. Bis ich verstand, was er mir sagen wollte.</p>
<p>Hugu. Hug u. Hug you. Ich umarme dich.</p>
<p>Daran jedenfalls möchte ich glauben.</p>
<p><em>Holger Wicht ist der Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe. Was er hier schreibt, spricht für sich.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><em>Frühere Kolumnen: </em></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2019/08/09/the-only-gay-in-the-village/">The only Gay in the Village</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2019/09/20/ich-war-stonewall-im-stonewall-inn/">Ich war Stonewall im Stonewall Inn</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>quapsss: Neue Wege für Chemsex-User</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/szene-community/quapsss-interview-gamsavar/</link>
					<comments>https://magazin.hiv/magazin/szene-community/quapsss-interview-gamsavar/#respond</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Dec 2019 12:59:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Chemsex]]></category>
		<category><![CDATA[quapsss]]></category>
		<category><![CDATA[Selbsthilfe]]></category>
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					<description><![CDATA[quapsss eröffnet Möglichkeiten, Autonomie und sexuelle Lust ohne Drogen zurückzugewinnen.]]></description>
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        <strong>Das innovative Gruppenangebot quapsss eröffnet Möglichkeiten, Autonomie und sexuelle Lust ohne Drogen zurückzugewinnen. Es startet im Januar in sechs Städten. Projektleiter Urs Gamsavar erläutert das Pilotprojekt im Interview.</strong></p>
<p>Immer mehr schwule Männer haben Probleme mit dem Konsum pyschoaktiver Substanzen beim Sex. Im professionellen Hilfesystem fehlen spezielle Angebote. Die Deutsche Aidshilfe und ihre Mitgliedsorganisationen starten nun ein innovatives Angebot: quapsss (kurz für „<strong>Qua</strong>litätsentwicklung in der Selbsthilfe für MSM*, die <strong>p</strong>sychoaktive <strong>S</strong>ubstanzen im <strong>s</strong>exuellen <strong>S</strong>etting konsumieren).</p>
<p>Mit eigens ausgebildeten Trainer_innen werden Gruppenangebote initiiert, die genau die Bedürfnisse dieser speziellen Zielgruppe treffen und Probleme mit Chemsex ganzheitlich angehen. Los geht’s im Januar 2020 zunächst in sechs Städten: Berlin, Kassel, Frankfurt/Main, Hamburg, Köln und München.</p>
<p><strong>Herr Gamsavar, warum braucht es ein neues bundesweites Modellprojekt? </strong></p>
<p>Im Modellprojekt <a href="https://bit.ly/2P6zfcK">QUADROS</a> haben wir eine Bestandsaufnahme durchgeführt und die Erkenntnis gewonnen, dass Chemsex-User im bestehenden Hilfssystem der Drogenberatungsstellen mit ihren spezifischen Bedürfnissen schlecht andocken können. Zugleich wissen wir aus dem <a href="https://bit.ly/2sHqwpT">SIMDIS-Projekt</a>, dass Selbsthilfekonzepte im Prinzip hilfreich sein können. Entsprechende Angebote werden aber bisher zu wenig wahrgenommen.</p>
<p><strong>Woran liegt das?</strong></p>
<p>Zum einen, weil die Chemsex-Praktizierenden von diesen Angeboten kaum erfahren. Es ist grundsätzlich nicht einfach, diese Männer zu erreichen. Außerdem spielt eine große Rolle, in welcher Sprache die Angebote kommuniziert werden. Allein der Begriff Selbsthilfe wirkt auf viele einfach nicht sexy, innovativ und dynamisch, sondern eher altbacken.</p>
<p><strong>Was machen Sie anders?</strong></p>
<p>Bisherige Programme sind in der Regel auf wenige, sehr intensive Wochen angelegt. Manche setzen Abstinenz voraus, das heißt die Leute müssen bereits einen Entzug oder eine Therapie hinter sich haben. Oder es gibt offene Gruppen. Die können zwar auch hilfreich sein, aber dort entstehen meist nicht die geschützte, vertrauensvolle Atmosphäre, die man braucht, um intensiv über sehr persönliche Themen zu sprechen. Wir gehen darum einen anderen Weg: Unser Gruppenangebot wird die Teilnehmer über ein Jahr durch einen Prozess begleiten. Es braucht einfach seine Zeit, bis sich Sucht- und Sexualitätsstrukturen verändern.</p>
<p><strong>Das heißt, die Teilnehmer müssen nicht „clean“ sein, wenn es losgeht?</strong></p>
<p>Nein, Abstinenz ist weder Voraussetzung, noch muss sie das Ziel sein. Es gibt diesbezüglich nur eine Regel: Die Leute sollen nach Möglichkeit 24 Stunden vor den Gruppenmeetings nichts konsumiert haben.</p>
<p><figure id="attachment_1548126" aria-describedby="caption-attachment-1548126" style="width: 400px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/12/0-Pressefoto-Urs-005-web.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-1548126" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/12/0-Pressefoto-Urs-005-web.jpg" alt="" width="400" height="587" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/12/0-Pressefoto-Urs-005-web.jpg 400w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/12/0-Pressefoto-Urs-005-web-204x300.jpg 204w" sizes="auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1548126" class="wp-caption-text">Urs Gamsavar ist Projektleiter von quapsss (Bild: DAH)</figcaption></figure></p>
<p><strong>An was für Menschen richtet sich Ihr Angebot?</strong></p>
<p>An alle, die Substanzen wie Crystal, Ketamin, GHB/GBL oder ähnliches konsumieren und sagen: „Ich hab’s nicht mehr im Griff. Ich möchte etwas ändern.“ Wichtig ist die Bereitschaft, sich auf einen längeren, intensiven Prozess einzulassen. Quapsss bietet keine Therapie, aber es geht schon darum, sich zu reflektieren und etwas in Gang zu bringen. Mit den eigenen Themen und Problemen konfrontiert zu sein, kann phasenweise auch weh tun. Andererseits kann so ein Gruppenprozess mit klaren Zielen sehr heilsam sein.</p>
<p><strong>Was passiert konkret in dem Programm?</strong></p>
<p>Es geht darum, Kompetenzen zu entwickeln und zu stärken, die die Chemsex-User brauchen, um wieder selbstständig zurecht zu kommen. Das passiert mithilfe von fünf Trainingseinheiten, die jeweils eine zentrale Fähigkeit zum Ziel haben.</p>
<p><strong>Wie wird das ganz konkret aussehen?</strong></p>
<p>Es geht los mit Kommunikation: Zunächst lernen sich die Teilnehmer kennen und bauen Kontakt auf. Wir unterstützen sie dabei. Ziel ist eine Vertrauensbasis, um in intime Bereiche vordringen zu können. Im zweiten Modul geht es dann um Sex. Was bedeutet Sexualität für mich? Wie habe ich Sexualität bisher erlebt? Welche Bedürfnisse befriedige ich dadurch?</p>
<p><strong>Es geht also nicht gleich um das Problem, sondern erstmal um Bedürfnisse?</strong></p>
<p>Richtig. Denn Chemsex ist für viele schwule Männer zunächst einmal die Antwort auf ganz andere Fragen und Probleme. Die Männer konsumieren zum Beispiel, weil sie intensivere sexuelle Erlebnisse suchen, weil sie Ängste haben oder um Scham und Selbstwertprobleme zu überwinden, die ihre Sexualität behindern. Es geht also um tiefe Bedürfnisse. Das gilt es zu würdigen. Erst im dritten Modul stehen dann Konsum und Sucht im Vordergrund.</p>
<p><strong>Welche positiven Fähigkeiten setzen Sie den genannten Problemen entgegen?</strong></p>
<p>Unter anderem Autonomie und Selbstbestimmung: Darum geht es im vierten Modul.</p>
<p><strong>Das sind große Themen! Mit welchen Fragestellungen gehen Sie da vor?</strong></p>
<p>Wofür schäme ich mich? Lebe ich wirklich meine tatsächlichen Bedürfnisse oder erfülle ich vor allem Erwartungen? Gehe ich in den Sexclub oder auf Sexpartys, weil man das in der schwulen Szene eben so macht oder weil ich es wirklich möchte und es mich erfüllt? Die Antworten auf solche Fragen können den Weg weisen zu dem, was man wirklich will und dazu motivieren, eigene Wege zu entwickeln und selbstbewusst umzusetzen.</p>
<p><strong>Das klingt plausibel, aber ist das Problem mit solchen Reflexionen wirklich zu lösen? Viele Chemsex-User berichten, sie können sich Sex ohne Drogen einfach nicht mehr vorstellen. Er erscheint ihnen nicht mehr lohnend, nicht intensiv genug.</strong></p>
<p>Deswegen geht es am Ende des Programms darum, sich intensiv mit der eigenen Körperwahrnehmung auseinanderzusetzen. Viele haben die Fähigkeit verloren, einen sexuellen Bezug zu ihrem eigenen Körper herzustellen. Die Körperwahrnehmung ist stark eingeschränkt. Es geht darum, sich selbst wieder feiner zu spüren, sich zu sensibilisieren für das eigene Empfindungsvermögen. Wir geben Anregungen, wie man Lustempfinden unabhängig von Drogen zurückgewinnen kann.</p>
<p><strong>Wie werden die Gruppen angeleitet?</strong></p>
<p>Wir haben speziell für dieses Programm Gruppenleiter ausgebildet. Darunter sind Aidshilfe- und Drogenberater ebenso wie Ex-User. In den ersten drei Monaten werden die Gruppenleiter alle Treffen begleiten. Dann ziehen sie sich zurück. Die Teilnehmer haben bis dahin schon Erfahrungen miteinander und wissen selbst, wie man die Treffen gestalten kann. Sie können dann ihre eigenen Themen in den Vordergrund stellen. Die Leiter kehren aber regelmäßig zurück, um die verschiedenen Trainings-Module durchzuführen.</p>
<p><strong>Welches Ziel steht idealerweise am Ende dieser zwölf Monate? </strong></p>
<p>Alle Teilnehmer sollen beim Einstieg ihre persönlichen Ziele ganz individuell bestimmen: Welche Veränderungen möchte ich erreichen, etwa im Umgang mit Drogen oder Sexualität? Das kann Abstinenz sein oder der Wunsch, Sexualität auch wieder ohne Drogen erleben zu können. Manche wollen vielleicht weniger oder anders konsumieren. Wir möchten hier nichts vorgeben. Zum Abschluss des Projektes werden wir dann evaluieren, inwieweit die Module und die Gruppen geholfen haben, an diesen individuellen Zielen zu arbeiten.</p>
<p><strong>Was machen Sie mit den Ergebnissen des Pilotprojektes?</strong></p>
<p>Wir werten das Projekt mit einem Online-Fragebogen und freiwilligen Gruppengesprächen aus. Vieles werden wir sicherlich im Laufe des Projektes anpassen, denn wir kennen ja zum Beispiel die Motivationen, Ziele und Interessen der Teilnehmer noch gar nicht. Letztlich geht es auch darum, Erkenntnisse zu gewinnen, wie Angebote beschaffen sein müssen. Denn eines ist sicher: Dieses Thema wird weiter unser Engagement und unsere Kreativität fordern.</p>
<p><em>Interview: Axel Schock, Holger Wicht</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/quapsss-projektbeschreibung">Infos für Fachleute</a></p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/chemsex-support-quapsss">Infos für an der Teilnahme Interessierte</a></p>
<p><em>Kontakt:</em> Urs Gamsavar, Tel. 030 69 00 87 205, urs.gamsavar@dah.aidshilfe.de
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>Ich war Stonewall im Stonewall Inn</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 20 Sep 2019 13:51:26 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
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					<description><![CDATA[Ich habe die Weihnachtsgeschichte geschrieben und den Messias getroffen. Das Jubiläum des Christopher Street Days hätte ich nicht besser feiern können als mit einem Kuss. Eine Kolumne aus dem echten Leben.]]></description>
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        <strong>Ich habe die Weihnachtsgeschichte geschrieben und den Messias getroffen. Das Jubiläum des Christopher Street Days hätte ich nicht besser feiern können als mit einem Kuss. Eine Kolumne aus dem echten Leben.</strong></p>
<p>Neulich habe ich die schönste WhatsApp-Nachricht meines Lebens bekommen. Sie leuchtete auf dem Sperrbildschirm meines Handys auf als ich im Central Park in den Sonnenuntergang spazierte. Vielleicht werde ich den Screenshot einmal als Romancover verwenden. Die Nachricht wird dann der Titel. Sie lautet: „Let’s meet at Stonewall.“</p>
<p>Geschrieben hatte den Vorschlag ein junger Mann, kurz nachdem wir unsere Kommunikation von Tinder auf WhatsApp verlagert hatten. Kennen lernen wollte er mich nun im Stonewall Inn in der New Yorker Christopher Street, wo mit dem Widerstand gegen eine nächtliche Polizei-Razzia vor 50 Jahren die queere Befreiungsbewegung begann. Am Abend des 27.6.2019, genau 50 Jahre danach. Ihm war das nicht bewusst gewesen, wie er mir später erzählte. Er ging einfach gerne ins Stonewall Inn. Es ist ja eine Bar.</p>
<p>Dann saßen wir auch schon auf Barhockern, verstanden uns prächtig und schauten uns die gerahmten alten Fotos an den Wänden an. Sie zeigen das historische Geschehen in der Christopher Street und die Demonstrationen, die darauf folgten.</p>
<p>„Kannst du dich noch erinnern, wie die Nacht damals war?“, fragte er plötzlich.</p>
<p><strong><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/09/Foto-LetsmeetatStonewall-300-breit.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-full wp-image-1547783 aligncenter" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/09/Foto-LetsmeetatStonewall-300-breit.jpg" alt="" width="300" height="533" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/09/Foto-LetsmeetatStonewall-300-breit.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2019/09/Foto-LetsmeetatStonewall-300-breit-169x300.jpg 169w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a>Ich glaube, ich blieb äußerlich ganz ruhig. </strong>„Für wie alt hältst du mich?“, fragte ich schließlich. Er wollte sich dann darauf rausreden, dass er mich einfach für einen geschichtlich versierten Mann gehalten habe.</p>
<p>„Du hast gefragt, ob ich mich <em>erinnern </em>kann, Schätzchen!“</p>
<p>„Ok, ich komm aus der Nummer nicht raus“, stellte er schließlich fest. Musste er auch nicht. Es gibt Schlimmeres, als von einem politischen Mittzwanziger für einen Teil von Stonewall gehalten zu werden. Meine Beteiligung an der Revolte wurde ja geschätzt.</p>
<p>Um Mitternacht küssten wir uns. Zwei verschieden alte Männer verschiedener Hautfarbe mit sehr verschiedenen Leben in großer Einigkeit im Stonewall Inn. Ich fragte mich nur ganz kurz, was die anderen dachten. Niemand guckte. Es war Pride pur. Die beste Möglichkeit, den Feiertag zu begehen, die ich mir niemals hätte ausdenken können. We met in Stonewall.</p>
<p><strong>Man kann vielleicht sagen, dass ich zu Stonewall schon immer ein religiöses Verhältnis gepflegt habe.</strong> In meinem Flur hängt ein Foto vom U-Bahnhof Christopher Street mit einem abfahrenden Zug, das man als Ikone deuten darf.</p>
<p>Für die queere Zeitschrift Siegessäule habe ich ungezählte Male die „Weihnachtsgeschichte“ von den Aufständen geschrieben, die wir so nannten, weil sie jedes Jahr erzählt wurde.</p>
<p>Als junger Journalist war ich tief beeindruckt von Stormé Delarverie, die laut einer der zahlreichen Legenden den ersten Schlag gegen die Polizei geführt haben soll. „The cop hit me, I hit him back. The cops got what they gave”, war ihr Mantra. Ich habe ihre markante Stimme noch im Ohr.</p>
<p>Stormé war auf den ersten Blick eine Butch-Lesbe <em>of color</em> und zu Stonewall-Zeiten ein <em>male impersonator </em>gewesen, was vielleicht mit <em>drag king</em> wiedergegeben werden darf. Ich war mir unsicher, welche Bezeichnung und welches Pronomen ich im Text verwenden sollte. Er? Sie? „Use whatever makes you comfortable“, erklärte sie lapidar.</p>
<p>Es ist keine verallgemeinerbare Lösung, aber es lagen großes Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit und Gelassenheit in dieser Antwort. Kein Zweifel: Stormé war der Messias. He&#8217;s a black queer lesbian from New York City.</p>
<p>Ich bin nie wegen meiner Homosexualität verhaftet oder geschlagen worden, aber ich war viele Jahre heimlich in einen Freund verliebt, während meine Schulkameraden das Wort „schwul“ für alles benutzten, was sie doof fanden. Ich hatte Angst vor Entdeckung und keine Ahnung, wie ich aus der Nummer je rauskommen sollte.</p>
<p>Ich muss nicht alle Geschichten erzählen, um deutlich zu machen: Ich war beschädigt genug, um religiös zu werden.</p>
<p><strong>„Wehr dich, dann wird für dich gesorgt sein!“, lautet die frohe Botschaft aus der Christopher Street.</strong> Sie steht für die Erlösung. Das Versprechen des gelobten Landes. Stonewall war und ist Erweckung. Meine Reise nach New York war also eine Pilgerreise.</p>
<p>Zwar gibt es einen mittlerweile einen Konflikt mit meiner eigentlichen Religion, dem Buddhismus, denn Stonewall war ein gewaltsamer Aufstand und der Buddha predigt Gewaltlosigkeit. Ich hoffe aber, spätestens im nächsten Leben eine Lösung zu finden.</p>
<p>Sagen wir so: Der Heilige Geist der Christopher Street ist unübersehbarer Selbstrespekt, zu dem lange kaum jemand fähig gewesen war. In vielen Ländern sind Menschen auch heute nicht dazu fähig.</p>
<p>Bei der WorldPride-Demonstration rührte mich daher das schlichte Transparent der Hamburger besonders, die einfach den „Veterans“ dankten. Das Konterfei von Marsha P. Johnson, queere Ikone und Sexarbeiterin, war omnipräsent. Auch sie soll den Stein mit ins Rollen gebracht haben. Stormés Gesicht sah ich nirgendwo. Vielleicht, weil bei der Geschichtsschreibung immer jeder Mensch seine eigene Geschichte erzählt und die eigenen Helden platziert. Man kann von Trends, vielleicht sogar von Moden sprechen. Auf jeden Fall gibt es mehr Stonewall-Veterans als damals Flaschen flogen. Sogar ich werde ja neuerdings zu ihnen gerechnet.</p>
<p><strong>Auch Bob gehört dazu. </strong>Ich interviewte den älteren Herrn aus New York einmal im Backstagebereichs des Europride in Hamburg fürs schwule Fernsehen. Für ihn waren die Stricher ausschlaggebend. Mit ihnen war er in der dritten Nacht der Unruhen in der Christopher Street.</p>
<p>Aus historischem Interesse fragte ich ihn, welche Rolle denn aber Judy Garland gespielt habe. Es heißt ja, der Tod der verehrten Diva habe damals die Homos so sehr aus der Fassung gebracht, dass sie schließlich wütend wurden, als auch noch die Polizei eintraf. Dieser Legende nach war also Judy Garland ausschlaggebend für unsere Befreiung.</p>
<p>„Stonewall hatte nichts mit Judy Garland zu tun“, erwiderte Bob erbost. „Sie war eine Alkoholikerin. Ein Wrack.“</p>
<p>Was soll ich dazu sagen, ich war nicht dabei. Ehrlich nicht.</p>
<p><strong>Zurück in Berlin gab ich auf radioeins ein Interview zum World Pride in New York. </strong>Der Moderator las das Motto des Jubiläums-CSDs in Berlin vor: „50 Jahre Stonewall – Jeder Aufstand beginnt mit deiner Stimme!“ Und fragte dann herausfordernd: „Why so serious?“</p>
<p>„Weil das eine ernste Sache ist, soviel Spaß sie auch macht“, hörte ich mich sagen.</p>
<p>Später am Tag moderierte ich mit der wunderbaren Frauke Oppenberg die Sondersendung zum CSD. Wir interviewten einen 17-jährigen Trans-Mann, der unglaublich selbstbewusst seinen Weg geht, eine Aktivistin aus der Ukraine, die bei einer Demo von Rechten verletzt worden war, und die Besitzer des Stonewall Inn. Einen Aktivisten, der die Botschaft des CSD mit einer Bustour in Brandenburger Kleinstädte trägt. Und Marianne Rosenberg. Wir lasen die Messe für alle, die vorangegangen sind, für alle, die heute tanzen und kämpfen und für alle, die noch kommen.</p>
<p>Unter unseren Zuhörern war via Internet ein junger Mann aus El Salvador, den ich kurz zuvor auf Tinder kennengelernt hatte. Er sucht gerade nach einer Möglichkeit, das Land zu verlassen, in dem er immer wieder bedroht wird. Von mir hörte er das erste Mal die Weihnachtsgeschichte. Er liebte sie.</p>
<p>Später fragte er mich, wie es gewesen sei, in den Wirren des 2. Weltkriegs aufzuwachsen. Aber das ist eine andere Geschichte.</p>
<p><em>Holger Wicht ist der Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe. Was er hier schreibt, spricht für sich.</em></p>
<p>Weitere Kolumne zum WorldPride in New York: <a href="https://magazin.hiv/2019/08/09/the-only-gay-in-the-village/">&#8222;The only Gay in the Village&#8220;</a>
      </div>
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		<title>The only Gay in the Village</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 09 Aug 2019 13:54:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft & Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Diskriminierung]]></category>
		<category><![CDATA[Homophobie]]></category>
		<category><![CDATA[Homosexualität]]></category>
		<category><![CDATA[International]]></category>
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		<category><![CDATA[New York]]></category>
		<category><![CDATA[PRIDE]]></category>
		<category><![CDATA[queer]]></category>
		<category><![CDATA[schwul]]></category>
		<category><![CDATA[World Pride]]></category>
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					<description><![CDATA[Der World Pride in New York war überwältigend. Und dann ganz schnell vorbei. Eine Kolumne aus dem echten Leben von unserem Pressesprecher Holger Wicht.]]></description>
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        <strong>Der World Pride in New York war überwältigend. Und dann ganz schnell vorbei. Eine Kolumne aus dem echten Leben.</strong></p>
<p>Aus meiner Zeit als Skilehrer kenne ich das Prinzip, aus Kontrasten zu lernen. Man lässt seine Schützlinge ein paar Kurven fahren und dabei bewusst einen bestimmten Fehler machen. Dann sollen sie Kurven ohne den Fehler fahren. Soweit sie das können. So erfahren sie am eigenen Leib, wie es besser geht. „Das ist ja erstaunlich!“, rufen sie dann oft begeistert.</p>
<p>Eine ähnliche Erfahrung habe ich kürzlich in New York gemacht, als ich am World Pride teilnahm. Nur umgekehrt.</p>
<p>Pride ist die englische Bezeichnung für Christopher Street Day, was seltsam ist. Man könnte ja denken, Christopher Street Day sei eine englische Bezeichnung. Tatsächlich wird dieser schöne Name fast nur in Deutschland verwendet. Weltweit sagt man Pride. Und dieses Jahr war der sogenannte World Pride in New York. Gefeiert wurde der 50. Jahrestag der Aufstände in der Christopher Street.</p>
<p>Äußerlich war es der Aufstand gegen eine Polizei-Razzia in der Bar Stonewall Inn. Eine weltweite Bewegung wurde daraus, weil darin ein innerer Aufbruch lag: Jetzt ist Schluss. Wir lassen uns nicht weiter erniedrigen. Wir nehmen uns das Recht und die Freiheit, unsere Leben zu leben. Es ist der unverzichtbare Moment des Durchbruchs, den jeder queere Mensch in seinem Coming-out erlebt, zur Nachahmung empfohlen durch ein historisches Ereignis. Deswegen mag ich den Namen Christopher Street Day.</p>
<p><strong>Ich sage es ganz offen: Einen Teil der World-Pride-Demonstration habe ich unter Tränen zurückgelegt.</strong> Ich weinte vor Glück. Ich fühlte mich getragen von der Menge, zu Hause und aufgehoben. Fast möchte ich sagen: wie nie. 30 Jahre nach meinem Coming-out und nach unzähligen öffentlichen Auftritten als schwuler Mann löste sich ein tiefer Schmerz in Tränen auf. Ich finde, das sagt einiges.</p>
<p>Als junger Mann habe ich beim Christopher Street Day in Berlin auch schon mal vor Rührung geweint. Auf der Ladefläche eines LKW tanzend, sah ich nach vorne wie nach hinten eine endlose Menge von Menschen. Ich war nicht mehr allein. Wir waren viele. Ich war in Sicherheit.</p>
<p>Damals weinte ich hinter einer Sonnenbrille. Es waren nur wenige Tränen. Ich wischte sie eilig mit dem Handrücken fort und trank weiter Sekt und Dosenbier.</p>
<p>In den USA ist Alkohol in der Öffentlichkeit verboten. Niemand trank, und ich sowieso nicht mehr. Ich trug auch keine Sonnenbrille, obwohl ich eine regenbogenfarbene vom Designmuseum geschenkt bekommen hatte. Ich brauche zum Lesen mittlerweile 1,5 Dioptrien und möchte die Brillen nicht ständig wechseln, wenn ich was auf Instagram poste. Ich empfinde das als erniedrigend.</p>
<p><strong>In New York feiern übrigens auch nicht einfach alle durcheinander wie in Berlin.</strong> Wer zu einer Gruppe oder Organisation gehört, marschiert die Straßen entlang. Alle anderen – ob queer oder solidarisch – stehen hinter endlosen Absperrgittern, jubeln den Marschierenden zu wie Popstars und rufen „Happy Pride!“. Die winken und jubeln zurück. Es werden Hände geschüttelt und Blicke getauscht.</p>
<p>Weil ich aus Deutschland stamme, durfte ich im deutschen Block mitlaufen. Zwischen Kerlen in bayerischen Trachten und Stewardessen mit Merkel-Frisur. In der Hand hielt ich ein Regenbogen-, ein Europa- und ein Deutschlandfähnchen. Ich hatte kurz gezögert, dann aber gedacht: Hier kann man’s mal tragen.</p>
<p>Als einer von 300.000 lief ich durch die Straßen New Yorks, mehr als drei Millionen Menschen jubelten. Vermutlich die größte Versammlung queerer Menschen auf diesem Planeten aller Zeiten. Es war überwältigend.</p>
<p>Dieses Mal ließ ich die Tränen laufen. Und obwohl ich nur ein Körnchen Sternenstaub in einem queeren Universum war, bemerkten viele Menschen am Rande der 7th Avenue, dass ich weinte und lächelten mir zu. Weil sie wussten, warum mir die Tränen kamen. Wir kannten einander. Wir gehörten zusammen.</p>
<p>Eine Frau mit Sonnenbrille stand am Rand und hatte am Absperrgitter vor sich zwei Schilder befestigt. Das erste hätte ich in dieser Menschenmasse sicher komisch gefunden, hätte ich es nicht sofort verstanden:  „You are not alone! I’m your Mom today!“ Das zweite versprach: „Free Mom Hugs“. Ich habe mich gerne von ihr drücken lassen.</p>
<p>Am Ende des Tages, als es dunkel geworden war, leuchteten die Spitzen des Empire State Buildings und des neuen World Trade Centers in Regenbogenfarben. Der Zug wollte nicht enden. Wer wollte, konnte an diesem Tag von 12 Uhr mittags bis Mitternacht an der Christopher Street stehen und sein Leben an sich vorbeiziehen lassen. New York war Pride.</p>
<p><strong>Und dann war es vorbei.</strong> In den schwulen Bars guckten die Männer jetzt wieder aneinander vorbei. Die Lokale und Geschäfte, die Regenbogenfahnen nur für den besonderen Anlass aufgehängt hatten, nahmen sie wieder ab. Man hatte sie schon vorher erkannt, denn ihre Fahnen hatten noch Falten vom Zusammenlegen. Es waren Neuanschaffungen gewesen.</p>
<p>In den folgenden Tagen erforschte ich New York und trug dabei weiter mein neues Stonewall-50-Bauchtäschchen in Regenbogenfarben. Es dauerte ein bisschen, bis mir klar wurde: Ich war jetzt ein One-Man-Pride-March. The only Gay in the Village. Nicht im West Village, wo sich das Stonewall Inn befindet, und nicht im Greenwich Village. Aber zum Beispiel in Harlem, wo es mehr baptistische Kirchen gibt als in Deutschland Apotheken.</p>
<p>Irgendwo zwischen den Apotheken saßen ein Mann und eine Frau auf der Treppe vor einem Haus. Als ich gerade vorbeigegangen war, ließ die Frau eine unverständliche Bemerkung fallen, die das Wort „gay“ enthielt. Der Mann antwortete höhnisch. Oder hatte ich mir das nur eingebildet?</p>
<p>Immerhin, vor einer Mormonen-Kirche grüßten mich zwei attraktive junge Missionare in schnieken weißen Hemden so freundlich, als würden wir gerade die erste Szene eines einschlägigen Pornos drehen. Ich vermute allerdings, dass sie mich eher retten wollten.</p>
<p>„Blow your head away!“, riet mir hingegen ein paar Straßen weiter ein Mann im Vorbeigehen.</p>
<p>Hatte er das wirklich gesagt? Ich war mir ziemlich sicher.</p>
<p>Mit der kostenlosen Staten Island Ferry setzte ich über in ein Vorstadt-Idyll, bewacht von einem grauen Klotz mit der Aufschrift H&amp;M. „The Party is over!“, rief mir ein Mann entgegen, noch bevor ich den Hafen ganz verlassen hatte.</p>
<p><strong>War es hier gefährlich für einen wie mich?</strong> Ich überlegte, ob ich das Bauchtäschchen abnehmen sollte. Aber zwei Tage nach dem Worldpride wieder im Schrank verschwinden? „Stonewall isn’t over yet!“ war nicht ohne Grund einer der häufigen Sätze beim World Pride. Und manchmal ist Stonewall eben ein Bauchtäschchen.</p>
<p>Tapfer verrichtete ich meinen Gang durch die Gemeinde und nahm dann rasch die Fähre zurück nach Manhattan, wie einer der sein Kaff verlässt und in die Großstadt zieht.</p>
<p>Zurück in Berlin erzählte ich einer Freundin von meinen Erlebnissen. Sie fand sie nicht so beunruhigend wie ich. In der Aussage „The Party is over!“ wollte sie nicht einmal einen schwulenfeindlichen Hintergrund erkennen. „Ich bin ja auch genervt vom Karneval der Kulturen und froh, wenn er vorbei ist“, sagte sie.</p>
<p>Ich will zurück zu meiner Mami.</p>
<p><em>Holger Wicht ist der Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe. Was er hier schreibt, spricht für sich.</em></p>
<p><a href="https://www.youtube.com/watch?v=egBsTP0A-dY">The only Gay in the Village – das Original auf Youtube</a>
      </div>
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		<title>Lob des Anstands eines Unanständigen</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/szene-community/lob-des-anstands-eines-unanstaendigen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Dec 2018 16:54:12 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnern]]></category>
		<category><![CDATA[Gedenken]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
		<category><![CDATA[Nachruf]]></category>
		<category><![CDATA[Tod]]></category>
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					<description><![CDATA[Bernd Aretz war ein hoch politischer und zutiefst liebevoller Mensch. Bestätigen wollte er das in seinem letzten Interview zwar nicht. Aber die Geschichten aus seinem Leben sprechen für sich. Das Porträt eines Wehrhaften am Lebensende.]]></description>
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        <strong>Bernd Aretz war ein hoch politischer und zutiefst liebevoller Mensch. Bestätigen wollte er das in seinem letzten Interview zwar nicht. Aber die Geschichten aus seinem Leben sprechen für sich. Das Porträt eines Wehrhaften am Lebensende. Von <em>Holger Wicht</em></strong></p>
<p>Am Ende kenne ich ihn vielleicht gar nicht richtig.</p>
<p>„Bernd war für mich immer einer, der ganz genau weiß, was er vom Leben will, sich das nimmt und lebt“, habe ich gesagt.</p>
<p>„Dem würde ich so erst mal nicht zustimmen“, ist seine Antwort.</p>
<p>Habe ich mich all die Jahre geirrt?</p>
<p>Auf vielen Bühnen habe ich Bernd Aretz anmoderiert als Aktivist und Urgestein der Aidshilfe-Bewegung. Er, der Rechtsanwalt und Notar im Ruhestand, hat dann immer flammende Reden gehalten. Für das Recht auf Lust von Menschen mit und ohne HIV. Gegen die Kriminalisierung der HIV-Übertragung. Gegen Ausgrenzung und Benachteiligung. Gegen Ignoranz und Borniertheit im Umgang mit Minderheiten. Für das Recht auf Rausch.</p>
<p>Schon lange haben seine Hände, die das Redemanuskript hielten, dabei gezittert. Fast 40 Jahre HIV haben seinen Körper ruiniert. Wobei bestimmt die Hälfte seiner Gebrechen hausgemacht sei durch das Rauchen, lässt er mich fröhlich wissen.</p>
<p>„Wir haben uns 1984 ja nicht vorstellen können, dass wir uns mal mit Altersbeschwerden rumplagen müssen. Und wir haben entsprechend gelebt“, sagt er mit funkelnden Augen.</p>
<p>Sein gewitzter Geist und seine kluge Angriffslust haben Bernd bis zum Schluss nicht im Stich gelassen. Dass sich sein Leben dem Ende zuneigt, ist ihm an diesem Abend nicht anzumerken. Sein Blick ist wach wie eh und je, er wirkt heiter und redselig.</p>
<p>Wenn er nur einmal durch die Wohnung ginge, würde ihm rasch die Puste ausgehen, schränkt Bernd diesen Eindruck ein.</p>
<p>Vor einigen Monaten hat er uns mitgeteilt, dass es nun zu Ende gehe. Er ist ganz und gar einverstanden damit. Dass er die 70 noch erreicht hat, kam ja schon sehr überraschend. Die letzten Jahre waren mehr als beschwerlich. Es reicht ihm jetzt. Und so sitzen wir Ende September bei unserem erklärtermaßen letzten Gespräch zusammen.</p>
<p>Bernd Aretz‘ Offenbacher Neubauwohnung ähnelt einem Antiquariat. Die Wände bestehen aus Büchern, alten Fotografien von Männern und Gemälden mit Landschaften, auf dem Tisch stehen Geräte zum Inhalieren von Haschisch und medizinischem Sauerstoff einträchtig nebeneinander. Das Haschisch – in einer Dose mit der Aufschrift „Glück“ – würde nach Einschätzung des Juristen für einige Jahre Gefängnis reichen. Auf dem Zifferblatt von Bernds Armbanduhr steht anstelle von Zahlen das Wort &#8222;Jetzt!&#8220;. Vor dem Fenster in der Ferne sinken still die Flugzeuge Richtung Frankfurt.</p>
<p>Zwischen uns stehen eine große metallene Teekanne und meine Fragen. Fragen über die politischen Ziele, die er verfolgt hat, wenn er sich als Aids-Kranker in Fernsehtalkshows setzte. Fragen über die persönlichen Beweggründe des Aktivisten, der als einer der ersten in Deutschland HIV-positiv getestet wurde, seine Existenz als Anwalt verlor und sich, den Tod vor Augen, ein neues Leben aufbauen musste.</p>
<p>Mir hätte klar sein können: Wer mit Bernd Aretz redet, muss mit Widerspruch rechnen. Politische Fragen interessieren ihn in diesem Gespräch einfach nicht, und über Gefühle will er offenbar nicht sprechen.</p>
<p>Ich setze nach: „Auf mich hast du immer gewirkt wie jemand, der sehr genau weiß, was er will, sich das auch nimmt und verteidigt. Auf eine phantasievolle, entwaffnende, teils sarkastische Weise. Einen, der anderen nicht das Recht lässt darüber zu bestimmen, wie er lebt.“</p>
<p>„Da hatte ich meine Psychoanalyse schon hinter mir“, wiegelt er ab. Und büxt aus in eine von zahllosen Anekdoten, die seine Antwort sind auf meine Fragen. Ich muss nur gut zuhören.</p>
<h2>Das Juristische ist nicht entscheidend</h2>
<p>Wie seine Laufbahn als Anwalt begann, erzählt er unvermittelt. Direkt nach dem Jura-Studium, das er entsetzlich fand, aber in Rekordzeit mit Prädikat abgeschlossen hatte. Plötzlich saß er allein in einer Kanzlei, weil sein Chef verhindert war. Ein Anrufer klagte, seine Schwiegermutter habe sich bei ihm und seiner Frau eingenistet und weigere sich, die Wohnung zu verlassen. Was tun?</p>
<p>Der hilflose Jungjurist rief seinen alten Ausbilder beim Landgericht an. Der bekam einen Lachanfall: „Sie können eine einstweilige Verfügung erwirken und das Scheidungsverfahren an Land ziehen. Oder Sie raten dem Mann ins Hotel zu gehen, bis die Schwiegermutter weg ist – dann wird sich das schnell lösen.“</p>
<p>Das war Bernd eine Lehre fürs Leben: „Das Juristische spielt auch manchmal eine Rolle, ist aber nicht entscheidend. Mein Bestreben war immer, dass die Beteiligten am Schluss gut miteinander reden konnten.“</p>
<h2>Ein Zahn namens Aretz</h2>
<p>Wie einmal seine Sekretärin einen Schneidezahn verloren hatte, erzählt Bernd. Ihr Mann war verstorben und hatte Schulden hinterlassen. Eine schwierige Situation. „Sie haben morgen frei und lassen den Zahn ersetzen“, verfügte Bernd. „Was die Krankenkasse nicht bezahlt, soll der Zahnarzt bitte mir in Rechnung stellen.“</p>
<p>„Ich denke jeden Tag beim Zähneputzen an Sie“, hat ihm die über 80-Jährige vor ein paar Tagen beim Abschiedsgespräch am Telefon erzählt. Der Zahn heißt Herr Aretz.</p>
<p>„Auch eine Art Vermächtnis“, finde ich.</p>
<p>„Hättest du eine Empfangskraft mit Zahnlücke gewollt?“, fragt Bernd. Erst auf Nachfrage gibt er zu, dass die Arbeitgebersicht nicht sein Hauptmotiv war: „Ich fand das einfach selbstverständlich. Sie war kreuzunglücklich. Und ob ich am Schluss 200 Mark mehr oder weniger habe, ist mir völlig gleichgültig.“</p>
<p>Wie er Menschen zurück ins Erwerbsleben brachte, erzählt Bernd gleich als Serie. Kontakte zum Arbeitsamt, Tricks und kleinere Kungeleien waren dafür manchmal nötig. Seinem Exfreund D. verhalf er zur Krankenpflegeausbildung. Seinem verstorbenen Freund Jörg motivierte er, das ungeliebte Studium, das die Eltern verordnet hatten, nach einem versiebten Examen zu schmeißen – und besorgte ihm die ersehnte Schneiderlehre. Seinen Mann Kalle manövrierte er aus einem 1-Euro-Job über einige virtuos gesetzte Zwischenstationen in eine Festanstellung bei einer Aidshilfe.</p>
<p>„Scheint irgendwie so mein Muster zu sein“, sagt Bernd.</p>
<h2>Bellen kann er auch</h2>
<p>Kalle unterbricht das Interview, um Kuchen zu bringen. „Mein Hund“, nennt Bernd ihn liebevoll, wenn er von ihm erzählt. Das ist durchaus genau so gemeint. Obwohl man das Fetischhafte auf keinen Fall zu ernst nehmen dürfe, betont Bernd. Die Rolle des Hundes helfe eben diesem einfach, durchs Leben zu kommen. Als Mensch sei es für seinen Liebsten manchmal schwierig. Und Bernd ist ein guter Hundeführer.</p>
<p>Bellen kann er aber auch. Wie er einmal ganz in Leder ungebeten bei einer CDU-Veranstaltung über Homosexualität aufrauschte, erzählt Bernd. Eine Frau zitierte den Sexualforscher Richard Krafft-Ebbing, der berichtet habe, wie Homosexuelle Jugendliche verführten. Der Forscher habe seine Lehren kurz vor Ende seines Lebens widerrufen, stellt Bernd klar. „Es wäre schön, wenn wir uns wenigstens auf den Stand von 1900 einigen könnten.“</p>
<p>„Wenn Sie für Ihre Sache werben wollen, sollten Sie freundlicher sein“, befand die Politikerin.</p>
<p>„Das sehen Sie falsch. Wenn Sie mich diskriminieren wollen, dann müssen Sie verdammt gute Gründe benennen, warum Sie das dürfen“, antwortete Bernd. In seinen Augen funkelt diebische Freude, während er davon erzählt.</p>
<p>Als ich ihn erneut auf seine politischen Botschaften festnageln will, fügt er hinzu: „Homophobie war nie mein Problem. Wer mir dumm kommt, der kriegt auf die Nuss.“</p>
<p>Überflüssig zu erwähnen, dass er noch mehr solche Geschichten auf Lager hat. Über die hartnäckigen Tuntenspaziergänge ins homophobe Café. Aber auch über den Mandanten, der seine Frau überwachen ließ und im Scheidungsverfahren das Kopfkissen aus dem Kinderwagen, ein Familienerbstück, erstreiten wollte.</p>
<p>„Dem habe ich gesagt: Wir passen nicht zusammen. Ich bin nicht bereit, Ihren Krieg mitzuführen. Sehen Sie zu, dass Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Kind bekommen, und das geht nur über Ihre Frau!“</p>
<p>Wer Bernd Aretz fünf Stunden zuhört, bekommt einen Eindruck, warum er nicht viel Geld verdient hat.</p>
<p>Doch er  konnte nicht nur Leviten lesen. Wenn Not am Mann hielt er auch Trauerreden. Es waren viele, denn die Not war groß.</p>
<h2>„Ich finde mich nicht mutig“</h2>
<p>Kürzlich ist Bernd noch einmal in die schwule Sauna gegangen, um sich von seinem langjährigen Lieblingsmasseur zu verabschieden. „Das gebietet der Anstand nach all den Jahren“, sagt er.</p>
<p>Und da steht es auf einmal im Raum, das Wort, um das sich hier ein ganzes Leben dreht: Anstand.</p>
<p>Man geht gut miteinander um. Man unterstützt Menschen in der Not. Man benachteiligt niemanden. Und man kümmert sich umeinander. Anstand heißt Respekt, vielleicht lässt sich das Wort hier sogar mit Nächstenliebe übersetzen. Auf diesen roten Faden lassen sich alle Anekdoten des Abends auffädeln wie Perlen.</p>
<p>Offen schwul und HIV-positiv zu leben, ist für Bernd vor diesem Hintergrund einfach eine tief empfundene Selbstverständlichkeit. (<a href="https://magazin.hiv/2018/12/14/aids-hat-mich-befreit/">Mehr darüber in seinem letzten Interview.</a>)</p>
<p>Aber braucht es dafür nicht Mut?</p>
<p>„Angst ist mir sicherlich nicht fremd“, sagt er nach kurzem Zögern, „aber ich finde es nicht mutig, einfach so zu sein, wie man ist.“</p>
<h2>Aufeinander aufpassen</h2>
<p>Sagen wir es so: Bernd Aretz hat Menschen auf die Beine geholfen und sich nichts bieten lassen. Und wenn einer schwul und HIV-positiv ist, dann ist das Private eben doch politisch. Wenn Menschen als unanständig gebrandmarkt werden, dann gebietet es der Anstand zu widersprechen.</p>
<p>Das ist Bernds Version der „Solidarität der Uneinsichtigen“, der „Allianz der Schmuddelkinder“, die in der Aids-Bewegung immer wieder beschworen und immer wieder auch gelebt wurde. Und die führte ihn eben in Talkshows und Vorstandsämter in Aidshilfen.</p>
<p>„A family takes care!“, stand auf einem von Bernds Lieblingsplakaten der Deutschen AIDS-Hilfe, auf dem schwule Männer beim Picknick abgebildet waren. Und in genau diesem Geiste kämpfte er als Anwalt aller Benachteiligten auch für ein gutes Standing des Migranten-Netzwerkes AfroLeben+ in der Deutschen AIDS-Hilfe, für mehr Frauen in den Gremien oder die Rechte von „Junkies“. Die Tellerränder, über die manche schauen, gab es für Bernd Aretz nicht einmal.</p>
<p>Die politische Botschaft, die sein Lebenswerk durchzieht, rückt der Aktivist an diesem Abend nicht raus wie die Gefühle, die ihn dabei geleitet haben. Zum Glück hat er sein zentrales Anliegen aber schon 2010 formuliert, in einem Video zur Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Deutschen AIDS-Hilfe an ihn:</p>
<p>„Es ist verstanden worden, was mich umtreibt: Eine Verbesserung der Lebensverhältnisse, in denen ich freier atmen und freier leben kann. Es ging mir immer darum, Bedingungen zu schaffen, in denen man sehr viel leichter öffentlich über HIV kommunizieren kann.“</p>
<p>Die Sehnsucht dahinter erahne ich an diesem Abend auch: Zugehörigkeit. Wertschätzung. Geborgenheit in der Gemeinschaft. Oder auch: Familie ohne Leiden.</p>
<p><iframe loading="lazy" title="2010 Bernd Aretz Ehrenmitglied" width="500" height="281" src="https://www.youtube.com/embed/8fJuIlKj4G4?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe></p>
<h2>Selbstbestimmt bis zum Schluss</h2>
<p>Bernd Aretz hat einen weiten Weg hinter sich. Aus einem verschlafenen Dorf mit einer homophoben und feindlichen Mutter zum, ja, Helden der Aids-Bewegung. Ich lerne an diesem Abend dazu, wie verzweifelt Bernd oft gewesen ist und wie schwer ihm das Leben fiel, für das ihn viele bewundert haben. Vielleicht lässt sich sein Aktivismus am Ende lesen als Gegenwehr von einem, dem schon als Kind Vernichtung drohte. Als tatkräftiger Stolz eines tief Verletzten.</p>
<p>Und vielleicht lebte er genau deswegen selbstbestimmt bis zum Schluss: Keine weiteren lebenserhaltenden Maßnahmen, verfügte er im Sommer. Kein Leben voller Krankheit mehr. Kein Wachkoma, das seinen Hund überfordern könnte. Keine entwürdigenden Szenen auf der Intensivstation. Mit seinem langjährigen Arzt hat er besprochen, wie er abtreten möchte, wenn es soweit ist. Zum richtigen Zeitpunkt kann auch Morphium eine gute Droge sein.</p>
<p>Seinen Nachlass hat Bernd Aretz zum größten Teil noch selbst verschenkt, seine Beerdigung akribisch geplant. Damit niemand damit überfordert ist.</p>
<p><strong>Mehr zu Bernd Aretz</strong></p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/ende-lebens-angekommen" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Meldung zum Tod von Bernd Aretz</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/12/14/aids-hat-mich-befreit/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Das letzte Interview: „Aids hat mich befreit“</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/10/26/gedenken-an-bernd-aretz/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Digitales Kondolenzbuch für Bernd Aretz</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/07/06/bernd-aretz-70/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">70 Jahre zwischen Federboa und Trauerflor</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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		<title>„Aids hat mich befreit“</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Dec 2018 16:53:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[Szene & Community]]></category>
		<category><![CDATA[Bernd Aretz]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnern]]></category>
		<category><![CDATA[Gedanken]]></category>
		<category><![CDATA[Leben mit HIV]]></category>
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					<description><![CDATA[Bernd Aretz, Vorkämpfer der HIV/Aids-Bewegung, hat uns kurz vor seinem Tod ein letztes Interview gegeben. Ein Gespräch über das Leben, den Tod und die Frage, wie Menschen miteinander umgehen sollten.]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
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        <strong>Bernd Aretz, Vorkämpfer der HIV/Aids-Bewegung, hat uns kurz vor seinem Tod ein letztes Interview gegeben. Ein Gespräch über das Leben, den Tod und die Frage, wie Menschen miteinander umgehen sollten.</strong></p>
<p>August 2018: Bernd Aretz sagt, er werde bald sterben. Es ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt, findet er. Auf Facebook macht er sich über uns lustig: Wir würden uns bestimmt schon die Köpfe darüber zerbrechen, wer seinen Nachruf schreiben könnte.</p>
<p>Die Frage ist nicht unberechtigt: Bernd ist einer der dienstältesten HIV-Positiven Deutschlands, jahrzehntelanger Mitstreiter und Ehrenmitglied der Deutschen AIDS-Hilfe.</p>
<p>Wir spielen den Ball zurück: Unser Pressesprecher Holger Wicht lädt sich zu Bernd nach Hause ein für ein letztes Gespräch. Das äußerst lebendige Interview findet am 22.9. in seiner Wohnung in Offenbach statt, einen Monat vor seinem Tod am 23. Oktober.</p>
<p><strong>Bernd, verrat mir doch bitte: Was soll drinstehen in deinem Nachruf?</strong></p>
<p>Ich werde den Teufel tun. Das ist mir doch so was von egal. Ich bin dann ja tot. Die Kunst besteht darin, sich um das handelnde Personal zu kümmern. Was die Leute dann treiben, das ist mir völlig wurscht. Ich weiß, die werden was Vernünftiges machen.</p>
<p><figure id="attachment_1546057" aria-describedby="caption-attachment-1546057" style="width: 2387px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/12/2018_Holger-und-Bernd.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-1546057 size-full" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/12/2018_Holger-und-Bernd.jpg" alt="Pressesprecher Holger Wicht und Bernd Aretz " width="2387" height="1923" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/12/2018_Holger-und-Bernd.jpg 2387w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/12/2018_Holger-und-Bernd-300x242.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/12/2018_Holger-und-Bernd-768x619.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/12/2018_Holger-und-Bernd-1024x825.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 2387px) 100vw, 2387px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1546057" class="wp-caption-text">Pressesprecher Holger Wicht und Bernd Aretz nach dem letzten Gespräch</figcaption></figure></p>
<p><strong>Wie wirst du denn unter die Erde gebracht?</strong></p>
<p>Es wird für mich eine Trauerfeier in Frankfurt in einer schönen kleinen Kirche geben. Verbuddelt werde ich in Berlin. Da habe ich eine Post-mortem-WG mit einem historischen Grabmal auf dem Alten St. Matthäus Friedhof, zusammen mit Martin Dannecker, Michael Bochow, Rainer Schilling <em>(zählt weitere Namen auf)</em>. Wir haben Platz für 18 Leute. Die Grundvoraussetzung ist, dass man ein männerliebender Mann ist. Ich möchte da als erster rein, damit ich nicht an den Diskussionen beteiligt bin, wie die Grabgestaltung aussieht. Man soll sich nichts vormachen: Das ist ein Verein.</p>
<blockquote><p>„Nach dem Tod ist nichts und ich finde das erstrebenswert.“</p></blockquote>
<p><strong>Und dir ist nicht wichtig, was man post mortem über dich sagt?</strong></p>
<p>Ich gehöre zu den Leuten mit der festen Überzeugung: Nach dem Tod ist nichts. Und ich finde das einen sehr erstrebenswerten Zustand.</p>
<p><strong>Was, wenn es doch irgendwie weitergeht?</strong></p>
<p>Dann mache ich Randale.</p>
<h2>Morphium statt Antibiotika</h2>
<p><strong>Warum bist du dir überhaupt so sicher, dass du bald von uns gehen wirst?</strong></p>
<p>Meine Lunge ist völlig durchlöchert. Das Herz ist im Grunde hin. Ich mache zunehmend mit meiner Neuropathie rum. Was marode sein kann, ist marode.</p>
<p><strong>Aber du erzählst schon länger, dass du bei lebendigem Leibe „verrottest“. Warum bist du dir jetzt so sicher?</strong></p>
<p>Sobald die nächste Regenperiode kommt, kriege ich wieder meinen Lungenkasper. Ich habe den Weg mit einem Palliativrezept vorgezeichnet: Morphium statt Antibiotika. Ich habe keine Lust, noch im Koma zu landen. Mittwoch habe ich den Termin beim Bestattungsunternehmer. Dann bin ich mit den Entsorgungsgeschichten durch.</p>
<p><strong>Du verschenkst jetzt schon seit Wochen deine Lieblingsbücher…</strong></p>
<p>Pass bloß auf, dass du keins zu scharf anschaust. Sonst musst du es mitnehmen.</p>
<p><strong>Keine Wehmut?</strong></p>
<p>Papperlapapp, es ist vorbei.</p>
<p><strong>Du erzählst mir hier, dass du bald stirbst und strahlst dabei. Wie hast du so ein entspanntes Verhältnis zum Tod bekommen?</strong></p>
<p>Ich habe einigen Leuten beim Sterben Händchen gehalten. Ich weiß, wie unspektakulär das ist. Man hört auf zu atmen, und damit hat es sich. Dass das Leben eine endliche Geschichte ist, ist doch nichts Neues. Und wenn ich die Mühsal sehe, die es bereitet …</p>
<blockquote><p>„Papperlapapp, es ist vorbei.“</p></blockquote>
<p><strong>Trotzdem gelingt es den meisten Leuten nicht, so einfach loszulassen.</strong></p>
<p>Ich weiß nicht, warum die Leute so am Leben kleben. Bei meinem Freund Jörg habe ich über drei Jahre mitbekommen, wie schwierig es sein kann, wenn man um jeden Atemzug kämpft. Als er starb, bin ich noch mal durch alle Zimmer der 68, der Aids-Station in der Frankfurter Uniklinik, gegangen und habe gesagt: Jetzt lasst uns eine Flasche Sekt trinken.</p>
<p><strong>Was meinst du denn, wenn du sagst: Das Leben ist Mühsal?</strong></p>
<p>Ich hatte ein erfülltes Leben. Aber ich finde, wenn man die Mühsal gegen die Freuden abwägt, ist die Bilanz am Ende eher betrüblich. Seit 1984 war es bei mir eine Katastrophe. Ich war Anwalt in einer saugut gehenden Kanzlei. Dann habe ich meinem homosexuellen Kollegen von meinem positiven Testergebnis erzählt. Ich hielt das für eine Selbstverständlichkeit. Und hatte sehr schnell die Kündigung des Sozietätsvertrages auf dem Tisch.</p>
<h2>Rente kam nicht in Frage</h2>
<p><strong>Tödliche Krankheit, berufliche Existenz verloren – was hast du gemacht?</strong></p>
<p>Rente kam nicht in Frage. Ich habe mir gedacht: Für zwei, drei Jahre reicht es allemal noch. Also hab ich meinen eigenen Laden aufgemacht. Das war schwierig, weil viele Mandanten wegblieben. Es gab Zeiten, da habe ich nicht gewusst, wie ich meine Briefmarken bezahlen soll.</p>
<p><strong>Hattest du damals Angst vor dem Tod?</strong></p>
<p>Nein. Der klopfte ja noch nicht wirklich an die Haustür. In Frankfurt war auch die halbe Lederszene positiv. Und wer meine Mutter überlebt hat, den kann nichts mehr schrecken.</p>
<p><strong>Mit ein bisschen Spott hält man alles aus?</strong></p>
<p>Ich finde Spott und Ironie jedenfalls sehr hilfreich, um durchs Leben zu kommen. Nein, ich hatte wirklich keine Angst.</p>
<h2>Schmerzhafte Krankheit, schmerzhafte Ignoranz</h2>
<p><strong>Viele Leute sagen: Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vorm Sterben. Geht es dir auch so?</strong></p>
<p>Nein. Aber wenn du im Krankenhaus landest, ist das teilweise wirklich entwürdigend. Intensivstation finde ich den reinen Horror: Piepsende Monitore und gleißendes Licht rund um die Uhr. Die letzten Jahre waren für mich ziemlich grässlich: Schmerzgeschichten, eine Herz-OP, nach der es mir genauso beschissen ging wie vorher. Dann kam der Blasenkrebs. Im Krankenhaus wurde mein Zimmernachbar aus dem Zimmer geschoben, bevor man mir den Katheter zog, und die Stationsschwester fragte mich mit bebendem Busen: „Wissen Sie denn nicht, wie sich Aids überträgt?“</p>
<p><strong>Was hast du geantwortet?</strong></p>
<p>„Sie kommen mir gerade recht! Ich war Mitglied des Nationalen Aids Beirates! Und eine der Fragen die uns ständig beschäftigt haben, war, wie man Betriebe wie den Ihren dazu bekommt, die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse endlich mal wahrzunehmen. Ihre Station braucht dringend eine Fortbildung. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich darum kümmerten.“</p>
<h2>Keine Alternative zur Offenheit</h2>
<p><strong>Was hat dir eigentlich die Kraft gegeben, von Anfang an so selbstbewusst mit HIV zu leben – in einer Zeit, in der Aidskranke heftig ausgegrenzt wurden?</strong></p>
<p>Das war für mich selbstverständlich. Ich hatte ein Schlüsselerlebnis, was die Offenheit als schwuler Mann anbelangt. Als junger Anwalt war ich bei einer Benefizveranstaltung in Marburg, wo ich damals lebte. Die ganze Stadt war anwesend, einschließlich Justiz. Dort trat auch ein schwuler Chor mit homoerotischen Kampfliedern auf. Als sie mit ihren rosa Hüten auf dem Flur standen, dachte ich: Wenn du jetzt zu denen gehst, dann machst du dein Schwulsein ganz breit öffentlich. Und dann: Wenn du nicht hingehst, kannst du gleich einpacken. Das sind die Leute, mit denen du vögelst, die du liebst. Da gibt es keine Alternative. Da musst du jetzt durch.</p>
<p><strong>Was hast du getan?</strong></p>
<p>Ich bin denen um den Hals gefallen und habe sie alle abgeleckt.</p>
<blockquote><p>„Man kann ja wegen so eines blöden Virus nicht im Keller leben.“</p></blockquote>
<p><strong>Mit HIV bist du auch von Anfang an offen umgegangen.</strong></p>
<p>Ja, und das hat natürlich seinen Preis gekostet. Aber sich zu verstecken, kriegt man auch nicht zum Nulltarif. Es kann doch wohl nicht sein, dass man wegen irgend so eines blöden Virus anfängt, im Keller zu leben. Außerdem muss man das vor dem Hintergrund meiner Familiengeschichte sehen: Ich musste mich gegen die Wunschbilder wehren, die meine Mutter von ihren Kindern hatte. Das ging nur, indem ich selber Bilder in den Raum warf.</p>
<p><strong>Eher ein privater Grund als ein politischer also?</strong></p>
<p>Es ist nicht davon zu trennen. Dass auch Politisches reinspielt, mag sein. Und manches macht dann ja auch viel Spaß.</p>
<p><strong>Aber Aids hat dir vermutlich keinen Spaß gemacht?</strong></p>
<p>Ich hörte damals lauter Schauergeschichten. Und dann kam ich und konnte nur sagen: „Mich hat das befreit.“ Ich konnte auf einmal Dinge tun, vor denen ich vorher schreiend davongelaufen wäre.</p>
<h2>Unerschrocken angesichts des Todes</h2>
<p><strong>Zum Beispiel?</strong></p>
<p>Ich im Lederladen. Irgendein Mensch, der überhaupt nicht in mein Beuteraster fällt, steckt mir eine Visitenkarte in die Hosentasche und sagt: „Ich bin der Teufel von Frankfurt. Ich möchte mit dir vögeln. Ruf mich bitte wegen des Termins an.“ Ich fand diese Art der Anmache genial. Und landete in einer Wohnung mit schlecht kopierten niederländischen Meistern und röhrenden Hirschen vom Fußboden bis zur Decke sowie einem Bad voller nackter Männer aus Pornozeitschriften. Ich dachte: Jetzt bist du anderthalb Stunden gefahren, es wäre blöd, das an ästhetischen Fragen scheitern zu lassen. Es wurde eine der ganz wichtigen Freundschaften meines Lebens daraus.</p>
<p><strong>Und warum hättest du das ohne HIV nicht gemacht? </strong></p>
<p>Weil bestimmte Vorstellungen, was im sozialen Leben eine Rolle spielt, einfach wegfielen.</p>
<p><strong>Keine Angst mehr vor verbrannter Erde, weil man selbst bald unter der Erde liegt? Hat Aids dich unerschrocken gemacht? </strong></p>
<p>Ja. Das Teufelchen war ein Mensch, mit dem man sich in der Öffentlichkeit nur bedingt sehen lassen konnte. Am Schluss saß er im Rollstuhl und erzählte irgendwelchen heterosexuellen Familienvätern: „Sie haben aber einen schönen Arsch.“ Nicht meine Art des Umgangs.</p>
<p><strong>Was hat euch verbunden?</strong></p>
<p>Seine Mutter war genauso gruselig wie meine. Als er im Sterben lag, hab ich ihr gesagt: „Das einzige, was Sie für Ihren Sohn tun können ist, dass Sie ihm sagen, dass Sie ihn akzeptieren wie er ist.“ – „Das können Sie von mir nicht verlangen. Ich bin im dritten Reich groß geworden, das prägt.“ Sage ich: „Okay, dann müssen wir Klartext reden. Sie dürfen alle fünf Stunden eine halbe Stunde ans Bett. Der Rest ist seinen Freunden vorbehalten. Die sind wichtiger für ihn.“ Sie fand mich ziemlich unhöflich, hat sich aber dran gehalten.</p>
<h2>Jahre auf der Couch</h2>
<p><strong>Was war eigentlich so schlimm an deiner Mutter?</strong></p>
<p>Ich wusste spätestens ab 12, dass meine Sehnsucht zu Jungen ging. Meine Mutter hatte das gleich Gefühl und hat alles getan, das zu unterbinden. Sie war Tochter eines Erbgesundheitsrichters. Ihr erstes Kind: ein Mädchen, also Ausschuss. Das zweite Kind Gaumenspalte. Das dritte Kind schwul. Eine gerechte Strafe, lass es mich so sagen. Sie hatte bei mir jahrelang Hausverbot.</p>
<p><strong>Wie hast du diese Familiengeschichte bewältigt?</strong></p>
<p>Ich habe sechs Jahre auf der Couch gelegen, aus dem Gefühl heraus, ich bestehe nur aus Fassaden, die alle funktionieren, aber, wenn man die wegräumt, da bleibt kein Kern.  Das haben wir aufgelöst, damit Weiterleben möglich war.</p>
<blockquote><p>„Meine Mutter hatte bei mir jahrelang Hausverbot.“</p></blockquote>
<p><strong>Du bist dein Leben lang immer wieder öffentlich auf das Thema Schwulsein zurückgekommen, zum Beispiel mit Liederabenden und Lesungen. Warum?</strong></p>
<p>Weil ich das politisch für notwendig halte. Das Volk muss sich dran gewöhnen, dass die Welt bunt ist.</p>
<h2>Ein Tadel für die Deutsche AIDS-Hilfe</h2>
<p><strong>Du warst politisch sehr aktiv und unerschrocken. Sich in den 80ern mit HIV/Aids in eine Talkshow zu setzen, war …</strong></p>
<p><em>(unterbricht)</em> Ich weiß nicht, ob man das nicht zu hoch bewertet. Das ist nichts im Vergleich dazu, mit euch Strategien zu schmieden. Das ist der pure Masochismus!</p>
<p><strong>Was hat dich an der Deutschen AIDS-Hilfe denn so genervt? Ein Beispiel, bitte!</strong></p>
<p>Das EKAF-Statement 2008.<em> (Das Papier der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen war 2008 die erste wissenschaftliche Veröffentlichung, die besagte: HIV ist beim Sex unter einer gut wirksamen Therapie nicht mehr übertragbar.)</em></p>
<p>Ich finde es nach wie vor empörend, dass die Deutsche AIDS-Hilfe damals nicht sofort per Presseerklärung gesagt hat: „Wunderbar, das Schlimmste ist vorbei. Wir sollten jetzt ein riesiges Fest feiern!“. Da fällt mir wirklich nichts mehr zu ein. Das ging zu Lasten der Positiven. Das ging zu Lasten der Negativen. Das ging zu Lasten des gesamten sexuellen Lebens, denn es erhielt die Angst aufrecht.</p>
<p><strong>Du bist nicht nur als Anwalt der sexuellen Lust aufgetreten, sondern auch für das Recht auf Rausch. Warum?</strong></p>
<p>Ich erinnere mich an den Moment, als mein Freund Jörg so richtig krank wurde. Wir waren 12 Jahre zusammen. Ich bin mit in seine WG gezogen. Am Schluss ist er erblindet, saß im Rollstuhl und konnte nicht mehr sprechen. Du gehst zur Arbeit und jemand sagt dir: „Bleib hier. Ich habe Angst&#8220;. Das ist nicht auszuhalten. Ich habe mir gesagt: Kein Tropfen Alkohol, sonst gehst du aus der Sache als Alkoholiker raus. Gras legt einen leichten Schleier über das Leben. Genau das brauchte ich, um abends aus der Geschichte mal rauszukommen. Heute finde ich es einfach angenehm.</p>
<blockquote><p>„Ich war neidisch auf meinen sterbenden Freund.“</p></blockquote>
<p><strong>Wie hast du das große Sterben damals überhaupt ausgehalten?</strong></p>
<p>Es ging ja nicht anders. Aber es war zum Kotzen. Ich war durchaus auch neidisch auf meinen Jörg. Der lag da, Gott und die Welt kümmerte sich, streichelte, machte, tat. Der brauchte sich um nichts mehr kümmern. Wer die Miete bezahlte, war völlig wurscht. Ich habe gedacht: Danach wäre mir jetzt auch.</p>
<h2>Zugehörigkeit und Wertschätzung</h2>
<p><strong>Du hast vorhin auch gesagt: Es fällt dir auch leicht zu gehen, weil du ein erfülltes Leben hattest. Woran denkst du dabei?</strong></p>
<p>Mir war immer wichtig, Teil einer Sozialität zu sein. Mit meinem Exhibitionismus auf Bühnen hatte ich ein bunt gemischtes Publikum aus Mandanten, der linken Szene, der Schwulenszene. Da gehörte ich dazu und erfreute mich einer Wertschätzung. In Offenbach bin ich bis heute verbunden mit Leuten vom Freiwilligenverein bis zum Oberbürgermeister. Nichts rein Schwules, nichts rein Heterosexuelles, sondern eine Mischung quer durch den Gemüsegarten. Aids hat übrigens auch viele tolle Menschen zusammengebracht.</p>
<p><strong>Welche Rolle hat Sexualität für deine glücklichen Momente gespielt?</strong></p>
<p>Die war wichtig. Wobei man sagen muss: Die genialen Liebhaber kann ich locker an einer Hand abzählen. Vieles war vergnüglich. Aber es gab auch vieles, das keine Wiederholung verlangte. Heute spielt Sexualität keine Rolle mehr.</p>
<p><strong>Abgeschlossen?</strong></p>
<p>Mit den Medikamenten, die ich nehme, könnte ich Viagra, Cialis und eine Ginsengwurzel gleichzeitig einwerfen, das würde überhaupt nichts nützen. Ich gehe lieber in die Sauna und lasse mich von meinem Lieblingsmasseur eine Stunde massieren. Da bin ich besser dran, als wenn jemand fünf Minuten lieblos an mir rumfummelt.</p>
<p><strong>Und doch hast du auch die flüchtigen Formen der Sexualität immer sehr mit verteidigt.</strong></p>
<p>Es wäre schäbig gelogen, wenn ich sagen würde, das hat nie eine Rolle gespielt.</p>
<p><strong>Aber nicht jeder verteidigt diese Art Sexualität öffentlich. Warum du?</strong></p>
<p>Weil sie so wichtig ist. Und ich kann mich erinnern, wie es auch in Marburg eine Gang gab, die gerne mal Schwule verkloppte. Ich kenne noch die Zeiten, wo der Wirt erstmal vor der Tür nach links und rechts guckte, wenn ein Gast gehen wollte, um zu sehen, ob es gerade sicher war.</p>
<h2>Öffentliche Wahrnehmung</h2>
<p><strong>Gibt es in deinem Aktivistenleben so etwas wie einen Meilenstein? Etwas wirklich Entscheidendes?</strong></p>
<p>Wenn man so will, die Veröffentlichung der „Notate“.</p>
<p><strong>Dein erstes Buch mit dem Untertitel „Aus dem Leben eines HIV-infizierten schwulen Mannes“. Warum war das so wichtig?</strong></p>
<p>Zum einen finde ich das Buch gelungen, nicht weinerlich. Ich habe es in Marburg in einem kleinen Theater vorgestellt, mit einem Pianisten und einem Sänger. Ich habe mit dem Sterben angefangen und mit dem Coming-out geendet, das Publikum in Verzweiflung gestürzt und wieder rausgezogen, so dass am Schluss alle ganz beschwingt waren. Das war klasse.</p>
<p><strong>Und warum war das ein Meilenstein?</strong></p>
<p>Ich habe mich zum ersten Mal so artikulieren können, dass Leute, die es wollten, mich wahrnehmen konnten. Bei uns zu Hause war es nicht üblich, wahrgenommen zu werden.</p>
<blockquote><p>„Geht gefälligst gut miteinander um!“</p></blockquote>
<p><strong>War es auch das Bedürfnis, das Leben mit HIV sichtbar zu machen?</strong></p>
<p>Nein, das habe ich ja sowieso. HIV und Schwulsein waren nicht wirklich mein Problem. In dem Buch standen sehr gemischte Geschichten drin, bis hin zu  meiner Lieblingstante.</p>
<h2>Letzte Worte</h2>
<p><strong>Gibt es eine Botschaft, die du heute der Nachwelt hinterlassen  möchtest?</strong></p>
<p>Wenn überhaupt, dann würde ich sagen: Dass die Ängste schlimmer sind als die Realität. Wobei ich mir das auch habe erkämpfen müssen.</p>
<p><strong>Hast du so etwas wie einen letzten Auftrag an die Deutsche AIDS-Hilfe?</strong></p>
<p>Gott bewahre!</p>
<p><strong>An die Community?</strong></p>
<p>Nein, nein, nein. Außer vielleicht: Geht gefälligst respektvoll miteinander um. Und lasst keine Gelegenheit aus, euch Freude zu fabrizieren.</p>
<p><strong>Mehr zu Bernd Aretz:</strong></p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/ende-lebens-angekommen" target="_blank" rel="noopener">Meldung zum Tod von Bernd Aretz</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/12/14/lob-des-anstands-eines-unanstaendigen/" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Lob des Anstands eines Unanständigen&#8220; (Porträt)</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/10/26/gedenken-an-bernd-aretz/" target="_blank" rel="noopener">Digitales Kondolenzbuch für Bernd Aretz</a></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/07/06/bernd-aretz-70/" target="_blank" rel="noopener">70 Jahre zwischen Federboa und Trauerflo (zur Biografie von Bernd Aretz)</a></p>
<p>&nbsp;
      </p></div>
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			</item>
		<item>
		<title>„Drogengebraucher sind keine Kriminellen, sondern Menschen mit Problemen“</title>
		<link>https://magazin.hiv/magazin/global/harm-reduction-in-russland/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 14 Sep 2018 14:00:54 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Sankt Petersburg]]></category>
		<category><![CDATA[Schadensminimierung]]></category>
		<category><![CDATA[Subsitutionstherapie]]></category>
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					<description><![CDATA[Die Stiftung Humanitäre Aktion aus Sankt Petersburg bietet Schadensminimierung für Drogengebraucher_innen. Wir haben mit Aleksey Lakhov über die Möglichkeiten und Grenzen dieser Arbeit gesprochen]]></description>
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        <strong>Aleksey Lakhov arbeitet für die gemeinnützige <a href="https://haf-spb.org/">Stiftung „Humanitäre Aktion“</a> in Sankt Petersburg. Auf der <a href="https://www.aidshilfe.de/meldung/aids2018-newsticker-amsterdam">Internationalen Aids-Konferenz 2018 in Amsterdam</a> sprach er mit uns über Möglichkeiten und Grenzen der Harm Reduction in Russland</strong></p>
<p><strong>Herr Lakhov, viele Leute sind überrascht, wenn sie hören, dass es in Russland Programme zur <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Schadensminimierung_(Abh%C3%A4ngigkeitssyndrom)">Schadensminimierung</a> für Drogengebraucher_innen gibt. Aber es gibt solche Programme nicht überall im Land, oder?</strong></p>
<p>Nein. Aber lassen Sie mich von vorn anfangen, denn in Russland umfasst Schadensminimierung nicht die Opioid-<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Substitutionstherapie_Opioidabh%C3%A4ngiger">Substitutionstherapie</a>. Die Substitutionsbehandlung ist in unserem Land verboten. Und so gehören zu unseren Angeboten zur Schadensminimierung die Vergabe von Nadeln, der Spritzen- und Nadeltausch, die Beratung, Unterstützung bei der Therapietreue, die Verteilung von Kondomen und all das.</p>
<p>Das ist das Erste. Zweitens: Als der <a href="https://www.aids-kampagne.de/themen/der-globale-fonds-gfatm">Globale Fonds</a> noch in unserem Land tätig war, gab es in Russland etwa 50 bis 80 Projekte zur Schadensminimierung. Aber dann begann der Globale Fonds, seine Programme in Russland einzustellen.</p>
<h2>Die Zahl der Programme zur Harm Reduction in Russland ist stark gesunken</h2>
<p><strong>Aus politischen Gründen, richtig? </strong></p>
<p>Aus politischen, aus finanziellen und auch aus anderen Gründen. Heute sind noch etwa 12 bis 15 Projekte zur Schadensminimierung übrig, von denen einige <a href="https://magazin.hiv/2017/01/10/eine-regierung-die-den-gesundheitsschutz-sabotiert/">zu „ausländischen Agenten“ erklärt</a> wurden.</p>
<blockquote><p>Sankt Petersburg ist eine offene, europäische Stadt</p></blockquote>
<p>Allerdings denke ich nicht, dass dies die Politik unseres Landes insgesamt mit Blick auf Schadensminimierung und die Organisationen in diesem Bereich ist. Vielmehr glaube ich, dass es sich häufig um Maßnahmen der lokalen Verwaltung handelt. Vielleicht wollen die ihren Kollegen in Moskau etwas beweisen oder so.</p>
<p>Deshalb versuchen wir, einen Dialog mit unseren kommunalen Verwaltungsangestellten aufzubauen. Und weil Sankt Petersburg eine sehr offene, eine europäische Stadt ist, sind unsere Verwaltungsangestellten sehr aufgeschlossen. Wir können offen mit ihnen über Programme zur Schadensminimierung diskutieren.</p>
<p><figure id="attachment_1545583" aria-describedby="caption-attachment-1545583" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><a href="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/09/IMG_0776.jpg"><img loading="lazy" decoding="async" class="wp-image-1545583 size-medium" src="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/09/IMG_0776-300x225.jpg" alt="Portrait von Aleksey Lakhov" width="300" height="225" srcset="https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/09/IMG_0776-300x225.jpg 300w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/09/IMG_0776-768x576.jpg 768w, https://magazin.hiv/wp-content/uploads/2018/09/IMG_0776-1024x768.jpg 1024w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /></a><figcaption id="caption-attachment-1545583" class="wp-caption-text">Wir trafen Aleksey Lakhov auf der 22. Internationalen Aids-Konferenz in Amsterdam</figcaption></figure></p>
<p><strong>Tatsächlich?</strong></p>
<p>Ja, tatsächlich. Natürlich können wir unseren Klienten keine Opioid-Substitutionstherapie anbieten, weil sie eben immer noch verboten ist. Aber wir glauben, dass sie für bestimmte Gruppen trotzdem möglich ist, zum Beispiel für Drogengebrauchende mit HIV und Tuberkulose, für Schwangere oder für Inhaftierte. Das ist die Botschaft, die wir unseren Verwaltungsangestellten vermitteln wollen. Und sie sind tatsächlich bereit, uns zuzuhören.</p>
<blockquote><p>Dialog ist der beste Weg, um die Bedingungen zu ändern</p></blockquote>
<p>Natürlich kennen alle die Bedingungen, unter denen wir arbeiten, und natürlich versuchen wir, diese Bedingungen irgendwie zu ändern. Aber wir glauben, dass der beste Weg dahin der Dialog ist, nicht Proteste, nicht öffentliche Kritik an unserer Verwaltung, sondern eben dieser effektive Dialog. Denn wenn man Verwaltungsvorschriften oder Ähnliches kritisieren will, sollte man Alternativen anbieten. Und was können wir ihnen anbieten? Wir können ihnen unserer Projekte anbieten, unsere Ideen.</p>
<h2>Harm Reduction in Russland ist möglich, aber schwierig</h2>
<p><strong>Und Sie glauben, dass die Verwaltung Sie unterstützen wird? Drogenkonsumenten werden doch in Russland häufig nicht als Kranke angesehen werden, sondern als soziale Außenseiter, als Kriminelle, als Menschen, die den Tod verdienen. Wie wollen Sie das ändern?</strong></p>
<p>Ein Weg ist, den Verwaltungsangestellten klarzumachen, dass Drogenabhängigkeit eine Krankheit ist. <a href="https://magazin.hiv/2018/04/19/menschenverachtend-drogenpolitik-russland/">Nicht alle wollen das hören. Für sie sind Drogenkonsumenten in der Tat keine Kranken, sondern Kriminelle. Und was ist der beste Ort für Kriminelle? Das Gefängnis.</a> Aber wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass das nicht stimmt. Dass es sich um Menschen mit einer Krankheit handelt, denen man helfen kann. Dass Sie uns ihnen einfach helfen lassen sollen. Und dann sagen sie: Okay, wenn ihr ihnen helfen wollt, könnt ihr ihnen helfen.</p>
<blockquote><p>Drogenabhängige sind Menschen, die Hilfe brauchen</p></blockquote>
<p>Der zweite Weg ist, verschiedene moderne Kommunikationskanäle wie z. B. Social Media zu nutzen. Wir hoffen, dass wir Social-Media-Kampagnen für die Allgemeinbevölkerung machen und damit um Unterstützung für unsere Arbeit zu werben. Zum Beispiel durch Spenden, damit wir den Drogenkonsumenten helfen. Und wenn die Leute fragen, „Warum wollt ihr den Drogenkonsumenten helfen? Das sind doch Kriminelle!“, dann erklären wir ihnen, dass sie keine Kriminellen sind, sondern einfach nur Menschen mit Problemen, mit einer Krankheit, Menschen, die Hilfe brauchen. Und wir erzählen ihnen von ehemaligen Drogenkonsumenten oder von Menschen, die derzeit Drogen konsumieren und eben nicht straffällig werden, sondern einfach zur Arbeit gehen und genauso behandelt werden wollen wie andere Leute auch.</p>
<p>Der dritte Weg ist die Kooperation mit den Massenmedien. Wir haben eine nette Facebook-Gruppe für Journalisten, die über HIV, Drogengebrauch und Virushepatitis schreiben. Ich glaube, es sind mehr als 160 Journalisten dabei. Über diese Gruppe können wir uns mit ihnen in Verbindung setzen und sie bitten, zum Beispiel ein Interview mit unserem Fallmanager oder mit unseren Klienten oder mit Verwaltungsangestellten zu führen, die offen für den Dialog sind. Ich glaube, das sind die wichtigsten Wege, wie wir die öffentliche Meinung ändern können.</p>
<h2>Wichtig ist Aufklärung der Allgemeinbevölkerung</h2>
<p><strong>Gibt es denn schon Journalisten, die Sie unterstützen?</strong></p>
<p>Ja. Einige von ihnen sind auch hier in Amsterdam. Sie schreiben wirklich gute Artikel und verurteilen die Drogenkonsumenten nicht, sondern versuchen der Allgemeinbevölkerung zu erklären, dass sie eben nicht verurteilt werden sollten.</p>
<p><strong>Die hohen Infektionsraten in der Schlüsselgruppe der Drogenkonsumenten sind ja auch eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Ist das ein Argument, das Sie in Diskussionen mit Ihrer Verwaltung anbringen können, oder befördert das im Gegenteil vielleicht sogar die Stigmatisierung? </strong></p>
<p>Nein, wir versuchen in der Tat, damit zu argumentieren. Sehen Sie, in den letzten Jahren ist der heterosexuelle Übertragungsweg in Russland sehr viel häufiger geworden. Heterosexuelle stellten im Jahr 2017 rund 31 Prozent aller HIV-Infizierten in St. Petersburg und mehr als 67 Prozent der neuen HIV-Fälle. In unserer Stadt ist der heterosexuelle Übertragungsweg mittlerweile der Hauptübertragungsweg. Aber wie infizieren sich diese Leute? Indem sie mit ehemaligen oder mit aktuellen Drogenkonsumenten schlafen und dabei keine Kondome benutzen. So infizieren sie sich. Und auf diesem Weg gelangte die HIV-Epidemie aus der Gruppe der injizierenden Drogenkonsumenten in die Allgemeinbevölkerung. Und dieser Trend setzt sich seit ein paar Jahren nicht nur in St. Petersburg, sondern in ganz Russland fort.</p>
<blockquote><p>Die HIV-Epidemie in Russland betrifft auch die Allgemeinbevölkerung</p></blockquote>
<p>Aber natürlich gibt es immer noch einige Regionen, in denen sich die HIV-Epidemie vor allem unter injizierenden Drogenkonsumenten ausbreitet, zum Beispiel in Sibirien. Eine <a href="https://www.thelancet.com/journals/lanhiv/article/PIIS2352-3018(18)30168-1/fulltext">Studie, die kürzlich in The Lancet HIV veröffentlicht wurde</a>, hat nun herausgefunden, dass sich durch den Ausbau von Schadensminimierungsangeboten in Gebieten mit weiter HIV-Verbreitung wie etwa Omsk und Jekaterinburg sich die Zahl der HIV-Neuinfektionen senken ließe. Das ist ein Beitrag in einer wissenschaftlichen Zeitschrift mit evidenzbasiertem Ansatz. Und wenn ich wieder zu Hause bin, werde ich diesen Beitrag einigen unserer Verwaltungsangestellten zeigen und ihnen sagen: Wir kommen aus St. Petersburg, wir sind aufgeschlossen und wir können hier Programme zur Schadensminimierung starten.</p>
<p><strong>Aber nur in Ihrer Stadt, nicht im ganzen Land, oder?</strong></p>
<p>Ja. Aber anschließend können wir das ausbauen und anderen Regionen zeigen, wie das geht und warum wir das tun und warum es auch in ihren Regionen gemacht werden muss.</p>
<h2>Unterstützung von außen ist weiterhin nötig</h2>
<p><strong>Denken Sie, dass sich auch die russische Regierung davon überzeugen lässt? Es ist doch offensichtlich, dass es sonst immer mehr HIV-Infektionen geben wird, und das kann die Regierung doch nicht wollen, oder? Irgendwann sollten sie daher darüber nachdenken, was hilfreich wäre – und nicht darüber, was sie von Drogenkonsumenten halten. </strong></p>
<p>Sie haben völlig recht. Zum Glück bekommen wir auch von anderer Seite Unterstützung für unsere Arbeit. Zum Beispiel <a href="http://ejaf.org/">von Elton John und seiner Stiftung</a>.</p>
<p><strong>Er unterstützt Ihr Projekt? </strong></p>
<p>Ja, er unterstützt den Ausbau dieses Projekts. Dieses Projekt dauert drei Jahre, und wir wollen in dieser Zeit anderen Regionen zeigen, wie wir arbeiten. Wie wir mit Verwaltungsangestellten zusammenarbeiten, wie wir mit den Massenmedien zusammenarbeiten und wie wir mit unseren Klienten arbeiten.</p>
<blockquote><p>Wir wollen auch in anderen Regionen mehr öffentliche Mittel für Schadensminimierung</p></blockquote>
<p>Wir hoffen, dass wir diese Erfahrungen auf andere Regionen übertragen können und dass sie dann in der Lage sein werden, so etwas auch in ihren eigenen Regionen mithilfe öffentlicher Gelder umzusetzen. Einer der Indikatoren dieser Förderung ist daher, dass die kommunalen Mittel für unsere Arbeit erhöht werden und dass wir dieses Geld für die Arbeit mit Drogenkonsumenten und mit Sexarbeitern einsetzen.</p>
<p>Wenn wir dieses Ziel erreichen, ist das nicht nur für uns und unsere Klienten gut, sondern auch für andere NGOs aus anderen Regionen. Die können dann nämlich erkennen, dass auch sie öffentliche Gelder beantragen können und dass die lokale Verwaltung oder die russische Regierung ihnen Geld nicht nur für die Arbeit mit der Allgemeinbevölkerung, sondern auch mit den Drogenkonsumenten zur Verfügung stellen kann.</p>
<p><strong>Was glauben Sie, wie viele Drogenkonsumenten haben in Russland bereits Zugang zu sauberen Spritzen und Nadeln? </strong></p>
<p>Nicht sehr viele. Es ist noch nicht so lange her, seit wir die Harm Reduction Coalition gegründet haben, in der sich nur neun NGOs zusammengeschlossen haben. Mitte 2000 gab es noch mehr als 40 solcher NGOs, die aber hauptsächlich vom Globalen Fonds finanziert wurden. Und als der Globale Fonds seine Arbeit in Russland einstellte, wurden diese NGOs entweder geschlossen oder wandten sich anderen Feldern zu. Heute haben wir in ganz Russland nur noch etwa 10 bis 15 NGOs, die mit Drogenkonsumenten arbeiten. Und drei von ihnen sind zu „ausländischen Agenten“ erklärt worden.</p>
<p><strong>Das heißt, wie es bei UNAIDS hieß, dass Sie mit Ihrer schwierigen Arbeit <a href="http://www.unaids.org/en/20180718_GR2018">noch einen weiten Weg vor sich haben</a> und diesen Weg Schritt für Schritt gehen müssen. Haben Sie vielen Dank!</strong></p>
<p>Danke Ihnen!</p>
<p><em><a href="https://www.medecinsdumonde.org/en/our-history#aids-and-harm-reduction">1997 begann die Organisation „Médecins du Monde“ (Ärzte der Welt) mit einem mobilen Harm-Reduction-Angebot für Drogengebraucher_innen in St. Petersburg</a> – das erste mobile Projekt dieser Art in Russland.</em></p>
<p><em>Bei dieser Arbeit wurden dann Sexarbeiterinnen als weitere gefährdete Gruppe identifiziert. Für sie wurde 2001 ein neues Programm ins Leben gerufen. Im selben Jahr wurde die gemeinnützige Stiftung „Humanitäre Aktion“ in St. Petersburg registriert, die zur Nachfolgerin der Programme von „Médecins du Monde“ wurde.</em></p>
<p><em>Die Stiftung bietet unter anderem HIV-Tests für Drogengebraucher_innen, Unterstützung für HIV-positive Frauen (insbesondere Schwangere und Mütter), die Drogen gebrauchen, Unterstützung für Sexarbeiter_innen (Verteilung von Kondomen und Schwangerschaftstests, Förderung der Verhandlungsfähigkeit zur Durchsetzung des Kondomgebrauchs) und HIV-Tests für die Allgemeinbevölkerung an.</em></p>
<p><em>Die Stiftung ist heute eine der größten Organisationen in Russland, die sich für die HIV-Prävention in besonders gefährdeten Gruppen einsetzt.</em></p>
<p><strong>Weitere Informationen</strong></p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/04/20/hiv-in-russland-politischer-wille/">HIV in Russland: „Alles, was wir brauchen, ist der politischer Wille“</a> (Interview mit Wadim Pokrowskij, Leiter des russischen Aids-Zentrums und eine der wenigen Personen des öffentlichen Lebens in Russland, die offen die Gesundheitspolitik der Regierung kritisieren)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2018/04/19/menschenverachtend-drogenpolitik-russland/">Gefährlich und menschenverachtend: Russlands repressive Drogenpolitik</a> (Beitrag von Alexander Delphinov, der sich von 1998 bis 2014 für eine bessere gesundheitliche Versorgung von Drogengebraucher_innen in Russland eingesetzt hat und seit 2014 in Deutschland aktiv ist)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2017/07/13/leben-mit-drogen-alexej-35-kasan-russland/">Leben mit Drogen: Alexey, 35, Kasan, Russland</a> (Teil einer Serie zum Film <a href="https://www.adayinthelifemovie.com/de/">„Ein Tag im Leben“</a>, der einen Einblick in das Leben von acht Drogengebraucher_innen aus sieben Ländern der Welt bietet)</p>
<p><a href="https://magazin.hiv/2015/03/09/russlands-verlorene-kinder/">Russlands verlorene Kinder: berührendes Porträt eines drogenabhängigen HIV-positiven heterosexuellen Paares in Sankt Petersburg</a></p>
<p>&nbsp;</p>
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      </p></div>
</p></div>
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		<title>HIV-Selbsttest kann Aids verhindern</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Holger Wicht]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 Jun 2018 07:44:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Magazin]]></category>
		<category><![CDATA[News]]></category>
		<category><![CDATA[Heimtest]]></category>
		<category><![CDATA[HIV-Heimtest]]></category>
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		<category><![CDATA[Selbttest]]></category>
		<category><![CDATA[Spätdiagnosen]]></category>
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					<description><![CDATA[Erleichterung des HIV-Tests / „Bescheid wissen lohnt sich!“ / Aidshilfe bietet Informationen und anonyme Beratung / Mehr als 1.000 vermeidbare Aids-Erkrankungen pro Jahr]]></description>
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        <strong>Erleichterung des HIV-Tests  / „Bescheid wissen lohnt sich!“ / Aidshilfe bietet Informationen und anonyme Beratung / Mehr als 1.000 vermeidbare Aids-Erkrankungen pro Jahr </strong></p>
<p>Voraussichtlich ab Herbst werden in Deutschland HIV-Selbsttests (auch bekannt als „Heimtests“) erhältlich sein. Die dafür notwendige Änderung der Medizinprodukteabgabeverordnung hat heute Gesundheitsminister Jens Spahn angekündigt.</p>
<p>Die Deutsche AIDS-Hilfe begrüßt diese Maßnahme. Dazu erklärt Sylvia Urban vom Vorstand der Deutschen AIDS-Hilfe:</p>
<p>„Die Einführung des HIV-Selbsttests ist ein wichtiger Fortschritt. Sie wird dazu beitragen, dass mehr Menschen möglichst früh von ihrer HIV-Infektion erfahren und eine Therapie in Anspruch nehmen können. Das verhindert Aids-Erkrankungen und weitere HIV-Übertragungen.“</p>
<h2>Selbsttest kann Hemmschwelle senken</h2>
<p>Den HIV-Test selbst zu Hause durchführen zu können, kann die Hemmschwelle senken. Manche Menschen scheuen sich, in einer Arztpraxis, im Gesundheitsamt oder in einem Checkpoint der Aidshilfe danach zu fragen. Gründe können zum Beispiel Scham oder Angst vor einer negativen Bewertung ihres sexuellen Verhaltens sein.</p>
<p>Andere Menschen schieben den Test vor sich her. Wenn sie den Selbsttest einfach in der Apotheke, der Drogerie oder im Online-Handel kaufen können, kann das motivieren, sich früher oder häufiger auf HIV zu testen.</p>
<h2>Je früher, desto besser</h2>
<p>„Heute ist klar: Je früher man von seiner HIV-Infektion erfährt, desto besser“, erklärt Sylvia Urban. „Wer rechtzeitig behandelt wird, hat eine fast normale Lebenserwartung und kann leben wie andere Menschen auch. Es lohnt sich, Bescheid zu wissen!“</p>
<h2>Gut informiert und beraten</h2>
<p>Ein HIV-Test empfiehlt sich immer, wenn eine Übertragung stattgefunden haben könnte. Schwulen Männern empfiehlt die Deutsche AIDS-Hilfe einen jährlichen Routine-Check, da sie statistisch ein höheres Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren.</p>
<p>Wichtig: Wer den Selbsttest durchführen möchte, sollte sich vorher gut informieren, welche Fabrikate geeignet sind, wie er durchzuführen ist und wie die Ergebnisse zu interpretieren sind. Das Testergebnis ist 12 Wochen nach einer möglichen Übertragung zuverlässig.</p>
<p>Begleitende (anonyme) Beratung durch Angebote der Aidshilfen ist persönlich, telefonisch und per E-Mail sowie für schwule Männer auch im Live-Chat möglich. (Links zu Informationen und Beratungsangeboten siehe unten).</p>
<h2>Viele leben unwissentlich mit HIV</h2>
<p>Zurzeit leben in Deutschland nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts rund 12.700 Menschen unwissentlich mit HIV. Von den 3.700 HIV-Diagnosen im Jahr 2016 erfolgten 1.100 erst, als bereits eine Aids-Erkrankung oder ein schwerer Immundefekt aufgetreten war, also viel zu spät.</p>
<p>„Um Spätdiagnosen zu vermeiden, brauchen wir möglichst vielfältige passgenaue Testmöglichkeiten für verschiedene Zielgruppen. Der Selbsttest kann dabei ein wichtiger zusätzlicher Baustein werden“, sagt Sylvia Urban.</p>
<h2>Kein Aids mehr bis 2020</h2>
<p>Die Deutsche AIDS-Hilfe setzt sich mit ihrer Kampagne „Kein Aids für alle – bis 2020!“ für frühe Diagnosen ein. Für das Ziel, dass niemand mehr an Aids erkrankt, ist freilich noch mehr nötig als der Selbsttest:</p>
<p>„Auch die Angst vor Diskriminierung im Falle eines positiven Test-Ergebnisses lässt Menschen vor dem Test zurückschrecken. Wir müssen uns für einen respektvollen und selbstverständlichen Umgang mit HIV-positiven Menschen stark machen“, betont Urban.</p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/hiv-selbsttest" target="_blank" rel="noopener">Informationen zum Selbsttest auf aidshilfe.de</a></p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/beratung" target="_blank" rel="noopener">Beratungsangebote der Deutschen AIDS-Hilfe</a></p>
<p><a href="https://kein-aids-fuer-alle.de/" target="_blank" rel="noopener">Kampagne „Kein Aids für alle!“</a></p>
<p><a href="https://www.aidshilfe.de/kontakt-presse" target="_blank" rel="noopener">Kontakt zum Pressesprecher</a>
      </div>
</p></div>
</p></div>
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