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Osteuropa und Zentralasien

HIV in Russland: „Alles, was wir brauchen, ist der politische Wille“

Wadim Pokrowskij, Leiter des russischen Aids-Zentrums, ist eine der wenigen Personen des öffentlichen Lebens in Russland, die offen die Gesundheitspolitik der Regierung kritisieren. Wir haben mit ihm über die rasante Ausbreitung von HIV in Russland gesprochen – und darüber, wie man die Epidemie stoppen könnte.

Von Alexander Delphinov*; weiter unten findet sich eine russische Fassung

Nach jahrelanger politischer Vernachlässigung von HIV und Aids überschritt die Zahl der offiziell in Russland registrierten HIV-Diagnosen Anfang 2016 die Marke von einer Million. Im Dezember 2017 waren es bereits mehr als 1,1 Millionen.

Laut Wadim Pokrowskij, Leiter des Föderalen Aids-Zentrums, sind seit Beginn der russischen Aidskrise in den späten 1980er-Jahren bis Ende 2016 über 240.000 Menschen mit HIV gestorben (allein 2016 waren es etwa 32.000 Todesfälle, gut 18.000 davon als Folge einer HIV-Infektion).

Im Jahr 2017 stellte die russische Regierung aber nur 250 Millionen Euro für HIV/Aids-Programme zur Verfügung. Und von den schätzungsweise 870.000 Menschen, die mit HIV leben, erhalten jährlich nur 220.000 bis 240.000 eine HIV-Therapie. Zum Einsatz kommen hauptsächlich kostengünstige Generika, die oft schon veraltet sind.

Die Medien betreiben Schönfärberei

Die Verbreitung des Virus läuft so gut wie ungebremst, aber die offiziellen russischen Medien erzählen, wie gut doch eigentlich in Russland alles mit der HIV-Prävention aussieht. In Wirklichkeit werden die NGOs, die Präventionsprogrammen ohne staatliche finanzielle oder logistische Hilfe durchführen, vom Staat verfolgt und seit kurzer Zeit auch als „ausländische Agenten“ abgestempelt. Und als beste Präventionsmethoden gelten „traditionelle russische Werte“ wie zum Beispiel konservative Religiosität mit dem „Kein-Sex-ohne-Ehe“-Prinzip.

„Traditionelle russische Werte“ als Prävention?!

Wadim Pokrowskij arbeitet bereits seit 1988 im HIV- und Aids-Bereich – er war damals Zeuge, als der erste russische HIV-Patient registriert wurde. Seit 1997 gehört er der Russischen Akademie der Wissenschaften an, international ist er als Spezialist für die Prävention und die Behandlung von HIV bekannt. 2001 wurde er zum Leiter des russischen Föderalen AIDS-Zentrums ernannt.

Heute ist Pokrowskij eine der wenigen Personen des öffentlichen Lebens, die offen die Gesundheitspolitik der Regierung in kritisieren, weil sie zu wenig gegen die HIV-Verbreitung unternimmt und wissenschaftlich anerkannte Präventionsmaßnamen wie zum Beispiel Schadensminimierungsprogramme nicht unterstützt, sondern sogar bekämpft.

Im Oktober nahm Wadim Pokrowskij an der Konferenz „HIV in Osteuropa – die unbemerkte Epidemie?!“ in Berlin teil. Dort fand dieses Gespräch statt:

Wie würden Sie die Situation der HIV-Epidemie in Russland aus Ihrer Sicht beschreiben?

Die Zahl der neu registrierten HIV-Infektionen nimmt in Russland immer stärker zu. 2015 gab es 90.000 neue Fälle, 2016 über 100.000 und in der ersten Hälfte 2017 auch schon über 50.000 neu registrierte Fälle. Also gibt es immer mehr Menschen, die mit HIV leben, immer mehr, die eine Diagnose bekommen. Dies alles deutet klar darauf hin, dass es eine Epidemie gibt. Und unsere Angaben zeigen, dass sowohl eine große Zahl von Männern, die Sex mit Männern haben, als auch sehr viele Drogenkonsument_innen schon mit HIV infiziert sind. Außerdem infizieren sich auch die heterosexuellen Partner_innen Menschen, die Drogen konsumieren. Deswegen besteht ein Risiko einer HIV-Epidemie in der heterosexuellen Bevölkerung.

Wofür steht der dramatische Anstieg der HIV-Neudiagnosen?

Bedauerlicherweise zeigt uns dieser Anstieg bei den Neudiagnosen, dass die bestehenden Präventionsmaßnahmen in Russland unzureichend sind. Als wichtigste Strategie der HIV-Bekämpfung gilt derzeit, möglichst viele HIV-Infizierte zu diagnostizieren und in eine Behandlung zu bringen. Diese Strategie wird auch in Russland vom Gesundheitsministerium verfolgt. Doch nur etwa 30 Prozent der Menschen, bei denen HIV diagnostiziert wurde, bekommen auch die modernen Medikamente, das heißt, diese Strategie wird bis jetzt nur unzureichend umgesetzt. 2017 gibt die föderale Regierung 17,5 Milliarden Rubel für den Kampf gegen HIV und Aids aus, für 2018 ist im Haushalt bedauerlicherweise eine Milliarde weniger eingeplant – was ziemlich merkwürdig ist angesichts der sich dramatisch verschlechternden Lage.

Nur etwa 30 % der Menschen mit HIV bekommen Medikamente

Was sollte man in Russland tun, um die Epidemie zu stoppen?

Ohne Zweifel muss unser Ziel derzeit sein, die Gesellschaft zu mobilisieren und auch die Regierung zu überzeugen, dass dieses Problem höchst aktuell und drängend ist. Und vielleicht reicht es auch nicht aus, sich nur mit der Behandlung beschäftigen – man sollte sich auch mit der Prävention beschäftigen. Besonders wichtig sind hier Präventionsmaßnahmen in sozialen Gruppen, die besonders durch HIV bedroht sind, das heißt für Schwule, für Drogenkonsument_innen und für Sexarbeiter_innen. Wir brauchen also nicht nur die Behandlung, sondern auch substanzielle Mittel für die Präventionsprogramme.

HIV in Russland: Ausgrenzung durch den Staat

Es ist kaum ein Geheimnis, dass die Präventionsarbeit für die LGBTI*-Community [Anm. d. Red.: Community der Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans* und inter* Menschen] wie auch für Menschen, die Drogen konsumieren, durch die aktuelle juristische Lage in Russland stark erschwert wird. Zum Beispiel durch das sogenannte Gesetz gegen „Homo-Propaganda“, das seit 2013 gilt und zu wachsender Stigmatisierung der LGBTI geführt hat. Auch die Drogenpolitik in Russland kann man nur als sehr repressiv bezeichnen. Stellt nicht die öffentliche Haltung zu diesen Gruppen auch ein Problem dar?

Ich muss sagen, dass hier alle Gruppen leiden, nicht nur die LGBTI-Gemeinschaft und die Drogenkonsumenten_innen. Insgesamt sind die Präventionsprogramme sehr schwach. Das Gesetz gegen „Propaganda für Homosexualität“ betrifft bedauerlicherweise eben die HIV-Prävention für schwule Männer. Und wenn wir über die Drogenkonsumenten_innen sprechen, gibt es da auch Probleme, in der Tat wird diese Gemeinschaft diskriminiert. Viele meinen, dass sie alle an ihrem Drogenkonsum sterben sollten und man sich also um diese Leute nicht zu kümmern brauche. Auch bei der Prävention für Sexarbeiter_innen gibt es Probleme, weil diese Gruppe bei uns einfach keinen Rechtsstatus hat. Viele Bürokraten sagen deswegen: Warum sollten wir uns mit Sexarbeiter_innen beschäftigen, wenn diese soziale Kategorie bei uns gar nicht existiert? Wir müssen solche Stereotype und erfundenen Hindernisse überwinden, um uns ernsthaft der großen Bedrohung durch die HIV-Infektion zu befassen. Und dabei sollte man alle damit verbundenen Vorurteile am besten ignorieren.

„Sexarbeiter_innen? Gibt es bei uns nicht“

Sogenannte HIV-Leugner_innen bestreiten, dass es HIV gibt. Und wenn es keinen Virus gibt, braucht man auch keine Behandlung und keine Prävention. Stimmt mein Eindruck, dass diese Gruppe in der letzten Zeit in Russland stärker und aktiver geworden ist?

Diese Gruppe hat es immer gegeben, aber seit einiger Zeit haben sie gute Werkzeuge für die Verbreitung ihrer „Ideen“, nämlich soziale Netzwerke und verschiedene Webseiten. Dank diesen Medien haben diese Leute eine stärkere öffentliche Präsenz in Russland gewonnen, obwohl sie eigentlich gar nicht viele sind. Aber sie beeinflussen die öffentliche Meinung – und auch auf die Menschen, bei denen eine HIV-Infektion diagnostiziert wurde. Manche brechen dann ihre Therapie ab oder fangen gar nicht erst damit an, schließlich gebe es doch kein HIV und außerdem seien auch alle Medikamente giftig. Die „HIV-Dissident_innen“ stören also nicht nur unsere Arbeit, sondern verbreiten auch tödliche Vorstellungen – manche Patient_innen sterben, weil sie nicht rechtzeitig mit einer Therapie begonnen haben.

Was können ausländische Organisationen und andere Länder zur Bewältigung der HIV-Epidemie in Russland beitragen?

Mir gefallen die Erfahrungen, die man Deutschland gemacht hat, sehr. Wie wir alle wissen, hier gibt es nur relativ wenige Neuansteckungsfälle. Und wir hoffen sogar, dass die HIV-Übertragung hier bald beendet werden könnte. Es wäre wünschenswert, die Ansätze, die in Deutschland Anwendung finden, auf Russland zu übertragen. Es gibt allerdings eine Haltung bei uns, die man in Anlehnung an ein bekanntes russisches Sprichwort übersetzten könnte mit: Was dem Deutschen guttut, ist des Russen Tod. Dennoch sind die Unterschiede vielleicht gar nicht so groß, auch wenn es aussieht, als könnten wir nicht zusammenkommen. All diese HIV-Präventionsprogramme könnte man auch erfolgreich in Russland einführen und implementieren. Alles, was wir brauchen, ist der politische Wille.

Weitere Informationen:

Gefährlich und menschenverachtend: Russlands repressive Drogenpolitik (Beitrag auf magazin.hiv vom 19.04.2018)

Wenn der Staat uns nicht stört, ist das die größte Hilfe“ (Beitrag auf magazin.hiv vom 09.11.2017)

HIV in Osteuropa – die unbemerkte Epidemie?! Dokumentation zur Fachkonferenz am 17. Oktober 2017 in Berlin, veranstaltet von Brot für die Welt, Deutsche AIDS-Hilfe und Aktionsbündnis gegen Aids

Russische HIV-Politik: immun gegen Vernunft? (Beitrag auf magazin.hiv vom 17.10.2017)

Leben mit Drogen: Alexey, 35, Kasan, Russland (Beitrag auf magazin.hiv vom 13.07.2017)

„Eine Regierung, die den Gesundheitsschutz sabotiert“ (Beitrag auf magazin.hiv vom 10.01.2017)

Aids beeenden? Nicht ohne Osteuropa und Zentralasien (Beitrag auf magazin.hiv vom 01.08.2016)

Die Regierung macht für LGBT-Rechte keinen Finger krumm“ (Beitag auf magazin.hiv vom 15.12.2014)

Alexander Delphinov lebt in Berlin und arbeitet u. a. als Freelancer bei der Deutschen Welle. Ein Interview mit ihm unter dem Titel Gefährlich und menschenverachtend: Russlands repressive Drogenpolitik haben wir am 19. April 2018 auf magazin.hiv veröffentlicht.

http://delphinov.net/

 

Вадим Покровский: Нам нужна только политическая воля

Еще во второй половине 90-х годов в России слышались громкие голоса тех, кто предпупреждал о возможном начале эпидемии ВИЧ. Но если ситуация тогда и казалась тревожной, то все равно не настолько катастрофической, как двадцать лет спустя. После того, как на протяжении многих лет проблеме ВИЧ/СПИДа не уделялось достаточное внимание, в начале 2017 года количество ВИЧ-инфицированных достигло планки в один миллион человек. И вот распространение вируса происходит практически безпрепятственно, в то время как на заднем фоне слышен единой хор официальных российских СМИ, рассказывающих о том, как в все в России хорошо с профилактикой ВИЧ. На самом деле те НГО, которые занимаются профилактической работой без государственной финансовой или организационной поддержки, стали подвергаться преследованию со стороны государства, а с недавних пор на них навешивается ярлык “иностранного агента”. А в качестве лучших средств профилактики россиянам предлагаются “традиционные ценности” в виде, например, консервативной религиозности с принципом “никакого секса до брака”.

Академик Вадим Покровский – руководитель российского Федерального СПИД-центра, работает в области профилактики и лечения ВИЧ с 1988 года и считается одним из признанных во всем мире российских специалистов. В октябре он побывал в Берлине, где прошла международная конференция “ВИЧ в Восточной Европе: незамеченная эпидемия?”. Там и состоялась эта беседа.

В России все время увеличивается количество новых случаев ВИЧ-инфекции. Если в позапрошлом году было 90 тысяч новых случаев, в прошлом году – 100 тысяч новых случаев, то в этом году уже за первое полугодие зафиксировано 50 тысяч новых случаев. То есть все больше и больше становится людей, живущих с ВИЧ, тех, у кого уже поставлен диагноз. Ну, это говорит, конечно, о том, что идет эпидемия, и наши данные показывают, что уже очень большое количество мужчин, которые имеют секс с мужчинами, и среди наркопотребителей очень многие имеют ВИЧ. А кроме того, гетеросексуальные партнеры наркопотребителей так же заражаются вирусом, поэтому есть риск развития эпидемии в гетеросексуальном населении.

О чем свидетельствует столь впечатляющий рост новых случаев инфицирования?

К сожалению, рост числа новых случаев показывает, что существующие профилактические мероприятия в России недостаточны. Сейчас наиболее популярная стратегия борьбы с ВИЧ-инфекцией – это выявление всех ВИЧ-инфицированных и назначение им терапии. Эта стратегия также применяется в России и осуществляется министерством здравоохранения. Но пока лишь 30 процентов тех, у кого уже диагностирована ВИЧ-инфекция, получают современную терапию, то есть эта программа тоже пока не реализована. Федеральное правительство в этом году потратило на борьбу со СПИДом 17,5 миллиардов рублей, но, к сожалению, в бюджете на следующий год запланировано на один миллиард меньше. Что довольно странно, с учетом ухудшающейся ситуации.

Какие действия необходимо предпринять в России, чтобы остановить эпидемию?

Конечно, сейчас наша задача – это как-то мобилизировать общество, и убедить администрацию, правительство в том, что проблема эта чрезвычайно актуальна. И может быть, одного только лечения будет недостаточно, надо также заниматься и предупреждением распространения ВИЧ, а особенно среди тех групп, которые наиболее уязвимы, то есть среди геев и потребителей наркотиков, секс-работников, которые связаны с потреблением наркотиков, ну и конечно, среди всего населения. То есть кроме лечения нужны еще и большие средства на профилактические программы.

Не секрет, что профилактическая работа как среди упомянутых вами представителей ЛГБТ-сообщества, так и среди людей, употребляющих наркотики, может быть затрудненной, тем более в России, где существует закон о запрете гей-пропаганды, стигматизирующий ЛГБТ, и наркополитику в целом можно охарактеризовать как весьма репрессивную. Наверное, есть проблемы и общественном отношении к этим группам, как бы вы это охарактеризовали?

Я должен сказать, что здесь все группы страдают, не только перечисленные, конечно – ЛГБТ-сообщество и наркопотребители. Вообще профилактические программы очень слабые. Конечно, то, что сейчас есть закон об ограничении гей-пропаганды – это, к сожалению, частично затрагивает и профилактику ВИЧ среди геев. И относительно наркопотребителей тоже существуют проблемы, действительно, это такое дискриминируемое сообщество. Многие считают, что все они должны умереть от наркотиков, поэтому и заниматься этой группой не нужно. А проблемы с профилактикой среди секс-работников, например, связаны с тем, что у нас просто нет юридического статуса этой группы. И многие бюрократы поэтому говорят, а почему мы должны заниматься секс-работниками, если такой социальной категории у нас вообще не существует? Надо преодолеть многие такие стереотипы и чисто условные преграды, которые существуют, и действительно заняться такой большой угрозой, как ВИЧ-инфекция, не обращая внимания на свои какие-то пристрастия.

Так называемые ВИЧ-диссиденты отрицают само существование вируса иммунодефицита человека, а стало быть, если нет вируса, то и лечение, и профилактика не нужны. Есть ощущение, что в последнее время в России группа ВИЧ-диссидентов особенно активизировалась, так ли это, и если да, то почему?

Да, эта группа всегда существовала, но сейчас у нее появился хороший инструмент для реализации своих идей – это социальные сети и различные интернет-сайты. Благодаря этому они получили новое, сильное звучание в России, хотя, может быть, это не такая уж большая группа. Но они оказывают влияние на общественное мнение, в том числе на людей, у которых диагностицирована ВИЧ-инфекция. Те отказываются от лечения или не начинают его, поскольку ВИЧ нет, а лекарства все ядовиты. В результате, конечно, ВИЧ-диссиденты мешают всей нашей работе, не говоря уже о том, что некоторые люди и умирают, потому что не начали вовремя лечиться.

Как могут помочь зарубежные организации или другие страны в работе по преодолению эпидемии ВИЧ в России?

Ну, мне очень нравится опыт Германии. Как мы знаем, здесь очень маленькое количество новых случаев, и мы ожидаем даже, что здесь передача ВИЧ скоро может прекратиться. Все те технологии, которые применяются в Германии, конечно, их желательно перенести на русскую почву. Правда, есть у нас поговорка, если ее немного переиначить – что немцу хорошо, то русскому смерть. Мол, у нас не совпадает менталитет, но я думаю, что разница не такая уж большая. Это только кажется, что мы не сходимся. И все эти программы профилактики ВИЧ можно с успехом внедрять и в России. Нужна только политическая воля.

Текст: Александр Дельфинов

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