„KI“, Digitalisierung und „Longevity“
Durch „Künstliche Intelligenz“ sollen die Herausforderungen im Gesundheitswesen technisch gelöst werden – so die Hoffnung. Doch aktuelle Diskurse rund um Digitalisierung und Selbstoptimierung übersehen weitgehend die sozialen Ungleichheiten von Gesundheit. Technologie kann da zum wichtigen Handwerkszeug werden, aber nicht als Allheilmittel dienen, sondern bestehende Probleme noch verschärfen.
Über Tech-Narrative und soziale Ungleichheiten von Gesundheit
Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin des Vereins Demokratischer Ärzt*innen (vdää*,) „Gesundheit braucht Politik“, Ausgabe 4/2025.
Wenn über „Künstliche Intelligenz“ in der Medizin gesprochen wird, tauchen derzeit die immer gleichen Argumente auf: „KI“-Technologien ermöglichen mittels Mustererkennung frühe und genauere Diagnosen, bringen Effizienzgewinne durch Automatisierung administrativer Aufgaben, ermöglichen eine individualisierte Medizin. Ärzt*innen sollen mehr Zeit für ihre Patient*innen haben, indem sie von lästigen Alltagsaufgaben entlastet werden. So formuliert es ein Beitrag in den „Tagesthemen“[1].
Kontrastiert werden die Heilsversprechen der „KI“ darin mit offensichtlichen strukturellen Problemen innerhalb des derzeitigen und sich abzeichnenden Gesundheitswesens. Der steigende Kostendruck. Wenig Zeit für die Betreuung von Patient*innen. Hohe Arbeitsbelastungen innerhalb des Gesundheitswesens. Und: Der demografische Wandel bringt viele ältere Patient*innen mit erhöhten Pflege- und Behandlungsbedarfen, während gleichzeitig für sehr viele Mitarbeiter*innen in Gesundheitsberufen die Rente bevorsteht.
Kann „KI“ also zukünftig das Gesundheitswesen verbessern und vielleicht sogar Krankheiten heilen? Es kommt darauf an. Denn unter dem Sammelbegriff „Künstlicher Intelligenz“ verbirgt sich eine Vielzahl unterschiedlicher Technologien, die von relativ trivialer Prozessdigitalisierung über regelbasierte Entscheidungssysteme bis zu jenen großen, auf Wahrscheinlichkeiten basierenden Sprachmodellen reichen, die durch ChatGPT, Perplexity und Co. inzwischen im Alltag so vieler Menschen angekommen sind. Entgegen dem allgegenwärtigen Hype von „KI“ müssen daher verschiedene Technologien und ihre jeweiligen Möglichkeiten und Begrenzungen differenziert betrachtet werden. Technologie und Gesellschaft prägen sich wechselseitig – sie bringen einander hervor. Neue Technologien müssen daher immer kritisch dahingehend befragt werden, was sie entstehen und populär werden lässt und welche sozialen und politischen Auswirkungen sie haben.
Manuel HofmannEntgegen dem Hype von „KI“ müssen verschiedene Technologien und ihre jeweiligen Möglichkeiten und Begrenzungen differenziert betrachtet werden.
Als Handwerkszeug haben Technologien, mit oder ohne „KI“, bisweilen tatsächlich das Potenzial, medizinische Versorgung zu verbessern und Prozesse zu vereinfachen. Sie alleine werden aber keine alleinige Lösung für ein krankendes Gesundheitssystem darstellen. Sie heben soziale Ungleichheiten von Gesundheit nicht auf, können sie gegebenenfalls sogar verschärfen. Es braucht daher einen kritischen Blick auf gegenwärtige Tech-Narrative und Heilsversprechen, die mit etwas Abstand betrachtet zu gut klingen, um wirklich eintreten zu können. Sie müssen reflektiert und kritisch hinterfragt werden, damit das, was davon überbleibt, wirkliche Substanz hat. Drei solcher typischen Erzählungen werden folgend herausgegriffen, nämlich Effizienzversprechen durch „KI“ im Gesundheitswesen, die Idee von „KI“ als persönlicher Gesundheitsassistenz und den „Longevity“-Ansatz, also die Vorstellung einer „KI“-gestützten Langlebigkeit.
„KI“ als Effizienzmaschine in Zeiten politisch gewollter Ressourcenknappheit
Heyo Klaus Kroemer, Vorstandsvorsitzender Charité[2]„Insofern haben wir ganz klar die Zielsetzung, innerhalb einer Dekade ein Drittel der Mitarbeiter durch diese Technologien ersetzen zu können.“
Das Argument, dass „KI“ zukünftig von Alltagsaufgaben entlastet und mehr Freiraum für Patient*innen schafft, muss gleich in doppelter Hinsicht überprüft werden:
Erstens: Während in der Vergangenheit immer wieder Versprechen zu Produktivitätsgewinnen durch neue Technologien gemacht wurden, sind diese oft nicht ohne Weiteres und vor allem nicht direkt nach deren Einführung eingetreten. Bisweilen brachten sie schädliche Folgen für Beschäftigte oder Umwelt mit sich. Soziale und politische Systeme müssen sich erst mit einiger Anstrengung an neue technische Realitäten anpassen, um wirklich von ihnen zu profitieren.
Zugleich werden teilweise vollkommen unrealistisch große Effizienzgewinne durch technische Lösungen angekündigt: Bis 2035 sollen 11.000 Hausärzt*innen in Deutschland fehlen. Das ist eine Menge. Beratungsunternehmen wie „EY“ sehen dennoch als Lösungsstrategie primär Prozessdigitalisierung, Telemedizin und die flächendeckende Nutzung der elektronischen Patient*innenakte[3].
Es ist kein Einzelfall: Manche Menschen im Arbeitsfeld E-Health behaupten sogar, Hausärzt*innen könnten künftig mittels Technologie das Zehnfache an Patient*innen behandeln[4], was angesichts voller Wartezimmer in Praxen und des Bedürfnisses vieler Patient*innen nach menschlichem Kontakt und Empathie schwer vorstellbar ist.
Der Einführungsprozess der elektronischen Patient*innenakte zieht sich, von ersten Ideen bis zur Umsetzung, seit über 20 Jahren – und ist dennoch auch nach bundesweitem Roll-out im April 2025 längst nicht flächendeckend etabliert und vollumfassend so in der Versorgung angekommen, dass alle davon profitieren und eine messbare Arbeitserleichterung eingetreten ist. Wenn die letzten Jahre eines zeigen, dann, dass Digitalisierung mühsam ist, Zeit braucht und nicht alles von Anfang an so klappt, wie man sich das während des Entwicklungsprozesses ausgedacht hat.
Zweitens: Wenn der Vorstandsvorsitzende der Charité, Heyo Klaus Kroemer, angibt, innerhalb einer Dekade die in Rente gehenden Mitarbeiter*innen durch „KI“ ersetzen zu wollen – konkret ein Drittel der Belegschaft –, setzt er dabei nicht nur auf unrealistische Versprechungen von Effizienzgewinnen durch „KI“-Automatisierung in einem wahnsinnig kurzen Zeitraum, sondern verkennt auch, dass Patient*innen in Krankenhäusern in der Regel mit sehr realen und pflegebedürftigen Körpern da liegen, deren Bedürfnisse keine Algorithmen stillen, sondern hart arbeitende Pfleger*innen.
Selbst wenn „KI“ viele Aufgaben erleichtert: In einer um ein Drittel zusammengestrichenen Belegschaft haben Ärzt*innen gerade nicht die oftmals versprochene zusätzliche Zeit für die Patient*innen, sondern eine noch weiter verdichtete Arbeitsrealität. Hinter der vermeintlichen „KI“-Revolution verbirgt sich nicht zuletzt knallharte Austeritätspolitik.[5]
Der Einsatz von Technologien, auch von „KI“, muss sich nicht nur an Effizienz messen lassen, sondern auch daran, ob er menschenwürdige und wünschenswerte Zukünfte hervorbringt.
„KI“ als persönliche Gesundheitsassistenz
Eine zweite Antwort auf drohendes Systemversagen ist maximale Individualisierung von Gesundheit. Dieser Trend taucht in unterschiedlichen Gewändern auf, meint aber fast das immer Gleiche: Du musst dich mal mehr um dich selbst kümmern.
„Deutsche gehen zu oft zum Arzt“, sagt Bundeskanzler Friedrich Merz.[6] Andere Vertreter*innen im Gesundheitswesen verweisen auf die Vorteile von mehr Selbstmedikation bei leichten Erkrankungen, eine wachsende Gesundheitskompetenz und mehr Prävention. Meint alles: Sie sollen ein strapaziertes System nicht unnötig belasten und Gesundheitsbeschwerden erst mal für sich selbst regeln. Auch mittels finanzieller Anreize (im Sinne niedrigerer Kassenbeiträge bei Verzicht auf Besuche von Ärzt*innen) könne die Eigenverantwortung gestärkt werden.[7]
„KI“ soll hierbei eine zentrale Rolle spielen. BITKOM[8] und Bertelsmann Stiftung[9] veröffentlichen jeweils Befragungen, die demonstrieren sollen, wie verbreitet der Einsatz von Sprachmodellen bei Gesundheitsthemen jetzt schon ist: 45 % der Deutschen befragen die „KI“ bereits zu Symptomen und Gesundheitsthemen, sagt die BITKOM. Der Verband, der IT-Unternehmen vertritt, betont die Chancen einer digitalen Zukunft im Gesundheitswesen. Auch die Bertelsmann Stiftung will eine wachsende Verbreitung erkennen, sieht aber derzeit weiterhin Dr. Google auf dem ersten Platz.
Ähnlich sieht es im Bereich der mentalen Gesundheit aus. Verschiedene Auswertungen zeigen, dass viele Menschen längst mit „KI“-Chatbots über mentale Probleme sprechen. „Therapy and companionship“ sei inzwischen der häufigste Anwendungsfall für die Nutzung von Chatbots, steht im Harvard Business Review.[10] Artikel diskutieren rauf und runter, ob „KI“ zukünftig die Psychotherapie ersetzen oder zumindest ergänzen könne.[11]
Auch hier stellen sich ähnliche Fragen: Funktioniert das wirklich? Und ist die Verbreitung Ausdruck einer funktionierenden oder krankenden Gesellschaft? Sind „KI“-Chatbots als mentale Alltagsbegleitung oder Therapieersatz Teil einer wünschenswerten Zukunft?
„Longevity“ mit „KI“-Unterstützung
Fountain Life[12]„Live without limits (…) – powered by AI“
Kein anderer Gesundheitstrend verbindet diese Linien aus Individualisierung, Prävention und Technologie deutlicher als „Longevity“, ein Ansatz, der über eine Kombination gesundheitsförderlicher Maßnahmen die Lebensspanne und zugleich die Anzahl (möglichst) gesunder Lebensjahre verlängern soll.
Die Spanne der Maßnahmen reicht von gut erforschten Basics, die tatsächlich wissenschaftlich erwiesen die gesunde Lebensdauer verlängern können – wie Sport, ausreichend Schlaf, gute Ernährung, starke soziale Netze –, bis hin zu in hohem Maßen experimentellen Tech-gestützten Anwendungen, Selbsttracking und der Einnahme zahlreicher Ergänzungsmittel.
Fountain Life, eines der ersten Unternehmen, die ihre reichen Klient*innen auf ihrem Weg zur „Longevity“ unterstützen, verspricht ein „KI“-unterstütztes „Leben ohne Limits“[13].
Es ist keine Überraschung, dass „Longevity“ gerade von Tech-Milliardären vorangetrieben wird. Was diese mit ihrer Gesundheit anstellen, könnte einem egal sein, wenn es nicht längst in gesundheitspolitische Debatten ausstrahlen würde, inzwischen auch in Deutschland. Sie prägen die Zukunftserzählungen rund um Tech und Gesundheit entscheidend mit. Der Wunsch nach Unsterblichkeit oder zumindest einem sehr viel längeren Leben ist jedenfalls weit verbreitet und wird mit Milliardeninvestments gefüttert: Ein unerschütterlicher Glaube an Technologie und insbesondere „Künstliche Intelligenz“ als mittelfristige Lösung für alle Menschheitsprobleme sowie die Hyperindividualisierung bei gleichzeitiger Abgrenzung von einer als Bedrohung erlebten Gesellschaft sind tief verankerte ideologische Wurzeln des Ansatzes. Ein Menschenbild, das allen gleichen Wert zuspricht, gehört dagegen nicht dazu.[14]
Neue soziale Ungleichheiten im Gesundheitswesen
Es gibt bisher keine Studien darüber, ob die Lebenserwartung steigt, wenn man dem Longevity-Guru Bryan Johnson auf Instagram folgt. Sehr klar erwiesen ist dagegen, was statistisch am meisten Lebensjahre kostet: Armut. Studien des Robert-Koch-Instituts zeigen einen deutlichen Gap in der Lebenserwartung zwischen strukturstarken und -schwachen Regionen in Deutschland.[15] Aus globaler Perspektive ist dieser Sprung noch krasser: Während beispielsweise HIV in wohlhabenden Ländern längst zu einer gut behandelbaren chronischen Erkrankung geworden ist, die sich kaum auf die Lebenserwartung auswirkt, sterben in Ländern des globalen Südens weiterhin Menschen an Aids, weil Medikamente fehlen. Das Problem könnte sich angesichts international wegbrechender Finanzierung sogar wieder verschärfen.[16]
Die Flutung der Sozialen Medien mit individuellen Gesundheitstipps droht strukturelle Ungerechtigkeiten zu verschleiern, denen ganz anders begegnet werden müsste. Stattdessen wird Menschen sogar noch das Stigma eines schlechten Umgangs mit der eigenen Gesundheit auferlegt, wenn ihnen nach zehn Stunden Pakete-Austragen die Energie oder das Budget für umfangreiche Wellnessrituale fehlen.
Dass ein größerer Fokus innerhalb des Gesundheitswesens auf Prävention gelegt werden soll, ist unbedingt zu begrüßen. Allerdings darf man sich dabei nicht alleine auf individuelles Verhalten stürzen und mit erhobenem Zeigefinger dazu mahnen, sich eifrig durch tägliche Empowermentbotschaften des „KI“-Chatbots zu klicken. Es braucht einen Blick auf gesellschaftliche Verhältnisse, die dazu befähigen, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, oder die der Gesundheit bestimmter Gruppen im Wege stehen. Man darf nicht laut individuelle „Resilienz“ fordern, an Eigenverantwortung appellieren, und damit gleichzeitig all jene vulnerablen Patient*innen vor den Karren werfen, die aus unterschiedlichen Gründen auf eine gute Versorgung angewiesen sind.
Trotz aller demografischen Herausforderungen, trotz fraglos vorhandenen Reformbedürfnissen: Es darf nicht passieren, dass Menschen vergessen werden, die angewiesen sind auf ein funktionierendes Gesundheitssystem und nicht auf Eigenverantwortung setzen können. Es gibt Patient*innen, die Betreuung brauchen von realen Menschen, die ganzheitlich auf die Bedürfnisse von Menschen blicken.
Eine Zukunft des Gesundheitswesens darf sich auch nicht daran orientieren, ob es ermöglicht, einzelnen Menschen über die magische Schwelle von 120 Jahren und mehr zu verhelfen, sondern ob es allen Menschen unabhängig von ihren Voraussetzungen in Menschlichkeit und Würde begegnet. Technologie kann dabei zum wichtigen Handwerkszeug werden. Sie ist aber weder Selbstzweck noch Allheilmittel. Plumpen technologischen Fortschrittserzählungen müssen daher kluge Lösungsstrategien für real existierende Probleme und Narrative einer gerechteren Zukunft in Gesundheitswesen und Gesellschaft entgegengestellt werden.
Manuel HofmannEine Zukunft des Gesundheitswesens darf sich nicht daran orientieren, ob es ermöglicht, einzelnen Menschen über die magische Schwelle von 120 Jahren und mehr zu verhelfen, sondern ob es allen Menschen unabhängig von ihren Voraussetzungen in Menschlichkeit und Würde begegnet.
[1] https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1511588.html,
[2] https://www.tagesschau.de/tagesthemen/video-1511588.html,
[3] https://www.ey.com/content/dam/ey-unified-site/ey-com/de-de/noindex/ey-healthcare-magazin-gesundheitswesen-2030.pdf
[4] https://www.welt.de/themenspecial/siemens-healthineers/article255071516/Neue-Technologien-Mit-KI-zu-einer-Zeitenwende-im-Gesundheitswesen.html
[5] vgl. https://tante.cc/2024/09/24/a-choice/
[6] https://www.aerzteblatt.de/news/merz-deutsche-gehen-zu-oft-zum-arzt-1bcb705d-16bb-4c15-a31e-73e751e5c4cb
[7] https://www.pharmazeutische-zeitung.de/mehr-praevention-mehr-selbstmedikation-mehr-apotheke-160803/seite/3/?cHash=1907da602cad3c4d3d0ac81a1da82ff9
[8] https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Dr-KI-Chatbot-medizinischer-Ratgeber
[9] https://www.aerztezeitung.de/Politik/Immer-mehr-Bundesbuerger-nutzen-KI-Chatbots-fuer-Gesundheitsrecherche-460585.html
[10] https://hbr.org/2025/04/how-people-are-really-using-gen-ai-in-2025
[11] https://www.deutschlandfunkkultur.de/ki-psychotherapie-chatgpt-100.html
[12] https://www.fountainlife.com/about
[13] https://www.fountainlife.com/about
[14] https://firstmonday.org/ojs/index.php/fm/article/view/13636
[15] https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/Focus/JHealthMonit_2025_01_Lebenserwartungsluecke.html
[16] https://www.aidshilfe.de/de/weckruf
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