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Berliner Forscher entwickeln Schätzverfahren: 10 Prozent der schwulen Großstädter HIV-positiv

Die Fragen sind echte Dauerbrenner: Wie viele Schwule gibt es eigentlich? Und wie viele leben in welcher Stadt? Genaue Zahlen sind nicht verfügbar, denn man kann nicht davon ausgehen, dass die Befragten bei repräsentativen Umfragen alle wahrheitsgemäß über ihre Sexualität Auskunft geben.

Epidemiologen haben aber großes Interesse an diesen Zahlen. Ohne sie lässt sich nämlich nicht errechnen, wie stark die Gruppe der Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), von HIV oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten betroffen ist.

Forscher des Robert-Koch-Instituts und der Forschungsgruppe Public Health des Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) haben nun Abhilfe geschaffen. Sie schätzten die Zahl der MSM in Deutschland und entwickelten ein Verfahren, um auch Aussagen über ihre Verteilung in den Städten und Regionen der Republik zu machen. Davon ausgehend errechneten sie, wie stark HIV und Syphilis regional unter MSM verbreitet sind (in Fachsprache: die MSM-spezifische Inzidenz).

Die Ergebnisse sind jetzt in englischer Sprache im frei zugänglichen Online-Forum BioMed Central veröffentlicht worden. Die PDF-Dateien stehen auch in der DAH-Mediathek zur Verfügung (Verteilung von MSM in Deutschland, MSMspezifische Inzidenz).

In Deutschland leben rund 600.000 Männer, die Sex mit Männern haben, 80.000 in Berlin.

Die wichtigsten Zahlen in Kürze: Nach den Schätzungen der Forscher gehören 2,5 bis 3,4 Prozent der Männer zwischen 20 und 59 Jahren in Deutschland zur Gruppe der MSM. In absoluten Zahlen sind das 575.000 bis 785.000. Bei ihren weiteren Berechnungen gingen die Wissenschaftler meist von 600.000 MSM aus. Sie legten bei dieser Schätzung eine repräsentative Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) zugrunde und korrigierten die Zahl der MSM leicht nach oben.

Um die regionale Verteilung zu ermitteln, verwendeten sie Daten aus zwei großen Studien zum Themenkomplex HIV und Safer Sex, deren Teilnehmer überwiegend über das Internet rekrutiert worden waren (KABaSTI-Studie, „Bochow-Studie“). Die Teilnehmer waren auch nach den ersten Ziffern ihrer Postleitzahl gefragt worden. Außerdem bezogen die Forscher die Zahl der Gay-Romeo-Profile in den jeweiligen Städten und Regionen mit ein.

Ergebnis: Die höchste Konzentration von MSM findet sich erwartungsgemäß in großen Städten. Einsame Spitze ist Berlin, dort ist nach dieser Schätzung der MSM-Anteil an der Bevölkerung sechsmal so hoch wie ihr Anteil an der männlichen Bevölkerung insgesamt. Es folgen Hamburg (vier bis sechsmal so hoch), Frankfurt und Köln (je drei mal so hoch). In absoluten Zahlen leben demnach in Berlin rund 80.000 MSM, in Köln bis zu 37.000, in Hamburg etwa 30.000.

In den Zentren schwulen Lebens liegen erwartungsgemäß auch besonders hohe HIV- und Syphilis-Inzidenzen vor. Sie lassen sich auf Basis der Schätzung in Kombination mit den Meldedaten des RKI ermitteln. In großen Städten mit einer gut ausgebildeten Infrastruktur für schwule Männer sind demnach 10 bis 12 Prozent der MSM HIV-positiv. Insgesamt sind es in Deutschland – je nach zugrunde gelegtem Homoanteil an der männlichen Bevölkerung – zwischen 4,9 und 6,7 Prozent (immer bezogen auf die Altersgruppe der 20- bis 59-Jährigen).

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Holger Wicht

Holger Wicht

Holger Wicht, Journalist und Moderator, ist seit 2011 Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe

4 Comments

  1. Ferrante
    15. Oktober 2013 at 22:05 — Antworten

    Ich halte die geschätzte Zahl der MSM für definitiv zu niedrig. Alleine eine Umfrage der BzGA kann das nicht herausfinden, denn, wen erreichte diese Umfrage überhaupt/wer machte da schon mit (blöd gesagt) und wie der Artikel schon erwähnt, wer sagt dann auch noch 100%ig die Wahrheit. (Und wer macht sich heute noch ein GayRomeo-Profil bei dem schlechten Ruf des Portals ;o).)

  2. bernd
    22. Oktober 2013 at 18:52 — Antworten

    Ich glaube auch das die geschätzte Zahl der MSM zu niedrig ist, ich schätz mal sind mindestens 2 bis 3 millionen in deutschland, wenns reicht…

  3. Andrea
    16. März 2014 at 1:07 — Antworten

    Also bin mir sicher, dass die MSM-Zahl VIEL zu niedrig angesetzt ist… wenn ich meine Schulzeit betrachte wusste ich, von 48 Jungs aus meiner Stufe, von 4 persönlich, dass sie schwul waren. Während meines Studiums waren es auch so um die 10%… Und das waren nur diejenigen, die sich geoutet haben. Die Dunkelziffer von denjenigen, die Bi sind und nur ab und zu mal was mit einem Mann haben ist bestimmt deutlich höher. Ein schwuler Freund von mir hat mir erzählt, dass mehr als die hälfte von den Männern mit denen er geschlafen hat gesagt haben, dass sie Bi sind und dass es keiner weiß…
    Mit Umfragen auf der Straße kommt man dabei nicht weit…
    Nach meiner Schätzung würde ich auf 3-4 Millionen MSM in Deutschland tippen. Wissen kann man es aber nicht… Und man wird auch in den nächsten Jahrzehnten keine zuverlässige Umfrage dazu machen können.

  4. Tobi
    8. November 2014 at 20:24 — Antworten

    Ganz interessant ist auch das Einbinden der Seite Wikipedia „Homophobie“, Wikipedia „Bareback(Viele Leute glauben besonders LGBT’s machen es Bareback,Pozzing etc.) Zum Thema Promiskulität habe ich folgendes zu sagen: Viele Menschen haben unterschiedliche Hobbies &Motivationen . Manche klettern Bergwände hoch ,obwohl man weiß, man könne abstürzen , manche machen Leistungssport und verletzen sich dabei andauernd, Haushaltsunfälle und Unfälle beim Sport sind die häufigsten Unfälle , die die meisten Kosten verursachen im Gesundheitssystem, manch einer fährt Bike und fährt dabei über extreme Szenerien drüber (Sturzgefahr, Lebensgefahr ) , manch einer motiviert es auf Risenwellen zu surfen , obwohl jede Welle seinen tot bedeuten könnte. Und manche haben als Hobby erotik&Sex und lieben viel Sex , risikoreichen Sex…Viele Menschen haben Hobbies ,die ein Risiko bergen . HIV soll somit nicht verharmlost werden , aber man sollte auch wissen, das viele Menschen Hobbies haben, die für diese Menschen einfach ser wichtig sind und diese Menschen motiviert , antreibt, fasziniert.Promiske mögen sehr gerne Sex , Erotik in allen Variationen und das ist nicht schlimm.Sex entspannt, ist wichtig für die Psyche und je mehr Diskriminierung , desto mehr Sex, da sex auch als Entspannung,Stressabbau dient. HIV + können Menschen sein , die Sex einfach antreibt , angetrieben hat, die Erotik lieben und nun halt mal verwundet sind. Genauso wie sich ein Bodybuilder bei einem Sportunfall schwer verletzen kann, jemand der gerne isst und Überwichtig wird, jemand der beim klettern abstürzt und stirbt oder dadurch gelähmt ist. Für manche Menschen mag Sex nicht wichtig sein, genauso wie für manche Leistungssport,Risikosport nicht wichtig ist ,aber Mensche haben nun mals andere Hobbies.

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