Gesellschaft & Kultur
FERNSEHDRAMA

Eine Chronik der ersten Jahre

In „The Normal Heart“ hatte der New Yorker Aktivist Larry Kramer 1985 das Hereinbrechen der Aidskrise und die dadurch ausgelösten Debatten in der Schwulenszene verarbeitet. Nun wurde das legendäre Theaterstück fürs Fernsehen verfilmt.

All jenen, die den Ausbruch der Epidemie selbst miterlebt haben, sind die schrecklichen Bilder und die Ohnmacht und Angst angesichts der entstehenden Panik auch noch nach drei Jahrzehnten fest ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Als 1981 über die neue, seltsame Krankheit berichtet wurde, wusste niemand, was sie auslöst, woher sie kommt, wie sie sich verbreitet und wie man sie stoppen könnte. Diese Phase der Epidemie ist längst Geschichte – und mit dem zeitlichen Abstand rückt sie nun verstärkt ins Interesse nicht nur der Wissenschaft, sondern auch der Kulturschaffenden.

1981 wusste niemand, wie man die neue Krankheit stoppen könnte

Gleich eine ganze Reihe von Filmen, wie zuletzt „Test“ und „Dallas Buyers Club“, haben sich jüngst verschiedenen Aspekten dieser ersten Jahre der Krise angenähert. Und nun auch Ryan Murphy – Schöpfer, Regisseur und Produzent von so erfolgreichen TV-Serien wie „Glee“, „American Horror Story“ und „Nip/Tuck“.

Auch Murpyhs Fernsehfilm „The Normal Heart“, eine Auftragsproduktion für den US-Bezahlsender HBO und in Deutschland zum Welt-Aids-Tag nun bei Sky zu sehen, ist gleichermaßen ein Rückblick. Doch genaugenommen liegt der Fall hier etwas anders. Denn das gleichnamige Theaterstück, auf dem der Film basiert und komprimiert die Entwicklungen und dem Umgang mit der Aidskrise in der New Yorker Schwulenszene beleuchtet, wurde bereits 1985 auf einer Off-Broadway-Bühne uraufgeführt.

Die Krise auf der Bühne

Der Dramatiker Larry Kramer schrieb damals gewissermaßen tagesaktuell: Die Ereignisse und Konflikte, die in seinem Stück zur Sprache kommen, lagen zum Teil erst wenige Monate zurück. Fast 300 ausverkaufte Vorstellungen erlebte „The Normal Heart“ seinerzeit (mit dem 1991 an Aids verstorbenen Brad Davis in der Hauptrolle). 1986 wurde es unter anderem in London (mit Martin Sheen und Tom Hulce) und 1989 auch am Hamburger Ernst-Deutsch-Theater nachgespielt. „The Normal Heart“ war das Stück der Stunde.

„Es bot nicht nur eine Gelegenheit, die Menschen über die Risiken aufzuklären und darüber, was überhaupt los war, und wir wussten zu diesem Zeitpunkt nur sehr, sehr wenig“, erklärt Medizingeschichtlerin Therese Jones von der Universität Colorado. „Es war zugleich auch eine Gelegenheit, dass das Publikum über jene Menschen etwas lernte, vor denen es durch diese schreckliche Epidemie so große Angst hatte: schwule Männer.“

Ein langer Weg bis zur Verfilmung

Ein wichtiges Drama und ein guter Stoff für die Leinwand, dachte damals Barbra Streisand, erwarb die Filmrechte – und stritt sich jahrelang mit Kramer über die richtige Leinwandadaption. Immer wieder wurden prominente Namen wie John Schlesinger, Kenneth Branagh und Ralph Fiennes für Hauptrolle oder Regie ins Spiel gebracht. Bis das Projekt dann still und leise endgültig auf Eis gelegt wurde – und Ryan Murphy sich die Rechte besorgte. Er sieht nun die Zeit gekommen, mit „The Normal Heart“ die Geschichte der Aids-Epidemie einer neuen nachgewachsenen Generation bekannt zu machen.

Sommer 1981. Am Strand von Fire Island richtet sich die schwule Community New Yorks auf ausgelassene Partywochen ein. Der Journalist und Autor Ned Weeks (Mark Ruffalo) kommt sich unter seinen Freunden allerdings ein wenig fehl am Platze vor. Das promiske Treiben ist nicht so sein Ding, er träumt vielmehr vom Mann fürs Leben, der ihm freilich noch nicht begegnet ist.

Der letzte unbekümmerte Sommer

Als ein junger sportlicher Typ vor seinen Augen am Strand einfach so zusammenbricht, erscheint das wie ein Menetekel. Kurz darauf ist in der „New York Times“ von einer mysteriösen Krankheit zu lesen, die nur schwule Männer zu befallen scheint.

Die Ärztin Dr. Emma Brookner (Julia Roberts), die immer mehr Patienten mit ähnlichen Symptomen behandelt, ohne ihnen wirklich helfen zu können, hofft durch Weeks Kontakt in die Schwulenszene zu bekommen. Doch mit ihrem Aufruf an die Männer, vorläufig sexuell enthaltsam zu leben, erntet sie nur Spott und Hohn. Auch Ned dringt mit diesem Rat nicht durch und weiß warum: Zu lange haben diese Männer für eben diese sexuelle Freiheit gekämpft: „Für Schwule ist Promiskuität das einzig erstrebenswerte Ziel: Sie haben nichts anderes.“

Mit einer kleinen Gruppe weitsichtiger und tatkräftiger Menschen gründet er eine Selbsthilfe und Beratungsorganisation für die Betroffenen, die Gay Men’s Health Crisis (GHMC). In Artikeln warnt und mahnt er die schwule Community, in Fernsehinterviews geißelt er in drastischen Worten die Tatenlosigkeit der Stadtregierung, die von einer angeblichen Epidemie nichts wissen will – trotz der stetig steigenden Zahl an Toten.

Eine Art schwule Kassandra, die niemand hören will

Ned gilt bald als eine Art schwule Kassandra, die niemand hören will. Schlimmer noch: Man wirft ihm Panikmache vor und fürchtet eine Beschneidung der hart erkämpften Bürgerrechte und Freiheiten. Seine Mitstreiter in der GHMC setzen ihn vor die Tür, weil sie befürchten, dass sein öffentliches Auftreten der Organisation und ihren Zielen schade, statt für Unterstützung und Aufklärung zu werben.

In der Figur des Ned Weeks hat sich Larry Kramer unverkennbar selbst porträtiert. Im Grunde ist „The Normal Heart“ sogar als dokumentarisches Stück zu lesen, in dem lediglich die Ereignisse gerafft, die Diskussionen komprimiert und Namen geändert sind: die Fakten aber entsprechen der Realität.

Kramer, der Mitbegründer der Gay Men’s Healt Crisis, der ersten Aidshilfe-Organisation überhaupt, sowie der Aktivistengruppe ACT UP, war in diesen ersten Jahren der Epidemie einer der wichtigsten Protagonisten, was Selbsthilfe und Aktionismus angeht. Sein mit Furor geschriebener, im „New York Native“ veröffentlichter Essay „1,112 and counting” war eine einzige wütende Anklage gegen die Untätigkeit und Ignoranz insbesondere auch unter den Schwulen.

Wütende Anklage gegen die Ignoranz und Untätigkeit

In der Filmfassung seines Stücks hat Kramer nun die Gelegenheit wahrgenommen, seine Geschichte noch etwas umfassender zu erzählen, als dies für die Bühne möglich war. Dazu hat Kramer ein vielschichtiges Figurenensemble rund um Weeks und seine engsten Mitstreiter versammelt, wodurch er die ganze Bandbreite an Reaktionen, Schicksalen und Haltungen innerhalb wie außerhalb der Schwulenszene lebendig werden lassen kann.

Weeks wachsende Wut und Verzweiflung erwächst dabei nicht allein aus der Ignoranz der staatlichen Stellen, vor allem des Gesundheitswesens und des New Yorker Bürgermeisters Ed Koch. Ihn empört vor allem die Passivität der Schwulen selbst, die seiner Ansicht nach sehenden Auges in die Katastrophe gehen. Und jene, die aufgrund ihrer beruflichen Position etwa bei der „New York Times“ oder im Bürgermeisteramt Einfluss ausüben könnten, blockieren jegliche Unterstützung ­­­– aus Angst, sich dadurch selbst als Homosexuelle zu outen.

Kramer und Murphy gelingt etwas, das nicht selbstverständlich ist: nämlich all diese Konflikte sichtbar und verständlich zu machen und auch das gesellschaftliche Klima in die Erinnerung zurückzurufen. Von einem offenen, liberalen Umgang mit Homosexualität war man 1981 auch in New York noch meilenweit entfernt.

Von einem offenen Umgang mit Homosexualität war man noch meilenweit entfernt

Unvorstellbar zu jener Zeit, dass homosexuelle Paare einmal heiraten dürfen. Umso gewichtiger in seiner politischen Dimension erscheint da eine letzte Krankenhausszene: Weeks, der dann doch noch diesen einen besonderen Mann kennen und lieben gelernt hat, aber gleich wieder an die Krankheit verliert, gibt jenem Felix („Glee“-Star Matt Bomer) auf dem Sterbebett wenigstens symbolisch das Ja-Wort.

Ryan Murphy inszeniert solche Szenen erfreulich zurückhaltend, ohne allzu sehr in Kitsch zu verfallen. Auch die Zuspitzungen der Charaktere, die zwangsläufig notwendig sind, enden nicht automatisch in Stereotypen, sondern bleiben Figuren mit Geschichte und Profil. Die widersprüchlichste ist sicherlich Ned Weeks, die Mark Ruffalo allerdings mit etwas zu viel Verve verkörpert.

Eine ganz andere, nachhaltig beeindruckende Darstellung liefert Joe Mantello als GMHC-Mitstreiter Mickey. Mantello, der auch 2011 bei der erfolgreichen Broadway-Neuinszenierung von „The Normal Heart“ auf der Bühne stand, war Mitte der 1980er-Jahre selbst  Helfer bei GMHC.

Prominentes und hochkarätiges Darstellerensemble

Ein Überraschungscoup inmitten des exquisiten Ensembles – von Taylor Kitsch bis Alfred Molina – ist Jim Parsons. Ihn kennt man eigentlich nur als überdrehten Nerd in der Sitcom „The Big Bang Theory“, hier spielt er nun das völlige Gegenteil: einen introvertierten, stillen Mitarbeiter und ruhigen Pol der Gay Men’s Health Crisis, der seine eigenen kleinen Trauerrituale pflegt und nur ein einiges Mal tatsächlich die Fassung verliert: bei einer ergreifenden Rede auf der Beerdingungsfeier für einen Freund. Die ganze Verzweiflung, Erschöpfung und Frustration brechen aus ihm heraus, die unverarbeitete Trauer über die viel zu vielen verstorbenen Freunde. Und auch all die ganze aufgestaute Wut, die schließlich zur Aktivistengruppe ACT UP führen wird.

Axel Schock

 

„The Normal Heart“. Regie: Ryan Murphy, Drehbuch: Larry Kramer. Mit Mark Ruffalo, Joe Mantello, Julia Roberts, Matt Bomer, Alfred Molina, Taylor Kitsch, Jim Parsons

Ausstrahlungstermine:
1.12., 21.00 Uhr, auf Sky Atlantic HD und Sky Go
Ab 2.12., auch abrufbar über Sky Anytime

Weiterführende Beiträge zu Larry Kramer auf magazin.hiv:
Kalenderblatt zu Larry Kramers Wut-Rede „1,112 and counting”

„Die singende Nervensäge“ – Porträt Larry Kramers anlässlich der deutschen Übersetzung seines Romans „Schwuchteln“

 

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Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

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