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Zeitgeschichte

Der Aktivist, der nichts zu verlieren hatte

Peter Staley (54) ist eine der Galionsfiguren der amerikanischen Aids-Bewegung. Seit Ende der 1980er-Jahre schrieb er regelmäßig mit Protestaktionen Schlagzeilen – und trug mit dazu bei, dass Millionen Menschen mit HIV noch am Leben sind.

Dieser Text erschien zuerst im HIV-Magazin hello gorgeousHerzlichen Dank an Herausgeber Leo Schenk, Autor Gerrit Wielinga (Interview) und Fotografin Marjolein Annegarn für die Erlaubnis zur Veröffentlichung. Übersetzung: Corinna Gekeler

Als HIV 1981 zum ersten Mal auftauchte, war ich zwanzig. Aber ehrlich gesagt ging das völlig an mir vorbei. Ich studierte gerade in London Ökonomie und Politikwissenschaft. Davor hatte ich Pianist werden wollen und mich am Konservatorium ausbilden lassen. Aber als ich erkannte, dass ich es nie zu absoluter Weltklasse bringen würde, stimmte mich mein Bruder in Richtung Ökonomie um. Ich hatte einen ausgeprägten Ehrgeiz: Erst an der Wall Street richtig viel Geld verdienen und dann, so mit 30, in die Politik gehen. Schlussendlich, so mein Traum, wollte ich Präsident der USA werden.

Amsterdam

In London hatte ich zum ersten Mal Sex mit einem Mann. Das schmeckte nach mehr, und mir wurde klar, dass ich schwul bin. Nach dem Studium arbeitete ich als Händler an der Wall Street. Weil man damals noch rausfliegen konnte, wenn jemand herausfand, dass man schwul ist, behielt ich diesen Teil meines Lebens aber für mich.

In der Zwischenzeit lernte ich natürlich tolle Männer kennen, zum Beispiel einen Namensvetter in Amsterdam. 1985 stand ich kurz davor, dort hinzuziehen; ich hatte um eine Versetzung innerhalb der Bank gebeten, und im Prinzip war nicht mehr viel zu regeln. Kurz vorher flogen mein Freund und ich in den Urlaub nach Florida. Dort sahen wir dann eines Abends den Fernsehfilm An Early Frost. Das war das erste Mal, dass Aids in einem großen Fernsehnetzwerk auf diese Weise zum Thema gemacht wurde.

Die HIV-Diagnose hat mein Leben völlig verändert

In einer Szene wird der Hauptdarsteller krank und hustet. Mein Freund meinte, dass ich genauso klingen würde. Zurück in New York ging ich zu meinem Hausarzt, der viele Schwule behandelte. Weil er die Symptome kannte, riet er mir, mein Blut untersuchen zu lassen. Die Diagnose HIV traf mich dann wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ich konnte dem Thema Aids nicht mehr aus dem Weg gehen. Wie die Hauptperson in An Early Frost habe ich mich dann als Schwuler und als HIV-positiv geoutet.

Das hat mein Leben völlig verändert. Ich beschloss, nicht nach Amsterdam zu ziehen, und ließ mich krankschreiben. Ich besuchte eine Aids-Selbsthilfegruppe, in der sich etwa zwanzig depressive Männer trafen. Aber das war nicht das, was ich wollte, denn ich war erst 24 und noch lange nicht fertig. Ich wollte kämpfen, mit allem, was ich in mir hatte. Dann erfuhr ich von einer neuen Gruppe, die sich jeden Montagabend traf: ACT UP, was für AIDS Coalition to Unleash Power steht. Ich war sofort dabei. ACT UP war maßgeblich von Aids-Aktivisten wie Larry Kramer gegründet worden, die die Machtlosigkeit der Organisationen, die sich mit Aids beschäftigten, nicht hinnehmen wollten. Es mussten politische Aktionen durchgeführt werden, anstatt nur Reden zu schwingen, denn schließlich starben viel zu viele Menschen, und ein Ende war nicht in Sicht. Die Politik tat nichts, um das Leid der vielen Menschen, die vor ihren Augen starben, zu lindern oder zu verhindern. ACT UP musste Öffentlichkeit und Politik wachrütteln.

Fulltime-Aktivist

Ich beschloss, Vollzeit-Aktivist zu werden. Wegen meines ökonomischen Hintergrunds ging ich erst mal in die Fundraising-Kommission von ACT UP. Aber nachdem ich bei einer Protestaktion einem Journalisten einige gute Zitate geliefert hatte, nahm die Mediengruppe Kontakt mit mir auf. In der Zeit traute sich noch fast niemand mit seiner Geschichte ins Fernsehen. Ich hatte damit kein Problem und ließ mich auf das Abenteuer ein. So wurde ich einer der Sprecher von ACT UP und gab regelmäßig Interviews. Vor allem mein Auftritt in der CNN-Sendung Crossfire mit ihren hohen Einschaltquoten trat damals einiges los.

Zum Glück führten unsere Aktionen schnell zu Ergebnissen

ACT UP war eine besondere Gruppe von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Die Mischung aus hartgesottenen Aktivisten, die in den 70er-Jahren schon für alles Mögliche auf die Straße gegangen waren, und neuen Aktivisten aus Branchen wie den Medien, dem Rechtswesen und dem Bankwesen brachte eine gut geölte Aktivismus-Organisation hervor. Ich fühlte mich wie ein Fisch im Wasser. Schon als rebellischer Teenager hatte ich anderen gerne Streiche gespielt. Jetzt, wo ich aus guten Gründen gegen das System angehen konnte, blühte ich auf. Ich organisierte Demonstrationen und Protestaktionen mit, bei denen ich natürlich immer frech vorneweg ging. Es kam mir oft vor wie ein Spiel, das wir nicht verlieren konnten, weil die Medien auf unserer Seite waren. Und wenn wir verhaftet wurden, hatten wir das beste juristische Team zur Verfügung, um jeden wieder frei zu kriegen. Insgesamt wurde ich so an die zehn Mal festgenommen. Zum Glück führten unsere Aktionen schnell zu Ergebnissen. Die Türen öffneten sich für uns, und bislang unnahbare Institutionen mussten uns plötzlich als wichtige Kraft ernst nehmen. Das gab einen tollen Kick.

Medikamente

ACT UP fiel nach einigen Jahren auseinander, nachdem es zu vielen persönlichen Konflikten gekommen war. Mit ein paar Freunden gründete ich dann die Treatment Action Group (TAG) – schon bei ACT UP hatten wir uns darauf spezialisiert, so viel Wissen über HIV und Behandlungsmöglichkeiten wie nur möglich zu sammeln. Außerdem wendeten wir uns gegen die medizinische Bürokratie. Da wir ab einem gewissen Punkt sogar mehr über HIV wussten als unsere Ärzte, nahmen uns die Wissenschaftler und Spezialisten ernst. Ein großes Hindernis bei der Entwicklung neuer Medikamente war zum Beispiel, dass deren Zulassung so lange dauerte. Alle mussten erst endlos getestet werden, manchmal sogar zehn Jahre. HIV-Positive konnten es sich aber schlichtweg nicht erlauben, so lange auf den großen Durchbruch zu warten, und boten sich als Studienteilnehmer an [in deren Rahmen sie dann Medikamente bekamen; Anm. d. Red.]. Oftmals konnte so die Zeit zwischen Entwicklung und Zulassung sogar auf weniger als ein Jahr reduziert werden.

Abhängig

Nachdem 1996 die Kombinationstherapie zur Verfügung stand, war die entscheidende Schlacht gewonnen. Für uns Überlebende stand plötzlich die Frage im Raum, was wir mit dem Rest unseres Lebens anfangen sollten. Wir würden also überleben, und nun? Ich suchte mir einen Karriere-Coach und kapierte schnell, dass ich beruflich etwas auf die Beine stellen musste. Mir ist nun mal ein Unternehmergeist gegeben, und so ergab sich aus der Kombination meines Wissen über HIV und die rasanten ersten Schritte bei der Entwicklung des digitalen Zeitalters, dass ich www.aidsmeds.com gründete. Auf der Website gab es alle aktuellen Informationen über HIV-Medikamente, aber das Wichtigste war, dass man sich dort selbst über die eigene Erkrankung und Behandlung informieren konnte.

Ich habe nun mal HIV-Aktivismus im Blut

Ich genoss diese Zeit, denn das Projekt hatte Rückenwind, und ich tat gleichzeitig etwas wirklich Sinnvolles. Aber vielleicht genoss ich damals zu sehr. Da ich noch nie Angst vor Drogenexperimenten hatte, wurde ich abhängig von Crystal Meth, einer Sexdroge, die damals gerade aufkam. Als ich merkte, dass ich die Kontrolle über mein Leben verlor, meldete ich mich sofort in einer Entzugsklinik an. Um mich herum sah ich die Verwüstungen, die Crystal hinterließ. Auch viele frühere Mitstreiter schienen für diese Droge sehr empfänglich zu sein – wie Überlebende eines Kampfes, die den Frieden nicht begreifen konnten. Weil die HIV-Infektionsraten wieder stiegen, startete ich auf eigene Kosten eine Posterkampagne. Darauf war ein verführerischer schöner junger Mann mit einer Crystal-Pfeife in der Hand abgebildet. „Nimm Crystal Meth und du bekommst HIV gratis dazu“, lautete der sarkastische Slogan. Die Poster hingen an strategisch gut ausgewählten Stellen in New Yorks und ich bekam sofort die Aufmerksamkeit aller Medien. Das Aktivistenleben hatte ich offensichtlich noch nicht verlernt.

Held

Als mir der Dokumentarfilmer David France erzählte, er wolle einen Film mit altem Archivmaterial aus der Zeit von ACT UP machen, war ich gleich dabei. Ich hatte auch noch alte Videobänder rumliegen. Durch den so entstandenen Film How to Survive a Plague stand ich wieder im Scheinwerferlicht. Es ist aber seltsam, als Held gesehen zu werden. Es ist ja schon merkwürdig genug, dass ich Aids überlebt habe, während so viele Menschen um mich herum gestorben sind. Ich bekomme immer noch Dankesschreiben für das, was ich für Menschen mit HIV getan habe. Inzwischen bin ich in der komfortablen Position, für mein Geld nicht mehr arbeiten zu müssen. Das ist echter Luxus. Aber ich behalte die HIV-Welt im Auge und gebe immer wieder meinen Senf dazu, ob man mich darum bittet oder nicht. Ich habe nun mal HIV-Aktivismus in meinem Blut.

Lesetipps

https://magazin.hiv/2015/05/15/aids-geschichte-wird-gemacht/

https://magazin.hiv/2013/02/05/ein-leben-lang-aktivist/

https://magazin.hiv/2012/03/24/die-kraft-der-wut/

https://magazin.hiv/2011/12/05/die-singende-nervensage/

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1 Comment

  1. 23. Dezember 2015 at 13:48 — Antworten

    spannend, mal wieder von ihm zu lesen …

    „ACT UP fiel auseinander, nachdem es zu viele Konflikten gekommen war“ – das scheitn mir allerdings doch arg verkürzt (wenn nicht verfälschend).

    Die Gründung von TAG, an der Peter ja maßgeblich beteiligt war, zeigt gerade einen der Haupt-Gründe: die Bruchlinie zwischen (politischem) Aids-Aktivismus und (medizinisch orientiertem) Therapie-Aktivismus war zu groß geworden. In den USA führte das zu zwei Gruppierungen mit zwei Wegen.

    In Deutschland war dies damals ebenfalls ein Faktor der zum Ende von ACT UP beitrug (während einzelne ACT UP Aktivisten sich dem Therapieaktivismus zuwandten).

    Die Gründe für das Einschlafen / Reduzieren der Zahl von Gruppen (USA) bzw. für das Ende von ACT UP (Deutschland / Europa) waren aber doch vielfältiger (und sicher nicht nur „persönliche Konflikte“).

    Zu den Gründen des Endes von ACT UP in Deutschland hab ich meine Erinnerungen hier notiert:
    http://www.2mecs.de/wp/2013/06/das-ende-von-act-up-in-deutschland-act-up-erinnerungen-6/

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