Gesellschaft & Kultur
Filmbiografie

Eine ganz gewöhnliche Frau

Oscar-verdächtig: Eddie Redmayne verkörpert in dem feinfühligen Melodram „The Danish Girl“ die Transgender-Ikone Lili Elbe alias Einar Wegener

„Ich kämpfe gegen die Voreingenommenheit des Spießbürgers, der in mir ein Phänomen, eine Abnormität sucht. Wie ich jetzt bin, so bin ich eine ganz gewöhnliche Frau.“ Als Lili Elbe 1931 diesen Satz niederschreibt, hat sie endlich ihr Ziel erreicht. Es war ein langer, schwerer und, wie sich zeigte, auch ein lebensgefährlicher Weg dahin, und ihr blieb nicht sehr viel Zeit, um das hart erkämpfte Glück genießen zu können.

Im Geburtsregister hatte man sein Geschlecht mit „männlich“ bezeichnet, doch Einar Wegener war intersexuell. 1930 unterzog sich Wegener, der sich nunmehr Lili nannte, auf Vermittlung von Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft in Berlin einer ersten geschlechtsangleichenden Operation. Zwei weitere folgten schließlich bei dem Dresdner Gynäkologen Kurt Warnekros. Alle medizinischen Unterlagen darüber sind durch den Krieg verloren gegangen. Dass die Geschichte von Lili Elbe überliefert wurde, ist ihrem posthum edierten Lebensbericht zu verdanken.

Eine filmische Hommage

Der US-Autor David Ebershoff hat ihn als Basis für seinen Roman „The Danish Girl“ verwendet, der nunmehr als Vorlage für den gleichnamigen Film diente. Trotz aller Freiheiten, die sich Ebershoff bzw. Regisseur Tom Hooper dabei herausnahmen: „The Danish Girl“ setzt der Trans*-Ikone Lili Elbe ein sehenswertes filmisches Denkmal und macht sie damit endlich auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Kopenhagen in den späten 1920er-Jahren. Hier lebt und arbeitet das Künstlerpaar Einar und Gerda Wegener. Er hat sich als Landschaftsmaler einen Namen gemacht, sie mit Art Déco-Illustrationen und Porträts. Aus einer Laune heraus und weil ihr gerade ein passendes Modell fehlt, bittet Gerda ihren Ehemann, für sie in Frauenkleidern zu posieren. Was als kleiner Spaß gedacht, wird für ihn zu einem Erweckungserlebnis. In diesem Augenblick wird Einar zu Lili.

Lili Elbe (1930)

Lili Elbe (1930)

Immer häufiger kehrt er bald in dieses andere Ich zurück; zunächst nur im geschützten Raum der eigenen Wohnung, schließlich besuchen Gerda und Lili zusammen sogar gemeinsam Empfänge.

Trotz aller Opulenz, die Tom Hoopers stilvoll ausgestatteter Film gerade in den wenigen Gesellschaftsszenen ausbreitet, zeigt sich seine besondere Qualität in den stillen, kammerspielartigen Passagen. In Szenen wie eben jener, in der Einar seine eigentliche Geschlechtsidentität entdeckt.

Wie selbstverständlich die Perücke über das Haupt gezogen wird. Mit welchem Zartgefühl, gleichsam erregt und beglückt, die Nylonstrümpfe über das Bein gesteift werden und Einar, nunmehr als Lili, von einem Augenblick auf den anderen in eine anmutige Körperhaltung fällt und sich die Gestik, der Gang, ja sogar die Stimme ändert.

Eine minutiöse Studie der Weiblichkeit

Das Erstaunliche dieser minutiösen Studie der Weiblichkeit ist, dass sie nichts von Imitation oder gar Travestie ausströmt. Im Gegenteil: auch dem Zuschauer ist von diesem Moment an klar, dass Einars wahre Identität nur die einer Frau sein kann. Eddie Redmayne gelingt dabei das Kunststück, diese Transzendenz glaubhaft zu machen und sowohl als schmächtiger, zurückhaltender Einar wie als temperamentvolle, anmutige Lili überzeugend zu sein.

Nicole Kidman, Gwyneth Paltrow, Marion Cotillard oder Charlize Theron – sie alle waren in der langen Entwicklungszeit des Films nacheinander für den Part der Lili vorgesehen – hätten es sicher nicht besser machen können.

„Von Beginn an wollte ich, dass Eddie nicht lernt, wie man eine Frau spielt, sondern, dass er in sich geht, um die Frau in sich zu finden“ , sagte Tom Hooper nach der Uraufführung bei den Filmfestspielen in Venedig. Das klingt freilich nach einem typischen PR-Statement, doch Redmayne scheint den Rat tatsächlich beherzigt zu haben.

Mittlerweile wurde der 34-jährige Brite für die darstellerische Leistung bereits für ein Dutzend Preise nominiert. Gut möglich, dass er nach der Rolle des Stephen Hawking in „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ im Februar seinen zweiten Oscar in Folge überreicht bekommt.

Der dänische König annullierte die Ehe

Den zeitgeschichtlichen Rahmen, die gesellschaftlichen Reaktionen auf Einars/Lilis Coming-out bzw. ihren Schritt hin zur Geschlechtsangleichung blendet Tom Hooper überraschenderweise weitgehend aus. Auch, dass der dänische König nach der ersten Operation die Ehe der Wegeners annullierte und damit den Weg freimachte, damit Lili einen Pass auf ihren neuen Namen ausgestellt bekommen konnte.

Stattdessen konzentriert sich Hooper in seiner tableauartigen Erzählweise auf die Geschichte einer Identitätsfindung und einer bedingungslosen Liebe, die über die Geschlechtsgrenzen hinweg Bestand hat. Ehefrau Gerda (Alicia Vikander) hält zu ihrem Mann und steht Lili bis zu ihrem Tode bei. Sie gibt dafür weitgehend ihre eigene künstlerische Karriere wie auch ihre sexuellen Wünsche auf. Was der Film allerdings verschweigt: im wahren Leben hatte sich das Paar getrennt und Gerda Wegener zeitlebens auch lesbische Beziehungen gepflegt.

Gerda Wegener: Lili Elbe (1928)

Gerda Wegener: Lili Elbe (1928)

Was Lili Elbes Ende angeht, so bleiben Roman wie Film bei den überlieferten Fakten. Im Juni 1931 unterzog sich Lili Elbe in der Dresdner Frauenklinik ihrer dritten Operation. Wenige Monate später kommt es zu Komplikationen, und sie leidet unter großen Schmerzen. „Jetzt weiß ich, dass der Tod kommt … ich habe heute Nacht von Mutter geträumt … sie nahm mich in ihre Arme … sie sagte Lili zu mir … und Vater war auch dabei“, schreibt Lili in einem Brief im September 1931.

Wenige Tage darauf verstirbt sie im Kreis ihrer Familie und wird auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof beigesetzt. Ihre Lebenserinnerungen werden noch im gleichen Jahr in Dänemark veröffentlicht, 1932 erscheint das Buch bereits in deutscher Übersetzung.

Wegeners zahlreiche Porträts von Lili Elbe stießen zu ihren Lebzeiten vor allen in Frankreich auf großes Interesse, drei befinden sich in der Sammlung des Centre Pompidou. Anlässlich des weltweiten Kinostarts widmet das Arken Museum of Modern Art in Kopenhagen Gerda Wegener nun erstmals eine umfangreiche Retrospektive.

„The Danish Girl“, Großbritannien 2015, Regie Tom Hooper. Darsteller: Eddie Redmayne, Alicia Vikander, Matthias Schoenaerts, Sebastian Koch. 120 Min., Kinostart 7. 1. 2016

Webseite zum Film: www.thedanishgirl-film.de

 

 

 

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, schreibt seit 2010 Beiträge für aidshilfe.de und magazin.hiv.

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