Prävention & Wissen
Schadensminimierung

„Naloxon ist ein wunderbares Werkzeug für die Polizei“

In den USA gibt es ein massives Drogenproblem, in vielen Bundesstaaten drakonische Drogengesetze – aber auch Tausende Polizist_innen, die das lebensrettende Opiat-Gegenmittel Naloxon dabeihaben.

Wer es nur einmal gesehen hat, glaubt zunächst an ein Wunder. Wie tot liegt der Mensch da, keine Atmung mehr erkennbar. Ein Polizist beugt sich über ihn, nimmt aus einer roten Notfalltasche ein unscheinbares Spray. Einmal ins rechte Nasenloch gesprüht, und in Sekunden erwacht der Totgeglaubte zum Leben, beginnt zu atmen, öffnet die Augen.

Der Sheriff bleibt noch ein paar Minuten am Ort, redet beruhigend auf die Angehörigen und den Verwirrten ein und schreibt sein Protokoll, bis die Sanitäter eintreffen.

Leben gerettet.

Mann hält Medikamentenschachtel mit Naloxon

Fred Thompson, Polizeichef von Laguna Wood, vertraut auf Naloxon

Naloxon: Wundermittel aus der Sprühflasche

Sechzehn Mal haben die Polizisten des Sheriff Departments von Orange County diese Situation in den vergangenen anderthalb Jahren erlebt. Einmal kamen sie zu spät, da hatte die Überdosis Heroin schon zum Tod geführt.

Das Wundermittel aus der Sprühflasche heißt Naloxon, verkauft wird es unter dem Markennamen Narcan. Naloxon ist ein Gegenmittel zu Opiaten aller Art, egal ob Heroin oder Schmerztablette. Es ersetzt in Windeseile die todbringenden Opioide an den Rezeptoren im Gehirn.

Lieutenant Fred Thompson ist ein Mann Anfang Vierzig, ein bisschen untersetzt, blondes Haar mit grauen Strähnen. Er ist Polizeichef von Laguna Woods und seit kurzem Naloxon-Beauftragter des Sheriffs von Orange County.

 

Alles willkommen, was die Zahl der Drogentoten senkt

Jahrelang fuhr er Streife in dem dicht besiedelten Gebiet südlich von Los Angeles, einem schier endlosen Teppich aus Einfamilienhäusern, Einkaufszentren, Autobahnen und Glaspalästen der Tech-Industrie, bekannt aus Fernsehserien wie „The Real Housewives of Orange County“ oder „The O.C.“ Über drei Millionen Einwohner leben hier auf einer Fläche von der Größe des Saarlands.

Drogen sind für Fred Thompson Teil seit vielen Jahren seines Jobs. Im letzten Jahr sind 286 Menschen in Orange County an einer Überdosis Opiate gestorben. Fast 1800 Drogentote in den letzten fünf Jahren. Alles was hilft, die Zahlen zu reduzieren, ist im Sheriff Department willkommen.

Drogen sind für den Polizeichef Teil des Jobs

Ein Mitarbeiter, der von der Ostküste nach Orange County kam, hatte dort 2015 an einem Naloxon-Training teilgenommen. Er schlug vor, das Notfallmedikament auch in Orange County einzuführen.

„An der Ostküste sind sie mit dem Thema weiter, dort machen das schon viele“, erklärt Thompson. „Also machte der Kollege eine Eingabe, und das Sheriff Department sagte, das klingt vernünftig, lasst uns damit anfangen.“

Naloxon wird auch an Laien abgegeben

Der Trend ist überall in den USA zu spüren. Bundesweit nimmt die Zahl der örtlichen Polizeien und Sheriff Departments (das sind die Polizeien der Counties, vergleichbar mit deutschen Landkreisen), deren Mitarbeiter_innen Naloxon mit sich führen, stetig zu – von April 2016 bis Ende 2016 allein von 971 auf 1214.

Bundesweit setzen sich hunderte „Harm Reduction Coalitions“, Schadenminderungs-Initiativen von Bürger_innen vor Ort, für die weitere Verbreitung von Naloxon ein – bei der Polizei, in medizinischen Notfalleinrichtungen oder Drogenberatungen . Aber auch Eltern und Freund_innen von Abhängigen haben vielerorts einen einfachen Zugang zu dem Gegenmittel.

Schnell, einfach und idiotensicher

Entscheidend für den Durchbruch war eine neue Darreichungsform: Das Nasenspray brachte eine große Erleichterung.

Ganz zu Anfang wurde Naloxon noch als Spritze verabreicht, das machte die Anwendung vor Ort sehr kompliziert. Jetzt muss man sich nicht mehr um eine Nadel kümmern oder Angst haben, gestochen zu werden.

Das Spray ist einfach, schnell und idiotensicher. Dazu kommt ein erleichterter Zugang: Zwar ist das Mittel weiterhin grundsätzlich verschreibungspflichtig, in 14 Bundesstaaten aber im Rahmen eines speziellen Programms bei der Drugstore-Kette CVS auch ohne Rezept zu haben.

2015 starben erstmals mehr Menschen durch Heroin als durch Schusswaffen

Es ist auch dringend nötig. Die USA erleben seit ein paar Jahren einen stetigen Anstieg von Todesfällen durch Opiate.

Die nackten Zahlen: 1999 starben insgesamt 8.280 Menschen an einer Überdosis. 2015 waren es 33.092, viermal so viele.

Die Zahl der Herointoten alleine überstieg im gleichen Jahr zum ersten Mal die ebenso horrend hohe Zahl an Menschen, die durch Schusswaffen ums Leben kamen: 12.989 im Vergleich zu 12.979.

Sorgen machen auch Fentanyl und Carfentanyl

Dramatisch zugenommen haben neben den Herointoten auch die Todesfälle durch synthetische Opiate wie Fentanyl. Sorge macht vor allem die zunehmende Verbreitung eines Opiats, das eigentlich als Betäubungsmittel für große Säugetiere gedacht ist: Carfentanyl. Es ist stärker als Fentanyl und sehr viel stärker als Morphium, wird zunehmend mit Heroin gestreckt oder sogar als Heroin verkauft. Die US-Medien überschlagen sich seit einiger Zeit mit Horrormeldungen über den „Elefanten-Tranquilizer“.

Jede Generation hat ihre Drogen

Fred Thompson sieht von seinem Büro im wohlhabenden Aliso Viejo die Opioid-Krise, wie sie von den Medien hier genannt wird, überraschend gelassen: „Ich würde es weniger einen Anstieg nennen als einen ewigen Kreislauf. Jede Generation hat ihre Droge, und diese hier nimmt mehr Heroin und Opiate, also sehen wir da einen Anstieg. Bei den Generationen davor waren es eher Kokain oder Amphetamine.“

Thompsons Revier ist ein unglaublich vielschichtiges Gebilde. Auf engem Raum existiert in Orange County extremer Reichtum und ungeheure Armut nebeneinander.

Drogen nicht als Ursache der Probleme, sondern als Symptom

In Orten wie Newport Beach fahren mehr Teslas und Bentleys durch die Straßen, als ein durchschnittlicher Deutscher im Laufe seines Lebens zu Gesicht bekommt. Keine zehn Kilometer Luftlinie weiter im Land leben vor allem Latinos in von Weißen verlassenen Vororten der Fünfziger- und Sechzigerjahre. „Suburban Decay“ heißt das hier, der Verfall der Vororte. Thompson sieht die Drogen dort nicht als Ursache der Probleme – sondern als Symptom. Die Leute suchen nach kleinen Fluchten.

„Aber ich kann Ihnen auch sagen, es gibt Nachbarschaften, die sind reich, seit ich denken kann, und dort gibt es genauso Probleme. Die Leute werden aus allen möglichen Gründen depressiv. Die Gründe sind so unterschiedlich! Die reichen Kids haben oft jede Menge Zeit und nichts zu tun und genug Geld, um es zu verbraten. Die geraten auf ihre Art in Schwierigkeiten, und die ärmeren Kids, deren Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen, auf eine andere.“

Ausschließlich positive Erfahrungen mit Naloxon

Dennoch passierten elf der 17 Interventionen mit Naloxon allein in Stanton, einer der wirtschaftlich schwächsten Städte des Countys. „Und hier war auch öfter eine Mehrfachdosis Naloxon notwendig, weil die Kids diesen Elefantentranquilizer benutzen.“

Die Einsatzfahrzeuge führen in der Regel zwei Dosen mit. Das Gute ist: Man kann Naloxon nicht überdosieren.

Thompson spricht deshalb auch von ausschließlich positiven Erfahrungen: „Wir konnten bisher kein einziges Mal irgendwelche unerwünschten Wirkungen feststellen. Aber natürlich sind die Personen, an denen wir die Prozedur durchführen, in der Regel in einem schlechten Zustand. Wir haben ja keine Ahnung, was dazu geführt hat, dass sie sich an einem solchen Tiefpunkt in ihrem Leben befinden. Und wir wissen auch nicht, was die Sanitäter machen, die dann in der Regel später eintreffen, um die weiteren lebensrettenden Maßnahmen durchzuführen.“

„Drogenmissbrauch ist ein soziales Problem“

Obwohl der Gebrauch von Heroin in Kalifornien weiterhin illegal ist, haben die Beamten des Sheriffs in keinem der Fälle eine Festnahme durchgeführt: „Lebensrettung geht vor, wir schreiben natürlich einen Bericht und wenn wir später entscheiden, dass es sich in dem Fall lohnt, eine Anzeige zu erstatten, dann würden wir das tun. Wir verfolgen keine einfachen Drogennutzer, aber wenn ein paar Jungs eine Bank ausrauben und sich dann entscheiden, hier setzen wir uns jetzt eine Überdosis, dann wäre das natürlich etwas anderes.“ Das ist aber bisher noch nicht vorgekommen.

„Sehen Sie“, sagt Thompson, „Drogenmissbrauch ist ein soziales Problem, um das sich die sozialen Institutionen kümmern sollten. Wir sind in erster Linie für den Frieden in der Nachbarschaft verantwortlich, das heißt, was uns interessiert ist die Kriminalität, die mit den Drogen einhergeht. Aber mit den immer weiter sinkenden Budgets bleibt es am Ende eben an uns kleben. Wir sind dann die letzten, die übrig sind.“

Die Gesundheitsbehörde hat Naloxon-Beauftragte geschult

Als Naloxon-Beauftragter des Sheriffs sorgt Fred Thompson dafür, dass auch weiterhin stets genügend Naloxon zur Verfügung steht, um die Wagen des Departments damit auszurüsten. Außerdem kümmert er sich darum, dass ausreichend Personal geschult ist, damit im Falle eines Falles alle wissen, was zu tun ist.

Die Gesundheitsbehörde von Orange County, die alle Naloxon-Programme beaufsichtigt, hat zu Anfang der Testphase 39 Beamte des Sheriff-Departments zu Trainer_innen ausgebildet, die nun wiederum im Haus weiteres Personal schulen. Einige hundert der insgesamt über 4000 Polizist_innen wurden in den letzten Monaten in den Gebrauch eingeführt. Ein Video der Herstellerfirma dient dabei als Grundlage.

„Die Kolleg_innen haben alle schon genügend Leute auf Drogen gesehen“

Keine besonders aufwendige Sache, übrigens. Der wichtigste Teil der Ausbildung besteht darin, die Symptome einer Überdosis zu erkennen. „Aber unsere Kolleg_innen draußen sind in der Regel erfahren, die haben alle schon genügend Leute auf Drogen gesehen! Ist eine Person nicht ansprechbar, führt das in den meisten Fällen zu der Idee, es wäre vielleicht nicht schlecht, zum Naloxon zu greifen.“

Thompson findet, das Programm sei in erster Linie ein Dienst an der Gemeinschaft: „Wir sind sowieso in der Nachbarschaft unterwegs, wir sind oft die ersten vor Ort, wir haben einen Kofferraum, warum packen wir da nicht etwas rein, das im Notfall einem Menschen das Leben retten kann?“

Preis für Naloxon steigt – Goldgrube für Pharmafirmen

Ein Griff, der leider immer teurer wird. In Amerikas freiem Pharmamarkt steigt der Preis für Naloxon in den letzten Jahren exponentiell an. Von unter einem Dollar für eine Dosis zum Injizieren auf über 20 Dollar für eine Dosis Nasenspray. Für die Pharmafirmen ist der Naloxon-Boom eine Goldgrube.

In Orange County zahlen die Steuerzahler_innen die Zeche. Das Sheriff Department bekommt sein Naloxon von der Gesundheitsbehörde des Countys, dort sitzt ein Arzt, der die Rezepte ausstellt. Der Sheriff wiederum hat ein Budget, wie jede Behörde. „Damit müssen wir auskommen“, sagt Thompson, „aber bisher hat uns der Preisanstieg keine Probleme gemacht. Schwieriger als die Beschaffung des Naloxons selber ist es immer noch, eine preiswerte und gescheite Tasche dafür zu finden, in der wir das Spray verstauen können.“

Mit Naloxon zeigen, dass die Polizei sich kümmert

Thompson findet die Kostenfrage auch nachrangig: „Wenn es Ihr Kind wäre“, sagt er, „bei wie viel Geld würden Sie uns denn sagen, das ist jetzt aber zu teuer?“

Und was würde der Lieutenant des County Sheriffs deutschen Politiker_innen zum Thema Naloxon ans Herz legen?

Thompson überlegt nicht lange: „Es ist ein wunderbares Werkzeug, den Bürgerinnen und Bürgern zu zeigen, dass wir uns um sie kümmern. Die Polizei sollte Wert darauf legen, die Regeln durchzusetzen, und dafür sind wir da – aber wir zeigen eben auch Mitgefühl!“

Weiterführende Beiträge zum Thema:

CSU in Bayern will Zahl der Drogentoten mit Naloxon-Modellprojekt senken (aidshilfe.de, 22.08.2017)

Gedenktag 21. Juli: Viele Drogentote könnten noch leben (aidshilfe.de, 21.07.2017)

Alternativer Drogen- und Suchtbericht kritisiert deutsche Drogenpolitik (aidshilfe.de, 31.05.2017)

Vorheriger Artikel

Schweden finanziert PrEP bei hohem HIV-Risiko

Nächster Artikel

„Man muss diesem Gegeneinander-Ausspielen entgegenwirken“

Dirk Ludigs

Dirk Ludigs

Dirk Ludigs arbeitet als freier Journalist u.a. für verschiedene TV-Formate, die deutsche LGBT-Presse und das Reisemagazin "Merian". Zuvor war er Nachrichtenleiter des schwulen Senders TIMM und Chefredakteur verschiedener bundesweiter Magazine ("Front", "Du & Ich").

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

81 + = 91