Szene & Community
Schutz durch Therapie

Fucking with HIV

Kurz bevor Rebecca Jackson Sex mit ihrem Freund haben will, sagt er ihr: „Ich bin HIV-positiv.“ Die Nachricht ist für sie zunächst ein Schock. Ihren Weg zu einer entspannten Sexualität dank Schutz durch Therapie hat sie für uns aufgeschrieben

„Ich muss dir was sagen.“

Das sind nicht die Worte, die ich hören will. Eigentlich überhaupt nicht und schon gar nicht jetzt, wo ich nackt und geil bin, und nicht aus dem Mund, den ich gerade geküsst habe.

Portraitaufnahme von Rebecca Jackson

Unsere Gastautorin Rebecca Jackson lebt in einer Beziehung mit einem HIV-positiven Mann

„Ich bin HIV-positiv.“

Und in meinem Kopf dreht sich „Sterben-Kinder-in-Afrika-Tom-Hanks-Haarausfall-Sterben-superabgemagert“.

Das war vor über einem Jahr. Mein Partner, den ich damals einfach weiter küsste, und ich haben seitdem so manche komplizierte Situation durchlebt, sowohl emotional als auch körperlich. Von diesen Erfahrungen möchte ich hier erzählen, denn ich hoffe, dass ich damit die Leute aufklären und etwas gegen das Stigma tun kann, das es rund um HIV immer noch gibt.

Symptome des Stigmas

Wie zeigt sich Stigma? Fangen wir ganz vorne an, mit dem Sich-als-positiv-Outen. Die Reaktionen darauf sind Symptome des Stigmas. Nehmen wir mich als „leuchtendes“ Beispiel – zurück zu meinem Partner:

„Ich bin HIV-positiv.“

„Äh. Pfff. Okay. Puh. Also, äh, okay, darüber muss ich erst mal nachdenken, bevor wir Sex haben.“

Kein „Danke, dass du mir das erzählst!“, kein „Okay, und wie kommst du damit klar?“, kein „Tut mir leid. Aber ich habe gehört, dass das kein Riesenproblem ist. Nimmst du antiretrovirale Medikamente, sodass deine Viruslast unter der Nachweisgrenze ist und HIV nicht übertragen werden kann?“.

„Äh. Pfff. Okay. Puh. Also, äh, okay, darüber muss ich erst mal nachdenken, bevor wir Sex haben.“

Stattdessen fühlt er sich zurückgewiesen. Ausgegrenzt. Und ich habe Angst und Vorurteile und bin sogar enttäuscht. Enttäuscht, dass ich jetzt keinen Sex mehr mit diesem superheißen Typen haben kann, denn wenn ich Sex mit ihm habe, werde ich krank. Oder nicht?

Was ist Safer Sex?

Kann ich mit jemandem, der HIV hat, Safer Sex haben? Die Antwort ist ein ganz klares Ja!

Als Erstes haben wir da eine uralte, sogar vom Vatikan anerkannte Methode: Kondome. Sie bieten guten Schutz gegen die meisten sexuell übertragbaren Infektionen und auch vor HIV, wie wir alle wissen.

Aber ich war trotzdem nervös. Was ist, wenn das Kondom reißt? Oder abrutscht? Was ist Safer Sex? Und mein armes ängstliches Hirn hatte sofort die Antwort parat: „Safer Sex heißt Sex mit Kondomen. Nicht Sex mit jemandem, der HIV hat.“

„Aber ich war trotzdem nervös. Was ist, wenn das Kondom reißt?“

Die Vorstellung, dass HIV-Positive eine Gefahr für „uns andere“ darstellen, ist immer noch weit verbreitet: „Sie“ könnten „uns“ anstecken.

Normales Leben mit HIV

Aber das stimmt nicht mehr. Dank der modernen Medizin heißt HIV-positiv sein heute, eine chronische Krankheit zu haben und jeden Tag eines oder mehrere Medikamente zu nehmen. Und diese Medikamente bewirken, dass man HIV nicht übertragen kann, dass man Kinder haben kann, ohne den Partner oder die Partnerin und ohne das Kind zu infizieren, und dass man ein langes, gesundes Leben führen kann.

Triumeq, Eviplera, Odefsey, Genvoya, Atripla, Stribild – das sind alles Namen von HIV-Medikamenten, die in der Europäischen Union zugelassen und auf dem Markt sind. Um zu verstehen, wie sie wirken, müssen wir uns kurz damit beschäftigen, was eine HIV-Infektion in biologischer Hinsicht bedeutet und wie sich auf das Blut auswirkt.

Also – hier kommt der Wissenschaftsteil. Alle bereit? HIV ist ein Virus, genauer ein Retrovirus. Das heißt, es baut eine DNA-Kopie seines Erbguts in eine Wirtszelle ein, um sich zu vermehren. Es wird also zu einem Teil deiner Zellen, anders als bei anderen Viren, welche die Zellen gewissermaßen „vorübergehend kapern.“

Unter der Nachweisgrenze

Die Viruslast gibt an, wie viele HIV-Partikel in deinem Blut sind. Wenn man sich in Deutschland mit HIV infiziert und zum Arzt oder zur Ärztin geht, bekommt man eine antiretrovirale Therapie (ART) verschrieben. Diese Medikamente blockieren die HIV-Vermehrung und senken die Menge von HIV-Partikeln im Blut. Wenn die Viruslast unter einen bestimmten Wert sinkt, ist HIV zwar noch vorhanden, kann aber nicht mehr nachgewiesen werden. Wenn die Viruslast mindestens sechs Monate unter der sogenannten Nachweisgrenze liegt, kann man andere beim Sex nicht mehr infizieren. Nicht mit Blut, nicht mit Sperma, überhaupt nicht.

Meine Reaktion auf das positive Coming-out meines Partners steht für einen Eckpfeiler des modernen Stigmas rund um HIV. Hätte ich damals gewusst, was ich heute allen erzähle, hätte ich anders reagiert. Wären mehr von uns gut informiert, würde das Stigma vielleicht verschwinden.

„Wären mehr von uns gut informiert, würde das Stigma vielleicht verschwinden.“

Warum wusste ich damals nicht Bescheid? Wie kann es sein, dass ich diese Information nicht hatte? Ich bin 33, hatte jede Menge Sex, bin viel herumgekommen, hatte Sexualkunde in der Schule und spreche mit meinen Freundinnen und Freunden offen über Sex. Außerdem bin ich in der BDSM-Community in Berlin verwurzelt und nehme regelmäßig an Veranstaltungen und Workshops rund um Sexualität, Gender und bewusstes BDSM teil. Meine Freundinnen und Freunde aus dieser und anderen Gruppen gehören den unterschiedlichsten Altersgruppen an, haben die unterschiedlichsten geschlechtlichen und sexuellen Identitäten, und trotzdem hörte ich „HIV“ und dachte „Ahhhh… Philadelphia!“.

Und es macht mir Sorgen, dass ich nicht einfach nur eine einzelne ahnungslose Idiotin bin, sondern für die übergroße Mehrheit stehe. Als ich mich näher damit beschäftigte, habe ich in meinen sozialen Communities, sexuellen Communities und selbst unter Medizinerinnen und Medizinern kaum jemanden gefunden, der darüber Bescheid wusste, abgesehen vielleicht von ein paar Spezialistinnen und Spezialisten. Die Information kommt nicht durch.

Informationen sind der Schlüssel

Aber wird diese Information denn überhaupt kommuniziert und ist sie frei verfügbar? In Deutschland informieren zum Beispiel die Deutsche AIDS-Hilfe und in Berlin die Berliner Aids-Hilfe über „Schutz durch Therapie“. In Großbritannien ist es der Terrence Higgins Trust. Die fahren eine starke Kampagne unter dem Titel „Can’t pass it on“ („Kann es nicht übertragen“), in der es klipp und klar heißt: „Die medizinischen Daten zeigen, dass Menschen unter effektiver HIV-Therapie HIV nicht übertragen können.“

Doch die entscheidende Anlaufstelle für Informationen zu HIV in Großbritannien ist nach wie vor der Nationale Gesundheitsdienst (National Health Service/NHS). Und was sagt der NHS?

Auf der Übersichtsseite zu HIV und Aids heißt es: „Bei Menschen mit HIV, die effektive HIV-Medikamente nehmen und deren Viruslast dadurch unter der Nachweisgrenze liegt, ist das Risiko einer HIV-Übertragung auf andere deutlich verringert.“ Geht man weiter zur Unterseite Prävention, wird dort die Schutzwirkung der effektiven HIV-Therapie – anders als beim Terrence Higgins Trust – nicht erwähnt.

[Anm. der Redaktion vom 12.07.2018: Der Text auf der Seite wurde mittlerweile geändert; es heißt dort jetzt sinngemäß: Wenn Menschen mit HIV eine wirksame HIV-Behandlung machen und die Viruslast seit mindestens sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt, können sie HIV beim Sex nicht übertragen.]

Welche Informationen man zum HIV-Übertragungsrisiko bekommt, hängt unter anderem von den Ärztinnen und Ärzten und vom Wohnort ab. Ich habe festgestellt, dass diese Information bei den Medizinerinnen und Medizinern einfach noch nicht genügend bekannt ist. Ihre Antworten und Empfehlungen sind jedenfalls uneinheitlich und zum Teil überholt, auch wenn man hier In Deutschland weiter ist als in Großbritannien.

Viele Ärzt_innen, viele Meinungen

Im letzten Jahr hatte ich zahlreiche Termine bei Ärztinnen und Ärzten in verschiedenen Ländern, die mich verunsichert und auch meine Beziehung unnötig belastet haben. In der HIV-Spezialpraxis meines Partners zum Beispiel sagt man mir, dass wir keine Kondome benutzen müssen, weil es kein Risiko gibt – er nimmt seine Medikamente regelmäßig ein und seine Viruslast liegt unterhalb der Nachweisgrenze. Bei der Berliner Aids-Hilfe sagen sie das Gleiche. Bei „normalen“ Ärztinnen und Ärzten dagegen oder in der Klinik für sexuelle Gesundheit bekomme ich in Großbritannien und in Deutschland zu hören, ich soll Kondome benutzen und eine PrEP machen, das heißt ein Medikament nehmen, das mich vor einer Ansteckung schützt.

„Da braucht man ja ganz schön viel Vertrauen in die moderne Medizin.“

Auch wenn ich mich online informiere, finde ich beim NHS (und selbst bei aidsmap.com) keine volle Unterstützung für die Aussage der HIV-Spezialistinnen und -Spezialisten. Bei aidsmap.com hört sich das viel zurückhaltender an: „Vielleicht hilft Ihnen das Wissen, dass Sie eine langfristige Beziehung und ein erfülltes Sexleben mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin haben und dabei HIV-negativ bleiben können. Küsse und Umarmungen sind absolut sicher. Kondome bieten einen sehr wirksamen Schutz vor einer HIV-Übertragung beim Sex. Wenn Ihr Partner oder Ihre Partnerin HIV-Medikamente nimmt und die Viruslast unter der Nachweisgrenze liegt, ist das Risiko einer Übertragung vernachlässigbar.“

Ein Freund meinte: „Da braucht man ja ganz schön viel Vertrauen in die moderne Medizin.“ Vielleicht hat er Recht. Natürlich habe auch ich darüber nachgedacht. Was ist, wenn die Medikamente versagen? Was bewirken sie überhaupt? Wie oft ist das schon passiert? Was sagen die Daten?

Okay, für alle, die’s genau wissen wollen: Los geht’s.

Schutz durch Therapie wirkt

2008 war Pietro Vernazza der erste Arzt, der öffentlich bestätigte: „Eine HIV-infizierte Person … unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie (wirksame ART) ist sexuell nicht infektiös, d. h., sie gibt das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter.“ Das sorgte für erhebliches Aufsehen in der medizinischen Community, und viele seiner Kolleginnen und Kollegen nahmen diese neue Erkenntnis in den folgenden Jahren nur sehr zögerlich auf – oder bekämpften sie sogar. Das Statement wurde zu einem wichtigen Dokument für moderne Ansätze der HIV-Prävention und -Versorgung – als Referenzpunkt, aber auch als Dokument, das mitunter (immer noch) Verunsicherung auslöste. Die Studie hinter dem Statement lief über 14 Jahre und beobachtete 393 heterosexuelle Paare, bei denen ein Partner oder eine Partnerin HIV-positiv war und der oder die andere nicht (man nennt das auch serodifferente Paare); den englischen Text des Statements findet man hier, den französischen hier.

Infografik mit Text "Schutz durch Therapie wirkt. 548 heterosexuelle und 340 schwule Paare, bei denen eine Person HIV-negativ und die andere HIV-positiv und erfolgreich therapiert ist, hatten insgesamt 58.000 Mal Sex ohne Kondom. Es gab keine HIV-Übertragung. Quelle ist die Partner-Studie von 2016"

Ergebnisse der PARTNER-Studie 2016

Die nächste sehr bekannte und häufig zitierte Studie war die PARTNER-Studie, die von 2010 bis 2014 lief und deren Ergebnisse erst 2016 veröffentlicht wurden. Sie beobachtete 888 serodifferente heterosexuelle Paare und MSM-Paare (Männer, die Sex mit Männern haben). Ausgewertet wurden insgesamt 1238 „Partner-Jahre“ mit mindestens 58.000 Mal Sex ohne Kondom. Dabei kam es zu keiner einzigen HIV-Übertragung innerhalb der Paare.

Zu den weiteren Studien zum Thema gehören

Kondome schützen. Medikamente auch.

Ich bin eine nachdrückliche Verfechterin des Kondomgebrauchs. Die Kondomkampagnen waren entscheidend für Eindämmung der HIV-Epidemie und sind auch weiterhin wichtig für die Prävention von HIV und anderen Geschlechtskrankheiten, die wir bitte auch nicht vergessen sollten. Dennoch habe ich das Gefühl, dass die Mitglieder der medizinischen Community auch deshalb sehr zögerlich mit neuen Empfehlungen zum Kondomgebrauch sind, weil sie befürchten, dass dies als grünes Licht für kondomlosen Sex verstanden wird. Auch wenn ich nicht glaube, dass dann alle die Gummis wegwerfen und „Orgie!“ schreien – als hätte allein das uns davon abgehalten, brünstig durch die Straßen zu streifen –, so ist doch klar, dass der Kondomgebrauch geschwächt würde.

Niemand wird die Gummis wegwerfen und „Orgie!“ schreien

Deshalb trete ich ebenso für die Förderung des Diskurses über die HIV-Übertragung und -Prävention ein. und die Bekräftigung des mittlerweile ein Jahrzehnt alten medizinischen Beweises für die Wirksamkeit antiretroviraler Therapien (ART) als chemische Barriere, die vor einer Übertragung von HIV schützt. Kondome schützen. Die ART schützt. Wenn HIV-Positive seit mindestens sechs Monaten zuverlässig antiretrovirale Medikamente nehmen, sich regelmäßig untersuchen lassen, eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben und keine anderen Geschlechtskrankheiten haben, ist eine HIV-Übertragung auf ihren Partner oder ihre Partnerin extrem unwahrscheinlich.

Stigma wird immer wieder als eines der zentralen Probleme von Menschen mit HIV genannt. Wenn sie nicht solche Angst hätten, aufgrund ihres Status gemieden, zurückgewiesen oder dämonisiert zu werden, wäre es leichter für sie, offen mit ihrer Infektion umzugehen.

Der einzige Weg, das Stigma zu bekämpfen, ist Aufklärung.

Rebecca Jackson hat ihren Text auf Englisch verfasst. Übersetzung: Literaturtest.

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