„Er hat uns gezeigt, was Optimismus bewirken kann“
Ob bei der Berliner Kontakt- und Anlaufstelle für HIV-positive Migrant*innen, in seiner Kirchengemeinde oder in der mobilen Theatergruppe des Netzwerks AfroLebenPlus: Africa Orngu hat sich um die Menschen gekümmert und Lebensfreude vermittelt – vor allem, wenn er getanzt hat. Am 19. Oktober 2024 ist er nach langer Krankheit gestorben. Melike Yildiz erinnert an ihn.
„Man lebt zweimal“, schrieb Honoré de Balzac, „das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“. Wie also erinnern wir uns an Menschen, die in der Aids- und Selbsthilfe oder in deren Umfeld etwas bewegt haben? Was bleibt von ihnen, wie bleiben sie in unserem Gedächtnis? Mit diesen und anderen Fragen zum Gedenken beschäftigt sich unsere Reihe „Erinnern und Gedenken“ in loser Folge.
Wenn ich an Africa denke, dann zu allererst an sein Lächeln. Vor 20 Jahren bin ich zum ersten Mal zu einem Treffen von BeKAM, der Berliner Kontakt- und Anlaufstelle für HIV-positive Migrant*innen und deren Familien, gegangen und da kam Africa auf mich zu und begrüßte mich mit seinem breiten, einladenden Lächeln. Er hat mir damit vom ersten Moment an das Gefühl gegeben: Hier bin ich richtig. Africa war ein überaus offener Mensch, der auf andere zuging und ihnen allein durch seine Ausstrahlung und durch sein Wesen vermitteln konnte, dass sie willkommen sind – ganz gleich, ob bei Treffen von BeKAM oder bei Gottesdiensten seiner Kirchengemeinde.
Africa war bereits in seiner Heimat Nigeria ein überaus sozial und als Vertreter einer ethnischen Minderheit auch politisch engagierter Mensch. Im Zuge dessen hatte er als Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation die Möglichkeit erhalten, an einem Programm in Deutschland teilzunehmen. Während dieses kurzzeitigen Aufenthalts wurde dann seine HIV-Infektion festgestellt. Zudem musste er überraschend am Kehlkopf operiert werden. Die Behandlungen zogen sich hin – und Deutschland wurde so schließlich zu seiner zweiten Heimat. Seine Frau und seine Kinder konnte er leider nur selten sehen, aber es gelang ihm, den Kontakt aufrechtzuerhalten.
„Der Dialog zwischen den Religionen war für ihn etwas Selbstverständliches“
In Berlin blieb Africa nicht lange allein. Er fand sehr schnell Anschluss, baute sich ein Netzwerk auf und begann, wie schon in Nigeria, sich in Organisationen zu engagieren. Er traf hier auf Menschen, die – wie er immer wieder betonte – seine Ersatzfamilie wurden. Da war zum einen seine Kirchengemeinde, die für ihn ein fester Anker war. Auch dort hat er alle Besucher*innen der Gottesdienste persönlich willkommen geheißen.
Zum anderen gab es BeKAM. Fast 100 Leute der verschiedensten Nationalitäten und Kulturen sind in unserer Chat-Gruppe. Africa, der streng gläubige Christ, war der erste, der zu muslimischen Festen gute Wünsche in die Runde geschickt hat. Für ihn war Religion nichts, was die Menschen trennt, sondern im Gegenteil etwas, das sie verbindet. Das hat ihn von vielen anderen unterschieden. Der Dialog zwischen den Religionen war für ihn etwas Selbstverständliches, die Liebe zu den Menschen und der Glaube an das Gute im Menschen waren Grundpfeiler seines Wesens. Er hat das nicht nur gelebt, er hat es vor allem auch ausgestrahlt.
Schon bevor es Projekte wie „Deine Gesundheit, dein Glaube“ gab, war ihm wichtig, diese beiden Felder – HIV und Kirche – miteinander zu verbinden, also HIV-Prävention für gläubige Menschen zu betreiben. Er wusste, dass ein Teil der Gemeindemitglieder sich nicht testen ließ, falsche Vorstellungen von Übertragungswegen und Behandlungsmöglichkeiten hatte oder keine HIV-Medikamente nehmen wollte. Deshalb war er auch mit Feuer und Flamme bei der Mobilen Theatergruppe des Netzwerks AfroLebenPlus dabei.
„Er hat immer an alle gedacht, an uns als Gemeinschaft“
Auch innerhalb unserer Gruppe HIV-positiver Migrant*innen hatte Africa die Rolle eines Aufklärers und Wissensvermittlers eingenommen. Über unsere Chat-Gruppe hat er nicht nur Grüße zum Fastenbrechen oder zu Weihnachten geschickt, sondern auch Infos über neue Medikamente und Studien zu HIV oder während der Pandemie zu COVID-19. Africa war immer neugierig. Er hat alles gesammelt und mit uns geteilt, was er für wichtig oder hilfreich hielt. Es waren manchmal nur kleine Informationen, aber sie haben anderen in der Gruppe ganz sicherlich geholfen, sie aufgemuntert, angeregt und teilhaben lassen. Er hat immer an alle gedacht, an uns als Gemeinschaft, und hat sich um uns gesorgt. Wenn Menschen in Not waren, war er einer der ersten, der überlegte, wie man ihnen helfen und beistehen kann. So war es für ihn selbstverständlich, sich auch für Geflüchtete aus der Ukraine einzusetzen.
Africa war auf seine Art ein sehr ernsthafter und besonnener Mensch. Der erste oberflächliche Eindruck konnte täuschen. Da wirkte der kleine Mann mit den stets etwas zu großen Anzügen für viele wie ein Witzbold. Ja, er war witzig und gesegnet mit einem überaus ansteckenden Humor – nicht zuletzt auch auf der Bühne des mobilen Aufklärungstheaters. Aber er war so vieles mehr, ein überaus kultivierter Mensch, eine sehr intelligente, optimistische, politisch engagierte, menschenliebende Person. In Berlin hatten wir die Ehre, ihn in all seinen Facetten kennenzulernen.
„Er fing einfach an zu tanzen und lächelte die Menschen an„
Zum jährlichen Karneval der Kulturen in Berlin-Kreuzberg hat Africa die traditionelle Kleidung seines Stammes angezogen und dort mit Stolz präsentiert. Wenn ihm bei dem Umzug die Musik gut gefallen hat, fing er einfach an zu tanzen und lächelte die Menschen an. Es dauerte nie lange, und es tanzten erst ein, dann zwei andere mit ihm mit, bis eine ganze Gruppe sich mit ihm im Takt bewegte.
Africa hat immer Glück ausgestrahlt und Lebensfreude verströmt. Das war keineswegs selbstverständlich, denn er war über viele lange Jahre schwer krank. Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat, den Optimismus nicht zu verlieren und die vielen Aktivitäten zu bewältigen, in die er eingebunden war. So ist es ihm beispielsweise trotz der großen Distanz zwischen Deutschland und Nigeria gelungen, sich um die Erziehung und Ausbildung seiner Kinder zu kümmern. Wie stolz er war, als sein Sohn im vergangenen Jahr das Medizinstudium abgeschlossen hatte! Er hat das mit seiner Familie in Nigeria gefeiert, aber auch mit seiner Wahlfamilie in Deutschland geteilt.
Mit der Zeit aber waren die gesundheitlichen Probleme so schwerwiegend geworden, dass Africa mit seinen Kräften haushalten und sich von vielen Aktivitäten zurückziehen musste. Durch den Kehlkopfkrebs hatte auch seine Stimme gelitten, Theaterspielen war ihm kaum mehr möglich. Auch das Essen bereitete ihm große Probleme. Weil ihm das unangenehm war, zog er sich dafür immer zurück. Bei unseren gemeinsamen BeKAM-Essen, für die wir immer leckere Gerichte aus den unterschiedlichsten Kulturen zubereiten, stand er nie am Herd, denn kochen konnte er wirklich nicht. Aber er hat ein bisschen beim Gemüseschnippeln geholfen und – viel wichtiger – dazu getanzt. Er hat uns immer eine tolle Show geboten und für gute Stimmung gesorgt. Wenn es dann aber ums Essen ging, hatte er immer eine Ausrede parat, warum er nicht mit uns am Tisch sitzen kann. Wir wussten alle Bescheid. Wir haben das selbstverständlich respektiert und ihm von allen Spezialitäten etwas in eine Box gepackt, damit er es zuhause ungestört essen konnte.
„Wenn uns Africa etwas gelehrt hat, dann, niemals aufzugeben und optimistisch zu bleiben.“
Zu Halloween hatten wir eine Party geplant, einen Abend mit Essen, Musik und Tanz. Africa hatte sich darauf gefreut. Doch wenige Tage zuvor ist er gestorben. Nach Feiern war uns nicht mehr zumute. Wir fühlen uns traurig, verlassen und auch hilflos. Wir haben diese Party schließlich zu einem Abschiedsfest umgewidmet und zu guter Letzt doch ein wenig getanzt – Africa zu Ehren. Und ich bin sicher, er hat sich mit uns zur Musik bewegt.
Wenn uns Africa etwas gelehrt hat, dann, niemals aufzugeben und optimistisch zu bleiben – ungeachtet auch des eigenen Gesundheitszustandes. Er hat uns gezeigt, was Optimismus bewirken kann – im eigenen Leben wie in dem von anderen Menschen.
Mittlerweile sind fünf ehemalige Mitglieder des mobilen Aufklärungstheaters gestorben. Das ist ein großer Verlust für das Ensemble, aber auch für mich ganz persönlich. Denn diese Menschen haben mich über Jahre begleitet, und jeder einzelne war Teil meines Lebens geworden. Der Gedanke, dass sie vielleicht irgendwo da oben im Himmel nun gemeinsam Theater spielen, das hat etwas sehr Tröstliches.
(aufgezeichnet von Axel Schock)
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