Eine Wette auf den Tod
Der Oscar-nominierte Dokumentarfilm „Cashing Out“ widmet sich auf differenzierte Weise einem makabren Geschäftsmodell mit Lebensversicherungen von Aidskranken.
Während der Aidskrise in den 1980er- und frühen 1990er-Jahren sahen sich Aidserkrankte nicht nur mit einem nahen Tod konfrontiert, ihnen fehlte oftmals auch das Notdürftigste zum Leben. Viele waren nicht mehr arbeitsfähig oder verloren aufgrund ihrer Infektion ihren Job – und damit zumeist auch ihre Krankenversicherung. Hilfe vom Staat konnten sie nicht erwarten.
In dieser Notlage entstand ein bizarres und moralisch fragwürdiges Geschäftsmodell: Menschen mit Aids, die oft nur noch wenige Wochen oder Monate zu leben hatten, verkauften ihre Lebensversicherungen an private Investor*innen. Diese zahlten einen Teil des Versicherungswertes, der mit dem Tod fällig wurde, – mal nur 30, mal 80 Prozent – sofort aus. Die Anleger*innen erhielten nach dem Tod der Versicherten dann die volle Versicherungssumme. Die Listen, in denen solche Policen zum Verkauf angeboten wurden, nannten nicht nur Auszahlungswert und Kaufpreis, sondern auch die T-Helferzellzahl der Versicherten sowie deren voraussichtliche Lebenserwartung. Ein in jeder Hinsicht makabres Geschäft und für die Investor*innen eine Wette auf den Tod.
Die Listen, in denen Policen zum Verkauf angeboten wurden, nannten nicht nur Auszahlungswert und Kaufpreis, sondern auch die T-Helferzellzahl der Versicherten sowie deren voraussichtliche Lebenserwartung.
Zeitgeschichte trifft Familiengeschichte
Als der heute 26-jährige Journalist und Dokumentarfilmer Matt Nadel von diesem weithin vergessenen Kapitel der Aidsgeschichte erfuhr und beschloss, es in einem Film aufzuarbeiten, schien die Stoßrichtung für ihn klar: Skrupellose Geschäftemacher nutzten das Leid und die Hilflosigkeit Aidskranker aus, um schnelles Geld und hohe Profite zu erzielen. Doch während seiner Recherchen offenbarte ihm sein Vater, dass er selbst zu den ersten Investoren dieser sogenannten „Viatical Settlements“ gehört hatte. Matt Nadel war fassungslos. Die Gewinne aus diesen Investments hatten seine Ausbildung und die Familienurlaube mitfinanziert.
„Ich verstehe mich als jemand, der auf den Schultern von Aids-Aktivist*innen steht, die buchstäblich ihren Körper einsetzen, um eine Welt zu schaffen, in der ich gesund sein, jeden Morgen meine PrEP einnehmen und als schwuler Mann relativ frei leben kann“, erklärte Matt Nadel in einem Interview. Viele Errungenschaften der LGBTIQ-Bewegung seien den Aktivist*innen der Aidskrise zu verdanken – „und nun musste ich feststellen, dass meine Existenz und meine Privilegien in gewisser Weise vom Tod eben dieser Menschen abhingen“.
Matt Nadel, Regisseur„Ich verstehe mich als jemand, der auf den Schultern von Aids-Aktivist*innen steht, die buchstäblich ihren Körper einsetzen, um eine Welt zu schaffen, in der ich gesund sein, jeden Morgen meine PrEP einnehmen und als schwuler Mann relativ frei leben kann.“
Folgerichtig erzählt Matt Nadel in seinem für den Oscar nominierten Dokumentarfilm „Cashing Out“ auch seine eigene Geschichte und lässt darin seinen Vater zu Wort kommen. Vor allem aber gelingt es ihm im Laufe dieses rund 40-minütigen Films, dem Publikum deutlich zu machen, dass der Deal mit Lebensversicherungen aidskranker schwuler Männer in den 1980er-Jahren auch unter moralischen Aspekten komplexer ist, als man zunächst denken würde.
Gründer aus Not
Der wichtigste Zeitzeuge ist gleich in den ersten Filmminuten doppelt zu sehen: als junger Mann Anfang 20 in einer US-Talkshow, in der er sein Geschäftsmodell erklären und verteidigen muss – und als mittlerweile ergrauter Senior, der diese alten Aufnahmen betrachtet und seinem jüngeren Selbst nichts vorzuwerfen hat. „Ich wurde aufs Übelste beschimpft“, erinnert sich Scott Page. „Aber wir kämpften ums Überleben. Ich wusste, dass das, was ich tat, von großer Wichtigkeit war, um Menschen zu helfen, damit sie ihre verbleibende Zeit in Würde verbringen konnten.“
Seine Geschäftsidee war aus einer persönlichen Not heraus entstanden. Pages Lebensgefährte Greg war an Aids erkrankt, die wenigen Ersparnisse waren aufgebraucht und die finanzielle Situation eine zusätzliche Belastung. Scott Page fiel auf, dass Greg neben den Ausgaben für das tägliche Leben monatlich auch eine Prämie für eine Lebensversicherung zahlen musste. Über eine Kleinanzeige bot Page die Police zum Verkauf an – und fand tatsächlich einen Abnehmer. Mit dem sofort ausgezahlten Geld konnte das Paar in ein Haus ziehen, sich einen Golden Retriever anschaffen, Reisen unternehmen und – wenn auch nur für eine überschaubare Zeit – genau das Leben führen, das sich Greg immer erträumt hatte.
Mit dem sofort ausgezahlten Geld konnte das Paar – wenn auch nur für eine überschaubare Zeit – genau das Leben führen, das sich Greg immer erträumt hatte.
Freund*innen und Bekannte baten daraufhin Page, ebenfalls Investor*innen für sie zu vermitteln. Da Banken und Kreditunternehmen, die er zunächst ansprach, abwinkten, nahm er die Sache selbst in die Hand und gründete ein Unternehmen. Dieses sorgte nicht nur für reißerische Schlagzeilen, sondern war auch wirtschaftlich sehr erfolgreich. Weil das Geschäftsmodell den Kleinanleger*innen ziemlich sichere Renditen bot, fand es schnell Nachahmer*innen und wurde sogar mit Fernsehspots beworben. Der Jahresumsatz dieser neuen Branche betrug in den USA zeitweise mehrere Hundert Millionen Dollar.
Persönliche Schicksale, diverse Perspektiven
Matt Nadel unterfüttert diese Geschichte mit reichlich, sehr klug eingesetztem Archivmaterial und nimmt damit auch ein Publikum mit, das bislang wenig oder nichts über die Aidskrise der 1980er- und 1990er-Jahre weiß. Noch wichtiger ist jedoch, dass er mit den Protagonist*innen, deren persönliche Schicksale er erzählt, das moralisch ambivalente Geschäftsmodell aus sehr unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet.
Da sind einerseits Erkrankte wie Greg, die durch diese Deals zumindest ihre finanziellen Sorgen lindern konnten. Oder Sean Strub, der mit den 400.000 Dollar aus dem Verkauf seiner Versicherungspolice das Magazin „POZ“ gründete – das erste Hochglanzmagazin, das sich ausschließlich den Themen HIV und Aids widmet. Und dann ist da die ehemalige Sexarbeiterin Dee Dee Chamblee. Obwohl sie zeitweise nur noch drei T-Helferzellen hatte – die die gläubige Christin „Vater, Sohn und Heiliger Geist“ nannte – überlebte sie die Aidskrise. Eine Police hatte sie jedoch nicht zu verkaufen. Denn, wie sie sagt, eine trans Frau of Color wie sie hätte nicht einmal bei McDonald’s einen Job bekommen, geschweige denn bei einer Firma, die – wie bei Greg – für ihre Angestellten auch eine Lebensversicherung abschloss.
Nadel macht in seinem Film nicht nur deutlich, welche Diskrepanzen selbst unter marginalisierten Gruppen wie schwulen Männern, Drogengebrauchenden, People of Color und Sexarbeiter*innen bestanden. Er zeigt auch, wie politische Entscheidungen – der Abbau sozialer Hilfen und staatlicher Gesundheitsversorgung, die Privatisierung des Gesundheitswesens und die Vernachlässigung des sozialen Wohnungsbaus – Menschen in Armut und letztlich in den Tod trieben. „Cashing Out“ zeigt, wie damals zumindest für eine privilegierte Gruppe unter den Bedürftigen ein Ausweg gefunden wurde.
Rückblick in Zeiten von Kürzungen und Privatisierung
Unter der zweiten Trump-Regierung werden erneut hilfsbedürftige Menschen vom Staat im Stich gelassen: HIV-Programme werden gekürzt, Steuervergünstigungen im Rahmen von Obamacare laufen aus und gefährden damit die einzige bezahlbare Krankenversicherung für Millionen Menschen. Die Einschränkung von Medicaid hat weitere Millionen ihre Absicherung verlieren lassen. Notaufnahmen und Hospizketten wurden privatisiert – deren Anleger*innen nun Gewinne und Renditen erwarten. Vor diesem Hintergrund erscheint das Geschäft mit den Lebensversicherungen Aidskranker in einem neuen Licht.
Mit der Einführung der Protease-Hemmer und der damit verbundenen lebensrettenden antiretroviralen HIV-Therapie war das Geschäftsmodell seinerzeit allerdings schnell erledigt. Manche Investor*innen zahlen bis heute die monatlich fälligen Prämien – und hoffen auf den baldigen Tod der Versicherten. Andere haben ihre Investitionen aufgegeben und alle Ansprüche verfallen lassen. Auch Sean Strub wurde durch die antiretrovirale Therapie gerettet. Sein Magazin „POZ“ existiert bis heute.
„Cashing Out“, das von der Zeitschrift The New Yorker mitproduziert wurde, ist auf deren Website sowie auf YouTube kostenfrei abrufbar.
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