Danke, Rita Süssmuth!
Am 1. Februar 2026 ist Rita Süssmuth mit 88 Jahren verstorben. Wir erinnern mit einem digitalen Gedenkbuch an unser Ehrenmitglied, das den Umgang mit der Aidskrise entscheidend geprägt hat.
Die Deutsche Aidshilfe nimmt Abschied von ihrem Ehrenmitglied Rita Süssmuth. Sie war zu Beginn des Auftretens von HIV in Deutschland an der Entwicklung einer wirkungsvollen Prävention maßgeblich beteiligt und hat sich vor allem gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung HIV-Positiver eingesetzt. (Winfried Holz, Vorstand der DAH)
Das Wörtchen „Dennoch“, schrieb Rita Süssmuth einmal, sei zum Motto ihres Lebens geworden. „Dennoch“, das stehe für das „mutige Anderssein“, für eine konstruktive, auf Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen basierende Auseinandersetzung.
„Als Ministerin für Frauen, Familie und Gesundheit, die sich beim Thema Aids gegen alle Versuche der Ausgrenzung und gegen die Gefahr der Hysterie wandte, brauchte ich dieses Dennoch mehr als zuvor, um gegen unmenschliche Ausgrenzungen Position zu beziehen“, schrieb Süssmuth.
Für ihren unermüdlichen Kampf für Prävention statt Repression wurde die Politikerin 2016 bei ihrer Ernennung zum DAH-Ehrenmitglied deshalb auch von Herzen gefeiert – von Menschen der verschiedensten Generationen.
Wir sind dieser Aktivistin für Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Demokratie sehr dankbar und werden ihr Andenken in Ehren halten.
Wer Bilder (nur mit Einverständnis der abgebildeten Person/en und Fotograf*innen-Angaben), Zitate von Rita Süssmuth oder andere Erinnerungen teilen möchte, kann sich gerne an die Redaktion wenden (redaktion@dah.aidshilfe.de).
Zum Tod von Rita Süssmuth
Rita Süssmuth ist tot.
Noch kann ich es gar nicht fassen – auch wenn ich lange wusste, wie krank sie war.
Mit ihrem Tod geht für mich und für die gesamte Aids-Bewegung in Deutschland eine Ära zu Ende.
Sie war seit 1985 die Symbolfigur, Kampfgefährtin und Freundin all derer, die sich seit dem Aufkommen der Epidemie bemühten, die Menschen mit HIV und Aids aus dem Fokus einer gierigen Umwelt zu nehmen.
Sie war eine Politikerin, die gehört wurde, die Einfluss hatte und diesen nutzte. Mir kamen die Tränen, als ich die zahlreichen Nachrufe auf sie im Fernsehen sah: Wie schön sie war! Wie selbstbewusst! Wie selbstbestimmt! Und wie angegriffen und beschmutzt!
Sie hat uns in unserem Kampf gegen Hass, Diskriminierung und Verunglimpfung immer unterstützt und gestärkt!
Sie war eine Verbündete – in einer Zeit, in der Aids zum Stigma wurde.
Ich wusste mich immer verstanden und gut aufgehoben, wenn wir uns trafen, wenn wir diskutierten und auch stritten.
In meiner Laudatio auf sie anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der DAH im Jahre 2016 habe ich sinngemäß gesagt, dass vieles in Deutschland (damals war es vor allem der Umgang mit Geflüchteten) anders gelaufen wäre, wenn Politikerinnen und Politiker wie sie die Menschen in den Mittelpunkt gestellt hätten, unsere Ängste und Hoffnungen, unsere Nöte und Zuversichten!
In den Nachrufen wurde sie immer als Feministin bezeichnet.
Und sie hat ja auch das Thema „Frau“ wie niemand vor ihr in der deutschen Politik betont.
Aber für mich war sie in erster Linie Philanthropin: Sie hat Menschen geliebt, Frauen und Männer – in welcher Lage auch immer.
Sie hat den Respekt für Menschen aller Couleur in den Mittelpunkt ihrer Arbeit und ihres Lebens gestellt. Das machte sie zu einer Ausnahmefigur. Und für mich zum Vorbild.
Ich verneige mich vor ihr – traurig und dankbar.
Rainer Ehlers
Rita Süssmuth – ein ungeheurer politischer Glücksfall!
Von 1985 bis 1988 war Rita Süssmuth Bundesministerin für Gesundheit, bevor sie als Bundestagspräsidentin „weggelobt“ wurde. Nur drei Jahre! Und doch ist es ihr in dieser Zeit gelungen, ihren Leitsatz zu HIV/Aids „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Betroffenen“ gegen den massiven, vor allem männlich-heterosexuell geprägten Widerstand durchzusetzen. In dieser Zeitspanne erreichten sie und ihr Team auch, die Bürger:innen des Landes von ihrer Linie zu überzeugen. Was für ein Mut! Was für eine Kraft! Was für ein Durchhaltevermögen! Was für eine Leistung!
Natürlich konnte sie das nicht allein schaffen. Sie war klug genug, sich die richtigen Solidarpartner:innen zu suchen: Menschen aus der Zivilgesellschaft, der Wissenschaft, Künstler:innen und viele mehr. Wie sehr habe ich diesen Ansatz in der Corona-Pandemie vermisst!
Warum ist ihr Leitsatz in den Neunzigern eigentlich auch ohne sie an der Ministeriumsspitze weiterverfolgt worden? Wir befanden uns schließlich in Zeiten der sogenannten geistig-moralischen Wende des Bundeskanzlers Helmut Kohl … Ein Grund ist sicherlich, dass der Ansatz, der Prävention den Vorrang einzuräumen und zivilgesellschaftliche Kräfte in die Arbeit einzubinden, eine sehr erfolgreiche Strategie war und ist. Ein anderer Grund ist vielleicht, dass Rita Süssmuth das Thema HIV/Aids nie aus den Augen verloren hat. Sie hat sich viele Jahrzehnte (!) weiterhin institutionell und persönlich engagiert, über die schwierigen Jahre berichtet und neue Themen und Zielgruppen reflektiert.
Und dabei war doch HIV/Aids nur ein Teil ihrer politischen Agenda. Da waren noch ihr Amt als Bundestagspräsidentin, die Frauenrechte, Deutschland als Einwanderungsland, die katholische Kirche, der offene Umgang mit ihrem Brustkrebs und, und, und …
Sie hat die Realität wahrgenommen, wie sie ist, und sie sich nicht „zurechtgebastelt“. In ihrem Kopf war jederzeit Platz für neue Entwicklungen und Erkenntnisse. Das sollten wir uns zum Vorbild nehmen.
„Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Notwendigkeit“, so soll es die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach im 19. Jahrhundert formuliert haben. Dass Rita Süssmuth zu Beginn der Aids-Krise Bundesgesundheitsministerin wurde, war eine solche Notwendigkeit. Die Aidshilfe hat ihr viel zu verdanken. Und ich auch. Danke, Lovely Rita! Wobei sie sicher nicht immer lovely war, wenn sie ihre Ziele erreichen wollte.
Beate Jagla, ehemalige Mitarbeiterin der Aidshilfe NRW und ehemalige Leitung der Geschschäftstelle der Arbeitsgemeinschaft Aids-Prävention NRW
Sie begegnete uns auf Augenhöhe
Im November 1987 besuchte Rita Süßmuth kurz entschlossen das 7. Bundesweite Positiventreffen im Waldschlösschen. Sie begegnete uns auf Augenhöhe, authentisch und an der Situation und den Schicksalen der Teilnehmenden interessiert, nahm sich viel Zeit, um zu fragen und zuzuhören, begleitet von ihrem Berater und Referenten Siegfried Dunde, der später selbst ein Treffen als Teilnehmer besuchte.
Rita Süßmuths liberale Aidspolitik als Gesundheitsministerin von 1985–88 hat nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Aids in Deutschland gehabt und die Gründung von Aids- und Selbsthilfegruppen unterstützt, Süßmuth setzte vor allem auch auf die Kompetenz der betroffenen Zielgruppen, gegen den Widerstand v.a. in ihrer eigenen Partei.
Die Akademie Waldschlösschen und ich als derjenige, der u.a. für die Entwicklung und Durchführung der Veranstaltungen für Menschen mit HIV/Aids ab 1986 verantwortlich war, haben ihr viel zu verdanken. Ohne sie hätte die Akademie Waldschlösschen vermutlich nicht diese Entwicklung genommen. Rita Süßmuth selbst äußerte in einem kurzen Gespräch mit mir vor ein paar Jahren in Hannover, dass sie selbst aus der Arbeit des Waldschlösschens ebenfall einiges für ihren politischen Werdegang gelernt habe.
Ihr bewegender Appell in einem ihrer letzten Interviews: „Gebt nicht auf, haltet durch, wir kämpfen für eine gute Sache!“
Verneigung und großen Dank, lovely Rita!
Wolfgang Vorhagen, Berlin, 1985–2019 päd. Mitarbeiter in der Akademie Waldschlösschen
Weitere Beiträge zu Rita Süssmuth auf magazin.hiv (Auswahl):
In ihrem 2021 erschienenen Buch „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen. Ein Brief an die Enkel“ schreibt Rita Süssmuth, was ihr im Leben wichtig war, wofür sie sich eingesetzt und oft auch mit großer Leidenschaft gekämpft hat. In ihrem sehr persönlichen, aber keineswegs privaten Text ermutigt Süssmuth zum widerständigen Denken, zur Kritik und zum Diskurs, spricht sich immer wieder für eine offene Gesellschaft aus, warnt vor dem Egoismus des Raubtierkapitalismus wie vor den „Rattenfängern“ des Populismus und plädiert dafür, nicht zuerst das Defizit, sondern das Potenzial zu sehen und an die Möglichkeit der Veränderung zu glauben.
Auf dem Frühjahrsempfang 2016 der Deutschen Aidshilfe wurde Rita Süssmuth zum Ehrenmitglied ernannt. Ihr jahrelanges Engagement, vor allem ihr entschlossener und unermüdlicher Kampf in den Achtzigerjahren für Prävention statt Repression, habe vieles beeinflusst oder sogar erst möglich gemacht: Aidshilfe und Selbsthilfe, die Akzeptanz von queeren Lebensweisen oder einen anderen Umgang mit Drogengebraucher*innen und Sexarbeiter*innen, so der Beitrag „Ein Abend für Lovely Rita“ (so wurde sie damals vom Moderator des Abends genannt).
Kalenderblatt: Im November 1985 wird die achtseitige Broschüre „Was sie über AIDS wissen sollten“ in einer Gesamtauflage von 27 Millionen Exemplaren allen bundesdeutschen Haushalten zugestellt. Herausgeberin ist das Bundesministerium für Jugend, Familie und Gesundheit unter Rita Süssmuth. In der Broschüre setzt Süssmuth auf die Eigenverantwortung: „Ich appelliere an Sie: Nutzen Sie diese Informationen. Und handeln Sie verantwortungsbewusst.“ Ihr Appell stellt das Grundkonzept der HIV-Prävention der folgenden Jahrzehnte dar: Aufklärung und Selbstbestimmung – statt Abschreckung und Ausgrenzung.
Diesen Beitrag teilen