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Leben mit HIV in Tadschikistan: Sitora

Von Gastbeitrag
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© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

HIV wird in Tadschikistan stark stigmatisiert, Menschen mit HIV werden diskriminiert. Etwa 17.000 Menschen mit HIV leben dort, davon rund 6.000 Frauen. Sitora ist eine von ihnen. Mehrangez Tursunzoda hat sie einen Tag lang begleitet. Fotos: Nazim Kalandarov

Sitora (Pseudonym) ist Mutter von drei Kindern. Sie ist 40 Jahre alt. Die beiden jüngeren Kinder wurden geboren, nachdem bei Sitora  eine HIV-Infektion festgestellt worden war.

Sie lebt 20 Kilometer vom Zentrum der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe entfernt. Der Bezirk Rudaki in dem sie wohnt, gehört erst seit zwei Jahren offiziell zum Stadtgebiet der Hauptstadt. Um ins Krankenhaus zu gelangen muss sie eine Strecke von 16 Kilometern zurücklegen. Dort befindet sich das Nationale Medizinische Zentrum, das für ihren Bezirk zuständig ist.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Unweit ihres Hauses gibt es eine medizinische Station mit einer Krankenschwester und einer Pflegehelferin. Dort werden Impfungen durchgeführt, doch im Notfall können sie keine medizinische Erstversorgung leisten. Es fehlt an entsprechender Ausstattung und qualifiziertem Personal.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Bevor bei Sitora HIV festgestellt wurde, hatte sie keinerlei Vorstellung von diesem Virus. Von ihrer Infektion erfuhr sie im Rahmen einer verpflichtenden medizinischen Untersuchung, die sie für eine Arbeitsaufnahme absolvieren musste. Sie konnte die Diagnose zunächst nicht akzeptieren, hoffte auf einen Irrtum der Ärzt*innen und weigerte sich, eine antiretrovirale Therapie zu beginnen.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Mit der antiretroviralen Therapie begann Sitora erst, als sich ihr Gesundheitszustand so sehr verschlechterte, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Dort wurde ihr erklärt, dass die HIV-Infektion ein lebensbedrohliches Stadium erreichen würde, wenn sie die Therapie weiterhin verweigere.

Heute erhält sie alle drei Monate in der Poliklinik kostenlos ihre Medikamente, die sie täglich um 21 Uhr einnimmt.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Außerdem bekommt sie einmal im Monat von der Poliklinik Säuglingsnahrung, die für etwa zwei Wochen ausreicht. „Wenn man stillt, ist das etwas ganz anderes. Die Nahrung für dein Kind ist immer bei dir. Du musst dir keine Sorgen machen. In unserem Fall aber muss man ständig darauf achten, dass genug Nahrung da ist, und rechtzeitig neue Säuglingsnahrung kaufen. Etwas anderes isst das Kind nicht“, scherzt Sitora.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Artikel 125 des Strafgesetzbuchs der Republik Tadschikistan stellt die vorsätzliche Übertragung von HIV und das „Exponieren“ anderer gegenüber einer HIV-Gefahr unter Strafe: Wer wissentlich andere Personen einem Infektionsrisiko aussetzt oder sie ansteckt, kann mit mehrjährigen Freiheitsstrafen belegt werden. Darunter fallen auch stillende Mütter.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Sitora berichtet, dass ihr das Tadschikische Netzwerk von Frauen mit HIV geholfen habe, Informationen über HIV zu erhalten. Das Netzwerk organisierte Informationskampagnen, Seminare, Konferenzen und vermittelte Treffen mit einer Psychologin, die Sitora halfen, ihre Angst vor der Ungewissheit zu bewältigen. Später beteiligte Sitora sich selbst an der Durchführung von Veranstaltungen. Aufgrund von Finanzierungskürzungen wurden die Programme im vergangenen Jahr jedoch eingestellt.

© DAH; Foto: Nazim Kalandarov

Sitora verfügt über keine Hochschulausbildung. Sie arbeitete als Küchenhilfe in Restaurants – sowohl in Tadschikistan als auch in Russland. In beiden Ländern, so berichtet sie, seien Menschen mit HIV mit Diskriminierung konfrontiert. „Ich verschiebe die Termine für medizinische Untersuchungen immer unter irgendeinem Vorwand. Arbeitgeber würden mich nicht einstellen, wenn sie von meiner Krankheit wüssten“, sagt Sitora.

Diese Reportage entstand im Rahmen eines Projekts, in dem die Deutsche Aidshilfe gemeinsam mit Expertinnen des Tadschikischen Aids-Zentrums, Kolleg*innen von der Berliner Charité und Frauen aus der tadschikischen HIV-Community zusammengearbeitet hat, um die Versorgung schwangerer HIV-positiver oder drogengebrauchender Frauen zu verbessern. Gefördert wurde das Projekt von Klinikpartnerschaften. Ziel war es, gemeinsam mit HIV-positiven Frauen aus Tadschikistan Multiplikatorinnen aus ländlichen Gebieten auszubilden. Diese sollen Frauen, die nur eingeschränkten Zugang zu HIV-Kliniken haben, professionell zu den Themen HIV, Schwangerschaft, Stillen sowie Schwangerschaft und Drogen beraten können. Ein Beitrag zu diesem Projekt findet sich hier: https://www.aidshilfe.de/medien/md/aidshilfe2024/peer-unterstuetzung-fuer-schwangere-frauen-mit-hiv-in-tadschikistan/

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