Sexualität

Lust auf Reden über Sex

Von Stephanie Kossow
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©The Gender Spectrum Collection | Photo: Zackary Drucker

Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil menschlicher Gesundheit. Hausärzt*innen können dazu beitragen, dass selbstverständlich und sensibel über sie gesprochen wird.

Sexualität ist ein integraler Bestandteil menschlicher Gesundheit. Dennoch wird sie in der medizinischen Kommunikation – insbesondere in der hausärztlichen Versorgung – häufig gar nicht, oder wenn dann nur selektiv und anlassbezogen thematisiert. Dabei ist sie diagnostisch, therapeutisch und präventiv von erheblicher Relevanz. Daher wurde das Sprechen über Sexualität auf dem Fachtag 2025 „Lust auf Reden – Sprechen über Sexualität in der medizinischen Aus-, Fort- und Weiterbildung und Versorgung“, Ende 2025 vom Projekt „Let’s talk about Sex“ der Deutschen Aidshilfe in Berlin durchgeführt, in den Fokus gerückt: Hausärzt*innen begleitenPatient*innen oft über viele Jahre, kennen ihre Lebenskontexte und genießen Vertrauen. Gerade hier sollte das Gespräch über Sexualität einen selbstverständlichen Platz haben.

Sexualität hat viele Dimensionen

Sexualität lässt sich als bio-psycho-soziales Erleben verstehen:

  • Auf biologischer Ebene ist sie an körperliche Funktionen gebunden, die durch Erkrankungen, Behinderungen, operative Eingriffe oder medikamentöse Therapien beeinflusst werden können.
  • Psychisch umfasst sie kognitive Bewertungen, Emotionen, Lernerfahrungen und mögliche Traumafolgen.
  • Sozial ist Sexualität in Beziehungskontexte und kulturelle Normen eingebettet, die Erwartungen und „Skripte“ vorgeben und patriarchal geprägt sind.

Ergänzend werden in der Sexualmedizin drei Dimensionen unterschieden: Lust-, Fortpflanzungs- und Beziehungsdimension (Beier et al. 2017).

  • Die Lustdimension umfasst die landläufig als „Sex“ bezeichneten Aspekte wie sexuelle Appetenz, Erregung oder Orgasmus.
  • Die Fortpflanzungsdimension betrifft (unerfüllten) Kinderwunsch, Zeugung, Empfängnis und Verhütung, Schwangerschaft und Elternschaft.
  • Die Beziehungsdimension spiegelt Bedürfnisse nach Bindung, Anerkennung und emotionaler Nähe wider.

Eine strukturierte Sexualanamnese sollte alle drei Dimensionen berücksichtigen, um Sexualität nicht auf genitale Funktionen oder heteronormative Praktiken zu verengen.

Reden über Sexualität ist nicht nur im Kontext von STIs und Verhütung wichtig

Im Kontext sexuell übertragbarer Infektionen (STIs) und Kontrazeption ist die Notwendigkeit eines Gesprächs über Sexualität noch am offensichtlichsten. Beratung zu Safer-Sex-Praktiken, Impfungen oder Testangeboten sollten zum medizinischen Standard gehören. Allerdings orientieren sich viele Gespräche – so sie denn stattfinden – noch an normativen Szenarien, die queere Lebensrealitäten, „normabweichende“ Präferenzen oder vielfältige Beziehungskonzepte unzureichend oder gar nicht einbeziehen.

Aber auch darüber hinaus besitzt die Sexualanamnese erhebliche diagnostische Bedeutung. Sexuelle Funktionsstörungen sind häufig; die GeSiD-Studie zu Gesundheit und Sexualität in Deutschland weist eine 12-Monats-Prävalenz nach ICD-11 von etwa 13–18 % in der Allgemeinbevölkerung aus (Briken et al. 2020) [das heißt, bei 13 bis 18 Prozent der Allgemeinbevölkerung von 18 bis 75 Jahren tritt innerhalb eines Jahres eine der in der 11. Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-11) gefassten Störungen auf, Anm. d. Red.]. Darunter fallen vor allem

  • die Dysfunktion verminderten sexuellen Verlangens,
  • die Dysfunktion der (weiblichen und männlichen) sexuellen Erregung, insbesondere die ausbleibende Lubrikation und Schwellung der Genitalorgane sowie die fehlende nicht-genitale Reaktion auf adäquate Stimulation
  • die Dysfunktionen des Orgasmus, insbesondere das Ausbleiben des Orgasmus
  • die Dysfunktionen der Ejakulation, insbesondere die männliche vorzeitige Ejakulation
  • sowie sexuelle Schmerzstörungen. .

Der Penis ist die Antenne des Herzens

Dr. Stephanie Kossow

Eine neu aufgetretene, generalisierte Erektionsstörung – also auch bei Masturbation und morgendlicher Erektion – gilt als möglicher Marker einer Störung der Gefäßfunktion und sollte kardiovaskulär abgeklärt werden. Zwischen erektiler Dysfunktion und kardialem Ereignis besteht häufig ein Zeitfenster von zwei bis fünf Jahren (Hackett 2010). Merke: Der Penis ist die Antenne des Herzens. Die frühzeitige Thematisierung kann somit präventiv sein.

Auch unerwünschte Arzneimittelwirkungen können die Sexualität betreffen. Antidepressiva wie beispielsweise selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, blutdrucksenkende Medikamente oder hormonelle Therapien können Appetenz, Erregbarkeit oder Orgasmusfähigkeit beeinträchtigen. Bleiben diese Effekte unangesprochen, kann es zu Non-Adhärenz kommen [also dazu, dass die Medikamente nicht oder nicht nach Vorschrift genommen werden, Anm. d. Red.], sowohl aufgrund realer Nebenwirkungen als auch bereits durch die Befürchtung derselben. Ebenso sollten vor operativen Eingriffen – insbesondere im kleinen Becken – mögliche sexuelle Folgen explizit besprochen werden, auch im Sinne einer informierten Zustimmung (informed consent).

Sexuelle Gewalt und grenzverletzende Erfahrungen sind häufig, bleiben jedoch oft unerwähnt. Traumafolgestörungen verursachen nicht nur individuelles Leid, sondern auch erhebliche volkswirtschaftliche Kosten; für Deutschland wurden jährliche Traumafolgekosten in Milliardenhöhe geschätzt (Heim et al. 2012). Eine sensible, nichtvoraussetzende Gesprächsführung kann Betroffenen ermöglichen, Belastungen anzusprechen.

Positiv erlebter Körperkontakt kann Blutdruck, Herzfrequenz und Stresshormone senken

Dr. Stephanie Kossow

Auch Machtasymmetrien im Gesundheitswesen selbst bergen Risiken. „Professional sexual misconduct“ [auf Deutsch etwa: sexuelles Fehlverhalten im Beruf, Anm. d. Red.] ist ein Tabuthema, obwohl überall dort, wo Abhängigkeiten bestehen, Missbrauch möglich ist. Transparente Information über Rechte, Beschwerdewege und professionelle Grenzen stärkt Patient*innen.

Besonders wichtig scheint mir an dieser Stelle noch mal der Hinweis, dass sexualisierte Gewalt, auch organisierte Formen, auch an Kindern, auch unter Zuhilfenahme von Betäubungsmitteln, kein Randphänomen ist und es von immenser Bedeutung ist, Betroffenen zuzuhören und ihnen Glauben zu schenken.

Soziale und intime Beziehungen beeinflussen Morbidität und Mortalität erheblich. Einsamkeit ist mit einer erhöhten Sterblichkeit assoziiert (Holt-Lunstad et al. 2010). Positiv erlebter Körperkontakt kann Blutdruck, Herzfrequenz und Stresshormone senken (Ditzen et al. 2009). Umgekehrt wirken sich chronisch konflikthafte Beziehungen negativ auf kardiovaskuläre, endokrine [im Blut messbare Hormone und deren Regulationsfaktoren, Anm. d. Red.] und immunologische Parameter aus. Die Beziehungsdimension von Sexualität sollte daher als potenzielle Ressource in der Primärversorgung berücksichtigt werden.

Qualitativ befriedigende Sexualität korreliert weniger mit reiner genitaler Funktion als mit Authentizität, emotionaler Verbundenheit und gelingender Kommunikation (Kleinplatz 2006). Diese Perspektive relativiert eine rein funktionsorientierte Betrachtung sexueller „Leistungsfähigkeit“.

Über Sexualität ins Gespräch kommen

Warum wird dennoch so selten über Sexualität gesprochen? Häufig genannt werden Zeitmangel, fehlende Vergütung, Unsicherheit im Umgang mit Vielfalt sowie persönliche Scham oder mangelnde Ausbildung. Hinzu kommen unreflektierte Normannahmen zu Geschlecht, Körper, Praktiken oder Beziehungsformen.

Stigmatisierung aber wirkt gesundheitsschädlich und erhöht das Risiko für Depression, Angststörungen und Suizidalität. In einer US-amerikanischen Studie berichteten 19 % von BDSM praktizierenden Personen, aus Angst vor Diskriminierung medizinische Hilfe verzögert gesucht zu haben (Wright 2013).

Eine reflektierte, diskriminierungssensible Sprache ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für eine vertrauensvolle Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung.

Dr. Stephanie Kossow

Patient*innen testen die Gesprächsoffenheit häufig indirekt. Reaktionen auf beiläufige Hinweise, inklusive Sprache, das Abfragen von Pronomen oder sichtbare Zeichen von Diversitätssensibilität beeinflussen, ob weiterführende Themen angesprochen werden. Hier kann jede*r von uns einen Unterschied machen!

Die ICD-11 führt Zustände mit Bezug zur sexuellen Gesundheit in einem eigenen Kapitel und entpathologisiert einvernehmliche sexuelle Praktiken sowie Geschlechtsinkongruenz (WHO 2019). Diese Neubewertung unterstützt eine weniger stigmatisierende Versorgung.

Auch die konkrete Wortwahl ist bedeutsam. Begriffe wie „Vaginalausgang“ statt „Scheideneingang“ oder „innere und äußere Vulvalippen“ statt „Schamlippen“ vermeiden normative Zuschreibungen. Eine reflektierte, diskriminierungssensible Sprache ist kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung für eine vertrauensvolle Ärzt*innen-Patient*innen-Beziehung.

Fazit

Sexualität ist weder Randthema noch Spezialdisziplin, sondern Querschnittsaufgabe hausärztlicher Versorgung. Sie liefert diagnostische Hinweise, beeinflusst Therapieadhärenz, eröffnet präventive Chancen und stärkt Gesundheitsressourcen. Voraussetzung ist eine professionelle Haltung, die Vielfalt anerkennt, Sprache reflektiert einsetzt und aktiv Gesprächsangebote macht. Wer Sexualität systematisch in die Anamnese integriert, verbessert die ganzheitliche Versorgung – und nutzt ein bislang unterschätztes Potenzial der Primärmedizin.

Literatur

Beier, K. M., Bosinski, H. A. G. & Loewit, K. (Hrsg.). (2017). Sexualmedizin. Elsevier.

Briken, P. et al. (2020). GeSiD – Gesundheit und Sexualität in Deutschland. Bundesgesundheitsblatt.

Ditzen, B. et al. (2009). Positive couple interaction and endocrine responses. Psychosomatic Medicine, 71(5), 476–482. https://doi.org/10.1097/PSY.0b013e318187aef7

Hackett, G. (2010). The link between erectile dysfunction and cardiovascular disease. International Journal of Clinical Practice, 64(6), 682–696. https://doi.org/10.1111/j.1742-1241.2010.02410.x

Heim, C. et al. (2012). Deutsche Traumafolgekostenstudie.

Holt-Lunstad, J. et al. (2010). Social relationships and mortality risk. PLoS Medicine, 7(7), e1000316. https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1000316

Kleinplatz, P. J. (2006). The components of optimal sexuality. Family Process, 45(3), 333–347. https://doi.org/10.1177/1066480706294126

WHO (2019). International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11).

Wright, S. (2013). Stigma and discrimination against BDSM practitioners. American Journal of Public Health, 103(7), 1139–1147. https://doi.org/10.2105/AJPH.2012.301069

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