Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug der Deutschen AIDS-Hilfe, hat gestern Nachmittag Parlamentsfernsehen geguckt. Die Abstimmung über das neue Gesetz zur Regelversorgung schwerst Heroinabhängiger mit Diamorphin war für ihn ein historischer Moment.

Wie hast du dich gestern Nachmittag gefühlt, als die Abstimmung durch war?

Ich war sehr erleichtert, man fiebert ja mit! Wir haben uns jahrelang um so ein Gesetz bemüht. Es ist für viele Menschen eine Chance, noch einmal neu ins Leben zu starten.

„Viele werden wieder ein normales Leben führen können.“


Es hat lange gedauert, bis es soweit war. Lange Zeit schien die Situation nach den Modellversuchen aussichtslos, weil die CDU gemauert hat. Wieso hat das jetzt doch noch geklappt?

Der öffentliche Druck ist offenbar groß genug gewesen. Es waren ja alle dafür: Die Kirchen, die Polizei, der Deutsche Städtetag … Ironischerweise haben sich sogar die unionsregierten Länder im Bundesrat für ein solches Gesetz stark gemacht. Und die Ergebnisse der Modellstudie sind eben so eindeutig, dass sich die SPD nach langem Zögern entschieden hat, die Sache mit den Oppositionsparteien durchzuziehen.

Und die CDU lässt sich das gefallen?

Man hört, es habe einen Kuhhandel gegeben: Im Gegenzug soll der Fraktionszwang bei der Abstimmung zu den Richtlinien für die Spätschwangerschaftsabbrüche vor ein paar Wochen aufgehoben worden sein.

Was bedeutet das neue Gesetz für die Betroffenen?

Die neue Regelung wird Leben retten – und viele werden sogar wieder ein relativ normales Leben führen können. Die Modellversuche haben gezeigt, dass Diamorphin bei vielen Abhängigen besser wirkt als Methadon. Es kommt zu einer gesundheitlichen Stabilisierung und zu einer erstaunlichen Wiederaufnahme von Arbeit, die Leute können sogar teilweise wieder in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden. Diese Möglichkeiten stehen jetzt endlich allen offen – nicht nur denjenigen, in deren Stadt gerade ein Modellversuch stattfindet.

„Die Behandlung erfordert viel Anstrengung und Disziplin.“

Geht es den Leuten auch auf Dauer besser?

Die Heroinstudie hat gezeigt: Die Haltequote ist hoch, sie liegt bei über 70 Prozent. Und die gesundheitlichen und sozialen Verbesserungen sind keine Kurzzeiteffekte, sie steigern sich sogar immer weiter und erreichen ein unerwartet gutes Niveau.

Die Bedingungen, die man nun erfüllen muss, um Diamorphin zu erhalten, sind erstaunlich niedrig: 23 Jahre alt, fünf Jahre Heroinabhängigkeit, zwei erfolglose Therapien.

Ja, diese Bedingungen erfüllen sehr viele Abhängige. Das ist auch richtig so. Es ist nicht die Aufgabe der Politik, die Kriterien so hoch zu hängen, dass die meisten Leute von vornherein aus dem Programm rausgehalten werden. Das muss die Entscheidung der Ärzte und Sozialarbeiter vor Ort sein.


Kritiker fürchten, die Ambulanzen könnten jetzt von Süchtigen überrannt werden.

Das ist ganz bestimmt nicht zu erwarten. In der Studie hat es viel Aufwand gekostet, die verfügbaren Plätze überhaupt zu belegen. Es handelt sich bei der Diamorphinvergabe um eine aufwändige Behandlung. Die Wirkdauer ist kurz, also müssen die Leute mindestens dreimal am Tag in die Ambulanz. Für die Nacht bekommen sie Methadon mit. Das erfordert von den Teilnehmern, die in der Regel nicht gesund sind, viel Anstrengung und Disziplin. Die Methadon-Substitution ist viel einfacher und auch sehr erfolgreich. Die wird ganz bestimmt nicht verdrängt werden.

„Die Heroinvergabe ist eine Chance zum Ausstieg aus der Sucht.“

Für wen ist denn dann die Diamorphin-Behandlung das Richtige?

Das sind zum Beispiel diejenigen, die in der Substitutionsbehandlung immer wieder aufs Heroin zurückgefallen sind. Für die bleibt oft kein anderer Weg mehr.

Die Kritiker der neuen Regelung wenden auch ein, dass die Abhängigen doch eigentlich von ihrer Sucht loskommen sollten – statt die Droge auf Kosten der Solidargemeinschaft zu bekommen.

Die Heroinvergabe ist eben gerade für die genannte Gruppe auch eine Chance, aus der Sucht auszusteigen! In den vier Jahren Heroinstudie sind 14 Prozent der Teilnehmer in eine Abstinenztherapie gewechselt oder clean geworden. Das ist eine erstaunliche Quote. Schließlich reden wir hier von Leuten, die schon mehrfach versucht hatten, von der Droge wegzukommen.

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Über

Holger Wicht

Holger Wicht, Journalist und Moderator, ist seit 2011 Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe

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