Interview anlässlich des Weltflüchtlingstags

Dr. Thomas Buhk ist Internist und Infektiologe im Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg (ICH) und hilft Flüchtlingen mit HIV – auch wenn sie illegal in Deutschland leben. Die Beratungsstellen wissen das und schicken HIV-positive Migranten zum ihm. Manchmal hilft Dr. Buhk ihnen dann, einen legalen Status zu bekommen. Und manchmal muss er selber am Rande der Legalität handeln.

Herr Dr. Buhk, was tun Sie als erstes, wenn ein Flüchtling mit HIV zu Ihnen kommt?
Wir bestimmen unter einem Pseudonym die Werte. Wenn eine Therapie notwendig ist, empfehle ich den Patienten Rechtsanwälte, damit sie eine Duldung bekommen.

Sie therapieren also keine Menschen in der Illegalität?
Eine dauerhafte HIV-Therapie ist nach meiner Einschätzung nur möglich, wenn jemand legal in Deutschland ist, denn sonst kann ich nicht gewährleisten, dass immer die richtigen Medikamente zur Verfügung stehen. Eine Duldung wird allerdings nur erteilt, wenn es im Herkunftsland keine HIV-Therapien gibt, wie zum Beispiel in vielen afrikanischen Ländern.

„Leben zu retten hat für mich Vorrang. Ich habe keine Angst vor einer Klage.“


Es gibt aber doch sicher auch Fälle, wo Sie schnell handeln müssen.

Natürlich. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Patienten, der hatte 10 Helferzellen, viele Kaposi-Sarkome und Lymphödeme der Beine. Dem habe ich sofort Medikamente gegeben.

Woher nehmen Sie die in solchen Fällen?

Das sind zum Beispiel Restbestände von anderen Patienten. Ich entschuldige mich dann, dass ich leider keine frischen Packungen anbieten kann. Es geht ja nun einmal nicht anders.

Ist das rechtlich ein Problem?
Schon, als Arzt darf ich keine Medikamente ausgeben. Ich habe aber keine Angst vor einer Klage. Wenn sich ein Mensch in Lebensgefahr befindet, dann haben die lebenserhaltenden Maßnahmen für mich Vorrang. Da bin ich ein Überzeugungstäter!

Warum kommen Menschen erst, wenn sie schon so krank sind?
Das ist das große Drama: Sie haben Angst vor der Abschiebung. Aus deren Sicht gehören wir als Ärzte zum System, von dem sie sich bedroht fühlen.

Wie geht es den Menschen psychisch, wenn Sie zu Ihnen kommen?
Sie sind sehr niedergeschlagen, mit viel Angst in den Augen: Was passiert jetzt? Sie fühlen sich ausgeliefert. Ich weiß auch von Menschen, die gestorben sind, weil sie zu spät kamen.

„Manche Menschen in der Illegalität sterben, weil sie Angst haben zum Arzt zu gehen.“

Können Sie ein Beispiel geben?
Besonders nahe gegangen ist mir der Fall einer transsexuellen Latina, die an einem Krampfanfall erstickt ist, weil sie eine Pilzinfektion im Gehirn hatte. Erst war sie viel zu lange nicht zum Arzt gegangen, und dann hat man sie im Krankenhaus, wieder nach Hause geschickt, weil sie keine Krankenversicherung hatte. Dabei hätte man ihre Erkrankung eigentlich gut behandeln können!

Was tun Sie, wenn Menschen in einer solchen Situation zu Ihnen kommen?

Diese Patientin klagte über heftige Kopfschmerzen. Man hätte unter normalen Umständen sicher eine Computertomografie gemacht. Aber die wurde nicht angeordnet – weil sie teuer ist.

Wie finanzieren Sie denn die Diagnostik?
Mit unserem Labor kann ich 50 Prozent Rabatt vereinbaren, dann haben die immerhin ihre Materialkosten wieder drin. Ein Immunstatus kostet dann ungefähr 130 Euro. Wenn die Leute glaubhaft versichern, dass sie das nicht bezahlen können, bekommen wir das im Ausnahmefall auch mal ganz umsonst hin.

Was passiert, wenn die Patienten noch keine Therapie benötigen?

Dann biete ich ihnen an, ihren Krankheitsverlauf für 10, 20 Euro weiter zu beobachten, und sie können in der Illegalität bleiben.

Ist das legal? Es gibt doch so etwas wie eine Meldepflicht für Sie?
Nein, das ist über die Schweigepflicht und meine Behandlungspflicht abgedeckt. Eine Meldepflicht haben Behörden, möglicherweise auch Krankenhäuser. Die melden ihre Patienten auch oft, weil sie Kosten vom Sozialamt erstattet bekommen wollen.

„HIV-positive Flüchtlinge werden ‚umverteilt‘, die Behandlung ist dann nicht mehr gewährleistet.“

Wenn die Menschen einen legalen Status bekommen, werden sie nach dem Asylbewerberleistungsgesetz versorgt. Funktioniert das?
Im Prinzip schon, aber dann taucht hier in Hamburg manchmal ein anderes Problem auf: Die Flüchtlinge werden „umverteilt“ und kommen in irgendein Dorf im Südosten Deutschlands, wo es keine HIV-Spezialisten gibt. Die Fortsetzung der Behandlung ist dann nicht gewährleistet.

Flüchtlinge werden wegen ihrer HIV-Infektion fortgeschafft?
Es werden generell Flüchtlinge umverteilt, weil in Großstädten besonders viele ankommen. Aber ich unterstelle durchaus, dass bei Menschen mit einer teuren HIV-Therapie das Bestreben, sie umzuverteilen, größer ist.

Was muss politisch passieren?
Wir haben in Deutschland ein grundsätzliches Problem. Jeder Mensch, der sich hier aufhält, hat zwar ein Recht auf eine gesundheitliche Basisversorgung. Aber einlösen kann man es nur, wenn man seinen Aufenthaltsstatus offen legt. Wenn man den Menschen ernsthaft helfen will, muss man ihnen ermöglichen, in der Illegalität zu bleiben.

Wäre ein anonymer Krankenschein eine Lösung?
Ja, aber hier in Hamburg mit unserer schwarzgrünen Regierung ist es schwierig.

Ist es nicht besser geworden, seit Ronald Schill weg ist?
Doch, und den Grünen verdanken wir, dass die Situation neu geprüft wird. Aber bisher wird eben auch nur geprüft.

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Über

Holger Wicht

Holger Wicht, Journalist und Moderator, ist seit 2011 Pressesprecher der Deutschen Aidshilfe

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