Fotografie

„Als würde man neben jemandem im Bett aufwachen“: Porträts von Peter Hujar

Von Axel Schock
Porträt eines Manner, der in die Kamera blickt
Peter Hujar, Selbstportrait (II), 1980 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Courtesy of The Peter Hujar Archive / ARS, New York, and Pace Gallery, Fraenkel Gallery, Maureen Paley, and Mai36

Der früh infolge von Aids verstorbene New Yorker Fotograf Peter Hujar blieb zu Lebzeiten ein Geheimtipp. Nun erlebt er als empfindsamer Chronist einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen und sexuellen Emanzipation eine Wiederentdeckung. Aktuell sind Retrospektiven in Berlin und Bonn zu sehen.

Bandbreite männlicher Emotionen

Was genau sehen wir hier eigentlich? Einen Mann, der aus Verzweiflung weint? Oder ist sein Gesicht vor Schmerz oder vielleicht aus Lust verzerrt? Als Hanya Yanagihara ihrem Verlag dieses Foto als Covermotiv für ihren Roman „Ein wenig Leben“ vorschlug, war man dort wenig begeistert. Das Bild schien zu übergriffig zu sein, zu intim, zu herausfordernd. Die New Yorker Autorin aber setzte sich durch. Ihr 2017 auch auf Deutsch erschienenes Buch wurde ein Weltbestseller, und das Umschlagmotiv – da sind sich die Leser*innen einig – fängt die ganze Bandbreite der emotionalen Extreme des Romans – männliche Verletzlichkeit, Schmerz, Verzweiflung und Ekstase – in einem einzigen Ausdruck ein.

Foto von Peter Hujar auf dem Romancover von Hanya Yanagihary © Hanser

Das Bild erfuhr auf diesem Weg eine enorme Verbreitung und Aufmerksamkeit. Was aber viele überraschte: Entstanden ist das Foto mit dem Titel „Orgasmic Man“ bereits im Jahr 1969 – es stammt von Peter Hujar.

Zu Lebzeiten war der 1987 verstorbene New Yorker Fotograf nur mäßig erfolgreich. Lediglich ein Band „Portraits in Life and Death“ – Porträts befreundeter Künstler und Autor*innen wie Susan Sontag, Robert Wilson, Fran Lebowitz und William S. Burroughs neben Fotos von mumifizierten Leichen in den Katakomben von Palermo – hat Hujar zu Lebzeiten veröffentlicht.

Doch seit wenigen Jahren erlebt sein Werk eine erstaunliche Wiederentdeckung. Im vergangenen Jahr kam „Peter Hujar’s Day“ von Ira Sachs in die Kinos. Vorlage für dieses intime Porträt sind Gespräche, die Hujars befreundete Autorin Linda Rosenkrantz im Laufe eines Tages im Jahr 1974 protokollierte. Eine von der Londoner Galerie Raven Row erarbeitete Retrospektive gastiert derzeit in der Bonner Bundeskunsthalle. Parallel dazu wird auch im Berliner Martin-Gropius-Bau mit „Persistence of Vision“ eine Übersicht seines fotografischen Schaffens gezeigt (gekoppelt mit abstrakten Arbeiten der zeitgenössischen Fotografin Liz Deschenes). Hier sind nun auch Originalprints von „Orgasmic Man“ zu sehen.

Intimität, Empathie und Verletzlichkeit

In den Achtzigerjahren wurden einige von Hujars Männeraktfotografien, darunter viele Selbstporträts, vielfach reproduziert. Im Zuge der Gay-Liberation-Bewegung hatten schwule Fotografen damit begonnen, den nackten Mann technisch und handwerklich perfekt in Szene zu setzen, ihn als Motiv in die Fotokunst einzuschreiben und damit ein Tabu zu brechen.

Anders als Robert Mapplethorpe, der mit seiner unterkühlten Ästhetik und inszeniertem Glamour zum Starfotografen erhoben wurde, reduziert Hujar seine Modelle nicht allein auf die Perfektion ihrer Körper. Vielmehr versuchte er in seinen Schwarz-Weiß-Fotografien, deren Persönlichkeit einzufangen. Dazu verbrachte er viele Stunden mit ihnen, bis schließlich das eine, entscheidende Foto gelungen war. Viele der Porträtierten waren ohnehin Freund*innen und Bekannte mit der Bereitschaft, sich vor der Kamera nicht nur zu entblößen, sondern auch zu öffnen.

Peter Hujar gelangen auf diese Weise Bilder, die ganz der Tradition der Porträtfotografie verpflichtet sind und zugleich soviel Intimität, Empathie und Verletzlichkeit ausstrahlen, dass sie bis heute zu berühren vermögen. „Ein Hujar-Porträt anzusehen“, sagt die Fotografin Lynn Davis, „ist fast so, als würde man neben jemandem im Bett aufwachen.“

© Peter Hujar “Larry Ree Backstage (II)”, 1974 © 2025 Tue Peter Hujar Archive/Artists Rights Society (ARS), NY, DACS London and Pace Gallery

Wahlfamilie und beseelte Stadtlandschaften

Im gerade auf Deutsch erschienenen, zwischen Autobiografie und Fiktion changierenden Roman „Foto auf Anfrage“ erzählt der französische Autor Simon Chevrier von einem jungen Sexworker und Grindr-Date-Maniac, der von einem Bild Hujars derart fasziniert ist, dass er in einer obsessiven Recherche versucht, das Schicksal dieses Fotomodells zu ergründen. Das Bild – „Daniel Schook Sucking Toe“ – zeigt einen unbekleideten, sehr gelenkigen Mann, der an seinen eigenen Fußzehen lutscht, und den Betrachter direkt anzuschauen scheint. Eine solche Szene entsteht aus einer Vertrautheit, die sich auf das Bild und schließlich auf die Betrachter*innen überträgt, ohne diese in die Rolle von Voyeur*innen zu drängen.

Das Foto von Peter Hujar spielt eine wichtige Rolle im Roman von Simon Chevrier © Albino/Salzgeber

Hujars Arbeitsweise und Wirkung erinnert stark an Nan Goldin, wenngleich die US-Fotografin ihren erweiterten Freund*innen- und Bekanntenkreis gewissermaßen ganz spontan, aus dem Moment heraus, mit der Kamera festhält. Doch bei Goldin wie bei Hujar fügen sich die einzelnen Aufnahmen in der Gesamtschau zu einem Gruppenporträt eines queeren Netzwerks.

Darüber hinaus hat Peter Hujar auch sein Umfeld mit der gleichen Aufmerksamkeit und Sensibilität im Bild festgehalten wie diese erweiterte Wahlfamilie: etwa die heruntergekommenen West Side Piers in Manhattan – eine morbide Kulisse und zugleich schwule Cruising-Area –, zarte Wellen auf dem Hudson River, Drag Queens, menschenleere Stadtlandschaften sowie Clowns und Artist*innen in einem Zirkus. Er fotografierte aber auch Tiere auf Bauernhöfen in Germantown, einer von Deutschen gegründeten Siedlung unweit von Philadelphia, mit der gleichen Aufmerksamkeit.

Pferde, Hunde und Kühe oder das Wasser im Fluss sind für ihn ebenso beseelt wie der Stadtraum und die darin lebenden Menschen. Nichts ist zu banal, als dass es seine Aufmerksamkeit verdiente; nichts zu intim, als dass man es nicht mit der Kamera festhalten, bannen und zeigen dürfte. Angesichts all des Schmerzes und Leids, der Vergänglichkeit und des Verfalls sucht Peter Hujar beharrlich nach Schönheit, einem Moment des Glücks – und wird fündig.

Post-Stonewall-Nostalgie und queere Geschichtsschreibung

Die hedonistische Revolte, der Aufbruch, die sich in Hujars Porträts der Sechziger- und Siebzigerjahre spiegeln, stimmen nostalgisch. Seine Bilder atmen die Aufbruchsstimmung, den Hedonismus und das Freiheitsgefühl, das die queere Subkultur nach dem Stonewall-Aufstand 1969 in New York erlebte. In diesen Aufnahmen ist zugleich ein New York vor dem Vergessen bewahrt, das durch die Gentrifizierung lange schon verschwunden ist, und eine Kunstszene und Bohéme, die innerhalb weniger Jahre durch Aids einen wahren Kahlschlag erlebte. Mit vielen dieser Menschen war Hujar befreundet, und er hat sie in seiner karg möblierten Wohnung im East Village, die auch als Atelier diente, fotografiert – wie etwa den Künstler Paul Thek, die Schauspielerin und Kolumnistin Cookie Mueller und seinen kurzzeitigen Geliebten, den Künstler, Schriftsteller und Aids-Aktivisten David Wojnarowicz.

Peter Hujar, David Wojnarowicz (Hand Touching Eye), 1981 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Als Peter Hujar am 26. November 1987, nur wenige Monate nach der Diagnose, im Alter von 53 Jahren an einer Aids-bedingten Lungenentzündung in einem New Yorker Krankenhaus starb, fotografierte und filmte David Wojnarowicz den ausgemergelten Leichnam und nutzte die Aufnahmen für künstlerische Arbeiten – seine Form der Hommage und Trauerarbeit.

Drei dieser eindringlichen und ergreifenden Aufnahmen sind in der Bonner Ausstellung zu sehen. Sie bilden ein unerbittliches, fast sakral wirkendes Triptychon, das wie eine moderne Pietà wirkt: das hagere, bärtige Gesicht des Fotografen, seine rechte Hand, die ein Laken zu umklammern scheint, seine blassen Füße mit verkrümmten Zehen, die unter der Bettdecke hervorragen. Entstanden sind diese Aufnahmen im gleichen Krankenzimmer, in dem Hujar viele Jahre zuvor seinerseits Candy Darling, eine Pionierin der US-Trans-Bewegung und Star in vielen Andy Warhol-Filmen, auf dem Sterbebett fotografiert hatte.

Peter Hujar, Selbstportrait (III), 1980 © The Peter Hujar Archive / VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Courtesy of The Peter Hujar Archive / ARS, New York, and Pace Gallery, Fraenkel Gallery, Maureen Paley, and Mai36

Viele Künstler*innen und Akteur*innen dieser Ära, die Teil von Hujars Kosmos waren und von ihm porträtiert wurden – wie Wojnarowicz oder der Performancekünstler und Modedesigner Leigh Bowery – haben in den vergangenen Jahren neue Aufmerksamkeit erfahren. Im Zuge einer Neubefragung der 1980er Jahre zur queeren Geschichtsschreibung, der Aidskrise und der ACT UP-Bewegung rücken diese Menschen wieder in den Fokus. Dabei wird auch deren Einfluss auf nachfolgende Generationen immer deutlich. So erlebt nun Peter Hujar, fast vier Jahrzehnte nach seinem Tod, die verdiente Anerkennung, die ihm zu Lebzeiten weitgehend versagt geblieben ist.

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