Vom Privileg, sich selbst einen Namen gegeben zu haben

Was ändert sich in einer Ehe, wenn eine Person sich zu einer Transition entschließt? Wie wird der Blick des Umfelds auf das Paar? Von den vielen Aspekten der Selbst- und Fremdwahrnehmung erzählt die Dokumentation „Privileg“ über den Transaktivisten Henri Vogel und seinen Mann Johannes, die ein Jahr nach dem Tod des Protagonisten nun ins Kino kommt.
Das Hochzeitskleid ist ein Berg aus Tüll und selbstverständlich in Weiß. Sehr glücklich sieht das Paar auf den Fotos vom Tag der Trauung 2018 aus. Einige Jahre später ist viel passiert, aber beide sind noch ein glückliches Paar, etwas älter geworden, und die Person im weißen Kleid heißt nun Henri. Von seinem Weg erzählt die Langzeitdokumentation von Regisseur Ali Schmahl.
Innerhalb der Transcommunity war Henri Vogel kein Unbekannter; er setzte sich – auch parteipolitisch – für die Rechte von LGBTIQ und insbesondere von trans Menschen ein. Dabei war ihm wichtig, sich nicht auf seine Identität als trans Mann reduzieren zu lassen. „Was mache ich, wenn ich nicht trans bin? Im Garten buddeln“, sagt er ironisch in einer Szene in „Privileg“, während er ein Hochbeet umgräbt. Ali Schmahl hat den 1983 geborenen Henri und seinen Ehemann Johannes mehrere Jahre mit der Kamera begleitet. Es ist gerade kein Porträt eines Aktivisten geworden, also kein Film, der sich zu den aktuellen Diskursen positioniert oder die verschiedenen Lager in den Debatten gegeneinander antreten lässt.
Denn Henri, wie er in einer Szene dezidiert erklärt, wollte nicht für die gesamte Transcommunity sprechen, sondern nur für sich – durchaus ein Dilemma, weil zu wenige trans Personen zu Wort kommen und diese damit faktisch immer für alle sprechen müssen. Doch: „Ich bin Henri, ich bin auch trans. Ich bin aber auch mehr, das nur nicht erzählt wird, weil wir zu wenige Geschichten darüber haben.“
Die Geschichte, die „Privileg“ erzählt, ist eine individuelle, aber vielleicht beispielhafte. Beispielhaft dafür, wie Menschen erst nach und nach zu ihrer geschlechtlichen Identität finden und erst im Nachhinein mögliche Anzeichen in der eigenen Kindheit und Jugend zu deuten wissen. Dass Henri etwa beim Spielen mit anderen immer in männliche Rollen geschlüpft war, war ihm als Kind nie aufgefallen. Dass er sich als Mann fühlte und was dies bedeutete, wurde Henri erst als Erwachsener bewusst. Als der Entschluss fiel, künftig als Mann zu leben und nicht nur den Vornamen zu ändern, sondern auch den eigenen Körper anzupassen, war Henri bereits zwei Jahre mit Johannes verheiratet.
Zwei sich liebende Männer, aber kein schwules Paar
Im Film erscheinen Henri und Johannes als ein Paar, das mit sich im Reinen ist und auf die gegenseitige Liebe und das Vertrauen bauen kann. Welche Ängste und Konflikte zuvor vielleicht durchstanden werden mussten, klammert der Film aus, sie schimmern aber in den Gesprächspassagen durch. Ob er denn das Gefühl habe einen weiblichen oder einen männlichen Körper zu berühren, fragt Henri in einer Szene seinen Ehemann und der muss tatsächlich erst ein wenig nachdenken. „Ich berühre einfach den Körper des Menschen, mit dem ich gerne kuschle und mit dem ich gerne zusammen bin“, antwortet Johannes.
Beide tragen Brille, Bart und fast identische Schiebermützen, auch ihre Jacken ähneln sich. In der Öffentlichkeit wurden sie oft als schwules Paar gelesen und deshalb etwa bei einer Zugfahrt schwulenfeindlich beleidigt. Doch Johannes versteht sich keineswegs als schwul. „Ich bin genauso wie vorher.“ Eine Zeitlang sei es ihm wichtig gewesen, dies richtigzustellen, inzwischen stört es ihn nicht mehr.
Ali Schmahl gibt den beiden den Raum, um von alldem erzählen zu können. Dass die Produktion mit einem geringen Budget auskommen musste, ist deshalb sogar ein Vorteil. Die Statements sind nicht aufwendig in Szene gesetzt, die Lebensgeschichten nicht dramatisiert. Luftaufnahmen von Berlin und Impressionen von queeren Events wie dem CSD dienen als Schnittbilder zwischen den Gesprächspassagen.
Menschen, die sich bereits intensiver mit dem Themenfeld Transition und der rechtlichen wie politischen Situation befasst haben, werden wenig Neues erfahren. Sie lernen in „Privileg“ vor allem einen zugänglichen, sympathischen Aktivisten und ein auf den ersten Blick unspektakuläres Männerpaar kennen. Dies ermöglicht gerade einem Publikum, das bislang kaum oder noch nie trans* Personen begegnet ist, einen niedrigschwelligen Zugang zur Thematik.
Dazu dienen auch die eingeblendeten Texttafeln zu Stichworten wie „Drag“, „LBTQIA+“, „Religion“, „Transidentität“ und „Beziehung“, die wie Kapitelüberschriften funktionieren und zugleich die Begriffe kurz und verständlich erklären. Für das Kapitel „Politik“ hat Ali Schmahl die erste trans Kommandeurin der Bundeswehr, Anastasia Biefang, als Gesprächspartnerin dazu geholt. Einig sind sie sich darin, dass von den Parteien außer Lippenbekenntnissen nicht viel Unterstützung oder Willen zur Veränderung der Situation von trans* Personen zu erwarten sei. Im Gegenteil, die Abwehrgefechte in der Gesellschaft werden stärker, der Backlash nimmt zu.
„Zum CSD auf die Straße zu gehen, reicht nicht“
Trans Personen seien, sagt Henri, „eine verschwindend geringe Minderheit, mit der man sich aber mit einer 110-prozentigen Kraft abarbeiten muss.“ Doch es gebe zu wenige politisch aktive und vernetzte Personen, die diesen Entwicklungen wirkungsvoll etwas entgegensetzen könnten. „Einmal im Jahr zum CSD auf die Straße zu gehen, reicht nicht“, sagt Henri. Anders als die schwulen Männer schaffe es die Transcommunity nicht, tragfähige politische Strukturen zu entwickeln.
Ganz zuletzt im Film fällt schließlich auch das Stichwort, das diesem Film seinen Titel gab. Die Frage nach Privilegien mag in diesem Kontext überraschen. Doch Henri fühlt sich tatsächlich privilegiert – nicht als weißer, gebildeter Mann, sondern weil er als trans Person darüber reflektieren und befinden könne, „wer ich sein will, auch in körperlicher wie geschlechtlicher Hinsicht“. Das könnten natürlich auch andere Menschen tun, trans Personen seien jedoch in einer Situation, in der sie sich notwendigerweise damit auseinandersetzen müssten. Und das führt unmittelbar zu einem sehr persönlichen Privileg: „mir selbst einen Namen gegeben zu haben“.
Als „Privileg“ im vergangenen Jahr uraufgeführt wurde, fehlte die Hauptperson. Henri Vogel, der zuletzt als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin arbeitete, war nur wenige Wochen vor der Filmpremiere bei einem tragischen Unfall während eines Forschungsaufenthaltes für sein Promotionsprojekt in Südafrika ums Leben gekommen (Nachruf auf queer.de).
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