Was wären wir ohne sie? – Eine Verneigung vor Rita Süssmuth
Rita Süssmuth hat während der Aids-Krise im Wortsinne Entscheidendes geleistet. Sie hat Leben gerettet, die Menschenwürde verteidigt und wirkungsvolle HIV-Prävention ermöglicht. Sie begegnete uns auf Augenhöhe – was Ehrfurcht nicht ausschließt. Im Gegenteil.
Am Ende läuft alles auf eine Frage hinaus: Was wären wir ohne sie? Wir, die Aidshilfe. Wir, die von HIV betroffenen oder bedrohten Menschen. Wir, die wir Minderheiten angehören. Wir, die Gesellschaft. Ja, so hoch dürfen wir aufhängen, was Rita Süssmuth für uns getan und vorgelebt hat.
Es gibt keine Glaskugel, mit der sich in alternative Geschichtsverläufe schauen ließe. Wir können nie wissen, was genau passiert wäre, wenn eine historische Persönlichkeit nicht getan hätte, was sie getan hat. Aber wir brauchen eine solche Glaskugel nicht, um festzustellen: Ohne Rita Süssmuth wäre es vielen Menschen sehr viel schlechter ergangen. Aids wäre in Deutschland eine noch viel größere Katastrophe geworden. Der Umgang mit marginalisierten Menschen hätte in den 80er Jahren sehr wahrscheinlich einen anderen, einen unheilvollen Weg genommen. Die Deutsche Aidshilfe gäbe es in der jetzigen Form vermutlich nicht.
Und nicht zuletzt: Wie viel Inspiration, wäre verloren gegangen!
Als Rita Süssmuth 2016 im Heimathafen Berlin die Ehrenmitgliedschaft der Deutschen Aidshilfe verliehen bekam, erklärten „Ritas Enkel*innen“ – junge Menschen mit und ohne HIV –, wie deren Empathie und ihre Unbeugsamkeit sie heute noch inspirieren. Der ehemalige Pfarrer Rainer Ehlers würdigte, wie die „liebe Rita“ damals in Zeiten der Panikmache einen klaren Kopf behalten und sich mit ihrem Konzept der Aufklärung gegen massive Widerstände durchgesetzt habe. Süssmuth selbst schlug schließlich, wie sie das eigentlich immer tat, den großen Bogen von HIV/Aids zu den Rechten von Frauen, sexuellen Minderheiten und Menschen, die aufgrund ihrer Herkunft ausgegrenzt würden – weil es ihr ein Anliegen war.
Muss erwähnt werden, dass Standing Ovations folgten? Ein bisschen war es, als würde eine Messe für das Wahre, Schöne, Gute gelesen. Die Deutsche Aidshilfe habe ihren Frühjahrsempfang zu „Süssmuth-Festspielen“ gemacht, befand der Journalist Paul Schulz hinterher und bekräftigte, das sei die richtige Entscheidung gewesen.
Falls nun jemand argwöhnt, das alles sei zu viel des Guten, wer Pathos oder vielleicht sogar Personenkult wittert, möchte ich entschieden widersprechen. All dies ist der Person und ihrer historischen Leistung angemessen. Ich gebe gerne zu, dass ich Rita Süssmuth in internen Gesprächen sogar manchmal halbironisch als unsere Schutzheilige bezeichnet habe. Und der Blogger Johannes Kram kommentierte nach ihrem Tod lapidar: „Rita Süssmuth war unser Schutzengel. Nicht auszudenken, wie es sonst gewesen wäre.“
Eine Politikerin von einem anderen Stern
Die religiösen Metaphern sollen ihr freilich nicht das Politische nehmen. Denn das war ja gerade das Faszinosum: Sie wirkte erfolgreich in der Politik, obwohl sie manchmal von einem anderen Stern zu sein schien. Wie schaffte sie das? Was trieb sie an? Warum hielt sie durch? Diese Fragen zu beantworten gehört für mich zu ihrem Erbe, das wir dankbar annehmen sollten.
Ich dachte, wir verlieren diesen Kampf
Wer ihr begegnete, konnte die Antworten förmlich spüren. Etwa, wenn sie immer wieder von der Nacht erzählte, als alles auf dem Spiel stand. Es war die Nacht der Koalitionsverhandlungen von CDU/CSU und FDP im Jahr 1987. Es war auch ihr 50. Geburtstag, doch es sah nicht gut aus für sie und die Menschen für die sie kämpfte. In einer Fernsehserie wäre diese Situation der tragische Tiefpunkt vor dem Sieg der Menschlichkeit.
Rita Süssmuth sah sich in dieser Nachtsitzung mit einem Affront konfrontiert: Als es in den Verhandlungen um Aids ging, erteilte Bundeskanzler Helmut Kohl zuerst dem bayerischen Staatssekretär Peter Gauweiler von der CSU das Wort, dem bayerischen Scharfmacher, der Aidskranke isolieren und Homosexuelle zwangstesten wollte – also nicht ihr, der amtierenden Bundesgesundheitsministerin mit ihrem Konzept einer solidarischen und liberalen Prävention. Sie sollte am liebsten gar nicht sprechen.
„Ich dachte, wir verlieren diesen Kampf“, sagte Rita Süssmuth immer wieder, wenn sie diese Geschichte erzählte, und es ist kein Zufall, dass sie stets „wir“ sagte, nicht „ich“. Dabei war noch Jahrzehnte später die Sorge in ihrer Stimme spürbar, die sie damals umgetrieben haben muss.
Doch Rita Süssmuth war keine, die aufgab. Zwei Jahre vor dem 2. Weltkrieg geboren, hatte sie in der Nachkriegszeit den Wiederaufbau erlebt, und wie in der Gesellschaft insgesamt sei in ihr angesichts der Mammutaufgabe ein „Das-wollen-wir-doch-mal-sehen“ gewachsen. So erzählte sie es, bereits schwer erkrankt, anlässlich ihres erklärtermaßen letzten Buches „Über Mut“ in einem sehr lesenswerten Interview mit Waltraud Schwab in der taz. Ihre unerschrockene Beharrlichkeit verband sich in ihr mit einer kompromisslosen Menschenfreundlichkeit zu einer Haltung, die parteipolitisches Lavieren armselig aussehen ließ.
Von höherer Warte
Meine erste persönliche Begegnung mit Rita Süssmuth fand vor langer Zeit bei einem HIV-Kongress in Berlin statt. Sie saß auf einem Podium und diskutierte unter anderem mit zwei schwulen Bundestagsabgeordneten. Ich weiß nicht mehr, worum es ging. Aber ich erinnere mich, wie die beiden mit ihren Positionen routiniert aufeinander losgingen. Bis schließlich Rita das Wort ergriff und erklärte, worum es hier doch eigentlich gehe. Die beiden verstummten und schauten verdutzt und etwas schuldbewusst aus ihren Anzügen; sie wirkten plötzlich wie Schulbuben beim Direktor. Wie vermutlich viele im Saal müssen sie gespürt haben: Hier spricht jemand von einer höheren Warte.
Politiker*innen erklären oft formelhaft, was „gut für die Menschen“ sei. Für Rita Süssmuth war die Frage danach der Ausgangpunkt ihres Denkens. Sie meinte es ernst, und sie meinte alle Menschen. Genau deswegen war sie nie bereit klein beizugeben oder sich der Parteidisziplin unterzuordnen.
Dass sie, angezählt in der Nacht ihres 50. Geburtstages, nicht aufgab und am Ende siegte, hat sie später als den „entscheidenden Moment ihres Lebens“ bezeichnet. Zwar wurden Süssmuths Pläne im Koalitionsvertrag durch repressive Elemente ergänzt. Doch sie blieb Gesundheitsministerin und machte weiter – und setzte schließlich durch, was als die „Süssmuth-Linie“ berühmt wurde.
Sie setzte sich durch gegen den granteligen Machtmenschen Kohl. Gegen ihren Widersacher Peter Gauweiler. Gegen die Angst, die die Boulevardmedien schürten. Gegen die konservativen Moralwächter, die von einer „Strafe Gottes“ fabulierten, die über Schwule und Junkies gekommen sein sollte. Gegen die Pläne, „Risikogruppen“ zwangszutesten. Gegen Phantasien, HIV-positive Menschen mit Tätowierungen zu kennzeichnen. Gegen die bayerischen Pläne der „Absonderung uneinsichtiger Infizierter“.
„Lovely Rita“, wie sie bald von denen genannt wurde, die in ihr eine starke Bündnispartnerin gefunden hatte, zeigte all den „Christen“ und „Christdemokraten“ und „Christsozialen“ ihr ganz persönliches Verständnis von Christentum und Demokratie. Das wurzelte in der katholischen Soziallehre und lief hinaus auf: Menschenwürde und Akzeptanz, Eigenverantwortung und Unterstützung.
Auf Augenhöhe
„Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken.“ Rita Süssmuth wurde nicht müde, diesen Grundsatz zu erklären und zu verteidigen. Aus dieser Haltung erwuchsen Aufklärung über Infektion und Schutzwege, aber auch Prävention, die Menschen in einem umfassenderen Sinne stark macht. Die Grundlagen dafür hatte bereits ihr Amtsvorgänger Heiner Geißler gelegt, der Sondergesetze zu HIV/Aids verhinderte.
Alte Strategien der „Seuchenbekämpfung“ wie das Aufspüren und Isolieren von Infizierten, wurden ersetzt durch eine „gesellschaftliche Lernstrategie“, in der alle gemeinsam Verantwortung tragen. Statt die Konservativen mit ihrer Sündenbock-Rhetorik durchkommen zu lassen, machte Rita Süssmuth die von Aids gebeutelten Gruppen zu ihren Partner*innen auf Augenhöhe; sie waren nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. Sie begriff: Diese Menschen wussten am besten, was jetzt zu tun war, was sie brauchten, um sich zu schützen.
Die praktizierende Katholikin Süssmuth fand sich nun aufgrund ihrer Offenheit inmitten fordernder, schwulenbewegter Männer wieder. Mit anderen an ihrer Stelle wäre die Sache vermutlich böse ausgegangen. Für Rita Süssmuth jedoch war ihr Glaube tatsächlich der Schlüssel: Ein Weg, der Ausgrenzung von Menschen beinhaltete, sei für sie als Christin schlicht nicht in Frage gekommen, erklärte sie mir bei unserer zweiten Begegnung.
Gut beraten – und offen dafür
Das war 2017, wir hatten sie mit einer kleinen Abordnung der Deutschen Aidshilfe in ihrem Büro besucht. Es befand sich in dem Gebäude am Brandenburger Tor, in dem ehemalige Inhaber*innen hoher Staatsämter residieren. Wir waren gefühlt minutenlang an einer langen Wand aus noblem hellen Holz entlanggegangen, mit zahlreichen Türen, an denen der Name Dr. Helmut Kohl stand. Dann kam das Büro der Frau, die Kohl zur Bundestagspräsidentin weggelobt hatte.
Wir wollten die Vorkämpferin aus den Anfangstagen von Aids für unsere Kampagne „Kein Aids für alle!“ gewinnen, die Aids in Deutschland zu einem Fall für die Geschichtsbücher machen sollte. Es ging darum, mehr Menschen eine frühe Diagnose und Behandlung zu ermöglichen und damit das längst vermeidbare finale Stadium der HIV-Infektion zu ersparen.
Was können wir gemeinsam tun?
Rita Süssmuth stand nun kurz vor ihrem 80. Geburtstag. Obwohl ihre Konzentrationsfähigkeit schon eingeschränkt war, konnten wir bei dieser Begegnung unmittelbar erleben, was diese Ausnahmepolitikerin auszeichnete: Sie hörte zu. In diesem Moment ging von ihr eine große Kraft aus, gerade weil sie nicht gleich etwas sagte. Sie war ermunternd aufmerksam. Sie interessierte sich, so wie sie stets Interesse an ihrem Gegenüber zeigte (wie auch das besagte taz-Interview auf überraschende Weise illustriert).
Als sie verstanden hatte, worum es ging, fragte sie: „Und was können wir jetzt gemeinsam tun?“
Allein unter Schwulen
Nach dem offiziellen Gespräch verriet sie offenherzig, dass es ihr damals nicht immer leichtgefallen sei, sich auf ihre Gesprächspartner aus der Schwulenbewegung einzulassen. Sie habe dazulernen müssen. Rita Süssmuths große Lebensleistung besteht auch darin, dass sie dafür offen war.
Angespornt von ihrem schwulen Referenten und Berater, Siegfried Rudolf Dunde, der einige Jahre später selber an Aids starb, redete sie ernsthaft mit den Menschen, um die es ging, um deren Bedürfnisse zu verstehen. Sie empfing sie in ihrem Büro. Sie fuhr aber auch ins schwule Tagungshaus Waldschlösschen zum Positiventreffen und mischte sich dort unters Volk. Sie kaufte eine Karte für den Hurenball.
Kurz: Sie war nahbar, ließ sich beraten, zeigte Flagge.
Die Süssmuth-Linie machte Undenkbares selbstverständlich
Und sie übergab den „Betroffenen“ selbst Verantwortung. Die Deutsche Aidshilfe, erwachsen aus der Selbsthilfe, durfte schwulen Männern und Sexarbeiter*innen erklären, warum es eine gute Idee war, Kondome zu benutzen. Die entsprechenden Plakate zeigten teils durchaus nackte Haut und wurden aus Bundesmitteln bezahlt. „Junkies“ erhielten bald von Aids- und Drogenhilfeeinrichtungen saubere Spritzen und Substitutionsbehandlungen, um Infektionsrisiken zu bannen.
Die katholische Gesundheitsministerin zeigte dabei bemerkenswerten Pragmatismus vor, ging es doch darum, Leben und Gesundheit von Menschen zu schützen. Minderheiten brauchten Unterstützung, um die neue Bedrohung nicht nur zu überleben, sondern auch irgendwie mit ihr zu leben.
Was diese Menschen nicht brauchten: Moralische Vorgaben, Werturteile über ihre Lebensentwürfe und Lebenssituationen. Rita Süssmuth hat all das verstanden und zu ihrer Sache gemacht. Werbung für Kondomgebrauch, Spritzentausch, öffentliche Diskussionen über Sexualität: Mit der „Süssmuth-Linie“ wurde vieles, was zuvor undenkbar gewesen wäre, selbstverständlich.
Es entstand zudem die bis heute erfolgreiche Arbeitsteilung zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Stellen in der HIV-Prävention. Indem sie förderte, was half, hat Rita Süssmuth vielen Menschen das Leben gerettet und sich schützend vor die Menschenwürde derjenigen gestellt, die von HIV und Aids betroffen oder bedroht waren. So konnte Aids schließlich sogar zum Motor der Emanzipation werden: Aus der Prävention wuchs die Erkenntnis, dass es galt, Menschen zu stärken, und es standen Mittel dafür bereit.
Prävention hieß Emanzipation
Am Ende war es ein großes Glück, dass beim Thema Aids nicht Emanzipation gegen Sicherheit abzuwägen war. Emanzipation war vielmehr Teil des Weges zu wirksamer Prävention. Die Linie der Hardliner mit ihren Zwangstests und Isolationsphantasien hätte bei HIV nicht funktioniert. Denn Stigmatisierung hält Menschen davon ab, sich über HIV zu informieren sowie Hilfs- und Testangebote in Anspruch zu nehmen. Zum anderen lässt sich HIV erst nach Wochen nachweisen, und in diesem Zeitraum können längst neue Übertragungen geschehen sein.
„Wie oft wollen Sie testen?“ lautete darum damals schon Rita Süssmuths rhetorische Frage an Gauweiler. Sie war eben nicht nur menschenfreundlich, sondern auch sehr klug.
Ihr Mut und ihr Durchhaltevermögen wurden belohnt, indem das Konzept aufging. Die deutsche HIV-Prävention ist bis heute erfolgreich, auf das Konzept der Community-Beteiligung schauen viele Fachleute in anderen Ländern mit Bewunderung und etwas Neid.
Die Sache mit der Eigenverantwortung
Rita Süssmuths eigenes Fazit lautete: „Was mir mit der Aidspolitik gelungen ist, war, Menschen in die Eigenverantwortung zu bringen.“ Das Ideal der Eigenverantwortung – das war die rhetorische Schnittstelle zu konservativen und liberalen Kräften. Die Kehrseite dieser Medaille war ihr berühmter wie problematischer Satz: „Aids bekommt man nicht, das holt man sich.“ Als wäre das immer so einfach. Der Satz kann als Steilvorlage für Schuldzuweisungen dienen. Nur war eben genau das mit Rita Süssmuth nicht zu machen.
Ihr großer weiser Beitrag bestand auch darin, zu verdeutlichen, dass man Menschen Eigenverantwortung nicht einfach zuschreiben kann, sondern dass man ihnen die Möglichkeit dazu geben muss. Auch dieses Prinzip der „Hilfestellung“ findet sich bereits in der katholischen Soziallehre. Bis zu ihrem Lebensende wurde Rita Süssmuth nicht müde, sich für ausgegrenzte und benachteiligte Menschen einzusetzen.
Ganz oben an unserer Seite
Beim Auftakt unserer Kampagne „Kein Aids für alle!“ landete sie mit ihrer Keynote schließlich bei Europa und bei Geflüchteten. Sie sprach frei und hatte ihre Redezeit weit überschritten. Ich als Moderator wagte nicht, sie zu unterbrechen. Also trat ich, vermeintlich in ihrem toten Winkel positioniert, einen Schritt vor, um meine Rückkehr auf die Bühne anzudeuten. „Keine Angst, ich komme zum Ende“, sagte Rita Süssmuth unverzüglich. So aufmerksam war sie bei aller Leidenschaft.
Was wären wir ohne sie? Vermutlich gäbe es ohne sie den Schreibtisch in der Bundesgeschäftsstelle der Deutschen Aidshilfe nicht, an dem ich diese Zeilen schreibe. Vermutlich wären einige Menschen, die diesen Text bis hier gelesen haben, gar nicht mehr da. Wie wäre mein eigenes Coming-out als schwuler Mann verlaufen und wie hätte sich meine Aids-Phobie als Teenager weiterentwickelt, wäre da nicht diese Frau gewesen, die ganz oben an unserer Seite stand? Solche Fragen stelle ich mir, während ich versuche, die Dankbarkeit und die Faszination, die sie auf mich ausgeübt hat, in Worte zu fassen.
Mut bewegt
Dabei reicht ihre Bedeutung weit über das Thema HIV/Aids hinaus. Rita Süssmuth hat uns gezeigt, welche Kraft Menschlichkeit entfalten kann, wenn man sie ernst nimmt und wie faszinierend und ehrbar Politik sein kann, wenn sie im Dienst echter Überzeugungen steht. Politikerinnen wie sie sind die besten Anwält*innen der Demokratie, denn sie ermöglichen Vertrauen. Es bleibt zutiefst bedauerlich, dass die Ausnahmepolitikerin nicht noch Bundespräsidentin geworden ist. Überparteilich genug wäre sie gewesen. Aber vermutlich war sie einfach allen zu unbequem.
Dies ist eine wichtige Zeit!
Der Abend, an dem die Deutsche Aidshilfe Rita Süssmuth die Ehrenmitgliedschaft verlieh, trug den Titel: „Mut bewegt.“ und sie bekam von uns ein Kampagnenplakat mit der Headline „Süssmuth bewegt.“ In ihrer Dankesrede lenkte sie die Aufmerksamkeit wieder auf die Themen, für die sie ihr Leben lang mutig gekämpft hat:
„Diese Ehrung ist mir sehr wichtig. Weil sie, bei allem was erreicht worden ist, zu einem Zeitpunkt und in einem gesellschaftlichen Klima erfolgt, zu dem ich sagen muss: Wir befinden uns im Rückwärtsgang. (…) Was ich gegenwärtig an versuchten Rückschritten erlebe, in Bezug auf die Fremdherrschaft über die Körper von Frauen unter den Vorzeichen des Schutzes des ungeborenen Lebens, in Bezug auf die erneute Ausgrenzung von Menschen die anders leben, egal ob sie eine andere Sexualität haben, eine andere Ethnie oder anders sind: Wir waren schon einmal weiter. Dies ist eine wichtige Zeit.“
Das Lebenswerk einer Ausnahmepolitikerin fortsetzen
Das sagte Rita Süssmuth bereits im Jahr 2016. „Überlasst die Welt nicht den Wahnsinnigen“, hieß eines ihrer letzten Bücher ein paar Jahre später. Seitdem hat sich die Lage weiter verschärft. Wir bräuchten eine Rita Süssmuth gerade in diesen Zeiten. Aber wir haben sie ja erlebt. Wir werden uns immer an sie erinnern.
Es ist an un uns, die Haltung dieser großartigen Frau zu bewahren und ihr Lebenswerk fortzusetzen.
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