Klassismus und Gesundheit

„Wer in Armut lebt, stirbt früher“

Von Gastbeitrag
Betina Aumair und Brigitte Theißl
© Haymon Verlag / Anna Sommerfeld
Betina Aumair (li.) und Brigitte Theißl

In ihrem Buch „Ungesunde Verhältnisse“ beleuchten Betina Aumair und Brigitte Theißl, was soziale Ungleichheit für Gesundheit bedeutet. Interview: Mareice Kaiser

Wie geht’s? Und was schwingt eigentlich alles in dieser Frage mit?

Betina Aumair: Es geht gut, gerade wird es heiß in Wien. Wie es uns geht, sagt viel über die Verhältnisse aus, in denen wir leben.

Brigitte Theißl: Es ist gut, wenn wir uns ernsthaft dafür interessieren, wie es anderen geht. Als Performance-Frage, auf die man eigentlich keine Antwort hören will, ist es aber ein Ritual, bei dem wir sagen müssen, dass es uns gut geht. Was anderes wollen die meisten nicht hören. Das macht Druck.

Mehr als ein „gut“ ist als Antwort ja auch gesellschaftlich eher nicht akzeptiert.

Betina Aumair: Ich antworte oft „normal“. Schon alleine das irritiert einige.

Brigitte Theißl: Es gibt kaum Räume für persönliche Belastungen. Oder auch für politische Belastungen. Es gibt wenig Gelegenheiten, sich im Alltag wirklich auszutauschen. Wir sollen trotz Krisenstimmung weiter arbeiten, als wenn nichts wäre.

Gesundheit hängt von der Gesellschaft ab, in der wir leben.

Brigitte Theißl

In eurem Buch „Ungesunde Verhältnisse“ geht es um den Zusammenhang von Gesundheit und sozialer Klasse. Wann ist euch dieser Zusammenhang bewusst geworden?

Betina Aumair: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich mal keinen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Klasse gespürt hätte, weil ich aus einer Armutsfamilie komme. Bloß benennen konnte ich es erst später.

Brigitte Theißl: Mich hat es sehr geflasht, als ich von anderen gehört habe, dass sie sich eine Zweitmeinung bei Ärzt*innen geholt haben. Das hat mir gezeigt, wie selbstverständlich es für andere ist, eine Autoritätsperson infrage zu stellen.

Was genau ist das eigentlich, Gesundheit?

Betina Aumair: Gesundheit ist die Möglichkeit, das ganze Potenzial ausschöpfen zu können, alle Möglichkeiten zu haben.

Das klingt ein bisschen kapitalistisch, oder?

Betina Aumair: Es sollte nicht verlangt werden, es sollte nur möglich sein. Man sollte alle Möglichkeiten haben. Und dieselben Möglichkeiten wie andere – sie sollten nicht durch strukturelle Bedingungen unmöglich gemacht werden.

Durch Armut erkrankt man häufiger, gleichzeitig macht chronische Erkrankung arm.

Brigitte Theißl

Brigitte Theißl: Gesundheit bedeutet, gute Lebensbedingungen für soziale Teilhabe zu haben. Darauf zielt auch die Definition der WHO schon lange ab. Alle Menschen müssen die Möglichkeiten für ein gesundes Leben bekommen, da geht es dann auch um gutes Wohnen und finanzielle Teilhabe. Und auch chronisch erkrankte und behinderte Menschen müssen natürlich die Zugänge und die Versorgung bekommen, die sie für ein gutes Leben brauchen. Gesundheit hängt von der Gesellschaft ab, in der wir leben.

In Diskussionen um Fettfeindlichkeit und die sogenannten Abnehmspritzen sehe ich immer mehr Menschen, die sagen: Ich will nicht mehr dick sein, damit ich dann gesund bin. Dabei gibt es dazwischen ja nicht immer einen Zusammenhang.

Brigitte Theißl: Das ist ein krasser Marker geworden, wo unter dem Gesundheitsbegriff sehr viel Diskriminierendes passiert. Über Ernährung haben wir mit vielen Erfahrungs-Expert*innen gesprochen und gelernt: Klassistische Stereotype sind weiterhin sehr präsent. Dass Armutsbetroffene zum Beispiel nur Fast Food essen würden. Was nicht besprochen wird: Wie teuer gesunde Lebensmittel sind.

Ihr schreibt: Gesund leben kann nur, wer in Sicherheit lebt. Wie wirkt sich Armut auf Gesundheit aus?

Brigitte Theißl: Es zeigt sich in der Lebenserwartung: Wer in manifester Armut lebt, stirbt im Durchschnitt zehn Jahre früher. Armutsbetroffene sind ungefähr doppelt so oft chronisch krank. Durch Armut erkrankt man häufiger, gleichzeitig macht chronische Erkrankung arm. Und Kinderarmut kann lebenslange Auswirkungen haben, zum Beispiel auf das Herz-Kreislauf-System und die Psyche. Armut ist eine enorme Stressbelastung.

Wir sehen das auch jetzt in der Hitzewelle, das ist eine enorme Belastung für Menschen, die in kleinen, schlecht belüftbaren Wohnungen leben.

Betina Aumair

Betina Aumair: Viele andere Bereiche spielen da auch eine Rolle, Wohnen zum Beispiel. Die Belastungen durch Mietkosten oder Wohnungen, die kleiner und schlechter ausgestattet oder sanierungsbedürftig sind. Wir sehen das auch jetzt in der Hitzewelle, das ist eine enorme Belastung für Menschen, die in kleinen, schlecht belüftbaren Wohnungen leben.

Oder Menschen, die gar keine Wohnung haben. In eurem Buch macht ihr deutlich, dass es nicht nur um Geld geht, sondern auch um Macht und Hierarchien.

Brigitte Theißl: Soziale Hierarchien belasten uns. Das Gefühl, nicht selbstbestimmt zu sein. Das Gefühl, nicht wertgeschätzt zu sein. Es ist ein unglaubliches Privileg, sich Zeit selbst einteilen zu können. Wenn man das Gefühl hat, man wird nicht gesehen und arbeitet völlig fremdbestimmt, löst das massiven Stress aus. Das ist auch ein Argument für eine Arbeitswelt, die selbstbestimmt und demokratisch ist und damit für eine gesunde Gesellschaft sorgt.

Soziale Hierarchien belasten uns. Das Gefühl, nicht selbstbestimmt zu sein. Das Gefühl, nicht wertgeschätzt zu sein.

Brigitte Theißl

Ihr zitiert den Wissenschaftler Michael Marmot, der – um den indivdualistischen Gesundheitstipps der britischen Regierung etwas entgegenzustellen – selbst Verhaltensregeln für die Bevölkerung aufgeschrieben hat. Die wichtigste: „Seien Sie nicht arm. Wenn Sie können, hören Sie sofort auf, arm zu sein. Wenn nicht, versuchen Sie zumindest, nicht lange arm zu sein.“

Brigitte Theißl: Das ist natürlich ironisch zugespitzt. Seine Verhaltensregeln zeigen aber gut, worüber wir sonst so reden: Betreiben Sie Sport, 10.000 Schritte täglich, ernähren Sie sich gesund, entspannen Sie sich. Über die harten sozialen Faktoren schauen wir viel zu oft hinweg. Deshalb haben wir uns im Buch Vermögens- und Arbeitsverhältnisse angeschaut. Vermögen ist in Deutschland und Österreich ganz stark an der Spitze konzentriert.

Und mit Vermögen kommt Gesundheit?

Betina Aumair: Gesundheit wird auf jeden Fall zu einem Statussymbol. Es gibt eine Gesundheitsindustrie für reiche Leute, damit sie immer länger und gesünder leben.

Brigitte Theißl: Superreiche arbeiten an ihrer Unsterblichkeit. Ich fürchte, dass sich das weiter zuspitzen wird. Es wird Menschen geben, die an ihrer totalen Optimierung arbeiten, und dann gibt es den Rest, für den nur eine Grundversorgung übrig bleibt.

Betina Aumair: Und auch an der Basis geht es um Privilegien: Bekomme ich einen medizinischen Termin? Kann ich mir die Medikamente leisten?

Die neoliberale Ideologie, wonach wir für unser Leben selbst verantwortlich wären, ist gefährlich.

Betina Aumair

Eine große Rolle spielt auch Scham.

Betina Aumair: Die neoliberale Ideologie, wonach wir für unser Leben selbst verantwortlich wären, ist gefährlich. Der gesundheitliche Zustand wird den Menschen selbst zugeschrieben. Es heißt dann, wir hätten uns wohl nicht genug angestrengt. Die Schuld an den Verhältnissen wird dem Individuum gegeben. Das führt dazu, dass das Thema mit Scham besetzt ist. Und das führt auch dazu, dass es wenig Solidarität gibt.

Was müsste passieren für mehr Solidarität – persönlich und politisch?

Brigitte Theißl: Auf der persönlichen Ebene können wir alle die klassistischen Stereotypen hinterfragen, mit denen wir aufwachsen. Wir können uns in unserem näheren Umfeld solidarisch zeigen, sofern wir die Kraft dafür haben: ob in der Nachbarschaft, bei der Erwerbsarbeit, im Freund*innenkreis oder im Aktivismus. In Zeiten wie diesen kann es nur heißen: weg von der harten Konkurrenz-Logik hin zu Fürsorge und Empathie. Und dann braucht es natürlich eine Umverteilung von Kapital – und zwar nicht länger von unten nach oben, sondern andersherum.

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Buchcover
© Haymon Verlag

Betina Aumair arbeitet als Gender- und Diversity-Beauftragte in der Erwachsenenbildung. Sie beschäftigt sich mit Klassen- und Geschlechterverhältnissen im Hinblick auf gesellschaftspolitische Entwicklungen.

Brigitte Theißl arbeitet als Journalistin und Autorin. Beim feministischen Magazin an.schläge ist sie leitende Redakteurin. Sie beschäftigt sich mit sozialer Ungleichheit und Klassismus, Feminismus und Netzkultur.

„Ungesunde Verhältnisse – Wie Klasse unser Leben bestimmt“, erschienen im Mai 2026 im Haymon Verlag, 312 Seiten

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