Aids-Geschichte

„Wir sind es den Menschen schuldig, dass wir ihre Geschichten erzählen“

Von Axel Schock
Peter Plate (links) und Ulf Leo Sommer (rechts) vor Plakaten zum Musical
© Brigitte Dummer

Peter Plate und Ulf Leo Sommer haben mit Rosenstolz die deutsche Popmusik geprägt, aber sich inzwischen auch in der Musicalbranche einen Namen gemacht. Ihr neues Stück ist ein Herzensprojekt. „Wir sind am Leben“ blickt zurück auf die Aufbruchzeit im Berlin des Jahres 1990 und die Aidskrise.

Berlin im Jahr nach dem Mauerfall: Im Osten hat ein halbes Dutzend junger Menschen eine neue Heimat und eine Wahlfamilie gefunden. Dort leben unter anderem der HIV-positive Drag-Performer Bruno mit seinem Partner, einem kubanischstämmigen Tänzer, ein lesbisches Paar und Nina, die noch kurz vor der Maueröffnung aus Wittenberg in den Westen geflohen ist, um hier ihr Glück als Musikerin zu versuchen. Auch ihr jüngerer schwuler Bruder Mario sucht Unterschlupf in der Wohngemeinschaft.

Am 21. März 2026 wird „Wir sind am Leben“ am Berliner Theater des Westens uraufgeführt und ist dort bis mindestens zum Jahresende zu sehen. Wir haben mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer gesprochen.

Peter und Ulf, eure bisherigen Musicals basieren alle auf bereits vorhandenen Stoffen, „Romeo & Julia“ etwa auf dem Shakespeare-Drama, „Kudamm 56“ auf der gleichnamigen ZDF-Serie. Welche Idee liegt eurer neuen Produktion zugrunde?

Peter Plate: Uns schwebte ein Stück vor, bei dem man als Zuschauer das Gefühl hat, einer Gruppe von 1990 zufällig zusammengewürfelten Menschen beim Leben zuzuschauen. Wir hatten also am Anfang keine riesige Story im Kopf, sondern haben erst sehr detailliert die einzelnen Figuren entworfen und daraus die verschiedenen Geschichten und Höhepunkte entwickelt.

Das Publikum erlebt nun eine ziemlich bunte, vor allem sehr queere WG. Es geht um junge Menschen, die nach Berlin ziehen, um sich künstlerisch zu verwirklichen, aus der provinziellen Enge ihrer ostdeutschen Heimat auszubrechen und um ihren Platz im Leben zu finden. Das Stück verhandelt dabei eine ganze Reihe an Themen. Gab es eines, das für euch von Anfang an zentral war?

Peter Plate: Es gab tatsächlich eine Hauptmotivation, weshalb wir dieses Musical angegangen sind. Genaugenommen verfolgen wir diesen Wunsch schon viele, viele Jahre: ein Stück zu schreiben, das sich um HIV und Aids dreht und in dieser Zeit angesiedelt ist.

Ulf Leo Sommer: In Großbritannien gibt es beispielsweise die großartige Fernsehserie „It’s a Sin“, in den USA „Engel in Amerika“. Aber was gibt es Vergleichbares in Deutschland, das ein breites Mainstream-Publikum anspricht? Wir haben hier ein großes Theater zu füllen und wir müssen und wollen deshalb mit unserem Musical ein großes Publikum erreichen.

Das Musical scheint nicht gerade die naheliegende Kunstsparte, um das Thema zu verarbeiten, oder?

Peter Plate: Uns war klar, dass es keine leichte Aufgabe sein wird, ein solch schweres Thema als Musical aufzubereiten, und dass dies nur durch Comic Relief geht, durch befreiende Komik. Die Aufgabe erfüllt im Stück insbesondere die Figur der krankhaft lügnerischen, übergriffigen und zuletzt doch auch liebenswerten Mutter von Nina und Mario.

Wir verfolgen schon viele, viele Jahre den Wunsch, ein Stück zu schreiben, das sich um HIV und Aids dreht.

Peter Plate

Ich habe als Komponist oder Produzent im Studio ja mit vielen Künstler*innen gearbeitet und sie immer mit meinem Spruch geärgert: „Kein Leben ist interessant genug für ein ganzes Album. Es braucht Überhöhung.“ Das gilt auch für das Musical. Aber alle, die uns ein wenig kennen, werden sofort merken, dass das Stück sehr starke autofiktionale Züge trägt.

Bruno etwa ist nach der großen Liebe meines schwulen Onkels benannt. Bruno war Maskenbildner und ist auf sehr dramatische Weise an Aids gestorben. Ich habe das aber erst viel später erfahren. In meiner Familie war das ein Geheimnis, ich durfte das als Jugendlicher nicht wissen. Es ist einfach Wahnsinn, dass es so viele Jahre brauchte, dass in unserer Familie darüber geredet wurde. In der ersten Schreibsession haben wir einfach unsere Erinnerungen an diese Zeit zusammengetragen, und das ging uns allen ziemlich nahe. Ich hab manchmal richtig geflennt. Gemeinsam mit unserem Regieteam Lukas Nimscheck und Franziska Kuropka haben wir dann das Buch entwickelt.

Viele der Menschen, die in ein Musical gehen, wollen dort einen Wohlfühlabend erleben. Die Themenpalette, die euer Stück behandelt, lässt das erst einmal nicht vermuten. Ihr geht damit, kommerziell betrachtet, durchaus ein Risiko ein.

Ulf Leo Sommer: Wer hätte gedacht, dass ein Musical mit singenden Katzen erfolgreich sein könnte? Oder denken wir an „Cabaret“, ein Stück über den Aufstieg der Faschisten mit einer Frau im Mittelpunkt, die sich prostituiert, eine Abtreibung vornimmt und eine Geschichte, die alles andere als gut ausgeht. Wir sollten das Publikum nicht unterschätzen.

„Wir sind am Leben“ ist ein Herzensprojekt.

Ulf Leo Sommer

Peter Plate: Ja, wir gehen ein Risiko ein. Aber ich betrachte das ganz nüchtern. Wir haben keine Kinder, die wir versorgen müssen, und ich brauche keine Segeljacht oder anderen Luxus. Wenn es richtig schiefgeht, können wir danach wirklich pleite sein. Aber dieses Musical ist ein Herzensprojekt, das wir schon sehr, sehr lange angehen wollten. Es mag jetzt vielleicht etwas merkwürdig rüberkommen, aber ich glaube, wir sind es den Menschen, die damals gestorben sind, schuldig, dass wir ihre Geschichten erzählen. Und auch die Geschichten der Wahlfamilien, die sich um ihre erkrankten Freunde gekümmert haben.

„Wir sind am Leben“ erzählt zwar von vielen tragischen Ereignissen, aber entlässt das Publikum keineswegs in einer niedergeschlagenen Stimmung.

Peter Plate: Als wir ein erstes grobes Konzept des Stücks erarbeitet hatten, habe ich mich mit einigen Leuten der Berliner Aidshilfe getroffen und davon erzählt. Die fanden die Idee toll, aber gaben mir den Rat mit auf den Weg: „Pass nur auf, dass es kein Jammerstück wird!“ Das haben wir uns auch zu Herzen genommen.

Auf seine HIV-Diagnose reagiert Bruno im Stück mit dem Lied „Ich werd‘ nicht weinen“, in dem er sich zu Lebenslust statt Selbstmitleid entschließt.

Peter Plate: Wir haben auch lange überlegt, wie wir Brunos Sterben auf der Bühne darstellen wollen, und bei den Proben dann eine Lösung entwickelt, in der Bruno in diesen letzten Momenten zu einer starken Figur wird und die Zuschauer*innen dennoch weinen dürfen.

Ulf Leo Sommer: Ich muss zugeben, dass ich bei der ersten Voraufführung auf einmal richtig Angst vor unserer eigenen Courage hatte: Ich dachte, vielleicht überfordern wir die Leute ja doch damit, dass wir in dieser Geschichte die Aids-Thematik derart ins Zentrum rücken. Durch die Publikumsreaktionen bei der ersten Voraufführung war ich dann aber sehr erleichtert!

Eine Herausforderung beim Schreiben dürfte gewesen sein, was bei einem solchen letztlich historischen Stoff als bekannt vorausgesetzt werden kann oder für ein jüngeres Publikum erklärt werden muss.

Peter Plate: Damit haben wir uns in der Tat permanent beschäftigt. Ich finde es aber nicht schlimm, wenn es Details gibt, deren Bedeutung sich nicht allen gleich erschließt. Nehmen wir die Szene, in der Mario den bereits erkrankten Bruno fotografieren will.

Mario fragt sehr zaghaft, ob Bruno dafür auch seinen Oberkörper entblößen würde.

Peter Plate: Leute, die damals jung waren, werden sofort verstehen, dass es darum geht, ob er zulässt, dass seine Kaposi-Sarkome zu sehen sind. [Anm. d. Red.: Das Kaposi-Sarkom ist ein eigentlich sehr seltener Tumor, der bei Menschen mit Aids auftritt und als ein aidsdefinierendes Symptom gilt. Es zeigt sich meist durch rötliche bis violette Flecken auf der Haut.] Wir hatten bei den Proben eine leidenschaftliche Diskussion darüber, wie wir diese Szene gestalten wollen und wie Bruno darauf reagieren sollte. Unserem sehr jungen Regieteam haben wir dann den Hintergrund erklärt: Sich offen mit den stigmatisierenden Flecken zu zeigen, war nicht selbstverständlich, das war fast schon ein aktivistischer Akt. Ich erinnere mich noch sehr lebendig daran, wie damals [der Berliner Visagist, d.R.] René Koch in der Berliner Aidshilfe Aidskranken zeigte, wie sie die Flecken überschminken können. Ich weiß, dass wir sehr viele sehr sensible Themen behandeln und dass wir es nicht allen recht machen können. Das wollen wir auch nicht. Aber wir sind uns unserer großen Verantwortung bewusst.

Ich weiß, dass wir sehr viele sehr sensible Themen behandeln. Aber wir uns unserer großen Verantwortung bewusst.

Peter Plate

Bei unserem Musical „Kudamm 56“ hatten wir irgendwann die Idee, ein Gästebuch auszulegen, und wenn man darin liest, kommen einem die Tränen. Denn so viele über 80-Jährige haben dort ihre Geschichten hineingeschrieben. Ich fände es schön, wenn jene, die die Neunzigerjahre bewusst miterlebt haben, durch den Abend vielleicht angeregt werden, sich mit ihren eigenen Erinnerungen auseinanderzusetzen. Und vielleicht bricht dadurch bei manchen das Eis und sie beginnen einander ihre Geschichten zu erzählen. Ich glaube, dass es ganz vieles gibt, das aus unterschiedlichen Gründen totgeschwiegen wird oder über das mit anderen nicht gesprochen wurde.

Ein nicht unwesentlicher Teil des Publikums dürfte unter 40 sein und konnte die frühen Neunzigerjahre damit überhaupt nicht bewusst miterleben. Warum ist wichtig, ihnen zumindest im Ansatz zu vermitteln, was die Aidskrise für die Menschen damals bedeutet hat?

Peter Plate: Gute Frage. Zunächst bin ich der festen Überzeugung, dass man jungen Menschen nicht aufzwingen kann, sich dafür zu interessieren. Es ist einfach schlimm, wenn Ältere versuchen, die Jüngeren zu belehren.

Ulf Leo Sommer: Ein für mich wichtiger Aspekt ist, an das Stigma zu erinnern, das mit Aids verbunden war. Wie einsam erkrankte Menschen oft waren und wie man selbst innerhalb der Szene über sie getuschelt hat und sie gemieden wurden. Das Schlimme war ja, dass das Virus durch Sex übertragen wurde, und deshalb schob man den Infizierten die Schuld zu. Als ich mit Anfang 20 nach Berlin kam, habe ich natürlich nur an Sex gedacht, aber Sex war damals immer mit Tod und Sterben verbunden. Dabei ist Sex etwas so Wichtiges, Befreiendes und Schönes. Krieg und Gewalt sind schlimm, aber nicht Sex. Doch man hat diese Menschen dafür verurteilt und sie alleingelassen. Heute können sich viele Menschen vielleicht gar nicht vorstellen, dass dies so war.

Was können junge Zuschauer*innen aus dem Abend für sich mitnehmen?

Peter Plate: Das Schönste wäre, wenn sie wieder ein bisschen mehr Hoffnung hätten. Wer hätte 1987 gedacht, dass zwei Jahre später die Mauer fallen würde? Wer, dass es bald bessere HIV-Medikamente gibt, die einen zumindest etwas länger leben lassen? Und dass es bald eine Therapie geben würde, die HIV zu einer chronischen Krankheit werden lässt? Dass wir inzwischen die PrEP haben, die uns vor einer Infektion schützen kann?

Ulf Leo Sommer: Wir sollten dabei auch im Blick haben, dass wir uns gerade in einer Zeit befinden, in der das Eis wieder merklich dünner wird und die Freiheit, die wir in der queeren Community derzeit genießen, zunehmend in Gefahr ist. Und wer sagt, dass das Thema Aids von gestern ist, dem kann ich nur entgegnen: Du lebst auf einem anderen Planeten! Wir müssen nur in die USA schauen, was dort mit der Krankenversorgung geschieht oder wie sich in Afrika die HIV-Situation wieder verschlimmert.

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