Gesellschaft & Kultur
LITERATUR

Fröhlicher Provokateur

Matthias Gerschwitz erzählt in seinem Erfahrungsbericht „Endlich mal was Positives“ über sein Leben mit HIV und findet dabei persönliche Antworten auf komplexe Fragen. Das Buch soll möglichst viele Menschen über das Leben mit HIV aufklären. Von Paul Schulz

In „Endlich mal was Positives“ stehen ein paar einfache Wahrheiten drin: Das Leben ohne HIV ist einfacher als das mit. Ficken ohne Gummi ist auch unter Positiven nicht unbedingt ungefährlich. Es hat keinen Zweck zu fragen, wer Schuld hat, wenn man erst mal positiv ist. Die Durchschnittsbevölkerung weiß einen Dreck über das Leben mit HIV und Aids – dabei müssten die Leute doch nur einen der rund 70.000 HIV-Positiven in diesem Land fragen, um schlauer zu werden. Der Welt-Aids-Tag ist in seiner jetzigen Form nicht gerade repräsentativ für das Leben, das Menschen mit HIV Deutschland führen.

Diese einfachen Wahrheiten sind der große Vorteil, aber auch das große Problem des Buches von Matthias Gerschwitz. Weil alles davon stimmt, der Autor es aber manchmal gern simpel und persönlich hält, wo es für andere kompliziert und politisch ist.

Persönliche Wahrheiten statt komplexer Debatten.

Gerschwitz ist Jahrgang 1959, arbeitet seit 20 Jahren in der Werbung und ist selber seit 15 Jahren positiv getestet. In „Endlich mal was Positives“ – Untertitel: „Offensiv & Optimistisch: Mein Umgang mit HIV“ – erzählt er auf knapp 100 Seiten seine eigene Geschichte.

Er erzählt darüber, wie er sein Testergebnis gut wegsteckt und sich dafür von der Außenwelt vorwerfen lassen muss, er nehme die Krankheit nicht ernst. Wie er sich seinen Umgang mit der Infektion trotzdem bis heute bewahrt hat. Wie er sich als gebürtiger Rheinländer die Frohnatur auch vom erst mal strengen Pillenregime nicht abtrainieren lässt. Darüber, wie seine Familie reagiert und wie er seinen Eltern nichts von der Infektion erzählt, um sie vor ihrem absehbaren Tod nicht unnötig zu beunruhigen. Darüber, wie ihm bei Geschäften mit Apotheken die Infektion beruflich sogar nützt.

Solange der Autor bei seiner persönlichen Geschichte bleibt, ist das Buch anrührend, informativ und illustrativ für eine ganze Generation Positiver in Europa. Allerdings wagt er sich auch auf das Terrain von Debatten, die sich in vierseitigen Kapiteln aus persönlicher Sicht nicht angemessen darstellen lassen.

In „Reiten ohne Sattel“ erteilt er zum Beispiel dem kondomlosen Sex unter Positiven eine sehr persönlich gefärbte Generalabsage. Das Statement der Eidgenössischen Kommission für Aidsfragen (EKAF), nach dem gut Therapierte unter bestimmten Bedingungen quasi nicht mehr infektiös sind, findet er sogar gefährlich. Ebenfalls eher plakativ sind die Kapitel über „Schicksal und Schuld“ und „Pozzing“ geraten.

Die Schlichtheit ist gewollt: Mit „Endlich mal was Positives“ möchte Gerschwitz vor allem die Menschen in Deutschland erreichen, die bisher wenig wissen über das Leben mit HIV im Jahr 2010 in Deutschland.

„Kann ich mich mit HIV infizieren, wenn ich einen Porno ausleihe?“

Und die gibt es offenkundig noch immer zuhauf: Im Gästebuch der Website zum Buch tauchen immer wieder Fragen auf, die man im 21. Jahrhundert ausgeräumt dachte: „Kann ich mich beim Anfassen eines schwulen Pornos in einer Videothek mit HIV infizieren, wenn den vorher ein Positiver in der Hand hatte?“, „Muss mein Partner positiv sein, damit ich mich infizieren kann?“, „Kann mich auf einer öffentlichen Toilette anstecken?“ Und so weiter.

„Der allgemeine Kenntnisstand über HIV und Aids ist wirklich mies“, sagt Gerschwitz. „Viele Leute hören ‚HIV‘ und haben immer noch sofort Angst. Und für die ist das Buch hauptsächlich. Es soll erste Fragen beantworten und unterhaltsam aufklären.“

Dafür gab es in diesem Jahr den Annemarie-Madison-Preis der Stadt München, worüber sich Gerschwitz sehr gefreut hat.

Insgesamt: Lesen! Und darüber diskutieren. Innerhalb und außerhalb der positiven Community. Denn das Buch ist wohl vor allem eines: ein fröhlich provokantes Gesprächsangebot.

Matthias Gerschwitz: „Endlich mal was Positives – Offensiv & optimistisch: Mein Umgang mit HIV“, 96 Seiten

Interview mit Matthias Gerschwitz bei ICH WEISS WAS ICH TU

Vorheriger Artikel

Wie war die Reise?

Nächster Artikel

Tabu: Positiv am Arbeitsplatz

Paul Schulz

Paul Schulz

Kein Kommentar

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

89 + = 94