Gesellschaft & Kultur
KALENDERBLATT

Dem Virus auf der Spur

Vor 30 Jahren entdeckten zeitgleich zwei Forschergruppen jenes Virus, das Aids verursacht – ein wissenschaftlicher Coup, dem ein jahrelanger Rechtstreit folgte. Ein Kalenderblatt von Axel Schock

Welche Symptome die rätselhafte Immundschwächekrankheit aufweist, hatten Forscher der US-Gesundheitsbehörde CDC bereits 1981 detailliert zusammengetragen. 1983 war aus der „Gay-related Immune Deficiency“ (GRID), dem vermeintlich nur bei Homosexuelle auftretenden Immundefekt, längst das wesentlich unspezifischere „Acquired Immune Deficiency Syndrome“ (AIDS) geworden. Dessen Ursachen jedoch waren immer noch nicht genau bekannt.

Bis zum 20. Mai 1983. An diesem Tag nämlich erschien die Nummer 220 des Fachmagazins „Science“, in dem sich gleich zwei Beiträge der Aids-Forschung widmeten.

Montagnier

Medizin-Nobelpreisträger Luc Montagnier (Foto: Wikipedia)

Einer Gruppe von Wissenschaftlern am Pariser Pasteur-Institut unter Federführung von Luc Montagnier und Françoise Barré-Sinoussi war es erstmals gelungen, im Gewebe eines 33-jährigen schwulen Aidspatienten ein Virus zu identifizieren, dass Montagnier später zunächst „Lymphadenopathie-assoziiertes Virus“ (LAV) nannte, weil ein typisches Aids-Symptom geschwollene Lymphknoten waren.

Aber auch der US-Virologe Robert Gallo, Leiter des Tumorvirus-Labors an den US-amerikanischen National Institutes of Health, präsentierte in dieser „Science“ -Ausgabe spektakuläre Ergebnisse. Ihm war es gelungen, bei Aidspatienten humane T-Zell-Leukämie-Viren (HTLV) zu isolieren, die er für die Aids-Ursache hielt.

Entscheidende Schritte für die Aids-Bekämpfung

Beide Entdeckungen waren erste, entscheidende Schritte zur Bekämpfung der Krankheit; die Zusammenhänge freilich waren zu diesem Zeitpunkt noch lange nicht klar. Überschattet wurde die Forschungsleistung durch einen jahrelangen, heftig geführten Rechtsstreit zwischen Gallo und Montagnier. Dabei ging es nicht allein um die Ehre, sondern auch um die finanzielle Verwertung der Erstendeckung durch den HIV-Test.

Robert Gallo

Robert Gallo (Foto: Wikipedia)

Beide hatten jeweils ein Patent für einen solchen Test angemeldet, Gallo wurde es zuerst erteilt. 1984 erklärte er sich auf einer Pressekonferenz unmissverständlich zum Endecker des HI-Virus. Was er allerdings verschwieg: Er hatte mit Proben gearbeitet, die ihm Montagnier kollegialerweise zu Forschungszwecken übersandt hatte.

Das von ihm in „Science“ publizierte Foto des HTLV-3-Virus zeigte in Wahrheit das LA-Virus aus dem Institut Pasteur. Auch die von ihm veröffentlichte Virus-Sequenz gehörte zu dem Erreger, der ihm von Montagniers Forschungsgruppe überlassen worden war. Gleichwohl hatte Gallo insgeheim dennoch die Hoffnung, wenn nicht allein, so doch zusammen mit Montagnier mit dem Nobelpreis ausgezeichnet zu werden.

Das Stockholmer Komitee allerdings sah die Sache anders. 2008 überreichte es die Auszeichnung allein an Luc Montagnier und Francoise Barré-Sinoussi, zur großen Enttäuschung Gallos. „Hätten wir den geringsten Zweifel gehabt, ob mehr Wissenschaftler entscheidend an dieser Entdeckung beteiligt waren, hätten wir ganz bestimmt niemanden ausgeschlossen“, kommentierte ein Sprecher damals lapidar.

 

Cover Science

Cover Science

Weiterführende Links:

Inhalte der „Science“-Ausgabe vom 20.5. 1983

Anders Valne: A historical reflection on the discovery of human retroviruses (Retrovirology 2009, 6:40)

„Aids – Der Kampf um Ruhm und Geld“: (tagesspiegel.de-Artikel zum Rechtsstreit Gallo/Montagnier, 23.4.2009)

„Eine kräftige Ohrfeige für Gallo“ (sueddeutsche.de, 17.5.2010)

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Axel Schock

Axel Schock

Axel Schock, freier Autor und Journalist, ist seit 2010 Mitglied der DAH-Online-Redaktion.

1 Comment

  1. 20. Mai 2013 at 12:51 — Antworten

    Und tagesschau.de berichtet heute auch zum Ereignis und dies erfreulich progressiv informativ:

    „Heute leben schätzungsweise mehr als 35 Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit dem HI-Virus. Bei vielen bricht die Krankheit nicht mehr aus. So wie bei Marcel. Er kann dank moderner Behandlungsmethoden fast beschwerdefrei leben. Doch unter Ausgrenzung leidet er immer noch: „Der Fakt, dass man positiv ist, ist natürlich schlimm, aber es wäre nicht so schlimm, wenn es nicht die Leute geben, die einen ausgrenzen,“ sagte er auf der letzten Aids-Konferenz in Washington.

    Die Behandlung von HIV-Infizierten hat in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. In kaum eine andere Forschung ist aber auch so viel Geld geflossen. Patienten können heute so behandelt werden, dass in ihrem Blut das HI-Virus so gut wie nicht mehr vorhanden ist. Damit können sie ein fast normales Leben führen und was ebenso wichtig ist: Sie stecken niemanden mehr an.“

    http://www.tagesschau.de/ausland/aids252.html

    Endlich dringt das auch zu den Hauptmedien durch und fliesst in die Berichterstattung ein! 🙂

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