Szene & Community
MIGRATION

„Ich bin mehr als HIV!“

Im Projekt AfroLebenVoice haben HIV-positive Migrantinnen und Migranten Fotos von ihren Lebenswelten gemacht, sich gegenseitig die Geschichten „hinter“ diesen Fotos erzählt und dadurch als Gruppe herausgefunden, was sie gemeinsam haben und was sich ändern muss. Von Julian Vetten

Deckblatt der Broschüre AfroLebenVoice

Im Projekt AfroLebenVoice erzählen HIV-positive Migrantinnen und Migranten ihre Geschichten (Foto: DAH)

Petes* Lächeln ist furchtbar ansteckend. Es fängt bei ihren eisblau blitzenden Augen an, wandert weiter über die unzähligen Lachfältchen und mündet in ihren weit angehobenen Mundwinkeln, die schneeweiße Zähne freigeben. „Ich bin sehr glücklich, seit ich hier bin“, sagt sie – und schiebt einen Satz hinterher, der auf den ersten Blick so gar nicht in den Kontext passen will: „Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt, und ich weiß nicht, ob ich dieses Glück auch hätte, wenn ich kein HIV hätte.“

Seit beinahe zehn Jahren weiß die 33-Jährige von ihrer Krankheit — und kann heute dank moderner Behandlungsmethoden ein weitgehend beschwerdefreies Leben führen. Wenn Pete ihre antiretroviralen Medikamente regelmäßig einnimmt, liegt die sogenannte Viruslast permanent unter der Nachweisgrenze. Sie könnte sogar ungeschützten Sex mit ihrem gesunden Mann haben – die Medikamente schützen genauso effektiv vor einer HIV-Übertragung wie Kondome.

Alles gut also? Mitnichten, denn neben ihrer HIV-Infektion hat Pete noch ein ganz anderes „Problem“: Sie kommt nicht aus Deutschland. „Obwohl sich die Zeiten geändert haben, führt oft schon allein die HIV-Diagnose zu Ausgrenzung“, sagt Tanja Gangarova, Referentin für Migration bei der Deutschen AIDS-Hilfe. „Menschen wie Pete erfahren aber nicht nur wegen ihres HIV-Status Stigmatisierung – auch Rassismus, Islamophobie, Xenophobie sowie strukturelle Diskriminierung, also der mangelhafte Zugang zum Gesundheitssystem in Deutschland, zum Arbeitsmarkt und zur Bildung spielen eine Rolle. Man spricht hier vom Phänomen der mehrfachen Stigmatisierung.“ Diese Erfahrungen musste Pete am eigenen Leib machen, und obwohl die kleine Frau mit der unbändigen Energie solcherlei Probleme größtenteils abgeschüttelt hat und den Blick nach vorne richten könnte, setzt sie alles daran, die Hürden für andere abzubauen. Ein Blick in ihre schwierige Vergangenheit hilft beim Verstehen.

„Ich habe immer von mehr Rechten geträumt“

Die Veränderung, die Pete durchmacht, wenn sie über „ihre Heimat“ spricht, ist deutlich greifbar: Der „ewige Wortwasserfall“, wie sie ihr Mitteilungsbedürfnis scherzhaft selbst nennt, versiegt allmählich, und aus ihren sonst so intensiven Augen verschwindet das lebhafte Blitzen. „Ich komme aus einem Land, in dem die Menschenrechte nicht respektiert werden, und bin in einer von Männern dominierten Kultur aufgewachsen“, bricht es aus ihr heraus. „Ich habe immer von mehr Rechten geträumt, von Freiheit …“

Sogar im vergleichsweise toleranten Algerien, wo Pete Literaturgeschichte studierte und ihr erstes Kind zur Welt brachte, konnte sie nicht angstfrei leben. „Als alleinerziehende Mutter mit konkreten Vorstellungen vom Leben hast du im islamischen Raum keine Chance“, sagt sie. Schließlich zog sie die Konsequenzen: Deutschland sollte ihre neue Heimat werden. „Ich wollte dahin, wo meine Rechte als Frau anerkannt werden. Mein Traum war, dass ich nicht sofort in eine Schublade gesteckt werde. Dafür war ich bereit, jegliche Beschränkung hinzunehmen.“

Apfel

Pete kann heute keine Äpfel mehr essen: Im Asylheim waren sie das einzige Obst (Foto: DAH)

Und Beschränkungen gibt es in ihrer neuen Wahlheimat jede Menge: Anstatt sich in Deutschland ein neues Leben aufbauen zu können, muss Pete in einer „Zentralen Erstaufnahmestelle“ zur Untätigkeit verdammt auf die Bearbeitung ihres Asylantrags warten – drei lange Jahre. Die Magenbeschwerden, mit denen Pete schon seit längerem zu kämpfen hat, verschlimmern sich. Außer Obst kann die damals 23-Jährige kaum noch etwas bei sich behalten, im Heim gibt es allerdings nur Äpfel – bis heute dreht sich ihr bei ihrer ehemaligen Lieblingsfrucht der Magen um. Ärztliche Betreuung erfährt Pete erst, als sich ihr Zustand so weit verschlechtert, dass um eine Operation kein Weg mehr herumführt. Ihr vier Jahre alter Sohn muss für die Zeit ihres Krankenhausaufenthaltes in ein Waisenhaus, die völlig aufgelöste Frau selbst wird bei der Voruntersuchung dazu gedrängt, einen Wust an Papieren zu unterschreiben, die sie nicht versteht und selbst auf Nachfrage nicht auf Englisch bekommt. Darunter ist auch die Einverständniserklärung zu einem HIV-Test.

„Ein einziges Plakat kann Leben retten“

„Positiv“ lautet der lapidare Befund des Arztes. Kein Wort des Bedauerns, keine Tipps, keine psychologische Betreuung. Nur der Hinweis, dass die ursprünglich geplante Operation in zehn Tagen stattfinden soll. Kaum auszudenken, durch welche persönliche Hölle Pete in diesen zehn Tagen gegangen sein muss, nur eines steht fest: „Ich habe an Suizid gedacht, nicht nur einmal.“ Aber sie entschließt sich, weiterzumachen, und wenn es nur für ihren Sohn ist.

„Es reicht, wenn dir jemand die Hand reicht, um dir  aus dem Loch zu helfen. Der Rest geht von ganz alleine“, sagt Pete mit zehn Jahren Abstand. Die helfende Hand ist in ihrem Fall ein junger Assistenzarzt, der zufällig mitbekommen hatte, wie die junge Frau von seinem Kollegen abgefertigt worden war, und auf eigene Faust nach Hilfsangeboten recherchierte. Weil es damals noch keine vergleichbaren Angebote für Migranten gibt, schickt er Pete zu einer Schwulenberatung – immerhin besser als gar nichts. Die zweite helfende Hand entdeckt die junge Frau in Form einer Telefonnummer auf einem Kampagnenplakat der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kurz BZgA: „Ein einziges Plakat kann Leben retten“, sagt sie heute.

Von da an geht es aufwärts mit Pete: Sie beginnt eine HIV-Therapie, und bald schon geht es ihr körperlich besser. Die Begleitangebote spenden neuen Lebensmut, und als sie schließlich ihren heutigen Mann kennenlernt, erlebt Pete einen zweiten Frühling. „Ich wollte unbedingt ein zweites Kind haben. Als die Ärzte grünes Licht gegeben haben, wusste ich: Wenn so etwas möglich ist, ist alles möglich.“

In den darauffolgenden Jahren löst sich Pete aus der Rolle der passiven Hilfsempfängerin und engagiert sich, wo sie nur kann, ob als Sprecherin einer Selbsthilfegruppe, beim Kochen mit anderen HIV-Positiven in der Berliner „Weltküche“ oder als Schauspielerin im mobilen Aufklärungstheater: „Ich möchte den Menschen ein Fenster in eine andere Welt öffnen, die gar nicht so anders ist.“

„Jeder Mensch hat etwas anzubieten“

Wie treffend das Bild ist, das Pete zeichnet, zeigt sich bei ihrem neuesten Projekt, das sie zusammen mit anderen HIV-positiven Migranten in den vergangenen beiden Jahren verwirklicht hat: „AfroLebenVoice – Unsere Stimmen gegen Diskriminierung“ zeigt auf beeindruckende Art und Weise, mit welch unterschiedlichen Gefühlen jeder Mensch vermeintlich Vertrautes besetzt. Auf jeder Doppelseite des Fotobuches findet sich ein Bild mit zugehörigem Text, in Petes Fall ist das der oben erwähnte Apfel: Rund, knackig und lecker sieht er auf dem Foto aus – so oder so ähnlich würden ihn wohl die meisten von uns beschreiben. Pete wiederum schreibt nach ihren Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung: „Heute habe ich einen zwar nicht ganz sicheren, aber besseren Aufenthaltsstatus und kann mir mittlerweile Äpfel leisten. Ich kann sie aber nicht mehr essen – sie hinterlassen bei mir einen bitteren Nachgeschmack.“

Es sind genau diese Brüche in der gemeinsam geglaubten Wahrnehmung, die unter die Haut gehen – ebenso wie viele positive Erfahrungen: „Wir wollten die Vielfalt zeigen: Auf jede traurige Geschichte folgt eine, die Mut macht“, sagt Pete. In ihrem Fall ist das ein Bild, das ihr jüngster Sohn gemalt hat. „Ich habe mich immer gefragt, ob ich eine gute Mutter bin, ob meine Kinder glücklich sind. Vor ein paar Tagen kam mein Sohn zu mir und sagte: ‚Mama, ich liebe dich so sehr, du bist die beste Mutter der Welt. Du bist so gut zu uns, dass ich dich kopieren möchte, so können auch andere Kinder so eine tolle Mutter haben.‘ Das ist das schönste Kompliment, das eine Mutter kriegen kann!“

Zeichnung für die Mama

Zeichnung von Petes Sohn für seine Mama: „Du bist die beste Mutter der Welt!“ (Foto: DAH)

Das Fotobuchprojekt, angeschoben und unterstützt von der Deutschen AIDS-Hilfe, hat sich zum Selbstläufer entwickelt. „Das Buch hat für eine Aufbruchsstimmung in der Community gesorgt. Manche von uns haben zum ersten Mal in ihrem Leben die Erfahrung gemacht, dass jeder Mensch etwas anzubieten hat.“ Kaum einer weiß das besser als Vieux, einer von Petes Mitstreitern: „Ich bin nur eine ‚geduldete‘ Person und habe kaum Rechte hier in Deutschland… Aber ich wurde (für das Projekt) gebraucht und das macht einen großen Unterschied!“

Vieux und Pete bringen damit auf den Punkt, was sich Tanja Gangarova im Vorfeld erhofft hatte: „Durch das AfroLebenVoice-Projekt wollten wir auf zwei Ebenen Transformationsprozesse anregen: Innerhalb der Gruppe war es uns wichtig, einen respektvollen und konstruktiven Austausch untereinander zum Thema Diskriminierung und Quellen der Kraft zu ermöglichen. Wir wollten die Ressourcen, Kompetenzen sowie das Wissen der Beteiligten aktivieren und stärken. Und nach außen wollen wir mit den Projektergebnissen die breite Öffentlichkeit für die Lebensrealitäten der Beteiligten sensibilisieren und so dazu beitragen, die Diskriminierung von Migrantinnen und Migranten in Deutschland abzubauen.“

Petes Augen leuchten, wenn sie von den Plänen ihrer Gruppe erzählt: „Vielleicht schaffen wir es ja mit unseren Projekten irgendwann bis in die Politik.“ Die Ziele, die sich Pete und die anderen Teilnehmer des PhotoVoice-Projektes gesteckt haben, mögen auf den ersten Blick unerreichbar scheinen – die größte Erkenntnis aber liegt längst als Gewissheit vor ihr: „Ich bin mehr als HIV“, sagt Pete und lächelt wieder ihr furchtbar ansteckendes Lächeln.

*Name geändert

„AfroLebenVoice – Unsere Stimmen gegen Diskriminierung“ kann auf der Internetseite der DAH kostenlos bestellt oder als PDF-Datei heruntergeladen werden.

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